Riot Tag Drei

Riot Tag Drei
Loana und Hündin Paula auf einem Hügel unserer Nachbarschaft - Mwanza, Nygezi

Huch, heute war sogar alles ruhig und salama(friedlich). Die Aufstände der Präsidentschaftswahlen, die gestern noch wüteten und Tote und schwarze Rauchschwaden in die Welt gaben, sind heute verhalten und warten. Das Militär ist auf der Seite der Bevölkerung und empfahl den Menschen heute still zu sein. Stattdessen wurde es an anderen Orten ganz wild, und das zum Beispiel bei uns im House of Hope. Der Ort für Mütter und ihre behinderten, aber nun operierten Kindern, und zwei deutsche Freiwillige plus ihren Mentor und eine Hündin namens Paula. Ein wunderschöner und aufregender Tag, mit ein paar ersten Malen und vielen Momenten in denen die Kamera fehlte und das Bedürfnis sie trotzdem festzuhalten, mit diesen Worten Gestalt finden soll… bereit? 

Angefangen hat die Runde um die Uhr am Asubuhi, am Morgen, und das wegen Regen nicht draußen, sondern in unserem Wohnzimmer im Zelt schlafend. Ansonsten wäre mir der Mangobaum draußen natürlich als Dach der Nacht lieber. So wachte ich zu Kratzen an meiner Zeltwand auf und wurde kurz danach in den Finger gebissen. Paula die Hündin stört meinen Schlaf und möchte hinaus zum pinkeln… dachte ich! Ich lass sie aus dem Zeltinnenraum und sie kotzt stattdessen eine beinahe durchsichtige Soße auf unseren rissigen Fliesenboden im Wohnzimmer, meinem Schlafplatz. Eigentlich auch schön. Wach war ich danach auf jeden Fall und nach einem Reinigungsprozess durch ein zerfetztes graues T-Shirt, sah die Welt schon besser aus und nach einem grünen Plastikbecherchen, gefüllt mit Wasser aus der Gallone, die wir alle zwei Wochen neu kaufen und 2.5 Kilometer bergauf nach Hause tragen, war alles wieder paletti. 18.9 Liter wiegt das Ding und bei den Spaziergängen kriegen wir reichlich POLE zugerufen, was die Wortwendung zum Beileid bekunden der Menschen ist und mit Asante - Dankeschön, beantwortet wird. Barfuß macht das Ganze doppelt Spaß und der Geschmack des Wassers ist mit solchem Aufwand im Hintergrund natürlich unübertrumpfbar. Mhmm, frisches klares Wasser… die Mamas tragen das jeden Tag von Brunnen der Gegend nach Hause und machen nicht so ein Drama darum und schreiben auch keine Artikel über ihre Leiden.

Letzte Nacht hatte ein Lehrer von unserer Sprachschule hier spontan übernachten müssen. Er besuchte uns zu unserer Überraschung am Tag der Wahl in Tansania, dem 29. Oktober, und mit ihm verbrachten wir den Abend, als wir über erste Aufstände hörte und die Lage plötzlich sehr ernst wurde. Sein Name ist Karim und er erklärte uns Vieles über die Zusammenhänge und brachte uns auf einen guten Erkenntnisstand was die Politik des Landes angeht, in dem wir uns grade befinden. Seit Tansania’s Gründung 1961 hatte dieses Land noch keine Proteste solcher Art gesehen und die Bevölkerung horchte höchst gespannt auf alles was demnächst geschehen sollte. Das Internet wurde seit diesem Tag abgeschaltet und wir saßen mit dem Regen der Nacht ohne Strom, ohne Internet und ohne Wasser da, welches erst am nächsten Tag wieder laufen würde. Der Abend war ein schöner, und wie gesagt -  am Morgen erwachte ich im Wohnzimmer neben Karim auf dem Sofa, und mir auf dem Boden mit Paula an der Zeltwand. Alles super soweit.

Nun war es aber ein Tag später und wir sind im dritten Tag der Proteste und Tumulte angekommen. Das Volk ist ganz Ohr für die Lösungsvorschläge der Regierung, aber scheint alle Zeit bereit zu sein in geballter Entschlossenheit anzugreifen, wenn die Lösung nicht ihrer Vorstellung entspricht. 72 Stunden gaben sie Zeit für die Entscheidung und diese Zeit ist nun um. Trotz der Spannung in der Luft und der permanenten Aufregung in der Welt der Politik und der Lage um das Land, geht es hier trotzdem nur um die Geschehnisse, die im direkten Kontakt mit unserem Haus stehen. Das Haus der Hoffnung. Auf einem Hügel über dem See Victoria in Mwanza.

Direkt nach dem Aufstehen tat ich als Erstes was ich am Besten kann. Ich setzte mich kurz hin und versuchte noch ein paar Minuten lang nichts zu machen. Nach diesem ersten großen Erfolg des Tages entschloss ich dann die frühen Stunden mit Schreibarbeit am Laptop zu füllen und meisterte die Korrektur und Überarbeitung zweier Kapitel meines Buches. Jenes könnt ihr auch auf diesem Blog finden, wo es von Zeit zu Zeit stückweise publiziert wird, bis es schlussendlich in Papierform vorliegt. ‘Zusammen Leben leben’ heißt das Schlamassel aus Worten. Falls jemand nach Perspektive und Hoffnung in einer verrückten Welt sucht und Inspiration auf Freiheit und was nicht alles möglich ist möchte… Karibu! - Willkommen!

Die Mamas laden Loana die Schlafmütze und mich herzlich ein zum Frühstück aus Uji - Loana stellte heute die These auf, dass es zerkleinerte Haferflocken sind, gekocht (sie liegt falsch damit, denn es ist wie Ugali auch, nur Maismehl mit Wasser verdünnt. In diesem Fall mehr Wasser als bei seinem knetfesten Bruder) - und gemeinsam auf einer der beiden Plastikfasermatten sitzend, genießen wir die zähflüssige, warme, wohlschmeckende und sehr erinnerungswerte Frühstücksmasse und schlucken mit Freude. Vielleicht klingt das leicht ironisch, aber in diesem Fall ist grauer Glibberschleim tatsächlich was sehr Schönes. Ironie spar ich mir tatsächlich mehr für Unterhaltungen. Tut mir fast ein bisschen leid für die geliebten Menschen meines immer weiter wachsenden Umfeldes. 

Wir sitzen so in die Ferne schauend oder Mütter beobachtend unter immer noch grünen, aber wachsenden Mangos und eine kleine Vorstellung verbindet sich bildlich in meinem Kopf. Ich schaue die Kinder an, von welchen mir manche schon für eine lange Zeit vertraut sind, und denke mir welcher Zufall es ist, dass genau sie ihre Behinderung abbekamen. Es hätte die gleiche Person in jeder Mama heranwachsen können, aber der Zufall wollte, dass es genau diese Kinder traf und sie statt ihres normalen Lebens, dieses hier führen sollten. Ich schaue Babies mit dem Schädel eines Erwachsenen an, unter dessen Last sie nicht selbstständig sitzen können und welche zwischen ihren Lachintervallen von ihren Mamas gefüttert werden. Neben ihnen andere Kleinkinder mit grade gestreckten Beinen am Boden, die nur ihren Oberkörper bewegen.
Ich gucke unsere geliebte Doricas an, eines der Kinder und jenes welches schon zwei Monate mit uns lebt, wie sie mit dem schönsten Lächeln der Welt und ihren fünf Jahren und einer gespaltenen Wirbelsäule an dem Boden verbannt sitzt und fröhlich ist. Ihre Beine sind gestreckt und werden sich niemals von selbst krümmen können. Ihre Füße sind absolut grade ausgerichtet, weil die Achillessehne irgendein Problem mit Dorcias hatte. Der linke kleine Fuß ist mit einer schäbigen Bandage eingewickelt und verbirgt einen Kinderfuß ohne Zehen. Eigentlich soll sie in Bugando, unserem Arbeitsplatz, operiert werden, aber seit Wochen fehlt das Geld dafür, das ihnen der Vater einfach nicht zusenden kann. Sie ist bereit länger hier als wir und ihre Mutter, Mama Doricas oder beim Namen, Katarina, ist unsere liebste und engste Bezugsperson neben Peter, obwohl wir kein einziges Wort austauschen können. Unsere Sprachstunden beginnen zwar eine Grundlage zu bilden und mit viel Übung bauen wir darauf auf, aber Essenzielles fehlt noch lange und genau wie alles andere im Land, streikt unsere Sprachschule natürlich genauso wie der öffentliche Verkehr und somit ist es uns grade so oder so unmöglich anzureisen. Aber wir lernen - und Doricas bringt mir neue Wörter bei, als wir nach dem Frühstück gemeinsam durch ein Buch von Loana blättern. Es ist ein deutscher Reiseführer über Tansania und wir schauen alle Fotos an und übersetzen was wir wissen. Sie lacht so herrlich und endlos und könnte durch keinen Lehrer überboten werden. Wir lernen: Miti heißt Baum. Mtu ist Person. Linda ist das Tuch um die Hüfte. Jua bedeutet Sonne und der Mond heißt Mwezi. Wir zählen unsere Finger - Vidole und gehen von Gumba zu Shahada zu Shakati zu Shapete zu Kidogo. Kidogo heißt Ein Bisschen oder Kleiner Finger. Ich trage Doricas in den Baumschatten, als die Sonne gefährlich weit gewandert ist und da liegen wir dann eine Weile lachend, während uns unsere Nachbarin herzlichst zulächelt und ihr Geschirr vor der Haustür wäscht und ihr Partner Reis mit Bohnen neben ihr isst. Gesprochen habe ich noch nie mit ihnen, aber ich warte vermutlich noch auf den richtigen Augenblick. Er soll auch bald kommen. Vielleicht beginnt die Sprache zu blühen, wenn man erstmal einen Monat durch das Land gebackpackt ist. Schau gerne nach, ob das im Dezember was geworden ist, oder ob sich Loana’s und meine größte Angst bestätigt und unser Freiwilligendienst aus Sicherheitsgründen von unserer deutschen Organisation ‘Freunde Waldorf’ abgebrochen wird oder die deutsche ELEFANT Behörde ihren Beitrag leistet und uns als deutsche Bürger vor Gefahr retten will. Gott bewahre…

Ich finde eine Aufgabe für den späten Vormittag, der mir den Sport für die nächste Woche bereits jetzt ersparen wird und mich voll beansprucht. Das Feuer für das Mittagessen wird gebraucht, aber das Holz für unser tägliches Feuerchen fehlt. Oder sagen wir es so - das Holz selbst ist anwesend, aber das Holz hatte es noch nicht fertig gebracht sich selbst zu spalten. Ungerührt liegt es in der einen Ecke des Grundstückes in der Nähe von unserem Hütchen zum Kochen und mir stehen für den kommenden Akt zwei Werkzeuge zur Verfügung, die mich beide in ihrem Aussehen an Museumsbesuche erinnern, bei denen landwirtschaftliche Farmzeuge des Mittelalters ausgestellt wurden und in dünnen holzgerahmten Glasvitrinen an der Wand mit Bildern der Arbeit daneben zur Show gestellt sind. Eine große Klinge, die als Machete durchgeht, deren Griff gespalten ist und zwei von den drei eisernen Nieten bereits verloren hat, hat mehr Rost als Silber an ihrer Klinge. Das zweite Gerät ist eine Axt, die mir ihrem Griff für vier Blasen an meiner rechten Hand sorgen wird - die Schlimmste wird sich am kleinen Finger - Kidogo - wiederfinden. Komisch. Die Aufgabe ist folgende: es gibt längere dicke Äste. Man soll sie über einen dickeren Stumpf am Boden legen und die Hölzer der Länge nach weit genug spalten, bis man mit der Machete dünne Holzstücke abschlagen kann. Beide Gerätschaften haben kleine unzählige Dellen in ihrem Eisen und die Axt möchte nicht recht als ein Ganzes fungieren. Das Metall an der Spitze rutscht unregelmäßig den Griff herunter. Das Eisen selbst ist an der oberen Hälfte der Klinge breit und völlig stumpf. Nach unten hin wird sie wieder schärfer, aber das ist einzig und allein relativ. Scharf ist hier objektiv und universell betrachtet Wenig. Es ist eine einzige Sache von gutem Schwung und ordentlicher Kraft, bei der ich sicher bin, dass die Mütter sie alle besitzen, aber trotzdem trauer ich in Gedanken mit ihnen über all die Stunden, die sie in ihrem Leben mit dieser Aufgabe verbringen müssen, nur um täglich Feuer zu haben. Ich hacke fröhlich drauf los und war noch im lila Strickpulli als ich damit anfing. Ich glaube es waren zwei Minuten bevor ich ins Zimmer rennen musste, um mich schnell umzuziehen. Das Hacken und Spalten und Treffen des mitteldünnen etwas feuchten Holzes war schwer genug, aber zu meinem zusätzlichen Leid war der Ast den ich bearbeitete, einer von den Spezialisten, die durch einen Maschendrahtzaun gewachsen sind und nun ewig viele nervige Drähte aus sich schauen zu haben und nur zu Teilen aus Holz bestanden. Spitz sind die Endstücke der Drähte, die heraus gucken und bei dem Versuch den Ast mit meinen immer noch nackten Füßen an den sandigen feuchten Boden und den dicken Ast zu pinnen, durfte ich das auch selbst miterleben. Die Drähte piksen. Alles in allem eine sehr diverse Erfahrung und anschließend schickt mich Mama Dori ohne Umwege in die Dusche. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Sie als Älteste hat sowieso immer Recht. Die Frau könnte man ehrlich nur lieben, auch wenn man sich den Respekt und die Fistbombs erst verdienen muss. Ihre Tochter Doricas bleibt der süßeste Engel im Team.

Vor unserem Mittagessen komme ich noch zu zwei Mamas dazu, um ihnen am offenen Flammenherd Gesellschaft zu leisten und zu schauen, ob ich denn von Nutzen sein kann. Es sind Mama Dori und Mama Ana, die gemeinsam in dem kleinen Hüttenraum mit den zwei Feuerstellen stehen und sich mit Tränen in den Augen wegen dem Rauch, und einem Lachen auf den Lippen wegen ihrer Interaktion, unterhalten. Die Eine sitzt auf einer winzigen Holzbank nahe am Feuer und rührt Bohnen und die Zweite steht und streckt mir beim Eintreten den Po entgegen, welcher durch die Art des Vorbeugens zusätzlich betont wird. Hübsch!Ausgestreckte Beine und ein absolut grader Rücken haben ihren optischen Effekt, aber vor allem ihren physiologischen. Die meisten Frauen im Krankenhaus, die zu uns in die Neurologie-Abteilung kommen und von ihren permanenten Rückenschmerzen berichten, haben Hexenschüsse und permanente Muskelkrämpfe, Bandscheibenvorfälle und andere verkopfte Umstände der Wirbelsäule, um einem das Leben schwer zu machen. Reden kann ich mit meinen beiden Mamas nicht, aber ich nehme einen nicht gebrauchten großen Stein neben der offenen Feuerstelle und zeige ihnen ihre Technik des Hebens, um mir an den Rücken zu fassen und dabei ein schmerzverzerrtes Gesicht zu machen. Für diesen Versuch deute ich ihnen eine Eins. Sie verstehen und belächeln mich. Dann zeige ich eine Zwei und sage Mbili, klopfe mir auf die Oberschenkel, gehe in die Hocke, habe meinen Rücke grade aber steil nach oben gerichtet und hebe den Stein ohne Anstrengung. Aus ihrer Reaktion kann ich absolut nichts schließen, und gängig ist die Technik auf keinen Fall, aber helfen könnte sie… außer Mama Doricas, weil diese tippt auf ihre beiden Knie und macht verständlich, dass diese so kaputt sind, dass in die Hocke gehen keine Option für sie ist. Mama Ana wird wohl nochmal drüber nachdenken.

Wir machen uns daran die Beilage vorzubereiten und schneiden dafür einen Kohl in kleine feine Streifen. Kohl heißt Kabaji. Zuerst kommt Öl in eine Metallschale mit ihren vielen Beulen und der dicken Rußschicht unten drunter durch die täglichen lebendigen Flammen. Nach dem Öl ein paar Zwiebeln, Karottenscheibchen, selbst gemachte Tomatensoße, die ich machte indem ich eine Tomate über eine raue Plastikoberfläche rieb und die Soße durch ein Loch tropfen ließ. Dann kommt der große Haufen Grünzeug, der für zwei Freiwillige, einen Mentor, acht Mütter und ihre acht Kinder reichen soll. Es köchelt alles brav vor sich hin und das Ugali wurde bereits im Schweiße des Angesichts von Mama Ana zubereitet. Der dicke und furchtbar zähe Brei aus Maismehl und Wasser ist immer noch eine Straftat was das Ausmaß an Arbeit dafür angeht. Den riesigen Holzlöffeln für viele Minuten ohne Ende über dem Rauch und dessen Flammen kreisen zu lassen, erwartet mich hoffentlich auch bald, um endlich auch ein wenig mehr physikalische Hilfe bieten zu können. 

Zum Mittagessen sitzen wieder alle beisammen und verspeisen ihr Ugali und den gekochten Salat mit Händen. Mamas füttern ihre Kinder und essen die Reste, die ihre Kinder übrig lassen. Loana und ich sitzen im Schneidersitz mitten drin und sagen unser Dankgebet am Anfang des Gerichts. Es ist Englisch und begleitet mich seit meiner Zeit in Kanada, wo ich es in der anthroposophischen Camphill Kommune Glenora Farm auf Vancouver Island kennen lernen durfte. Dort wurde es ebenfalls zu jeder Mahlzeit gesprochen und in einem kleinen gemeinschaftlichen Chor. Die Worte waren:

‘Earth who gave to us this food,

And sun who made it ripe and good,

Dear Earth, dear Sun by you we live,

To you our love and thanks we give.

Blessings on the meal!’

Als unsere Bäuche gefüllt sind, und das sind sie nach einem Haufen Ugali wirklich, begann der ebenso schöne wie entspannende Nachmittag. Entspannend ist es vor allem für unsere auserwählte Mama für den Nachmittag, die uns auf Swahili berichtete wie schmerzhaft ihre Rückenschmerzen wären, und fragte ob wir ihr nicht den Rücken massieren könnten. Wir sind dankbare und anständige Freiwillige und sehen das als wunderbare und tolle Möglichkeit uns nützlich zu machen, etwas Neues zu lernen und zu üben und dabei sogar Gutes tun zu können. Also wenn alles glatt läuft…

Es läuft alles glatt und der Ablauf sah so aus. Mit Mama Sabina gehen wir in den Schlafsaal der Mamas, der groß und beinahe schon prächtig auf dem Grundstück seit letztem Jahr steht. Er ist das Resultat einer unglaublichen Spendenaktion, in der die drei ehemaligen Freiwilligen einen wunderschönen Brief verfassten und an ihre Schulen sandten, mit dem Anliegen dieses Gebäude zu errichten. Davor hatten alle Mütter mit ihren Kindern in dem winzigen Gebäude geschlafen, in dem wir als Freiwillige und Mentor jetzt zusammen hausen. Der Schlafsaal ist groß genug, um 20 Mütter aufzunehmen und braucht nur noch ein bisschen Farbe an den hohen grauen Mauern. Das machen wir schon noch. Außerdem fehlen Moskitonetze für die Mamas. Das könnte schnell erledigt sein.

Mama Sabina legt sich auf eine der dünnen gelben Schaummatratzen mit olivgrünem Bezug und überlässt sich und ihren Rücken uns. Zuvor, als sie mir die Axt mit verzogenem Gesicht in die Hand zum Holz spalten drückte und selbst nicht mehr konnte, hatte sie mir die Punkte auf der Wirbelsäule gezeigt. Einer befindet sich zwischen den Schulterblättern, der andere im unteren Rücken- oder Lendenbereich. Ihre Wirbelsäule ist beim ersten Tasten ein wenig schwierig zu erfühlen, denn gut geschützt wie sie ist, kommen die Finger nur erschwert bis nach unten. Und trotzdem merkt man wo die kleinen Hubbel der einzelnen Wirbel sind und wo der Muskelstrang entlang läuft. Meine Fingerspitzen drücken leicht in jeden Punkt und versuchen nicht nur von oben sondern auch den Seiten an dem Strang entlang zu tasten und nach verkrampften und harten Stellen zu suchen. Mama Sabina gibt kein Feedback in Form von Zucken, dass ihr etwas weh tun würde, wenn wir drücken und ihr Schmerz ruht anscheinend nur in Bewegungen und Belastungen. Wir können also mit ganzen Händen und genügend Druck massieren.
Ich für meinen Teil habe noch nie eine Physiotherapie gegeben, außer das eine Mal mit einem Kind von hier. Das Kind war Mama Sabina’s Kind, also Sabina selbst, relativ ähnlich. Beide schauten mit den gleichen seltenen Lächeln in den Welt und mit wachen Augen, die nur in verschiedene Richtungen guckten. Beide hatten Kopfumfänge von über 55 Zentimetern und das Kind Sabina ist sogar bei 65. Zum Vergleich. Mein Kopfumfang ist 58.3 Zentimeter. Männlich. 20 Jahre. 1.85 Meter. Sabina ist Eins.

Bei Mama Sabina dürfen wir also frei ausprobieren und das anwenden was ich von Massagen bei meinen Liebsten schon erlernen durfte und das, was mir die Logik ins linke Ohr flüstert. Außerdem kann ich mich gut in die Personen herein versetzen, mit der ich grade Kontakt über meine Finger und Handflächen aufbaue und oft kann ich nachfühlen, was sie wohl empfinden müssen, wenn ich bestimmte Bewegungen auf der Haut mache und diversen Druck ausüben. Wenn ich einen Punkt finde aus dem der Schmerz kommt, kann ich oft genug sogar genau diesen Schmerz nachempfinden. Praktisch.

Was das Massieren angeht, versuch ich weiterhin es Pferden gleich zu machen. Sie kratzen einander an den Stellen an den sie selber gekratzt werden möchten. Dein Schulterblatt juckt, also kratzt du mich dort, damit ich Bescheid weiß. So oder so ähnlich versuche ich jede Person so zu massieren, wie ich es mir selbst grade erträumen könnte, und meistens war das Feedback danach auch dementsprechend. Es geht ein bisschen um Feingefühl, Zärtlichkeit und Einfühlungsvermögen und für unsere Mama, die grade unter unseren ungebildeten Fingern liegt, gilt, dass sie nach unseren Versuchen den Rücken zu kneten und entlang der Muskelstränge drückend, um die Durchblutung anzuregen und Anspannungen durch leichte, vibrierende Wackelbewegungen zu lösen, sehr entspannt und dankbar schien. Oder zumindest so klang. Wir kombinierten Drücken und Kneten, Schütteln und Handauflegen. Wärme und leichte Bewegung hat den Wenigsten bisher geschadet, aber dafür schon echte Wunder vollbracht. Irgendjemand sagte mal, dass unsere Hände die größten Heilungswerkzeuge sind, die uns die Natur schenkt. Und viel zu oft hab ich mich nach zu viel Sport selbst versorgt. Angefangen mit jahrelanger Selbstversorgung meiner Knieschmerzen durch Massagen, nachdem meine Patella, also die Kniescheibensehne, nicht mehr wollte so wie ich und angerissen nach einem Skiunfall unangenehm vor sich hin existierte. Bei Krämpfen, Zerrungen, Vertreten und pochendem Schmerz durch wer weiß schon was… bei allem waren warme, massierende und streichende Hände die Rettung. Wenn man drüber nachdenkt, sind die Dinger echt wunderbar. Manchmal fehlt mir nur ein sechster Finger, aber dann wäre auch ich wunschlos glücklich. - Loana übernahm die erste Schicht unter meiner verbalen Anleitung. Für sie war es das zweite Mal überhaupt mal jemanden zu massieren. Sie macht einen großartigen Job und Mama Sabina versinkt in Entspannung mit ihrem Baby neben sich, Hand in Hand, während ihr Kind Sabina uns belustigt zuschaut, wie wir ihre Mama durchkneten. Ich sitze daneben und schreibe ein paar dieser Zeilen, um Loana am Ende abzulösen und dann im Schweiße meines Angesichts den Rest erledige. Ich versuche nicht auf ihren Rücken zu schwitzen - in meiner Vorstellung fühlt sich das nämlich genauso an wie ein Spucketropfen, und das möchte ich Mama’s Kopfkino nicht antun. Am Ende nuschelt sie im Halbschlaf Asante (Dankeschön) in ihre Matratze rein und wir entfernen uns langsam, während noch eine andere Mama im Raum mit ihrem Kind Bewegungsübungen in Beinen und Armen macht und rechts hinten ein Baby unter einem bunten Stoff ein Nickerchen macht. Draußen vor der Tür sitzt Doricas auf einer Anhöhe auf die sie gesetzt wurde und grinst uns in der ganzen Breite ihres Gesichtes mit leuchtenden Augen entgegen und wir setzen uns zu ihr. Mamas waschen Wäsche per Hand, eine andere ist auf der Toilette und hatte mit ihrem Kind in dem Raum der zum Duschen und Geschäft machen dient, sich und ihren Sprössling gewaschen, um sie nun auf einen grünen Plastikstuhl zu setzen, und dann einen feinen Schlauch vaginal einzuführen, damit ihr unten herum gelähmtes Kind pinkeln könnte. Das Kind hatte manchmal dabei geweint, aber diesmal schien es schmerzfreier zu sein. Doricas rutscht unauffällig näher, bis sie Bein an Bein zu meiner Rechten sitzt und mich von unten heran begeistert anschaut. Verzaubert spreche ich ihr in die schwarzen kleinen Äuglein und auf ihren Namen Doricas antwortet sie wie immer sehr verlässlich ABE! und lacht.

Doricas

Unsere Loana entfernte sich kurzeitig um zum Markt zu schauen - eine vielleicht nicht 100 prozentig sichere Entscheidung, aber alles wird glatt laufen und sie wird mit zwei Tomaten und einer Mango für mich zurück kommen. Zur selben Zeit werde ich von zwei Mamas - eine davon wieder unsere liebste Mama Doricas - aufgefordert mit ihnen spazieren zu gehen. Wir wollen unsere kränkelnde Mitarbeiterin Mamdogo besuchen, die in der benachbarten Gegend wohnt. Paula kommt mit und barfuß mach ich mich mit den beiden auf den Weg. Unsere Route hatte ich zuvor nur einmal in tiefer Nacht mit anderen Mamas zusammen genommen, aber gefunden hätte ich es auch so wieder. Jedes Mal wenn man eine neue Route einschlägt und nur mal ein wenig in der Nachbarschaft erkundet, was es so zu sehen gibt, ist es jedes Mal überraschend, wie divers und unterschiedlich ein kleiner Ort wirklich sein kann und wie wenig man erst erlebt und gesehen hat. Die Menschen überleben gefühlt von jeder Straße zur nächsten unterschiedlich. Die Häuser sind mal groß und eingezäunt und mal nicht viel mehr als Baracken mit ein bisschen Blech drüber. Die Natur ist omnipräsent und das Grün erdrückt einen beinahe. Die Felder sind nun beinahe gänzlich in Arbeit genommen und überall ist wunderschöne, braune, weiche und nährstoffreiche Erde, mit kleinen Wäldern aus Bananenbäumen auf der einen Seite und wieder ganz anderen Büschen und Palmen und Mangobäumen auf der anderen. Kurz vor unserem Ziel beginnt ein etwas breiterer Weg abwärts. Links von uns ist ein tiefer, natürlicher Graben im Sandboden für das abfließende Wasser, in den Paula gestern Abend einen halben Meter tief gefallen war, und die Straße selbst besteht aus größeren Steinen, über welche man nicht einfach geht, sondern vorsichtig Schritt für Schritt machen muss. Die Farbe der Steine ist Grau mit Pigmenten. Manche sind rund und rutschig, andere Sicht zerschlagene Scherben aus größeren Objekten. Das alleine hätte uns das Vordringen schon erschwert, aber zusätzlich kommt eine unwahrscheinlich große Herde aus Kühen und Ziegen auf uns zu, allesamt leicht angespannt beim Anblick von Paula. Ich könnte nicht sagen, ob es die selbe Herde ist, der wir gestern schon über den Weg gekommen sind, als Loana und ich die Hügelsiedlung in Gänze durchschritten hatten, um in die Nähe der Straße und dessen Tumulte zu kommen und die Proteste selbst aus sicherer Entfernung beobachten zu können. Mama Doricas ist in ihre farbenfrohe Tücher gehüllt und strahlt mit Vierecken aus Blau, Gelb und Orange, oder mit dem Oberteil aus Orange mit schwarzen Tupfern und ihrem übergehangenen Tuch mit den Farben des Sukuma-Stammes, welcher Rot und Blau in Rasterform trägt. Ihr anderes tiefblaues Top hat kleine Plüsche an den Schultern und macht sie unverkennbar. Mitten durch die Herde läuft sie und treibt die Kühe mit liebevollen Handschlägen auseinander. Was für eine Frau… Die Ziegen, viele noch ganz winzig, springen von Stein zu Stein und Hündin Paula wird von dem Hirten der Tiere abgeworfen und vertrieben, aber mehr aus dem Spaß an der Sache des Hirten, der ihr kein Haar krümmen würde.

Dann sind wir am großen silbernen Portal von Mamdogo und werden nach unserem ‘Modi’ rufen eingelassen. Der Hof den wir betreten, hat zwei Gebäude auf sich und auf der einen Veranda grüßen uns zwei Frauen. Die Eine in ein pinkes Gewand gehüllt und hat einem großen Afro, während ihre Freundin eine Jeans und ein blaues Top trägt. Auch sie hat einen Afro, aber bedeutend kleiner, und beide grüßen mich mit meinem Namen auf Swahili, als würden wir uns schon ewig kennen. Mambo Lenadi! Wir besichtigen unsere kränkelnde Freundin, der es heute schon bedeutend besser geht und als ich mich auf das kleine Sofa setze und das winzige hübsche Zimmer in dem wir uns befinden, inspiziere, bekomme ich ein Baby im blauen Ganzkörperanzug auf den Schoß gesetzt. Sie spricht nicht, aber ihre Mama stellt sie freundlicher Weise als Rita vor. Sie hat die weichsten Haare auf der ganzen Welt, kurz und dunkelschwarz, und guckt mich entgeistert an, als ich versuche mit ihr zu interagieren. Aber die anfängliche Verwirrung legt sich bald und unsere Hände finden sich kurz danach und haben ihren gemeinsamen Spaß und das macht mir riesige Freude. Die Mama sieht allerdings ebenfalls begeistert aus ihr kleines Baby auf dem Schoß eines Weißen zu sehen und guckt uns mit großen freundlichen Augen zu. Ich kann mich nicht erinnern, wann eine Mama ihr Kind in Deutschland das letzte mal einfach auf meinen Schoß gesetzt hatte. Zugegeben sind in Deutschland auch einfach um weiten nicht so viele Kinder und Babies unterwegs wie hier und die Wahrscheinlichkeit sinkt dadurch, aber mit so einem Selbstverständnis wie hier, könnte es zuhause trotzdem nie geschehen. Hier steigt man als Mutter in einen Minibus und drückt das eigene Kind der erstbesten sitzenden Person auf den Schoß, damit man selbst problemlos stehen kann. Hier ist Kindererziehung kommunal, was bedeutet, dass wenn man in einer Gemeinschaft lebt und sich eine Gegend teilt, dann sind alle Erwachsenen gleichermaßen zuständig für die Erziehung der Kinder. Sie dürfen die Kinder anderer Eltern sogar schlagen und dann zum Vater bringen, damit dieser entscheidet, wie viel mehr Schläge das Kind noch bekommen würde. Das ist der extreme Aspekt davon, aber an sich ist die geteilte Erziehung das erstrebenswerteste überhaupt. Diverser kann ein Kind kaum aufgezogen werden und außerdem entlastet es die Mamas bedeutet. In unserer Arbeitsgesellschaft würde so etwas bedeuten, dass Frauen ihre Karriere etwas umstandsloser nachgehen könnten. Bevor wir abdriften…
Mein kleiner blauer Engel und ich sitzen ein paar Minuten später vor der Tür mit den Mamas, die sich gegenseitig ihre schönen Haare in grandiosen Mustern an der Kopfhaut flechten oder versuchen die Lyrics zum im Hintergrund laufenden 2-Pac Lied zu lernen. ‘Hail Mary’ ertönt und Rita sitzt wippend in meinem Schoß, der sich zum Schneidersitz bildete und genießt den halb liegenden Winkel, der sich für sie ergeben hatte. So meine ich für immer sitzen bleiben zu können. Der Buddha ließ übermitteln, dass jede Person erleuchtet werden könnte und es einen ganz einfachen Weg dahin gebe. Man solle sich einen guten Baum Sucher, sich darunter setzen, meditieren und erst wieder aufstehen wenn man zur Erleuchtung gefunden hätte. Dieses Baby im Schoß und ein Baum hinter mir und das Ganze käme mir schon viel machbarer vor. Nur das Baby würde irgendwann mein Vorhaben durcheinander bringen…

Ich werde ein bisschen von den Anwesenden ausgefragt, aber mit meinen Sprachkünsten bleibt alles in seinem Rahmen. Paula wurde relativ am Anfang an einen Baum gebunden, mit nichts geringerem als einem Gürtel durch ihr Halsband und die Schlaufe um den Stamm herum. Sie freut sich nicht wirklich und lässt uns akustisch an ihrem Ekel vor der Situation teilhaben. Jetzt macht sie sich schon die Mühe uns den ganze doofen Weg zu folgen und dann grüßt sie Mamdogo auch noch so nett und was bekommt sie dafür? Na toll. Da wäre ich auch eingeschnappt. Arme Paula. Pole Paula.
Zu gegebener Zeit verabschiede ich mich und alle sagen in ihrer freundschaftlichen, schwesterlichen Art Karibu Tena - Immer wieder willkommen - und so gehen Paula, Mama Doricas und ich wieder nach Hause. Die zweite Mama lassen wir noch eine Weile dort. Auf dem Weg unterhalten wir uns ein bisschen, was inzwischen besser klappt, als mit den anderen Mamas, weil wir wissen was die andere Person meint, ohne Worte verstehen zu müssen. Das ist das geniale, wenn man Gesten und Gesichtsausdrücke lesen kann. Das kommt mit der Zeit was ich denke gemerkt zu haben, als ich mit meinen französisch-kongolesischen Freund fünf Wochen gemeinsam reiste, von Korsika nach Deutschland, ohne dass er zu Beginn Englisch sprechen konnte. Nichts konnte uns davon abhalten trotz minimaler Sprache schon sehr bald Ideen zu vermitteln.
Manchmal antworte ich Mama Dori auch einfach auf Deutsch und so bequatschen wir uns meist für eine Weile, bis wir merken was wir machen und dann nicht anders können als zu lachen. Mit ernst nehmen ist hier nicht viel. Wir haben uns oft an der Hand, wobei gesagt werden muss, dass Körperkontakt eine so völlig normale Sache ist. Folgende Situation damit du nachvollziehen kannst, wie normal das ist: Zwei Männer treffen sich auf der Straße und kennen sich von davor. Sie schütteln sich die Hand zum Beginn der Unterhaltung, aber lassen die Hände auch nach dem Schütteln einfach nicht mehr los. Sie stehen einfach Hand in Hand da, weit über den Grenzen der deutschen persönlichen Distanz, die einem so heilig ist, und unterhalten sich herzhaft. Zwei erwachsene Männer mit Bäuchen. Das ist einfach zucker! Ich hatte den Moment aus einem Busfenster beobachtet, als dieser eine Minute neben einem kleinen Markt auf dem Weg zur Stadt ins halten kam. Und genauso laufen Mama Dori und ich eben auch. Hand in Hand, während sie sich wieder wundern muss wo meine Schuhe hin sind. Sie muss herzhaft lachen, als drei ältere Personen, die ich alle mit Shikamo grüße - die Respektform eines Grußes für Ältere - ebenfalls nach meinen Schuhen fragen und sie scheinen einen kurzen Bonding-Moment zu haben den ich herzhaft begrinsen kann. Oft genug habe ich geantwortet ich wüsste nicht wo sie sind. Das lag daran, dass ich als erstes ‘Ich weiß nicht’ auf Swahili lernte. Später fand ich heraus, dass das House of Hope in Swahili Nyumba ya Matumaini heißt und konnte seit diesem Tag sagen, sie seien zuhause - Nyumbani! Jetzt hatte ich die Tage mehrmals einen Zuruf von Kindern gehört, die mich Rasta-Mzungu nannten. Mzungu bedeutet weißer Mensch und Rasta dürfte den meisten bekannt sein. Bei dem Rasta vermute ich, dass es um die nackten Füße ging. Vielleicht wird das meine zukünftige Ausrede. Und wenn ich schon mal dabei bin, kann ich direkt noch ein Kulturstudium über die Rasta Stämme betreiben und ihre Lebensphilosophie zu meiner machen, meine Haare wieder endlos wachsen lassen und final Dreads bekommen, um dann in guten Gewissen behaupten zu können: Nina ni Rasta Mzungu! Ich bin ein weißer Rasta!

Wir sind zuhause und ich beobachte Loana wie sie auf einem Stein neben dem Mangobaum sitzt und eine Mango am Stein reibt, sodass er sich langsam verkleinert und eine ganz grade Fläche zurücklässt. Wir rutschen später in eine schöne Situation mit den Mamas, in der wir ein rotes Wollknäuel dabei haben und vier Mütter in der Nähe sitzen und nix zu tun haben. Aus Spaß werfe ich einer von ihnen den roten kleinen Stoffball zu und sie freut sich wahnsinnig, springt auf und wirft ihn zu Loana. Und schwuppdiwupp hat man das Spiel der nächsten 15 Minuten entdeckt und dabei viel zu lachen gehabt. Paula spielte auch ihren Part und klaute das Knäuel oft genug, in dem Versuch sich mit der Beute aus dem Staub zu machen, aber im Ende gewinnen wir das Duell und hatten unseren Spielspaß mit einer Mama, die völlig Kind geblieben ist und ausgelassen bei jedem Fangen in die Luft sprang und um weiten sportlicher aussah, als ich ich fühlte.
Mit dem geteilten Abendessen kam der Tag langsam in sein Endstadium. Peter saß im Wohnzimmer und telefonierte mit einer Freundin aus Dar es Salaam, die ihm über die Proteste dort berichtete, und wir saßen auf der Matte der Mahlzeiten draußen unter einer Lampe an der Wand des Küchenhäuschens mit allen Mamas beisammen und aßen unseren Reis, die warmen Bohnen und am Ende auch noch eine Banane. Bei einem der letzten Bissen dachte ich erneut mir diesmal wirklich einen Zahn ausgebissen zu haben. Obwohl die Mamas gründlich und immer wieder durch den Reis sieben, mit einer ganz besonderen Technik, die wir noch nicht lernen konnten, gibt es manchmal schmerzhafte Ausnahmen, die genügend Tansanierinnen und Tansaniern schon den ein oder anderen Zahn gekostet hatte. Mir zum Glück noch nicht und auch heute bleibe ich trotz Schock völlig unversehrt. Obst gibt es sonst nie, aber Peter hatte heute für uns alle eingekauft, was super freundlich ist, weil bezahlen tut ihm das Keiner. Danach laufe ich zu unserem Mentor und setze mich dazu, während er eine Mischung aus Bohnen, Avocado und Salz zusammen zaubert, sie zu Muß macht und mit Reis isst.

Ich schnapp mir unser Notizbuch für die täglichen Messungen, zusammen mit dem weiß-lila Infrarot-Messgerät und dem grünen 1.5 Meter Messband mit schwarzen Ziffern, und gehe damit rüber zu unseren Mamas mit unserer Loana im Gefolge. Loana übernimmt das Messen und ich schreibe in den vorgesehenen Spalten des dicken Heftes die Namen der Kleinen, ihre diagnostizierte Behinderung, die Körpertemperatur gemessen durch den piependen Apparat, den wir an die Stirn halten, und der Kopfumfang, bei dem Loana das Band um den Kinderkopf legt und hinten versucht an der weitesten Stelle anzusetzen und vorne auf der Stirn die Zahl abzulesen, wo das Ende wieder auf das restliche Band trifft. Manche Kinder wie Doricas sind Helden und präsentieren sich schon super fröhlich vor uns um gemessen zu werden. Ihr grinsen ist nicht selten das Highlight meines Tages. Andere gucken uns mit riesigen Augen an und beginnen nicht selten zu weinen, völlig verwirrt über die Schnur an der Stirn und die weiße Haut so nah vor dem Gesicht mit dem großen komischen Gesicht und der großen Nase. Wir machen diese Messungen bei allen Kindern mit Hydrozephalus und Spina Bifida. Dieser Prozess ist ein wichtiger, denn ein Fieber kann ein Anzeichen für eine Fehlfunktion im Körper sein und kommt oft zusammen mit einem erneuten Anschwellen des Schädels, bei welchem die Mütter sofort ins Krankenhaus müssten. Ob der Schädel wirklich anschwillt, vergleichen wir Tag für Tag mit den täglich notierten Werten. Dass keine Mama grade ins Krankenhaus könnte, weil alles streikt und kein öffentlicher Transport möglich wäre, darf unsere Aufgabe nicht ersetzen und zunichte machen.
Auf der Insel Sansibar, die seit 1964 mit dem Festland zusammen Tanzania bildet, wurde der Vizepräsident bereits als ihr eigener von der Regierung anerkannt. Das Präsidentenamt ist für das Festland bestimmt und der Vize-Präsident regiert für die Insel. Dort liegt die Bevölkerung nicht im verbitterten Kampf der Verzweiflung mit ihrer Regierung, denn sie haben ihren Vizepräsidenten auf ganz legitime Art bekommen. Das Festland ist so furchtbar entrüstet, weil Samia nie von ihnen gewählt wurde, sondern nur den Platz des vorherigen Präsidenten einnahm, nachdem dieser Held des Volkes vergiftet wurde. Unzählige Theorien und Überzeugungen florieren über dieses Event, und nachdem Samia nach ihrer Wahl ganz offen sagte, dass nicht das Volk sie gewählt hätte, sondern die Konstitution, und mit anderen Worten ausdrückte, dass das Volk ihr nichts zu sagen hätte, waren Menschen ihr dementsprechend böse. Sie lebte diesen Regierungsstil auch aus und unzählige Aktionen machten manche der Leute schon rasend. Jetzt nach vier Jahren bei der Wahl, bei der Samia, die Präsidentin, sich erzwungen wählen lassen möchte, will sie den Menschen zeigen, doch von dem Volk gewählt worden zu sein. Das Problem: der Kopf der Opposition sitzt im Gefängnis. CCM ist die einzige Partei und es verschwinden in den letzten vier Jahren geschätzte 200 Menschen, die für das Interesse des Volkes im großen Stil einstanden. Es gibt also keine andere Option außer sie zu wählen, nichts zu tun und zuzuschauen oder zu protestieren. Die aller wenigsten Menschen in Mwanza gingen wählen. Samia’s Kampagne endete hier in der Stadt und zu ihrer finalen Rede wurden LKW’s voll mit bezahlten Zuschauern angefahren, da die Bevölkerung vor Ort kein Interesse am Erscheinen bei ihrer Rede in einem Stadium der Stadt hatte. Wie gesagt; wir sind am dritten Tag des Streiks, der anhaltenden Proteste und der Unruhen, während große Teile der Menschen hier hoffen, dass das Militär ihnen hilft die Regierung zu stürzen und selbst zu übernehmen. Wie ein Militärstaat abläuft, sollen wir noch lernen.

Unser Abend im friedlichen Haus der Hoffnung endet in einem langen Gespräch mit Mentor Peter über die Bibel. Er redet davon, dass es kein lauwarm in der Welt des Glaubens gibt. Menschen sollen nicht in der Mitte schwimmen, sondern entweder glauben oder sich dagegen entscheiden. Heiß oder kalt. Ich als praktizierender Buddhist, als Interessierter an allen Religionen, als Pantheist und Lernender über die Rasta-Philosophie, bin denkbar vor den Kopf gestoßen. Ich möchte niemandem etwas böses und versuche meinen eigenen Weg mit individuellem Glauben zu leben und in ihm alles Mögliche an Gutem tun. Jetzt wird mir gesagt, dass das nicht gerne gesehen wird. Religion… 

Er erklärt mir, dass die Welt aus Menschen besteht, die Gott anbeten und aus jenen Menschen, die ihre Seele an den Teufel gaben und ihm durch Opfergaben dienen. Ich als ignoranter und versehrter junger Mensch, konnte davor trotz all dem Bösen was in der Welt geschieht, nie so klar erkennen, dass es wirklich Menschen gibt, die sich dem Bösen verschrieben haben und menschliche Opfer bringen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Wenn man so von Gut und Böse ausgeht, bekommt das gesamte Geschichtsbild auf einmal ein völlig neues Gesicht. Wir driften über auf das Thema des Bibellesens und gehen durch eine Stelle in Genesis, in der ein Vater namens Lot von Gott befohlen wird mit seinen beiden Töchtern aus der Stadt zu fliehen, da diese dem Feuertod geweiht ist, und Mentor Peter erklärt das ein oder andere und führt in schönen eigenen Geschichten die Erzählung aus der Bibel aus. 

Zum Ende des Tages gibt es noch eine Episode des Schreibens und da es kein Internet gibt, brauch es auch keine Nachricht an irgendjemanden. Meine Eltern sorgen sich bestimmt wahnsinnig. Oder die Welt bekommt noch nichts mit von den Umständen. Ich hoffe, dass Mama’s Algorithmus ihre Nachrichten-For-You-Page verschont hat und sie im Ungewissen lässt, bis ich sie wieder erreichen kann. Inzwischen haben wir wieder Wasser und die grell graue Glühbirne über mir im kleinen graublau gestrichenen Büro brennt lichterloh. Als Ausnahme werde ich heute sogar in meinem richtigen Bett mit Matratze schlafen, im Wissen darüber, dass jene Entscheidung mein gesamtes kommendes Leben beeinflussen wird und nichts so kommen wird, wie es käme, wenn ich stattdessen ganz normal campen würde. An einen blauen Schmetterling denkend, gehe ich erfrischt von einem schönen Tag zu Bett und denke an meine Familie, meine restlichen Herzensmenschen und daran, wie ich jemals dankbar genug für einen solchen Tag und ein solches Leben sein könnte. Verliebt schlafe ich ein.

Noch eine kurze Sache. Jetzt haben wir uns diesen Abend sogar kurz mit der Bibel auseinander gesetzt, aber reichlich ungenügend und mit einer vorgesetzten Meinung. Wenn dich ein solches Buch wie die Bibel mal interessiert, dann gibt es nichts Leichteres, als mal mit dem Lesen anzufangen. Aber vielleicht bist du auch mit dieser Verwirrung über das Ganze aufgewachsen, hast keinen persönlichen Draht dazu und hältst Glauben und Religion für etwas, auf das nur Unterbelichtete oder ‘Leichtgläubige’ drauf rein fallen. Dass das nicht falscher sein könnte, musste ich auch langsam lernen und spätestens als ich mich für Literatur im Allgemeinen interessierte, durfte ich ganz klar erkennen, dass die Bibel unabhängig von ihrem Inhalt, das meist gedruckte Buch der Menschheitsgeschichte ist und Abermillionen Menschen einen Glauben schenkte, die Kirche gründete, Leben rettete und Anweisungen für jedes Menschenleben das zum Guten strebt, bereit hält. Auf meiner Reise durch Spanien zusammen mit Martin hatte ich eine Hotelbibel, King James Version, im Rucksack, die ich in Kanada aus einem Second Hand Laden kaufte, nur zwei Tage bevor dieser bis zum Fundament herunter brannte. Wir lasen das ein oder andere, aber ich bin selbst noch nie weit genug gekommen, um mir eigene Kenntnisse eingestehen zu können. Entdecke doch du das wichtigste Buch in unserer Ära für dich und du hast die Chance vielleicht etwas Großes für dich dazu gewinnen zu können. Glaube scheint eines der unglaublichsten Dinge jemals zu sein, wenn ich die Gläubigen um mich herum richtig verstehe. Es ist ein Wegweiser und hinter diesem Buch wartet eine der größten Gemeinschaften der Welt auf dich, welche dich liebend in ihre Arme schließen werden. Lege deine Abneigung, falls du welche besitzt, ab und öffne dein Herz für etwas Neues. Vielleicht verändert das dein gesamtes Leben und wendet vieles zum Besten!

Gute Nacht und bis zur nächsten Erzählung. Ich hoffe eure Gegend ist sicherer und ruhiger als unsere. Gesundheit für deine Liebsten!

Schreib mir gerne über unsere Community-Email bei jeglichen Anliegen, wie Fragen, Inspirationen, Kritik oder eigenen Geschichten. Mich würde zum Beispiel interessieren, was dich in diesem Artikel bewegt oder interessiert hat. Kannst du dir Proteste, Unruhen, Grausamkeiten und Kriege in deiner eigenen Wohngegend vorstellen. Begreifst du, dass ganze Länder in der Vergangenheit in Schutt und Asche lagen und dass es an uns allen liegt, solche Dinge zu verhindern, oder wenn sie bereits geschehen, einzugreifen und zu beenden? Du wunderst dich wie man zusammen kommt und wo die Wurzel zu Veränderung aller Maßstäbe steckt? Schließ dich gerne unserer Suche an. Als gesammelte Community streben wir genau das an. Veränderung im maximalen unseres Potenzials.
Wenn du spezielle Umstände über dieses Land herausfinden willst was Kultur, Natur oder Menschen angeht, beschreib ich das liebend gerne. Wenn du ein Kopfkino bei manchen von mir beschriebenen Dingen bekommst, freut mich das zutiefst zu hören und wenn es mehr davon geben soll, dann wäre auch das eine wunderschöne Rückmeldung! Über Ausblicke und goldene Momente könnte ich dir mehr als nur ein Buch schreiben. Dankeschön, Asante sana! - gen-zm@outlook.com