Es ist mindestens ein Monat vergangen. Nie hatte ich mir die Mühe gemacht, nach meinem Ankommen zuhause noch weiter am letzten Artikel zu arbeiten und vielleicht hätte ich das Buch meiner Reise dort enden lassen. Heute ist allerdings der 27. März und an solchen Tagen macht man sich anscheinend vermehrt darüber Gedanken, ob man das Reisejournal nicht ausweiten sollte. Man müsste nun aber ausreichend kennzeichnen, dass hier ein neues Kapitel beginnt. Dass ich diesmal von zuhause aus starte und vielleicht ganz anders erlebe oder von ganz anderen Dingen berichte, als dem siebenwöchigen Barfußreisen allein durch Tansania ohne Geld auszugeben. Das nutzt sich nach einer Weile schließlich auch ab und diejenigen, die gut aufgepasst haben, wissen dass mich dieser Stil des Daseins noch lange genug durch meine Zukunft scheuchen wird. Stattdessen dachte ich mir für diese kommenden eineinhalb freien Wochen, dank Ostern und tansanischer Feiertaganreihung, eine neue Methode des Schreibens zu versuchen. Es wird Fotos und Erlebnisdichtungen geben - man wird mich tagelang mit unserer Hündin auf einem riesigen Spaziergang erleben und - mein einjähriges zuhause, die Nachbarschaft, den Markt, die Innenstadt Mwanza’s und alles was dieses Erlebnis so stark prägt, in gebürtiger Form lesen dürfen, weil mir bisher die Zeit und Muße zum kompletten Ausführen fehlte. Ich möchte also in den kommenden Tagen das Erlebnis erschaffen, dass in Schrift dann mein Jahr hier vor Ort verkörpern kann und welches mich lehren wird, selbst an meinem Wohnort das Abendteuer in allem zu finden.
Noch kurz zu dir - ich hoffe du hast das davor Geschehene unbeschadet im Mitlesen überwunden. Du bist ja wieder hier und das ist mir ein großes Kompliment. Ich hoffe dir hiermit Eindrücke, Inspirationen und Erlebnisse vermitteln zu können, die man sonst nicht findet. Es schwingt in dem ganzen schließlich eine gewisse Einzigartigkeit mit. Zur Wiederholung - wir sind ein junger Mann, heißen Lennart, arbeiten in Nordtansania freiwillig mit behinderten Kindern, wohnen mit ihnen an einem Ort namens House of Hope zusammen, besuchen sie im höchst angesehen Krankenhaus Bugando und zusätzlich sind wir verantwortlich für das Spenden sammeln durch verfasste Artikel, welche dann dafür sorgen sollen, dass Orte wie unser zuhause hier überall in Afrika weiter überleben können und Familien das Leben rettet. Super Sache und wie sehr macht mir nur der Gedanke an diesen hier zu erlebenden Umstand schon wieder Lust zu schreiben… wenn du dich dafür verantwortlich fühlst, kannst mir natürlich dadurch helfen, dass du deinen Geliebten und Engsten das Geschriebene ans Herz legst und sie so über Umwege mit diesem Projekt aus pur Gutem vertraut machst. Das Fundraising soll aber nicht darauf basieren, dass ich mit dem Bloggen groß werde - dafür bin ich zu faul und auch noch gar nicht bereit - aber ich denke, dass Viele das hier Beschriebene als wundervoll entdecken könnten und dass das ein oder andere hier erwähnte eine allgemeine Bereicherung in sich hält. Was das Funding angeht, schreibe ich fleißig für unsere Partnerorganisation genannt Child-Help. Dass solche Orte nur durch Spenden leben, ist wirklich beeindruckend, und diesen Menschen ein wenig von Hilfe zu sein, ist ein wesentlicher Bestandteil der Erfüllung, welche einem die Arbeit hier gibt. Ich darf hier einfach schreiben und damit helfen den Ort am Leben zu halten… wenn das nicht Hammer ist, dann ist es mindestens ein anderes super nützliches Werkzeug.
Mein Traum was das Funding für Child-Help angeht, sieht übrigens so aus: wenn ich nach meinem Aufenthalt hier, welcher in fünf Monaten endet, dann wieder in Deutschland sitze, dann möchte ich freiwillig für Child-Help Germany weiter arbeiten. Mit diesem Vertrag in der Tasche und dieser Beschäftigung mach ich mich dann auf den Weg in Deutschland zu rotieren - mit dem Beginn des Frühlings! Die Leute meines Weges werden meine Arbeit genauso wie mich kennen lernen dürfen und wenn man Glück hat, kann man so die Flamme eines wunderbaren Strebens in der Ferne durch Präsenz in die Häuser Vieler tragen, welche den Wunsch verspüren, helfen zu können. Und nebenbei schreibe ich als reisender Freiwilliger noch meine Newsletter und komme von Ort zu Ort um unseren omni-Generationen-Verein zu gründen und die Menschen wieder zusammen zu bringen. Was dann im Detail passiert, steht entweder schon phantasiert in der Vision Grande, der Guten, welche ich immer weiter schreibe, wenn ich nach Sonnenstichen und den Fieberträumen die Augen öffne und fähig bin zu tippen. So ein Geplauder nicht zu lesen, ist fahrlässig! Besser gelesen, als nicht…
Der 27. März. Als vor zwei Wochen Freitag der 13. an der Tür klopfte, dachte ich nach jenem Schreckenstag und seiner Negativität, dass so eine Entwicklung wie sie bis heute stattfand, nicht auszudenken wäre. Mir geht’s jetzt wieder gut und ich bin nicht nur gesund, sondern auch guter Dinge. Warme Erinnerungen aus Schönheit fließen mir durch die nach außen hin blauen Venen und das Grinsen ist seit ich meinen Poncho so viel tragen kann, auch kaum noch von meiner Seite gewichen. Jeden Tag barfuß, mit Freunden wie Martin in Thailand, welche mir schreiben, dass er nun auch barfuß unterwegs ist, und dem Gefühl langsam zu begreifen, was dieser Wohnort eigentlich ist. Langsam verstehe ich ja sogar, was unsere Mütter zuhause erzählen und verbundener mit allem kann man sich kaum fühlen. Aber der dreizehnte fühlt sich noch nicht richtig an, um mit der Geschichte zu beginnen… ich denke den Kontext in seiner Fülle herzustellen und dafür müssen wir zurück in den kleinen Raum in Moshi, am Kilimanjaro, wo unser Zelt in dem Raum vom Rasta Godwin aufgeschlagen ist und seine schwangere graue Katze neben uns liegt. Kollege ‘Liebe und Frieden’ kam um kurz vor fünf Uhr morgens wieder und legte sich dann auch schlafen. Ein paar Minuten später startete mein Tag, denn mein Wecker ließ mich ahnen, dass es dann nun fünf Uhr wäre, was in diesem kurzen Lebensabschnitt für mich hieß, aufrecht in meinem Zelt zu sitzen und solange in meine Laptop Tasten zu hacken, bis das Resultat ein fertig beschriebener Vortag wäre. Weil das irgendwann der Fall war, konnte ich bis acht Uhr weiter schlafen, um anschließend mein Zelt zusammen zu packen und alles fertig zu haben um aufzubrechen. Ich hatte keine Ahnung was der Plan wäre, aber Rasta sprach gestern davon, dass er einen Ort kennt, wo ganz viele Trucks zum stehen kommen, bevor sie dann nach Mwanza und den Westen aufbrechen. Ich dachte diesen Ort finden zu wollen, hatte aber nicht vor Rasta zu wecken. Zum Glück wachte er von selber auf und guckte mich mit den leidenden Augen eines Menschen der Nachtfeier an, welcher alles bereut, was ihn nun so fühlen lässt. Ein kleiner Haufen Elend mit Dread Locks erzählt mir auf seiner Schaumstoffmatte sitzend, dass er mich ganz bestimmt noch zu dem Ort bringen würde, aber zuerst aufs Klo muss. Er stolpert davon. Ich sitze neben meinem Rucksack, der mich optisch jedes Mal wieder froh macht, so sehr besteht er aus Farben und Details und Erinnerungen, und wundere mich belustigt, ob das heute wirklich hinhauen wird. Godwin ist ein Rasta und Mensch, wie man toller kaum einen finden könnte, aber wie sich heraus stellen wird, ist sein Ansatz ein ganz anderer und ich merke, wie viel tiefer das Geld in seinem Denken verankert ist. Folgendes passiert:
Wir lassen die schwangere Katzendame Miss Grey zurück und beginnen unsere Reise in der prallen Hitze. Wir bekommen unser Wasser von einem jungen Mann, der einen Rasen mit einem Gartenschlauch wässert und hier kann man das Wasser ohne jegliche Bedenken trinken, weil es frisch aus dem Berg kommt und laut dem Rasta keine Krankheiten im Wasser in Moshi gibt. Krank werden wir auf jeden Fall nicht. Ich treffe zwei Leute auf dem Weg, die eine Verbindung mit mir haben und glauben möchte man es fast nicht, wie schnell man Leute kennt einfach nur vom Durchreisen. Als uns nämlich ein Mann davon überzeugt nur kurz die Straße runter mit zu seinem Kunstladen zu kommen, da beschaue ich die Zeichnungen, welcher er und eine Gruppe anderer Künstler anfertigten, damit die Einnahmen dieser Verkäufe an ein Waisenheim gingen, und auf einmal spricht mich eine ältere Dame an der Wand hinter mir sitzend an. Sie sagt auf Swahili, dass sie sich an mich erinnert und dass wir auf der selben Verlobungsfeier in der Nähe von hier waren. Vielleicht erinnerst du dich… ich erinnere mich unter den hundert Gästen nicht an sie, aber unsere Freude ist auf beiden Seiten gleich groß über so einen hübschen Zufall. Als wir wieder auf der großen Straße in Richtung des Kreisverkehrs sind, durch welchen ich damals das erste Mal über die andere Richtung in Moshi ankam, erkannte ich schon im Weiten die Form und die Gangart und den Anzug eines Altbekannten. Langsam uns entgegen schreitend sehe ich den Besitzer der Fahrschule, welcher damals so begeistert von mir war, als wir uns genau an diesem Kreisverkehr trafen und unterhielten; er lud mich in seine Schule ein, bewunderte meine Meditation und fragte nach einer Aufschrift für ihn, die ihm als spirituellen Leitfaden dienen könnte. Ich war wirklich stolz auf meine zu Papier gebrachten Worte und ihn nun wieder zu sehen machte mich froh. Er erkannte mich auch, natürlich unschwer, aber sein Mundwerk fiel dem Erstaunen zum Opfer und er kam nicht recht mit der Sprache heraus. Meine erneute Erscheinung schien ihm einiges an Kopfzerbrechen zu bereiten… zu gerne würde ich seine Sicht der Dinge und allem was zwischen diesem und letztem Mal geschah erfahren. Ich umarme ihn, rede mit ihm auf Swahili und erkläre Rasta Godwin kurz danach was das letzte Mal geschah, als ich in Moshi war. Am Kreisverkehr biegen wir links in die lange grade Straße ein, auf dessen Seiten in gleichen Abständen wunderschön rot blühende Bäume ins endlos Weite stehen und strahlen. Bald kommt der Club, von welchem ich gegenüber der Straße campend in meiner ersten Nacht beim Ankommen mächtig gestört wurde. Red Brick heißt das Gebäude und er wurde auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs der hier war gebaut. Rasta kennt sich aus. Und so führt er mich eineinhalb Kilometer weiter zu dem Rastplatz der Truckfahrer, welche laut seiner Einschätzung nach Mwanza fahren. Dass sie das nicht tun, wird ihm gleich als etwas Neues entgegen kommen, aber er lässt mich nicht einfach stehen, sondern hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon fest vorgenommen mich sicher nach Hause zu bekommen. Ohne ihn wäre ich die Straße einfach wieder so lange runter gelaufen, bis jemand aus Mitleid hält. Dass ich bis morgen Mwanza wäre, könnte man sich so zwar erhoffen, aber Unwahrscheinlichkeit ist eine reale Sache, also ist es mit Rasta’s Ansatz vielleicht der bessere Weg. Er steuert auf den Polizei Checkpoint zu und möchte erfragen, ob sie mir nicht eine Mitfahrgelegenheit erfragen können. Sie reden eine lange Weile und ich stehe das erste Mal auf der Reise nur doof daneben, wirke als ob ich kein Swahili könnte und als ob ich nur eine Mitfahrgelegenheit schnorren würde und fühle mich ein wenig schuldig für das was Rasta erzählt, der in seinem besten Gewissen handelt. Als der Polizist sich endlich zu mir dreht und wir beginnen zu reden, bestätige ich das Richtige von Rasta, verbessere ein paar Dinge, führe aus und konfrontiere den Polizisten dann mit der fertigen Situation. Dieser ist auf einmal genauso entschlossen uns zu helfen und beginnt Rasta zu erklären, dass er uns das Ticket zurück nach Moshi Town zahlt, damit wir zur Polizeistation gehen können und die Wächter des Rechts dort uns eine abgestempelte Freikarte beschaffen, mit welcher ich in jedem Auto einsteigen könnte… das klingt super cool und super unangenehm. Mir ist jetzt schon klar, dass ich diesem Weg nicht ganz folgen werde und zu meinem Glück kommt alles ein bisschen anders. Wir fahren zur Station und ich laufe über den wohl feinsten, braunen Sand, und vor allem die heißesten jemals, um dann in das kühle Büro eintauchen zu können. Von hier aus sieht man den unglaublich mächtigen Kilimanjaro wieder sehr sehr klar. Der Tag könnte kein besserer sein und ich beglückwünsche die Leute, die grade oben stehen und vermutlich die Welt als Ganzes erblicken können. Godwin redet wieder und weil er ein Rasta ist, bekommt er erstmal nicht den Ernst geschenkt, den andere friedliche Bürger vielleicht bekämen. Einer findet die Situation aber interessant genug und nimmt sich olle Rasta zu Herzen. Dieser erzählt etwas was ich nicht ganz verstehe und ich höre erst wieder, als er von einem Video schwärmt, dass wir heute Morgen gedreht hatten. Das kam so, dass wir bevor wir von Rasta’s zuhause aufgebrochen sind, noch eine kleine Werbung für seine Aktion im Februar gedreht hatten, bei welcher er ein Projekt mit freiwilliger Arbeit unterstützt und Essen für Straßenkinder beschafft. Er hatte mir von seinem kleinen Rahmen erzählt und von seinen jährlichen Aufwänden an andere geben zu können, obwohl er ja wie ich nun am besten weiß, selber mehr als simpel wohnt. Davon schwärmt er dem Polizisten vor. Zu Rasta’s Video war ich bereit, weil ich seine Werte vertrat und mir erhoffen kann, dass unser kleines Video seinem Handeln von Vorteil ist. Der Polizist liebt aber die Idee eines Werbevideos an sich viel mehr und erklärt mir dann folgendes: er hat eine Reiseagentur. Wenn ich mit ihm komme und eine Werbung auf Englisch und vielleicht Deutsch aufnehme, dann zahlt er mir das Ticket. - Wie unangenehm. Das ist ja wie bezahlt werden für das was man tut… Ich fühle mich nicht wohl dabei, aber das strahlende Gesicht von Rasta, mit den weit geöffneten Augen und den etwas großen Zähnen lässt mich beinahe laut auflachen und ich realisiere wie das Ganze vielleicht nicht so problematisch ist, wie es mir grade schien. Ich zitiere meine liebe Loana von zuhause, wenn ich behaupte ‘Is nich so deep!’. Und wir gehen gemeinsam los. Dre Polizist zahlt das Dreirad Bajaji und es fährt uns durch halbe Wälder hin zu einem endlos schönen Grundstück, welches einen großen Rasen mit vielen Bäumen hat und dann eine lange Schlange aus Läden, alle zum überquellen mit farbenfrohster tansanischer Kunst gefüllt. Mitten drin ist ein kleiner Raum, sehr gut ausgestattet, und sechs Mitarbeiter des Reisebüros sitzen darin und tippen auf ihren Laptops. Eine junge Dame arbeitet emsig an der Website, weitere schreiben E-Mails oder unterhalten sich. Als wir kommen, bestellt man Teller mit geschnitten Früchten und man darf sich in weiche Stühle setzen und mir wird ein Wasser aus dem Spender gereicht. Meine Aufnahme wird vorbereitet, aber es dauert eine Weile und ich habe die Chance alle Läden und ihre Waren zu durchstöbern, eine Stoffhändlerin kennen zu lernen, welche zwei blinde Damen in ihrer Weberei beschäftigt und wessen Stoffe die bleibende Erinnerung echter Schönheit in mir hinterlassen. Ich setze mich neben einen anderen Rasta und er ist am Zeichnen zweier Bilder, auf welchen ganz in schwarz gezeichnete, geschwungene Menschen mit Körben auf den Köpfen stehen, einen langen Stock in der Hand, ein Kind neben sich, den Kilimanjaro und eine untergehende Sonne im Hintergrund. Der Künstler fertigt mehrere gleiche Bilder an und seine Vorlage ist das unscharfe Original, welches ihm über seine Nachrichten App gesandt wurde. Das ist nicht die Traumbeschäftigung eines kunstliebenden Malers. Die Bilder, welche in seinem Geschäft ausgehangen sind, und von welchen er mir ein paar vorstellt, sind trotzdem von überwältigendem Talent. Ein Bisonkopf schwarz und weiß, oder das direkte Angesicht eines gigantischen Löwens mit wunderschönen Bernsteinaugen. Ein Gesicht einer afrikanischen Frau mit einer Landschaft bei Sonnenuntergang auf ihre Wange gezeichnet und der Kontinent Afrika’s umgibt ihren Kopf in einer Weise, dass ihr Gesicht perfekt die Lücken füllt und selbst die Meeresgrenzen eins zu eins wiedergibt. Und das sind nur drei der Bilder von insgesamt hunderten, die alle Wände und alle Regale in dem nutzbaren Platz füllen. Man ertrinkt beinahe in den Reizen der Augen. Ich werde gerufen und der Polizist mit dem zwiegespaltenen Arbeitsverhältnis erklärt mir, was ich tun soll. Er zeigt mir die Notizen, welche geschrieben wurden, welche mir die Vorstellung geben sollen, über was ich hier rede. Ich versuche mir angestrengt den Namen der Firma zu merken und kann dabei fühlen, dass das großer Mist wird, wenn ich nun anfangen müsste zu reden. Viel unpersönlicher könnte das Ganze nicht werden. Also frage ich ihn, ob ich seine Notizen nicht überarbeiten kann und innerhalb von zehn Minuten für mich selbst am Schreibtisch dieses schönen Büros sitzend, verfasse ich einen Redeskript für das Kommende. Rasta liest es durch, es ist auf Englisch, und vielleicht fällt ihm in diesem Moment wieder ein, dass ich erwähnte wie gerne ich schreibe. Er ist leise begeistert und ist beinahe genauso geschockt, als der Laptop vom Schreibtisch genommen wird, weil er sonst im Bild stünde und ich frei vortragen soll. Das war nicht geplant und die erste Aufnahme ist für den Müll, weil das Mikrophon, welches durch Bluetooth mit dem iPhone verbunden war, nicht eingeschalten war. Eine gute Runde um warm zu werden. Dann folgen zwei weitere Aufnahmen beide auf Englisch und eine auf Deutsch. Ich habe keine Idee für was dieses Material genutzt wird und entweder bin ich nun auf einer Website verewigt oder war für einen Tag in einer random WhatsApp Story zu sehen. Interessiert bin ich nicht und das Unternehmen hatte durch die kurze Zeit auch nicht das Potenzial allzu persönlich zu werden. Der Polizist drückt Rasta eine ansehnliche Menge lachsfarbende Geldscheine mit Elefantenkopf drauf in die Hand und ich weiß nicht recht, wofür wir das verdient hätten. Scheint so, als würde Werbung ordentlich zahlen, denn der Betrag in Rasta’s begeisterter Hand ist genug, um meine Freunde in Mwanga, die sechsköpfige Farmerfamilie, sehr gut ausgestattet durch eine ganze Woche zu bringen. Den Polizisten und seine Art uns überlegen zu sein und mich einfach nur unpersönlich zu benutzen, werde ich nicht sehr vermissen, und wir verabschieden uns, Rasta und ich, gehen zurück zum Hauptbusbahnhof und treten den Ticketkauf an, nur um die Auskunft zu erhalten, dass es nicht genug Geld ist. 10.000 tansanische Schilling fehlen für die Rückfahrt und Rasta bekommt Eierflattern. In seiner Not fällt ihm eine Person in der Nähe ein, ein alter Freund, welcher es schaffte wohlhabend zu werden. Er besitzt den Smartphone Shop dreißig Meter entfernt und das Geschäft läuft unglaublich gut. Rasta geht hinein und grüßt seinen Freund, es scheinen echte echte Freunde zu sein, und er erzählt ihm ganz kurz, dass ich da bin. Er kommt raus, ein wahrer Riese, breit gebaut, und ein Gesicht wie ein netter Engel, schüttelt mir die Hand, guckt wie ein Kind beim Geschenke auspacken, als ich anfange Swahili zu reden und er fragt ob ich wirklich ohne Geld reise. Ich bestätige und erkläre kurz den Rahmen und seine zwei Fragen sind folgende: ‘Soll ich dir neue Schuhe kaufen?’ und ‘Habt ihr heute schon gegessen?’. Er bekommt zwei Nein und geht sofort los mit uns, fragt auf dem Weg wie viel für das Busticket noch fehlt und drückt uns dieses Geld in die Hand. Wir sind in einem nicht zu beschreibenden Gebäude und wandern bis in den dritten Stock zu einem Restaurant. Er kennt den Besitzer gut, unser neuer Freund, und meint zu uns, dass wir uns alles aussuchen könnten, nach was uns ist. Rasta hatte furchtbar Hunger und heute hätte er auch kein Geld gehabt, um sich Essen zu kaufen. Er ist dementsprechend unglaublich froh und er beginnt immer mehr zu bewundern, was heute nacheinander geschah. Wie die Leute reagierten, welcher Aufwand für uns betrieben wurde, welche Geldbeträge man uns zusteckte und dass wir kostenlos so viel essen könnten. Er ist baff, aber genauso wie der Rasta Christoph in Bagamoyo ist er fern davon zu erkennen, dass die Magie darin liegt, kein Geld zu brauchen, noch welches zu wollen. Trotzdem rannte Rasta heute nur dem Geld nach um mein Ticket erwerben zu können. Mit einer guten Geschichte bekommt man auch dieses Geld zusammen, aber mir wäre es ein angenehmeres gewesen, wenn dem nicht so gewesen wäre.
Wir sitzen an dem kleinen Tisch, teilen uns Reis, Spaghetti, Bohnen und Pommes in Rührei, bestellen zwei Mangosmoothies, die nie und nimmer in einem Ausland ohne eigene Mangos so schmecken könnten. Die Aussicht ist wunderbar über die weite Waldwelt um Moshi herum. Der Berg versteckt sich auf der anderen Seite rechts hinter uns und wenn man in unsere kleinen Gespräche reinhört, dann geht es uns scheinbar sehr sehr gut. Rasta ist in seinem kleinen Himmel der Freude und ich bin glücklich bald wieder ohne große Probleme nach Hause gekommen zu sein. Der Bus fährt in einer halben Stunde, wir bedanken uns herzlichst bei seinem großen Bruder, kaufen uns das Ticket und weil der Große uns viel zu viel Geld gab, bekommt Rasta das Übriggebliebene. Das hätte eine schöne Situation sein können, wenn ich in den Bus steige und ihm das Geld geben könnte, aber sein Druck war zu hoch und der Gedanke an ein bisschen Geld zu verführend, und deswegen fragte er mich wie ein bettelndes Kind und ohne auf seine eigene Würde zu achten, ob er das Geld nicht bekommen könnte. Es sprach nichts dagegen, nur der Moment ist kein schöner, wenn man nach Geld gefragt wird… zweitrangig. Ich packe meinen Rucksack ein letztes Mal in eine Mitfahrgelegenheit, nehme meinen kleinen schwarzen Rucksack heraus, um meinen Poncho als Decke zu haben, mein kleines Buch und das Wasser, steige dann in den noch leeren Bus und quatsche noch eine Weile mit meinem wundervollen Godwin aus Moshi. Er erzählt mir unglaubliche Geschichten von seinen Touren auf den Kilimanjaro, welchen er als privater Tourguide immer wieder bestieg und ich bin begeistert. Allerdings erwähnt er auch den Mann, der versuchte den Kilimanjaro barfuß zu erklimmen und jener musste ins Heimatland geflogen werden, wo ihm die gefrorenen Gliedmaßen abgenommen wurden. Happy End ist anders, aber überlegen darf man sich das ja mal. Es hat laut Godwin auch noch niemand geschafft den Berg davor oder danach barfuß zu besteigen. Eine Frage der Zeit, oder? Die laufende Musik bekommt auf den sieben Bildschirmen im Bus sein Bild und wir entspannen auf den Sitzen, bis es heißt loszufahren. Rasta verlässt mich dann und ich beginne das Leid der kommenden Nacht, als wir um vier Uhr nachmittags losfahren und am nächsten morgen um sieben in Mwanza, Nyegezi, meinem Zuhause ankommen. Aua.
Nun kann ich für das Ganze keine großen Worte des Abschieds, des Rückblicks oder des Mehrwerts finden, denn am Anfang wurde ja gesagt, dass ich hier wie doof bereits in meinem nächsten Urlaub sitze und nun beginne wieder zu erleben und davon zu berichten. Das soll als Eines geschehen. Diese Reise hört nicht auf, sondern macht genau dort weiter, wo sie grade aufhörte. In Mwanza und da wo ich mich am wohlsten fühle. Es wäre eine Abart dir das vorzuenthalten, denn eigentlich ist hier mein Highlight und dieser Ort in Mwanza verdient es ausführliche Geschichten, Tag für Tag zu erhalten! Ich erzähle also gleich im Schnelldurchlauf was bisher geschah und wie alles kam, bis wir an diesem Punkt, inzwischen dem 28. März, landeten. Vielleicht muss ich bevor ich anfange noch kurz Mittagessen kochen, denn Bauchi erzählt schon wieder Geschichten, die meinen geschriebenen nichts im geringsten als Inspiration dienen könnten. Wir haben vorhin Chinakohl gekauft, eine Karotte und Tomaten, es gibt kleine Fische, die bereits frittiert wurden und Furu heißen, ein bisschen Kokosmilch aus echten Kokosnüssen, und wenn wir Glück haben, dann ackern wir uns noch ein bisschen ab und haben danach eine Ladung voll Ugali. Das wär’s doch… bin gleich wieder da!
So, Nahrung hat geschmeckt und unsere neue Mitfreiwillige kenne ich nun auch um Welten besser. Die gute Dame namens Priska stelle ich zu gegebener Zeit ebenfalls vor, aber bevor man den Faden nochmal verliert, zurück zu der Zeit als ein tatsächlich bezahlter Bus mich von Moshi nach Mwanza fuhr. Die Nacht überspringen wir, weil die war schlimm, aber der Morgen in Mwanza war es wert erinnert zu werden. So schaffte ich es am morgen tatsächlich schnell genug nach Hause zu eiern, die Tasche abzuwerfen und meine liebe Loana wiederzusehen und eine andere Person, von der ich schon hörte. Unsere erste Mitfreiwillige. In dem Gewirr aus unzähligen Mitfreiwilligen verirrt man sich schnell, ich merke schon, aber zu dieser Zeit hatten wir Suzanna bei uns für circa einen Monat und nun im Präsenz, also in dieser Woche, bekamen wir eine neue Schwester namens Priska. Loana und Suzanna waren also grade noch zuhause und dabei aufzubrechen, um nach Bugando zu kommen. Paula unsere Hündin war auch da und sie erkannte mich und umsprang mich mit Freude. Auf einmal stand ich ziemlich präsent wieder an diesem wundervollen Ort, welchen ich lange genug zuhause genannt hatte und war nun nach sieben Wochen und über 3.000 zurückgelegten Kilometern wieder da. Ich bin zutiefst verliebt in das Leben hier und den Ort selbst. Meine Freude konnte sich dementsprechend kaum in Grenzen halten, als ich den Rucksack schweißgebadet vom Fußweg von der Nyegezi Bushaltestelle bis hier hoch lief, abwarf und mich schnell mit Wasser abwusch, mir neue Klamotten überwarf, unsere Suzanna eine ganz kurze Vorstellung von mir gab und bereits ihr werde ich schon nie wieder von meiner Reise berichten. Es wird sich nie ergeben und sie würde nie fragen. Erzählen von dem Passierten tue ich nur ganz wenigen - glauben kann es eh so gut wie niemand. Dieser erste Tag zuhause, nach einer furchtbaren Nacht aus permanentem Halbschlaf, weil die Busluft immer wieder von lauten Werbeausrufen auf Russisch unterbrochen wurde, um die Fahrgäste zu erinnern, das billige Ticket gebucht zu haben, begann also mit einer Runde zum wundervollen Krankenhaus, um nach langem unsere abwechselnden Mamas dort zu besuchen - bald mehr dazu. Erstmal tat es gut einfach wieder hier zu sein, diese Arbeit wieder zu vollführen, Loana wieder in der Nähe zu haben und weiter miteinander, aneinander und an der Erfahrung des Jahres hier wachsen zu dürfen. Eine wahrlich wunderbare Zeit in allen Aspekten stand bevor, aber die wirkliche Schönheit des Passiertem wird mir auch erst jetzt wirklich bewusst, nachdem Loana gestern wieder abreiste und ihre kurzen Ferien auf Zanzibar verbringt und danach in Vikindu arbeitet, wie ich es davor getan hatte. Also, damit dürfte die erste Reise selbst mit kontextbesetztem Appendix fertig sein und wir können uns detailreich dem hier widmen. Ich freu mich schon dir von diesem Ort zu berichten. Bis gleich im House of Hope!