Es ist 5:46 Uhr am Morgen und ich habe bereits meine nächste Nacht hinter mir. Ich sitze auf dem Boden meines Zeltes in dem Wohnzimmer einer neuen befreundeten Familie in Arusha, ein ganzes Stück weiter in Richtung großem Berg, als ich es gestern noch war. Gestern endete nach 167 Kilometern der Reise hier in Arusha. Geklappt hatte das mit der Hilfe von den Menschen auf dem Weg und gegessen hatte ich durch die Hilfe der selben. Wer sich erinnert: ich backpacke von Mwanza nach Bagamoyo in Tansania und das ohne Geld und tatsächlich auch ohne Schuhe. Hätte ich mir auch nicht zugetraut… aber bisher muss gesagt werden, läuft alles recht flüssig. Die zugvorige Nacht wurde mir von jemandem aus Arusha bezahlt. Jener nahm mich mit in ein Guest House und lud mich auf eine Nacht ein. Dort schlief ich einen unschlagbaren Schlaf, allerdings neben dem Bett am Boden auf meinem Zelt als Unterlage. Keine Moskitos und nur die Sicherheit von Wänden. Das ist schon Einiges. Den Morgen danach verbrachte ich mit dem Schreiben über jenen Tag und dann packte ich meine circa 7 bis 32 Sachen zusammen und begann den nächsten höchst normalen Tag im Alltag des geldlosen Wanderns.
Ich machte mich auf den Weg hin zur Innenstadt Arusha’s und versuchte die Straße weitestgehend zu meiden. Am Anfang konnte ich so noch über kleine Wege in einer verhältnismäßig ruhigen Gegend laufen und selbst die Sonne hatte noch Gnade. Ich unterhielt mich mit zwei Kindern, einem gelernten Koch, einem älteren Herrn auf einer Brücke, die einen Bach unter sich führte der Hälfte Hälfte Wasser und Plastikabfälle darstellte. Er brachte mir die Wortwendung für Kein Problem! bei. In Swahili sagt man ‘Amna Shida!’
Etwas später treffe ich auf meine erste Helferin des Tages. Sie saß zusammen mit ein paar Männern vor ihrem eigenen kleinen Geschäft und ich lief barfuß vorbei und wurde in ein kurzes Gespräch verwickelt. Ich stelle mich vor, erkläre was ich tue und wo ich versuche hinzureisen und die Reaktionen sind dementsprechend. Die nette Dame holt mich ein und erzählt mir ein paar Dinge… sie möchte mir eine Fahrt ausgeben zum Busbahnhof, damit ich von dort nach Moshi komme. Du merkst, dass mein Gesprochenes noch nicht ganz durchsickerte, aber ich erkläre es erneut und dann sieht sie ein, dass mir die Busse nichts bringen werden. Stattdessen zeigt sie mir die Richtung des Highways, auf den ich wesentlich später auch durch Zufall stoßen werde, allerdings ist mein erstes Ziel der wunderschöne, in der Distanz aufragende Berg Meru. Die gute Dame gibt mir 1.000 tansanische Shilling damit ich mir Wasser kaufen kann, und das hatte ich auch wirklich vor, aber eine kurze Weile nachdem sich unsere Wege teilen, fragt eine sehr alte Dame auf der Straße nach Geld, und ich hatte den kleinen blauen Papierschein noch in der Hand… ein guter Geldfluss. Gegessen habe ich noch nichts und mein Wasser ist auf der Hälfte. Kurz bevor ich in das echte Arusha Stadtleben eintauche, holt mich ein junger Mann ein, der auch nicht nüchtern ist, und er spricht ein paar absolut nicht verständliche Worte und nimmt mich am Arm. Ich sah was er nicht sah, und eine Sekunde später legte sich eine riesige Pranke eines sehr hoch gewachsenen Mannes auf seine Schulter und führte ihn problemlos in die andere Richtung. Ich lief weiter und bedankte mich bei meinem großen Helfer als er mich einholte. Dann biege ich nach links ab und bin an der großen Straße Richtung Arusha Mitte.
Ab hier wird alles ziemlich unangenehm. Der Boden ist bodenlos heiß. Die Steine sind klein und spitz auf hart getretenem Untergrund und der Staub am Boden ist Schwarz gefärbt und damit noch heißer. An den Straßenseiten sind unzählige Menschen am Boden und auf jede Person kommen hunderte von Tomaten und Mangos und allem erdenklichen Essbaren der tansanischen Erde. Es ist ganz schön eng mit großem Rucksack und einem quer angebrachten Zelt und die Menge an Konversationen, die ich mit jedem Schritt bei den Menschen auslöse, bringt mich zum Lachen. Ein paar Momente später erblicke ich die ersten Weißen, ein Ehepaar mit Sonnenbrille und halbgeöffneten Mündern, anscheinend unter solchem Schock über welche Welt um sie herum geschieht, dass sie nicht nicht einmal bemerken, obwohl wir direkt aneinander vorbei gehen. Ich wollte ihnen eigentlich auch Mzungu zurufen, aber hab mich anders entschieden. Als die Flut des Marktes überwunden ist, kommt das brutalste Fußstück des Tages. Die Innenstadt hat einen Gehweg aus Platten und einen wechsle ich ab mit dem Asphalt der Straßen. Mein Gott, ich dachte ich könnte wirklich mit allem, aber ein schwerer Rucksack auf schmerzhaften Gehmaterial, plus eine solche Hitze, hatte meiner Kehle doch den einen oder anderen jämmerlichen Ton entlockt… ich möchte kurz abdriften. Es geht um das alte Ehepaar und Tourismus.
Nun stell dir vor: du lebst und arbeitest. Bisher noch nachvollziehbar. Am Ende deiner Karriere entfaltet sich der lebenslang beinahe völlig unterdrückte Drang auch endlich mal die Welt zu sehen und so startest du in der Mitte deiner 60er so richtig mit dem Reisen. Eine Tour nach der anderen ist geplant und du kommst von Land zu Land, von Hotel zu Hotel. Dein lebenslang Erspartes minimiert sich rasant und du wunderst dich, wieso das Reisen so gefeiert wird… Hotels sehen überall eigentlich gleich aus. Die Welt ist schon hübsch und so, aber da du mit wenigen Orten echte Erlebnisse teilst, wirst du wenig in Erinnerung haben. Zum Glück kommst du deiner Aufgabe gerecht nach und machst Unmengen an Fotos von den Sehenswürdigkeiten. Ein phänomenaler Name. Sehenswürdigkeiten. Wer sich den Quatsch ausgedacht hat, würde mich mal interessieren. Reisen gibt dir im Endeffekt nicht was du dir erhofft hattest, und das zählt für jung und alt, und wir fragen uns wieso… naja, es ist unpersönlich. Es ist nicht dein Abendteuer, sondern deine finanzielle Errungenschaft von Ort zu Ort zu kommen. Du leistest in dem Akt des Reisend zu wenig, als dass es wirklich belohnend sein könnte. Ich erinnere mich an die kleinen Tränen auf dem Fußweg in Spanien, 280 Kilometer in acht Tagen zusammen mit Martin, und jeder Augenblick dieser anhaltenden Folter ist mir heilig. Tourismus nach westlichen Standards hat viele Probleme. Es ist zu einfach und es ist zu sehr an das Konzept angelehnt, welches dieses ganze System künstlich am Leben hält: Konsum. Reisen des Westens ist wie durch soziale Medien scrollen, nur dass man eben vor Ort ist. Man macht sein Foto, damit es auch wirklich passiert ist und läuft mit den Augen am Boden weiter, verwirrt über die Menschen und das Leben vor Ort, ohne einen Gedankenaustausch mit Einheimischen, ohne eine größere Lehre, ohne ein Abendteuer… aber wie soll man auch ein Abendteuer mit Rucksack und ohne Komfort in der Mitte unserer 60er performen? Könnte ich vermutlich auch nur schwer. Aber eine viel wichtigere Frage: Wie können wir es wagen unsere Jugend für etwas dermaßen sinnentfremdetes wie Arbeit wegzuwerfen, anstatt die Welt nach all unseren Möglichkeiten zu erkunden und am Anfang unserer Leben zu bereisen? Ist schon klar, dass das Ganze schwieriger mit dem Alter wird. Aber ist es Angst vor dem Reisen oder der Erzfeind Komfort, der uns von unseren Träumen abhält…?
Zurück zu den kochend heißen Straßen Arusha’s und meinem Rucksack, welches Norwegen und ganz Europa mitmachte und inzwischen überall gerissen ist, wo Materialien zusammen genäht wurden. Ich finde einen hübschen Park neben einer Kirche und lege mich auf eine Steinbank mit Blick in das hohe Blätterdach. So ruhe ich für eine Weile und praktiziere absolute Entspannung. Eines der besten Dinge, die man üben kann, wenn man auf harten Flächen liegt und schläft. Man kann gar nicht einschlafen bevor man nicht absolut tiefenentspannt ist. An meinem schmutzigen Fußende sitzt ein einheimischer junger Mann und ich weiß nicht ob er bemerkt hatte, dass ich da bin. Sein Nacken ist beinahe exakt 90 Grad runter auf das visuelle Pixel-Event seines Handys gesenkt. Vielleicht interpretiere ich es falsch und es ist eine Yoga-Übung die er praktiziert, aber von hier aus sieht es nach chronischen Fehlstellungen und Rückenschmerzen aus, wenn das erstmal beibehalten wird. Heil Handy, ehrlich… wenn uns jetzt noch irgendjemand beibringen würde, wie wir diese Ekelkiste tatsächlich für uns nutzen können und nicht nur wieder Konsumopfer des Westens werden und unsere Lebenszeit verlieren, damit andere profitieren, dann wäre doch alles nur halb so schlimm. Wenn ich mein Handy eines Tages mit einem langen Nagel in einen Baum hammer, bist du dann dabei gemeinsam die Konterrevolution des Mediums zu starten? Machen wir so, oder? Ließ gerne die Vision Grande Page auf dem Blog, damit du einen Überblick hast, was ungefähr geplant ist, während unserer Bewegung in Deutschland und Welt. Sawa… Werbung check und weiter in Arusha.

Ich komme endlich an den T2 Highway und überquere ihn hin zu der Bergstraße, die mich für die nächsten Stunden leiten wird. Mein Wasser ging beinahe gänzlich zur Neige und wie gesagt, gegessen hatte ich auch noch nichts. Ahhh… ich weiß ungefähr, dass man beim Reisen umso mehr belohnt wird, je mehr man wartet und Aufwand bringt, aber der Bergweg vor mir ist das unangenehmste Bodenmaterial meines Lebens und die Mittagssonne knallt dermaßen. Ich glaube ich schaffe zwei Kilometer bergauf und grüße unzählige Menschen auf dem Weg. Alle sind happy sich kurz zu unterhalten, aber ich halte mich selbst davon ab jemanden nach Essen oder Trinken zu fragen. Jede einzelne Person hier würde mir helfen. Alle würden mich auf Wasser und ein Mittagessen einladen, da bin ich mir völlig sicher. Aber ich möchte auf eine glückliche Wendung warten und jene wird erst vier weitere Kilometer weiter auf mich treffen. Einmal mache ich eine Pause bei zwei alten Herren auf einer kleinen Bank und ich erzähle ihnen im wundervollen Schatten was ich tue. Dann sitze ich einmal bei einer Apotheke, anscheinend so kaputt aussehend, dass eine Familie kommt. Die Oma der Kinder ist sehr freundlich und barmherzig, ihre Tochter ist ungläubig und die Kinder chillen hinter Mama und naschen Mango. Ich erzähle auch ihnen was abgeht und sie kaufen mir ein Wasser, was meh als nötig war und ich bedanke mich von Herzen. Die Tochter möchte meine Nummer, um irgendwann sicherzugehen, dass ich sicher und alive bin. Das mit dem Barfußsein ist keinem bisher wirklich verständlich gewesen… oh, doch einmal. Ich hatte es einer kleinen Gruppe erklärt und von der Verbindung von Erde und menschlichem Körper geredet, und ein Mann lief an uns vorbei, hörte das und hielt ohne Umschweife einen kurzen Vortrag in Swahili zu der Gruppe, zeigte mir danach einen Daumen Hoch und ging weiter. Ich traf auf einen Security Guy an einem riesigen Hotel noch weit vor dem Berg und dieser war beinahe schon aufgeregt und bewunderte mich und erzählte von einem Künstler in Tansania, der auch immer barfuß lief und ohne dass ich davon gesprochen hätte, sagt dieser Mann eins zu eins, dass der menschliche Körper und die Erde laut diesem Künstler eine Verbindung hätten. So ein kleiner Zufall ist ja beinahe schon süß… zurück am Berg und nach der wasserschenkenden Familie. Ich schleppe mich weiter bergauf und komme ins tiefe Abseitsgebiet Arusha’s und biege nach rechts ab um weiter den Berg Meru ansteuern zu können.

Hier treffe ich die alte Dame mit dem Plastikbottich voller Bananen auf dem Kopf. Sie versucht mir etwas zu verkaufen und ich entschuldige mich herzlich kein Geld zu haben. Etwas passiert in ihren dunklen Augen, was ich nicht ganz in Worte fassen kann und sie antwortet mir in der Sprache, die ich so halb verstehe, dass ich mir bitte eine Banane nehmen soll. Meine Entschuldigung mutiert in eine Lobpreisung und ich nehme die goldene geschwungene Frucht dankend an. Das erste Essen des Tages und es ist wirklich herrlich. Ab jetzt wird alles leichter und geht schneller. Mein Ort für die Nacht ist noch unbekannt, aber nicht mehr als zwei Kilometer entfernt. Ab hier haben die wenigsten Menschen häufiger Kontakt zu Weißen. Irgendetwas sagt mir relativ klar, dass ich etwas tue was noch nie zuvor gesehen wurde. Auf der Straße würde niemand von den Einheimischen jemals freiwillig barfuß rumlaufen und meine Rucksackgröße muss Kopfschmerzen beim zuschauen machen. Und dann wird der tag sozial…
Hatte ich je schlecht über Betrunkene geredet? Ich hoffe nicht, denn meine Mama für die nächsten dreißig Minuten winkt mich herein auf die Außenfläche eines kleinen Ladens. Das kleine Gebäude beinhaltete einen kleinen Chipsy Imbiss und eine Bar. Mit Münzwurfpech bin ich Teil der bar und die liebe Mütter mit ihren beiden erwachsenen Töchtern bietet mir Stuhl und trinken an, küsst meine Hand und fragt dann, welche Zigaretten ich rauche. Mit einem Freund meiner Sprachschule der ebenfalls in Bugando arbeitet und aus Dänemark kommt, rauchte ich ab und zu Portsnam, die Fake Verson Tansanias von Sportsman. Ich gebe den Namen weiter und bekomme zwei. Es ist sehr angenehm endlich mal zu sitzen und Wasser in Übermaß zu trinken. Die Zigaretten erinnern mich an das Reisen gemeinsam mit Frankh von Korsika nach Monaco, über die Alpen bis hoch nach Berlin, in welcher Zeit wir ebenfalls ohne Geld lebten und vieles zu rauchen von Menschen der Welt bekamen. Über das müsste ich auch endlich mal anfangen zu schreiben. Zur Zeit hänge ich nach in Ibiza, was das Reisejournal des Jahres 2025 angeht.
Ich bedanke mich herzlich bei meinen Gästen, aber komme so schnell nicht los. Die nette Dame mit den unkontrollierten Fingern lädt mich noch in den Innenraum der Bar ein und dort sitzen wir zu viert für ein paar Minuten und ich kann auch hier nochmal entspannen. Ist ja nicht so, als müsste ich irgendwo hin. Eine der Töchter hatte mich vorhin versucht unauffällig zu filmen. Versucht hatte ich es zu ignorieren, aber geklappt hat das scheinbar nicht. Ich hoffe aus der Geschichte unberühmt heraus zu kommen. Ich verabschiede mich, gebe natürlich meine Nummer, und gehe meiner Wege. Nicht weit und schon habe ich einen weiteren Weggefährten der sich mit mir unterhält. Als ihm der Fakt klar wird, dass ich tatsächlich ohne Geld lebe, stehen wir direkt neben einem kleinen Stand der Kasava, also frittierte Süßkartoffel und Kochbananen verkauft. Er wartet nicht lang und deutet mir mich hinzusetzen und ich bekomme einen Teller voll Kasava geschenkt, während er der netten Dame des Ladens erklärt wer ich bin. Hinter einem Vorhang ist ein kleiner Raum und aus ihm kommt ein junger Mann, den ich noch nicht kenne, aber in wessen Haus ich später schlafe und mit wessen Freunden ich später zu zehn in einem kleinen Raum essen werde. Er hate die Geschichte gehört und sich dazu gesetzt. Mein Freund des Weges ist ein unverwandter Bruder von ihm und ich gebe ihnen meinen Brie der Selbstvorstellung in Swahili. Ich esse das trockene Fruchtfleisch bis ich pappsatt bin und wollte weitergehen, als beide auf das Tageslicht deuten und meinen dass sich das für heute erledigt hätte. Ich frage was ich tuen soll und er lädt mich zu sich nach Hause ein. Und so schnell geht es. Er wohnt genau hinter dem Laden und das Haus gesteht aus zwei Räumen. Ich lege Taschen ins Wohnzimmer und lasse all mein Hab und gut alleine zurück, als mir eine Dusche angeboten wird. Manchmal muss man sich entscheiden Menschen zu trauen, aber ich weiß noch nicht wie genau. Bisher habe ich nur Gute angezogen. Ich wunder mich was ich anstellen werde, wenn dem mal nicht so ist. Die Dusche ist herrlich. Ich stehe in einem kleinen Holzraum in mitten eines Waldes aus Bananenbäumen und habe einen roten Eimer gefüllt mit Wasser aus dem ich das Wasser schöpfe. Seife und Bürste sind auch da und anschließend glänze ich wieder. Außer meine Füße… denen hab ich die schädliche Dusche erspart. Dann legte ich die Ohren mit Schwung an, um zurückzukehren zu meinem Rucksack und mein neuer Freund und Gastgeber lud mich ein zusammen mit dem Wegfreund und seinem Booda zu anderen Freunden zu fahren… ok, das war auch für mich verwirrend. Ich sitze mit zwei Männern auf einem Booda und meine Tasche ist bei ihm zuhause. Wir fahren Teile des Weges zurück, den ich schmerzhaft erklommen hatte und kommen zu einem Haus, in dem eine Familie wohnt, die uns beherbergt. Der Sohn der Hausältesten ist Student in Mwanya und er lebte zwei Jahre lang in meinem Gebiet Nyegezi und sogar in jenem, in dem meine Freundin Bukele lebt, namens Mkolani. Er spricht Englisch und wir unterhalten uns viel, während wir einem anderen Bruder zuschauen, wie er mit einer riesigen Act, aus purem Eisen, Griff und Stihl, zusammengeschweißt, ein dickes Stück Holz auseinander nimmt, welches rötlich im innern schimmert. Mein Mwanza-Kollege, der sich selbst China nennt, ist ein Träger des Fußballsports und meint seine Leidenschaft darin gefunden zu haben. Nachher zeigt er mir ein paar Fotos von ihm und ein Video von einer Aufwärmung. Ich habe meine Blog nie mit jemandem geteilt, auch mit ihm nicht, und deswegen wage ich mich nun mal zu sagen, dass ich keine Ahnung hab Anhang der Bilder ob er Fußball spielen kann oder nicht. Zum Glück lädt er mich zum Zuschauen eines seiner Spiele in Mwanza ein. Er spricht eine Art kleine Drohung aus, wenn ich nicht komme, aber das ist schon öfter vorgekommen und ich glaube, dass Menschen es gar nicht böse meinen… ach, kein Plan. Irgendwie muss man ja ein bisschen Druck ausüben.
Das Haus ist Heimat für zwei seehehr zutrauliche Babykatzen in der Größe meiner Hand.

Es gibt einen Hund und ein paar Hühner. Die Wände bestehen aus langen Stöckern, die von außen von hellbraunem Lehm verdichtet wurden. Das Dach ist als und sehr schäbig und der Innenraum besteht auch aus Lehm über Ästen, mit drei süßen Sofas an den Wänden und hübsche Bilder von den Eltern und ihrer Hochzeit über den Sofas. Seine Mutter kocht hinten und als wir sie besuchen gibt sie mir einen Vortrag in Swahili darüber, wie schädlich und gefährlich es ist barfuß zu sein, und noch viel wichtiger: ich solle niemandem trauen, weil Menschen in jedem Moment wechseln können, wer wir sind. Ihr Sohn, der übersetzte, dreht sich zu mir und fragt ob ich das wüsste… ich sage nein und denke ja. Mama China kocht Bohnen zusammen mit Maiskörnern. Das Gericht ist in der Gegend der Maasai mehr verbreitet als Zuhause in Mwanza bei den Menschen des Sukuma Stammes. Ich lerne ein paar Wörter aus der Sprache der Maasai von den restlichen Freunden die später vorbei kommen, aber bin nicht ganz fähig sie schriftlich festzuhalten. Wenn menschen sagen möchten, dass sie etwas wissen, also ‘Ich weiß!’ dann sagen sie ein Wort, das ganz genau wie ‘Yellow’ im Englischen klingt. Die Schar aus jungen Männern versammelt sich im Wohnzimmer und alle bekommen einen großen Teller voll mit Bohnen und Mais gekocht. Ein älterer Bruder kommt von der Straße herein und besitzt selbst nichts, also fragt er hier nach Essen. Er bekommt ohne Zögern auch einen vollen Teller vom Gastgeber und geht wieder. Die Männer um mich herum sind dermaßen cool, aber wie soll man in Worte fassen mitten in Tansania zu sitzen, in einem Raum voll mit jungen Mitte zwanzig Jährigen, die dick in alle möglichen Arten von Jacken und Mützen gekleidet sind, sich auf einer Sprache und einem Slang unterhalten, der nicht cooler sein könnte, während die eine weiße Glühbirne über uns die Wände und die Stöcker unter dem Lehm beleuchtet. Ich sitz bei und bin an meinem 24. Dezember doch noch irgendwo angekommen. Als ich fertig mit dem Essen bin, setzt mir jemand die Babykatze auf den Schoß und jene schläft sofort ein. Noch kurz, und dann sagt mein Gastgeber nun aufzubrechen. Es ist stockfinster, aber auch im dunkeln schaffe ich dieselbe Straße wieder hoch zu laufen. Der Rucksack macht vieles vom Leid aus, aber barfuß laufen habe ich zu genüge in den letzten zwei Jahren geübt, so dass das nun auch schmerzfrei im Dunkeln auf solchem Terrain funktioniert.
Von einem Raum voller Männer, komme ich nun in sein Wohnzimmer mit einer Oma, drei Müttern und drei Kindern. Na wenn das mal ein Settingswechsel war. Man versucht mich mal wieder von einer Heirat in Tansania zu bewegen und fragt nach meinem Ring am linken Ringfinger, den ich auf Hawaii kaufte, in Erinnerung an die Zeit dort mit meiner Linnea und als Geschenk für meine Franziska. Ich hab ihn nie übergeben und jetzt ist er mir ein Heiligtum. Alle kommentieren, dass ich ihn am falschen Finger trage…
——Blitzmeldung!!! Mir wird grade von meinem Deutschschüler Abednego geschrieben. Ich hatte ihn vor einer Woche bei sich zuhause besucht, wo seine gesamte Familie zusammen kam, um das niedergebrannte Haus der Großvaters wieder aufzubauen, und ich versuchte zu helfen und lernte dabei die unglaublichste Familie kennen, die selbstlos und gottesfürchtig die absolute Grundlage für jede wachsende und gesunde Gesellschaft in ihrem Heimatdorf etablieren. Von Bildung, zu medizinischer Versorgung… diese Menschen erschaffen Leben.
Abed schrieb mir grade, dass sein Bruder, welcher mich damals mit dem Auto von der Straße mit zu sich nach Hause nahm, mich gestern in Arusha rum laufen sah!!! Wie unwahrscheinlich witzig, ich kann nicht mehr!
Die Mamas sind cool drauf und die Kinder bekommen Luftballons von mir, die ich eingepackt hatte. Die selben mit denen auch Patrick seinen Spaß beim House of Hope hatte. Danach macht mein Gastgeber das Wohnzimmer frei, ich kann mein Zelt in dem Zweiraumhaus aufstellen und schlafe ziemlich schnell ein und stelle meinen Wecker auf 5:30 Uhr am Morgen, um mit dem Schreiben beginnen zu können. Mein mir immer noch namentlich unbekannter Hausherr liegt noch eine Weile auf dem Sofa und das Licht scheint heller als die Sonne durch mein schwarzes Moskitonetz. Dann geht er ins Nachbarzimmer und legt sich zu seiner Frau und einem seiner Kinder. Er meinte zwei Ehefrauen zu haben, aber Christ zu sein, und es ist zu spät, als dass ich noch verstehen würde was er meint. Er schläft mit Gospelgesang ein, in dem ein Männersolo und ein Frauenchor abwechselnd ‘Asante’ (Danke) lobpreisen. Für mich ist das ungewohnt und ich braue eine Minute um den Weg in den eigenen Kopfesschlaf zu finden. Während der Nacht wird es kalt, aber ich habe zwei Tücher bei mir, eines als Kopf’kissen’ in den Farben schwarz und lila und ein grün schwarz kariertes Tuch als Decke plus meinen lila Pullover zum Spaß noch dazu…