Bagamoyo… wie bringe ich das Erlebnis in ihrer Fülle jetzt zu einem verträglichen Ende… Bagamoyo bedeutet übersetzt: lege dein Herz zu Boden. Nach tödlichen unmenschlichsten ‘Reisen’ vieler Afrikaner durch ihren Heimatskontinenten kamen sie vor nicht all zu langer Zeit final in Bagamoyo an, um dann nach Sansibar verfrachtet zu werden und von den dort belagernden Arabern weltweit als Nutzgut verschifft, ausgebeutet und getötet zu werden. In Bagamoyo sagten sie ihrem Heimatboden und ihrer Herkunft und Familie nimmer Wiedersehen. An ‘nimmer’ gab es keinen Zweifel. Jene Menschen, die sie aus ihren Familien und Gemeinschaften trieben und ihre Familien töteten, sahen so aus wie ich. Noch viel schlimmer: sie kamen von dem Ort, von welchem aus ich in die Welt gesetzt wurde. In Berlin wurde der Kontinent unter den Weißen aufgeteilt und strategisch geschändigt und in Blut getränkt. Die Sklavenhalter auf Sansibar, welche mit dem Tod und dem Sklavenleben der afrikanischen Bevölkerung Geld machten, sind nun ein paar Jahre später ihre Brüder, Nachbarn und Familien. Sie leben friedlich beieinander. Weiße wie ich leben in allen Städten, werden mit höchster Ehre behandelt, immer offen willkommen geheißen, respektvoll um Geld gebeten und Kinder rennen einem aufgeregt rufend und lachend hinterher, als wäre man … hier weiß ich nicht weiter… als wäre man was? Der Weiße war ein Unmensch, der das Töten und Rauben verstand. Waffen produzierte und versuchte zu profitieren. Unsere Kulturen verstanden sich darauf Menschenleben als nichtig und niedrig zu beschauen und zu ihrem Vorteil zu benutzen. Wer sehen möchte, was ein Virus wie Geld mit unserem Denken und Handeln anstellt, gehe doch bitte in die nächste Bibliothek und dessen Geschichtsbücher… ach Quatsch, wir haben ja das Internet! Also, kurz vorweg: bildet euch bitte und hört nicht auf was ich euch erzähle. Also…

Ich lebte jetzt vier Wochen ohne einen Cent. Ich war überall zuhause im ganzen Tansania. Keine einzige negative Erfahrung, außer ein nicht stattgefundener Raub. Kapitel #5. - Immer nur Menschen, die mir helfen wollten und mich herzlich aufnahmen und mich zu ihren Familien dazu zählten. Nur Liebe und Friede und Geschichtslehrer die mir von deutscher Geschichte vorschwärmen. Man fühlt sich wie im falschen Film und versucht zu begreifen. Manche Menschen scheinen zu gut für unseren Planeten zu sein, oder wir als geschichtliche Auswanderer des Heimatkontinentes haben den Maßstab so niedrig gesetzt, dass unsere Wurzeln und ihre Menschen auf Afrika nun wie Heilige wirken. Die Geschichte beweist wie falsch unser Weg ist. Das Jetzt zeigt deutlich, welche Auswirkungen unser Schaffen der Welt bringt. Menschen auf der Welt leiden, während andere davon profitieren. Waffenindustrien machen Milliardengeschäfte und sind das wohl größte Ungleichgewicht in einer Welt in der es zu wenig für Viele gibt und andere Wenige mit dem Tod von Vielen Gewinn machen. Schlechtes Gewissen kann man haben, aber retten oder ändern wird das nichts. Der Ansatz deutscher Organisationen und Staatsphilosophien ist es, ihre Jüngsten in Länder der Historie und Welt zu entsenden, sich durch Welt und Umstand über das Schulpensum hinaus zu bilden, Geschichte am Körper zu erfahren, einen guten Eindruck bei den Menschen dort mit jungen und netten Freiwilligen zu hinterlassen, vielleicht die tiefer liegende allumfassende Gleichheit unserer Menschenart zu begreifen und Verbindungen vor Ort einzugehen, vielleicht später finanziell von der Arbeit anderer im Land unter dem Mantel der Globalisierung profitieren und Geld aus unserem Land an Jene in Not in unserer Reichweite zu bringen und den privaten Haushalt für Entschädigung mit Spenden bluten zu lassen, anstatt als Staat den Reichtum zurück zu geben, welcher auf den Leichen der Menschen hier für uns aus ihrem Blut und Schweiß erbaut wurde. 

Jetzt ist der Ansatz der freiwilligen Arbeit im Ausland unter einem Aspekt völlig und absolut richtig - es braucht nämlich Bildung für jene mit Schuldgeschichte, und wer bildet besser über Umstände, als jene die Umstände selbst erlebten und fühlten. Die Menschen ihres Herzes an jenem Ort, die sie die ihren nennen können und Kultur, Leben, Natur und Menschsein dort für sich entdeckte. Eine reiche Erfahrung für eine Person aus reichem Lande mit reicher Zukunft, Privilegien und Sorglosigkeit um das Überleben. Was fehlt, ist die Bildung die tatsächlich verändern würde. Es ist die Bildung über Veränderungen selbst, welche uns kein System so wirklich beibringen möchte. Wer möchte schon klar denkende Schafe, die den falschen Reichtum vom Staat und seinen Reichsten weg von ihnen und hin zu den Opfern des westlichen Systems und ihren Kindern bringen möchte? Ich stehe nach dem Erhalt des höchsten deutschen Schulabschlusses da und weiß, dass nichts in diesem Rahmen mir den Faden gab, der mich zum Ziel der Veränderung im Rahmen meines Potenzials führen würde. Ich wüsste nicht durch Schulbildung wo ich anzufangen hätte und kann die Verlorenheit, Unwissenheit, Zweifel und Verzweiflung aller klar sehenden Menschen in unserer Situation vernehmen. Wer sich vor unserem Reichtum so sehr ekelt und schämt wie ich es tue, wird sich trotzdem nur unwahrscheinlich für ein Leben ohne Geld entscheiden wollen oder können, geschweige denn die Welt zu bereisen, was wieder nur auf Privilegien zurück zu führen ist. Was ich sagen möchte ist, dass die gesamte Welt unser Streben verdient alles zu verändern und uns nicht auf unseren blutigen Geschenken auszuruhen ohne alles opfern zu wollen, damit Gleichheit in der Welt herrschen könnte. Da wartet ein sogenanntes Potenzial in den dunklen Hinterzimmern unseres Seins und wer sich entscheidet nicht in jene Räume Licht zu bringen und mit oder in ihnen zu leben, unterlässt mutwillig das zu bewirken, und das Gute zu schaffen, was in unseren Rahmen liegt, Teil unserer Möglichkeiten ist und die Fülle unseres Potenzials verkörpert. Wir könnten ein Gesamtwerk pur Gutem erschaffen, während wir auf der Erde verweilen. Wer nicht danach strebt, nicht die Selbstlosigkeit oder Nächstenliebe besitzt, um jenem nachzugehen, entschloss sich bewusst oder unbewusst an einem bestimmten Zeitpunkt im Leben laut Shakespeare ‘Not to be’. Und das darf doch allen als eigene Entscheidung geschenkt sein, stimmt’s? ‘To be or not to be? That is the question.’ Die essenzielle Frage allen menschlichen Lebens. Ob man sich entscheidet in kleinen Rahmen der minimalen Bedeutsamkeit zu Leben, für sich selbst, für die eigene Familie, für den eigenen Wohlstand und materiellen Besitz, oder ob man sich dem Weltengeschehen opfert und nicht für sich lebt, sondern für jene der Hilfe bedürftigen. Laut Shakespeare gibt es jenen Ocean of Troubles, welchen man niemals ändern, besiegen oder austrocknen könnte. Jenen gilt es zu bekämpfen und ’To be’ ist die Entscheidung sich dafür zu wappnen und diesem Meer aus menschlicher Turbulenz entgegen zu treten, in ihm zu ertrinken und schlussendlich nicht zu gewinnen. Das ist das Schicksal des Aspektes unter ‘To be’.  

Wie das gehen soll, möchte ich ausführen, aber wer wäre ich große Ideen in Bildschirmen erscheinen zu lassen, wenn ich dann noch nichts tat außer Worte zu spucken? Ich werde erst reisen, dann handeln, dann sprechen über was geschah und was wir sonst noch tuen können. Wenn es mir gelingt den Bildungsrahmen in Ländern zu etablieren, der die Wurzel aller Veränderung bloß legt und das Wissen darüber verfügbar macht, dann scheint mir weiterhin nichts unmöglich. Bis Gen.ZM auf diesem Stand ist, lade ich jede und jeden von Herzen ein, Teil dieser Kommune und ihrer weltweiten Bewegung und ihrem unbegrenzten Streben zu werden. Weil es eine Zukunft gibt und wir noch alles ändern können!

Ich kam drei Tage zuvor in Bagamoyo an und alles geschah an jenem einen Tag, als ich begann morgens aus den Usambara Bergen zu laufen. Der Morgen dieses Tages war noch zuhause bei meinem nun inzwischen nüchternen Familienvater, der sich immer noch stark über meine Präsenz freute, aber nicht dem Pegelverhalten gleichzustellen. Er fragt viele Fragen erneut und freut sich nochmal entzückt darüber, dass ich anscheinend Deutscher wäre. Nach einem kleinen Frühstück, welches meiner allmorgendlichen Schreibsession folgt, welche manchmal ganz schön zehrt und nicht unbedingt nach mir schreit, bin ich froh es geschafft zu haben und den Tag mit Tee und Mandazibrot zu starten. Mein Narugift heißt William. Ein nicht ungewöhnlicher Name für diese Gegend Tansania’s und du darfst raten wieso. Er zeigt mir sein Grundstück und jenes hatte ich gestern bei Nacht zwar schon gesehen, was die Hauswände angeht, aber dieser Ausblick und die Landschaft des kleinen Tals in welchem sie umrundet von im Morgen glänzenden Feldern lagen, war mehr als atemberaubend. Ich konnte mich nicht erinnern, dass es geregnet hatte, aber ein großer Baum, welcher hellgrün schillernd mit kleinen Blättern wie ein Naturrahmen um jenen Ausblick herum wuchs, lässt kleine Wassertropfen in gleichmäßigen Intervallen durch mein Sichtfeld fallen, was dem Effekt eines funkelnden Edelsteins gleichkommt, als wäre jener so groß, dass er meine ganze Sicht einnimmt und mit diesem Glitzern schmücken würde. Ein schöner in der Morgensonne atmender Baum. Unter ihm liegen die Verwandten William’s, so auch seine Mutter, die er mir im vorbeigehen nett mit Namen vorstellt. Als ich die Zeit hatte, besuchte ich den winzigen Friedhof erneut und starrte auf eines der Gräber, lange genug um es Meditation zu nennen. Ein bekannter Spruch, welcher mir in einer tansanischen Schrift unterkam, war die Weisheit: ‘If you don’t know death, look at a grave.’ Meine Wissenslücke und fehlende Vorstellungskraft über jenen wichtigsten Aspekt des Lebens, füllt sich ein wenig mit der Zeit des dort Dastehens. Eine hohe Form von Friedlichkeit befällt mich im Angesicht des geistigen Erlebnisses beim Betrachten. Ich frage mich trotzdem, wie sich das mental verträgt, die eigene Familie auf dem eigenen Grundstück begraben zu haben. Dafür dass sie Grund und Boden beanspruchen, sind sie nicht grade die spannendsten Mitbewohner…

William sieht meine Begeisterung und nimmt die Chance um meinen Tag mit einer zwei Stunden Bergwanderung zu starten, bei welcher wir eine riesige Runde durch seine heimatliche Hügellandschaft und in die Berge drehen. In der Ferne sehen wir unter seichtem Nebel liegende Hänge, Steilklippen aus riesigen trotzdem rundem Gestein, Acker mit brauner reicher Erde in den Hängen, welche durch die grade ausgeführte Feldarbeit auch auf unseren Weg purzelt in großen Brocken. Das Gefühl von solch einer Erde zwischen den Fingern bleibt mir im Gedächtnis. Farblich, aber eben auch sensorisch. Die feinen Partikel sind warm und feucht und man fühlt die Fülle an Leben, wenn die die feinsten Körner zwischen den Fingerspitzen zerrieben werden und durch die Fingerspalten zerrinnen. 

Nach unserem ersten steilen Anstieg erreichen wir einen Bachverlauf an der ersten Anhöhe und sehen das Mauerkonstrukt, welches einmal ein wenig staut und an der einen Seite eine parallel zum Bachverlauf gebaute Mauer ist, die den Bach in Zwei teilt und ihn in die Richtung Flachland lenkt, um ihn für mehr Landwirtschaft nützlich zu machen. Mein William erzählt mir freudig ein paar Sätze von den Deutschen, welche diesen Bachverlauf transformiert hatten. Auf dem weiteren Weg treffen wir Familie und Freunde von ihm und ich habe die Chance noch viele weitere Worte zu erfragen. Ab und zu bleibe ich wie angewurzelt stehen, um Aussichten, die mich zu erschlagen drohen, zu bestaunen. Die Straßen sind größtenteils aus Schotter und deswegen weniger heiß, aber schwieriger zu belaufen, ohne auf den Boden zu schauen. Wenn ich den Blick dann alle paar Momente schweifen lasse, überwältigt mich die Umgebung ein ums andere Mal. Wir besuchen eine Kirche und grüßen den Pfarrer. Kurz danach läuft uns seine Frau über den Weg und seinen Jungen hatten wir auch gesehen. Ich müsste spontan raten, dass das eine evangelische Kirche war, ohne die genauen Randbedingungen jeder Kircheneinheit studiert zu haben. Die freundliche Dame kam vom Bachverlauf, an welchem noch ein paar andere Menschen knieten und Wäsche machten, und Augen wie jene überzeugen mich manchmal auf skurrile Weise, dass ich irgendwas richtig machen würde. Hätte mich jemand gefragt, wäre ich ohne Umschweife sofort und gerne ein Teil ihres Lebens geworden, hätte an diesem Ort gewohnt und gearbeitet, um die Nähe zu Menschen und Natur zu genießen. Allerdings soll das nicht der meinige Weg werden und so bleibt diese Dame mit Herz nur eine kurze Erscheinung und eine schwache Erinnerung, bevor wir die letzten Kilometer nach Hause bestreiten. Dort angekommen werden wir mit Kuhmilch umsorgt und meine Abreise steht fest und wird auch wenige Momente später initiiert. Ein letztes Umherschauen in der Gegend und dem Hausareal, ein letztes Beobachten, wie eine Henne mit ihren acht kleinsten Kindern in einem Käfig lehrt, wie Körner zu finden wäre, während die winzigen Köpfe ihrer Kinder nahe ihrem Schnabel begeistert das Lernmaterial und dessen Früchte verschlingen. Der Käfig, wenn auch klein und simpel, ist in der Dimension eines Huhns eine hübsche kleine Welt, die es zu erkunden gäbe. Von den Küken hätte ich drei zur selben Zeit auf meiner Hand halten können. Beim Betrachten meiner Hand würde ich nun sogar auf vier schätzen. Kommt auf ihre Gleichgewichtssinn an.
Die Sachen sind gepackt und mein letzter Nachtruhenschenker, Narugift, wird in die Arme genommen und mein herzlicher Dank gehört nun ihm. Zu sagen, dass ich wieder kommen werden überrascht ihn, was mir leid tut, aber ich habe es natürlich vor. Ich hoffe sehr niemanden durch mein langes Wegbleiben zu verletzten, aber habe doch die hohe Erwartung an mich, die Orte meiner Vergangenheit immer wieder anzusteuern. Sonst hätte wenig von dem was ich nun auf menschliche Ebene erreicht hätte, einen größeren Sinn. Nun denn - Schwester und Ehefrau kriegen ebenfalls meinen Dank für Alles und dann lasse ich die Familie in ihrer Art der Existenz zurück. Papa führte mich noch den Weg zurück zur Straße, welchen er mir am Vorabend vorgeschwankt war. An der Straße beginne ich erneut mein leichtes Joggen, nur um zu merken, wie meine Hüfte das findet. Mein erster Muskelkater der Reise hält mich in den eisernen Ketten der körperlichen Unfähigkeit und aus völliger Geschafftheit heraus verändert sich mein Lauf-Stil. Ich möchte nicht sagen, dass ich die Straße hinab geschlurft, gehumpelt oder getorkelt wäre, aber der normale Gang eines zwanzig jährigen ob mir Schuhen oder ohne, mit oder ohne Rucksack, sieht anders aus. Lange Zeit kommt kein einziges Fahrzeug aus der Richtung aus der ich kam. Der Bus der an mir vorbei bretterte, kommt Momente später zum Halten, aber ich Depp erzähle nur wie ich ohne Geld reise und wie es mir ok geht. Da nahm sich niemand den Aufwand mich davon zu überzeugen einzusteigen, und der Bus fährt wieder. Meine Schuld, weil ich immer noch nicht nach Hilfe frage. Das Resultat davon wird am Ende meiner Reise sein, dass ich auf vier Wochen des Überleben zurück schaue und den klarsten aller Unterschiede zwischen dieser Erfahrung und jener elf Wochen Fußreise von Spanien bis nach Deutschland erkenne. In Europa überlebte ich, indem ich lernte wie ich Menschen nach Hilfe frage und wo ich Nahrung finde. Wie ich mir Menschen so in Kontakt komme, dass sie mir helfen möchten und wie ich ohne Zelt nur auf Isomatten in hohen Graswiesen schlafe. Sonst hätte ich das in Europa nicht vollbracht. Hier steht nun ein essenziellster Unterschied fest: ich fragte nie nach Hilfe. Nie nach Essen, und nur ein einziges Mal nach Wasser in Arusha, als ich gefragt wurde, was ich bräuchte. Durch meine Andersartigkeit werde ich angesprochen, herbei gerufen, umsorgt und gewertschätzt. In meiner Erscheinung verbirgt sich eine solche Abart von Andersartigkeit, dass ich das tiefe menschliche Bedürfnis Neues zu erleben und zu lernen, anstieß und so durch die Barmherzigkeit und Offenheit, das Interesse der Menschen und ihre Menschlichkeit überlebte, 1500 Kilometer ohne Geld reiste, an den brillantesten Orten unterkam. Ich musste nie nach Hilfe fragen, um zu überleben und ich finde das verkörpert einen unendliche tiefen Aspekt der Menschen hier. Wenn man sich überlegt, ein Schwarzer in meinem Alter, sagen wir mal mein liebster Frankh, macht dasselbe in Europa, dann erinnere ich mich noch sehr gut, wie das in Frankh’s Fall aussah und ich meine, dass Scham gar nicht umfasst, welche Fehlstellung in der Welt unter diesem Aspekt in der Welt herrscht. Als ein Weißer in diesem Land eine solche Freundlichkeit zu erfahren möchte mich beinahe zerreißen. Jetzt könnte ich hoffen, dass das weiche Kissen des Verstehens für meinen Geist in dem angestrebten Seminar zu finden ist, aber ich glaube dass sich eine tiefere Suche und ein Verständnis dahinter verbirgt. Was mit Menschen in der Zeit geschah, seit wir nicht mehr alle gemeinsam auf unserem Heimatskontinenten leben, hat Dinge in einer solchen Tiefe verzerrt und verändert, dass es einen langen, vielleicht zu langen Weg zu gehen gilt, um unserer angestrebten und weltrettenden Einheit des menschlichen Lebens wieder näher zu kommen. 

Ich laufe über gewundene gute Straßen einen Berg hinunter und der Baumschatten ist beinahe omnipräsent. Gut bedeutet, dass die Oberfläche keine Gebirgswelt für Ameisen ist, sondern eben genug um es schmerzbefreit barfuß auszuhalten. Gut und schlecht bekommen neue Bedeutungen, wenn man ohne Schuhe unterwegs ist. Die besten Straßen sind zum Beispiel aus schattigem Sand und Laub oder Waldboden. An einem Standpunkt von Geschäften an dem Straßenrand erblickt mich ein Booda Fahrer und winkt mich zu sich heran, was ich mit erschöpften Gesicht zwar herzlich gerne sehe, aber ihm mit einer resignierenden und traurigen, vielleicht entschuldigen Grimasse von weit schon deute, dass ich kein Geld hätte. Seine Mimik und Handzeichen befreien mich von aller Sorge, denn er sah mich eine Weile davor und war sich diesem Umstand vielleicht schon bewusst. Er lässt mich auf seinem schwarzen Kunstledersitz aufsteigen, meine Füße fassen die Eisenstangenauflage und greifen hinter mich um den Sitz, damit ich nicht runter rutschen könnte, und die Fahrt genieße ich in einer solchen Tiefe mit zum Teil geschlossenen Augen, dass ich ihm all mein Geld gegeben hätte, aus Dankbarkeit für diese kleine Rettung. Auch ihm werde ich Geld für seine Hilfe anbieten, wie den meisten Menschen, aber er lehnt es dankbar, trotzdem entschlossen ab und fährt wieder seiner Wege. Ich habe die Hälfte des 32 Kilometer langen Weges hinter mich gebracht und laufe auf ein Neues weiter. Zuerst noch viel mit Schatten, parallel zum kleinen Fluß in dessen Fließrichtung ich laufe. Viel passiert nicht und die nächste Hilfe kommt unspektakulär von vier jungen Männern, die auf einem Holzhaufen aus Brettern liegen und durch meinen Anblick erfreut aufschauen und mich kennen lernen. Nachdem sie mit meiner Situation vertraut sind, rennt einer von ihnen in ein Gebäude um mir anschließend Schuhe anzubieten, während der andere den nächsten Booda ausbremst und ihn fragt, ob wir gemeinsam die Straße runter rollen könnten. Zu den Schuhen sage ich leider nein, zum gemeinsamen Selfie ja, und zum Booda meinen absoluten Dank. Die Fahrt runter ist eine einfach wunderschöne. Wie in einem grünen Tunnel schwimmen wir versunken in Sinneseinblicken auf dem Rücken einer brummenden Maschine durch die erdrückende Natur, während ich dieses schöne Gespräch mit meinem neuen Freund halte, der Geschichts- und Swahililehrer ist und mir tolle Tipps und Einblicke auf sein Land gibt. Er fügt ein paar sehr interessante Orte auf meine Reiseliste in Tansania hinzu und gibt mir die Idee, welche mich von nun an oft von einem Ort zum nächsten über lange Strecken bringen wird. Ich spreche von Lifts mit Lastkraftwagen… beziehungsweise er. Und er hilft mir unglaublich, indem er mich bis zum nächsten Polizei-Checkpoint außerhalb des Gebirges und entlang der Hauptstraße fährt. Ich bin froh, dass zumindest er den Dank in Form eines Geldscheins annimmt und wir gehen beide froh unserer Wege, während ich beim Akt des Straßenüberquerens den Polizisten schon zuwinke. Sie freuen sich über ihren Besuch und skeptisch sind sie nur ganz kurz. Ihre Kollegin hinterfragt mich am längsten, aber dafür unterhalten wir uns ebenfalls am meisten und sie bekommt dafür die meisten Informationen für was sie am Ende doch sehr dankbar wirkt. Ich kann mich im Baumschatten für keine zehn Minuten ausruhen, bis sie mir einen von den Lkws anhalten und mir einen Sitz ergattern. Der riesige Truck aus Kenia von der mir irgendwo her vertrauten Firma Mercedes Benz wird von einem einzelnen Typen grade aus Nairobi bis nach Dar es Salaam gefahren, und sein Name ist Samwel. Falls er sich geärgert hätte jemanden mitnehmen zu müssen, würde man es ihm nicht ansehen und auch alle kommenden Stunden werden ihm wenig Gelegenheit bieten. Wir haben eines der fabelhaftesten Gespräche und den flüssigsten Geistesaustausch mit einer Menge Bildung geschenkt von beiden Seiten. Mein neuer Freund aus Kenia spricht perfektes Englisch, welches in der Schule ein noch weitaus stärker integrierter Part ist, als bisher in Tansania. Auf der Straße Kenia’s wird größtenteils eine Mischung aus Swahili und Englisch gesprochen. Wir haben durch unsere Begegnungen in der Welt beide viel lernen dürfen und so liegt es an mir von Geschichte aus Europa und Deutschland in Verbindung zu Amerika zu berichten und er als Kenianer erklärt mir die Bewegungen verschiedener ethnischer Gruppen seines Landes und sein Volksursprung aus dem heutigen Sudan. Durch ihn verstehe ich den Kolonialismus in Ansätzen besser als je zuvor und bekomme generelle Einblicke in sein Leben als Truckfahrer und wie er seine Familie seit vier Monaten nicht sah, seinen Sohn nicht sah bei seinen ersten Schritten, keine erste Worte mitbekommt und eine Familie auf dem Smartphone Bildschirm besitzt. Wir führen aus was Geld aus einem menschlichem Leben machen konnte und wie abartig abstrahiert das Leben auf Erden stattfindet. Wie solch ein Virus Menschen zum töten brachte und wie Milliardengeschäfte mit Waffen gemacht werden. Wie Helden aus Hollywood zelebrierte inszenierte Mörder sind und dass irgendetwas geschehen sein musste, seit Teile der Menschheit den Mutterkontinent verließen und im nördlichen Winter um ihr Überleben kämpfen mussten. Aus Interesse gleichen wir unser Bild der Menschheitsentwicklung ab und stellen bewundernd fest, wie unterschiedlich wir beide denken, entstanden zu sein. Ich mag meinen Ansatz der Evolution nur deshalb so, weil jener absehen lässt, wie wir alle aus Einem stammen, alle aus Afrika kommen, alle ein und der selbe Mensch sind. Ich berichte ihm viel aus der Wissenschaft und bemerke wie unterschiedlich wir in die Welt schauen, nur allein weil ich übermäßig viel wissenschaftlich geprägt wurde und für ihn der Islam die primär erklärende Rolle darstellte. Wissenschaft ist ein Gerüst von welchem ich gleichermaßen überzeugt ausgehe, wie er von seiner Religion. Der Beifahrersitz ist gemütlich und die Beinfreiheit ist grenzenlos gegeben. Mein Samwel kauft mir einmal ein Wasser und eine Cola, welche ich weiterreiche, und später eine geschnittene Ananas plus eine große grüne Kokosnuss mit ein paar hundert Millilitern Flüssigkeit drin. Circa alle 80 Kilometer fahren wir in eine Polizeikontrolle und damit jene sich die Arbeit sparen können, gibt er ihnen was als Wasser-Geld bezeichnet wird, damit sie sich den Aufwand der Ladungskontrolle sparen können. Er berichtet aus dem Kongo und mit welcher Gefahr eine Fahrt dorthin mit einhergeht. Rebellen, welche an der Straße Vorbeifahrende ausrauben und neben unsinnigen Geldsummen zu fordern, auch körperliche Schäden anrichten. Logistik in den Kongo muss furchtbar teuer und gefährlich sein. Erstattet werden den Fahrern dieser Firma nur zwei solcher Erpressungen. Unser Gespräch ist in vollem Gang und ich frage ihn was er lernen möchte. Seine Antwort fällt auf die Geschichte Deutschlands und ich setze an zu einem großen Ersten Mal. Ich darf innerhalb von vierzig Minuten alles erzählen, was meinem chronologischen Wissensfluss zufällt über das Land aus welchem ich stamme. Eine brillante Übung, die mich und ihn weiter bringt. Mich vermutlich noch mehr, aber um es mit Kontext zu segnen, versuche ich die internationalen und Weltumstände zu bestimmten Punkten mit einfließen zu lassen. Ich scheine tatsächlich was gelernt zu haben, aber muss mir eingestehen, dass übermäßig viel erst auf Reisen gelernt wurde. Der letzte Geschichtsvortrag über Deutschland kam von einem meiner Freunde in Mwanza, ein erfolgreicher Jurist, der aus dem Nichts ansetzte und mir die gesamte Geschichte aus den Augen eines hier Lernenden erzählt. Unfassbar cool die eigene Geschichte in solchem Detail von jemandem aus der Welt zu hören. Als wir uns Bagamoyo final doch nähren ist es dunkel und Samwel ist weitere zwei Stunden von seinem Zielort entfernt. Wir tauschen Kontakte aus und sind sehr froh, dass sich unsere Pfade auf der Welt treffen durften. Meine Tasche wird wieder gestopft. Ich durfte mein Handy laden, hatte mein Buch weiter gelesen, Atomic Habits, und mache mich wieder barfuß die schmerzhaften drei Stufen des Trucks hinunter um wieder auf Asphalt zu stehen. Ich befinde mich zwei Kilometer außerhalb meines Zielortes und hoffe auf eine angenehme Nacht am Strand im Zelt. Diese werde ich über Umwege auch bekommen, aber bevor ich die drei Tage vor dem Seminar in Bagamoyo beschreibe, nehme ich mir noch eine kurze Pause und möchte dir die Möglichkeit geben meinem Schreibfluss zu entkommen und zu tun, was dir eigentlich vorschwebte, bevor wir uns in Bagamoyo wieder treffen. Eine sehr hübsche Stadt mit heißem Sand und neuen Menschen des Herzens. Uns werden eine einsame und arme Kirchmaus über den Weg laufen, eine wohlhabende Familie mit allen vier Generationen versammelt und ich werde bei deer Familie eines Fischers unterkommen, und seiner Arbeit beiwohnen können. Danach wird es das Seminar sein. Bis gleich!

#18 TZN-Journal - Bagamoyo