Wir sitzen auf einem Fahrrad und fahren quietschend über hübschen Pflasterstein mit versetztem Diagonalmuster, in Richtung des Hotelblocks mit dem Namen Stella Maris in welchem ich die nächsten neun Tage vor mich hin vegetiere. Jetzt ist diese Form des Schreibens nun mal eine Art Reisejournal oder ein Festhalten eines zu wählenden Lebensstils und mir fehlt die Einsicht, wie das Niederschreiben meiner Erkenntnisse und Bereicherungen innerhalb dieser Seminarspanne von allgemeiner Nützlichkeit für dich sein könnten. Ich mache also eine Kunstpause, überspringe das Kommende mit Anlauf, fasse in weniger als vier Sätzen zusammen was sich ereignete und wie es darauf hin weiter ging. Unser eigentliches Ziel ist nun bereits erreicht, im wahrsten Sinne, und mir kam es nur unpassend vor eine Reise abrupt am ersten Etappenziel zu beenden. Wir müssen schließlich noch nach Dar es Salaam und unsere schon bekannte inklusive Schule der ersten Woche in Tansania wieder sichten und dann auch noch zurück reisen. Ist ja nicht so als würde ich nun auf einmal wieder beginnen mit Geld zu reisen… kommt nicht in Frage. Insofern gebe ich dem Ganzen den Anfang durch die vier Sätze des Seminars. Zu dritt in einem Hotelzimmer, mein Zelt aufgeschlagen am Boden und beide Mitbewohner zusammen gedrängt im Doppelbett, sind das Setting aller Morgende, wobei mir unverständlich bleiben soll wieso ich nicht am Strand campe. Morgens sitze ich ab sieben im Saal der Speisen und schreibe oder lese, wobei der Ablauf der hereinkommenden Menschen immer ein ähnlicher bleibt, und niemand der Menschen sich als die auf der Welt gesuchte Person entpuppen möchte, wobei das nichts schlechtes wäre, schließlich sind die Anwesenden bemerkenswerte und wundervolle Wesen mit der verkörperten Kirsche auf der Sahne namens meiner Mitfreiwilligen Schwester Loana aus Mwanza, auf welche ich mich sehr gefreut hatte. In langen Gesprächen, viel Reflexion, kritischen Fragen und allerhand Konfrontationen mit dem eigenen Sein, ist die Krönung aller Auswirkungen der Seminarinhalte, dass ich am Ende in einem Mental State schwebe, in welchem mir möglich ist alles zu hinterfragen und einen potenziellen Neuanfang aller Dinge in beinahe allen Aspekten meines Freiwilligendaseins erdenken kann; feststeht, dass ich Dinge ändern muss, um ein erstrebenswertes Resultat zu erzielen und dabei niemandem zu schädigen. Ich durfte an Morgenden am Strand von Krähen begleitet durch den Wind joggen; drei neue Freunde in einer Tour durch Bagamoyo von Haus zu Haus meiner Bekanntschaften in der Stadt führen und mich überall zuhause fühlen; Volleyball spielen und Bauchtanz erlernen; Zigaretten schnorren und bei unwahrscheinlich witzigen Spielen wie Imposter/Hochstapler dabei sein; Lieder singen, Lesematerial durchstöbern, angeregt meinen Lebensweg darlegen, DinA-2 Blätter mit Farben, Blättern und Objekten befüllen und meine Geschichte des ersten halben Jahres daraus erschaffen und anschließend von allem meinen über alles geliebten Poncho wieder in den eigenen Händen halten, welcher mir durch meine Freundin Jule aus Dar es Salaam bis hier her mitgebracht wurde und welcher nach Übergabe erstmal für mehr als eine ganze Stunde in meiner Dusche sitzend durchgeschrubbt und eingeseift wurde, bis er wieder wie neugeboren glänzte und ohne Scham über verbundene Geruchsempfindungen getragen werden konnte. Vier Sätze über neun Tage und ich danke damit haben wir Großteile abgedeckt, ohne zu viel zu verraten. Ich hatte eine harte Zeit nach langer körperlicher Verausgabung nun meinen Kopf und sein hübsches Denken in vollem Ausmaß zu Nutzen und danach ging es mir manchmal dementsprechend. Meine beiden Mitbewohner hatten sich übrigens die wohl coolste Sache ausgedacht, als sie sich vor dem Anreisen gegenseitig an die zwanzig kleinen Aufgaben stellten, die wie in Bingo-Feldern angebracht waren und während den Tagen abgearbeitet werden sollten. Sie trugen am Ende vor was sie sich so ausdachten und das war eine unwahrscheinlich witzige Angelegenheit zumal die beiden auch absolute Charaktere sind. Liebe Grüße nach Westtansania.
Als ich wieder aufbrach, hätte ich noch einen Tag gebraucht, um nur zu liegen. Stattdessen begann ich meine ausgeschlafenen Füße wieder an ihren Auftrag zu gewöhnen und lief durch die kochende Landschaft aus Sand und dunklem Teer bis ich mich durch Zufall wieder an einem Ort fand, der mir bekannt vor kam. Ab da nahm ich es mir zur Aufgabe meine Bekanntschaften ein letztes Mal aufzusuchen und wurde bei meinem Freund Gi wieder herzlichst empfangen, sprach ein wenig mit den Familienangehörigen bis Gi vorbei kam. Während er duschte, konnte ich auf dem warmen Beton im Innenhof einschlafen und ich wurde mit süßem Baobab durchgefüttert. Ein harter kleiner Kern mit einer roten krisseligen Zuckerglasur. Von einem der kleinen Kindern wurde mir Wassermelone gebracht und mit Gi machte ich mich dann auf den Weg von meinem nächsten Ziel. Loana möchte sich treffen. Kurz möchte ich noch einen Einblick in etwas geben, was mir jetzt schon öfter passiert ist, aber vermutlich nie erwähnt wurde. Ich kann mir schließlich auch jetzt noch nicht denken, warum es erwähnt werden sollte. Ich wurde ab und zu mit Dingen und Möglichkeiten konfrontiert, die meinem zwanzigjährigen, mittellosen Sein nicht ganz zu entsprechen schienen. Ob es nun Menschen waren, die nach längerem Kennen darum baten, dass ich ihnen in diesem Leben helfen solle, oder ob mir Kooperationen angedreht wurden, oder Menschen mit großen Visionen meine Kontaktdaten erfragten. All das ist total spannend, aber ich bin verloren in dem Gedanken darum, wie ich das nun integrieren könnte. Gi, mein Lieber aus Bagamoyo, erzählt von dem großen Haus, welche seine Mutter in der Innenstadt benutzt und wie sie meinte, dass ich es ‘haben’ könnte, um dort ein Krankenhaus zu etablieren. Die Frau besitzt also einen überdurchschnittlichen Wert in Form einer Mobile und möchte etwas Gutes daraus machen und zeitgleich profitieren. Dass es von diesen Situation unzählige gibt ist keine Frage, nur wäre es nun an mir und dir herauszufinden, wie man aus diesen Möglichkeiten und Angeboten Realität macht. Ich hoffe einfach auf meinem Weg die Menschen zu finden, die solche Arten von Projekten suchen und dann kann ich im Endeffekt einfach Menschen meines Pfades miteinander verbinden ohne selbst in einer limitierenden Art involviert zu sein. Sachen zu ermöglichen ohne selber sein Gesicht für die Sache zu geben klingt viel nach Schattenarbeit und Fädenziehen, aber müsste doch trotz dem schlechten Beigeschmack der Wortklanges unleugbar gute Aspekte mit sich bringen können, oder nicht? Ich nehme Gi’s Gesprochenes dankbar zur Kenntnis und wir verabschieden uns für eine kurze Weile, bis er mich nochmal mit dem schon bekannten Fahrrad einholt, um mir noch einen selbst gemachten Mangosaft in die Hand zu drücken und sich mit seinem strahlenden sehr hübschen Gesicht wieder umzudrehen und für eine längere Zeit aus meinem Leben zu verschwinden. Ich befinde mich nun wieder auf dieser langen Grade hin zu dem Kreisverkehr in wessen Nähe ich vor zehn Tagen abgesetzt wurde, als ich mit dem Truck von Mombo aus hier an kam. Hier befinde ich mich weil ich noch mit Loana zusammen kommen möchte und für eine Weile versuche zu bereden, wie unser Zusammenleben in Mwanza weiter geht. Sie hatte eine brillante Zeit auf Sansibar und … ich hab gegoogelt und man schreibt ‘brillant’ tatsächlich ohne das zweite ‘i’ welches man sonst aus dem Englischen kennen würde. Verrückte Welt! Loana war auf Zanzibar und zur selben Zeit wie ich in Moshi. Daraus lässt sich vielleicht schließen, dass wir nicht den ausgiebigsten Kontakt hatten. Viel hat sich getan und viel durfte reflektiert werden. Es wird eine spannende Zeit kommen, in der wir unser Miteinander neu entdecken und ausleben müssen, weil ein Jahr in dem selben Haus ohne sich gekannt zu haben, mit einem so unterschiedlichen Leben zuvor und danach, ist einfach schwer zu vereinen und braucht eine Menge an Arbeit. Außerdem bin ich oft unsensibel und ein Depp, was Loana regelmäßig leiden ließ. Das Seminar gab mir gute Ansätze in Tiefe an solchen Umständen zu arbeiten und mein Verhalten zu überdenken. Seminare sind übrigens eine total coole Sache und die Menschen, die solche Veranstalten haben immer etwas sehr besonderes an sich. Dieses Seminar wurde von KuBeKom ausgerichtet, eine deutsche Organisation mit der Bedeutung von ‘Kulturbewusste Kommunikation’. Gefiel mir ehrlich sehr. Als ich Loana antraf, suchten wir uns einen Schattenplatz und saßen so einmal zwischen Ameisen unter einem riesigen und unfassbar dicken Baobob Baum und das andere Mal unter einem Mangobaum neben einem Friedhof. Das Gespräch war ein Gutes und ich machte mich anschließend wieder zurück auf den Weg zum Strand, um dort zu schlafen. Ich lernte eine Person auf dem Weg kennen, traf dann auf die Lounge bei der meine Kirchmaus Christoph seine Arbeit fand und ich hatte Glück ihn anzutreffen. Er hatte weniger Glück gehabt und er erzählt mir über die letzten Tage, über die Ausbeutung die an ihm durch seine Arbeitsgeberin verübt wird und wie er vermuten muss, dass jemand den Security Guy auf ihn ansetzte, als er ohne Grund bodenlos zusammen geschlagen wurde, von dessen Stock. Meine Kirchmaus tut mir leid. Er hat kein Geld und macht diese Arbeit ohne das Wissen dafür Geld zu bekommen. Er hat kein Geld und wird verprügelt ohne sich anschließend medizinische Versorgung leisten zu können. Er hat einen Kopf voller ungepflegter Haare, nennt sich Rastaman, aber seine Lebensphilosophie beschränkt sich auf den Ausspruch, dass Krankheit für die Reichen wäre, im Zusammenhang damit, dass er trotz der Schmerzen und Aussichtslosigkeit zur Arbeit zu gehen hat. Die Bar ist voll und ich falle bald vom Stuhl, also sage ich ihm vorzugehen und in seiner Bleibe im verlassenen blassen Steinhaus am Strand schlafend auf ihn zu warten und zu verweilen. Meine Nacht ist eine ausgesprochen gute, geschützt vor Wind und Wetter und nichts was mir fehlen würde, außer eine Mahlzeit des Abends. Die hatte ich irgendwo zwischen dort und hier vergessen. Armer Christoph -
Ich wache auf und mache meine Liegestütze leise. Er schläft eingemummelt in einem mir neuen blauen kleinen Schlafsack und sieht aus wie ein dürres Kind auf einer Pappeunterlage. Ich packe mein Zelt zusammen, mache meinen Rucksack fertig zum aufbrechen und lasse dann alles im türen- und fensterlosen Strandhaus zurück, um am indischen Ozean entlang zu laufen und auf ein Telefonat zu warten. Nach dem Telefonat sitze ich im Raum von Christoph und meditiere bis dieser aufwacht. Danach geht es mir besser und ihm einigermaßen gut. Er ist ziemlich mager, aber mit einem optisch ansprechenden Anteil von dezenter Muskelmasse, die übermäßig bei jeder Bewegung zuckt und unter der Haut ihr Unwesen treibt. Er macht sich fertig und gemeinsam laufen wir wieder zur Arbeit, wo ich noch einmal meiner Hilfe beim Hose schneidern besuche und mich ein letztes Mal bedanke und dann tatsächlich Geld ausgebe, um Christoph mit Essen einzudecken und ihm dann die restlichen Scheine zu überreichen. Ungefähr der Wert von drei vollen Tagen Arbeit, aber bei seiner Bezahlung deutlich mehr. Bis es zu diesem Punkt kam, war ich in einem großen Konflikt. Ich führe diesen kurz aus… Christophs großer Wunsch ist es, im Ausland zu reisen. Er will Geld verdienen und lebt seit je her ein sehr armes Leben. Im täglichen Kampf um Geld wird er nicht grade wohlhabender und er befindet sich wirklich ganz unten. Jetzt hatte ich versucht verbal zu erkunden, ob er denn empfänglich wäre für die Art des Lebens die ich vertrete. Ob er sich denn ausmalen könnte das Geld aufzugeben und seine Arbeit stattdessen für eine Mahlzeit und einen Platz zu schlafen zu tätigen. Der Schlüssel dahin ist kein versteckter. Ihm stehen grade mal ein paar Schilling am Tag mi Weg. Er hat die Haarpracht eines Rastas und könnte mit dieser Art des Charakters spielen. Nichts wäre leichter als für den langsam immer bekannter werdenden Rasta aus Bagamoyo, der ohne Geld über die Runden kommt und Lebensweisheiten teilt, oder den man öfter mal an Straßenecken meditierend sitzend sieht. Er könnte diesen Status ziemlich leicht erreichen, aber du siehst vielleicht die Schwierigkeit. Das kommt nicht aus ihm, sondern wird ihm als außenkommende Idee zugeführt. Vielleicht wacht er eines Tages an seinem Boden auf und gibt diese Lebensart endlich auf, um befreit von Geld Eiter zu machen. Bis dahin wollte ich ihn trotzdem unterstützen, und auch wenn es sich falsch anfühle seine Lebensweise mit wenig Geld in die Länge zu zögern, hatte ich doch erstmal keine bessere Idee als jene, ihm ein bisschen Geld zukommen zu lassen. Ach Christoph, Mann, das ist doch lost… ich bin auch ein wenig von mir enttäuscht, dass ich noch nicht in der Lage bin ihm einen Pfad zu predigen, der sein Gesicht erhellt und ihn ausrufen lässt, dass das vielleicht die Lösung sein könnte. Obwohl wir uns so nahe waren in unseren Weisen, ich mit noch weniger, er unfrei, ich an den schönsten Orten, er nach Arbeit rennend und leidend. Sowas ist unfair und ich wünschte ich könnte besser helfen. Wir teilen uns sein Essen ein bisschen und er isst sehr wenig, packt den Rest ein und behält es als Mittag- und Abendessen. Ich schnappe mir meinen Rucksack und komme an dem Security Guard vorbei und grüße ihn nicht mehr so, wie ich es vor elf Tagen getan hatte. Weißt du noch, was mit ihm vorgefallen war? Ich umarme meine Kirchmaus und versinke beim ersten Schritt im schmutzig rußigen Sand vor der kleinen Außenküche der Bar und damit geht die Reise Richtung Dar es Salaam los. Ich hinke ein klein wenig und das liegt ein ganz bisschen an der Hüfte, aber vor allem an der kleinen Wunde am rechten Fuß. Das stinkt mir und meine Pausenintervalle orientieren sich gütig nach meiner Gefühlslage. Einen Kilometer die Straße hoch sacke ich auf eine Bank zusammen und dank der Ponchoanwesenheit ist das Bodenliegen als Option nicht so fern ab wie sonst. 20 Minuten und ich wackele weiter für eine längere Zeit. Raus aus Bagamoyo, am Kreisverkehr grade aus, über steinversetzten Sand neben der Straße und grobe Asphaltbeläge auf der Straße. Einmal zu Besuch bei Boodas die mich rangewunken hatten, wo mir von einem Bruder mit geistlicher Beeinträchtigung ein kleines Geldstück in die Hand gedrückt wird. Er hatte sich sehr gefreut als ich in eine Richtung kam und er war sichtlich sehr arm. Er hatte enthusiastisch meine Hand geschüttelt und meine abwechselnd an seine linke Wange und dann an seine Rechte gedrückt und das Schütteln wiederholt. Er hörte dann meine Reiseerzählung mit an und beschenkte mich mit der Münze die ich dankbarer nicht hätte ablehnen können. Mit meiner Umarmung hätte ich ihn am liebsten verschlungen. Eine wunderschöne Seele war mir grade über den Weg gelaufen und ich hatte mir nicht die Zeit genommen, um meinen Tag mit ihm zu verbringen. Ich merke erst jetzt, wie gerne ich das getan hätte. Ich dachte zu der Zeit wohl, dass ich irgendwo hin müsste. Was für eine furchtbare Illusion, die mich von einem tollen Ort wegbrachte, mit dem inneren Druck vom Fleck kommen zu müssen. Seinen Namen weiß ich nicht. Er trug grau-braune verstaubte Lumpen und einen weißen Sack über den Schultern. Ein Booda holt mich später ein, aber ich betone wieder zu sehr, dass ich kein Problem hätte und dass ich gerne barfuß laufe. Das passiert ab und zu und wenn ich zu überzeugt davon klinge, dann verscheuch ich meine Hilfe manchmal. Auf der anderen Seite möchte ich auch immer wissen, dass meine Helfer und Helferinnen völlig davon überzeugt sind. Weil ich diese Option verpasst hatte, laufe ich zwei Kilometer später in einen weiteren Polizeicheckpoint. Ich nutze das nicht aus indem ich das nun schon bekannte Prozedere des Liftbekommens erfrage, sondern ich erzähle ihnen auf Nachfrage ganz neutral was ich tue und sie schalten sich von selbst ein, um einen Lkw zu stoppen. Ich bin denkbar dankbar! Ich komme in das Cockpit von drei Männern. Zwei in den Sitzen, einer auf der Liege hinten und ich sitze in der Mitte, halb auf der Liege drauf, auf welcher der Dude namens Sef schläft. Boni fährt und Emmanuel grinst mich begeistert an. Ich hab einen netten kleinen fahrenden Raum mit drei netten Typen abgekommen und bin auf der 1.5 stündigen Tour hin nach Dar es Salaam wieder zwei Meter über den restlichen Autodächern mit der immer dichter werdenden Städtelandschaft vor mir und dem Erlebnis der letzten Wochen hinter mir. Ich trinke beinahe meine gesamten Trinkressourcen leer und das werde ich später noch ganz schön bereuen. Die restliche Zeit liegt ich krumm vorwärts gebeugt auf dem Deckel meines Rucksacks und weil die Straße es nicht zulassen möchte, bleibe ich jeder Art von Schlaf fern ab. Die Position gebe ich viel länger nicht auf als das dahinter steckende Vorhaben. Hoffnung auf Erholung gibt es kaum, aber so muss ich zumindest nicht viel reden. Die drei können leider kein Englisch und ich habe nicht all zu viel zu erzählen. Später teilen wir uns meine restlichen roten süßen Baobab Kerne und glotzen geeint of die Strecke vor uns. An der linken Seite kann ich ganz klar die helle Linie erkennen, die strahlenden Strand am Meer darstellt und vor uns geht die lange Straße unbegrenzt weiter, mit der aufziehenden Wand der großen Türme, Industriewolken und Stadt Dar es Salaam an seinem Ende. Die Details überwältigen, und Millionen von Menschen scheinen in einem kleinen Fleck sichtbar zu werden. Ich könnte es vergleichen mit der Sicht eines Außerirdischen, der mit einem Teleskop tief in einen hochkomplexen Ameisenhaufen rein zoomt und bewundert, wie viel auf kleinstem Raum passiert. Genau an dieser Aussicht werde ich von meinem riesigen Gefährt und seinen Besetzern entlassen. Sef muss auch raus springen, aber er nimmt das mit Würde und ist kurz danach schon nicht mehr zu erblicken. Die Beiden wirkten pessimistisch als sie von meinem Reiseziel Vikindu hörten, aber es fehlte die Relation von der Reise die hinter mir lag, um ihnen ein gutes Bild zu vermitteln, und ich ließ sie in ihrer Unwissenheit zurück. Beim nächsten Lift habe ich vor wieder viel mehr zu quatschen. Vikindu liegt ein ganzes Stück außerhalb von Dar es Salaam und ich befinde mich nahe an dem fernsten Ort der Stadt Dar es Salaam, am fernsten von meinem Ziel. Am Strand. Oder zumindest in der Nähe davon. Wie nahe versuche ich im folgenden herauszufinden und mache mich auf den Weg entlang dieser endlos langen Straße, die mich so direkt in das Innenleben der größten Stadt des Landes schauen zu lassen scheint. Schauen lässt? Wurst. Ich laufe los und trete auf etwas Spitzes, so spitz dass ich darauf reagiere. Meine Stimmung bekommt einen Minuspunkt und ich schleife mich weiter. Die Sonne scheint sich jeden Tag selbst überbieten zu wollen und man härtet erstaunlich wenig ab über die Zeit. Ich wandere eine Weile und biege dann aus der Verzweiflung heraus immer nur den selben Ausblick zu haben und scheinbar nichts näher zu kommen, auf diesem kleinen Seitenstreifen der Straße, der mir keine Hoffnung auf Mitfahrgelegenheiten gibt, in die Siedlung zu meiner linken in Richtung Meer ab. Der Sand haut mich beinahe um und wie auf Kohlen versinke ich ein ums andere Mal tiefer in der heißen Suppe aus Sand, bis ich in einen schattengesegneten Seitenpfad abbiege und einen Booda Fahrer grüße. Er scheint nicht begeistert, oder ist einfach grade beschäftigt, also gehe ich kurz weiter. Mit dem Kollegen immer noch im Blick holt mich allerdings direkt ein Freund von ihm ein und fragt mich aus. Ich stand in der Sonne und transferiere mich kurz in den Metallwandschatten um, und jetzt passt auf! - um zu fabulieren. Hab ich letztens gelernt das Wort, und es kommt von ‘der Fabel’ einer Form von Erzählung, die Tieren menschliche Eigenschaften zuschreibt. Bitte unbedingt mal Lessing’s Fabeln lesen. Ich beginne also zu fabulieren, Gecshichten zu erzählen und er ist überzeugt, dass ich das Richtige tue und wahr berichte. Dass mir alle diese Geschichte abnehmen, ist echt ein Segen, aber Zweifel überlebt so eine direkte Konfrontation mit meiner Person eigentlich auch nicht lange. Wenn ich mir das Ganze ausdenken könnte, wäre ich nochmal eine ganz andere Sorte Mensch, als die Art von Depp die sich so eine Reise wirklich antut. Meine Bekanntschaften des Weges respektieren meine Idiotie und Wahnwitzigkeit. Super. Weil er bietet mir seinen Rücksitz an und wunderbar weich sinke ich in das harte Polster des Motorrads des Kommunikationswissenschaftstudentens und wir fahren los. Oh, ich hab mich in ein Wort verliebt. Darfst raten in welches! Wir kommen durch eine Gegend von größten und schönsten Häusern, während der Strand immer erreichbarer wird. Er erzählt mir nett von der Stadt und von den Orten, die er am liebsten in seinem Land mag und wie sehr er sich wünscht Schnee in seiner Zeit auf Erden erleben zu dürfen. Er setzt mich auf dem Strandsand ab und drückt mir Geld ohne Ausrede in die Hand. Ich nehme es dankend an in der Überlegung wie ich es am schnellsten wieder los werden könnte. Hab ich erwähnt, dass ich meinen Poncho trage? Es sollte vielleicht Bestandteil aller paar Sätze werden, damit das Bild welches ich selber so liebe, präsent genug im Lesenden bleibt. Der Poncho leistet ganze Arbeit in dem er mir den heiligen Kopf sicher vor zu viel Sonne hält. Was ich später herausfinden würde ist meine Seite am Oberkörper unter meinen Armen die völlig versenkt ist, weil ich die hintere Seite des Poncho’s aufgerollt auf meine Schultern legte, damit mein Rucksack mich nicht unnötig penetrieren würde. Der Preis war die offene Seite und der erste Sonnenbrand seit einer längeren Weile. Das Stück mexikanischem Stoffes, welchen ich in Kanada auf Vancouver Island in meinen Besitz brachte, ist übrigens furchtbar heiß. Meine Liebe kann das nicht leugnen, aber genauso wenig mindert es meine Zuneigung zu dem Stück Stoff. Das bleibt das Großartigste in meinem Besitz.
Ich sehe den Strand von hier und, Spoiler, ich werde nicht hingehen, weil: ich mag weder heißen Sand noch könnte ich von Liebe und Gefühle der Freiheit und Entspannung schwärmen bei einem Anblick von einer solchen Monotonität wie einem weißen Strand, viel Wasser und einer graden Linie am Horizont. Ich komme auch ohne gut von Tag zu Tag. In meiner Situation schauen ich mich kurz um, sehe den Strand voll mit Einheimischen und das große Restaurant aus Holz daneben, welches zu seiner rechten dann Platz macht für den kleinen aber feinen Fischmarkt. Auf der entgegen gesetzten Seite des Restaurant, in sicherer Entfernung zum Wasser, ist eine weiß bestrichene Wand mit vielen Farbklecksen und einer Bar hinter der Holzfassade. Ich war kurz nach meinem Niedersetzen im Sand an die Außenwand lehnend eingeladen worden, rum zu kommen und Teil der Runde im Inneren zu werden, die gemütlich auf ein paar weißen Stühlen zurück gelehnt ein gemeinsames, sehr entspanntes Intervall der Ruhe eingelegt hatten. Ich werde froh ein Teil hiervon, denn ich bin furchtbar schlapp. Ich ziehe meinen Poncho aus, grüße kurz, mache die Augen zu und meditiere für eine ganze Weile. Als ich fertig bin packe ich meinen Löffel und Kuhhorn aus, den ich aus Norwegen habe und krame die Bio-Aufstriche aus, die am letzten Seminartag, also gestern, in der offenen Runde an die Teilnehmer vertickt wurden. Ich habe die angefangenen bekommen, die niemand wollte und hatte leichtes Spiel. Nun beginnt der unangenehme Part, bei welchem ich sehr gesunde und salzige Aufstriche in wilden Farben löffle. Die violett-magenta gefärbte Creme aus roter Beete und Aubergine oder irgendwas völlig wildes, mit ein bisschen Nuss. Das andere ist dunkelgrün und schmeckt so gesund wie es aussieht. Highlight… meine Kollegen waren schon beim Sehen der Meditation voll raus. Mich dieses Zeug löffeln zu sehen, muss ein kleiner Dolchstoß in ihre vielleicht sonst normale Welt sein. Wir quatschen trotzdem voll lustig für eine Weile und der Besitzer des Ortes kommt zurück. Fünf junge Hunde lagen um uns im Sand herum und ich war mir über ihre Aufgabe nicht direkt bewusst, aber als ich sah mit welcher Freude sie ihrem Besitzer in Form eines coolen Fahrrad fahrenden Rastamannes entgegen stürmten, wurde mir der Spaßfaktor an solchen Mitbewohnern wieder stark bewusst. Außerdem gab es um die zehn dieser domestizierten großen Watschelgänse die vielleicht Chive heißen. Ich kenne sie aus Kanada und bin medium überrascht sie hier wieder zu treffen. Die Hunde und jene, zusammen mit den zwei Katzen, erschufen eine Atmosphäre die der des Rastas würdig wurde. Ein sehr entspannter Mensch und kurz nachdem er kam hatten alle was zu rauchen. Ich lehnte ab. Stattdessen bekam ich bald Besuch von meinem zweiten Bruder aus Kenia, der sich zu mir setzte und begeistert meiner ganzen Geschichte lauschte, die ich ihm völlig problemlos in Englisch vortragen konnte. Er musste danach leider los, entschuldigte sich mich nicht auf ein Essen ausführen zu können und drückte mir stattdessen Geld in die Hand. Meine anderen Kollegen des Ortes haben alles gesehen, aber vermutlich nur die Hälfte verstanden. Ich würde mich ab diesem Punkt absolut veräppelt fühlen. Meine Lebensphilosophien wären über den Haufen geschmissen, wenn ich sehen würden, dass man für Rumsitzen, Poncho tragen, grün und violette Auftrsiche essen und ein bisschen quatschen bezahlt werden könnte. Ich mache eine entschuldigende Geste, die meine Ahnungslosigkeit über den Prozess verkörpern soll, und dann passiert das Ende dieses Eintrages. Ich gehe nämlich einfach los und lasse die Pause zurück. Die Männer der Schöpfung hatten mir einen Schlafplatz zwischen den Enten angeboten, aber auch das schien mir zu einfach. Noch hatte ich nicht aufgeben die Reise an einem Tag beenden zu können und ich sollte recht behalten. Zu welchem Preis dieses Recht kommen würde, war mir alles andere als bewusst, mein Gott… ich lief los und hatte meine erste Fußwunde der Reise bemerkt. Vorhin nach dem Lkw Lift bin ich auf etwas Scharfes getreten und mir fehlt ein ganz bisschen Haut. Nichts schlimmes, aber der Gedanke mit einer offenen Stelle am Fuß zu laufen, gruselt mich ein wenig. Mama, Papa, verzeiht, und mir geht es fabelhaft…
Ich lief los durch den Fischmarkt und bekam einen Mitläufer für ein paar Minuten, der grade die Ausbildung zum Security Guard macht. Wir peilten die Hauptstraße von früher an. Danach wanderte ich eine ganze Weile allein und machte dann, was ich eigentlich nie tue. Jemand hatte mir noch 1.000 Schilling gegeben und ich dachte mir zumindest etwas kleines kaufen zu können. Ich tat das auch und holte mir den billigen gebratenen Maiskolben, der auf kleinen Grills am Straßenrand überall verkauft wird. Die Sorte Mais ist das absolute Äquivalent zu dem Futtermais, welcher in gigantischen Feldern in meiner basischen Heimat angeboten wurde und den ich immer nur als Jungfrucht herunter bekommen hatte. Aber mit ein bisschen Feuer klappt es hier auch. Allerdings bekomme ich direkt die Probleme mit Geld, denn ich werde gesehen wie ich etwas kaufe und keine Sekunde dauert es, bis jemand neben mir steht und mich um Geld anbettelt. Das ist mir wirklich seit Wochen nicht mehr passiert und ich bin perplex. Ich gebe ihm die Hälfte meines Kolbens und gehe wieder, um mich hinzusetzen und in die geschäftige und volle Straße zu schauen und dabei an den harten Körnern zu nuckeln.
Die nächste Person ist mir eine wichtige und es geht um besondere Seelen in unserem Gespräch. Mir ist er und unser Austausch oder so wichtig, dass ich das frei ausführen möchte und dafür werde ich das nächste Kapitel hernehmen. Kapitel schreibe ich das aller erste Mal in dem Kontext der Reise, weil mir inzwischen auch immer klarer wird, dass ich im Verlauf dieser Reise ein komplettes Buch geschrieben habe. Super. War nie der Plan, aber so schnell gehts.
Mir geht es übrigens gut. Mein Kopf hat genug schöne Sachen in der Zukunft auf die ich mich sehr freuen darf, der Schmerz ist wieder dumpfer und aashaltbarer, obwohl Schmerz selten etwas pur Negatives an sich hat, sondern immer das Potential zum Wachstum birgt. Meiner Familie geht es unverhältnismäßig gut und alle sind auf einem guten Pfad. Ich habe wenig Kontakt zu Menschen des Herzens, werde diesen aber wieder aufleben lassen, wenn ich erstmal wieder an einem Ort bin. Ich kann nur hoffen, dass dein Leben auf in den erhofften Spuren verläuft oder dass zumindest Perspektive auf eine gute Änderung besteht. Ich hoffe du kannst das Schöne deiner Situation klar erkennen, wertschätzen und daran festhalten und dein Schlaf darf auch gerne ein guter sein. Bis dahin liebste lesende Community. Dass ihr da seid, gibt mir bereits eine Unmenge. Falls ihr Kommentare geben wollt, Kontakt sucht oder euch aktiv in Ideen und Projekte einbringen wollt, dann nehmt gerne Kontakt über Instagram auf, da heißt unser Konzept @Gen.ZM oder ihr schreibt mir eine elektrische Nachricht via E-Mail unter gen-zm@outlook.com. Alles klar, das war’s!