Ein Tag aus der Menge
Kann noch vieles zu wünschen bleiben, wenn schon die Norm eines Tagesablaufes als außergewöhnlich gilt und es würdig ist, jene Norm in Schrift festzuhalten? Für mich persönlich ist zur Zeit alles auf dem Pfade der immer weiter zunehmenden Perfektion und innerhalb von ein paar Einträgen, welche verschiedenste Aspekte von diversen Tagen in einem Wochenablauf einfangen, möchte ich dir ein Bild aus den Worten malen, die beschreiben, was mich von einem Sonnenzyklus zum nächsten begleitet. Meine Woche, die in ihrer Schönheit aus zwei vollen Tagen der Arbeit an meinem Wohnort dem House of Hope besteht, und drei Tage an denen Loana und ich gemeinsam zu unserem Krankenhaus Bugando in Mwanza’s Innenstadt reisen, um dort von neun Uhr bis drei Uhr nachmittags auszuhelfen. Das Wochenende gehört uns selbst, unseren persönlichen Angelegenheiten von Wäsche waschen, Nachrichten verfassen und Reisen planen. Versetz dich gerne mit in meinen Point of View und erlebe die Welt durch meine Augen mit deinen Vorstellungen in deinem Kopf, von meinen Worten erschaffen. Noch schlafen wir an einem Montagmorgen, aber gleich ist es so weit und wir blinzeln in einen neuen Tag hinein. Bist du bereit?
Morgenvariation Numero 1
Chalet, der wohl angenehmste iPhone Wecker, verwehrt uns die gewünschten elf Stunden Schlaf ganz auszunutzen. Stattdessen haben wir sieben, weil wir gestern Abend noch versucht haben in Schrift festzuhalten, was am Wochenende alles geschehen ist… ein ganz schön langes Unterfangen. Wir stehen nicht direkt mit dem Wecker auf und riskieren dadurch unsere Schicht zu verschlafen, aber da das bisher noch nicht vorkam, sind wir unbesorgt. Und tatsächlich - 23 Minuten später wachen wir wie von selbst mit einem kleinen Schreck auf. Die Geräuschkulisse hatte sich grade verändert, als unser Zimmermitbewohner, und Mentor Peter sich von oben aus dem eisernen, quietschendem Doppelstockbett schwang. Jetzt steht er ohne Oberteil zu unserer Rechten und beobachtet seinen Handybildschirm mit bewundernswerter Konzentration, während seine linke Hand das kleine Bäuchlein kratzt. Mein genuscheltes ‘Asubuhi Kaka’ (Guten Morgen, Bruder) wird freundlich erwidert und ich blinzle weiterhin völlig überfordert mit dem vielen Licht in dessen Quelle. Zu meiner Linken, nicht weit entfernt, ist eine Fensterhälfte ungefähr auf Augenhöhe und wird von einer zu kleinen Gardine nicht genügend bedeckt. Auf dem Stoff sind ungleichmäßige Rechtecke abgebildet in blauen und orangenen Tönen. Das Fliegengitter im Fensterrahmen verhindert das Eindringen der Mücken von dort, aber weil ich gerne vergesse unsere Zimmertür zu schließen, darf ich nachts trotzdem meinen Spaß an den kleinen Plagegeistern haben. Tigermücken. Ich sollte mir endlich ein Netz anschaffen, um auch im Zimmer ungestört nächtigen zu können. Wenn ich im Zelt schlafe, ist das nie ein Problem, aber dazu mehr bei unserer nächsten Nacht. Vorerst schwingen wir uns aus dem Bett und stehen mit Peter gemeinsam im Zimmer umher. Zum Glück haben wir beide eine Arbeit zu verrichten, sonst würden wir vermutlich den ganzen Tag dort stehen bleiben. Zusammen leben hatte ich mir romantischer vorgestellt, aber immerhin haben wir ein Regal in dem wir die Fächer aufgeteilt haben. In einer Ecke stehen Süßgetränke in Lila, die ich nicht mal aus Liebe oder Mitleid anrühren würde. Ein widerliches Zeug namens Mirinda. Anti-Ad… ich schnapp nach meiner schwarzen Tasche und nach einer Hose, die einem Krankenhausangestellten grade so würdig ist. Die Jeans ist am rechten Knie gerissen, aber wurde von meinem Schneider der Wahl hervorragend repariert. Die anderen zwei Löcher entgehen dem ungeübten Auge.
In die Tasche kommt die Flüssigkeit des Tages gefüllt in Flaschen, die immer wieder genutzt werden. Das Wasser selbst stammt aus dem riesigen 19 Liter Kanister, den wir alle zwei Wochen unten an dem Busbahnhof ’Nygezi’ kaufen und dann die gesamten 2.5 Kilometer den Berg rauf nach Hause tragen. Der Sport für jene Tage ist dann immer direkt getan und die letzten Meter schwimmen wir im eigenen Schweiß. Zum Glück haben wir nur selten Sonne in Mittelafrika. Neben der Flasche stecken zwei Schreibblöcke in meiner Tasche - einer mit meinen Lerninhalten von der Sprachschule die wir besuchen um Swahili zu lernen, und der andere beinhaltet meine Briefe, die ich schreibe, um sie dann als Photo an meine Geliebten der Ferne zu schicken. Eines Tages wenn man sich wieder im Arm hat, kann ich die Briefe dann auch in Papierform übergeben. Briefe von hier aus zu verschicken oder zu bekommen, stellt sich als so kompliziert heraus, dass es für meinen blonden Schädel keine Option zum Drübernachdenken bot. Und Briefe schreiben bleibt eines der schönsten Dinge, um andere Teil haben zu lassen.
Zwischen den beiden Schreibblöcken klemmt mein Laptop. In Stille betet jener, dass es nicht regnet. Wenn wir im strömenden Regen zur Bushaltestelle eilen, dann betet jener, dass mein Rucksack regendichter ist, als er es vermuten lässt. Bis jetzt lebt er noch - zur Zeit sitzt er warm werdend auf meinem Schoß und guckt mich mit großen Augen an. Wir wachsen allmählich immer näher aneinander und für jetzt haben wir noch Augenkontakt. Die Kamera habe ich noch umverklebt gelassen, obwohl ich sie nie nutze und obwohl man in einem Interview des Tech-Milliardären Marc Zuckerberg sehen konnte, dass der Erschaffer des Meta-Verses selbst die Kamera des eigenen Laptops zuklebte. Seiner stand im Hintergrund auf seinem Schreibtisch. Damals herzlich lachend, kann ich nun anscheinend wieder alles getrost ignorieren.
Ich habe ansonsten noch mein dicker Buch dabei und meine Bauchtasche. Das Buch geht um Lernorganisationen und wie sie in jedem Rahmen zu integrieren wären. In Gruppen Lernen lernen und das eigene Sein meistern, um anderen zu helfen. Ansätze, die einen nicht direkt zum gähnen bringen… ‘The Fifth Disziplin’ heißt der Schinken. Meine Bellybag ist meine Matryoshka-Tasche, Tasche in Tasche, um Dinge von Wert zu verwahren. Ein Opinel-Messer für Mangos von meinem Papa geschenkt; ein Nokia für Notfälle; die Essstäbchen zum Schnappulieren von Pommes (Chipsy) und ein paar hellrote Scheine mit einer 10.000 aufgedruckt und einem Elefantenkopf. Diese Scheine sind die Höchsten im Wert der Währung tansanischer Schillinge. Umgerechnet sind das nicht ganz vier Euro… ich wiederhole: das sind die größten Scheine die es hier gibt.
Wenn alles zusammen geworfen ist, Paula unsere Hündin stürmisch begrüßt wird, um die letzte Schläfrigkeit zu vertreiben und Loana mit dem Klopfen aus ‘Eiskönigin’ an ihrer milchglasigen Zimmertür geweckt wurde, dann geht es wenig später gemeinsam los in die große weite Welt aus Staub, Sand, Holperstraßen und wunderschönen Menschen. Wir starten den Tag mit unserem Münzwurf, welcher entscheidet, ob wir nach dem Garten unseres Grundstückes, nach links zu Nygezi Kona gehen oder nach rechts zur Nygezi Station. Zwar ist der Weg nach rechts länger, aber die Chance einen Sitzplatz zu bekommen, ist von der Station aus größer. Dafür muss man viel zu lange eine Straße hinunter laufen oder einen anderen Weg durch eine hübsche Wohngegend nehmen und vorbei an Ziegenherden und Kühen ziehen, welche zum Teil unfassbar riesige Hörner auf dem Schädel tragen. Für den heutigen Morgen fällt die Münze auf Kopf und wir gehen nach links und wandern los zur Nygezi Kona und ihrem legendären Riesenbaum.
Die Straße nach links führt zuerst bergauf und vorbei an unseren Nachbarn, die wir allmorgendlich mit ‘Habari za Asubuhi’ (Was sind die Neuigkeiten des Morgens) grüßen. Kinder rennen unserem Weg entgegen und rufen ‘Hi’ oder ‘Good Morning Mzungu’, so wie sie es in der Schule gelernt haben. ‘Mzungu’ ist das hübsche kleine Wort, das uns basierend auf unserer ungewöhnlichen Hautfarbe beschreibt. Der Term ‘Mzungu’ heißt weißer Mensch und beschreibt uns als weiße Europäer, aber genauso jene Menschen vor Ort, die von Albinismus betroffen sind; also jene, die mit einer Pigmentstörung auf die Welt kamen und obwohl sie das Kind von zwei Schwarzen sind, eine Haut ganz ohne den Farbstoff der Pigmente Melanin in sich tragen und somit genauso weiß sind wie wir. Die Haare sind allerdings ebenfalls farblos.
Wir machen eine Biegung nach rechts und laufen an dem Haus vorbei, dessen Einwohner uns bereits bekannter sind, als der Rest. Das Haus steht direkt neben dem Hügel aus Steingebilden, die so faszinierend aufeinander gestapelt wurden, dass man wirklich vermuten möchte, ein Gott oder Riese wäre am Werk gewesen. Niemand konnte mir bisher logisch erklären, wie solche riesigen Felsen aufeinander stehen und manchmal in einem so knappen Gleichgewicht dort bleiben wo sie sind. Hier spielt die Natur mit wirklicher Magie. Die Familie in dem Haus neben einem der großen Steine besteht aus vielen kleinen Kindern und einer sehr alten Dame. Sie grüßen wir immer höflichst mit ‘Shikamo’, was die Respektform einer Begrüßung ist. Hier ist das eine wundervolle und sehr gut integrierte Sache, die einem völlig logisch erscheint. Wenn mir in der Straße eine Person mit Gehstock und weißen Haaren entgegen kommt, neigt sich mein Haupt ganz automatisch, weil ein solcher Anblick doch eher der Seltenheit entspricht. Viele alte Menschen sieht man nicht. Das ist natürlich auch der Grund, warum so etwas so direkt nicht in der deutschen Sprache integriert ist. Wie vielen alten Menschen müsste man sonst mit einer kleinen Verbeugung entgegen bringen? Falsch wäre an einer solchen Geste natürlich trotzdem rein gar nichts, aber der Kontext hier ist doch nochmal ein anderer. Eine Person, die ein so hohes Alter erreicht, hat Einiges erlebt, und weniges davon war leicht. Hier waren es keine 70 Jahre Frieden und eine immer gleiche Arbeit mit Krankensystem und wirtschaftlicher Stabilität, sondern das Leben in Tansania von der Zeit vor der Gründung um 1964 und all seine Präsidenten und ihre jetzige Präsidentin Samia. Sie haben die Straße und ihre Arbeit überlebt, Krankheiten und die Nahrung. Sie haben für viele Jahrzehnte das bewerkstelligt, um was Familien hier jeden Tag beinahe schon kämpfen. Das simple Überleben. Unsere alte Dame am Stein nimmt unseren Respekt dankend an indem sie ‘Marahaba’ mit einem leichten Nicken und großem Lächeln erwidert. ‘Ich akzeptiere’ ist was sie uns mitteilt. Die beiden Weißen, die sich schon wieder zu früher Stunde herum treiben… Wer die wohl sind? Wir würden ihr so gerne alles erzählen können und ihr natürlich auch jede denkbare Frage stellen, aber noch braucht unser Swahili ein wenig Zeit, bis es an diesem Punkt ist. Heute Abend haben wir noch eine Sprachstunde, Nähe der Stadtmitte im Distrikt Isamilo.
Als wir nun die Hügelkuppe unserer Zuhausegegend überwinden, finden wir uns auf einem gepflasterten Pfad wieder, der rechts von einem großen roten Funkmast entlang läuft und den absoluten Höhepunkt der näheren Umgebung ausmacht. Die kleine Straße läuft direkt auf eine Neigung zu, die so nur maximal im Allgäu zu finden wäre. Bei Regen und Glätte wäre die Straße nicht passierbar und auch so ist der Versuch hinunter zu kommen ein sehr sehr sportlicher. Wer denken kann, läuft in Zickzacklinien. Der Rest versucht sein Glück eben auf die harte Tour. Auch an diesem Hang gibt es kleine Häuschen und unser cooles Bergabgehen wird von vielen Augenpaaren beobachtet. Eines Morgens auch von einem sehr kleinen Affen, der direkt im Busch neben dem Weg saß und sehr entspannt das machte, was Affen um die Uhrzeit eben so tun.
Der Ausblick der einen bei dieser waghalsigen Bergabtour zu überwältigen droht, ist das wunderschöne Panorama aus der offenen natürlichen Fläche mit einzelnen Häusern und Mangobäumen vor einem und der dichte Wald, der sich direkt dahinter erstreckt. Bäume müssen nicht unbedingt blühen, sondern können auch in ihrem Normalzustand beeindruckend sein. Und trotzdem blühen Bäume zusätzlich und sprenkeln die Aussicht mit roten Tupfern in dem wunderschönen Waldmeer. Das Highlight ist der perfekte Ausblick über die zwei Kilometer entfernte Seefläche. Der See Victoria erstreckt sich in voller Schönheit vor uns und nimmt den Horizont als Ganzes ein mit ein paar kleineren Inseln, völlig bewachsen dazwischen. Dunkle Pflanzensilhouetten auf den Inseln stechen durch den Kontrast noch verstärkt zwischen den glitzernden und ruhigen Wassermassen hervor und malen so eine Landschaft von unschätzbarer Idylle.

Unser Pflastersteinweg geht über in den altbekannten Verlauf aus Hügeln und Kratern, mit einer Schneise im Sandboden, in der das Wasser vom Berghang abfließt. Diese befahrene und begangene Straße soll dann bis nach unten zur Bushaltestelle von Nygezi Kona führen. Der Weg wird von kleineren Ständen geschmückt, die zu jeder Zeit unter der Führung von allen möglichen Familienmitgliedern, egal welches Alter, geführt werden. Neben ihnen ist eine kleine Schule gebaut und morgens sitzen in Dutzenden gleich angezogene Kinder in dunkelblauen Schuluniformen und kurz geschorenen Haaren vor dem Gebäude und grüßen uns, wenn sie grade nicht zu sehr in ein Gespräch vertieft sind. Zwanzig Meter weiter zur Linken ist ein großer Haufen aus Plastik und allen denkbaren Resten zu sehen und wenn man ein bisschen Glück hat, dann sind es nicht alte Männer oder Kinder, die wie sonst durch den Müll laufen und Dinge sortieren oder Essbares ausfindig machen, sondern riesige Vögel mit dem Namen Daktari. Daktari sehen aus wie das Albtraumkind aus Storch und Pelikan. Ihr hässlich graues Gewand überzeugt in keiner Hinsicht. Ihr beinahe rosa roter Schädel ist fein behaart und ansonsten kahl. Die Beine sind länger als Kinderbeine und die Flügel sind im Flug weiter als zwei Meter. Ihr Name heißt übersetzt ‘Doktor’ und genannt werden sie so, weil sie die ersten vor Ort sind, wenn irgendetwas oder irgendjemand zu Tode kommt. Am meisten sind sie am Fischmarkt zu sehen, von wo aus unser Bus an diesem Abend abfährt. Dort stehen sie für uns sichtbar neben dem Fischmarkt vor der untergehenden Sonne am Seeufer zwischen den Menschen, die um sie herum arbeiten. Sobald etwas runter fällt sind sie da und scheu sind sie keines Wegs. Sie sitzen auf Strommasten und Häuserdächern, oder in großen Gruppen in Baumkronen und beobachten die Welt um sich her. Irgendwo sind es beeindruckende Tiere, aber in unser Haus aufnehmen möchte ich keines.

Wir haben es geschafft! Wir sind an der Straße angekommen. Die Märkte werden dichter. Es gibt einen M-Pesa Stand bei dem man seinen Handyvertrag erneuern kann, sich Daten kauft und Minuten zum Telefonieren erwirbt. Gleichzeitig kann man sich hier von seinem SIM-Account Geld auszahlen lassen oder genauso einfach einzahlen. Neben dem rostigen käfiggleichen 1x1x2 Meter Geschäft mit Metallgitter als Fenster, rot gestrichen mit dem Logo von M-Pesa drauf, ist eine Bar, in der oft Billard gespielt wird und in welcher wir auch schon an Abenden auf eine Runde Pool dazu kommen konnten, wenn man grade auf dem Heimweg war und Menschen einen erblickten. Jetzt fällt uns der riesige Baum ins Sichtfeld und kennzeichnet unübersehbar die Haltestelle an der Dreierkreuzung. Die große Hauptstraße M4 gilt es zu überqueren, um einen Bus zu bekommen und wir schaffen das, indem wir ein Halteintervall der Ampel in der Nähe abwarten, welches dem Gegenverkehr eine Minute lang untersagt, weiter zu fahren. Ampeln scheinen nicht ganz für Mopeds zu zählen und somit bleibt es spannend, mit Mopeds auf der einen Fahrbahn und dem normalen weiter fahrenden Verkehr auf der anderen Seite. Und trotzdem schaffe wir es jeden Morgen. Wir haben den großen Vorteil Weiß zu sein. Wie zwei wandernde Leuchtbojen oder zwei Geister (Wazimu) treiben und schweben wir also unbeschadet dahin und warten dann auf unseren Minibus mit dem grünblauen Streifen an der Seite.
Zweite Möglichkeit eines Morgens
Verzeih den Kliffhänger an der Busstation… die Busfahrt und die darauf folgende Arbeit am Krankenhaus Bugando sind ebenfalls wahnsinnig spannend, ganz zu Schweigen von unserer Sprachschule und der immer anders ablaufenden Heimreise. Aber damit ich mich im Meer der neuen Ereignisse nicht verlaufe und damit ich in dem Labyrinth aus Worten in meinem Kopf nicht ertrinke, versuche ich eine Art Chronologie beizubehalten. Wenn eine grade Linie eine Eins wäre, dann würde diese Chronologie eine 4 sein. Ein wankendes Konstrukt, das bei Nachfrage oder zu viel Selbstreflexion zusammen stürzen würde und mich in Ansatzlosigkeit unter sich begraben hielte. Hier also die Art von Morgen, die mich erwartet, nachdem ich Montags und Mittwochs ins Bett gehe.
Zwei Mal die Woche, also an unseren Dienstagen und Donnerstagen bleiben wir zuhause. Weil ich mir darüber bewusst bin und am Vorabend schon weiß, dass der folgende Tag ein eher Ruhiger und Schöner zum wach werden ist, bleibt mir keine andere Idee außer meinem geteilten Zimmer mit fehlendem Moskitonetz und der morgendlichen Geräuschkulisse zu entfliehen. Ich nehme mein schönes Zelt, welches mich schon durch die Minusgrade von Norwegen im März brachte und anschließend nach Spanien im Mai. Es war dabei, als ich von Spanien bis nach Deutschland lief und trampte. Das Ganze dauerte 14 Wochen und brachte mich drei Wochen zu Fuß durch Spanien, zur Insel Ibiza, über Sardinien nach Korsika, und nach dem Inselgespringe war es dann Südfrankreich, Monaco ohne Geld für zwei Wochen, Norditalien und die wunderschöne Schweiz, bis es in Deutschland hieß, von Lindau nach München, hoch zu Berlin und rüber nach Frankfurt zu kommen… und jetzt sind wir hier. Wieder im Zelt, aber diesmal unter einem Mangobaum auf warmen tansanischen Boden. Wunderbar. Alles glatt gelaufen, wenn man so möchte.
Die Herausforderungen der Nacht sind eine kleine Liste, aber alle dennoch zu bewältigen: Der Boden ist zu hart um meine Heringe zur Zeltstabilisierung hinein zu jagen. Stattdessen steht an der einen Zeltwand ein mittelgroßer Stein. Am House of Hope ist eine helle LED Lampe befestigt und das Nachbargrundstück glänzt in ähnlicher Lichtwellenpracht. Bei Helligkeit schlafen bin ich einigermaßen gewöhnt gewesen, aber am meisten fehlen mir die Sterne, auf die man so nur wenig Chance hat. Aber zumindest hab ich Paula… der ganze Aufwand den ich davor betrieb, um keine Mücken rein zu lassen oder um kleine Insekten und Spinnen rauszuwerfen, wird zunichte sobald unser Hund den Schauplatz betritt und die Bühne zum Theater macht. Sie lässt sich immer mächtig Zeit und kommt dann oft sehr spät und vermutlich angetrunken wieder, nachdem sie wilde Abende mit ihrem Liebhaber der Nachbarschaft verbringt. Wenn wir nicht aufpassen und unsere Hündin bald im Alter von einem Jahr das erste mal läufig wird, also empfänglich ist, dann kann es sein, dass wir nicht lange warten müssen und schon wandern Miniversionen von unserer Hündin um unsere Beinchen. Oh oh. Aber für jetzt bleibt es Paula und diese hat ihren Spaß sich zuerst von außen gegen das Netz des Zeltes zu lehnen und sich an mein Gesicht zu legen. Sobald sie mich damit weckt, öffne ich die Reißverschlusspforte und lasse Hund plus Zeckenarmee hinein. Paula gehört als Spam-Mail markiert, denn sie ist eine echte Trojanerin. Aber zumindest ist sie weicher als ein Holzpferd und ihr Eindringen hat wenig mit Feuer zu tun. Dafür aber Blutsauger, ihh. Paula mag es sich an meine Brust zu schmiegen und die Nacht unter meiner Decke zu verbringen. Von diesem Punkt aus sind wir ein ganz gutes Duo. Um jetzt mal ganz verrückt eine Filmszene aus ‘Shrek’ zitieren zu dürfen: Da sagte die Prinzessin Fiona: ‘Bei Tag ist es so, und bei Nacht ist es ganz anders.’ Richtig zitiert ist das nicht, aber sie meinte damit, dass sie bei Tag eine wunderschöne junge Dame wäre und bei Nacht ein Oger. Den Film haben alle gesehen, oder? Inzwischen gibt es wahrscheinlich zehn Teile, aber einer reicht aus. Bei unserer Paula ist es das Gegenteil. Bei Tag ist sie ein beißendes, zwickendes, stürmisches und freches Ungeziefer und bei Nacht eine einfühlsame, Nähe liebende Kuschelmaus. In welcher Welt… Um fünf Uhr morgens weckt sie mich erneut und möchte hinaus um zu pinkeln. Ciao.
Ich habe trotz der Morgenmesse der Muslime, die über Lautsprecher in der ganzen Gegend hörbar kundgetan wird, und trotz den Rudeln aus wilden Hunden, die ungehalten kommunizieren, der Lautstärke nach vermutlich mit den Vierbeinern des Nachbarortes, eine wundervolle Zeit des Halbschlafes nach Paulas Verschwinden, der mir sehr zugute kommt. Ab spätestens sieben Uhr sind die Mütter an der Arbeit den Hof mit Bündeln gebunden aus Stöckern zu fegen und das erste Feuer des Tages wir entfacht, um für unser Frühstücks-Uji zu sorgen. Das ist eine interessante Form des Flüssigporridges. Es besteht aus dem gleichen Maismehl und Wasser wie Ugali, wird aber viel mehr verdünnt und ist eine dickflüssige graue Suppe, gegen die ich nie etwas einzuwenden habe. Das gute Uji fließt auch ohne kauen.
Meinen ersten Besuch empfange ich um sechs Uhr dreißig, wenn ein aufgewecktes Energiebündel namens Joshua auf mich zu rennt und stürmischst die Reißverschlüsse des Zelteingangs bedient, um sich ungefragt Zugang zu verschaffen. Der kleine fünf jährige Mann kann aufrecht in meinem Zelt stehen und erobert sich so den High-Tide in dem ich ihm hilfslos ausgeliefert bin. Von hier aus entscheidet er ob er ebenfalls unter meine Decke schlüpft und das kalte Loch das Paulas Abwesenheit erzeugte, stopft, oder ob er so früh schon auf Stress aus ist und sich meine Habseligkeiten zum eigenen Zwecke erobert oder sich auf mich setzt. Der Morgen könnte nicht abwechslungsreicher sein.
Zu gegebener aber viel zu frühen Zeit sammeln sich die Mütter samt Sprösslinge dann allesamt unter dem Baum unter dem ich auch schlafe und machen mir den Raum und die Luft strittig. Aber liebevoll. Wie immer. Ich erhebe mich verhältnismäßig früh, verhältnismäßig ungeschickt und ziemlich unbeholfen, aber schlußendlich erfolgreich. Ich packe das Zelt zusammen, setze mich zum Rest der Mannschaft und verzehre was mir in grünen Plastikbechern zugeteilt wird. Herrlich schmeckendes, todesgraues Gesüpp mit braunen Samenpartikeln, pflanzlich… Uji! Es schmeckt vollkommen, und würde mir jemand verscherbeln wollen, dass man nichts anderes am Tag bräuchte außer zwei Liter hiervon und man würde ein Leben lang gesund leben, würde ich es glauben. Loana stößt meistens auch zu dieser Zeit dazu und gemeinsam reflektieren wir über Träume und Pläne für den Tag. Ich hab das Glück und Pech mich nie in Ansätzen an das Träumen erinnern zu können. Ob das vom Kräuter rauchen kommt oder von einem zufälligen Unglück, bleibt mir verwehrt zu wissen. Oft genug schätze ich es wert, denn wenn ich mir anhöre, was für einen Film sich meine liebe Loana da während der ein oder anderen Nacht geben muss und dann manchmal den ganzen Tag dafür braucht, um richtig mit der Materie umzugehen, gefällt mir meine Augen schließen - Schwärze - Augen wieder öffnen -Morgen doch besser! Pläne schwirren schon einige in der Luft und wir dürfen uns vorerst ausdenken, wie wir Mamas bei täglichen Arbeiten unterstützen und die Freizeit bestücken.
Während dem Vormittag kommen verteilt Frauen von außen an, die große Plastikbottiche auf dem Kopf tragen, oder grob geflächtete Plastiksäcke mit Gemüse, Wurzeln und Grünzeug, welches wir auch selbst anbauen, aber nicht ausreichend, weil unser Garten klein und die Erde hart ist, mit sich rum tragen. Gemeinsam bilden sie unsere kleine House of Hope Logistik und versorgen uns mit allem was wir brauchen. Ab und zu kommt auch jemand mit getrocknetem sehr kleinen Fisch vorbei oder mit großen, noch frischen Fischen, Tilapia oder Nilbarsch, direkt aus dem Victoria See. Süßwasserfische schmecken nach meiner Meinung übrigens hier besser, als ihre salzwasserliebenden Kollegen in Dar es Salaam aus dem Indischen Ozean. Wenn das Grüne des Morgens geschält und geschnitten in ihren Schüsseln landet und die Mamas dazu übergehen, das nächste Feuer des Tages einem Nutzen zu geben, dann liegt es an den Übriggebliebenen sich zu beschäftigen. Was schwierig klingen könnte, ist in Realität eine wunderbar einfache Sache, wenn man sich denn traut etwas vorzuschlagen und anzuleiten. Dann liegt es in unserer freien Entscheidung ob wir knöpfen, malen, buntes Papier zusammen kleben oder das bisschen Nagellack benutzen, was uns geschenkt wurde. Mit am schönsten finde ich es mit den Mamas Yoga zu machen und den Körper zu benutzen. Ob beim Tanzen oder beim Ball Zuwerfen. Wir haben sogar die Möglichkeit den Mamas Hebetechniken beizubringen. Ihnen zu zeigen, wie sie schmerzfreier Gegenstände vom Boden hochheben können. Bis jetzt machen es alle Frauen, die ich bisher beobachten durfte, mit einen komplett graden ausgestreckten Rücken. Das könnte nicht eleganter aussehen und es betont alles, was den weiblichen Körper von außen schön erscheinen lässt, aber der arme Rücken darf spätestens ab vierzig Jahren dran glauben. Und die Frauen, die es nicht mehr aushalten und schlimmeres erwarten, sitzen dann in den Ärztezimmern, in denen auch wir am Montag, Mittwoch und Freitag hocken, und beschreiben dann Doktor Lona, unsere gute Freundin aus Bugando, was ihnen fehlt. Am teuren CR (Computertomographie), der Knochen und alles Harte zeigt und auf Brüche schließen lässt oder an dem noch teureren MRT (Magnetresonanztomographie) für Nerven- und Bandscheibenprüfungen, kann Lona dann erschließen, was fehlt und am aller öftesten sind es Muskelkrämpfe für Frauen mit Rückenschmerzen. Ich meine, dass das einem Hexenschuss gegenüber zu stellen wäre, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Auf jeden Fall Schmerz. Beim House of Hope wollen wir also üben, schwere Dinge aus der Hocke mit gradem Rücken nach oben zu heben. Mit besonderer Betonung auf Richtigkeit durfte und musste ich diese Hebetechniken schon bei der Zimmereiausbildung lernen, der ich für drei Monate nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Kanada auf Vancouver Island, beiwohnte. Vielleicht hilft es hier dann der ein oder anderen Person. Mit sehr viel Glück erzählen sie es möglicherweise auch an ihre Lieben zuhause weiter. Das wäre wünschenswert.
Wenn die Mamas die Muse haben und wir grade in einer passenden Situation stecken, dann bringen sie uns auch die nötige Physiotherapie für ihr Kind bei, welche ihnen im Krankenhaus vermittelt wurde. Das ist ein unglaublicher Akt kleine Babyglieder in der Hand zu halten und sie vorsichtig zu bewegen, in der Hoffnung ihnen etwas Gutes zu tun. Die Belohnungen hierfür sind unendlich schöne geteilte Momente. Falls es dich interessiert, dann habe ich einen Artikel über mein aller erstes Mal Physiotherapie geschrieben. Genau hier! 'Bewegung der Anderen' hab ich das Ganze genannt.
Unsere beiden Mitarbeiterinnen von Außen kommen auch im Verlauf des Morgens dazu und platzieren sich zu uns an den weißen Tisch unter den grünen Mangos und gehen ihrem Treiben nach. Beide von den hübschen Frauen, die wir einmal mit Mamdogo und mit Joanitha ansprechen, sind unglaubliche Talente was die Kommunikation angeht. In jeder freien Sekunde lenken sie sich zwar mit ihrem Handy ab, aber wenn sie grade etwas zu erzählen haben, dann können sie zusammen mit den Müttern immer wieder für Stunden im Gespräch versinken und beide sind großartig darin Geschichten dramatisch und spannend zu berichten. Sie arbeiten ebenfalls im Krankenhaus und sind so eingearbeitet, dass man ihnen das Meiste an Struktur im House of Hope zusprechen darf. Es wird dermaßen viel gelacht und jene Person, die grade am reden ist, darf bei jedem mal erproben Geschichten so spannend und unterhaltend wie möglich zu erzählen und Inhalte zu vermitteln. Die beiden sind Teil unserer durch Mentor Peter geschenkten House of Hope Freundesgruppe und herzlich wurden wir in diesen kleinen schon lang befreundeten Kreis aus liebenswürdigen Menschen aufgenommen. Man besuchte Restaurants an Abenden und schaute Fußballspiele von Yanga und Simba, die beiden Riesen der Fußballlandschaft der Nation, beide aus Dar es Salaam. Eine angenehme kleine Suffnacht gab es auch schon und sogar tänzerisch durfte man sich demzufolge bereits kennen lernen.
Der Name Mamamdogo, welcher von allen Menschen die ich kenne, für die ältere von beiden Damen benutzt wird, bedeutet übersetzt ‘kleine Schwester deiner Mutter’, also eine spezifische Form von Tante und eine ganz bestimmte Position in der respektierten Rangordnung. Sie spricht am lautesten und am meisten und darf anweisen und kommandieren. Das steht ihrem Charakter so gut wie ihr Kosenamen ihr steht.
Wenn es die Natur der Düfte meiner Kleidungsstücke einmal verlangt, dann kann so ein früher Morgen auch mal für beinahe zwei Stunden von meinem Akt des Wäsche Waschens eingenommen werden. So war es zum Beispiel heute der Fall. Mit zwei großen Plastikbottichen, einmal lila einmal dunkelblau, der eine voll mit Waschpulver zugesetzten Wasser, der andere mit sauberen Wasser zum ausspülen. Ich habe noch ein Stück Handseife im Inventar, um dreckige Flecken mit besonderer Bedachtheit zu bearbeiten und sie dann im Seifenwasser zwischen beiden Handwurzeln zu reiben. Man spannt den bunten Stoff zwischen den Händen, fasst ihn kurz und bewegt die Hände einander versetzt hin und her und schrubbt so den eingeweichten Stoff. Beim ersten Versuch hatte ich offene Stellen an meinem linken Mittelfinger. Diesmal lief es schon besser, aber da ich seit der Ankunft keinen ausdrücklichen Sport mehr mache, außer mich bei täglichen Busfahrten um mein Leben an den Metallstangen festklammer, war der Muskelkater nach dem zweistündigen(!) Akt des Waschens ein Dementsprechender. Eine Neuheit für dieses Mal Wäsche machen, war das aller erste Waschen jemals für meine ehemals weiße Leinenhose. Du erinnerst dich an das letzte Kapitel? Seit ich chinesische Hanzi-Charaktere in Schwarz auf sie zeichnete und später mit roten und blauen Edding bemalte und einrahmte und diverse bunte Stofffetzen annähte und annähen ließ, hatte ich mich nicht mehr getraut den Stoff zu hart oder eben mit Seife anzufassen, aus der Angst es könnte sich lösen. Seit ich einen ziemlich großen Wirbelsturm aus Farbe auf der rechten Hosentasche trage, welcher mit Ölfarbe in Monaco von mir aufgetragen wurde, verstärkte sich diese Angst und das aus ihr herausgehende unhygienische Verhalten hielt Bestand. Die Hose sieht inzwischen wieder wie neu aus und alle Farben sind noch erhalten. Das einzige Ungeplante war der große Riss in der Leinenhose, der sich in meiner Dammgegend breit machte und tiefer liegendes frei geben würde. Normalerweise ärgert man sich ja über kaputt gehende Kleidung, aber da ein neuer Riss nur heißt, dass mehr Farbe und Vielschichtigkeit dazu kommt, wenn der nächste Stoffrest die Wunde im Stoff bedeckt, bin ich eher aufgeregt. Ich muss mir allerdings eine Art von Stoff überlegen, welcher in der Lage ist, diese kritische Stelle unten am Becken dauerhaft zu schützen und dauerhaft beständig zu halten. Kann ich vielleicht Jeansstoff dafür hernehmen? Hallo..? Hey du! Ja, du… sag mal!
Schreib mir gerne auf gen-zm@outlook.com wenn du Anregungen, Ideen, Feedback oder eigene Geschichten zu teilen hast. Wir versuchen unsere Website als Community so vielseitig und interaktiv wie möglich zu gestalten. Jeder Beitrag von dir wird von liebenden Menschen mit offenen Armen aufgenommen. Bis die Tage mal.
Wenn du grade die Zeit hast, dann kommt als nächstes ein kurzes Buch. 13.000 Worte über unser Wochenende nahe der Stadt Sengerema an den Ufern des Victoria See's mit Nächten unter Bananenbäumen und unzählbaren Erlebnissen von unschätzbaren Wert. Ich versuche viel bildlich festzuhalten und dich ganz dabei zu haben. Dieses ist Loana's und meine erste gemeinsame Rucksackerfahrung und du findest sie im Sengerema-Journal. Lerne Tansania's nördliche, ländliche Gegend am See kennen!