Um 5:30 Uhr lebt die Welt nur zu Teilen. Die Geräuschkulisse besteht größten Teils aus Hähnen und dem balg einsetzenden Gesang der nächsten Moschee. Ich für meinen Teil genoß den Komfort eines kostenlosen Guest Houses, nahm eine Dusche und machte mich dann an das Schreiben von Gestern’s Artikel. Nach Vollendung kommt alles zurück in den Rücksack und mein Outfit ändert sich zum ersten Mal in Gänze. Keine zerrupfte Leinenhose mehr, deren linke Hosentasche nun drei Löcher in sich trägt, und deren rechtes unteres Hosenbein wieder anfängt zu zerfleddern, dort wo mir meine Mama half orangen Stoff an den Fahrradkettenriss der Hose anzubringen, bevor ich nach Norwegen reiste. Die Hose kommt langsam zusammen und in demselben Prozess zerfließt sie auch wieder in ihre Einzelheiten. Ich trug ein grünes ‘Never leave Paradise’ T-Shirt und auch jenes wird wieder zusammen gerollt und ins Tascheninnere befördert. Dafür schmeiß ich mir ein dunkles Hemd und eine blaue, aber grün geflickte, Jeans aus Kanada über. Die einzige Jeans die ich besitze. Und weil ich ordentlich spät für den Gottesdienst meiner gestrigen Kirche bin, leg ich die Ohren mit Anlauf an und beginne das Barfußsstolpern in Richtung Ziel. Viele Menschen sind auf der Straße und alle kommen von oder gehen zu ihrer Kirche. Eine alte Dame findet besonderen Spaß an meinem Erscheinungsbild und sie treffe ich später in der Kirche wieder.

Dort angekommen begrüßen mich meine kindlichen Freunde wieder und lassen meine Hände nicht mehr los, bis wir gemeinsam auf einer Bank sitzen. Meine Pfarrerin stellt mich anderen Personen vor und dann schleife ich mich in die anglikanische Kirche, lasse meinen Rucksack in der einen Ecke zurück, setze mich mit den Kindern in die andere Ecke, in der Nähe von dem Setup der Band. Wie gestern schon beschrieben, ist diese Kirche unwahrscheinlich groß im Verhältnis zu den sonstigen Bauten der Nähe. Allerdings fehlen letzte Schliffe, Innenausstattung, Farbe und Fenster und seit 14 Jahren wartet sie auf Vervollständigung. Die Kinder haben sich gleichmäßig links und rechts von mir platziert, um alle ähnlichen Genuss von meiner Präsenz zu erleben. Die beiden Kinder der Pfarrerin sind direkt neben mir und ihr Junge hält durch die ganze Zeit meinen Arm. Das ist schön. Der Gottesdienst ist ein besonderer und ich versuche das Hängengebliebene zu schildern. Inhaltstechnisch war ich beinahe permanent raus, dafür reicht bei Swahili einfach noch nicht, aber die Art der Vorstellung und Präsentation sind von ähnlicher Importanz. Den Inhalt kann man sich mit ganz viel Willenskraft vielleicht erdenken. Fünf Reihen aus Metallstühlen stehen auf dem kargen grauen Stein- und Staubboden. Ungefähr vierzig Menschen sind in dem viel zu großen Gotteshaus und die vortragenden Priester oder Pfarrer, ich kenne den Unterschied nicht, tragen kurze weiße Kutten, oder in meinem Vokabular: Ponchos, in purem weiß mit einem schwarzen Kreuz auf dem Rücken und der Brust. Es gibt kein großes Kreuz mit Jesus angenagelt, was ihm vermutlich auch ein bisschen leiden erspart, stattdessen steht zwischen zwei Kerzen ein hübschen goldenes kleines Kreuz in der Mitte der nadelgeschmückten Altars. Hinter dem Altar stehen verschiedene Stuhlgrößen, die relativ zusammen gesucht aussehen, aber je nach Größe den Rang ihres Draufsitzenden vorsehen. Hinter ihnen ist eine Kulisse aus Stoffen aufgegangen. So gibt es eine komplette Wand aus weißen Tüchern, mit grünen und roten Tüchern auf unterschiedlichen Höhen als eine Linie durch das Schaubild gezogen, mit kleinen hübschen Stoffknollen an den Endpunkten eines Stoffes. Die Band ist zu Beginn des Dienstes noch nicht da und der einzige Anwesende muss für seine Kollegen übernehmen. Während nun ein Kirchenbruder den Gottesdienst startet und mit seinen weißen Kumpels hereinläuft und zugegeben nicht perfekt singt, muss unser einsamer Kumpane der Instrumente nun Klavier spielen, was er offensichtlich nur durch einen Bandfreund erlernt hatte. Fest auf seine Lippen beißend versucht er dem Gesang komplementär zu werden und eine Harmonie zu erschaffen. Er scheitert, aber umso mehr sticht die Band und ihr Können heraus, wenn sie 10 Minuten später beinahe vollzählig sind und gemeinsam den Chorgesang und die Lobpreisung mit Yamaha Keyboard, Schlagzeug und Bass unterstützen, während der Chor aus Fünf Frauen mit Mikrofonen unterwegs ist. 

Der Gottesdienst beginnt mit einer Ansprache und Gesang. Er steigert sich in eine Vorlesung, welche die Kinder nicht interessiert und geht wieder über in Gesang der Frauen und das Spielen der Band. Dann werde ich aufgefordert mich vorzustellen und diese kurze Minute des Stehens und Swahilisprechens wird mich noch zum Nachdenken bewegen, was man nicht alles mit einem Mikrofon in der Hand anstellen könnte… da mich öffentliches Reden ziemlich interessiert lese ich ein Buch darüber. Warum auch nicht? Das Buch veranschaulicht welches Potential unter dem Vortrag zu Vielen liegt und wie essentiell die Perfektion dieser Praxis ist. Kein Plan wo und wie ich das praktizieren soll, bis ich durch Deutschland reise und Reden halten möchte, aber anscheinend war eine anglikanische Kirche und die Sprache Swahili noch nicht der richtige Umstand. Ich erwähne kurz und knapp Lennart zu sein, aus Deutschland zu kommen, von Mwanza nach Bagamoyo, Dar es Salaam zu reisen und freiwillig zu arbeiten. Mehr braucht die Menge nicht zu wissen. Jene, die Interesse an mir haben, finden sich nachher mit mir zusammen. 

Als meine Vorstellung endet, kommt relativ zeitnah meine Pfarrerin mit ins Spiel. Sie war bis dato nicht anwesend, aber ihre Präsenz wird dem Gottesdienst ein Leben einhauchen, das ich davor weder kannte, noch erahnen hätte können. Sie redet kurz von einer persönlichen Lehre, einer Bibelstelle und dann stimmt die Band und der Chor ein Lied an, in welchem sie unzählige Male das Wort ‘Bado’ wiederholen. Bado bedeutet ‘Noch nicht’ und mal wird es in Harmonie gesungen, mal mit Handgesten gerufen, mal schmerzlich gejauchzt, oder kopfschüttelnd zum Boden gesprochen. Das ist das Hintergrundspektakel zu unserer Pfarrerin, die während des Bado-Prozesses ihre Rede beginnt und ebenfalls nach ein paar Zeilen persönlich Gesprochenen, in Gesang übergeht. Dabei schreitet sie den ganzen vorderen Bereich wissend über ihren Eindruck ab, und mit ihrem Singen beginnt sie ebenfalls ihren Körper zu benutzen, ihre Arme elegant durch den Raum zu führen, Hüftschwünge zu performen, schüttelnde Hände in die Luft zu halten, die ansteckend durch die Menge imitiert werden. Als der Gesang für ihre Nachricht nicht mehr reichen möchte, wirft sie ihren Oberkörper nach vorne und beugt sich über die Beine, und ein Rufen, welches die riesigen Musikboxen beinahe in die Knie zwingt schallt durch die Halle, mit einer Kraft und Lautstärke und einer Nachricht in den Worten, die außerhalb von Sprache agieren, dass einem Gänsehaut nirgends erspart bleibt, und ich erfahre eine Disillusion von dem Ort an dem ich stehe. Ihre Lobpreisung veränderte meine Wahrnehmung der Kirche so stark, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte am selben Ort zu sein. Ich möchte sagen, dass ihre Art der Lobpreisung, der Gottespredigt, eine solche Wirkung auf mich hatte, dass meine Wahrnehmung selbst Überhand über meine Sinne nahm und für ein paar Momente alles in mir änderte. 

Das ist nicht meine Rede und Erklärung des Tages als ich zu Gott fand, ah ah, aber ich versuche neutral auszudrücken, was ich dort durchleben durfte. Ich kannte das Gefühl nicht, wurde beinahe davon überwältigt, himmle die Pfarrerin und ihre Mitmenschen für was sie miteinander teilen an, und bewundere den Glauben und was es mit Menschen anstellt. Ich werde danach weiter meines Weges gehen und Leuten erzählen, dass ich eine abstrakte Form des Buddhismus praktiziere und ein paar verschwommenen eigenen Ansätzen versuche nachzukommen. 

Nun kommt der eigentliche Sänger der Band an und seine Stimme ergänzt jene des Frauenchors und der Abschluss des Gottesdienstes ist auf vollendetem Niveau. Zwei Bottiche in grüne und rote Papiertücher gebunden, werden vorne bereit gestellt, um Spenden zu erhalten, und eines der Kinder drückt mir eine Münze von Mama in die Hand, damit ich auch etwas hinein geben kann. Dieser Gottesdienst hätte all mein Geld verdient. Die Prozession endet damit, dass wir als gesammeltes Kirchenvolk den weiß gekleideten Dienstführend hinterher laufen und uns hinten in der Kirche sammeln. Jede Person schüttelt die Hände der weißbekleideten Schwarzkreuzträgern und danach ist die Kirchenruhe aufgehoben. Alle Blicke wandern auf mich, der als einziger Weiße in der Menge steht und mindestens einen Kopf größer als die Meisten ist. Mama Pfarrerin steht zwischen uns allen und beginnt von meiner Reise zu erzählen und ich verstehe die meisten Details und versuche nicht in die großen Augen der Frauen um sie herum zu schauen. Am Ende verzieh ich meinen Mund zur Seite zu einem schiefen Lächeln, ziehe die Augenbrauen etwas hoch und nicke zustimmend an die Anwesenden, bevor mich ein junger Mann von der Seite anquatscht. Er saß im Gottesdienst vor mir und ich hatte ihn von hinten auf Mitte dreißig geschätzt. Jetzt sehe ich, dass er bloß ein Kind ist und er ergänzt mein Denken damit, dass er sagt 19 zu sein und in der Highschool zu sitzen. Er präsentiert mir seine Zukunftspläne und beweist ein paar essenzielle Dinge bereits verstanden zu haben. Er möchte in dem Bereich der Landwirtschaft ein paar Dinge erreichen und erklärt mir sein Verständnis über die Wichtigkeit von Verbindungen. Er versteht das Potenzial welche jene haben, und fragt nach der Verbindung zu mir, um in künftigen Austausch zu bleiben und ein potenzielles zukünftiges Projekt gemeinsam zu starten. Geht natürlich klar… wenn Reisen bisher irgendwas mit sich brachte, dann wohl dass ich Verbindungen in Nordamerika und den meisten europäischen Ländern habe. Wer kein Geld anstrebt und keines besitzt, der lebt eben so.

Nun kommt der Punkt an dem ich meine Sachen packe, meine Regenjacke raushole, um der Nässe zu entgehen, mein Zelt ausrollen um die wasserdichte Plane zu benutzen und um mein Zelt festzubinden, und den Kindern auf eine gewisse Zeit auf Wiedersehen sage. Der Part tut weh. Das Grundstück verlasse ich gemeinsam mit der Band, gratuliere ihnen für ihre Vollkommenheit, sage dem Klavierkünstler, was für wahnsinnig schöne Kinder er hat und wünsche allen vieren eine wundervolle Zeit. Sie gehen nach links, ich nach rechts. Nach links zu gehen wäre zu einfach, von dort kam ich schließlich einen Tag zuvor. 

Mein Tag besteht aus folgenden Dingen, bevor ich ankam. Ich suchte mir einen Weg zum Kilimanjaro, bekam die Wegbeschreibung von einem Booda, der meine Geschichte sehr mochte, und lief für eine ewige Weile eine Straße bergauf. Weil es regnete und sehr wolkig war, sah ich von meinem Ziel bis zum Abend nichts, dafür kam ich durch eine interessante Gegend, ohne dessen Realität und ihre Einblicke ein Journal nicht vollständig wäre. Die Gegend um den Kilimanjaro musste sich zu großen Teilen auf den Tourismus fokussieren. Restaurant, Hotels, Safaris und Bergbesteigungen. Wer kein Kapital hatte, um in jene Branche einzusteigen, blieb mit den Chancen der Landwirtschaft zurück. Wer kein Geld für Land hatte, konnte hier genauso wenig tun, zumal genug Konkurrenz um den Boden herrscht, auch ohne deutsche Kaffeemarken, die mit T beginnen, die hier hunderte von Hektar Land besitzen, um unseren Kaffee für Deutschland anzubauen. Kann schon sein, dass irgendjemand tansanisches mal von dem Verkauf dieser Flächen profitierte, aber die Menschen jetzt haben definitiv keinen Vorteil, kein Land und keinen Kaffee von T… wenn die Dinge zum Erfolg und hin zu einem guten und sicheren Leben vergeben sind, bleibt nur noch das Leben, welches die Einheimischen vor Ort in der Stadt Moshi führen, oder zurück zu gehen in Dörfer der Familien. Wenn man sich anhört, was Menschen über den Entwicklungsstand der Dörfer sagen, dann staunen sie nicht wie Menschen von außerhalb wie wunderschön natürlich, idyllisch, echt und kunstvoll das Ganze ist, und in welchen Landschaften sie leben, mit welchen Tieren sie ihr Leben verbringen und welche Holzschnitzereien aus diesem Leben kommen, sondern erzählen dir, wie Kinder an schlechtem Wasser sterben, dass Erwachsene nicht wissen, dass Kinder Bildung brauchen, dass es keine Grundlage für ein gutes und sicheres Leben zu finden gibt. Die Hoffnung darauf treibt jung Menschen in die rasant wachsenden Städte und wir erleben das Zeitalter der Urbanisierung. Als ich das Wort zu jemandem mit Geschichtsverstehen aussprach, konnte ich den Gesichtsausdruck nicht deuten. Vielleicht benennen es die Menschen nicht so. Oder man hat den Namen für das Zeitalter in dem man sich befindet noch nicht gefunden… ist der Westen jetzt eigentlich im Zeitalter des Internets, der Informationen oder der KI? 

Mein Weg ist ein langer durch die Straße der Menschen, die kein Glück hatten. Der Sonntag ist ein von Alkohol gesegneter und beinahe jede Person, die auf mich zukommt, ist alkoholisiert. Mir manchen gehe ich für ein paar geteilte Meter, unterhalte mich nett, wenn auch etwas zu körpernah, entschuldige mich für ihre Liebe zum Alkohol und möchte über ihre Leben lernen… wenn Menschen einem schlechten Job nach gehen, und umgeben sind von Menschen die einen schlechten Job haben, und alle Leiden, aber überleben, und du kannst durch die älteren Generationen in die Zukunft sehen und wissen, dass die Scheiße die du grade tust, noch in dreißig Jahren der Fall sein kann und sich in der Zeit nichts bessert, dann ist das doch die perfekte Grundlage fur Perspektive und Hoffnung, oder? Die meisten Menschen sind depressiv und angepisst von einem Leben wie diesem. Von einer korrupten Regierung und einem Leben ohne nichts. Sie sind ja nicht doof und wissen ganz genau, dass das nicht sein müsste. Würde ich dort leben und einen Weißen vorbei schlendern sehen, ohne Schuhe, der mir erzählt ohne Geld zu leben, und ich wäre dabei alkoholisiert, dann würde ich ihm in die Fresse schlagen, ehrlich. Umso weniger kann ich verstehen, dass die Menschen die ich traf es nicht taten. Verdient hätten wir alle mal in die Fresse geschlagen zu werden, dafür dass wir solche Umstände und noch viel viel Schlimmere auf der Erde zulassen. Einfach weil unser Komfort uns so wichtig ist und wir dadurch doof und dämlich werden… Bob Marley sprach ‘You think you live in heaven, but you’re living in hell.’ - Von Verzweiflung halte ich mich tendenziell immer fern, weil sie kontraproduktiv ist und nichts bringt. Aber das bisschen, was ich dennoch in mir fühle, ist genug um den Schreibstil dementsprechend zu lenken. Ich zügel mich…

Die Natur nimmt mich ein, der Boden ist aus Steinplatten und sehr sehr glatt, Damen aus Verkaufsständen mit leckerem Essen, dass ich trotz knurrendem Magen nicht kaufen kann, lächeln mich an und grüßen auf dass ich doch mal rein schauen solle. Ich tausche mich aus mit Mechanikern und sie finden was ich mache fantastisch. Der Älteste fragt, wie er Teil davon sein kann und deutet sich die Schuhe auszuziehen. Mit ihm lache ich herrlich und unterhalte mich für eine Weile. Mir wird klar, dass die Menschen ohne Glauben völlig am Ende wären. Einen Gedanken später wird mir klar, dass menschen ohne Glauben eine solche Ungerechtigkeit gar nicht lange dulden würden und Tumulte wie sie jetzt in der Luft schweben, Grundvoraussetzung für falsches politisches Handeln wären. Einen weiteren Gedanken später denke ich an einen Anruf mit meinem Papa, als er mir von der grandiosen Karikatur berichtet, in der ein König und ein Pfarrer abgebildet sind. Die Beiden unterhalten sich in Sprechblasen und zu lesen ist die Aussage des Königs: ‘…halte du sie dumm. Ich halte sie arm.’ Das ist natürlich keine Glaubenskritik, sondern ein Speerwurf auf eine Religion und Kirche, die neben einer Regierung sitzt und versucht genauso geldzerfressen wie die meisten Menschen sind, eben Profit zu machen. Eyyy, was passiert denn?? Hat der Tag nicht mit einem erfüllendem Kirchentag gestartet?

Meine Rettung ist ein Gras rauchender Booda Fahrer. Er lädt meinen Magen und mich auf eine geteilte Mahlzeit ein und er sorgt sich besonders darum, dass ich bestimmt schon lange nicht mehr mit meiner Familie telefoniert habe. Sehr süß, und zur Aufklärung: ich benutze mein Handy und habe Internet. Zwar habe ich bisher noch nicht auf eine Onlinekarte geschaut, aber ich nehme Bilder, schreibe diese Geschichten und lade kurze Momentaufnahmen in den sozialen Medien hoch. Ich bin zwanzig Jahre alt und schreibe soziale Medien statt Updates in einer Insta-Story zu uploaden. Irgendwo bin ich falsch abgebogen… ich kaufe mobile Daten aus grobfahrlässiger Faulheit. Widerlegt das, dass man nicht ohne Geld reisen könnte? Nein, aus zwei Gründen. Erstens ist echtes Reisen und in der Welt eintauchen nur möglich ohne Handy und zweitens könnte ich jede bisher getroffene Person fragen, mir statt 20.000 in die Hand zu drücken, dafür stattdessen einen Haufen Gigabyte zu kaufen, via Onlinezahlmethode durch das Format M-Pesa. Wäre genauso denkbar, aber mach ich nicht. Ich wiederhole, Faulheit. Und Komfort, und jenen nehm ich mir, bis ich endlich in Deutschland reise und kein Handy mehr brauche. Nur mein Poncho, mein Zelt, ein kleines schwarzes Buch für Handynummern und eine Zahnpasta plus Taschenmesser.

Wir essen gemeinsam Reis. Er nimmt sich Fleisch und ich wünsche mir Bohnen. Und was soll ich sagen… das war eine himmlische Mahlzeit. Mein Kumpane bringt mich mit seinem Motorrad zurück zu dem Ort an dem wir uns trafen und ich bedanke mich von Herzen bei dem Familienvater, der während dem Essen von vier verschiedenen Menschen angerufen wurde. Das fünfköpfige Einraum-Küchenpersonal hatte seine Augen nicht von mir gelassen, und meine kleine Schale mit Bohnen war voller, als die von anderen und meine Portion Reis wurde von einer kleinen Schüssel geformt, statt nur als Haufen dazuliegen. Süß. Nach dem Essen und nach der kurzen Fahrt geht meine Fußreise weiter, aber zugegebener Weise nicht mehr viel weiter, denn schon bald treffe ich auf meine Person der Nacht. Jeden tag gab es bisher eine Person der Nacht und es wäre an der Zeit mir einen Eigennamen für jene auszudenken… Person der Nacht, Nachtperson, Nachthelfer, Platzschenker, Nachtruhenschenker… verkopft! Narugift. Mein Nachtruhengeschenk. Okee…

Mein Narugift heißt Rochord. Rochord steht an der Straßenseite als ich etwas kaputt, aber mit mehr Energie als vor meiner ersten Mahlzeit, anschlurfe und er deutet mir zu kommen. Seine kurzen Dreadlocks gucken unter der Käppi hervor und sein Gesicht ist ein offenes und freundlich. Der Bauch sagt, dass ihm der Ort gehört und er bittet mich auf den Vorhof einzutreten, um welchen herum mehrere Garagentore geöffnet sind und Unglaubliches in sich bergen. Ich lerne, dass ich auf dem Grundstück der Summit Arts Gallery stehe und den Besitzer vor mir habe, der ein Reiseunternehmen, ein NGO-Leiter zur lokalen landwirtschaftlichen Unterstützung, einen Tanzanit-Händler, Kunstaussteller und Familienvater ist. Ich werde ihm noch in großem Detail erklären, wer ich bin, aber kurz ist es meine Aufgabe meine gefundene Person mit halboffenen Mund anzuschauen und in die Gegend zu staunen. Der Ort ist eine einzige Magie und pulsiert in seiner übermannenden Vielfältigkeit. Räume von mit Kunstwerken aneinander und übereinander zusammengepfercht zum Schutze vor dem Regen, ist ein grandioser Anblick, keine Frage. Er bietet mir an mich umherzuführen und fragt ob ich gegessen habe. Ich berichte von der perfekten Banane, die ich in der Kirche von einem Kind zugeschoben bekam, und von meinem vergangenen Mittagessen. Da er fest entschlossen von der Unvollkommenheit dieser Tagesernährung ist, bestellt er parallel zu unserer Rundumtour Chipsy Mayay, also Pommes in Eierkuchen. Ah! Wir schreiten durch seine Räume, während wir uns besser kennen lernen. Er berichtet mir über die Herkunft von ein paar besonderen Kunststücken, erklärt mir Details über das Gabon-Ebenholz, aus welchem viele seiner kleinen handgemachten Statuen bestehen, die er von diversen Völkern und Stämmen aus Tansania beschafft. Ein Gesicht einer Frau sticht besonders heraus, da der Ast als Ganzes existiert und man überhalb und unterhalb des Gesichts noch den normalen Baum sieht, dann aber das geschnitzte Gesicht in dem inneren schwarzen Holzkern findet. Das Schwarz des Holzes ist wunderschön und schimmert in seinen genialen Details des Schnitzers. Unzählige dieser Statuen, zwischen bunten Schnitzereien, riesigen Leinwänden mit Landschaft, große Tiergesichtern, Menschenwanderungen auf den Bergen der Nähe, Ausblicke auf den Kilimanjaro, Volksgruppen in ihrem dargestellten Habitat, brüllende Löwen, Elefantenfamilien, grasende Zebras, Sonnenuntergänge hinter Savannen und Bergen. Er hat sie alle. Am liebsten sind mir die kunst- und farbenvollen Strichzeichnungen der Menschen auf manchen Bildern, die keine echten Details außer Schwingungen und Linien aufweisen, aus einer leuchtenden Farbe bestehen und ein hübsches Schauspiel im Miteinander ergeben. Ich sitze noch lange vor den Bildern, aber bevor dem kommen wir zu einer Ecke, an der verschiedenste Gehstöcke stehen. Sie sind in allen Formen, manche schwarz aus Ebenholz, andere in der Farbe und Form, wie sie Ziegen- und Rinderhirten bei sich haben, manche mit bemalten Details, Augen oder eingelassenen Steinen. Ich zerfliiiieße, als er einen simplen, wunderschön gleichmäßig geformten, leichten und perfekt balancierten Stock heraus nimmt und meint, ich könne ihn gerne haben. Dieses Objekt ist mir mit dem ersten Hautkontakt heilig geworden. Nichts anderes in dieser Höhle aus künstlerischen Reichtümern hätt Nutzen für mich gehabt. Nichts hätte in meinen Rucksack gepackt, und so ist es dieser Stock, der als einziges noch an mir fehlte. Er wird meine Wanderung erleichtern, mir Spaß beim Balancieren machen, mich vor kleinen und zugegeben schwachen Hunden beschützen und ein allgemein wundervolles neues Detail in meinem Charakter darstellen. Ich freue mich sehr und schäme mich nicht ihm das mitzuteilen. Wir verbringen den Abend für eine Weile dort, ich übe mit dem Stock und räume eine kleine Tasche meines Rucksacks aus, in der meine noch nie benutzte Sonnencreme explodierte. Seit ich nicht mehr mit Sonnencreme herum laufe, ist meine Zahl an Sonnenbränden stark zurück gegangen. Das lasse ich so stehen. Inzwischen muss ich selber nachdenken, wie lange ich bereits in der Sonne bin. Sonnencreme nimmt einem dieses selbstständige Denken manchmal, in meinem Fall, und so läuft man unbedacht viel zu lange im Sonnenschein. Das passiert mir nicht mehr und stattdessen trage ich lange Kleidung und Obacht im Kopf. Die Sonnencreme ist klebrig, mega eklig und ist verteilt in der unteren vorderen Tasche, von wo aus meine muttergeschenkte Medizin hervor lächelt. Mineraltabletten aller Art, B12 was ich bisher nicht nahm, sorry Mama, Durchfallmedizin und ein paar Vitaminreste. Taschentücher, die ich in einem früheren Leben in einer Woche verbraucht hätte, aber seit meiner Nasenscheidewand-Operation diesen Jahres nicht mehr brauche, einen Einmalrasierer, der kein mal benutzt wurde, und genau so sieht mein Bart auch aus, plus Bleistifte und ein Kugelschreiber. Ich habe keinen Spaß beim Putzen, aber genieße meine Essensportion danach umso mehr. Ich fühle mich mal wieder angekommen und mein Narugift zeigt mir den Platz im Hintergarten, wo ich mein Zelt aufschlagen werde. Als das getan ist, fahren wir gemeinsam in die Nachbarschaft, verbringen den Abend vor einer Bar sitzend, wo wir ein bisschen erzählen, wo ich meinen Stock beginne zu beschnitzen, mit den Buchstaben GEN.ZM, der Zahl 42 und dem Zeichen des Ankh-Kreuzes. Ein Kreuz, dessen oberer Strich nicht grade ist, sondern eine Schlaufe bildet. Also ein Christenkreuz mit ner Blase oben dran. Alle Symbolen finden sich auf meiner Leinenhose und auf meiner Laptoprückseite durch die Kraft von Edding wieder und ich freue mich über eine gefundene Symbolik für meinen Charakter Gen.ZM. Irgendwann kommt ein Freund von ihm dazu, ein Doktor, und auch wir unterhalten uns für eine Weile. Dieser Mann scheint zu überschätzen, wer ich grade zur zeit noch bin, und nach einem kurzen Austausch mit mir und einem längeren Austausch mit seinem Freund, ändert sich die Haltung der Beiden, ihre Angebote und Hilfestellungen bemerkbar. Ich konnte nicht alles aus dem Gespräch nachvollziehen. Nein, das ist ein Spaß. Ich hatte von Anfang bis Ende kein Plan über was die Beiden quatschten, aber bin geplättet von der Freundlichkeit. Es ist das dritte Mal auf der Reise, dass mir Menschen anbieten, meine Reise Morgen zu beenden, indem sie mich nach Bagamoyo befördern würden. Ich lehne tie dankend ab und wir schauen gemeinsam ein wenig weiter das Fußballspiel zwischen Sudan und Ägypten, bei welchem überraschend oft erwähnt wird, dass einer der Spieler wohl bei Leverkusen spielen würde. Anscheinend ein nennenswertes Highlight und er ist kameratechnisch der Star der Spiels. Mein Schnitzwerk ist vorerst beendet und ich bekomme eine weitere unverhoffte Mahlzeit, gekocht von der Frau meines Freundes Rochord. Reis und Bohnen und rote Soße mit Okra und Mchicha, eine Art Spinatmix. Unglaublich lecker und genug, um mich pappsatt zu machen. Danach stoppen sie ein Booda und bringen mich zu meinem Schlafplatz der Nacht. Im Hintergarten seiner Summit Arts Gallery in Moshi, mit Blick auf den unglaublichen Kilimanjaro. Ich kriech in mein Zelt und bin sehr dankbar für den Schlaf. Ich bereue wieder, mich während der Nacht ab und zu auf meine Seite zu drehen, denn die Arme schlafen dabei ein und die Schultern tuen dadurch weh. Eines Tages werde ich das Rückenschlafen gemeistert haben. Mein Stock ruht in meinen Händen und gibt mir eine Menge!

#7 TZN-Journal - Dröhnender Lob