Einmal nicke ich im Bus aus meinem Bewusstsein heraus und ein paar Stunden werden übersprungen, sodass ich beim nächsten Schauen auf die roten LED-Digitalziffern ganz vorne im Bus bereits vier Uhr morgens lese. Erfreulich. Vier weitere Stunden und wir sind in der Stadt des größten Berges Afrika’s, mal wieder. Ab jetzt passieren viele Dinge, aber mein Schlafmangel wird sich in der Ausführung und Detailreiche der Dinge bemerkbar machen und dafür muss ich mich entschuldigen. Nicht nur war ich zu jenen Augenblicken müde, sondern auch mein Zustand des Momentes der Aufschrift ist einer der Übermüdung gleichender. Als wir in Moshi losgingen und gesegnet wie wir eben bisher auf Reisen sind, natürlich mit strahlend blauem Himmel und keiner Wolke um den strahlenden Berg Kilimanjaro herum, während wir nackten Fuß vor nackten Fuß setzen und kleine Gespräche am Straßenrand führen bis wir uns wieder dort finden, wo meine Orientierung ihren Ursprung in Moshi fand, als ich das letzte Mal hier war - am großen dicken zentralen Kreisverkehr der Stadt mit Sicht auf den Berg, mit einer Straße hoch zu der Straße auf welcher die Fahrschule meines spirituellen Freundes lag, die Straße herab an welcher Seite dann der Mann mit der furchtbar ausgeprägten Elefantiasis oder der Podokoniosis, dessen Krankheitsbild noch nie zuvor erträumt hatte, aber welche von meinem Vater einmal beschreiben wurde, als ich ein noch größeres Kind gewesen bin. Es sind Füße in der maximalen Schwellung die eine menschliche Haut aushalten kann, bevor sie platzen müsste, und auf ihr sind Wunden ohne Ende und eine dicke Schicht toter Haut, die den Effekt von Moos aus Hautfetzen hat. Extreme Schwellungen und die Verdickung der Haut sind die Auswirkungen von Elefantiasis, eine Krankheit die durch Moskitos überbracht wird und Würmer in das menschliche Lymphsystem setzt, welche dann jene Effekte innerhalb von 5-7 Jahren hervor bringen. Die ‘Afrikanischen Moosfüße’ sind nicht ansteckend aber kommen vor, wenn man barfuß auf einem Boden mit hohen Silikon- und Eisengehalt läuft. Das kommt vor allem in den rotbraunen Lehmböden der Vulkane vor und tritt nur in großer Höhe auf. Würde ich als Barfußmensch nun auf jenen Berg des Kilimanjaro’s wandern und meine Schuhe vergessen, hätte ich eine Chance mit einer solchen Krankheit durchs Leben zu müssen, bei welcher die Haut warzig und moosähnlich wird. Eine grausame Vorstellung, welche ich nicht gebraucht hätte, aber durch jenen jungen Mann am Straßenrand nochmal sehr lebendig ins Gedächtnis kam, nun dass ich genau neben jener Stelle stand, an welcher ich ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Die Frage stellt sich ob ich ohne jenes gegoogeltes Wissen über einen Krankheitszustand genauso durch mein Leben gekommen wäre. Manchmal macht einen die Bildung krank und ängstlich über was alles passieren könnte. Das Elternsein und die Medizinstudentenschaft wissen genau was ich meine. Aber auch die Jugend, welche durch Medien über den Umstand der Umwelt und die Zukunftsaussichten unserer Erde erfährt. Bestimmtes Wissen bräuchte man nicht. Mein Bewusstsein über die Existenz dieser Krankheit gibt meinem Barfußsein einen leichten Hauch der Negativität. Das hätte ich gar nicht gebraucht. Denn lieber laufe ich…
…ich wollte schreiben: lieber laufe ich mit Moosfüßen und Elefantiasis durch die Welt, als mit Schuhen. Ich merkte beim Schreiben dessen die Irrsinnigkeit, denn allein schon das Laufen würde mit der Krankheit beinahe ausscheiden. Aber zurück zum Punkt: manches Wissen macht uns krank. Wie oft ziehen uns Neuigkeiten über Zugunfälle, Kriegstote und hirnrissige Politik in die Untiefen der schlechten Gefühle? Wie oft und wie lange lassen wir uns durch Negativität vom eigenen Sein auf Erden ablenken und wann beginnen wir unser eigenes Abenteuer und das lange schon vergessene Streben nach unseren innersten Träumen? Wo wollten wir eigentlich leben und welches Handeln sollte eigentlich das Unsere genannt werden? Wo sind wir stattdessen gelandet und wie kommen wir von hier nach da? Wäre die Antwort hier zu finden, dann wäre es keine gute Antwort. Bücher können einem, egal wie gelungen, doch nicht den eigenen Pfad vorgeben, sondern maximal inspirieren. Aber noch kein Wort hat Handlung bewirkt, ohne das Zwischenmedium Mensch, der sich angesprochen fühlte und zum Agonist der Worte wurde. Das bist du. Am Ende sitzt du mit diesem Buch in der Hand und wunderst dich was jetzt ansteht… wo sind die Antworten auf all die unbeantworteten Fragen und wie kannst du beginnen alles zu verändern, was nicht in deinem Sinne geschieht? Bücher zeigen dir die Richtung - die Bibel, Atomic Habits, How to change Everything - aber die Antworten, die du wirklich brauchst, sitzen tief in deinem Innern und warten darauf, dass du die richtige Frage stellst und dann zuhörst, während dein Inneres Antwort gibt. Nenn es Reflexion, nenne es Meditation. Am Ende ist es das Zeitverbringen mit dir selbst. Die einsame Stille und das Bewusstwerden über deinen eigenen Geist. Der Weg ist bereits vor dir und es fehlt nur der Geist, welcher auch mit offenem Auge hinschaut und klar erkennt, welchen ersten Schritt es zu nehmen gilt. Weil mir dieser Aspekt unseres Daseins und diese Suche in der Welt des Geistes so am Herzen liegen, hatte ich folgende Anleitung auf unserem Blog veröffentlicht unter dem Namen The Garden Within.
Ich meditiere also und komme auf den Schluss, dass mir die unwahrscheinliche Gefahr einer solchen Krankheit um weiten wert wäre trotzdem meine Liebe zum Barfußsein auszuleben und mich durch meine Bildung nicht einschränken zu lassen, sondern sie richtig zu benutzen und nicht barfuß im Kilimanjaro rumzuklettern. Bildung ist schließlich da, um uns fähiger, freier und behüteter zu machen. Es kommt auf den eigenen Metisnutzen an, um aus den gelernten Informationen das beste Resultat zu extrahieren. Hierfür darf ich Martin ein Kompliment geben, für die Ausführung dieses hübschen Neologismus. Was möchte ich also so verquollen durch Worte hindurch vermitteln?
Wir leben in einer Welt, die uns durch Medien versucht völlig krank durch all das existierende Leid, durch alle Ungerechtigkeit und durch unsere Aussichtslosigkeit auf Änderung und Ende darüber zu machen. Problem und größte Veränderung der Neuzeit: Durch das Medium werden wir nun durch Bildreportage Teil von einem Leid, welchem wir sonst nie begegnet wären. Wir hätten nie von jenen Umständen erfahren und unser Leben wäre ein besseres ohne das giftige Wissen gewesen. Früher erlebte man alles in dem Rahmen der eigenen Handlungsreichweite und heute überwältigt es uns, wie schlecht die Menschen dieser Welt sind und das man scheinbar rein gar nichts daran ändern könnte. Wir lassen uns durch all jene Informationen von dem ablenken, was wirklich noch an uns läge zu verändern. Ich möchte das unterstreichen, denn wir werden von jenen essentiellen Dingen abgelenkt, welche wirklich verändert werden können. Gleichzeitig polarisieren uns Medien und Politik auf eine Weise, dass Freundschaften und Einheit zerbrechen, weil man verschiedene Meinungen über allerlei Unpersönliches hat. Das ist doof. Pure Inlandmedien zu konsumieren wäre schon viel, aber noch reichlich besser als die Welt durch einen kleinen Bildschirm hindurch zu erleben. Und auch nur das Schlechte von jenem Planeten. Es gibt auch noch Leute, die ohne Geld völlig frei durch unsere Länder ziehen, deren Leben nicht bereichernder sein könnten und denen es einfach gut geht. Wir leben auf der gleichen Welt und wir sind die gleichen Menschen - warum sollte nur ich das erleben dürfen? Ist der Rest einfach zu abgelenkt, um aufzuwachen, klar zu sehen, aufzustehen und los zu gehen? Es wartet das eine Erlebnis auf uns, welches uns geschenkt wurde… wir sind vermutlich nur einmal hier und dürfen gerne wieder mehr Lust auf Leben haben. Es gibt schließlich ein Abenteuer für jede und jeden von uns. Hör auf dich abzulenken. Verbrennt die Bildschirme, meldet euch vom amerikanisch gemachten Medium ab, leis Bücher und schreibe und am wichtigsten: setzte dich ab und zu mal hin und sei für dich selbst da, höre dir zu und wage zu träumen. Dafür ist man da. Und irgendwann ist man klar genug, um den Pfad zu entdecken. Mein Pfad führte mich grade zum Kreisverkehr in Moshi am Kilimanjaro. Ein Mann kommt auf mich zu und unterbricht meine Gedanken und ihre Erinnerungen.
Er fragt wohin ich denn ginge und als ich auf Swahili antworte, verändert sich seine Haltung mir gegenüber, wie es meistens ist, wenn man die lokale Sprache sprechen kann und er hört meiner Geschichte begeistert zu, lädt mich in einen Schatten ein und wir unterhalten uns für eine Weile. Als ich von meiner Arbeit erzähle, fragt er ob ich denn das Waisenhaus in Moshi kennen würde namens Upendo Mama Africa Center. Weil ich nein sage, gibt er mir die Nummer eines Menschen’s, welcher dort arbeitet und dann bietet er noch an mich dort hin zu führen. Er ist ebenfalls mal wieder Tour Guide und so langsam sehe ich das Verhältnis klarer und warum ich überall auf Tour Guides treffe. Jene sind nicht angestellt für eine Firma, sondern suchen ihre Kunden eigenständig und sind somit darauf angewiesen jede potenzielle Person auf den Straßen ihrer Stadt kennen zu lernen. Als Weiße Person kommt man nicht um Interaktionen mit Tour Guides umher und besser so. Denn sie können Englisch, zeigen einem dem Weg und sind der Schlüssel in die Schönheiten der Gegend. Wir laufen durch die Gegend und er bringt mir drei Kilometer weit in die äußere Stadtgegend in der alles noch grüner wird und die Straßenseiten sauberer sind und noch angenehmer zu belaufen. Wir kommen an Orten meiner Erinnerung vorbei, so zum Beispiel an der Kirche, in welcher ich unterkam und meinen ersten Gottesdienst der Reise erleben durfte. Dröhnender Lob war der Name jenes Schreibens und ich höre wie auch an diesem Sonntagmorgen das wöchentliche Fest in höchsten Tönen schallt. Ich wünschte dort später vorbei zu kommen und jene jungen Menschlein zu grüßen und wiederzusehen, so viel früher als ich es versprochen hatte, aber der Tag wird anderes mit mir vorhaben. Denn als wir in die Gegend des Waisenhauses eintauchen, kommt uns eine kleine Gruppe aus Kindern und eine Weiße Frau entgegen, welche ich auf Swahili anspreche, welche auf Swahili antwortet, dann aber wieder Englisch spricht und sich froh und erheitert über meinen Anblick als Kerstin vorstellt und in den drei gesprochenen Sätzen heraus findet, dass ich auch aus Deutschland komme. Ich meine ihr Projekt besuchen zu wollen und sie lädt mich herzlichst ein, meint aber grade in die Kirche mit den Kindern zu gehen. Ich frage ob ich Teil des Erlebnisses werden dürfte und auch hierfür werde ich freundlich dazu gebeten. Ich bringe also meine Tasche in das Grundstück des Hauses für elternlose Kinder in der Nachbarstraße der Kirche und verbringe dann letzte Momente mit diesem äußerst sympathischen Tourguides, welcher seine Zeit opferte um mich ewig weit zu begleiten. Er kommt aus Marangu wo ich zu Neujahr gelebt hatte, hier in Moshi, und meint in der Stadt zu leben, um näher an der Arbeit zu sein. Sein Haus bezeichnet er als Kuhstall und es wird wohl nicht viel mehr als das sein, das glaube ich ihm sofort. Ich wünsche ihm das Beste und hoffe eines Tages wirklich Menschen empfehlen zu dürfen nach Moshi zu reisen und jenen dann sagen zu können, sich bei Helfern wie ihm zu melden, damit das irgendwann noch seinen natürlichen Ausgleich im Schaffen des Karmas findet. Ich komme in Poncho und Bauchtasche und mit Trinkflasche in die Kirche und eine überwältigende Episode beginnt, mit zu wenig Schlaf und folgendem Hörsturz. Ich möchte in Detail ausführen…
Als ich mit Poncho bekleidet eintrete, werde ich herzlich von zwei an der Tür postierten Menschen an die Seite genommen, die richtig vermuteten, dass ich die einzige andere Weiße im Raum suchte und so wurde ich zu ihrer Seite mit ihren Mädels vom Waisenhaus gebracht. Die Zeremonie hatte bereits begonnen und ich fand mich in einer angenehmen zwei Stunden Meditation ein, während ich den Schall swahilianischer Wörter über mich ergehen ließ und begeistert beobachtete, was ich zuvor nicht kannte, und entsetzt bemerkte, dass meine Ohren einen Hörschaden nahmen. Die Lesungen und Gesänge waren mir nichts neues. Oft konnte ich mitsingen auch ohne den Text, weil das kein Ding der Unmöglichkeit ist und ich das im Chor in Mwanza auch immer so versuchen musste. Ich guckte wie gebannt auf den hohen Mann vorne im Hintergrund von Predigenden und ahmte konzentriert seine Mundstellung nach und gab den Ton der Menge wieder. Ich sang… irgendetwas. Eine junge Dame von zehn Jahren und ein paar Zerquetschten saß vor mir und schrieb etwas auf einen Zettel für mich mit. Als sie es mir zum Ende hin gab, war da geschrieben, welche Bibelstellen heute gelesen wurden und darunter, welche Bibelstellen sie besonders mag. Der Zettel befindet sich in meiner Ponchotasche und wird mir Loana’s Bibel zuhause bearbeitet. Das Neue an diesem Gottesdienst war eine Art der Lobpreisung die mich beinahe schon schockierte. Vielleicht lag das aber auch an meinem Wachheitszustand und meinen Ohrenschmerzen danach. Die ganze Sequenz verlief dreimal und jede vorsprechende Person übertrumpfte die Davorige. Sie nahmen das Mikrophon und begannen dann einen Fluss aus Worten ungebändigt aus ihren Mündern fließen zu lassen, ohne Pausen und manchmal länger als zehn Minuten. Sie sprachen und sprachen und lobten und schrien und flehten vor einer großen Menge Menschen und trotzdem mehr bei ihnen selbst als ich es jemals gewesen bin. Nicht nur das, sondern das Szenario beinhaltet auch das gesamte Publikum, welches es dem Menschen vorne am Altar gleich tut und ich stand mit geweiteten Augen in der Menge aus Menschen, die anfingen hin und her zu laufen, mit ihren Händen zu gestikulieren und dabei aus voller Brust in ihrer Sprache tiefste Wünsche, Ängste und alle Gebete aussprachen. Mit der Stimme des Mikrofonhalters, wessen Lautstärke durch die zwei riesigen Boxen nicht zu übertrumpfen wäre, versanken alle Einzelgespräche in Unklarheit und jede Person war für sich unter dem lauten Rufen des Sprechers vorne und somit war ein akustischer Raum erschaffen, in welchem alle laut zu sprechen vermochten, was ihnen am tiefsten auf dem Herzen lag und das in dieser Glaubensgemeinschaft. Ich saß irgendwann nach vorne gebeugt auf meinen Knien und hielt mir die Ohren zu, nicht weil ich ein respektloser Idiot bin, sondern weil ich physische Pein litt, aber meine Gedanken kreisten immer und immer wider darum, wie ein solches Geschenk des Miteinanders durch Religion gebracht, Deutschland verlassen konnte. Ich hatte so etwas noch nie erlebt und bin traurig für jene, die es nicht zu ihrer religiösen Praxis zählen dürfen. Die Erinnerung an diesen Raum voller Stimmen der tiefsten Bewegtheit macht mir noch jetzt den Herzschlag schneller. Und als alles still wird und ich mich traue wieder aufzuatmen, ist alles vorbei. Das waren mehr als nur zwei Stunden. Und das sind die kurzen Gottesdienste. Andere verbringen ihre Sonntage in der Kirche!! Man geht Sonntags in die Kirche… das bekommt unter dem Aspekt eine andere Bedeutung.
Ich stand auf und war auf einmal wieder von Gedanken in meiner jetzigen Situation. Ich hatte mich hier eingefunden, weil mich ein Tour Guide zu einem besonderen Ort brachte und ich die Person des Ortes auf ihrem Kirchweg antraf. Jetzt steht Kerstin vor mir und wir begrüßen uns ein zweites Mal von Herzen. Jetzt spreche ich sie auch auf Deutsch an und die Kinder auf Swahili und damit sind alle wohl zufrieden. Unser gemeinsamer Weg führt uns zu ihrem Projekt wo wir von den zwei arbeitenden Frauen, welche die rund 15 verwaisten Kindern umsorgen und betreuen, begrüßt werden und dann reich bekocht werden. Wir sitzen in einem großen Kreis aus den Kindern und ich lerne alle nacheinander kennen und erzähle ihnen kurz von meiner Geschichte und fühle mich wie ein Geschichtenerzähler und habe eine Art kribbeln in mir, über den Umstand solche Dinge zu erzählen, aber zu wissen, dass ich mir nichts dafür ausdenken musste. Ich glaube mich wie das Kind fühlen zu können, welches in ihrem Alter da gesessen hätte und einer solch fremden und eigenartigen Person lauschen durfte und ich spüre ihre Belustigung über ihre eigenen Zweifel und wie es im Endeffekt für alle egal scheint, ob das Gesprochene wahr oder falsch ist, denn schließlich war ich ja da und das schien für alle den größten Wert zu haben. Zwar war das alles nur von begrenzter Dauer, aber bevor ich unangenehme Telefonate führte und bevor ich aus Geschafftheit auf Beton einschlief, der lauwarm im Schatten lag, spielten wir noch zu siebt Fußball, quatschten in Egnlisch, welches von vielen der Kinder fabelhaft benutzt wurde. Ihr neues zuhause versorgte sie mit allem erdenklichen. Sie dürfen in die Schule gehen und haben Menschen um sich, die sich mit Hingabe und Liebe um sie teilen. Meine Bewunderung von diesen Ort versuche ich Kerstin gegenüber in gerechte Worte zu fassen, aber vielleicht war ich auch zu geplättet um jenem Anspruch gerecht zu werden. Sie nährt das Gute und ihr Ort ist ei wunderschöner. Sie kommt aus Brandenburg, hat ein gelbes Stück Stoff, welches sie sich um den Kopf wickelte, auf welchem die rotgetönten mittellangen Haare sprießen und sie wirkt genauso jung und energiegesegnet, wie ihr Projekt es vermuten lässt. Man schmeckt ihre Liebe zum eigenen Pfad aus ihren Worten heraus un hört ihre Freude ungefiltert bei jedem Wort, wenn sie die Wendungen benennt, die all das hier ermöglichten. Die Normalität ihres Familiendaseins und ihrer Arbeitswelt zurück in Deutschland verblüffen mich und machen es umso inspirierender zu sehen, auf welchem direkten und perfekten Weg sie einen solchen Traum verwirklichen durfte, welcher ihr damals aus einer Traumvision entsprang. Ihr Weg brachte sie zuerst auf die immer erträumten höchsten Höhen des Kilimanjaro’s im Alter von über 50, welchen wir in all seiner Klarheit und einnehmenden Größe von dem Grundstück ihres Projektes aus sehen können. Der einsame Riese, von dessen Geschichten man alle Geister dieser Welt füllen könnte, steht schneeverziert in ganzer Pracht da und legt seine Augen auf uns wie wir unsere auf ihn. Kerstin hat es geschafft und macht das Leben für andere möglich, denen selbst die Chance darauf genommen wurde. Hier lebt sie wirklich ihren Traum aus und eine so erfüllte Person zu treffen, bleibt für mich als Außenstehenden noch langfristig das Highlight von Moshi. Ihre Organisation heißt Upendo Mama Africa Center in Moshi und in Zusammenarbeit mit den beiden Rasta Männern, die wir beim Abendessen treffen werden, stellen sie gemeinsam eine wunderschöne Sache auf die Beine.
Meine Telefonate sind angsterfüllt um meine Zukunft in der Einsatzstelle. Nach sieben Wochen des Reisens kommt bei den Personen mit Verantwortung wohl an, wie ich das bewerkstellige und sie scheinen nicht begeistert. Sorge um mich und die mentale Nadel des Protokolls machen sie verärgert und sie würden mich gerne sofort in Mwanza haben. Ich wäre länger geblieben, aber muss mich wohl schneller als gedacht auf den Weg machen. Ich werde keine alte Bekanntschaften in Moshi grüßen können, nicht einmal Mentor Peter, welcher hierher umzog und nicht mehr mit mir einem Zimmer verweilen wird. Dafür höre ich im Gespräch von Loana, dass wir eine neue Mitfreiwillige haben und Loana nun mit ihr gemeinsam in meinem alten Zimmer wohnen. Ich bin sehr gespannt wieder zuhause zu sein und wollte wirklich noch an diesem Abend loslaufen. Es kam alles ein bisschen anders, aber wir kommen in eine gute, wenn nicht sogar fabelhafte Richtung. Zuerst lädt mich Kerstin auf ein Abendessen zusammen mit ihrem Mitbegründern des Projekts ein, jene beiden Rastafari.
Wir fuhren gemeinsam auf einem Boda durch die sich abkühlende Abendluft und kamen an einem Ort an, an welchem viele große Autos standen. Somit war mir klar, dass ich seit langer Zeit, also noch nie in Tansania, an einem solchem Ort war. Es ist ein tolles Restaurant und wir haben eine Weile auf unsere Gäste zu warten und füllen die Zeit angeregt mit vielen vielen Geschichten aus unseren Reisen durch die Welt, über Schicksalsschläge, Schlüsselmomente und kühnste Wünsche für unsere Streben. Wir haben ein freies, losgelöstes, absolut offenes und warmes Gespräch in welchem ich mich wohler als je zuvor fühlte, alles angestrebte darzulegen und auszuführen, was ich mir erträumte. Ihre Reaktion war eine einzige Belohnung und zu wissen, dass sie mich nun so kennt und mir jene Zusprüche gab, welche ich eben erhielt, war mehr als nur bestärkend. Die Menschen, welche ich am meisten verehre, geben mir das beste Feedback und lassen mich fühlen, als wäre ich auf der richtigsten aller Wege. Wie könnte man sich dafür jemals dankbar genug zeigen, anders als genau jenen Weg zu laufen, diesen Menschen und den restlichen zu Ehren?
Ihre beiden Arbeitskollegen treffen ein und sie haben die Gesichtsausdrücke, welche ich so sehr genieße zu sehen, nachdem ich ihnen von meinem Leben zur Zeit erzähle und wie ich seit einer Weile durch ihr Land komme. Sie beide haben Dread Locks, praktizieren aber nicht nennbar. Es ist Mode und keine Lebensphilosophie. Das zählt für furchtbar Viele. Unser essen sitzt mir schmerzhaft im Bauch, aber ich konnte den Ugali und die Kochbananen mit Bohnen genießen. Den Rest verwahre ich in einer kleinen Tüte, in welcher ich auch noch kleine Erdnüsse und einen halben Chapati von der Busfahrt hier her transportiert hatte. Erinnerst du dich? Ich erzählte Kerstin von meiner Zeit in Kanada auf Vancouver Island und erklärte das Konzept der Gemeinschaft in der ich lebte, genannt Camphill Community, in die Welt gebracht durch Doktor Karl König, welcher von einer Ideologie genannt Anthroposophie geprägt wurde. Ich berichte von den Bildungsansätzen verkörpert in Waldorf aus der selben Ideologie heraus, von dem biodynamischen Farmen, welches die Schule in Vikindu, Dar es Salaam ebenfalls anstrebt, und der Eurythmy, welche gesprochene Töne und Laute in Bewegungen und Tanz umwandelt und so Schriftstücke im Theater aufführen lassen kann. Ich habe das Buch ‘Theosophie’ von Rudolf Steiner dabei, welches eine wundervolle Seite der Geistesforschung verkörpert und unglaubliche Einblicke durch pure Schrift vermittelt. Wir lesen gemeinsam, was ich manchmal mit Menschen mache, aber immer noch viel zu selten, und gemeinsam nehmen wir Satz nach Satz auseinander und ergänzen unsere Verständnisse in Untiefen. So macht lesen ehrlich Spaß und Kerstin ist beeindruckt, wie ich es bin, jedes Mal wenn ich eine Seite dieses Buches aufschlage. Am Ende würde sie noch gerne den Namen meines Blogs erfahren und jetzt hat sie hoffentlich und vermutlich den Zugang zu diesen Worten. Falls dem so ist, möchte ich meine allerliebsten Grüße aus Mwanza zu dir schicken, liebe Kerstin. War das eine wundervolle Zeit, die du mir da vermacht hattest. Ich freue mich schon endlos auf unser nächstes Treffen.
Die beiden Rastas haben eine Idee für mich, weil ihnen mein Ansatz nicht gefällt nun in der Nacht loszulaufen und zu versuchen einen Lkw zu erhaschen, welcher mich voran bringen könnte. Stattdessen meinen sie einen Ort zu kennen an dem ich schlafen kann und ich willige ein, weil sich alle damit wohler zu fühlen scheinen. Von meiner neuen Freundin Kerstin verabschiede ich mich und mit den beiden Jungs nehme ich das Dreiradgefährt Bajaji genannt. Im Deutschen spricht man das ‘J’ wie ein ‘Dsch’ aus, für die Ausspracheinteressierten unter euch. Wir kommen einem Haus, ich werde der darin lebenden jungen Mutter vorgestellt und sie nimmt mich umstandslos auf und stellt mir ihr wundervolles kleines Kind vor. Ich bekomme ein eigenes tolles Zimmer mit großem Doppelbett und später treffen wir den Papa, welcher mich auch einfach aufnimmt und mich willkommen heißt. Das muss man sich als Europäer wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da macht eine junge Mutter mit Baby auf dem Arm die Tür auf, lädt die drei riesigen Männer ein, einer davon fremd und mit riesigem Rucksack, dann gehen die beiden Bekannten wieder und ich bin einfach da. Der Besitzer des Hauses ist keineswegs überrascht und teilt sein Haus als wäre es das Normalste auf der Welt. Und vielleicht ist es das ja auch. Aber ich leide in der Erinnerung aufgewachsen zu sein in einem solch verschobenen Denken und einem so verzehrten Miteinander wie in dem Deutschland meiner Nähe und wünschte so sehr, dass wir mit Menschen wie jenen hier unser Miteinander teilen würden und die Chance hätten so menschlich zu sein, wie jene meines Weges hier in Tansania. Unsere Reichtümer könnten wir teilen, wenn wir dafür wieder Mensch sein dürften.
Es hat einiges mit den Menschen zuhause angerichtet. Erst Generationen der Schwerstarbeit unter der eisernen, mordenden Hand der Industrialisierung. Kriege und Raub für Ressourcen und schlimmste Verbrechen unter denen Länder überall der Welt noch heute böse leiden, und jetzt stehen wir da und haben Natur völlig vertrieben, haben unsere Freizeit, Liebe und Miteinander für Arbeit und Geld eingetauscht und sehen keinen Weg zurück. Der Schlüssel liegt in Menschen wie hier, die uns vorleben, wie es von statten geht noch mensch zu sein. Wir haben viel zu lernen und einen langen Weg vor uns, aber wir werden unsere Schritte in diese Richtung gehen. Jede andere Richtung bedeutete nur noch mehr Tote, Unheil und Zerstörung und soweit ich das einsehe, ist eine Mehrzahl hinter dem Guten. Es wäre viel zu früh uns alle aufzugeben! Meine neue Gastgeberin hilft mir auf meinem Weg zu erlernen, wie ich eine gute Mutter werde und ich darf von ihr beigebracht bekommen, wie man ein Baby richtig hebt und hält. Das fühlt sich soo schön an und ich freue mich müde wie ich bin. Das Kind ist ein wenig krank und Mama lädt mich ein mit ihr zusammen zur Apotheke zu laufen und wir tun das gemeinsam. Ich erzähle ihr von meiner Arbeit in Mwanza und sie beschreibt ein paar Dinge von Moshi und vom Muttersein. Bei der Apotheke wartet ein dicker, müder Doktor und horcht mit einem Gerät das kleine Kind ab und gibt ihr dann drei kleine Verpackungen mit Medikamenten. Mein fachmännisches und gelerntes Auge schläft schon lange und ich habe kein Plan was passiert ist, aber der Doktor und die Mama sehen danach so aus, als könnte der Tag verdient sein Ende finden. Auf dem Rückweg fragt mich Mama ob wir ihre Oma begrüßen wollen und wie könnte ich ein solches Angebot jemals abschlagen? Wir kommen in das kleine steinerne Gebäude welches ziemlich voll ist. Kinder sitzen auf dem Boden und schauen einem laufenden Röhrenfernseher zu. Mich nimmt eine Dame am Arm und begrüßt mich strahlend, damit ich bemerke, dass sie eine der beiden Damen beim Waisenheim war, welche für alle Kinder kochte. Sie lebt hier und nun beginne ich zu verstehen, welche Verbindung besteht. Die Mama bei der ich lebe, ist die Nichte der Dame, welche mich am Arm hält. Die Rastas sind vermutlich Brüder und Söhne der Frauen hier und haben dieses Projekt mit Kerstin aufgebaut und ihre Tante eingestellt, und mich für diese Nacht bei ihrer Cousine untergebracht. Ich freue mich sehr eine Person wie aus heiterem Himmel zu sehen, während ich wie aus dem Nichts in ihrem Wohnzimmer auftauche. Muss sie auch überwacht haben. Wir gehen durch eine zu niedrige Tür zum stehen nach rechts und besuchen die steinalte Großmutter, welche ein wenig traurig und gebeugt auf ihrer kleinen Bettkante sitzt. Sie erlitt neulich einen Schlaganfall und sieht vermutlich das Licht. Ihre Enkel und Kinder sind alle um sie herum im selben Haus und genießen die letzten gemeinsamen Wochen. Sie wird mit Späßen angemacht, umarmt und ins Gespräch einbezogen, ohne dass sie sich regt oder großartig antworten kann. Ich gebe ihr die Hand und sie bestaunt nach unten schauend für eine Weile, was sie da grade in ihren eigenen Händen hält. Dann wünsche ich ihr das Beste und wir gehen wieder zu ihr nach Hause, wo der Papa grade an einem elektronischen Kästchen in Handflächengröße schraubt, mir dann das Badezimmer zeigt und mir eine wundervolle Nacht wünscht. Er kann ein paar Worte Englisch und sein Boda steht im Wohnzimmer. Das Wohnzimmer ist türkis gestrichen und sie haben wunderbar bunte Streifen an die Ecken aller Wände die ins Rauminnere zeigen, geklebt und damit einen sehr hübschen Ort geschaffen. Zwei Nähmaschinen aus China stehen da, welche den Namen Butterfly tragen und welche mir Morgen früh nach einem wundervollen Schlaf auf der Matratze des angebotenen Bettes und nach einer ebenfalls wahnsinnig schönen Dusche als Schreibunterlage dienen werden. Ihre goldenen Verzierungen auf schwarz gefärbtem Metall sind optisch pure Eleganz. Das Wohnzimmer hat hinten hin seine Küche und die Küche hat eine direkte Tür nach draußen in den Hinterhof der pur aus Beton besteht, wo Geschirr gewaschen wird und das Gewaschene an Kleidung zum Trocknen aufgehangen wird. Wieso unterstreicht mir die Autokorrektur ‘aufgehangen’ mit einer gewellten roten Linie? Ich weiß, dass aufgehangen auch was ganz anderes sein kann, aber was macht man denn sonst mit Klamotten? An Wäschedrähte montieren? Ich schrieb viel an jenem Morgen und das Resultat wurde auch der zuletzt publizierte Artikel, aber das hier nun Geschriebene musste eine ganze Weile auf sich warten lassen. Wir sitzen in diesem kleinen Haus an diesem ruhigen Morgen auf einen Tisch mit chinesischer Nähmaschine gelehnt bei unser letzten Partie des Reiseschreibens. Wir kommen bald und hier genieße ich grade wissentlich das letzte Mal für eine längere Weile einen meiner Traumbeschäftigungen des reisenden Schriftstellers, welcher über seine eigene Lebensweise schreiben darf. Ein großes Geschenk auf vielen Ebenen und ich würde doch zu gerne wissen, wie ich jenes auch als Geschenk für dich als lesende Person, als ein buchstabengenährter Rucksackanhängel des Geistes. Du, meine liebe Leserschaft, bist nun ein Rusahäng! Ein Rucksackanhängel. Das ist nun beschlossen und bald beschließe ich an jenem Abend meinen vorletzten Narugiftern meine Reise auf Lebe wohl zu sagen. Allerdings haben wir zuerst noch ein wunderbares Essen zusammen, bei welchem wir einen Haufen Ugali und Mchicha teilen, alle das Baby angrinsen wie es grade so sitzen kann und über Buddhismus und Meditation reden. Dass diese Thematik einen solch positiven Anklang bei allen Menschen meines Gesprächweges gefunden hatte, war sehr belohnend und eine wundervolle Übrung auf der zu lernenden Sprache auch Dinge des Geistes ausdrücken zu dürfen. Ich werde ein wenig zu oft als Missionar der nächsten Religion gesehen, was durch die Geschichte veranlagt hier keine Unseltenheit war, aber dafür hören die Menschen gespannt zu und scheinen zu erkennen, dass es etwas für sich selbst dazu zu gewinnen gäbe. Meine geteilten Meditationen werden die unvergesslichen Momente der Reise sein und ihre Menschen sind mir ins Herz gepflanzt. Der Vater fragt bei meiner Einpackaktion ehrlich nach, ob ich nicht noch einen Tag bleiben möchte und scheint beinahe überrascht, dass ich auf einmal schon wieder aufbrechen möchte. Ich wäre gerne länger geblieben, aber wir nehmen gemeinsame Fotos mit dem Baby, welches bestimmt beim nächsten Mal schon laufen kann, oder dichten, oder Arm drücken… ich hab das mit der Kinderentwicklung und ihren Zeiteinheiten noch nicht ganz im Blut. Ich gehe los und bin in der Nebenstraße der wohl größten Braufabrik des Landes. Des legendären Kilimanjaro Biers. Es ist nicht das traditionelle Bier, welches ich zu Neujahr hier in Mengen trinken durfte, sondern ein ähnliches aus der Flasche. Soll wohl auch toll sein. Der einzige mir bekannte Konkurrent der Marke ist das beinahe genauso berühmt berüchtigte Serengeti Lime Bier, welches mit der neuen Edition grade überall dominiert und die größten Werbeflächen in Mwanza seit Monaten einnimmt. Weil ich jung und wirklich ziemlich unreflektiert, um nicht zu sagen dumm bin, gehe ich über den kochenden feinen Sand der ewig langen Einfahrt und klopf an der Tür. Ein riesiges rotes Schiebetor. Rechts von mir ragen riesige metallene Zylinder auf und daneben steht das Fabrikgebäude. Ein Klotz. Der Plan ist folgender: ich spaziere da rein, frag den ersten Otto mit wissen über den Geldfluss der Firma, ob ich ihn interviewen darf, erkundige mich dann über die Sache über welche ich grade noch an diesem Morgen etwas tiefere Recherche gemacht habe - also einfach den Wikipedia Eintrag bis zum Ende gelesen - und habe vor die Firma danach zu fragen, ob sie mit ihrem CSR schon tolle Sachen anfangen oder noch nach Projekten zur Unterstützung suchen. CSR bedeutet Corporative Social Responsibility, das habe ich mir zumindest gemerkt, sonst wäre das Interview direkt katastrophal, und das Ding bedeutet, dass Firmen einen bestimmten kleinen Anteil ihres Umsatzes zurück an Gesellschaft, Arbeiterwohl, Umweltschutz und soziale Unterstützung geben. Ich dachte mir, ich könnte ja Firmen ansprechen, ob sie diesen Anteil nicht nach Mwanza zum House of Hope schicken wollen würden… das ist der gröbste Ansatz meiner In-Person Fundraising Karriere. Ich dackel von Ort zu Ort, lerne über Gesellschaft und Wirtschaft, treffe ein paar Leute die meine Ideen ganz nett finden, frage ob sie nicht unseren Verein Gen.ZM e.V. unterstützen wollen und jener würde zum einen sich selbst am Leben halten aber eben auch das Netzwerk aus Projekten in der Welt unterstützen, die die Flamme des Guten am direktesten nähren… jetzt wird die ein oder andere sehr kritische und wache Person zurecht sagen, dass das Konzept des House of Hopes in Mwanza und in ganz Afrika Symptome eines Problems heilt und die Spenden in Einzelschicksale steckt, anstatt das System dahinter zu verändern… denn wir erinnern uns: die Behinderungen Spina Bifida (gespaltene Wirbelsäule) und Hydrozephalus (Wasserkopf) sind zu den aller enormsten Teilen auf einen Nährstoffdefizit in der Zeit kurz vor und während der Schwangerschaft zurück zu führen. Wer das nicht ändert, sondern nur die Einrichtungen unterstützt, die jenen Menschen mit Behinderung aushilft, hat das Ziel noch nicht erreicht, denn wie immer gibt es eine Wurzel zu dem Problem und eine Blüte des Problems die uns offensichtlich entgegen sproßt. Sagt Lennart jetzt, dass man nicht für das House of Hope spenden sollte? Nein, natürlich sagt er das nicht. Ich meine ausdrücklich, dass jene Menschen die bisher so auf die Welt kamen, weiterhin enorme Unterstützung brauchen um eine Chance, eine simple Chance auf ihr Leben und ihre Würde bekommen. Wir brauchen dafür alle Unterstützung der Welt, aber das Problem würde sich nicht verändern. Zum Glück gibt es aber jene mit klarer Sicht, die erkennen, welche Schritte es zu gehen gilt und wie eine solche Herausforderung tatsächlich bewältigt werden kann. Ich spreche von meinem liebsten aller Rastamänner nach Bob Marley - es ist Walter. Der Erschaffer des House of Hopes in Mwanza. Der Visionär hinter seinem Projekt in Vikindu, die Schule von der wir grade kamen. Er weiß genau was fehlt und er ist auf jenen Wegen, die alles verändern können. Ihn zu unterstützen ist der Weg Systeme neu zu orientieren. Das muss ich Gänze ein andermal ausführen, aber nur ein Beispiel: stell dir vor es gäbe ein Nahrungsmittel, welches jede einzelne Person in einem Land verzehrt. Sagen wir, dieses Nahrungsmittel hieße Ugali und sagen wir, dass Walter derjenige wäre, der diesem Produkt per Gesetz Folsäure zugeben möchte, welche das fehlende B9 Vitamin ist, welches in den ersten vier Wochen der Schwangerschaft dafür verantwortlich ist, dass einer der Wirbel nicht gebildet wird und man mit Spina Bifida endet, und andere essenzielle Nährstoffe. Zurück zur Realität vor dem roten Tor der Bierbrauerei in Moshi. Sie fragen ob ich eine Anmeldung zu einem Treffen habe. Ich sage nein und gehe.
Die Lkw Fahrer quatschen mit mir und ich frage wohin des Weges, aber der Zufall hat Größeres für mich vorgesehen. Ein Dude fährt an mir vorbei, wendet, hält neben mir, drückt mir seine Sandalen durch das Fenster in die Hand und ich drücke sie zurück und bedanke mich. Er fährt verdutzt weiter, aber als er wieder wendet und nochmal an mir vorbei kommt, winkt er mir mit schwankenden aufgeregten Armen zu. Er dachte ich wäre arm… jetzt findet er mich glaub ich cool. Ich frage bei den zwei weiteren Trucks des Weges nach, komme aber von dem Ort meiner Nacht bis zum Ende meines Tages grade mal zwei Kilometer weit. Dollet Ding, ehrlich. Weil, was passiert. Olle Rasta sitzt in seinem Stammlokal vorne an der Straße, hat zwei Freunde des Friedens und der langen Haare neben sich, sieht mich auf der Straße und spürt was er später als Impuls der Natur beschreibt, nennen wir es Trieb des Interesses, und er winkt mich zu sich. Vor dem Lokal wächst ein Baum voller Zambalao und der Boden ist voll mit ihnen. Das ist diese wunderbare Frucht aus Mwanga, für die Experten und Elefantengedächtnisträger unter euch, die noch wissen, dass ich davon mehrere Male satt wurde, und dass diese Früchte dattelgroß, dunkellila mit nem netten Kern drinnen sind und sehr süß, kirschenähnlich, aber ein bisschen cooler, weil sie aus Tansania kommen. Genau auf denen rutsche ich grade aus, als ich meinem neuen Rastabruder immer näher komme. Elegant gefangen stand ich dann da und schlug in drei Hände ein, grüßte zur großen Freude in allen Formeln des Swahili-Street-Slangs und bekam einen Stuhl unter meinen ausgeruhten Hintern, der noch richtig Luft nach oben hatte weiter zu laufen. Dass ich hier versacke war wirklich nicht geplant. Wir sitzen direkt an einer Kreuzung, der Rasta neben mir smoked genüsslich und ich sehe rechts vom Laden einen riesigen Haufen von gestapelten alten Reifen und vier Typen die davor sitzen mit einer Person tüchtig am Werk aus diesen Reifen diese legendären, bei den Maasai sehr verbreiteten Schuhe anzufertigen. Wenn ich wieder beginne Schuhe zu tragen, dass werden es jene sein. Wie cool kann man denn bitte sein? Einfach mit nem Autoreifen unter der Fußsohle. Wenn die Welt davon erfährt ist das ein Schlag in die Fresse des Konsums und ein absoluter Trend-Set. Autoreifen an den Füßen… ich kann’s kaum noch erwarten bis alle damit rumlaufen. In der Welt von der ich träume, werden Menschen mit Nike oder Adidas an den Füßen so doof angeglotzt wie ich zur Zeit barfuß in deutschen Großstädten angeschaut werde. Das kommt alles noch!
Mein Narugift heißt Godwin, aber er sitzt mir zuerst nur gegenüber während ich mich seinem Rastabruder Justice vorstelle. Beide sind begeistert und erzählen, gestern vom Kilimanjaro und einer Tour zur Spitze zurück gekommen zu sein. Sie arbeiten als Tour Guides. Als ich ihnen meine Situation näher bringe, sagt Godwin bestimmt, dass er einen Platz kennt, an welchem alle Trucks parken und hin nach Mwanza fahren. Mit dieser Aussage im Gewissen werde ich ein wenig entspannter und kann mich mehr mit meinem Bleiben hier anfreunden. Die beiden Kumpels laden mich auf ein Essen die Straße runter ein, während sie mich über den Buddhismus befragen. Bevor wir zum Essen gehen, kommt noch ein uralter Mensch von außergewöhnlicher Schönheit zu ihrem Lokal, setzt sich draußen neben uns hin und zückt eine Zigarette. Nein, ich bin umgefallen vor Vergötterung!! Dieser alte Japaner, wie mir verraten wird, ist soooo cool, hallo?? Meine Rastas sagen, dass er vor den Altersheimen Japan’s hierher flieht, seine Kinder manchmal kommen und das er raucht und trinkt und sein Leben noch genießt. Die alte Haut im Gesicht hat etwas, was man sich nur aus Filmen erdenken könnte und er besitzt sofort Legendenstatus in meiner Vorstellung. Das lange weiße Haar, der krumme Gang und die langen grazilen Finger mit ihren klaren Sehnen, Haut die aussieht als würde sie zerreißen können, eine weiße Fischermütze auf dem Kopf und der Gehstock, der mich absolut davon überzeugt, dass dieser Mann in jeder Sekunde bereit wäre aufzuspringen und mit einem kurzen erhabenen Kampfruf einen Flip machen könnte und wieder auf den Füßen landet, sich setzt als wäre nichts passiert und seine abgelegte Zigarette wieder zückt und einen Zug zwischen seinen dünnen Lippen ins Lungeninnere befördert… warum spreche ich ihn nicht an?? Wir gehen und ich lerne eine kleine Welt über die Philosophie der Rastafari. Über Haile Selassie und den wunderbaren Rest, denn diese beiden Jungs sind zur Abwechslung mal echte Rastafari und an ihnen hängt eine ganze Community und dieser werde ich im nächsten kleinen Stammladen zum Teil. Wir essen Pommes mit Rührei, genannt Chipsi Mayay und wir reflektieren über das natürliche Leben und was mit den Menschen hier bereits geschah, was mit ihnen geschehen wird, basierend am Role Model Europa, wie es gilt diese zeit zu überstehen und die ältesten Weisheiten und Werte nicht in dieser Suppe zu verlieren, wie man seine spirituelle Nähe zur Natur wahrt, wie wir meditieren und wie wir es bisher finden, als Mensch diese Welt erleben zu können. Ich finde hier ein Wesen, welches mein Leben kennt und zu vielen Zeiten dem selben nach ging. Freiwillige Arbeit und seine Reisen durch das eigene Land. Er hat bereits viel gesehen und seine Berichte sind fesselnd. Außerdem hat er ein Verständnis für welches meine Fähigkeit des Verstehens noch nicht ausreichend gebildet ist. Es geht um die Art wie Menschen miteinander sprechen und interagieren, basierend auf ihren Sprachen und Dialekten. Durch ihn begreife ich das erste Mal mein Ohr auf Swahili für dessen Dialekte zu benutzen. Ich höre klar wie unterschiedlich jene aus Bagamoyo sprachen und wie arabisch versetzt es ist. Ich weiß, dass er die Sukuma nachahmt und ich bin überrascht noch nie zuvor darauf geachtet zu haben. Ich versuchte bisher nur Sprache zu verstehen und hatte Eigenheiten der Regionen völlig ausgeblendet. Er erzählt mir die Geschichte wie sich die Sprache verbreitete, welche vor ungefähr sechs Jahrzehnten von Präsident Nyerere aus einer kleinen Küstenregion in das ganze Land getragen wurde. Dann bringt er mich und meinen Rucksack zu sich nach Hause, wo er in einem Zimmer zur Zeit alleine haust. Das ist um weiten nicht das erste Mal, dass ich Teil einer solchen Lebenssituation werde und er lädt mich herzlich ein hier zu bleiben. Ich werde später einwilligen die Nacht hier zu verbringen. Wir gehen danach zurück in seinen liebsten kleinen Laden, der voll mit Rastafaris ist und in welchem grade ein glühender Stummel die Runde macht und seinen Besitzern eine kleine Freude schenkt. Nach genügend Luftzügen und genügend Zeit, verstehe ich deutlicher als je zuvor, warum die Rasta Philosophie darauf aufgebaut ist, denn ab jetzt verbinden die Gespräche in einer menschlichen Tiefe, die ansonsten nur unendlich schwer zu erreichen ist. Bessere Menschen werden wir dadurch trotzdem nicht und deswegen kann ich es nicht ungefiltert verhimmeln. Zumal der moderne Gebrauch von Marihuana stark abstrahiert ist, auf das Party Zeitalter angepasst und schon lange vermisst als die Medizin für Geist und Körper verwendet zu werden. Solange die Bildung zur richtigen Benutzung da ist, sollte es niemandem gestattet zu sein mit einer solchen Naturmedizin frei hantieren zu dürfen. Es wird nur zur nächsten Gesellschaftsdroge die es schaffen würde, dass ihre Konsumenten mit einer Lebenssituation klar kommen, die scheiße ist und nach Änderung verlangt und dass der Staat Steuern auf ein nächstes Konsumgut erhaben kann. Wenn wir eine Sache nicht brauchen, dann ist das ein noch höher Konsum. Aber wenn alle wüssten, welche Medizin darin steckt, dann würde unsere Pharmaindustrie giftig böse aus der Wäsche schauen und diejenigen dafür bezahlen lassen, was sie grade als Miese verzeichnen, weil wir nicht bei allem in die nächste Apotheke rennen, sondern in den Garten schlendern. Das will ja niemand mit Geld, statt klarem Menschenverstand.
Der Abend kommt und wir verlieren uns in vielen weiteren Gesprächen, sitzen bei ihm zuhause und teilen uns meinen halben Chapati, meine Erdnüsse und die dreieinhalb Kochbananen. Er hat eine Sache zuhause, die das Ganze von katastrophal zu aushaltbar verwandelt und das ist eine Menge Salz. Er sagt mir extrem viel davon zu essen, was auch nicht gut sein kann, aber so eine gebadete Kochbanane in Salz ist einfach der Hammer! Die Erdnüsse wären auch so weggegangen, aber Chapati und Bananen sind wirklich absolute Sternenküche in ihrem weißen Mantel aus Geschmackskristallen. Seine wunderschöne und endstufenschwangere Katze mit ihrem dicken dichten grauen Fell mit dem furchtbar stumpfen Namen Miss Grey, streicht zart um unsere Beine umher und ist vertraut mir Gästen und Menschen. Ich sehne mich nach meinem Reisebegleiter und dachte bisher viel an die Person meiner Seele, die sich an meine Seite anschließt, aber dann auch manchmal an Hunde, die im Reisesetting echten Nutzen hätten, und nur jetzt grade scheint mir eine Katze um weiten das Tollste von allem zu sein. Der Abend ist noch nicht ganz fertig. Zuerst sitzen draußen noch drei erwachsene Männer und der Rasta stellt mich ihnen vor, bevor er kurz jemanden in der Straße besucht. Die drei möchten über Meditation erfahren und ich kann in langsamen und deutlichen Englisch erzählen und alle drei verstehen mich. Wir versuchen sogar zwei Minuten aus und besprechen dann, was uns passiert ist und warum manche dachten, dass ihre Meditation nicht funktioniert hätte. Ich versuche darzulegen, wie es kein Scheitern in der Meditation gibt. Ein Scheitern gibt es nur bei eigenen Ansätzen, die falsch gesetzt wurden. Ansprüche an den eigenen Geist, die erst nach langem Training und viel Zeitverbringen mit sich selbst erreicht werden könnten. Sie zeigten sich dankbar und Rasta kam zurück, bald gefolgt von seiner Liebhaberin. Ein unvergesslicher Charakter, welcher das Zuhören wohl nie lernte, dafür aber gerne viel und laut und extrem sprach. Sie lebt wohl in England, wenn ich es recht verstand und sie ist hier, um sich mit ihren Wurzeln ausgiebiger zu verbinden. Sie trauert über das Ableben ihrer Mutter, von welchem Schmerz einem vielerorts vielleicht berichtet wird, welchen man aber nur nachempfinden kann, wenn man es selbst erlebt. Sie schein beinahe völlig daran zu zerbrechen. Sie liebt Katzen, so sehr sie die Menschheit für ihre Weseneigenschaften hasst. Die Untreue, das Lügen, die Unehrlichkeit… Katzen sind ihr ein und alles. Sie hätte wohl von Anfang bis Ende sprechen können ohne mich jemals kennenlernen zu müssen und wäre dann einfach gegangen, aber irgendwann nehme ich doch die ungefragte Frechheit und stelle mich vor. Sie ist verdutzt und ungläubig. Sie versucht ihren Redefluss fortzuführen, aber ab und zu bricht der Charakter und sie fragt mich Dinge. Ich saß am Boden wie immer und war belustigt von ihrem inneren Prozess. Irgendwann war sie geschafft. Sie mag Menschen nicht die sie um etwas fragen. Sei es eine ihrer Zigaretten oder irgendetwas dieser Art. Sie mag das Teilen nicht und ich sehe da und verliere mich gedanklich im Rauch ihrer zartpapierumhüllten Tabakrolle, während sie erneut ausholt um ihren Hass ins scheinbar nicht Endliche zu steigern. Auch sie geht zu einer gewissen Zeit und später ruft sie meinen lieben Rasta an, der sich völlig in ihr verlor, ihr aber nicht gewachsen zu sein scheint, um mal etwas Kontra zu geben oder ihr seine Philosophie näher bringen zu können. Während er ihr hinterher dackeln wird um gemeinsam zu feiern, denn ja, Rasta trinkt Bier und raucht, was nicht in Schema passt, werde ich sein Zimmer beziehen, mein Zelt ausbreiten und gemächlich mit Miss Grey neben mir einschlafen, bis Rasta um sechs Uhr morgens dazu kommt. Dieser soll der letzte Tag vor meiner Heimreise sein. Mit großen Schritten kommen wir jenem Moment, der Ende heißt, entgegen und mein Genuss für die Momente wachsen in dem Wissen über ihre Vergägnlichkeit. Aus jenen letzte kommenden Stunden werde ich eine Menge an Lehren, was die Wertschätzung angeht, ziehen können und die Erinnerung wird durch jedem Moment eine schönere. Selbst dieses Kapitel zu einem Ende zu bringen, tut mir ehrlich weh, denn mit dem letzten Buchstaben verlasse ich auch wieder die direkte Wort-Erinnerungs-Verbindung und tauche zurück ein in mein Umfeld in Mwanza. Aber hier liebe ich es mindestens zu sehr wie auf Reisen, weshalb mich das nicht abhalten wird genau hier zu enden! Bis Morgen…