Jetzt hab ich schon beim Beginn des Schreibens ein dickes Grinsen in der Mundpartie, weil mich der Titel genauso überrascht wie es euch Lesenden zusteht. Mir kommt kein Schimmer von Ahnung aus welchen Tiefen mir das entkroch, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich es nachher so in Kontext einbetten könnte, dass wieder etwas daraus wird. Ich sitze grade am dem Tischlein auf dem eine chinesische Nähmaschine mit Schmetterling drauf steht und beginne diesen Eintrag um 11:16 vormittags, nordtansanischer Zeit, denn - ich bin nicht wie noch im letzten Schreiben in Dar es Salaam. Dar ist von gestern, oder genauer vorgestern. Heute sitze ich wieder beim höchsten Berge Afrika’s, aber das ist eine lange Geschichte… ich verweise auf Lobrecht beim Diebstahl seiner Witze, wenn ich sage: ich mache es wie ein Tennisspieler beim Aufschlag - und hole aus… wir befinden uns auf der gemeinsamen Busfahrt in Dar es Salaam mit einem Doktor aus Deutschland und seiner tansanischen Frau zu dem Haus einer guten Freundschaft.

Als ich euch das letzte Mal losließ und der Ungewissheit überließ, waren wir grade dort angekommen, wo meine Nacht Gestalt annehmen sollte. Ein langer Tag durch Dar hatte mich zu einer Kirche geführt und wegen der tiefen Dunkelheit geschmückt von der blendenden Helle aller Dinge einer Stadt in meiner Optik, fühlte ich mich zum Denken über Schlaf veranlasst. Manchmal sind Kuchen ja so drauf, dass sie wildfremde Menschen bei sich übernachten lassen… das ist eine nicht überprüfte Falschannahme, die mir aber in dem Moment des Straßenwechselns durch die Birne huschte, dabei hatte ich auf der Reise bisher schon in bester Freundschaft bei der Familie einer Pfarrerin in Moshi gelebt, und nicht einmal sie durfte mir die Bleibe für eine Nacht erlauben. Ich bin also gesegnet von Ignoranz und nähere mich aus jenem Grund. Ich versuche den Eingang zu finden und stolpere über zwei Security Guards hinter einer Ecke, die grade am quasseln und futtern waren, die nicht wenig erschreckt über meine Erscheinung hinter einer Ecke hervor waren und die mir sehr klar machten genau dort stehen zu bleiben und einen Schritt zurück zu machen. Die AK-47 auf seinem Schoß sah nach einem Spielzeug aus, aber weil er es ernst meinte, wollte ich dem Wunsch keines Wegs widersetzen. Die Beiden klebten dann an meinen Lippen, während ich begann zu erzählen und einer ließ sein Essen stehen, um mich um das Gebäude herum zu seinem Kollegen zu führen. Der ältere Herr, der mir erzählt in dem historisch bedeutenden Gefängnis in Mwanza direkt am See mit Sicht auf den Bismarck Rock für 13 Jahre gearbeitet zu haben, ist einladend aber macht mir verständlich, dass meine Fantasien einer Nachtruhe hier keine Luft zum Atmen haben. Jetzt könnte man trocken anmerken, dass es das Grundstück einer Kirche ist und natürlich genau hier Wunder passieren und dass natürlich jene Wunder in der Form von einem gut genährten, weißen Engeln mit weißen gewellten langen Haaren erscheint, Bodo heißt und aus Deutschland kommt. Hanover.  Lustiger weise guckte mich mein Engel und späterer Nachtruhenverhelfer Bodo noch überraschter an, als ich ihn. Man muss dazu anmerken, dass  ich inzwischen echt kaum mehr von Zufällen überrascht werden kann. Ich grüße ihn auf Swahili mit Shikamo, wie sich das gehört, und er antwortet in einem Englisch, dass von deutscher Sprache trieft und mich zum lächeln bringt. Er hat Augen, die von Intellekt zeugen, eine Art im Umgang die mich wohl fühlen lassen und Gespräche in purem Geistesaustausch ermöglichen ohne die Grenze und Blockade, die Alter, Titel und Respekt einem manchmal in dem Weg stellen möchte. Respekt hatte ich aller größten und auch wenn unser heutiger Abend kein langer wird, nehme ich trotzdem einiges für mich mit, was mich einen Tag später wieder hier her treiben wird. Vorerst stellt er mich seiner tansanischen Frau vor, mit welcher er hier auf dem Grundstück lebt. Er ist gemeinsam mit ihr Gründer einer NGO und arbeitet vor allem mit autistischen Kindern. Eine Information, die mich wieder zum lächeln bringt und mir schwirrt die chinesische Bezeichnung für jene im Kopf umher, bei welcher sie als Kinder der Sterne bezeichnet werden. Wir unterhalten uns für eine halbe Stunden und haken die Grundzüge von Einschätzungen des Gegenübers ab, stellen Gesellschaftsanalysen an und vergleichen, schauen in die Geschichte und erste Namen beginnen zu fallen… als er anfängt mir die ‘Entfremdung’ von Marx beschrieben, auszuführen, verliere ich mich ganz in dem Gesprächsfluss und dem zuhören und hätte wohl hier für Wochen bleiben können. Aber ich werde aus dem Träumen geweckt und mir wird von beiden lieblichen Menschen ein Vortrag ihrer Sorgen gehalten. Ich weiß nicht wie ich reagiere und lasse sie ihre Fantasien ausleben, was alles geschehen könnte und lausche den Erzählungen über menschliches Verhalten während der Proteste Ende letzten Jahres, die mit größter Gewalt genau hier in dieser Straße wüteten. Ihr Menschenbild hatte sich besser als meines angepasst, allerdings wäre ich mit ihren Ängsten nie vor die Tür gekommen, ehrlich. Bodo’s Frau trägt den schönen Namen Angelika, Englisch betont, und ihr fällt auf einmal ein Name ein, der Bodo zum frohlocken bringt. Ernest! Na klar!! Ernest ist die Lösung und wir alle drei sind perplex, wie uns das nicht früher einfallen konnte. Bodo zückt sein Tablet, ein Gerät welches ich schon seit Jahren nicht mehr in Person gesehen hatte, und das arme Teil sah aus, als hätte es ein Todesdatum auf die Stirn tätowiert. Für die E-Sportler unter euch: das Teil hatte einen Bildschirm mit der selben Beschaffenheit eines Himmels in Fn, in welchem sich grade ein Rift auftut und Charaktere fliegend erscheinen. Für alle denen das nicht sagt -.hier ist ein gefrorener See, auf welchen mit größter Wucht ein mittelgroßer Meteor einschlug und ganzflächig im Eis chaotische Verwüstung hinterließ. Jetzt tippt er auf dem Teil aber für eine Weile und auf einmal beginnt ein Ton zu läuten, der nach dem Signalbimmeln eines Smartphones klingt. In welcher Welt wäre ich jetzt darauf gekommen, dass Tablets funktionsfähige Handys darstellen? Nicht in dieser. Ernest’s elektrische Wellenstimme erscheint einem wie im Traume und froh erkundigt er sich nach den Anrufenden, die ihren Teil des Geschehens vortragen und mich und meine Geschichte dann einfließen lassen, um zu fragen, ob ich nicht bei ihm verweilen könnte und er klingt begeistert, ohne mich zu kennen. Toller Mann, konnte ich in dem Moment schon sagen. Meine beiden Lieben hier vor Ort entscheiden sich dann noch mit mir gemeinsam zu jener Busstation zu fahren, laden mich auf jene Fahrt ein und ich darf das erste Mal in meinem Leben einen Gelenkbus in Tansania erleben. Wenn ich von jenem kleinen Erlebnis nun eine vollständige Erlebnisdichtung anfertigen würde, also den Raum und sein Geschehen, die optischen Einzelheiten und alle Gedanken dazu festhalten würde, dann wärst du als lesendes Individuum angeödet von der Gleichheit. Nur aus jenem Grund möchte ich mich auf die Unterschiede beschränken und jene sind nur ein ganz Großer. Die Türen schießen mit Luftdruck gepresst auf wie keine zweite. Jedes Mal rammelt es und dann schließt sich die Todesschrecke wieder, die wirklich so wirkt, als hätte sie bereits Kinderarme auf dem Gewissen, die nicht schnell genug herein sprangen. Bodo könnte lebhafter von dem Erlebnis berichten, aber ich hatte ihm ins Gesicht geschaut, als es passierte und somit ist meine Perspektive auch keine allzu schlechte. Wir kamen in den Bus hinein und stellten und an den Mittelgang und hielten uns oben an der gelben Stange fest. Es gibt in jenem Bus auch Schlaufen, aber ausnahmslos alle wurden zerrissen. Es sieht eher aus wie Sabotage als zu lange Nutzung. Der Bus ist nicht alt, seine Türen und der Ausgang liegen auf einem Meter zwanzig höhe, um perfekt in die Busstationen in der Mitte der Straßen hinein zu führen, die eine Anhebung sind. Als wir da so standen und die Türen noch nicht miterlebt hatten, kamen wir an den ersten Stopp und waren grade tief im Gespräch, als die Türen aufsprengten und sich in den Innenraum öffneten, genau dort dahin wo mein lieber Bodo mit der Brille auf der Stirn umrahmt von weißen Haaren stand. Der Rahmen schlug ihm mit Anlauf ins Gesicht und traf ihn zentral auf die Stirn. Das sah schmerzhaft aus und er äußerte seine Entrüstung durch zwei kleine zornige Tritte gegen den Übeltäter und ich beschaute seine Stirn auf welcher ein kleiner tropfen roten Blutes über weiße Haut rann. Das hatte was und ich gratulierte ihm zu dem schönen neuen Attribut seines Gesichtes, bevor wir wieder ernst über die Welt und Deutschland grübelten, was genauso viel Spaß machte. 

Als wir ausstiegen und sie mich ihrem altbekannten Ernest übergaben, kannte ich Bodo nun schon beinahe eineinhalb Stunden. Da ich ihn morgen wieder treffen werde und wir nochmal was zu quatschen haben, kann es sein, dass der Rahmen einer einfachen Schrift gesprengt wird. Ich werde vermutlich einfach nur weitergeben, was ich als allgemeinen Mehrwert einschätze. Der Rest gehört meiner Erfahrung und meinem kleinen Herzen. Ich umarme Bodo, der mich an meinen Vater erinnert, thematisch, seinen Augen und in der Frisur und verabschiede ihn und seine Frau bis morgen. Ein flüssiger Übergang in die Hände meines neuen Narugift’s geschieht und in der Sekunde als wir uns gemeinsam wegdrehen und den Weg starten, sind wir schon vertieft in unser eigenes Gespräch was uns tief in die kommende Nacht führen wird und ebenfalls den Morgen schmückt, bevor ich meinen Zuhause für eine Nacht wieder auf wiedersehen wünschen kann. 

Ernest ist super. Er lebt in einer Gegend, in der Häuser nicht allzu nahe bei einander stehen. Das ist nicht der Grund dafür, dass ein Boden und Haus sop schön sind, sondern es ist einfach ziemlich groß, schöner Garten, einnehmender Hausumfang mit hübschen Säulen vorne an und einem kleinen Shop seiner Frau am Eingang zu seinem Rasen; ein Detail welches nicht weit verbreitet ist… Rasen. Ernest lernt mich für eine Weile kennen und das Anfangsgebot, dass ich auf seiner Veranda zelten dürfte, bleibt nicht lange bestehend, bevor er mich ins Haus einlädt, mir seine Tochter vorsteht, den Teppich zeigt auf welchem ich schlafen dürfte, was ich nicht tun werde, mir Essen (Spaghetti) anbietet und die Toilette und Dusche zeigt. Jetzt bin ich wie zuhause. Wir reden also eine lange Zeit bei Wasser und Nudeln über seine Arbeit als Fahrer, mitunter für die belgische Botschaft hier in Tansania. Er erzählt von den abgelegensten und schönsten Orten, die er durch seinen Job schon bereisen durfte. Er spricht ausgezeichnetes Englisch und ich kriege unglaubliche Einblicke. Vom Leben in Dar es Salaam, zum finanziellen Aufwand und seiner Vielschichtigkeit für einen Vater beispielsweise seine Tochter großzuziehen und ihr alle Möglichkeiten zukommen zu lassen. Er teilt alle Details zu Kosten und Aussichten, was unendlich spannend ist. Seine Jüngste studiert Medizin und er ist grade arbeitslos, aber mit den permanenten Gebühren für Schule und Überlebenskosten einer gesamten Familie konfrontiert. Spannende Einblicke und ein wenig leide ich mit. Er lächelt aber in einer Wärme, die nicht zulässt, dass ich mich zu sehr sorgen dürfte. Er scheint ein unglaublich toller Papa zu sein. Mit ihm kann ich meine eigenen Zukunftsideen noch in ganz anderen Maßstäben ausleben, als mit jungen freundlichen Männern an der Straßenseite, die ihren Reis mit mir teilen. Hier bekomme ich tatsächliche Perspektive und Hoffnung und dennoch soll alles was hier gesprochen wird, noch in dem tiefdunklen Schatten des kommenden Gespräches mit Bodo stehen, der dieses Gespräch auf eine andere Art und Weise überragt. Mit Ernest geht es viel um kulturellen Austausch und berichte aus unseren beiden Welten, Lebensumstände und Ereignisse, Naturnähe der verschiedenen Völker der Erde und Biographien. Ein Beispiel wäre, wenn er mir über sehr abgelegene Dörfer berichtet, die sich selbst versorgen, aber Probleme mit Elefantenherden haben, die auf ihren Gemüsefeldern trampelt und Ernten zerstören. Die Menschen des Dorfes können dann die Regierung kontaktieren, jene schicken jemanden, der die Tiere vertreibt, aber töten dürfen sie die Elefanten seit der Zeit der Tourismuspolitik nicht mehr. Im Austausch erzähle ich ihm von dem dicken Mann in rotweißer Kleidung, der sich durch Schornsteine presst, mit einem Schlitten, Rentieren und maßlos großem Geschenke-Jutebeutel durch die Gegend fliegt, von Coca Cola erfunden wurde, Kekse und Milch bei seinem Besuch zuhause an Heiligabend mag und in Tansania Father Christmas genannt wird. Ernest mag die Vorstellung, dass Kinder daran glauben könnten, hatte aber zuvor noch nie etwas davon gehört. 

Er holt uns eine große Flasche Wasser und erklärt mir die verschiedenen Swahilibezeichnungen für die Arten von Wasser. Maji ya kunywa für Trinkwasser, Maji kuoga, Duschwasser, Maji kuosha oder so ähnlich für das Wasser beim Kleidungs- oder Geschirrwaschens. Er zeigt mir bald darauf meinen Schlafplatz, welches ich ohne lange Umschweife nach einer angenehmen Dusche reichlich verdient einnehme und lange Zeit nicht einschlafe. Beim Schlafen auf dem Boden gibt es eine große Aufgabe, eine große Entscheidung die auf Willenskraft basiert, die die gesamte Nacht entscheidet. Wenn ich mich am Anfang auf den Rücken lege und ein Gebet spreche, was ich durch mein Jahr in Kanada mal auswendig gelernt hatte, dann liege ich auch für eine weitere Weile auf dem Rücken und kann lange nicht einschlafen. Wenn ich nun Schwäche zeige und mich für mehr Komfort auf die Seite drehe und versuche meine Position zu verändern und mich in anderer Position wohler fühlen möchte, dann habe ich verloren… mein Körper wird während der gesamten Nacht im Schlaf weiter diesen Ansatz verfolgen und hoffen eine bessere Position durch Bewegung und Wendungen zu finden. Aussichtslos wenn man auf dem Boden liegt und alles was das tut ist, mit deiner Schlafqualität zu interfieren. Ich hab nachgeschaut und das Wort ‘interfieren’ gibt es so nicht im Deutschen. Im Englischen schreiben wir to interfere und das hatte sich vernünftig angefühlt zum Anglizismus zu werden. Wir sind gespannt auf die Zukunft der Linguistik. Aber bevor ich abdrifte noch kurz zu meiner Schlafhaltung, wenn ich die Geduld und Stärke vor dem Einschlafen besitze und wenn ich es schaffe mich nicht zu bewegen, für jene zehn oder fünfzehn Minuten die es braucht. Dann liege ich wie tot auf der Erde, die Hände über meinen Abdomen gefaltet, also dem Teil des Bauches unterhalb des Bauchnabels. Als mich Loana mal so liegend in unserem Wohnzimmer in Mwanza gesehen hatte, meinte sie ich schlafe wie eine Nonne. Größtes Kompliment seit langer Zeit und ich bewundere dieses kleine entdeckte Geheimnis des absolut ruhigsten Todesschlafes, bei welchem sich ein Gefühl der tiefsten und besten Erholung nach dem Aufwachen in einem breit macht. Man könnte auch viele Stunden schlafen und unausgeruht sein, aber diese Technik scheint auch in kürzerer Zeit die tiefste Regeneration des Körpers anzustoßen. Vielleicht klappt das auch in Betten, aber ich kann nur von Bödenerfahrungen sprechen. Jetzt liegt es an dir das mal auszuprobieren und mir am besten Feedback zu schreiben. (Instagram @Gen.ZM). Ich schlief unruhig, aber lange genug, während morgens die Familie von Ernest aufbrach, um sich mit vier anderen Familien zu treffen, ein allsamstägliches Ritual, bei welchem sie zuerst beten und sich später über Situationen, Neuigkeiten und Probleme austauschen. Eine wundervolle Sache, durch welche ich hindurch schlafe. 

07.02.2026

Ich begann schon früh mit dem Schreiben, aß die kleinen Überbleibsel von der Schale mit Spaghetti und baute den Artikel ‘Frei Schnauze’ über zwei Stunden hinweg. Dazu möchte ich mal erwähnen, dass ich alle 23 Artikel der Reise bisher immer ohne Kontrolle, ohne Überarbeiten in die Welt des Internets entlasse, was keine Vorteile außer Unverfälschtheit, Authentizität und Zeitsparen hat, allerdings wird der echte schriftstellerische Spaß für mich erst so richtig anfangen, wenn ich beginnen darf die Texte zu überarbeiten und sie dann als fertige literarische Leistung aufbewahren kann. Stand jetzt ist, dass ich das ausschließlich für mich selbst zur Praxis des Schreibens, zur Erinnerungsaufbewahrung und zum Erlebnisteilen mit Eltern und ein paar Freunden tue. Wenn das mal ein publiziertes Buch werden sollte, dann eben höchstens dafür, um den Umsatz an die Einsatzstelle meiner Arbeit gehen zu lassen, als Spende. Das würde ich moralisch wieder vertreten können. Oder wenn zuhause in Deutschland ein Problem eintritt, könnte ich mir nur vorstellen helfen zu können, indem ich Dinge publiziere. Sonst habe ich ja keinerlei Besitz und andere zu unterstützen ist zwar denkbar schwer wenn man kein Geld besitzt, aber dadurch dass ich Menschen der Welt kenne und lernen durfte was hinter dem Geld steckt und was echte Werte sind, mache ich mir darüber sehr wenig Sorgen. Vielleicht naiv, vielleicht aber auch mit einem Verständnis, welches aus einer Weile des Weltbereisens hervor geht. 

Als Ernest wiederkommt, bin ich in den Endzügen meiner Schrift und wir werden noch eine weitere Weile in ein schönes Gespräch versinken. Ich fand den Austausch besonders schön, weil er menschlich und persönlich gehalten wurde. Wir drifteten nicht in die Politik oder das Weltgeschehen von Dingen die wir im Medium Internet gesehen hätten, sondern berichten pur von dem, was wir am eigenen Leib erfahren hatten, was wir von anderen Menschen lernen durften, was wir erlebten in unserer sehr verschiedenen Zeit auf Erden. Es gab nur ein pures und angeregtes Interesse beider Seiten und um uns herum existiert das intensive Grün seines Gartens, die gelben Blumen eines Busches, die fünf hohen Palmen, ein Avocadobaum der keine Früchte tragen wollte, wegen des Küstenklimas, zwei Nadelbäume, die definitiv nicht natürlich dort gewachsen waren, der schon beschriebene Rasen und kleine Tiere. Weiße Schmetterlinge um rot blühende Bäume herum, kleine braune Nager die aussehen wie Frettchen, die im Garten ihr Unwesen trieben, kleine Affen in den Baumkronen, die laut Ernest immer früh morgens und abends vorbei kommen, Vogelgesang der dem in Europa nicht unähnlich ist, denn ich sehe viele kleine Spatzen und andere Vögel, die mir vertraut erschienen. Ich packe meine Sachen zusammen, hatte mein Handy wie immer bei Narugiftern laden dürfen und bin bereit. Der Rucksack ist immer schwerer geworden, auch wenn ich manchmal Dinge zurücklasse. Ungewollt ist meine einzige Jeans zum Beispiel noch in Vikindu an der Schule. Die Geschichte dazu ist, dass ich in meiner ersten Woche in Tansania schon dort war und beim Aufbrechen meinen über alles geliebten Poncho dort vergessen hatte, jenen den ich nun wieder habe und täglich anhabe und bei Nacht als Decke nutze, mein heiligstes Gewand, und nun beim zweiten Besuch in Vikindu ließ ich meine Jeans trocknend an der Wäscheleine hängen. Doof, aber zum Glück habe ich noch meine inzwischen wieder zerfetzte Leinenhose. Ich brauch dringend Stoff… Wortwahl, ups.

Ich breche auf und Ernest kommt mit. An der großen Straße erzähle ich von meinem Plan wieder zu Bodo zu laufen und das wird vermutlich an die drei Stunden dauern. Er dachte ich breche nach Dodoma auf und ist nun völlig entschlossen mir die kurze Fahrt zu Doktor Bodo auszugeben. Er joggt nach Hause und lädt mich in einer Bar ab, in welcher ich bald umringt von drei Betrunkenen angenehme zehn Minuten verbringe. Sie kaufen mir Bier und eine Kippe und ein Wasser und schlussendlich werde ich glücklicherweise wieder von Ernest dem Guten befreit. Er bringt mich zur Bushaltestelle in der Mitte der Straße, wir umarmen uns und wünschen uns alles Gute. Dieser zwischenmenschliche Austausch war ein wesentlich tieferer als man das einfach mal so in einem Blogeintrag beschreiben könnte. Ein Vater von vier erwachsenen Kindern der überall im Land war und ein solch warmes und freundliches Gemüt hat, erzeugt einiges an Tiefe in einem solchen Zusammensein und Sprechen. Ich gehe und komme in den diesmal vollen blauen großen Bus. Ich fahre für zwanzig Minuten und wir kommen an coolen Bushaltestellen vorbei, die mal wieder eine Sache ganz deutlich zeigen: wie essenziell und geliebt die Sprache Swahili ist und welchen Stellenwert sie besitzt, da sie das Medium ist, welches alle Ethnien, alle Orte und alle Menschen des Landes zusammen brachte und Kommunikation ermöglichte. Die Stationen heißen Urafiki was Freundschaft bedeutet, Tiptop was ich mir nicht erklären kann und Argentina, was ähnlich wenig ins Schema passt. Ok, vielleicht ein schlechtes Beispiel, aber ich bleibe bei der Meinung. Was die Kunstanfertigung von ihrer Natur für das Nationalgefühl in Norwegen getan hat, ist für Tansania ihre Sprache Swahili. Ich komme an, als ich die Kirche von gestern wieder erkenne und nun startet dieses lange lange Gespräch, welches meines bleiben soll, aus dem Grund, dass ich keine bildende Materie aus dem Gesprochenen formen kann, sondern nur Anreize zu Themen geben kann, die im Selbststudium deine eigene Reise des Geistes werden können. 

Wir finden uns an selber Stelle, nachdem ich dort etwas länger meditiert hatte und ihm nicht schrieb angekommen zu sein. Später wurde mir eine warme leckere Mahlzeit geschenkt und ich genoß jene sehr. Nach einer Weile gingen wir auf einen kleinen Spaziergang um seinen Block und er kaufte einen Saft gepresst auf Zuckerrohr, versetzt mit ein wenig Passionsfrucht, Ananas und Ingwer - ein Gemisch, welches gerne länger Teil meines Lebens hätte bleiben dürfen und das vermutlich guttuenste Getränk, welches ich jemals trinken durfte. Zwischen all jenen Etappen lernte ich über die Welt, über die Vergangenheit, über Philosophie, Gesellschaftswissenschaften, Physik und Neurowissenschaften, Psychologie, Autismusforschung, Karl Marx und wie es essenziell wäre zumindest mal die ersten Kapitel des Buches ‘Das Kapital’ zu lesen, jeden erklärten Schritt selbst nachzuvollziehen und so zu einem tiefsten Verständnis über das Medium Geld selbst zu kommen. Er erklärt wahnsinnig interessante Dinge über das Zeitalter der Industrialisierung und was es mit dem Menschen anrichtete, was es mit einem Menschenleben tut, wenn die eigene Verbindung zum Faschismus noch eine viel nähere ist und warum ihn eine Sache wie die des Psychopathen an der Spitze der Vereinigten Staaten von Amerika so sehr beschäftigt. Er gibt mir ein Update aus der Welt der Technik, erzählt über seine eigene gelernte Wissenschaft in seiner Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker, was inzwischen Informationselektriker betitelt wird, bevor er dann die künstliche Intelligenz, ihre Erfolge und Kapazitäten, ihre Zukunft und Herkunft darlegt und mir ein Verständnis der Technik und dessen Standes von heute gibt. Ich sehe vieles klarer als zuvor. Er versorgt mich mit Neuigkeiten aus der Welt, die ich seit über zwei Jahren entschlossen nicht konsumiere und immer nur durch Menschen ab und zu mal einen kleinen Einblick erhalte. Was ihn grade sehr treibt, sind die Straftaten der ICE-Agents in den USA, welche für mich relativ irrelevant scheinen, wenn man sich die zwei Millionen Menschen vor Augen führt, die jedes Jahr durch die Hand unseres geliebten Amerika’s auf der Strecke bleiben und mit ihrem Leben dafür zahlen, damit es uns im Westen so herzlich gut geht. Wenn du jetzt kotzt, dann bitte nicht auf den Bildschirm. Mit ihm wandere ich auch nochmal in der Geschichte der Menschheit umher und was in unserem gelernten Verständnis also alles Schritt für Schritt passiert ist, bis wir an diesem Punkt des Jetzt gelandet sind. Ein super spannender Prozess, den ich gerne mit so vielen verschiedenen Menschen aller Religionen, aller Herkünfte und aller Weltanschauungen ausprobiere. Man lernt immer was dazu. Ich gehe auf die Toilette und leite das Ende unseres gemeinsamen Tages ein, denn es wird bald dunkel und ich will noch 1000 Kilometer nach Hause. Wird knapp. Nach der Toilette erzähle ich meinen Freund Bodo wer ich sein werde und wie das Konzept meiner Bewegung in Deutschland Fuß fassen will. Es ist unglaublich schön seinen Ausdruck zu verfolgen, seine Reaktionen zu hören, seine tiefen Überlegungen zu fühlen, denn er weiß mehr und sieht klarer als ich und schätzt das Ganze dementsprechend ein. Er gibt mir Dinge mit großen Wert auf den Weg und wir machen noch Fotos als seine Frau dazu kommt. Bevor ich loskomme spricht mich noch ein DJ aus Mozambique an, welcher ebenfalls hier wohnt und er mag die Geschichte sehr. Viertausend Schilling bekomme ich auf die Hand und er erlaubt mir nicht, sie nicht anzunehmen. Dann gehe und während mein neuer Freund noch eine Weile mit mir spaziert und ich ihm sage, dass wir grade gemeinsam Reisen und dass es so einfach gehen könnte, verschenkte ich zweitausend an ein kleines Mädchen. Den Rest werde ich in drei Stunden für Essen ausgeben. Ein auf Wiedersehen später und ich bin ohne Bodo wieder auf den Straßen von Dar es Salaam unterwegs, ohne zu wissen was als nächstes passiert. Zu der Zeit als der Regen begann, traf ich grade auf Polizisten und jene meinten ich solle zu ihrer Polizeistation reisen und nach Hilfe fragen. Sie halten mir einen Bus an und schon bin ich auf dem Weg. Bevor ich zu ihnen kam, lief ich mehrere Kilometer und achtete heute besonders auf das nach vorne schauen und aufrecht laufen was sich toll anfühlte, trotz der Last auf dem Rücken. Es half sogar sehr. Als ich aus dem großen Bus stieg, welcher wieder ein blauer Gelenkbus war, in welchem ich in dem abgesperrten Bereich neben dem Fahrer stehen durfte und sogar mit ihm sprach, ein Unding, kam ich die Straße hinüber und fand das Gebäude durch Hilfe dreier Männer am Straßenrand und stand dann vor der Schranke dieser Polizeistation. Ein Dude saß neben der Schranke und war am Handy, wohl genährt und nur am chillen und ich dachte mir nicht viel als ich ihn ansprach und fragte ob ich hier hinkommen könnte, um nach Hilfe zu fragen. Er fragte was ich bräuchte und ich erzählte ein bisschen von meinem Tag und wo ich herkomme und was das Ziel ist. Dann stellte er sich vor und er meinte der Besitzer der Polizeistation zu sein, was später von einer Wache und dessen Verhalten ihm gegenüber bestätigt wurde. Der neue Helfer mochte meine Geschichte sehr und meinte ich solle ihm mal eben folgen. Er brachte mich zum Nachbargrundstück wo viele große mit LED ausgestattete Busse standen und er sprach mit einem der Besitzer, ein Freund von ihm der ihm scheinbar noch was schuldete und er organisierte innerhalb weniger Sekunden die Möglichkeit für mich dort einzusteigen und nach Moshi zu fahren… Moshi?! Ach nein, aber wir wollten doch nach Mwanza… naja, ich stelle mich den Menschen die den Bus und seine Fahrten betreiben vor, bringe all mein Gepäck zur vorletzten Reihe wo ich sitzen darf und komme wieder hinaus auf die Straße, wo ich mir für das restliche Geld Erdnüsse und zwei Chapati Pfannkuchen kaufe. Ich fühle mich wohl und bin froh aus der großen Stadt zu entkommen und das Abendteuer weiter zu spinnen, aber nach Mwanza zu kommen, wird meine immer größere Priorität, da ich mich bereits wieder in meiner Arbeitszeit befinde und zu spät ankomme. Die Kosten dafür muss ich noch tragen und nicht alle sind erfreut über meinen Reisestil und das späte erscheinen. Es steht also Moshi vor der Tür und wir werden durch die gesamte Nacht fahren, zurück an der Küste und allen Orten an denen ich vor Wochen auch vorbei kam, aber den anderen Weg herum. Ich bin gespannt auf was kommt und schlafe bodenlos schlecht. Bis bald. Schön lieb sein!

Das mit dem einmal falsch, dreimal richtig hat sich irgendwie doch nicht ganz erklärt, oder? Nächstes Mal wieder bessere Titel!

#24 TZN-Journal - Einmal falsch, dreimal richtig