Mein letzter Tag in Mwanga, bei meiner kleinen neuen Familie. Ich bin emotional aufgewühlt und kann meine Lage durch Sprache nicht mitteilen. Der Schlafmangel zehrt ab meinen Nerven und ich versuche mich die gesamte Zeit auszuruhen, bin aber völlig unruhig. In komischen Zeitabständen wird mir Essen angeboten, und doof wie ich bin höre ich nicht auf meinen Körper, und deswegen spucke ich später ein bisschen Galle und fühle mich elend. Ich möchte diese neue Familie nicht hinter mir lassen und gleichzeitig ist es ein Kampf nicht sofort von hier zu verschwinden. Diese Gegensätze führen ihren kleinen Krieg in mir und erzeugen keines Wegs eine Harmonie. Meine Mama und mein Papa vor Ort sind besorgt und es tut weh ihnen erklären zu wollen, dass es kein Problem gibt, aber ich trotzdem meine weiterreisen zu müssen. Wir saßen zusammen in einem Dreieck und hielten Hände als ich erklärte hier und jetzt loszumüssen und Papa Misana sprach ein langes Gebet auf Swahili für mich. Wir drei saßen mit geneigten Köpfen da und hielten unsere Hände, während er das tat und danach baten sie mich noch kurz zu warten, bis ihre kleine Tochter wiederkäme von ihrem zweiten Krankenhausaufenthalt. Da ich nicht gehen könnte ohne meiner lieben Mwajoma auf wiedersehen zu sagen, willigte ich ein und begann eine lange Meditation. In jener kam ich zu einem Punkt, an welchem ich mich in einem Raum mit rechteckigen Fenster, breiter als hoch, befand mit der Silhouette einer Person vor dem dummen Licht der Außenwelt. Der Kopf war klein und rund und geschoren. Der Anblick blieb für einige Momente klar vor meinem inneren Auge bestehen. Dann begann ich den anstrengenden Teil, den ich oft einführe, wenn eine großartige Zeit zur Neige geht. Ich wanderte im Geiste zurück zum ersten Moment, den ich hier verbrachte. Zurück zur Straße und dem Moment als ich Misana und seine große Tochter auf ihrer Bank vor dem Geschäft sitzen sah und wie sie gespannt in den Fernseher schauten, der im Innenraum hinter dem Eisengitter als Fenster stand. Sie bemerkten mich zuerst nicht und ich ging weiter bis ich von ihnen gerufen wurde. Dann das erste Treffen mit seiner ganzen Familie, der abendliche Besuch seiner Felder und die Bäume der Mango und der Zambalao Frucht. Die gemeinsamen Mahlzeiten aus Ugali, Mchicha, Bohnen, Fisch den ich nicht aß, Chapati und Tee, die Nächte in dem kleinen Raum in dem ich nun saß, die Arbeit auf den kleinen Feldern, die Ernte seiner großen Mangobäume, die koreanische laut laufende Aktionserie beim Abendessen, die Nächte voller Sterne und Misana’s Lehren über unseren Himmel, der Angriff eines großen Adlers und wie er eines der kleinen Kücken stahl, das Aufwachen und Sehen seiner kleinen Tochter und ihres zugeschwollenen Gesichts. Ich behalte eine Chronologie in der Meditation bei und hangle mich von einem Moment zum nächsten und dabei versuche ich nichts zu überspringen. Momente die mich fangen, nehmen mich völlig ein und ich versinke in bildhaften Erinnerungen. Da ich zuvor bereits 20 Minuten meditierte, bin ich zum Zeitpunkt der Vorstellungskraft schon warm und kann ab und zu in den Raum des träumerisch-bildlichen Denkens abrutschen. Danach finde ich wieder in meine eigene Ruhe, sehe jeden Moment klar und behandle sie wie Gold wert. Mein innerer Kampf legt sich und ich genieße die letzten Stunden in Fülle. 
Zwei Dorfälteste kommen vorbei und ich kenne sie bereits. Sie tauschen sich eine Weile miteinander aus und sind mir gegenüber wieder überaus freundlich. Als Mwajoma zurück kommt, geht es ihr wieder gut und wir haben noch eine lustige Zeit miteinander. Bald beginnen wir Mchicha Pflanzen ihre dünne Haut am kleinen grünen Stamm abzuziehen, sie in kleinste feine Stücke zu schneiden, kinderhandgroße Fische auszunehmen, Ugali anzurühren und ich darf zum ersten Mal auch eine Ugali-Mischung rühren, bis sie zu der zähen Masse wird und fertig zum Essen ist. Wir machen noch ein paar Fotos mit der Hilfe von Mama Fatma und lachen viel. Papa zeigt seine Künste mit meinem Gehstock und wie er ihn geschickt wirbeln lassen kann. Ihm steht diese Rolle überaus gut und trotz seiner Jahre ist er das dynamischste Wesen, welches mir bisher untergekommen ist. Wir essen ein letztes Mal gemeinsam im Eingang sitzend von meinem Raum und ich werde überaus satt, dafür wird gesorgt. Misana, der mir wieder einen Fisch unterjubeln wollte, lernt nun, dass ich Fleisch esse, wenn ich das Tier selbst getötet habe und das scheint viel besser zu wirken, denn er versucht mich nicht mehr zu überzeugen, sondern nimmt den Fisch sofort zurück. Mama macht einen Spaß und deutet mit vollem Mund einladend auf ihre Hühner in dem Sinne ich könne eines davon sofort schlachten. Ich lache und danke ab. Dann packe ich meine Sachen und trete vor die Tür. Grade zu diesem Moment sind alle Personen des Ortes anwesend. Mama Fatma, Papa Misana, Kinder Neema, Mwajoma und Baby Ephraem, zwei Brüder von Misana und all die Tiere der Familie um uns herum. Sogar die Schwester, welche an meinem ersten Tag mit ihren Fischen vorbei kam und so begeistert von mir war, ist zufällig grade da. Sie möchte am wenigsten, dass ich gehe und lädt mich zu sich nach Hause ein, was ich leider ablehne. Ich umarme jede einzelne Person und in einem Kreis stehend, spricht Misana das nächste Gebet, von dem ich reichlich wenig verstehe. Danach fühle ich mich bereit zu gehen, fülle mein Wasser mit dem gräulichen Trinkwasser nach, tropfe meine Reinigungstropfen hinein und zusammen mit den Eltern und der Schwester des Fisches gehen wir eine Strecke gemeinsam. Misana und Fatma halten Händchen und spielen Tricks miteinander, bei denen sie sich gegenseitig piksen und fangen. Ich laufe hinter ihnen und möchte zerfließen bei dem Anblick. Sie sind überaus süß - und dann kommt der Moment in dem sie stehen bleiben und ich ihnen sage weiter zu laufen, bis ich einen Lift bekomme oder einen Platz zum Schlafen finde. Wir umarmen uns zu dritt noch einmal herzlich und auch ihnen sage ich, in sieben oder acht Monaten wieder vor Ort zu sein. Ich bin so glücklich diese Familie getroffen zu haben und der Abschied tut nicht weh. Sie sind nun ein goldener Teil meiner Erinnerung und werden sich in Meditation zu meinem Kreis aus Liebsten dazu gesellen und so in engen Kontakt bleiben. 
Als ich das alleinige Laufen beginne, habe ich noch zwei Stunden Sonnenlicht, was nicht optimal ist, aber es gibt mir die Motivation schnell zu laufen. Die Straße bleibt noch in ihrer guten Form wie sie anfangs war, für eine Weile, aber geht dann wieder über in die brutale Steinmasse und ihrer Landschaft aus winzigen Bergspitzen. Ich singe… viel von den Beatles, manchmal White Rabbit von Jefferson Airplane, ich scheitere bei dem Versuch die Lyrics von ‘Vincent’ von McDean an meine gedankliche Oberfläche zu befördern. Ich lache über die Textzeilen von ‘Hauch mich mal an’ vom Lumpenpack und frage mich, ob der Betrunkene der ersten Strophe wirklich so daneben liegt als er singt: ‘Was die da oben sich erlauben, was sich im Verborgnen tut. Man lässt den Steuerzahler glauben, der Fortschritt tut uns gut. Deutschland ist ne Firma und Impfen ist tabu. Merkel ist kein Mensch, weiß er von Xavier…’ Seit Jahren kann ich dieses gesamte Lied auswendig. Dann kommt Peter Fox ins Spiel und spätestens ab dann hätte die Reise ewig weiter gehen können. In mir ist vieles befreit und leicht. Ich bin noch völlig randvoll von der schönen Zeit und von den Tagen der Pause ist mein Energielevel am Limit. Meine Gedanken sind im Wind und an jenen habe ich einen Wunsch. Eines Tages möchte ich reisen und immer nur mit dem Wind gehen. Landein und aus. Nur immer dem Wind nach. Mal schauen wann es soweit ist. 

Zwar bin ich noch voll, aber ich halte bereits Ausschau nach Mangos und einem Schlafplatz. Die nächste kleine Stadt rückt in den Fokus und als ich durch sie schreite, kommt meine erste und letzte Pause des Tages ins Spiel. Eine Gruppe aus Männern sitzt vor einem Lokal und winkt mich heran. Sie stellen mir einen Stuhl bereit und lernen mich mit Neugierde kennen, wobei alle paar Minuten neue Charaktere die Bildfläche betreten. Ein Billardspieler vom Innenraum kommt heraus, Abed beim Namen, kann ein bisschen Englisch und fragt ob er ein Foto mit mir machen kann, was nun in den Untiefen von Facebook existiert. Er kauft mir ein kühles Wasser, nachdem ich die Soda dankend ablehne. Mein späterer Narugift spricht vorerst nur Swahili und macht sich Sorgen, um mein Essen. Ich erzähle ihm was ich heute schon alles essen durfte, aber er besteht darauf mir ein Abendessen auszugeben, bevor er mich einlädt bei sich zuhause zu bleiben. Die Besitzerin des Lokals mag mich ebenfalls und auch wir nehmen Fotos. Der Älteste und Vorsitzende kommt vorbei und er ist beeindruckt von meinem Swahili. Ich sage ihm, dass mich mein Narugift Ngosha eingeladen hat bei sich zu schlafen, und er nickt anerkennend, meint ihn zu kennen und dass ich dort sicher wäre. Nach meiner Portion Reis und Bohnen und ein bisschen Salat und Rinderfleisch was ich liegen lasse, gehen wir zu Ngosha’s Haus, ich darf mein Rucksack in seinem Zimmer abladen und er erklärt mir ohne Ehefrau zu leben. In dem kleinen Haus ohne Decke, aber mit Dachstuhl, lebt noch ein anderes Pärchen und mein Narugift hat die Stimme eines Hollywood-Bösewichts und ist ein Gutmensch, den Alkohol und Zigaretten in den Bann geschlagen haben. Als ich mich duschen durfte und umgezogen war, überredet er mich Schuhe zu tragen und weil er zufällig heraus findet, dass ich Milch trinke, sagt er wir gehen noch wohin und trinken eine Tasse gemeinsam. Er führt mich im Endeffekt zur kleinen Kneipe des Ortes wo ein Fußballspiel zwischen Azam und Simba läuft, beides Vereine aus Dar es Salaam. Die Menge ist für Simba, aber jene verlieren knapp. Ich durfte in der vordersten Reihe eines angefüllten Raumes sitzen und genoß die Milch, zwei Zigaretten und diese unübertreffliche Stimmung bei jeder Chance und bei dem Gegentor. Es war ein witziges Unterfangen diesem Fußball zuzuschauen. Ich traf den englisch sprechenden Kollegen von vorhin wieder und er trug immer noch seinen coolen Hut, das Fischerhut Design, komplett übernäht aus verschiedenen Tönen von Jeansstoffen. Er findet was ich mache cool und sagt, dass andere Gruppen aus Weißen hierher kommen im Rahmen einer Village-Tour und dann zusammen gepfercht in einer Gruppe wie kleine Schafe von links nach rechts wandern und alles beschauen ohne zu interagieren. Ich reise allein und lebe bei den Menschen und das scheint er zu respektieren. Ich respektiere ihn und seine Arbeit als Bauarbeiter und ich liebe seinen Hut, ehrlich! Danach geht es zusammen mit Ngosha weiter zu dem Haus einer befreundeten Familie, seiner Cousine meinte er glaube ich. Die Augen der Anwesenden bei meinem Eintreten waren unbeschreiblich und als ich anfange Swahili zu reden, kippt eine Dame nach hinten was eine der witzigsten Bewegungen jemals war. Ich darf viel erzählen und bekomme eine hervorragende kleine Mango. Später gehe ich auf ihre Draußentoilette und in dem klitzekleinen Raum herrscht ein Luftzug der mir den Po gefrieren lässt. Nach erfolgreichem Business stehe ich vor der kleinen Tür der Toilette oder des Scheißhauses und schaue in die Gegend. Kleinste Häuser mit grade mal zwei Räumen in sich stehen vereinzelt um nicht herum. Die Fassaden existieren nicht, dafür blanke wände, Gitterfenster und jeweils eine brennende Glühbirne vor jedem Haus. Kleine Lichtpunkte und ihre beleuchteten Häuser und über ihnen ein phänomenaler Nachthimmel in tiefschwarz und glitzernd mit Sternen besprenkelt. Der Wind hier ist echt frisch und ich verziehe mich zurück ins Haus, wo ich eine kleine Portion aus der legendären Mischung von gekochten Bohnen und gekochten Mais bekomme. Maharage na Mahindi in Swahili. Dann meditiere ich in einer Raumecke und der versuch die Zeit des Daseins und Nichtsverstehens zu nutzen gelinkt. Alle Aufmerksamkeit dadurch zu bekommen war ein Nebenprodukt. Bald darauf geht es nach Hause, eine letzte Zigarette wird geraucht und mein Narugift erzählt mir die Geschichte, wie er mir morgen behilflich sein wird. Alles wird anders kommen, aber ich bin ihm sehr dankbar. Er bringt drei Schuhpaare in seinem Besitz nach draußen und meint ich müsste sie anprobieren und eines davon behalten. Ich weigere mich zu einem gewissen Grad, nehme dann eines davon und werde ich morgen natürlich nicht mitnehmen. Ihm ein Schuhpaar zu nehmen wäre schlimm genug. Aber in zu engen, knall orangenen und grünen Sportschuhen herum zu laufen wäre das allerschlimmste. Wir gehen zu Bett und er meint, da er ein Doppelbett hat, würde er das mit mir teilen, damit ich nicht auf dem Boden schlafen müsste. Ich bin zu müde um zu erklären, wie lieb mir der Boden ist und ohne uns umzuziehen, gehen wir zu Bett und ich schlafe gemächlich neben diesem großen Mann mit der unfassbar tiefen und kratzigen Stimme ein. Er bewegt sich kein einziges Mal in der Nacht und ich schlafe gut. Als ich aufwache ist er bereits weg und ich starte meinen Morgen allein.

Das Buch Atomic Habits wird weitergelesen, eine Meditation unter einem Baum wird gestartet, ich mache Sport indem ich den Handstand weiter praktiziere, Liegestütze mache und die total zufällige Stange mit Steinklötzen in dem Haus meines Freundes zum Gewichtheben benutze. Drei Jahre lang hab ich das als Jugendlicher praktiziert und die Technik des Stoßens sitzt noch. Ich bin damals bis zur deutschen Meisterschaft gekommen, muss aber sagen, dass ich die Sportart nicht im herzen fühlte und sie nur machte, weil ich mir hoffte meinen geschädigten Knien damit einen Maskelring bauen zu können, der ihnen behilflich wäre und meine Schmerzen dämmt. Das war nicht der Fall. Im Endeffekt wurden die neun Jahre chronischer Knieschmerzen durch mein barfüßiges Laufen beendet. Das hätte ich mir genauso wenig zu hoffen erlaubt. Als ich nichts mehr zu tun finde, beginne ich den gestrigen Artikel zu verfassen und das Rohmaterial unüberarbeitet wie immer zu publizieren. Dass die Texte nicht perfekt sind, merke ich jedes mal, wenn ich Rohmaterial von mir überarbeite. Das Überarbeiten macht mir in gewisser Sicht noch mehr Spaß, weil ich in meinen eigenen Worten die Erinnerungen finde, den Moment noch detailfroher ausschmücken kann und gleichzeitig die Möglichkeit habe, mit der Sprache zu spielen, was mir in dem ganzen Pensum beim ersten Schreiben nie möglich ist. Zu einem perfekten Zeitpunkt kommt mein Freund der Nacht wieder, mein Narugift Ngosha, und er sagt mir, dass er ein Problem in Mwanga hätte. Er müsse zur Polizei und die restlichen Details gehören ihm. Er möchte mir davor noch kurz einen Tee kaufen und gemeinsam gingen wir zur Straße, wo ich mich bereits hinsetzte und Tee plus frittiertes Brot namens Mandazi bekam. Er war im Gespräch mit einer Person, die ich noch nicht kannte, und organisierte mir grade einen Lift. Unwahrscheinlich glücklich und ich werde zum Auto gerufen, um mich vorzustellen. Der Name meines Fahrers ist Father Josef und er ist römisch-katholischer Pfarrer, der grade auf dem Weg nach Dar es Salaam ist. Mit diesem Auto könnte meine Reise erneut enden, gegen was ich mich natürlich entscheiden werde. Ich fülle den Tee mit Milch in eine schnell geleerte Plastiktrinkflasche von mir und nehme die Mandazi-Brötchen auf die Hand, um schnell Teil seines großen Pick-up Trucks zu werden. Meinem Bruder Ngosha winke ich ein herzliches auf Wiedersehen und auf einmal bin ich in einem komfortablen Auto in Richtung meines nächsten Zieles. Ich suche mir einen Ort namens Mombo aus, den ich von einem Freund in Mwanza empfohlen bekam. Der dänische Doktor und Freund war nach meinem letzten Kenntnisstand dort unterwegs. Aber zuerst beginnen ein paar Stunden Zweisamkeit mit meinem Pfarrer und ich lerne über das klösterliche Leben mit seinen Brüdern, über Messen und wie sie gehalten werden, über Kodexe und den Vatikan. Ich verstehe wieso es keine Ablassbriefe mehr gibt, frage ob er weiß, was mit dem Glauben und Religion in Europa passiert ist, warum Gott zulässt, dass jene die versuchen zu glauben, manchmal nicht zum Glauben finden und ohne ihn abtreten, was seine Meinung von Nietzsche wäre (er fragt trocken wo dieser jetzt wäre und lacht über meine Antwort ‘tot’) und bevor ich einnicke frage ich noch aufgeregt, was passiert wenn ich nicht glaube, aber mein ganzes Leben gut gelebt habe… er sagt die weisen Worte, die mich unendlich triggern, dass nur Gott über einen Umstand wie jenen richten könnte. Danach gebe ich meinen Bruder für eine Weile auf und versuche zu schlafen. Wir fahren zuerst zu einem tansanischen Staudamm, von welchem er als Schulkind gelernt hatte und ihn nun einmal in Person sehen möchte. Der Ort wird zur Elektrizitätsgewinnung benutzt und ist verdammt groß. Die Wachposten an den Eingängen der kleinen Straße sind freundlich und wir bekommen Besuch von einem, der mit uns mitfährt und uns eine Straße hinab schickt, welche von dem Pick-up zwar gemeistert wird, aber wegen den fingerlangen Dornen überall nicht unbeschadet. Wir kommen zu einer weiten Fläche und steigen aus, laufen unter riesigen Strommasten hindurch und kommen zu einem kleinen See mit Steilwänden um ihn herum. De geschichtlichen Fakten überhöre ich allesamt. Auf dem Weg zurück überquert ein kindesgroßer Veran die Straße, also eine riesige Eidechse, um weiten noch nicht ausgewachsen. Sie lässt sich Zeit bei ihrem Akt und danach werden die Wachposten bezahlt. Wieder auf der Straße dauert es nicht lange und wir erreichen eines seiner nächsten Ziele, das Haus seiner Tante. Im Auto spielen die ganze Zeit Chorgesänge und die Videos dazu laufen in brillanter Auflösung auf dem Bildschirm zentral in der Armatur. Die Kleider der Singenden sind überwältigend und eines der Videos ist sogar von ihm. Ich erkenne ihn auf Anhieb und finde seine Kirche wunderschön und die Menschen mit denen er lebt sehr cool. Er sieht fantastisch in dem Video aus und man erkennt, dass er Klavier spielen kann und die Tänze mit seiner Bruderschaft und der synchronen Singen haben eine Menge Charme. Beim Haus seiner tante angekommen, werden wir freundlichst empfangen und ich bekomme einen kleinen sieben jährigen Freund mit dem ich für eine Stunde bis zum Essen spiele. Keine Ahnung wie er heißt, aber er liebte meine Haare zu dem Punkt, dass er nicht anders konnte als seine keine rosa Zunge ertasten zu lassen, um was es sich dabei wirklich handelte. Ich nahm mir die Zeit den Seelenkalender von Steiner zu lesen, schaute ab und zu interessiert in den laufenden Fernseher und die absurde tansanische Serie, die dort ohne begreiflichen Kontext existierte. Dann widmete ich mich wieder meinem Freund und wir spielten bis er nicht mehr konnte. Mama freute sich als sie uns Huckepack in der Küche antraf und sie meinte, wir könnten ihr leider nicht behilflich sein beim Kochen. Ich lud meinen Freund auf dem Sofa ab und er schaute fern, während mir die Ruhe zur erneuten Meditation geschenkt wurde. Nichts zu tun zu haben heißt Meditation, nicht warten. Das Essen ist fertig und es gibt wundervoll weichen aber sehr heißen Ugali. Bitte nicht erschrecken. Ugali kommt immer sehr überraschend. Dazu Okraschleim, der herrlich schmeckt aber ehrlich noch an seiner Konsistenz arbeiten muss, dazu Mchicha Greens und Fisch mit orangener Soße. Der Pfarrer Josef ist nicht all zu überrascht von manchen Ansätzen meines Lebens, er selbst hatte sich schließlich auch einiges von der Norm entfernt indem er Pfarrer wurde, aber stutzen tut er trotzdem bei manchen Aspekten. Über meine Idee wie ich eine Familie haben könnte und dabei weiterhin die Welt bereise, lacht er. Er selbst darf keine haben. Das Kind ist der Glaube, oder so ähnlich formulierte er den Satz. Das Essen ist fantastisch und die Aussicht eine noch bessere. Vor dem zentralen Fenster vor mir sind riesige Berge un Wäscheleinen, die in starken Wind wehen. Die Berglandschaft in der Gegend ist wirklich einzigartig und wird mit der Zeit immer nur besser. Zum Dank des Essens sprechen wir erneut ein Gebet. Ich durfte meines vor dem Essen sagen und er murmelt leise und unverständlich seines zum Ende. Zur Mama sagen wir ‘Nashukuru sana’ und packen unsere Sachen zum erneuten Aufbrechen. Nicht lange danach hält mein Pfarrer und wir bekommen drei neue Mitfahrende. Zwei junge Damen, die auch nach Mombo möchten, und ein alter Herr, der irgendwie hier gestrandet war und nicht weiter kam. Sie lernen sich all kennen, wobei ich kein Wort verlor, aber der Pfarrer meine Geschichte vortrug und einmal laut lachte, was ich genauso lustig fand. Ich konnte ihn bisher nicht zum Lachen bringen und sein Gelächter ist ein warmes und gutherziges. Bald darauf sind wir in Mombo und ich bedanke mich für alles, nehme seine Nummer und den Namen seiner Kirche, bevor ich meinen Rucksack zurück erobere und mich auf den Weg nach Lushoto mache. Mombo liegt an der Hauptstraße und Lushoto ist drei Städte weiter innerhalb des wunderschönen Gebirges. Ich laufe die ersten fünf Kilometer bergauf und bekomme eine Menge netter Unterhaltungen. Schnell fühle ich mich schlapp und als ich einen Booda Lift bekomme, kann ich mein Glück kaum fassen. Der Mann fuhr grade nach Hause und war gut genug anzuhalten. Dass machen nicht viele. Er nahm mich eine wirklich beträchtliche Strecke mit sich mit und ich lernte ihn ein bisschen kennen, wurde aber immer wieder von der zunehmend umwerfenden Gegend in ihren Ban gezogen. Eine Welt aus Dschungel in diesem Bergen umgab uns immer mehr. An den Straßenrändern lagen riesige Jackfruits und der Wald war so tropisch und dicht und natürlich wie nie zuvor auf meinem Weg. Ausblicke über die gesamte Bergwelt mit fernen ganz graden Feldern und Wolken durch welche mit enormer Kraft die Strahlen der untergehenden Sonne drückten. Ein Wasserfall erschien in der Mitte der beiden Landschaftsgiganten und ich war benebelt von Schönheit während in auf diesem Booda mit einer Menge Frischluft in der Nase dasaß und nicht wusste wie mir geschah. Als er mich entließ war ich mehr als die Hälfte des Weges nach Lushoto gekommen, allerdings ohne die Aussicht dort noch heute anzukommen. Ich lief noch eine gute Weile am Straßenrand entlang und blickte immer wieder in die Tiefen des Talwaldes und fand schließlich einen winzigen beinahe nicht existenten Pfad hinab zum Wasser, welches mir dröhnend entgegen klang. Pflanzen Pflanzen und Pflanzen überall und kaum eine davon hatte ich je gesehen. Nicht lange und ich kam an eine Stelle am Wasser, die ohne Zweifel für mich und mein Zelt erschaffen wurde. Direkt am Strom des Wassers wartete eine freie und glatte Sandfläche unter einem leeren Mangobaum, der stattdessen die Fäden eines anderen Baumes in sich trug und unreife Honigmelonen an sich hatte. Ein wunderwunderschöner Ort und ich fühlte mich direkt wie zuhause, legte meine Tasche ab, beschaute den Fluß und seine Steine und versuchte ihn zu überqueren. Auf der anderen Seite waren in dem Hand stehend kleine Felder mit Salat und vereinzelten Bananebäumen. Ich ging mit meinem Stock den Fluß aufwärts und lief in dem brauen Wasser, wo es die Tiefe zuließ. Ich kam zu kleinen reißenden Bächen, Wasserhöhen und Kaskaden, Baumriesen und wie sie dem Wasser stand hielten, riesige eckige dunkel gefärbte Steinbrocken und flache Wasserstellen, die sich langsam über rundes Gestein bewegten und das alles umrundet von einem tiefen Wald und dem Geräusch von fallendem Wasser in der Nähe. Ich kletterte zur anderen Seite und schaute in den Feldern nach Essen. Ich aß wirklich nur fünf Salatblätter, für mehr hätte ich mich ehrlich schlecht gefühlt, und als ich den Hügel weiter hoch steigen wollte, kamen mir zwei freundliche Hunde entgegen, die mir in akzentfreiem Deutsch klar machten, dass dieser Weg nicht meiner wäre. Ich bedankte mich recht herzlich und wanderte ohne Sonne wieder zurück zum Zelt, genau rechtzeitig zur Dunkelheit. Ich baute alles auf und war bereit früh schlafen zu gehen. Mein Zelt überdeckte ich mit der Plastikplane, wegen möglichem Regen, aber den Eingang ließ ich frei und durch das Mückennetz konnte ich den Sternenhimmel und die Baumkronen klar sehen. Noch viel schöner waren die grüngoldenen Lichter überall von den pulsierenden Glühwürmchen. Das alles zog mich in einen magischen Bann, wie ich da am Wasser im Wald im Zelt lag und das blaue innere meines Zeltes betrachtete, und wie Flächen meines Zeltes immer wieder heller wurden durch die Glühwürmchen, die in Unmengen um mich herum trieben, scheinbar neugierig. Ich konnte die Sprachnachricht eines Freundes trotz sperrlichen 3G anhören und genoß seine Stimme zu hören, die mir das letzte Mal in Kanada in Person begegnet war. Und so schlief ich an dem wohl schönsten Ort bisher ein, ohne Angst vor Tieren, denn über jene hatte ich mich schlau gemacht. Die größte Gefahr sind Chameleons. Gute Nacht!

#14 TZN-Journal - treffen sich ein Pfarrer und ein Buddhist