Den Songnamen würde ich gerne wissen, von dem Lied mit welchem ich mich final nicht mehr als schlafend bezeichnen konnte. Eine Tortur, liebende Lesende, wenn man in dem grellen Licht eines Einkaufsmarktes an der Hauptstraße neben einem rot leuchtenden, hell flackernden, viel zu laut klingenden Nachtclub zeltet. Ich hatte die Plastikplane meines Zeltes übergehangen, um mich vor dem Licht zu schützen, das wiederum mit dem Resultat, dass ich während der Nacht um Eins nicht sagen konnte, ob das Licht das hereindringt mitteilen möchte, dass es tief Nachts ist, oder ein Uhr nachmittags. Ich konnte es bei Gott nicht mehr bestimmen.
Irgendwann stehe ich auf und ich bin froh darüber. Wie immer wenn man auf Böden schläft. Also immer in den letzten zwei Jahren. Das Aufstehen ist das Highlight der Nacht. Man kommt nicht auf den Gedanken die Decke nochmal auf Anschlag bis zu den Ohren zu ziehen oder mein nichtexistentes Kissen nochmal frisch zu machen. Von diesem Boden will man weit weg und endlich leben. Einen Meter und nen halben weiter, sitze ich dann mit der Zeit kochend in der Morgensonne und wie ein Frosch in erhitzendem Wasser, bewege ich mich für viel zu lange Zeit nicht vom Fleck, sondern imitiere weiter das Geräusch von Tröpfelregen, indem ich meine Laptoptasten staubfrei mache und Worte tippe. Dann verzieh ich mich, wie jemand der beim Seilziehen versehentlich in der falschen Mannschaft mithilft. Shoutout Lobrecht. Ich glaube nicht, dass er’s noch braucht, aber der Dude war mein Kindheitsidol und hat mich humortechnisch stark geprägt. Jetzt bin ich verkopft.
Neben dem großen Supermarkt unter dessen Vordach ich an eine Holz- und Blechwand gelehnt sitze, steht ein kleines ärmliches Haus mit Fenstern die nur Gitterstäbe in sich haben und ein paar jungen Männern die ein und aus gehen. Einer winkt mich heran nachdem wir uns grüßen und ich hops mit meinem Laptop an der Hand in ihre geteilte Höhle. Ungefähr fünf Typen an der Zahl leben in diesem einen Raum, unmöbliert, ohne richtige Fenster und mit Holzunterlagen am Boden. Kleine Pfandflaschensäcke, ein kleiner Grill mit kaltem Rinderfleisch drauf, ein Dude auf einer Holzmatratze der ein bisschen Geld zählt und ein roter Stuhl, der mir angeboten wird. Ich mache meine Arbeit des morgendlichen Schreibens in der Mitte des Raumes weiter und am Ende stellen wir uns kurz vor. Es scheint unglaublich, dass junge gesunde Männer zusammen gehaust leben müssen und keine Chance auf einen Job irgendwo haben. Sie erzählen mir, dass das seit vier Jahren der Fall ist, ‘zufällig’ die Zeit, seit Samia Präsidentin ist. Eine Schande, aber sehr coole und freundliche Menschen, die mich trotz des Nichts-Besitzens auf Essen und Trinken einladen, welches ich aber überzeugt und freundlich ablehne. So viel Gewissen habe ich…
Mein Zelt wird eingepackt, nachdem mir einer der Jungs eine Toilette auf dem Grundstück der Grundschule zeigt, die während dem Monat Dezember wie alle anderen geschlossen ist.
Ich beginne meine Tagesreise, allerdings für nicht all zu lange. Barfuß ist die Straße vor mir Qual genug und zwei Dinge geschehen, bevor ich wieder ansässig werde. Ein Booda Fahrer lernt mich kennen und ich sagte ihm nicht, dass ich ohne Geld reise. Er will mir 5 tausend tansanische Shilling andrehen, was ich auf keinen Fall annehmen kann. Ich handle es runter auf 2K was der Preis für eine gute Mahlzeit ist, ungefähr 70 Cent, und umarme ihn zum Dank. Das Geld werde ich später für zwei kleine Tüten Ananas ausgeben und einmal einem jungen bettelnden Mann geben mit der Behinderung des Elefantenfußes. Ich müsste nun beten, dass diese Bezeichnung nicht die veraltetste Bezeichnung der Welt ist, aber es fehlt mir grade an Internet. Die Bezeichnung macht auf jeden Fall Bildich verständlich um was es geht. Der junge Mann sitzt neben dem Bordstein auf der Straße und unter seinen Füßen stehen zwei orange Crocs, die völlig zerdrückt und zerfleddert sind. Er sieht freundlich aus, ein bisschen mager, und unglücklich über sein Laster. Die Füße, die am Boden seiner Beine den Boden berühren, bestehen aus zu viel Haut, sind geschwollen, Hautfalten wellen sich, alles ist aufgeschürft und ich möchte mir kaum vorstellen wie er mit einem solchen Gewicht laufen könnte. Die widerliche Bezeichnung Elefantenfuß lässt ungefähr verstehen wie es aussieht. Beide Füße sind gleichmäßig betroffen. Ich gebe ihm die Ananas und schäme mich vor mir selbst einen Aussetzer zu haben und mich nicht zu ihm zu setzen. Stattdessen laufe ich zurück zur Ananasverkaufenden und an dem riesigen Moshikreisverkehr entlang, bis ich die ältere Dame fand und die zweite Tüte loswerde. Gegessen habe ich dann immer noch nichts, aber ich fühl mich ein bisschen besser.
Zurück zum Booda Fahrer bei dem das alles anfing. Ich verabschiede mich herzlich von dem Mann namens Baraka, was Blessing oder Segen bedeutet und gehe in die Stadt hinein, um ein paar Meter weiter mit einem netten Mann an der Straße zu stehen und auf Überquerung zu warten. Er ist in helle Kleidung gehüllt, hat einen Bart der von den Ohren als eine Linie über die Oberlippe zusammen läuft, ein fröhliches rundes Gesicht und den müßigen Gang einer schweren Person, die Ruhe genießt. Unser Austausch läuft wie folgt: ich erzähle ihm was ich tue und die anfängliche Unsicherheit fällt aus seinem Gesicht und er schaut mich wie ein Kind an und fragt mich, ob ich ein Philosoph wäre… dass ich darüber noch nie nachgedacht habe, ist klar, oder? Dementsprechend ist die Stirnfaltenpause meinerseits und ich muss ihn fragen, was laut ihm ein Philosoph wäre. Seine Antwort begeistert mich. Er meint, dass eine Person, die nur von Natur und ohne Besitz leben würde, in seinen Augen der Definition gerecht käme. Ich wende ein in Tansania nicht zu wissen, wie man nur von Natur lebt, aber merke, dass ich das in Teilen Europa’s schon könnte. Und dann erinnere ich mich an eines meiner geliebten Bücher. ‘Also sprach Zarathustra’ von Nietzsche. Als ich das Buch begann, schrieb ich einen Artikel der viel von dem Buch miterzählte und das war der erste Artikel der mich ins Stolpern brachte. Ich publizierte ihn nicht und auch sonst nichts für ein paar Wochen, da mich das Buch in eine tiefe Sinneskrise stürzte. Nichts allzu dramatisches, aber trotzdem spannend genug um alles auf den Kopf zu stellen, was ich mir zuvor zurecht gelegt hatte. Gutes Buch, keine Frage. Der Haken dabei war, dass ich in einer sehr gläubigen Umgebung ein Buch las, welches dem Glauben Deutschlands damals ein Dolch im Herzen war, indem es den Protagonisten Zarathustra behaupten ließ, dass Gott tot wäre. Dann predigt das Buch vieles über den Erdensinn und den Rest musst du erkunden.
Kurz huscht mir also eine Revision des Buches durch den Kopf und ich erinnere mich, dass Zarathustra 10 Jahre in den Bergen in völliger Einöde lief. Da der Lebensstil meinem nicht nahe kommt, hatte ich nie gewagt eine Parallele zu ziehen. Süß, oder? Mein neuer Freund hier bringt mich auf Gedanken. Und er nährt diese kleine Flamme erheblich, indem er mich zu seiner Arbeit führt, die aus der Leitung einer Fahrschule besteht. Dort treffen wir auf einen Mann der Maasai, mit schönen Tücher umhüllt, einem glatten hellbraunen Stock in der Hand, große Löcher in den Ohrläppchen und einen Händedruck der weich und sehr liebevoll ist. Das Gesicht dieses Mannes hatte ich Geren gezeichnet, bei seiner Begeisterung mir die Hand zu schütteln. Er kann ein einigermaßen gutes Swahili, das merke ich sogar und ich sage ihm mein Kompliment für seine Sprachkenntnisse, was ihn sehr erfreut. Wir gehen alle in die Schule, ich finde ein Klassenraum um meinen Ballast loszuwerden und nachdem nicht viel zu passieren scheint, gehe ich auf TikTok und scrolle für zwei Stunden… ha!
Verzeih den Aussetzer, aber wie lustig wäre das?
Ich setze mich auf mein grün schwarzes Tuch am Boden, bringe mich zum Schneidersitz mit den linken Fuß auf dem rechten Knie - eine Bewegung von der ich neun Jahre lang nach meinem Skiunfall nicht hätte träumen können, aber durch das Barfußlaufen inzwischen schmerzfrei durch die ganze Welt laufen kann - und schaue aufmerksam in meine neue Umgebung. Von den Schulbänken zu der Tafel, zu den Folien und Plakaten aus künstlichem Stoff in all ihrer Farbenpracht, die beibringen möchte, welche Schilder es in der Welt der Straßen gibt. Dann schließe ich meine Augen und denke mitunter an meine Mitfreiwillige auf Sansibar, die ich gehör vermisse, nachdem wir drei Monate ohne Pause aufeinander saßen. Ich erinnere mich an gestern, als ich theoretisch ausgeraubt wurde und das Geld aber durch einen Moralappell auf Swahili und eine kleine noch nicht wahre Behauptung zurück bekam und bekomme nur bei dem Gedanken an den Moment wieder Puls. Ich tauche in Vorstellungen und Fragen an meine eigene Existenz ab und verweile in den Untiefen meines Seins für eine halbe Stunde. Dass mein älterer Freund mit dem unglaublichen Bart dazu kam und hinter mir stand, gewiss für 20 Minuten, hatte ich nicht bemerkt. Am Ende der Meditation dehne ich mich und setze meine Atemübung fort. Als ich aufstehe, verneigt sich mein freund, ich verbeuge mich zurück und er führt mich aufgeregt in sein Büro, wo er sich mir vorstellen wird. Vor mir sitzt klein und glücklich der hübsche und runde Onesmo. Er lernte den Job des katholische Pfarrers und grinst auf die Frage wie er hier gelandet sei. Als Fahrschullehrer unterrichtet er also die Straßen und zeitgleich bringt er seinen Schüler*innen die Lehren Gottes näher, was ihn auf das eigentliche Thema bringt. Damals merkte er, dass Juden, Christen und Muslime zu ein und demselben Gott beteten. Seine Folgerung war seine persönliche Religionspraxis von allen drei Weltreligionen und ich staune. Für sein Suchen und Erkennen gratuliere ich ihm und erzähle ihm dann die Entstehung der Religionen, menschlichen Ursprung und was in der Welt Spiritualität wäre. Nun hätte ich mich nicht in der Lage gesehen, jemanden einen Vortrag gesprochen über Spiritualität zu geben, aber das ist gar nicht nötig, denn mein Freund tut etwas, dass ich noch nie erlebt habe und sofort liebe! Er rennt und stolpert ins Hinterzimmer und kommt stolz mit zwei weißen Blättern DIN-A4 und einem schwarzen Stift zurück, übergibt sie feierlich und fragt, ob ich ihm nicht meine Philosophie über das Leben und meine Anleitung für ihn hin zur Spiritualität verfassen könnte. Hätte mich irgendetwas glücklicher machen können? Ich glaube nicht. Vielleicht ein Schokoladeneis, aber ich esse immer noch keinen industriellen Zucker, Mist! Also sind es eben diese beiden Blätter, von welchen ich eines bis an den Rand füllen werde, die mir diesen moment zu einem großen Geschenk mache. Von dem dort Geschriebenen gibt es keine Fotos, keine Notizen. Was ich schrieb gehört meinem Freund und er wartet geduldig durch mein Schreiben und meine kurzen Meditationen zwischen drin, und liest währenddessen den Koran auf Swahili.
Ok, bevor du als lesende mitverfolgende Person enttäuscht bist, hier eine kurze knappe Themenzusammenfassung des Geschrieben. Für eine vollständige Ausführung kann ich dir mein Buch ‘Zusammen Leben leben’ empfehlen. Stand 27.12.2025 ist es noch nicht fertig, aber warte noch ein bisschen.
Es ging um den Glauben der Menschen in Europa und was Wissenschaft der Natur und des Geistes mit den Menschen anrichtete. Es ging um die Verdrängung von Natur aus unserer Nähe, der Abstraktion menschlichen Lebens auf der Erde, der Verlorenheit über das eigene Sein. Über das Erkennen eines größeren Einen, der Verbindung allem Lebens, Natur als die höchste Form des Lebens. Das Erkennen von Einheit als den spirituellen Wachstumsprozess. Eine kurze Anführung zur Meditation und ihr Schlüssel zum klaren Sehen, der Reinigung des Selbst und dem Erkennen des eigenen Potentials. Über das menschliche Potential auf unserem Planeten und über den Erdensinn aus Zarathustra. Über unseren Teil zu Gut und Böse und der universellen Verpflichtung zu handeln, der wir alle unterliegen. Dies, das, Ananas. Ich hoff er wird es mögen. Ich hoffe ihm das Beste, wir nehmen ein Bild für ihn gemeinsam, und ich verabschiede mich. Davor gab er mir noch eine erstaunliche Menge Geld und ich erkläre ihm, dass ich jenes auf keinen Fall für mich verwenden werde, sonst hätte ich es auch gar nicht annehmen können, aber ich werde es für meine NGO und dessen Kinder nach Hause bringen. Auf die Frage ob er sich etwas Bestimmtes für die Kinder wünscht, meint er, dass die Entscheidung ganz bei mir läge. Und dann gehe ich. Vor der Fahrschule ist eine Statue aus einer Weltkugel und einer weißen Taube darauf mit dem Wort ‘Peace’ darunter. Unkreativ, aber ganz hübsch anzusehen. Für die Chronologie: als nächstes stolperte ich in die Gruppe aus jungen Weißen Menschen, circa 15, wollte sie nur zum Spaß anquatschen und erfahren was sie machen und muss realisieren, dass ich fünf von ihnen kenne. Das Ganze ist höchst unangenehm für mich, ich lächle, grüße und entferne mich geschwind. Die Gruppe aus Freiwilligen aus Mwanza hatte ich zu spät erkannt. Ich kenne sie und Loana und ich haben uns auch einmal mit ihnen getroffen. Wir waren damals völlig verblüfft, wie normal Menschen sein könnten. Ohne das böse zu meinen, aber jene Menschlein lebten das normale Leben Deutschlands in Tansania weiter. Ihr Life-Style war so fern ab von unserem, dass wir lautlachend auf der Heimfahrt für uns entschieden nichts mehr mit ihnen zu machen. Wir nannten sie liebevoll ‘Die Jerries’. Auf ihrer von Eltern finanzierten Reise durch das schöne Land Tansania und später Uganda, wie sie uns damals erzählt hatten, habe ich also nun die Ehre über sie zu stolpern. Normaler Weise haben solche Zufälle einen tieferen Sinn, aber der Sinn für jenes Ereignis muss weit in der Zukunft liegen, denn absehen kann ich noch gar nichts davon. Danach komme ich am jungen Mann vorbei, der meine Ananas zwei Minuten später bekam, und dann kommt der große Kreisverkehr, die bettelnde alte Dame, meine Ananas verschwindet, und ich laufe Richtung Kilimanjaro. Hübsch sieht er aus, aber Wolkenberge in Ausmaßen wie ich sie noch nie in der Welt beobachten durfte, türmen sich in wahnsinniger Höhe über die Spitze und erschaffen eine eigene Welt in sich aus gleißend heller Watte. Wirklich viel gelaufen bin ich heute noch nicht, aber die schlechte Nacht hemmt meine Energie ein wenig. Und gegessen hatte ich wie gesagt auch noch nichts. Ich habe ein paar nette Konversationen, die einer Norm zu folgen scheinen. Entweder raten mir menschen Schuhe zu tragen, oder sie raten mir davon ab was ich als Nächstes vorhabe. Die zwei Optionen sind die häufigsten.
Ich komme an eine große unfertige Kirche, betrete ohne zu zögern das Grundstück und laufe einer Dame nach bis ich an der Kirchenpforte ohne Tür stehe. Das Gebäude ist wirklich gigantisch und ich habe Glück, denn ich stehe neben der Pfarrerin der Kirche. Sie schaut mich belustigt an und fragt was ich hier verloren hätte. Ich erkläre ihr müde zu sein und frage ob ich mich im Kirchenschatten ausruhen könnte. Als ich ihr von meiner Art des Reisens berichte, fragt sie mit gehobener Augenbraue wo meine Eltern sind… kurz wollte ich antworten, dass sie im nächsten Hotel auf mich warten, aber durch ihre Art des Fragens und durch diese Antwort in meinem Schädel, lache ich stattdessen nur und sie stimmt mit ein. Sie nimmt mich an der Hand, wir schnipsen den Gruß und sie führt mich Händchen haltend ins Innere und lädt mich ein egal wo zu ruhen. Ich entscheide mich für den hinteren Teil des Rohbaus, wo meine Aussicht auf die ganze Kirche und das vorne aufgebaute Podium mit den weißen Tüchern hinter sich und den Stühlen daneben am besten ist. Ich rolle meine Unterlage aus grün-schwarzem Stoff aus und benutze mein Zelt als Kopfkissen. Mein Kopftuch gegen die Sonne nehme ich ab und lege es mir um die Schultern gegen den Wind, der warm von außen herein weht. So liege und ruhe ich für eine gewisse Zeit, die ich nicht absehen kann und einmal kommt die Pfarrerin mit zwei alten Damen und einem Kind vorbei und sie gucken mir beim am Boden sitzen zu, unterhalten sich, grüßen mich nett und gehen wieder. Ich schlafe wieder ein und als ich von selbst erwache kommt ein junger Mann etwas später an meine Seite und meint schüchtern, dass seine Mutter meinte, er solle mit mir reden. Das Ganze ist zuckersüß, zumal der Junge älter ist als ich, fertig studierter Projektplaner und -manager ist, den Körper eines Security Guards hat und die Stimme eines Kindes. Sehr leise und zurückhaltend, sehr unsicher über wie gut sein Englisch ist. Wenn du wüsstest wie gut das Gespräch war, welches wir hatten und was er alles verstand von dem was ich sagte, wüsstest du dass sein Englisch unglaublich ausreichend und gut ist. Warum unterschätzen wir alle unsere eigenen Fähigkeiten so sehr? Nur weil wir uns ständig vergleichen?
Er erzählt mir von seinem Leben. Elayah ist ein fertiger Student aus Dodoma, der Hauptstadt und wie gesagt, Projektmanager. Seine Mutter ist die Pfarrerin und sein Vater starb vor 10 Jahren. Er ist arbeitslos und meint zu warten und zu beten, wie jeder in dem Land in dem die Korruption der Regierung die Perspektive ihrer jungen Generation anspuckt und mit Füßen tritt. Ich kenne inzwischen so viele schlaue junge Menschen, die statt in ihrem studierten Beruf irgendwas an der Seite tun, um am Leben zu sein. Dieser junge Mann fährt Booda Booda und verleiht es bei Nacht. Unsere Konversation hat einen gewissen Wert, weil ich als Außenstehender, kreativer und selbst nicht-angestellter Mensch in einer ähnlichen und ganz anderen Situation bin und sehr leicht für ihn mitdenken kann… was würde ich tun? Was fehlt dem jungen Mann? Er sagt er braucht Verbindungen zu höheren Firmenvorsitzenden, reiche Freunde oder politische Connections, damit ihn ein Freund bevorzugen könnte und ihm einen Job verleiht, der wieder etwas ganz anderes als sein Studium wäre… ich möchte an der Idee seines Studiums nicht so schnell aufgeben, denn schließlich hat er ein dreijähriges Pensum an Bildung in der Tasche und ihm stehen alle Türen offen… um Verbindungen zu bekommen, könnte ich ihm beibringen wie man reist und ihm davon erzählen, wie voll mein Handy mit den Kontakten von allen Menschen auf dem Weg ist. Das mache ich aber nicht, weil das neben dem Punkt ist. Nur für dich als lesende Person: Reisen ist das ultimative Mittel um sozial zu werden, Freundschaften und Verbindungen zu kreieren, von allen Menschen der Welt zu lernen und Verschiedenes auszuprobieren… und wie probiert man Verschiedenes aus? Indem man seine Arbeitskraft kostenlos verschenkt und seine Arbeit ohne Geld macht, aber stattdessen Erfahrung, Vertrauen und Verbindung mit der Organisation erschafft. Ich erzähle ihm das Geheimnis der freiwilligen Arbeit, welche ihn von der Masse abheben würde. Denn er berichtet von den Unmengen an Menschen in seiner Situation, die auch nur sitzen, warten und auf ein Wunder beten. Ja schönen Tag auch… aufstehen und handeln ist die Alternative für die ich ihn motivieren möchte. Wir gehen alles Schritt für Schritt durch. Als erstes soll er die Organisationen in seiner Nähe kennen lernen. Entweder billig im Internet, wo es nicht genügend Informationen gibt und man schnell verzweifelt, oder persönlich indem er durch die Straßen wandert und in Person sein Umfeld erkundigt, mit Menschen spricht und ihnen von seinem Plan erzählt, eine Firma kennen zu lernen. Allein hierbei kann er schon Erfolg haben, oder er findet eine Firma und klopft an der Tür. Wir überlegen uns, dass er nur nett nach Infomaterial fragen würde, weil er sich für die Firma interessiert und mehr lernen möchte… wer würde da nein sagen? Dann soll er sich belesen, das Wirtschaftsfeld studieren, die Firma verstehen und als Projektplaner mit einer guten Idee auf etwas kommen, dass der Firma hilfreich sein könnte. Ein Projekt, dass sie noch nicht haben, aber auf welches er kommen könnte. Dann kommt der freiwillige Part in welchem er einfach als Praxis und Übung in seiner freien Zeit die Arbeit übt, die er studiert hat. Er soll einen gesamten Projektplan erstellen in allen Details und dann mit jenem Plan zur Firma gehen und ihnen von seinem Prozess des Kennenlernens bis zur Projektentwicklung berichten. Er stellt das Projekt vor und bietet an es kostenlos für die Firma zu managen. Entweder für kein Geld oder für eine Bezahlung hinterher, je nachdem wie viel die Arbeit der Firma wert wäre. An dieser Stelle rede ich kurz über den Unterschied einer Anstellung und dem Bezahltwerden auf Stundenbasis, also Geld für Zeit, versus den massiven Unterschied, wenn man für den Wert den man erschafft Geld bekommt. Er soll seine Arbeit kostenlos anbieten und an der Praxis im echten Leben wachsen. Danach hat er die Verbindungen zu dieser Firma. Selbst wenn sie ihn nicht nehmen und nicht bezahlen, hat er viel gelernt, und jene die nicht bezahlen, geben zumindest ein Feedback, eine Bewertung und vielleicht eine Weiterempfehlung an eine weitere Firma. Wenn es nicht um Geld geht, sind Menschen noch Menschen und versuchen in ihrem Rahmen zu helfen. Mein neuer Freund soll also aktiv werden und sich als Person in die Welt werfen. Absolut nicht leicht und ein schwerer Prozess steht ihm bevor. Wir reden noch über Meditation, damit er herausfinden kann, was er wirklich möchte, damit er verarbeiten kann, was ich ihm erzähle, damit er Selbstbewusstsein entwickelt. Bei dem letzten Punkt spreche ich seine Stimme an und gebe ihm Tipps wie man an seiner Stimmlage, der Lautstärke und dem akustischen Erscheinungsbild arbeiten kann.
Du merkst auch, dass es viel zu viel ist. Deswegen komme ich am Abend nochmal bei der Kirche vorbei und bringe einen Zettel, bei dem ich für jede Thematik die leitenden Stichpunkte festhielt. Als er den Zettel entgegen nimmt und mich mit großen Augen fragt, ob das für ihn ist, freu ich mich sehr ihm entgegen strahlen zu können.
Als unser Gespräch endet, möchte er gehen und ich dachte, ich würde auch gehen. Schließlich habe ich noch nichts gegessen und es wird langsam dunkel. Wir gehen bis zum Tor und reden noch kurz, und dann merkt er, dass ich gehe, weil ich mich schäme seine Esseneinladung auszunutzen… Warum habe ich auf einmal schlechtes Gewissen…? Ich habe kritisches Feedback online bekommen und das völlig zurecht. Ich versuche noch herauszufinden, wie ich damit richtig umgehe.
Meine gute Freundin Ana, welche grade in Dar es Salaam freiwillig arbeitet und eine tiefe Verbindung zu dem Land und ihren Menschen in sich trägt, schrieb mir letztens und gratulierte mir für meine Art des Reisens. In dem selben Satz sprach sie aber auch schon ihr Problem an, denn sie konnte in meinen Instagram-Stories nur wenig von der freiwilligen Arbeit sehen, die ich ja anpreise zu tun, um damit zu überleben. Sie fragte mich ob ich nicht nur durch mein Weißes Privileg von Ort zu Ort komme und von menschen lebe, die selbst viel zu wenig haben, aber es lieben zu helfen. Ein Schlag in den Magen hätte nicht schmerzhafter sein können, aber natürlich hat sie großes Recht diese Behauptung anzuführen. Zum Glück meine ich zu wissen, dass ihr Feedback einen Hacken hat und ich bin überzeugt das Ganze rechtfertigen zu können. Durch Selbstlosigkeit und durch ‘Human Value Exchange’. Ich behaupte einfach ganz frech, dass es einen menschlichen Wert besitzt sich zu unterhalten. Ich behaupte, dass selbst jene, die mir nur Essen oder Geld schenken wollen, etwas dazu gewinnen, wenn sie geben und helfen können. Sei es Karma oder ein simples gutes Gefühl. Ich behaupte, dass ich nicht reise, um auf Kosten anderer zu profitieren, sondern dass ich es tue um zu wachsen, zu lernen, Menschen und Orte zu verbinden, zu inspirieren und etwas Gutes zu tun. Ich behaupte, dass all mein zurückgelassener Komfort irgendwann Früchte trägt und etwas Gutes, weit größer als mich in die Welt bringt. Ich behaupte, dass ich alle Menschen meines Weges wieder besuchen werde und gebührend durch ekliges Geld, durch Verbindungen oder durch Möglichkeiten in der Welt eines Tages entlohnen werde. Ich hoffe die Communities, die jene Menschen groß zogen, die mir nun helfen, irgendwann durch Bildungsprojekte, Medizin, Infrastruktur und Lebensgrundlagen unterstützen zu können… davor muss ich zusammen mit dir eine Community weltweit bilden. Unser Verein Gen.ZM e.V. soll genau zu jenem Zweck existieren. Ich weiß nicht wann die Großzahl der Menschen diese Zeilen liest, aber ich weiß sehr konkret wo ich landen möchte und was das alles werden soll. Gen.ZM e.V. soll neben dem sozialen Rahmen der es erschafft auch Spendenplattform für die Projekte sein, mit denen ich und andere Mitglieder auf unseren Reisen in Verbindung kommen. Ohne das zu diesem Zeitpunkt in dieser Schrift weiter auszuführen zu wollen, möchte ich nur festhalten: würde ich diese Art des Reisens praktizieren und damit Menschen etwas schlechtes tun, würde mein Gewissen diesem Umstand nicht stand halten können. Ich wäre nicht in der Lage so zu leben, wenn andere dafür einbüßen. Ich glaube an den menschlichen Werte Austausch und muss daran glauben, dass Menschen von meiner Präsenz profitieren können.
Elayah und ich gehen zusammen zurück auf das Grundstück, mir wird eine Bank unter feuerroten wunderschönen Blüten eines Baumes überhalb und um mich herum angeboten und ich warte auf das Ugali, welches vom Kochen seiner Mutter noch übrig war. Zwei weitere Kinder spielen in dem eisernen Gerüst. Schulkinder und die kleinen Geschwister Elayah’s. Ich schenke ihnen Luftballons und jene sind meine Kameraden für den Abend zusammen mit zwei anderen Freunden, die später vorbei kommen. Das Ugali mit der roten pürierten Soße, die Okraschoten und kleine gelbe Auberginen in sich hat, schmeck fabelhaft und ich bin endlos dankbar für diese Mahlzeit. Mit den vier versammelten Kindern backe ich gemeinsam Pizza auf dem Sandboden, indem wir die Zutaten listen, schusseln aufzeichnen, mit den Händen kneten, einen Backofen in der Luft zeichnen und dann gemeinsam die Dreiecke essen. Käse kennen die Kinder nur vom hören in der Schule. Die neunjährige Tochter der Pfarrerin ist verliebt und fragt ihre Mama später, ob ich nicht hier schlafen könnte. Das würde auch mein Plan sein bis ganz zum Ende des Abends, wenn ich erfahre, dass der Besitzer der Kirche auf Anfrage und ohne mich zu kennen, aus Sicherheitsgründen dagegen war. Völlig verständlich. Der Bruder der mir die Nachricht überbringt, lernt mich in dieser Konversation auch kennen und ein bekannter Ausdruck formt sich in seinem Gesicht. Als er die Situation versteht und hört, dass ich versuchen werde im Wald in der Nähe zu campen, um den Gottesdienst morgen früh hier feiern zu können, entscheidet er sich ohne Umwege sofort dazu, mich zum nächsten Guest House zu bringen und mir die Nacht auszugeben. Er ist Stellvertreter der Kirche, Chororganisator und ein guter Mensch. Ich werde die Nacht am Boden dieses schönen Raumes sehr genießen, Betten meide ich immer noch, und die Dusche vorhin war mehr als wundervoll. Ich versuche ehrlich zu sein und sage dazu, dass ich jetzt das erste mal meine Leinenhose wechsle und für meine Jeans eintausche, damit mein Kirchenoutfit nicht allzu brutal ist.
Zurück am Abend mit den Kindern, spielten wir mit Luftballons in der Kirche, Gold Weiß und Schwarz, und spielten alle Spiele, die uns so in den Sinn kamen. Wir tanzten gemeinsam zu der Musik und ich teilte die Bewegungen und Tänze, die ich in meinem Mwanza Chor erlernen durfte. Ich brachte ihnen die Spiele bei, die ich von meinen Nachbarskindern neben dem House of Hope beigebracht bekam und wir spielten verstecken. Am Ende füllten wir Luftballons mit feinem Sand, der am Boden der Kirche verteilt ist, und formten und warfen das fertige Resultat.
Dann wurde ich von meinem Helfer der Nacht im stockdunkeln zum Guest House gebracht, saß in meinem Zimmer und schrieb die Anleitung für meinen Freund Elayah, lief nochmal den ganzen Weg zur Kirche zurück und übergab den Zettel und wurde dann auf meine zweite Mahlzeit zusammen mit den zwei alten Damen, seiner Mutter und den Kindern eingeladen, aß ein wenig Ugali und schaute mit ihnen das Fußballspiel zwischen Tansania und Uganda für eine Weile. Ich lief nach Hause, stellte mein Zelt im Zimmer auf und schlief herrlich ein. Der Wecker wieder auf 5:30 Uhr und jetzt sitz ich hier nach einer guten Dusche. Gleich fängt der Gottesdienst an und mein Tag in der Nähe des Kilimanjaro’s beginnt.