Wir erinnern uns… knietief stehe ich zur Zeit noch in Dar. Beziehungsweise sitze ich auf einer kleinen hölzernen Bank ma Straßenrand und kau auf harten Maiskörnern herum und versuche zu genießen was mir gegeben ist. Es klappt. Kurz danach komme ich der angestrebten großen Straße nach Dar es Salaam Mitte deutlich näher und treffe dabei nicht auf einen Lift in dem Sinne, aber auf eine Person, die mich auf dem gesamten Fußweg bis in die Stadt hinein begleiten würde. Ich sprach ihn an und er war unwahrscheinlich dankbar dafür, denn er hatte auch versucht mich anzuquatschen, aber hätte sich vielleicht nicht dazu gebracht. Relativ direkt kommt er zum Punkt und er ergreift die Situation sofort und erzählt mir ungefragt von seinen Träumen, was ich sehr wertschätze. Seine Frage lautet ob ich mit der Einordnung von ‘Special Souls’ etwas erdenken könnte… kann ich, aber nicht das was er damit meinte. In seinem Konzept meint er mit Special Souls nicht Menschen mit Autismus, sondern eine besondere Art von Kind, welche für ihn Helden darstellen. Es sind jene Kinder mit einer Familiensituation, in welcher sie von früh auf verpflichtet sind einer Arbeit nachzugehen, um Geld für ihre Geschwister und für ihre Eltern zu verdienen. Halb- und Ganzweisen, Kinder mit behinderten und stark verletzten Eltern. Er nennt sie Special Souls und basierend auf dem Opfer, welches sie in so jungen Jahren bringen, sind sie das auf jeden Fall. Sein Anliegen geht darum, dass er als Vater in Tansania in seiner gesamten Zeit noch keine NGO entdeckt hatte, welche sich diesen Kindern verschrieben hätte. Er kennt niemanden der sich für sie stark macht und lange Jahre hatte er den pulsierenden Wunsch eine NGO für sie zu gründen. Ich weiß nicht an was es gefehlt hat, ob es am eigenen Entschluss mangelte, oder er keine Investoren fand, aber den Grund, den er mir gegenüber nennt, ist, dass er keine Texte verfassen konnte mit denen sich die essenziellen Spenden hätten finden lassen können. Ich hatte nicht erwähnt Schriftsteller zu sein und finde den Zufall wieder tiefer berührend, als es sonst nötig gewesen wäre. Auf unserem langen gemeinsamen Spaziergang lernen wir uns gut auf Englisch kennen und ich gewinne einen guten Freund in dem Mann aus Arusha, der wirklich an allen Orten des Festlandes und seiner Insel gelebt und gearbeitet hatte. Eine seiner Geschichten handelt von einem Touristen, den er auf Sansibar antraf, welcher junger Sohn eines Ölunternehmers aus Norwegen ist, und in Folge des wahnsinnigen Reichtums seines Vaters nur die Welt der Öffentlichkeit hinter den breiten Rücken seiner omnipräsenten Security Guards kennen lernte. Schade für das Kind, ehrlich… mein Freund, der übrigens Kennedy heißt, erzählt wie dieser junge Sohn sich also endlich aus dem Griff seines beschützenden Vaters reißen konnte und jenem sagte, er würde nun die Reise seines Lebens durch Afrika vornehmen, gänzlich ohne den sonst bekannten Schutz. Die beiden trafen sich auf Sansibar und da Kennedy fließend Englisch spricht, das gesamte Land kennt und dem Sohn vermutlich so sympathisch war wie mir, erzählt er mir von den drei folgenden Wochen in welchen die beiden gemeinsam durch sein Heimatland reisten und alles sahen, was es zu erleben gibt.
Kennedy ist Busfahrer auf den Straßen von Dar es Salaam, wie mein Papa Busfahrer in den Straßen von Berlin war und nun grade anfängt in Zürich als derselbe zu arbeiten. Mein Weggefährte kennt meine Situation in Detail und versichert mir einen Weg finden zu können, der mich definitiv nahe zu dem Ort bringt, den ich grade so verloren versuche anzustreben. Irgendwann wird die lange Straße Teil der Stadt und es wird immer dichter und das Gedränge immer präsenter. Als auf der Straße das erste Mal alles ins Stehen kommt, nähern wir uns einem Bus den er kennt und jener nimmt uns durch die schiebbare eiserne Angeltür hindurch auf. Kennedy fährt für eine Weile mit und weil wir bei Freunden von ihm sind, ist das Ganze nicht mit Kosten verbunden. Er erklärt mir die Route und die Busse, welche in meine Richtung von Vikindu fahren. Ich höre viele Namen zum ersten Mal und gebe das Merken auf, bin aber optimistisch unter Menschen zu sein, die allesamt die ungefähre Richtung kennen würden. Der Name des Ortes der die Richtung des Ziels angibt ist Mbagala und zumindest das kann ich mir merken. Bald kommt mein Freund an seinem Ziel an und wird mit dem Aussteigen aus dem Bus zu der nächsten schönen Erinnerung. Seine Ambition und der Wunsch nach solch einer NGO bleibt mir lange im Gedächtnis und ich hoffe auf die Begebenheit um dann zu begreifen, wie ich ihm bei seinem Streben zur Seite stehen kann. Würde er wissen, wie leicht die Schritte zu seinem Ziel sind, würde es ihm vermutlich leichter fallen anzufangen.
Ich sitze in einem Bus und frage den Busfahrer nach langen und vielen Minuten durch große Straßen der Stadt und engere Straßen der großen Märkte direkt an der Straße, ob wir nun in Mbagala angekommen wären. Ich sitze in dem zum Platzen vollen Bus ganz vorne links, bei einem Bus der von einem Busfahrer auf der rechten Seite sitzend gesteuert wird. Linksverkehr in Tansania, falls ich es nie erwähnt hatte. Es gibt sieben Sitz rechts, dann eine flache Fläche auf der Menschen sitzen können dazwischen und einen kleinen Sitz ganz links, und da sitze ich. Der Busfahrer erklärt mir alles und schaut mich verdutzt an, als ich nicht so antworte wie ein Tourist auf Durchreise, sondern wie eine Kirchmaus ohne Geld. Bei dem Gedanken ich würde Abend noch irgendwo hinlaufen, holt er seinen Tagesverdienst hervor und gibt mir 1.000 Schilling, 40 Cent, damit ich mir die nächste Busfahrt bis zum Ziel leisten könnte. Ich bedanke mich sehr und quetsche mich aus der engen Tür und wünschte ich hätte die kühle Abendluft und die Freiheit mehr genossen, bevor nun als nächstes geschehen würde was eben kam. Eine Weile stand ich in Mitten der nicht durchschaubaren Marktdynamik voller kleiner Holzstände, noch voller von Menschen die im Markt unterwegs waren oder einen Meter daneben auf der Straße standen und sich in Wellen zu den Türen der kommenden Bussen drängten. Ich habe Geld in der Hand und war wie alle Anderen für eine Weile, ein Umstand der mir nicht ganz behagte, denn es hieß, dass ich mich mit riesigem Rucksack in einen der übervollen Busse quetschen müsste. Mir bangte es und ein umherlaufender am Straßenrand, der Menschen zu ihren Bussen schickte, erbarmte sich irgendwie halb um mir zu helfen, schaffte das aber nicht. Ich weiß nicht wieso, aber ihm drückte ich mein Geld in die Hand, vermutlich in dem Versuch ihn ein bisschen loszuwerden. Falsch. Jetzt war ich wie alle anderen bei dem Versuch einen Bus zu erwischen, nur mit dem Unterschied kein Geld zu besitzen. Das ist kein Optimum. Und doch kam irgendwann ein Bus und mein Dude des Wegrandes deutete mir mich sofort in die Hintertür zu quetschen in der bereits Menschen standen und herauszufallen drohten. Ich hatte für 15 Minuten an der Straße gewartet und musste anscheinend wahnsinnig geworden sein, denn ich versuchte mich dann wie mir befohlen wurde, in jenes Gefährt zu zwingen. Mein Zelt welches quer auf meinen Rucksack auflag, war mehr als hinderlich, aber ich siegte irgendwie. Dann stand ich auf drei engen Stufen die in einen bis zum Anschlag gefüllten Bus führten. Barfuß, na klar! Ich zog mich an einer Stange hoch und befand mich direkt neben den fünf besetzten Sitzen gan hinten im Bus und saß auf der Stange, die ihnen vielleicht eine Handstütze gewesen wäre. Mein Rucksack lag damit einem dieser Menschen breit auf dem Schoß. Ich saß nicht ganz, weil meine Knie sich nicht einknicken konnten durch die Menschen die vor mir standen, während meine Füße Schmerzen litten und auf der unteren gelben Stange standen. Wie ein Huhn. Die Straßen waren Hölle und das größte sich entpuppende Problem stellte die Tür und ihr abwesender Wärter dar. Sie schloss nicht richtig und öffnete sich wiederholend in ihrer Schiene hin und her gleitend. Ich versuchte also um mein Leben diese Tür zuzuhalten, weil ich mehr oder weniger mit ganzen Gewicht in jeder leichten rechts Kurve gegen sie geworfen wurde und das resultierte in meiner ersten Quetschung und in dem schönsten blauen Fleck im Mittelfinger, als das eiserne viereckige Ding bei einer Kurve plus Schlagloch ganz gefährlich einrastete und meinen Finger Teil des Schauspiels machte. Ich hatte nur verzweifelt versucht mich festzuklammern und das schien mir nicht wie die faire Entlohnung für einen solchen Aufwand. Meine Stirn war wie eine zu volle Wolke und tropfte beständig ihren Inhalt an die Gäste unterhalb von mir ab. Ich schwitze so schlimm wie vielleicht noch nie und bereute sehr so lange nichts getrunken zu haben. Ich wusste noch einen einzelnen Schluck Wasser im Rucksack zu haben und litt an der Vorstellung an der Getränk. Ich versuche vermutlich in zu vielen Worten mein Leid darzustellen, aber egal wie viele Worte, das eigentliche passiert in deinem Kopf. Es kommt auf dich an ob du nachvollziehen kannst wie es ist, nach einem sehr anstrengendem und sehr langen Tag der am Strand von Bagamoyo begann, jetzt noch eine absolute Maximalbelastung dehydriert auszuhalten. Ich hab’s ja geschafft und hör schon auf mich zu beschweren, aber ich bereute so sehr diesen Weg gegangen zu sein anstatt drei Stunden gelaufen zu sein und höchstwahrscheinlich einen netten Lift bekommen zu haben. Busse sind toll, keine Frage, aber das war keine Busfahrt sondern ein Höllenritt mit 20 Kilos auf dem Rücken.
Als ich die zu kleine Tür ein zweites Mal passierte, grinste ich dann wieder in die kühle Nachtluft von Vikindu. Ich bin angekommen, mal wieder, und fühlte mich grausam erleichtert, unsicher ob ich noch lange am Leben bleiben würde. Nach ein paar Schlücken Wasser war die Sorge wieder nichtig und ich machte mich auf den Weg zum Stammimbiss der Freiwilligen in Vikindu, um meinem Freund Hassan und seinem Laden meinen ersten Besuch abzustatten. Als ich ihn sah, war er maßlos begeistert und überrascht. Nichts hatte auf mein Erscheinen hier hingedeutet und er freute sich maßlos, als er die Verbesserungen in meiner Sprache hörte, nachdem er mir in meiner ersten Woche in Tansania schließlich meine ersten Worte genau hier beigebracht hatte. Als ich ihm von der Reise erzähle, ist der Mann der mir davor auch nicht wirklich bekannt war, wegen unserer Sprachbarriere, auf einmal ein sehr Vertrauter, mit echten für mich begreifbaren Gefühlen und Rührungen. Mit ihm diesen Austausch zu haben verrät mir vieles über den Weg, den ich seit jener ersten Woche hier zurück legte und der Weg beinhaltete mehr als nur Distanz. Es war schön Hassan endlich kennen zu lernen und ich setzte mich hin, bestellte etwas zu trinken für Geld, welches ich ausgeben würde, nachdem ich immer welches dabei hatte und beende meine geldlose Reise für beinahe zwei Wochen, während ich in Vikindu bleibe und das Lebend er anderen Freiwilligen miterlebe. Ich bekomme eine heiße Milch und ein Wasser, zwei Chapati und eine unfassbar gute Süßkartoffel und esse in aller Ruhe, während die Nacht und ihre Menschen um mich her existieren. Ich sitze direkt an der Straße. Auf meinem Weg zur Schule, welcher kilometerlang durch die Hinterlandschaft aus sandigen Wegen führt, muss ich ein zwei Mal nach dem Weg fragen und komme, bevor ich die Schule erreiche, an dem Laden eines guten Freundes namens Abdul vorbei. Ein unwahrscheinlich klar denkender junger Mann mit tollem Englisch und dem absoluten Wunsch ein freiwilliges soziales Jahr in Deutschland zu machen. Er begrüßt mich herzlich und wir laufen gemeinsam zur Schule, reden schon ein wenig und wissen beide wie viele Gespräche wir noch brauchen, um wirklich auf dem Stand er Dinge zu sein. Wir kommen beim zweiten Tor der Schule an, dass mit viel Glück offen geblieben ist, wo ich dann ohne Umschweife zum Fußballfeld aus Sand neben dem Garten am Hang laufe, meinen Cashewbaum ausfindig mache und mein Zelt aufschlage. Abdul kehrt zu sich nach Hause. Ein schneller Schlaf übermannt mich auf dem schwarzen Plastikboden mit Poncho als Decke und ich wache an einem Sonntag wieder auf. Zwölf Tage in Vikindu liegen vor mir und ich bin aufgeregt ohne diese Dauer zu wissen. Ich bin erst einmal angekommen und kenne die Menschen des Ortes, mag die Arbeit und habe nichts zu befürchten. Der Komfort wird mich eine Weile hier festhalten, bis ich eben kein Geld mehr besitze und weiter muss. Es ist eine inklusive Schule, die nahe angelegt an das Konzept von Waldorf arbeitet und welche als das Hauptprojekt meiner Organisation hier zählt und damit eine legitime Einsatzstelle für mich zum mitarbeiten darstellt. Ich freu mich und erzähl dann ausführlich von der Zeit. Bis dahin!