Bewegung der Anderen
Wir beobachten einen Zustand und dürfen in ihm die eigene, zu bringende Änderung und unser Potenzial entdecken. - Auf dass wir aufmerksam beobachten und richtig handeln!
Eines unserer House of Hope Kinder liegt auf der dunkelgrünen bezogenen Matte unter dem großen Mangobaum in Mitten unseres Gründstückes auf dem Hügel in Mwanza, Tanzania, und schweigt. Neben ihr brüllt ein kleiner Mensch ununterbrochen; nicht aus Schmerz, sondern aus der Langeweile und dem vermissen seiner Mama heraus, die grade für uns alle unser Mittag vorberietet. Unser daneben liegendes Kind, ein kleines Mädchen, kann ihren großen Kopf alleine nicht wenden, dafür ist er zu schwer, und die Ohren kann sie nicht bedecken - dafür fehlt ihr die Beweglichkeit in den kleinen, dauerhaft verkrampften Armen. Als ich mich daneben knie, schaut mich eines ihrer beiden Augen an. Ihr linkes ist in der Decke, die als Unterlage dient, vergraben, aber selbst wenn das Auge sichtbar wäre, würde es in eine andere Richtung blicken. Für ihren Zustand ist sie aber gut drauf. Sie spricht und bewegt sich nicht, scheint aber nichts gegen meine Präsenz zu haben. Ich setze mich zwischen die Beiden, die sich nicht mehr unterscheiden könnten, als Mond und Sonne tun. Nachdem ich den kleinen Schreihals betuttel, und er zu einem verdutzten Schweigen kommt und staunend einen Zettel mit Farbe drauf in der Hand hält, wende ich mich unserer Kleinen zu. Die Arme sind angewinkelt und angespannt, die Beine bewegen sich nicht. Der Kopf ist, wie zuvor gesagt, auf die eine Seite gelegt, während der restliche Körper noch grade auf dem Rücken liegt. Die Hand kann ihre klitzekleinen Finger zwar ausstrecken und auch zur Faust ballen, aber weder spielt der Daumen bei diesem Akt mit noch scheint es ganz unter ihrer Kontrolle zu liegen, wann das eine noch das andere geschieht. Meinen Daumen passt auf ihren Handballen und füllt diesen zu einen beträchtlichen Teil, beinahe gänzlich aus. Leichte Bewegungen scheinen sie wenig zu beeindrucken und so fahre ich fort die Hand zu erkunden und mich zunehmend zu fragen: Was tue ich hier und was kann ich überhaupt tun? Schmerz scheine ich ihr keinen zuzufügen. Einen Bildungsauftrag scheine ich bei einem nonverbalen Kleinkind slash Baby auch nicht inne zu haben und Ahnung habe ich so viel, wie ich zur Zeit Swahili-Sprachkenntnisse besitze. Klar hat man schon mal jemanden massiert, aber ein kleines Kind mit Hydrozephalus vor einem, scheint eine etwas andere Situation zu sein.
Naja, da das was ich zur Zeit tue nicht falsch zu sein schien, führte ich den Akt des leichten Drückens in Kreisbewegungen über die winzige Handfläche eben weiter fort. Der Daumen ist im Weg und scheint durch einen dauerhaften Krampfzustand bewegungsunfähig zu sein. Ihr Handgelenk ist in akkuraten 90 Grad angewinkelt und aus Angst etwas kaputt zu machen, verändere ich daran vorerst auch nichts. Ich arbeite mich mit leichtem Druck von der Hand über den Unterarm empor und erreiche den spitzen Winkel im Ellbogen der klein und knöchern wenig Information über sich selbst und seinen Zustand Preis gibt. Der Oberarmmuskel ist hart und ähnelt dadurch der Sehne in der Armbeuge, die stark hervor tritt und am Handgelenk wieder zu finden ist. Dadurch auch das angezogene Handgelenk. Ich kann nicht deuten ob alles mögliche in dem Babyarm verkürzt oder verspannt ist. Ich reibe nur weich über die unglaublich zarte Armhaut und befühlte Knochen und Gelenke. Da das Kind ihren Arm und ihren gesamten Körper so gut wie nie benutzen konnte, ist sie nicht viel mehr als Haut und Knochen, und das ist nicht übertrieben. Sie guckt mich von der Seite her an und hat den Mund leicht geöffnet. Noch kann ich keine Emotion deuten, aber leise Geräusche, irgendetwas zwischen Räuspern und Sprechen, fangen an aus ihrem Mund zu kommen.
Ich fragte mich zu diesem Zeitpunkt, ob die Sehne von Geburt aus so verkürzt sei, dass sie die Streckung des Arms nicht zulassen würde, oder ob es an Dehnübungen läge, die Streckung doch vollziehen zu können. Ich streiche meinen Daumen den ganzen Arm entlang, von der Schulter ab bis zur Hand und in die Fingerspitzen. Der Arm folgt dieser Bewegung automatisch und endlich bekomme ich auch die Aufmerksamkeit des Kindes, welche bisher die meiste Zeit ohne Ziel vor sich hin blickte. Wir schienen im Geschäft zu sein… nach ein paar Wiederholungen und einem leichten Druck von hinten gegen den Ellbogen konnte sie den Arm beinahe strecken. Durch leichtes Schütteln des Arms erweiterte sich dieser Zustand. Sie hielt dabei von selbst an meinem Mittelfinger fest und ich bewegte jenen in kleinen langsamen Bewegungen hin und her. Sie mochte dieses Spiel und gab mir ein kleines Lächeln der Verwunderung. Mit einem ausgestreckten Arm mehr als am Anfang, schauten wir nun auf die Hand, die nach ein paar leichten Drehungen in der Wurzel und leichten Druck in die Dehnung auch immer gelenkiger wurde. Hierzu muss gesagt sein, dass es weniger an der Beweglichkeit scheiterte, sondern an den permanenten Anspannung, die in diesem kleinen Kinderkörper wohnte. Sie konnte schlussendlich das Handgelenk ausstrecken, aber ohne meine Fingerstütze schnellte das Gelenk wieder zurück in den ursprünglichen Zustand. Da lachte sie das erste Mal.
Das nächste Experiment wurde das Lustigste. Ihre Mutter saß leider hinter dem Stamm des Mangobaums und hatte anfangs durch ein kleines, laut weinendes Baby herzlich wenig mitbekommen und hatte sich nun im Prozess meines Versuches der Physiotherapie entfernt und würde nur am Ende einen Teil der Freude, ihres sonst so furchtbar stillen Kindes, mitbekommen. Bestimmt haben die beiden ihre eigenen lauten und fröhlichen Momente, aber bisher, nach ein paar Tagen des Zusammenlebens im House of Hope, hatte ich einen solchen noch nicht mitbekommen.
Nun denn! Wir beide wagten uns an die Schulter und machten erst Umrundungen des Schultergelenkes im angewinkelten Zustand des Ellbogens, aber bald weitete sich der Arm auch wie von selbst und mit Freuden rotierte ihr Arm jetzt auch das erste Mal im Sichtbereich des kleinen Menschleins und ihren Äuglein. Sie schaute ihre eigene Hand voller Überraschung an, in tiefem Unglauben über das eigene Potenzial, und freute sich unbeschreiblich als sie ihre eigene Hand auf der Schädeldecke spürte. Sie musste ihren Arm dafür ganz ausstrecken, um den eigenen Kopf oben zu berühren, aber das Gefühl schien ihr das doch wert zu sein. Unsere Kreise und Streckungen wurden fortgeführt und ich merkte bald, dass die Bewegung auch stattfand, wenn meine Finger ihr Handgelenk nur ganz sachte hielten. Wenn ich sie losließ, hörte sie wie automatisch auf, aber sobald sie nur den Hautkontakt wahrnahm, schien sie den Mut zu besitzen auch von selbst die Bewegung durchzuführen. Ein schöner Anblick wie ein lachendes Kind ihren eigenen Körper kennen lernt und mit Freude den eigenen Arm rotieren lässt, als wäre es das Größte auf der Welt. Wir wanderten von allen Winkeln, die eine Schulter zulässt, zu ihrem Gesicht und streichelten mit ihrer eigenen zusammen geballten Hand ihr die Wange und stupsten die Nase. Wir rieben uns die Augen und scheuchten endlich von allein die Fliegen von den Backen, die sonst immer ungestört vor sich hin existieren durften, ohne dafür eine strafende Hand entgegnet zu bekommen. Das muss eine Hölle sein. Versuch du mal Fliegen nicht aus deinem Gesicht zu verscheuchen. Das ist Leid. Als ihre Lippen die Hand fanden und kurz darauf die Zunge an den Fingern ihren Gefallen entdeckte, durfte ich mir eine kurze Pause gönnen und mich wieder setzen, während sie ihre Zunge dafür nutzte die Finger kennen zu lernen, ihre Hautoberfläche zu schmecken und zu spüren und zu entdecken, wie weit ihre Hand in den eigenen Mund passen würde.
Anfangs hatte ich geschrieben, sie würde ihre Beine nicht bewegen. Ich war auch absolut davon überzeugt, dass sie mit einer gespaltenen Wirbelsäule (Spina Bifida) diagnostiziert wurde. Das Schütteln der beiden Extremitäten bei einem besonders dollen Lacher überzeugten mich in dem Moment vom Gegenteil, auch wenn ich eher zuerst erschreckt war, als positiv überrascht. Beim Schreiben dieses Eintrages wäre mir das Heft ganz gern, in dem alle Kinder und ihre Zustände, Ankunftsdaten und täglich von uns gemessene Daten verzeichnet sind, einfach nur um überprüfen zu können, ob ich einem normalen Prozess zu Teil wurde, oder ob sich Kinder bei der Physiotherapie, wenn man es so nennen darf, einfach anfangen in Ausmaßen zu bewegen, die ihnen nach der Anatomie bestimmt nicht zustünden. Generell kann folgendes vorliegen:
Unsere neue sehr junge Freundin hat einen Wasserkopf (Hydrozephalus). Dieser sorgt für folgende Probleme, die selbst von mir als Laien ablesbar sind - eine Kopfgröße, die meiner eigenen so gefährlich nahe kommt, obwohl wir einen 1.85 großen, männlichen Erwachsenen mit einem maximal zwei Jahre alten Kleinkind gegenüber stellen. Dieses Fluid, was den Schädel durch den hohen Druck im Kopf so ausweitet, bringt ein paar Nachteile was den Zustand des Gehirns und der Augen mit sich bringt. Das linke Auge hat seinen eigenen Willen und ist in diesem nicht vereinbar mit seinem Nachbarn. Die Augen müssen durch den Druck im Schädel ganz schön weh tun. Vor allem vor der Operation. Ich hoffe zu wissen, dass durch das Anbringen eines Katheters an der Schädelseite, der den Druck verringert indem er das Fluid ableitet, sich die Schmerzen lindert. Das Auge bleibt trotzdem in seinem Zustand und die Wahrnehmung ist dementsprechend zu großen Teilen eingeschränkt. Ein bloßes Doppelbild für sie bliebe zu hoffen, aber da ihr Hirn unter dem selbigen Zustand leidet, wird ihre Optik vermutlich genauso eingeschränkt sein. Möglicherweise hat sie ein sehr unscharfes, starkes Doppelbild. Durch den hohen Druck im Schädel bleibt das Hirn auch nicht ganz außen vor und so hat der Druck hier wohl beinahe alle möglichen Schäden mit sich gebracht, die das Kind zwar am Leben lassen, aber doch auf eine bösartige Weise einschränken. Vielleicht lernt sie noch eines Tages Laute von sich zu geben und womöglich auch noch Worte, aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist ihre Motorik fähig sich mehr als im Jetzt zu bewegen, aber selbst strampelnde Beinchen können keinen kiloschweren Kopf stemmen. Viel Physiotherapie und gutes Nackentraining wären ein Ansatz, aber werden allesamt nichts ungeschehen machen. Die Motorik ist somit also genauso divers eingeschränkt. Ach so, und gute Physio würde natürlich auch Geld kosten. Ein normales Paar in Tansania, dass soeben geschafft hat eine solche Operation nur durch die Hilfe aller Familienangehörigen zu bezahlen, darf sich verkneifen in der nächsten Zeit noch über Geld nachzudenken. Das Kind ist also auf die Ahnung der Eltern und glückliche Zufälle angewiesen. Ein ahnungsloser Freiwilliger ist zwar kein großes Glück, aber zumindest mal ein bisschen Wärme einer Hand ein paar Bewegungen mehr als in dem Dauerzustand des Ausharrens, der sonst ihre Zeit füllt. Ich glaube die heißt Kashinge.
Eine dreiviertel Stunde mit vielem Lachen und affigen Geräuschen von mir bei allen Bewegungen später, sind wir beide auf einer guten Basis gestimmt. Das nächste Mal wird nicht lange auf sich warten lassen wollen, dafür hatte ich zu viel Spaß. Allerdings sind es acht Kinder, die wir zur Zeit beherbergen. Meine Expertise ist keinem einzigen anwesenden Kind gewachsen. Ich hab nur Zeit, Interesse und Aufmerksamkeit und kann versuchen durch meine eigenen Versuche oder durch Eltern und ihr Feedback zu lernen…
Uhh, und ich arbeite die zweite Hälfte meiner viel zu kurzen Wochen in dem Krankenhaus in dem jene Babies operiert wurden. Dort gibt es Abteile für alles mögliche was die körperliche Gesundheit angeht. Wäre doch gelacht, wenn ich dort nicht eins zwei mal in eine Physiotherapie-Session rutschen könnte. Ha, und zwei Menschen tief versunken im Studium der Physiotherapie kenne ich ja auch noch! Oh Gott, und dann sind die beiden auch noch meine beiden liebsten Freundinnen aus Kanada, die jetzt unabhängig und durch unermesslichen Zufall im selben Studiengang, in der selben Stadt und ohne sich zu kennen auch im selben Kurz gelandet sind. Inzwischen sind die beiden ganz dicke und gute Freundinnen und ich darf mich aus der Ferne am meisten über den Umstand und das unfassbare Glück eines herrlichen Zufalls freuen. Meine beiden Liebsten haben sich also auch gefunden, ach wie schön. Ich schreib den beiden Studentinnen mal, vielleicht wissen sie wie man Lähmungen und Krampfzustände durch Physiotherapie heilt. Bis dahin!
Rund ums Zelt ist ein mehr oder weniger essenzieller Artikel über mein Leben bei Nacht, über meine Behausung und ein Bild, über welches ich im Detail berichte. Artikel mit Zelt im Titel haben tendenziell Luft nach oben, aber ich habe mir große Mühe gegeben, das Klischee zu brechen. Finde die Wichtigkeit des Artikels hier heraus und lerne mich im Prozess des Lesens ein bisschen besser kennen. Viel Spaß!