Wer sich erinnert: es ist ein Tag seit meiner Zeltnacht im Flussbett und dessen Geräuschen vergangen und am Abend des darauf folgenden Tages bin ich auf diese wunderbare kleine Familie auf Reisen getroffen. Nach unserem gemeinsamen Abendbrot durfte ich in einem vom Papa bezahlten Gasthaus unterkommen und wir befinden uns chronologisch am Morgen darauf.
Mein Raum hatte zwei kleine Betten, einmal in leuchtend grün bezogen und das andere himmelblau. Meine Nacht fand tatsächlich in einem der beiden Betten statt, was nach zwei Wochen des Reisens das erste Bett unter meinem Rücken war. Außerdem war ich kleidungstechnisch so wundervoll integriert, in grünem T-Shirt und Decke aus grün schwarzem Tuch, dass das linke Bett unmöglich gemieden werden konnte. Eine wundervolle Nacht später fand ich mich also reichlich früh wieder bei Bewusstsein und startete mit einer Dusche, einer Runde Zahnreinigung durch Zeigefingers Spitze und einem einigermaßen einsehbaren Outfitwechsel. Ich saß auf dem Bett und schrieb bis zu der Uhrzeit zu welcher mein Narugift und Abendbrotspender von gestern meinte vorbeischauen zu wollen. Beinahe vergaß ich meine Ladestation und Adapter, aber ein junger Mann kam mir hinterher geeilt und brachte das gute Stück zurück in meinen Besitz. Dann war es an mir die gestern vom Narugift ausgegebene Avocado, Parachichi genannt, mit einem alten Herrn zu teilen, der zuerst nach Geld fragte, meine Erklärung anfangs mit einem Lachen und Handwink ablehnte und kurz danach dankbar essend meiner Geschichte lauschte. Seine Haltung hatte sich überraschend schnell verändert und wir beide waren dankbar für die durch das Opinel abgetrennten Stücken grünem Fruchtfleisches. Als ich allein an dieser Straßenseite stand und wartete, entschloss ich mich durch einen kleinen aber essenziellen Unterschied gegen das Warten und hin zum Zeitnutzen durch Mediation… dass das kein bemerkenswerter Unterschied ist, darf man kommentieren, wenn man einen nur optisch durch Observation beurteilt, aber zu wissen wie unterschiedlich das bewusste Augenschließen und Anwesen-Sein ist, vom gelangweilt im Wartezimmer sitzen und darauf zu hoffen, dass die Zeit doch endlich verginge, ist gewaltig. Inzwischen müssen wir uns nicht einmal mehr mit dieser herrlichen und natürlichen Langeweile beschäftigen und konfrontieren, sondern wir haben das Smartphone, welches wir unbewusst und sofort zur Hilfe rufen, um uns vor diesem ungewissen Abgrund des Nichts-Tuns zu retten.
Ich saß also am staubigen Boden und genoß das Existieren in ihrer mir zustehenden Fülle. Beim Reisen hatte ich oft die Chance dazu. Außerdem geht diese Art der meditativen Art der Wahrnehmung flüssig über in all die Passagen, in welchen ich dann stundenlang alleine laufe. Eine Stille und Ruhe begleitet mich und gibt mir die innere Kraft den Schmerz des Laufens richtig zu verarbeiten. Bevor es aber zum Laufen kommt, fährt allerdings mein Narugift an. Es hatte bereits angedroht mir heute noch einmal zu helfen und ich hatte wie bereits geschildert, aufgegeben ihm diese Idee auszutreiben. Da kam er also und lachte bei meinem Anblick, wie ich am Boden saß und ihn angrinste. Ich dackelte an sein Fenster und grüßte ihn recht herzlich mit der Formel Shikamo kaka, habari za asubuhi? Ihm ging es gut, und meinen Respekt nahm er auch gerne an, um sich danach über meine Nacht und meine Pläne zu erkundigen. Ich erzähle ihm wie ich das Laufen beginnen werde und dann auf eine Mitfahrgelegenheit hoffe. Er sieht ein, dass sein Pensum an die möglichen Grenzen kommt, um einem ohne Geld reisenden Jüngling auf seinem Weg zur Seite zu stehen und deswegen zaubert er stattdessen eine Stofftasche mit Früchten hervor. Einmal drei Mangos, und drei gelb-orange leuchtende mehlig zuckrige Früchte, die ich noch nie zuvor sah und er zeigte mir ein Video seines schönen Gartens, um deren Ursprung aufzudecken. Wir teilen uns einer dieser unglaublichen Fruchtkörper und ich zerfließe vor Geschmack und der Sonne über mir. Es ist zehn Uhr morgens und als nächstes nimmt er ein Bündel Geldscheine aus der Tasche und ich weiß was kommt. Er erklärt mir wie sehr er mir und meiner Reise helfen möchte, und ich erkläre ihm wie wenig ich selber das Geld brauche, aber wie ich es für ihn mit nach Mwanza bringe und wenn ich es nicht gebrauchen konnte, dann für das House of Hope spende, bei welchem ich immer noch für ein Jahr als Freiwilliger angestellt bin. Er scheint sehr einverstanden damit und freut sich eine hübsche Mitte gefunden zu haben. Ich verspreche ihm erneut ihn und seine Familie, vor allem seine 12 jährige Tochter in ein paar Monaten wieder zu besuchen und wünsche ihm nur das Beste, bevor ich mir umdrehe und wieder auf der Straße bin. Viel passiert heute nicht auf der Straße, aber nach einer Weile sitze ich am erhöhten warmen Straßenrand mit guter Aussicht über die Landschaft und den langsam entfernten Kilimanjaro. Dabei esse ich eine Mango, noch so eine wundervolle goldene Mehlfrucht und ein bisschen Popcorn, welches ich gestern Abend noch bekommen hatte. Nur ein bisschen, denn der Zucker stört mich und der rote Belag soll bestimmt einen attraktiven Geschmack haben, aber für mich schmeckt er nach grandiosen Baumbabies eher bitter. Als ich weitergehe hätte das beinahe einen Knöchelbruch mit sich gebracht, so doof wie ich im rutschigen Erdhang stand, aber die Füße halten inzwischen einiges aus und auch hier hatte ich wieder Glück. Ein Booda Gespräch später und eine weitere Person hat meine Nummer. Ein paar Kilometer liegen vor mir und die anfängliche Energie und die Freude und das Lachen über die Barfüßigkeit schwinden nach einer absehbaren Weile. Meine Haltung wird schlechter und ich beginne meinem Körperbau die Ehre zu nehmen. Ich komme an einer Tankstelle vorbei und die Jungs die grade einen Truck zerschraubten, sind mir in ihrem Ideenreichtum eine Hilfestellung. Ich komme an einem Checkpoint der Polizei vorbei und bevor sie mich bemerken, komme ich nahe genug um die Interaktion aus Polizist und Busfahrer zu sehen. Der Busfahrer hatte anscheinend irgendetwas nicht, dass definitiv von ihm gebraucht wurde. Man sah es an der Art seines Aussteigens. Beim Vorbeigehen wurden dem Polizist grade seine 5K Shilling zugeschoben und ich machte die Schritte hinter das Auto, sodass ich nicht gesehen wurde. Die Interaktion hätte ich mir unangenehm vorgestellt, aber ich merke, dass das ein Hirngespinst war.
An einer anderen Stelle meines Tages mache ich eine völlig zufällige Sprachnachricht an meine kanadische Mutter namens Gili. Ich hatte grade das Lied vor mich hingesingsangt, welches wir jeden Freitag vor dem Abendessen gemeinsam mit allen in unserem Haus zu ihrem Familienritual gesungen hatten. Zusammen mit meiner vierköpfigen jüdischen Familie und unseren vier geistig eingeschränkten Mitbewohnern. Eine schöne Erinnerung und dieser Erinnerung zur Liebe machte ich dieser wundervollen Frau nun eine Audio und erzählte auch ihr als Mensch der Ferne von meiner Reise. Solch eine Verbindung aufrecht zu erhalten gibt mir viel und dennoch mach ich es nicht oft genug. Menschen der Vergangenheit eine Gelegenheit zu geben mein Leben mitzuverfolgen, ist und bleibt mir eine Schwierigkeit. Schade für die Betroffenen. Ich stolpere beinahe über eine tote Fledermaus, als ich diese Audio vor mich hin brabbel und dazu passend erinnere ich mich an meine Fledermausinteraktion in Kanada, als ich eine davon im Wohnzimmer per Hand fing. Dass es sowas wie Tollwut in der Welt gibt, erfuhr ich eine Weile danach. Zwei Wochen später. Beinahe zu spät, aber Dank fünf Tollwutimpfungen durfte ich mein damaliges Kanadajahr beruhigt beenden. Zurück zur Straße, auf welcher es nicht viel außer die Landschaft zu berichten gibt. Ich gebe die Hoffnung inzwischen auf, dass jemand anhält und mir sagt, dass ich einsteigen darf. Das hatte in Europa nie geklappt und ist hier ähnlich unwahrscheinlich. Einmal sah ich einen kleinen Haufen aus Lumpen und auf den Metern bis dahin hatte ich wirklich gebetet, dass kein Leben darunter liegen würde. Als ich die Person mit Krücken neben sich liegen sah, musste ich hoffen, dass noch Leben unter den Klamottenfetzen sein würde. Er schlief neben der Schnellstraße und hatte eine aufgeschnittene Plastikflasche neben sich für Kleingeld wirklich mitten im Nirgendwo. Ich kann mir nicht ausmalen wie der gute Mann überleben soll, aber nur falls er es tun sollte, legte ich ohne dass er es bemerken würde einen 10K Shilling Schein in die Plastikflasche und ging. Kurz musste ich überlegen ob jemand Vorbeilaufendes das Geld von einem behinderten Bettler nehmen würde oder ob der Wind sein Unheil bringen könnte, aber ich entschied mich gegen das Aufwecken und ging. Dann kam ich in einen Ort mit kleinem Markt und viele haltenden Lkw’s und wusste, dass das nun meine Gelegenheit wäre, diesem Tag ein bisschen Distanz einzuhauchen. Ich fragte genau einen Lastwagen, klein und rot für Colgate arbeitend, und der junge Mann reagierte in der Weise, die ich übersetzen ließe mit: ja, wieso eigentlich nicht…? Ich durfte meinen Rucksack im Anhänger verfrachten, wo er zwischen Welten aus Pappkartons auf mich warten würde und stieg vorne zu meinen beiden Helden des Tages. Sie meinten circa 40 Kilometer zu fahren und in eine Stadt namens Mwanga, Mikamin. Klingt so ähnlich wie zuhause. Wir fuhren diese Distanz gemeinsam und dort angekommen waren wir gute Freunde. Sein junger Beifahrer lud mich auf ein Essen ein, während er mit seinem Chef ein kurzes Telefonat über mich führte. Danach wollte auch er und sein Chef mir Geld vermachen und ich konnte sie nicht auf das NGO-Geschäft überreden. Dieses Geld sollte zuerst mir und später meiner Familie des Abends gehören… ich ändere kurz den Schreibstil zur geliebten Erlebnisdichtung.
Ich sitze in dem kleinen Raum und dessen dunkelgrünen, zerrupften Teppichs auf welchem ich plus Zeltunterlage meine Nachtstunden verbracht hatte. Neben mit sitzt im Schneidersitz die sechsundzwanzig jährige Mutter von zwei der drei anwesenden Kindern. Sie hat ihren jüngsten, etwas dicklichen Sohn an der Brust und starrt gebannt auf den Fluss aus Buchstaben, welcher inzwischen durch das viele Praktizieren ohne Probleme auf den Bildschirm strömt. Sie hatte mich grade gefragt etwas von meinem Geschriebenen zu übersetzen, und ich merkte, dass dort die klare Grenze meiner Swahilikenntnisse läge. Wir wohnen hier zu sechst und als ich gestern an ihrem kleinen Geschäft an der Hauptstraße vorbeistreifte, wurde ich eifrig herbei gewunken und bevor ich ankam stand schon der herbeigeholte Stuhl für mich bereit. Ich lernte zuerst den Papa und seine älteste Tochter kennen und später kamen seine Frau, deren Kleinster die mittlere Schwester vorbei. Wir saßen so neben der Straße an ihrem winzigen Stand und dem dazu gehörenden Haus dahinter, während ich auf schmutziges Wasser und ein Mittagessen eingeladen wurde.
In dem Raum in dem ich sitze steht auch ein Bett. In jenem liegt der Vater namens Misana und er schläft, während sein nackter jüngster und einziger Sohn laut und ungeschickt zwischen uns am Boden Sitzenden umherschwirrt. Wir sind alle geschwitzt und satt. Es gab so unendlich viele Früchte zu essen, dass ich wirklich dem Platzen nahe bin, und grade kam das heutige, also morgige Mittagessen dazu, plus Tee und mehr Früchte, mit Chapati. Diese Familie ist unfassbar arm und wir haben eine Nacht und einen Arbeitstag gemeinsam verbracht. Ich habe in diesem Zelt gecampt, in ihrem Klo auf zwei Steinen und dem Abgang in Stein gehauen. Falls mein Schreibstil nicht auf dem höchsten Stand ist, dann liegt das zu neunzig Prozent am lauten Umfeld und zu zehn an der Müdigkeit. Als wir gestern um elf Uhr zu Bett gingen, dachte ich nicht, dass der Tag wieder um sechs starten würde. Ich hatte den Wecker auf 7:30 Uhr gestellt und dachte allen Ernstes, dass ich dann noch zeit zum Schreiben hätte. Stattdessen ist es jetzt Nachmittag und wir haben den Morgen durch auf ihren kleinen Feldern gearbeitet. Papa Misana hat keinen Job, begann sein Leben in Dar es Salaam und wollte von dem Leben als Booda Fahrer fliehen. Hier wollte er neu beginnen, aber mitten im Land gibt es wirklich nur begrenzt Perspektive. Auf meine Frage hin würde er am liebsten Pfarrer sein, aber wünschen tut er sich mehr Land zum Ackerbau und das Wachstum seines klitzekleinen Geschäfts an der Straße.
Als ich am Tag zuvor ankomme, bekomme ich sofort einen Teller voll mit gekochten Bohnen und gekochten Mais in einer Suppe. Ich darf mich vorstellen und während ich das tue, kommen seine Familie dazu und es startet ein mittelmäßiger Regen, der mich die Freundlichkeit der Menschen noch mehr wertschätzen lässt. Eine nette Damen mit einem Eimer voller kleiner Fische kommt vorbei und wird ein Teil des Geschehens für ein paar Minuten. Sie ist eine nette und sehr interessierte Frau aus der Nachbarschaft. Kurze aber nicht geschorene Haare, zwei fehlende Schneidezähne, klar erkennbare Pupillen trotz der Dunkelbrauen Iris und ein witziges Gesicht, wenn sie mich ungläubig mit halboffenen Mund anschaut. Ich mag sie sehr. Meine Narugift-familie ist mir aber mindestens genauso lieb. Es kommen über den Abend immer mal wieder Menschen vorbei und schon relativ früh wurde mir verständlich gemacht, dass dieses Zuhause mein Platz für die Nacht wird. Sie holen ein Brett aus hartem Material, auf welchem die Quadrate eines Schachbrettes mit Edding aufgetragen sind, allerdings nur zu Teilen, da der Edding nicht reichte. Die restlichen Vierecke sind in Wirbeln gekritzelt worden. Das Spiel heißt Drafti und nach einer Weile habe ich den Dreher raus. Wir sitzen später alle gemeinsam in dem kleinen Geschäftsraum in dem zwei kleine Reihen von Sodas stehen. Ein Bildschirm zeigt eine koreanische Aktionserie, von welcher die Folgen alle nur 11 Minuten haben. Das synchronisierte Swahili ist so herzzerbrechend, dass ich die Show nicht in Fülle ernst nehmen kann. Das Abendessen ist ein schmackhafter gelblicher Berg aus Ugali und eine Handvoll aus Mchicha Grünzeug. Das kleine Brüderchen wird mit beträchtlicher Entschlossenheit gefüttert, sodass ich mir beinahe Sorgen mache. Der Papa, wenn auch eine wunderbar nette Person, scheint absolut davon überzeugt, dass sein Sohn ein dickes Kind werden würde. Die Mama, welche diesen Auftrag auszuführen hat, tut mir dementsprechend leid. Die Familie besitzt ein kleines Stück Land plus circa elf Hühner und ein einziges Zieglein in Schwarz. Auf der anderen Seite der Straße werden wir später noch unser Abendessen erjagen, welches zusammen mit dem Ugali reichlich sein wird. Bitte nicht stolpern, Chronologie hustet… als mir die Gegend vorgestellt wurde, hatte ich meinen größten Anteil des Staunens bisher. Wir tauchten in ein so tiefes Gebiet der kleinen Landwirtschaft ab, in einem Wald aus Palmen und Mangobäumen und kleinen Feldern, drei kleine Flecken Land gehörten ihnen dort, wo sie Okrapflanzen, Mais, Kasava und Mangos hatten. Wir pflückten Mangos, Grünzeug namens Mchicha und kamen dann über einen kleinen Bach. Mir wurden Gummistiefel wegen den Dornen in die Hand gedrückt und ich trug sie für eine Weile, bis meine Hacken Alarmzeichen gaben. Dann erreichten wir einen Baum, den ich nicht so schnell vergessen würde. Zuerst dachte ich, dass Datteln daran hängen würden. Dann entpuppte sich die Frucht als etwas schwärzer und weicher und dann beim Kosten als alles andere als Datteln. Der ganze Baum war voll mit kleinen schwarzen Bündeln dieser Art und die Frucht war etwas so dermaßen süßes, dass es gar keinen Spaß macht nun davon zu berichten, ohne es wieder schmecken zu können. Unser Papa kletterte voran und für einen Ende dreißig jährigen war er unglaublich geschickt und schnell. Ich konnte nichts derartiges in diesem Tempo nach ahmen, aber auch ich kam irgendwann in die Baumkrone. Wir pflückten fleißig, ich zum eigenen Genuss, er um seine Familie zu ernähren und das Resultat war schnell sichtbar als er eine Tüte gefüllt hatte und ich mit rotem Mund und einer Hand voll Reben durch die Blätter blickte. Das Zurückklettern war ein ehrlich schwerer Vorgang, aber die Mama namens Fatma war mir mit Kommentaren behilflich. Sie saß mit ihrem Baby am Boden, das Kind in das Tuch eingewickelt, mit Spaß bei der Sache. Am Boden wurde mein Gehstock aus Moshi wieder mein und wir machten uns auf den Heimweg, damit ich dann Drafti spielen konnte und gemeinsam mit meiner Familie aß… so jetzt sind wir richtig. Später ging ich in das Zimmer für mich, davor duschte ich auf einem Steinboden stehend, der sogar mir als Hirni ohne Schuhe reichlich zu denken gab. Der Schlaf war gut, aber kurz, wie schon erwähnt, und am nächsten Morgen ging es viel zu früh weiter.
Heute also. Das war der Tag, an dem ich tatsächlich das erste Mal die Chance hatte, meinen Gastgebern meinen Dank durch körperliche Arbeit zu zeigen. Mit einer Ausrüstung von eineinhalb Geräten ging es zu den Feldern und vier neue wurden angelegt. Wir arbeiteten viel noch vor der Sonne mit …
Hier bricht der Schreibfluss und wir befinden uns wieder in einer neuen Zeit. Ich gehe über in den Moment, um das Geschehene aufzuholen. Es ist ein Tag später und gegen jede Vermutung bin ich immer noch am selben Ort. Am heutigen Morgen lernte ich schon das nächste Krankenhaus kennen, allerdings ohne selbst Betroffen gewesen zu sein. Der Tochter meines Gastgebers geht es inzwischen auch wieder gut. Wir machen dort weiter wo wir gestern zum Erliegen kamen.
Auf dem Weg zu den Feldern der kleinen Familie waren wir zu dritt plus Ziege an einer dreifach verknoteten Leine aus drei verschiedenen Materialien. Wir haben ein Gerät namens Jembe dabei, welche aus einem langen Holzstiehl und einer Metallklaue am Ende besteht. Damit wird gepflügt. Eine weitere Jembe bekommen wir von einem Nachbarn geliehen und eine dritte winzige liegt versteckt unter einem Fetzen Klamotten an einer großen Palme bei den Feldern. Der Ort ist siebzig Meter entfernt von der großen Straße und wir sind umringt von zwei Mangobäumen und Palmen, Bananenbäume überall, jede Menge Felder, die brach ohne Saatgut da liegen, oder bereits umgegraben sind. Büsche aus mir unbekannten dünnen langen Blättern, die aus dem Boden in Bündeln sprießen, kleine Bäume der Kasavawurzel, flache Felder aus Pflanzen des Mchicha’s oder Okra’s und etwas weiter steht ein kleines Maisfeld. Wir sind im tiefsten Grün und von hieraus sehe ich nur ein kleines braunes Haus aus Lehm, welches in dem Wald aus Nutzpflanzen steht. Eine Gruppe aus Jungen sitzt etwas weiter hinter einem kleinen Bachlauf mit ihrer Ziegenherde im Schatten eines sehr großen Mangobaums und daneben steht diese Art von Baum, von welcher wir uns gestern satt aßen. Die schwarze kleine dattelähnliche Frucht mit dem kleinen Gehäuse im Innern, dessen grüne Kerne mit einer violetten dünnen Haut umzogen sind und das Fleisch welches als Mantel darum liegt und triefend violet ist. Der Baum ist gigantisch und die Jungs sind furchtbar verwundert, als sie mich über den Vormittag hindurch mit meinen beiden Narugiftern arbeiten sahen.
Das Frühstück zuhause bestand aus einer Handvoll dieser eben beschriebenen Früchte zum Gehen und bei der Arbeit wird alle Stunde mal eine Pause gemacht um die neben uns wachsenden Mangos zu essen. Beide Sorten sind verhältnismäßig klein, die eine gold-orange und sehr süß saftig, die andere leuchtend Hellgelb und mit der sauren Süße einer Ananas. Wir beginnen vier Felder umzugraben, indem wir kleinere Vierecke durch einen kleinen Erdhaufen umrahmen und dann das Innere umgraben, bevor wir es mit Augenmaß eben ziehen. Das Spiel geht den ganzen Vormittag so und Mama macht ab und zu ein Bild für mich. Sie hat ein gutes Gefühl für Kameras, aber hatte davor noch nie ein Smartphone zum Ausprobieren. Die Sonne kommt höher und es wird anstrengender. Einmal entfernen sich Misana plus Ziege und ich uns für ein paar Minuten, um mit einem befreundeten Ehepärchen in der Nähe zu reden. Diese stopften grade Säcke voll mit den Büscheln aus grünem dünnen Gras, welches hüfthoch wuchs und ich könnte mir vorstellen, dass man eine Faser zum Materialfertigen gewinnt. Die beiden sind höchst überrascht über meine Präsenz, über mein geringes Swahili und meine nackten Füße. Sie reden für eine Weile und Misano macht sich daran zwei kleine Bäume zu fällen, die anscheinend ihm gehörten, um an die Wurzeln der Pflanze zu kommen. Es ist ein Kasavabaum und der Brocken Wurzeln war überraschend. Ich erkannte die Wurzel sofort, auch wenn man sie sonst nur poliert überall an Straßenrändern zum Verkauf findet. Hier kommt sie grade frisch aus der Erde und mit einer geschwungenen kurzen Zahnklinge wird mir ein weiß scheinendes Stück Fleisch aus der erdigen Kruste geschnitten. Das Ganze schmeckt natürlich wunderbar auf hungrigen Magen, aber davon brauch ich dir, geschätzte lesende Person, nichts erzählen. Tut mir leid, dass der Geschmack nur meiner ist und man ihn durch Worte nicht teilen kann.
Die Arbeit geht weiter, aber so auch der Sonnenverlauf und deshalb standen wir am Ende in der prallen Wucht des hellsten Sterns und schwitzten die letzten Meter ordentlich. Als alles fertig war gab es das Saatgut für die Okrapflanze und Mais. Drei Reihen Okra pro Beet und dazwischen zwei Reihen Mais. Wir arbeiten so zusammen, dass jede Partie einen kleinen Teil übernahm und man schneller voran kam, und trotzdem brannte die Erde beinahe Blasen in unsere Fußsohlen. Danach ist alles geschafft und wir essen wieder Mangos. Misano pflückt sie geschickt, oder wirft sie mit unfassbar präzisen Würfen vom Baum und wirft sie mir zu, damit ich sie fange. Einmal ging ich noch tiefer in die umliegende Gegend, um das Naturgeschehen isoliert zu genießen und ich konnte tief versinken in dem alles umgebenen Grün, dem angenehmen Wind der laut durch das Blätterdach floss, die Vögel und das Zirpen der gelben Heuschrecken, die anscheinend nicht zum Essen sind, so meine hier wohnende Mama. Die Sonne glitzert durch die Mangoblätter und der Boden ist noch ein ganz bisschen feucht von dem Regen, der kam als ich gestern mein neues Zuhause erreichte.
Auf dem Nachhauseweg treffen wir auf den Dorfvorsitzenden, den sogenannten Chairman und ich werde ihm vorgestellt. Er saß grade mit ein paar anderen älteren Herren beisammen plus dem Chairman des Nachbardorfes und alle hörten interessiert zu. Danach wurde ich herzlich eingeladen wieder ein Teil ihres Lebens hier zu werden. Erfreulich! Zuhause gab es eine Kleinigkeit zu essen und ich konnte mich ein wenig ausruhen. Wir alle warteten gemeinsam in dem Raum in dem ich schlief und in welchem ich dann auch den Artikelteil weiter oben verfasste. Einmal schaute mein Papa Misana durch meine Dokumente und fand eine Nummer, die sein Interesse weckte. Ich saß völlig baff und verwirrt da, als er auf einmal jemanden anrief und über mich sprach. Er drückte mir kurz darauf sein Telefon in die Hand und auf der anderen Seite sprach mein Boss Janet aus Dar es Salaam zu mir. Das Ganze war so unerwartet, dass es mich ordentlich aus der Bahn warf, aber ich war froh ihre Stimme zu hören und fragte an, ob ich nach meinem Seminar kurz bei ihr an der Schule in Vikindu leben könnte. Sie stimmte herzlich zu und wünschte mir eine tolle Zeit, bevor ich sie zu Misana zurück gab und jener noch kurz mit ihr sprach. Nun schien er absolute Gewissheit über mein Sein zu haben. Vertrauen ist ein Geschenk und die Menschen vertrauen mir sehr. Aber ich könnte genauso auch ein flüchtender, gesetzloser Immigrant ohne Visa sein…
Als sie mich überreden konnten eine weitere Nacht bei ihnen zu bleiben, begannen wir die Vorbereitungen für die nachmittägliche Arbeit, um die Mangos ihrer Bäume zu ernten. Mit Säcken und Eimer machten wir uns auf den Weg an der Straße entlang und hinter das Haus einer bekannten Familie. Die Straße ist um diese Zeit mäßig befahren und sie meinen, dass sie schon seit Ewigkeiten hier gewesen wäre. Dabei sieht sie neu aus. Das immer noch befahrene Bahngleis ist anscheinend von den Deutschen zu ihrer Kolonialzeit hier gebaut worden. Dass ich davon immer noch herzlich wenig Ahnung hab, ist nach vier Monaten kaum noch zu vertreten. Schade auch, dass man in der Schule nie was davon gehört hatte.
Wir verbringen den Nachmittag und Abend damit fünf große Mangobäume in einer weiten Fläche verteilt, abzuschütteln und dann die fallenden Früchte zu sortieren. Säcke und Eimer voll mit getrennten reifen und noch grünen Früchten. Und während wir das machen, esse ich Früchte in einem Ausmaß, dass ich das nicht nochmal freiwillig machen könnte. Mit Fatma sitze ich meistens neben den Bäumen, während Misana in alle Baumgipfel klettert und auf Ästen steht, denen ich im Leben nicht zugetraut hätte, dass sie auch nur ein Kind halten könnten. Wir beide reden viel und spielen Spiele mit den Händen, ein Handschlagspiel von ihr und ‘Schoko-schoko-lala’ von mir. Wir werfen uns Früchte zu, essen gemeinsam und ruhen uns aus, bis ihr Ehemann alle Äste gebührend abgeschüttelt hat und alle anwesenden Früchte versammelt in der zweiten und flachen Dimension des Bodens ankamen. Dann heißt es sammeln und sortieren und so geht das Spiel bis es dunkel wird. Dann laufen wir mit 25 Kilo Säcken bepackt wieder zurück und mir wird das Barfußlaufen zu einer fordernden Aufgabe, denn sehen kenne ich nichts und das Gewicht allein wäre schon Problem genug gewesen. Trotzdem wird alles geschafft und am Straßenrand zusammen gefüllt, verschnürt und dagelassen, für morgen. Wir laufen zurück und ich finde die beiden Töchter wie sie in ihrem winzigen Raum sind, in dem sie auch für die Familie kochen. Sie teilen sich eine kleine rote Marterte, ein Schulrucksack hängt leer an der Wand und einem Nagel. Alles in dem Raum ist schäbig und alt. Ich durfte mich duschen und setzte mich dann in ein blaues Tuch gehüllt zu ihnen. Mit der Kleinsten spielte ich Daumen-Catchen und wir lernten zusammen Englisch und Swahili. Irgendwann übernahm meine Erschöpfung meine Fähigkeiten und ich legte mich seitlich auf das kleine Matratzenstück mit der Hand in der Hand meiner kleinen Freundin und schlief ein, bis ich mit fertigem Essen, warmen Reis mit Tomatenstücken geweckt wurde. Ich aß, während meine kleine Freundin große große Schwierigkeiten hatte auch nur einen Happen herunter zu bekommen. Ihre große Schwester tat einiges um ihr zu ‘helfen’ und beide hatten Angst davor, was ihr Vater sagen oder machen würde, wenn sie nicht aufessen. Wie ernst die Lage war, würden wir erst sehen, wenn die kleine Tochter morgen mit völlig geschwollenem Gesicht und Kopfstellen aufwachen würde und wir ins Krankenhaus reisen.
Ich geh kurz in der Gegend spazieren und bleibe vermutlich noch eine dritte Nacht. Allen geht es wieder gut und der kommende Tag wird ein sehr entspannter. Mein Akku gibt auf und ich weiß nicht, wie lange der nächste Strom auf sich warten lassen wird. Wir lesen bald wieder von einander.