Der Bildschirm, der mich belastend oft vom Anfang des Schreibens abhielt, hängt mittig vor mir, klein, weiß gerahmt, mit bunten dünnen Streifen in seiner Fläche verteilt. Die pausierten Pixel zeigen das Standbild eines vermutlich ziemlich alten Musikvideos. Absolute Mitwippsongs gesungen und performt von rundgeformten Ü-60 Männern in hautengen T-Shirts, die Mercedes A Klasse fahren und unsynchron zum Video ihr Lied singen. Warum bin ich hier? Wo und wann ist hier und warum fangen alle Texte so hoffnungslos kontextlos an? Hab jetzt schon wieder Kopfschmerzen... das wird gleich besser. Ich sitze nämlich im Bus auf dem Weg zum Ziel. Das Ziel ist weit weg und zum Glück habe ich einen Monat Zeit für das Unterfangen eingeplant. Mein Rucksack liegt eine Bus-Etage unter mir und hat alles was mein Wanderherz begehrt. Zelt etc. ...
Wir befinden uns in den allerersten Stunden meiner Rucksackreise durch das genialste Land, welches ich bisher bereisen durfte. Der Norden Tansania’s ist inzwischen seit vier Monaten mein Zuhause, aber erst durch den Akt des Reisens fühle ich mich richtig integriert. Ich komme so langsam wirklich in Sprache und Kultur an. Reisen ist für die Menschen die ich treffe und kenne eine absolut unbekannte Sache. Vor allem mein Stil wurde vermutlich noch nie gesehen.
Der letzte Tag vor dem Reisen muss nicht weniger spannend sein, als das Reisen an sich, und so war es mein Heuteschicksal bei meiner Freundin Bukele aufzuwachen und im Gegenzug zu meinem samstäglichen Frühstückszauber nun ein alles Übertreffendes von ihr zu bekommen. Sie benutzt jene dünne grüne Mitte aus Bohne und Paprika mit dem Namen Okra, und die Pfanne aus Gemüse und Ingwer plus Okra ist eines der besten Dinge die ich bisher probieren durfte. Ein Teller Obst dazu und frittierte Kochbananen machen das Ganze vollständig und zu viel für zwei. Bukele lebt in einem kleine Apartment mit drei Räumen, einer weißen Zimmerdecke auf einer Höhe von ungefähr 4.30 Meter und zwei Türrahmen, 2.90 Meter hoch. Das Bett ist ein Doppelbett und hat eine Decke so groß, dass das ganze Bett damit bedeckt ist. Ihr Schrank ist so perfekt aufgeräumt, dass eine gewisse Ruhe durch einen fließt, allein schon beim hinschauen. Die Swahili Bibel ist mit roten Seitenrändern verziert und mir wurde von einem Freund der Nachbarschaft eine Stelle in Ecclesiastes empfohlen, die Nummer 13, die lediglich besagt, dass es super ist jung und arm zu sein. Reich und alt soll seinen Charm wohl irgendwo in der Mitte verloren haben. So die Bibel...

Vor unserem Essen darf ich das Gebet sprechen. Das ist das zweite Mal. Beim erste Mal sprach ich das Tischgebet aus Kanada, welches der Erde und Sonne für das Existieren dankt und das Essen lobpreist. Diesmal zitiere ich eine Bibelstelle vollständig. Es ist ein Gebet vom heiligen Francis von Assisi. Ich kann es seit Kanada auswendig, da ich derjenige war, der es jeden Morgen im Morgenkreis vorlesen durfte. Auch als Nicht-Christ ist es ein viel gebendes Gebet und seit über zwei Jahren ist es ein Teil meines Zu-Bett-Geh-Rituals. Meine schöne Bukele schaut nicht schlecht, als ihr nicht religiöser Freund die ihr bekannten Zeilen raus haut. Hat sich das Ganze im Endeffekt doch endlich gelohnt.
Ich war bei ihr angereist mit nur meiner Bauchtasche aus Kanada und jene kommt auch wieder mit nach Hause. Dazu kommt meine weiße Wollmütze aus Norwegen, die ihren Urlaub hier verbracht hatte. Bukele war geschockt als ich ihr sagte, dass ich meine eigene Wäsche mache und versucht seitdem irgendwie behilflich zu sein und den Umstand des Ungewohnten, der in mir reichlich zu finden ist, etwas zu stillen. Ich glaube ich konnte ihr einen Gefallen tun die Mütze zum waschen mitzugeben. Sauberer als nach diesem Waschgang, war sie auf jeden Fall noch nicht und ich bin happy während sie etwas erleichtert aussieht. Wir reden länger über die Möglichkeit für sie hinterher zu reisen und Teil meines Abenteuers zu werden. Ich finde den Gedanken ganz nett. Sie wäre vermutlich die einzige Tansanierin im Land, die zusammen mit einem weißen zwanzig Jährigen im Zelt lebend und ohne Geld durch ihr eigenes Land reist. Die ganzen Möglichkeiten, die das mit sich brächte liste ich hier an diesem Morgen nicht nochmal auf. Die Entscheidung soll schließlich irgendwo ihre eigene sein.
Bevor ich gehe kommt mein Lila-schwarzer Pulli wieder dort hin wo er hingehört und mein T-shirt bleibt da. Das ist gelogen. Es ist nicht mein T-Shirt. Das schöne Kleidungsstück mit der Werbung für die Radford Universität auf der Vorderseite gehört eigentlich meiner Weißen Schwester. Mal gucken wie ich diesen Umstand lösen werde. Am schönsten stelle ich es mir vor, wenn Freundin und Volunteer-Schwester sich in diesem Outfit kennen lernen könnten. Von was träum ich nachts? Hab ich ehrlich vergessen.
Leider nicht barfuß mach ich mich auf den Weg nach Hause. Eine Mopedtour mit ihrem Booda der Wahl bringt mich ins heimatliche Nyegezi und von dort aus ist es ein Fußmarsch nach Hause. Ab und zu verlier ich ein bisschen Geld an Menschen, die freundlich genug fragen und komme heile zuhause an. Bukele musste ich schweren Herzens verabschieden. Das wird ein Riesen Spaß wenn es erstmal heißt wieder zurück nach Deutschland zu reisen... ha!
Der Tagesansatz ist kein allzu schwerer. Mein leerer Rucksack möchte ausgestopft werden und meine Lebensgrundlage für ein paar Wochen werden. Den Prozess bin ich gewohnt, auf diesen Prozess freue ich mich seit Wochen und genau hierbei habe ich auch riesigen Spaß. Mein Ansatz ist diesmal viele Stofftücher dabei zu haben, fünf an der Zahl, um meinem fehlenden Poncho, der in Dar es Salaam auf mich wartet, entgegen zu wirken und um die fehlende Decke in der Nacht zu retten. Ausserdem wird es angenehmer sein in der mittelafrikanischen Sonne lose Tücher zu tragen und ein Tuch um den Kopf gewickelt zu haben wird auch seine Vorteile haben. Wenn ich auf eine Sache keine Lust habe, dann wäre das der nächste Sonnenstich. Ich bin mir nicht sicher ob das überhaupt vermeidbar ist.
Ich packe ein paar Spielzeuge für Kinder auf dem Weg ein, Perlen und Plastikautos und buntes Papier. Ich habe ein Erste-Hilfe Köfferchen und ein paar Medikamente an deren Wirkung ich nicht ganz glaube, aber lieber hat man was dabei und braucht es dann nicht. Sie sollen vor Durchfall und Infekten retten, wenn irgendwas ganz grob schief geht.
Meine Zahnbürste hab ich doof wie ich bin bei meiner Bukele gelassen, aber meine Zahnpasta ist am Start und wofür hat die Natur einem so viele Finger geschenkt, wenn nicht dafür, um zumindest mit einem die Zähne zu reiben. Auch das bin ich schon lange gewohnt und auch hier wartet wieder eine kleine Freude.
Ich arbeite auch ein wenig an meinem letzten Artikel des House of Hope Zuhause’s. Es geht um meine erste erhaltende Spende aus Deutschland von einer netten Dame namens Tissen. Ich hatte versucht in Details über den Tag und das Einkaufen plus die Reaktionen der Mamas und Kinder im Krankenhaus zu schreiben. Es war eine riesige Freude über die Spende zu erfahren, eine wahnsinnige Freude barfuß in Mwanza shoppen zu gehen, und die aller größte Freude meine Mamas und Kinder in Bugando glücklich zu sehen.
Beim Packen sitzt ein kleiner Freund neben meinem Rucksack auf dem Sofa. Seine krumme Wirbelsäule und die gelähmten Beine machen den 10 jährigen grade mal halb so groß wie meine Tasche. Er spielt mit den Luftballons und den Autos, die einen kleinen Teil der Spende ausmachten und macht sich laut lachend an die Arbeit des Luftballonplatzens und wir haben großen Spaß.

Ich esse ein paar letzte Mangos von unserem immer weniger tragenden Mangobaum zuhause und bekomme ein kleines Mittagessen aus Ugali und roter Soße mit Fisch, den ich aus Grund meiner jetzigen Philosophie nicht esse, eine kleine Ecke Wassermelone und ne Karotte.
Jene Essensphilosphie besagt, dass ich kein Fleisch verzehre, mit dem ich nicht persönlich verbunden bin. Damit meine ich ungefähr, dass ich kein Tier esse, dass ich nicht auch selbst getötet hätte. Das würde viele Probleme in unserer Gesellschaft beseitigen und ein wenig mehr Ansatz haben, als nur kein Fleisch essen zu wollen. Mal ein Tier zu töten sollte jeder Mensch erleben. Es gibt schließlich wenig noch natürlicheres. Wer nicht töten kann, sollte kein Fleisch essen dürfen. Punkt.
Bevor alles fertig ist und ich aufbrechen kann, wird meine mir heilige Leinenhose nochmal in Angriff genommen und mit einem grünen und roten Edding attackiert. Meine Stoffflicken werden grün eingerahmt und alt gewordene rote Linien und Rahmen um die chinesischen Hanzi werden auf der Rückseite nachgefahren.

Und jetzt ist alles fertig. Den Mamas sag ich etwas aufgelöst auf Wiedersehen. Patrick und seine Mama kommen aus der Schule in der ich am Anfang meines Tansaniaaufenthaltes war und genau das soll auch das absolute Reiseziel meiner Reise sein. Einmal möchte ich die beiden wieder sehen und zum anderen kann ich nicht mehr viel länger ohne meinen Poncho leben. Dar es Salaam, Vikindu, ist die Adresse. Davor ist noch mein Seminar anzusteuern und um dort hinzukommen, habe ich circa 25 Tage Zeit.
Kurz muss eingebracht werden, dass der Bildschirm im Bus das wohl coolste Musikvideo aller Zeiten abspielt. Der Track ist von Marioo mit dem Namen DUNIA. Falls du dir einen Gefallen tun möchtest, schaust du das Ganze an und kannst so meine Lage auf braun-weißen Ledersitzen ein wenig nachempfinden. Ein absolut cooler Einblick in den Tanz und die Menschen, die Musik und die Stimmung in einem ganz normalen Bus auf einer ganz normalen Tour. Diese Musik läuft überall und immer und der Mainstream heißt Bongo Flava. Es ist schwer sich auf das Schreiben zu konzentrieren, wenn Musik und Tanz auf diesem Level sind. Ein bisschen viel für ein Uhr nachts, aber ich wäre der Einzige der sich beschweren würde. Und warum auch? Dafür ist das zu Sehende viel zu interessant.
Um elf Uhr abends sprang mein kleiner Nachbar aus dem Bus, als sein Zuhause Shinyanga vor der Tür stand. Das Kind hatte einen sehr niedrigen Preis gezahlt, weil es keinen Sitzplatz buchte, sondern ein stehender Gast sein sollte. Zu seinem Glück war neben mir niemand, und zu meinem Glück kam er dazu. Echt ein Süßer und unendlich interessant ist es, wie fremde Kinder alle Erwachsenen ganz vertraut mit Onkel und Tante ansprechen. Wir haben Vokabeln gelernt und wenn er was nicht übersetzen konnte, sprach er ohne Umweg die Dame weiter vorne an, die ihm völlig fremd war und jene behandelte ihn wie ein eigenes Kind mit ungeteilter Aufmerksamkeit und Geduld.
Der Bus fährt bis in die Morgenstunden und der Albtraum einer Fahrt endet dann für eine kurze Zeit. Von Schlafen kann nicht die Rede sein, dafür war alles zu unruhig in mir.
Jetzt kommt ein kleinerer Bus und eine ähnlich lange Fahrt, allerdings nicht wie geplant bis nach Arusha, sondern stattdessen 160 Kilometer entfernt in den Ort Babadi. Hier soll mein echtes Abenteuer also anfangen. Ab hier wird kein Geld mehr für Transport oder für eigene Nahrung ausgegeben. Ab jetzt reise ich wieder im vertrauten Stil. Nichts ausser mir und dem was ich tragen kann. Mit der größten Freiheit der Welt im Gepäck - ohne Geld unterwegs zu sein. Hallelujah. Bis Du bereit?