Ich wachte einmal früh und einmal Zielich spät auf. Einmal begann ich die 5:30 uhrige Arbeit und das Schreiben von dem gestrigen Artikel, und dann merkte ich wie viel Schlaf mir Wirkich noch fehlte und wie sehr die Sicherheit und Erholung dieses Ortes mir geben würde, und so lag ich wieder flach auf meinem flauschigen Untergrund eines Zimmerbodens und meiner Zeltplastikplane. Der Tag begann, ich begrüßte meine Gastgeber und mir wurde Wasser zum Füßewaschen gegeben. Ich putzte meine Zähne mit Zahnpasta und meinem Finger, wie immer, und knipste meine Nägel. Wie neugeboren… danach ich wurde in dem Geschehen des Nachbargrundstückes eingeführt, auf welchem heute geheiratet werden sollte. Ich sah die Tätigkeiten aller anwesenden Personen, von der riesigen Fläche, auf der multiple Feuerherde mit großen Töpfen warteten und die Fleischmengen einer geschlachteten Kuh an verschiedenen Stellen verarbeitet wurden. Die ganze Luft war in diesem visuellen Zustand des Verschwommenen, denn überall stieg die Hitze der Feuer empor. Für über 150 Leute wurde hier gekocht und es gab eine Kuh, hunderte von Kochbananen und die Suppe, die aus ihnen gemacht wird, namens Mtori, genauso viele Kartoffeln und Gemüse aller Art. Die hartarbeitenden Frauen schwitzten ohne Pause, aber waren sich nicht zu Schade um bei Gelegenheit mit mir zusammen zu sitzen, unsere Geschichten auszutauschen und mir Mtori Suppe anzubieten, die einfach nur himmlisch auf meinen lange Zeit leeren Magen war. Dickflüssig, blassgelb und viel schmackhafter als die Kochbanane roh. Wem erzähl ich was…

Die Dekoration des Ortes wurde durch die Person bei welcher ich für die Nacht lebte, ausgeführt und er heißt Remmy. Drei weiße Zelte mit zentralen hohen Spitzen. Unter zweier dieser Zelte stehen hundert weiße Plastikstühle und unter dem dritten ist das Podest gebaut, bei welchem später Braut und Bräutigam zusammen treffen möchten. Bei teilen der Frontdeko war ich gestern noch dabei. Als die weiße Wand im Hintergrund angetackert wurde oder als das Metallgerüst in Herzform in den Boden gegraben wurde. Inzwischen ist dieses Herz von einer unglaublichen Blumenpracht geschmückt worden. Von den Zeltdecken hängen gold glühende Lichterketten, der DJ hatte sich eingerichtet und spielte von Morgens an für den gesamten Tag. Eine angenehme Atmosphäre in welcher ich unzählige neue Leute kennen lernen durfte und ungewollt zu sehr im Mittelpunkt stand. Zu gegebener Zeit kam ein Bus an, der voll mit wunderschön gekleideten Damen aus Arusha war, und als jene ausstiegen begann ein Klatschchor und ein aufregender Gesang, um sie gebührend willkommen zu heißen. Hatte ich erwähnt, dass diese hier die wirklich zählende Hochzeit in meinem Leben ist. Die letzte Hochzeit ist 19 Jahre her und war die meiner Eltern, als ich Eins war. Zählt nur so halb. Hier war ich mit ganzem Bewusstsein dabei und ich möchte von kleinen Details berichten, die mir in Erinnerung hängen blieben.

Als alle Platz nahmen und 150 Köpfe gespannt auf die Braut warteten, saß ich hinten rechts genau am Eingang. Es ist übrigens keine Hochzeit, sondern eine Verlobung. Ich bin ein Depp… das fällt mir grade ein, als ich mich an ihr hübsches rotes Kleid erinnere. Sie hatte dazu eine rote flache Rund-um-Kappe auf und erinnerte natürlich ans Rotkäppchen. Das bisschen Kulturgut aus Deutschland hatte sich tief eingebrannt. Ihr Kleid ging genau bis zum Boden, glitzerte an ein paar Stellen und einer der Träger hing gewollt zur Seite und war zu groß, um auf der Schulter aufzuliegen. Der Brustteil des Kleides war genauso viel zu groß und spätestens ab hier darf ich einwenden, wie unfassbar wenig Ahnung ich bisher von Mode habe. Echt hübsches Kleid und eine ziemlich große Dame mit tollen Gesichtszügen. Dass sie was Hübsches trug, schien ein allgemeiner Bonus zu sein. Sie tanzte mit ihrer Truppe aus Auserwählten durch die Menge auf einer Art roten Teppich zum Podest und das in aller gemächlichen Langsamkeit. Dann kam der Bräutigam und was soll ich sagen. Wirklich optisch rankommen tat er nicht, aber etwas schien ihm im Geiste schwer aufzusitzen und sein verzogenes Gesicht schien für die gesamte Zeit Tränen zurück zu halten. Tränen welcher Art konnte ich bei besten Willen nicht erkennen. Vielleicht war das auch sein normales krampfhaftes Lächeln, oder das Schillern der Augen eines guten Tages. Weder von meinem Sitzplatz aus konnte ich das urteilen, noch als ich vor den beiden stand, um mit zwei anderen Personen Champagner-Flaschen zu öffnen. Jemand der Ältesten hatte mich der Menge vorgestellt. Heute morgen saß ich noch mit drei alten Herren in einem Stuhlkreis, während sie ihr Kuhfleisch als Frühstück verzerrten und ich durfte mich vorstellen. Nun hatte ich den Salat und war mal wieder mitten im Geschehen. Von so nah sahen die beiden tatsächlich noch hübscher aus. Das Outfit des Baldigen war war in einer Farbe, die in meiner mangelhaften Farbentheorie entsteht, wenn man Kastanienbraun mit Silber mischen würde. Er trug ein paar ausgefallene Dinge aus silbernen Schmuck und hatte eine goldene Kettenverzierung auf der Brust. Bis auf seine traurige Miene und den kleinen Bauch, der hier so sehr als Wohlstandssymbol verehrt wird, sah der Mann echt tadellos aus. In jeder Sekunde in der nicht aktiv durch das Mikrofon gesprochen und moderiert wurde, kam der DJ und seine laute Musik zum Einsatz. Für eine Weile wurden Menschen in der Menge vorgestellt und an einem Punkt wurden Geldgeschenke gemacht, bei welchem Akt die Gebenden nach vorne tanzten und ihre Scheine auf einen weißen Teller in der Hand der roten Braut legten. Dann gab es den Akt des karamellcremefarbenen Tortenschneidens, obwohl ich euch nicht sagen könnte, was ein Kuchen und was eine Torte ist. In meinem Kopf schrie alles Torte, weil das Ding drei Etagen hatte, aber ich wage zu bezweifeln, dass das ein absolutes Indiz ist. Als wir zum Ende rückten, kam das Essen angerollt und der Fokus der Menge schwang über, was verständlich im Sinne unserer Triebe ist. Ich wollte genauso lange sitzen und warten, wie die Damen um mich herum, aber mein Gastgeber Remmy hatte andere Pläne und konfrontierte mich mit Härte erneut mit meinem Weißen Privileg, als er mich beinahe schon unfreundlich vom Platz zur Schlange geleitete, nachdem ich meinte ich würde gerne warten, und dafür sorgte, dass ich weit vorne in der Schlange stand. Das herrliche Essen danach konnte ich keines Wegs genießen, als ich zurück am Platz neben meinen immer noch wartenden neuen Bekannten saß und vor mich hin kaute. Danach war mir auch relativ klar, dass es Zeit zu gehen ist. Ich lief zurück nach hause und spielte noch eine Weile mit meinen kleinen Freund von gestern Abend und ich hatte eine Menge zu lachen. Den Rucksack hatte ich zum Morgen hin schon fertig gepackt und ich legte nur noch restliche Dinge in die richtige Position, bevor ich ihn aufzog und anfing mich bei Menschen zu verabschieden. Leider wurde ich bevor ich los kam noch nach Werbe-Spots gefragt, mit der Anforderung den Namen der ausführenden Person zu sagen, und danach auf Swahili, dass dem Mann doch bitte mehr Arbeit gegeben werden soll. Ich war seit laaanger Zeit nicht mehr so nicht-komfortabel, aber die beiden freuten sich und ich durfte gehen. Ich kam an allen Gruppen vorbei, schüttelte Hände und wurde zum Podest geführt, wo ich dann in voller Montur mit Rucksack, barfuß und mit meinem neuen Wanderstock neben der wunderschönen Braut stand und wir gemeinsam Fotos nahmen. Sie war sehr freundlich zu mir, aber mir kamen nicht die richtigen Worte, um ihr zu sagen, wie toll ich sie finde. Ich ging und wünschte ihr alles Gute.

Endlich wieder auf der Straße sah ich, dass die Sonne einigermaßen tief und nachtreif war. Auf der ersten Straße wurde ich schon bald von dem Bus der Damen eingeholt und jene nahmen mich auf ihrem Weg zurück nach Arusha genau für diese Straße mit. Danach teilten sich die Wege. Ich ging nach links um aus Moshi heraus zu kommen. Ein Booda Fahrer bot mir ein Stück Geld an und ich durfte es gegen eine kurze Fahrt eintauschen und genoß das sehr. Er setzte mich bei seiner Endstation ab und meine Sicht auf den Kilimanjaro war noch nie eine bessere. Mit diesem Umstand im Rücken begann ich den Weg eine Weile. Der Booda hatte mir nochmals geraten, wie viele LKW-Fahrer nach Tanga und Dar es Salaam fuhren und er brachte mich damit ein wenig näher an etwas Neues, das ich bisher prokrastiniert hatte. Ich fand eine Brücke und den leeren Flussverlauf, als die Sonne kurz vor ihrem Ende Stand. Ich lief den Weg entlang und fand in dem grobsteinigen Bett das einer Mondlandschaft ähnlich war, final eine glatte Stelle unter einem Baum und schlug mein Zelt auf. Ich gekletterte den unfassbar steilen und erdigen Seitenhang, um den Sonnenuntergang und den Kilimanjaro in einem zu bewundern, musste feststellen, dass meine Zoom-Kamera nicht mehr richtig mitmachte und genoß den Moment umso mehr ohne Handy. Selbstverständlich. Ich erkundete den Fluss noch eine Weile ohne Gepäck, fand einen Weg aus dem Bett hinaus und über Felder in die sporadisch besiedelte Gegend und genoß weiterhin den Ausblick auf den größten Berg Afrika’s. Die Nacht würde bald beginnen, und mit ihr meine bisher größte Lebensangst. Ich schrieb diesen kommenden Eintrag zitternd um 3 Uhr nachts.

Lebensangst 

Es ist 3:30 Uhr morgens und ich liege unter zwei Tüchern am schwarzen Plastikboden meines Zeltes, mein Pullover als Kopfkissen, der Gehstock auf der einen Seite, das französische Opinel-Messer auf der Anderen. Eine Stunde lang wagte ich es nicht mich zu bewegen. Jedes Geräusch schien mein Ende zu bedeuten. 

Ich liege in einem Flussbett, zeltend, in Tansania in der Nähe des Kilimanjaro’s. Seit zwei Wochen reise ich mit Rucksack und Zelt durch das Land, aber in solch einer Situation war ich bisher nicht. Ohne Frage hätte ich angstfrei und völlig unbedacht durch die Nacht schlafen können, aber ich hatte Anlass es nicht zu tun. 

Als ich aufwachte, hatte ich heftig geträumt. Ich war wieder zuhause in Deutschland bei Familie und ich hatte mein Vater zusammen gebrochen in unserer Dusche gefunden, der Körper bläulich blass angelaufen in einer Lache aus Wasser am Keramikboden liegend. Dass ich ihn mit einer Herzrhythmusmassage wiederbeleben konnte, spielte für meinen Gefühlszustand im Zelt eine eher geringe Rolle. Danach machte ich an meine Eltern verdiente Sprachnachrichten und versuchte gegen den Willen des Internets Instagram Stories zu posten. Jene hätten meine letzten sein können. Meinen Eltern versuchte ich meine Lebenslage zu erklären und wie viel Verständnis ich auf einmal für alle ihre Sorgen und schlechten Träume hätte. Wie sehr zerrissen ich mich zwischen ihnen und der Welt fühle und wie ich nie Eines gegen das Andere tauschen wollte.  

Als ich das Knurren hörte, war es circa eine halbe Stunde später und schlafen konnte ich aus den Gründen des Vollmondes nicht. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein solches Geräusch gehört und meine Gedanken waren ohne Umschweife sofort darauf entschlossen, dass dies nun mein finales Ende mit zwanzig Jahren wäre. In einem tansanischen Flussbett werde ich spektakulärer Weise von einem Gepard oder einer Hyäne gefressen. Ich wusste auswendig wo meine Bauchtasche lag und griff nach ihr, während das Knurren lauter wurde, schob den Reissverschluss zur Seite und griff mein treues Essmesser. Mit der anderen Hand suchte ich ohne mich zu viel bewegen zu wollen nach meinem blassbraunen Gehstock mit den selbst geschnitzten Symbolen meiner Bewegung, der 42 und dem Ankh-Cross eingraviert. Ich setzte mich ruckartig auf und starrte mit einer Anspannung und Klarheit in den erdigen Hang auf der gegenüberliegenden Flußseite, keine 15 Meter entfernt und lauschte dem Knurren mit einer absoluten und natürlichen Wachheit. Ich fand mich mit einer urmenschlichen Angst um das eigene Leben konfrontiert. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden und da ich keinen Ausweg sah und keines Wegs auf eine direkte Konfrontation hoffte, gab ich nun mein innerstes, animalischstes Geräusch, welches ich nicht geplant hatte und noch nie von mir selbst hörte. Meine Stimme brodelte und Luft gurgelte in meinem Rachen, ich fauchte einen Schrei und stieß das laute Hauchen eines Teufels aus, um dann aus tiefster Brust ebenfalls zu knurren, immer wieder unterbrochen von meinem tiefem Gebrüll. Mein Schnaufen zwischendurch ging wieder über in das dunkle Gurgeln meiner Stimmbänder und so saß ich unter höchster Anspannung in meinem Zelt, zitternd, aber durch die Aufregung nichts spürend. Meinen Herzschlag könnte ich erst wieder in ein paar Momenten empfinden. Denn als mein Gegenüber sein ungewöhnliches Knurren einstellte, lauschte, und stattdessen begann wie ein normaler Hund zu kläffen, entspannte sich Vieles in mir mit einem Mal für eine gewisse Zeit, um zu realisieren, welches überirdische Glück mich grade ereilt hatte. Dass es nur ein Hund wäre, hätte ich mir nie erträumen können. Meine ehrlichste Einschätzung war mein eigener kommender Tod. Ich kämpfte ein weiteres Mal im Leben mit der Angst um meinen eigenen Tod. An das letzte Mal erinnere ich mich nicht.

Was nun beginnen würde, kam mir beinahe noch brutaler vor als die Angst, die ich beim ersten Knurren fühlte. Für alle kommenden Stunden in diesem Flussbett in Tansania würde ich klar empfinden wie gefährlich der Ort war, an dem ich mich grade befand. Wie viel Unwissenheit mich an diesen Ort brachte und in welch großer Gefahr ich mich tatsächlich befand. Zwar hörte ich ein paar Erinnerungen mit Freunden aus der Gegend sprechen, dass es in Moshi sicherer wäre, als in Arusha, aber das schien mir nur die kleinste aller Linderungen zu sein. Ich merkte nur was mein Körper durchlitt bei jedem kleinsten Geräusch, bei jedem Flügelschlag der Fledermäuse, bei jedem Anfahren eines Autos in der Nacht. Die Insekten schienen einen akustischen Schleier um das echte Geschehen zu legen. Hundebellen von meinem neuen Freund ganz nah, und überall in der Gegend verteilt. Große Angst und ein beständiges Zittern befiel mich und dank meiner besonderen Vorstellungskraft durfte ich beständig im Geiste mit jeder Art von Tod kämpfen. Die Vorstellung, wie solch ein Klauen tragendes Wesen an meine Zeltwand fallen würde mit einem Fauchen, welches das letzte Geräusch meines Lebens wäre und ich mit Glück versuchen müsste, in der richtigen Sekunde mein Opinel mit genug Kraft in das Halsfleisch zu rammen. Ich erinnere mich wie physisch schwer es war dem Huhn den Hals vor ein paar Tagen zu zerschneiden und ich wunderte mich welche Auswirkungen mein mittelfingerlanges Messer bei einer menschengroßen Raubkatze haben sollte.  In mir kursierte die Illusion, dass die Zeltwand einen kurzen Schutz und einen kleinen Vorteil darstellen würde. Der Gedanke an ein Rudel, welches viel wahrscheinlicher wäre als ein Einzeltier, und mein absolutes Ende in jenem Fall, war mein ebenfalls beständiger Begleiter durch diese Stunden. Ich fragte mich ob wilde Tiere wohl durch einen solchen ausgetrockneten Flussverlauf wandern würden, der zwischen ein paar Siedlungen entlang führte und ich sah keinen einzigen Grund in der Welt, warum sie das nicht sollten. Ich fragte Gott, ob er seine Finger im Spiel hätte und ob er mir nun endlich den Glauben schenken würde, wenn ich doch fest überzeugt wäre, dass jenes Tier vorhin alles gewesen sein könnte, und nur dank ihm zum Hunde wurde... Ich wäre bereit gewesen ihn als meinen Retter anzuerkennen, aber stattdessen lag ich fürchterlich wach und leicht in den Oberschenkeln zittern da, lauschte so furchtbar genau auf jedes einzelne Geräusch und lebte Albträume in meinem Kopf. Wenn ich die zwei Tücher über meinem Gesicht hatte, mit der Idee vor dem Mondlicht geschützt wieder schlafen zu wollen, überredete mich mein Körper auf böse Weise von anderem. Meine Füße wurden kalt und mein Rücken schmerzte bitterlich von dem harten, steinverzierten Boden. Das Insektenorchester dröhnte furchtbar in meinem schlaflosen Kopf und das Alles wurde mit der Zeit nicht weniger schlimm. Ich war fest überzeugt davon an dem falschen Ort zur falschen Zeit zu sein.

Nun konnte ich im Endeffekt beim Morgengrauen einschlafen und wurde erst wieder von vorbei trabenden Kuh- und Ziegenherden geweckt. Aber manche der Geräusche in der Nacht taten schlimmste Dinge zu meiner Psyche. Alle Paar Minuten schaute ich mit einer Intensität in die schwarze Leere den Flußverlauf hinunter. Die Geräusche kamen mir schlimmer vor, als wenn ich etwas gesehen hätte. Ich hatte das Gefühl, dass etwas Sichtbares eine Art Sicherheit mit sich brächte. Einmal kam ein kleines katzengroßes aber dickes und ebenso felliges Wesen an meine Zeltwand und wollte es sich scheinbar bequem machen. Durch die gesamte Anspannung der vergangenen Stunden reagierte ich kaum darauf, aber ermahnte es mir dem Wort ‘Wewe’ welches immer von Müttern an ihre Kinder benutzt wird und einfach nur ‘Du’ bedeutet. Wenn meine Hündin Paula im House of Hope in Mwanza Mist bait, ist das dasselbe Wort, das ich benutze. Mein kleiner haariger Freund nimmt reiß aus und lässt mich ängstlich und allein zurück. Was für eine Nacht.

Lernen tue ich vieles. Von der Hochzeit oder Verlobung wusste ich nun, dass ich sowas niemals hätte, weil meine Menschen des Herzens in der ganzen Welt verteilt sind, aber ich sehe die Schönheit einer großen nahen Familie ganz klar. Vom Booda Fahrer bekam ich die erneute Idee mit LKW Fahrern für den Notfall zu reisen und diese Nacht brachte mir einen ordentlichen Respekt vor dem Leben bei und ich kann versichern, dass ich so schnell nicht wieder im nächst besten Flussbett schlafen werde, sondern beginne Menschen einer Siedlung direkt anzusprechen, ob ich nicht bei ihnen unterkommen könnte. Ich muss generell wieder auf das Niveau kommen, welches meine soziale Kompetenz mit Frankh hatte. Ich muss auf Menschen zukommen können, auch wenn bisher alle immer auf mich zukommen. Ich probier das heute, also am nächsten Tag direkt mal aus. Ich sitze im Zelteingang, grüße ab und zu die vorbei kommenden Hirten und genieße die frische Luft, den Schatten und das Geräusch der großen gelblichen Heuschrecken überall um mich herum. Bis zum nächsten Mal. Mein Laptop hat keinen Akku mehr, also mal schauen, wann ich wieder schreiben kann.

#10 TZN-Journal - Hochzeit und Lebensangst