Cuenca’s Schönheit blitzt und Madrid macht Mukke
Martin und ich rennen die Luftlinie von Zugstation zur nächsten Stadt über goldene Weizenfelder und rosige Wilddblumenstreifen, gemähtes Heu in Streifen sortiert und bloße aufgewühlte Felder, hoch an Grashängen und den Zäunen entlang, während unsere übergroßen Rucksäcke die untere Rückengegend peinigen und damit das Szenario von zwei wahnwitzigen Ottos auf Wanderschaft vollständig bestücken. Martin’s Grinsen geht mir nicht aus dem Kopf, wie es unter seinem breite-Krempe-Hut hervor lugt. Ich glaube wir waren glücklich und genoßen einen der ehrlich wenigen Momente, in denen das Erlebnis in derselben Zeit schon belohnenden war, in welcher es durchmacht wurde und nicht erst Wochen später, wenn man über den Schmerz nur noch lacht. Diese Momente bleiben tief in der Erinnerung verankert. Der Rest bekommt den hübschen seichten Schleier liebevollem Zurückdenkens an das Gesamte.
Als die ersten Häuser in Reichweite traten, hörten wir einmal zwar Musik spielen und ein Geruch nach Gegrillten war in der Mittagsluft, in welcher die Spanier ihre Siesta zu machen pflegen, aber ansonsten sollten wir für lange Zeit keine einzige Person antreffen. Wir kamen in die Stadt Cuenca selbst und waren lange Zeit überzeugt an dem falschen Ort zu sein. Alles war tot, keine einzige Person war unterwegs, alle Geschäfte waren dem Sonntag geschuldet geschlossen und die Stadt war in einer eigenartigen Ruhe versunken. Mit Verwunderung ausgerüstet, kämpften wir uns bis ins Stadtinnere und wurden mit einem sofortigen Schwall aus Menschen begrüßt. Die Cafés hier quollen über und die Straßen waren bunt, laut und stark gefüllt. Die historische Altstadt hatte zu ihrer Krönung einen unglaublichen Bau aus massivem Stein und viel Glass auf seiner Spitze, der allerdings Eintritt verlangte und dementsprechend nur von außen bewundert wurde, dafür aber mit offenen Mündern. Wir verloren uns in den Gassen rund herum und fanden uns auf den Stühlen eines geschlossenen Restaurants wieder, mit Blick über die komplexe Landschaft um Cuenca herum. Wir erblickten einen ebenmäßigen Berg mit einer Statue an der Spitze und dem Ziel heute Abend darauf zu schlafen. Weiter links davon waren die steilen Hänge der Berge und ihre Grünheit war noch viel schwieriger zu beschreiben, als ihre Struktur. Später trafen wir in den winzigen Pfaden, die durch den Wald hin zu jenem Berg mit Statue führten, viele Sportler die sich an den Wänden im Rock Climbing versuchten. Anscheinend der Trend der Gegend und basierend auf dem Gebilde der Brocken auch einfach perfekt dafür. Manche der von uns benutzen Wege waren Mountainbike Trails und dadurch unglaublich steil. Ich rutschte oft, Martin rutsche öfter, während die Wege immer enger wurden und die Natur uns immer näher an den Kraken rutsche und behutsam die filigranen Pflanzenfinger auf unsere Schulter lag und uns vertraulich zuflüsterte… Die Gebilde aus großen runden Steinen, die in schwindelige Höhe schossen, waren atemberaubend durch das Wundern ihres unerklärbaren Entstehens. Martin und ich hatten an unserem Aussichtspunkt über all dem Beschriebenen gesessen und Brot mit allem was wir zur Verfügung hatten, gefüllt und dann gegessen und dabei mit unseren Augen die Aussicht verschlungen. Später taten wir was sonst so selten vorkam und planten tatsächlich voraus. So wussten wir dass wir nach Madrid kommen wollten und hatten bis auf dass es billig sein sollte, ansonsten keine Ansprüche. Wir fanden uns auf der App BlaBlaCar wieder und kurze Zeit später hatten wir Kontakt mit Veronica aufgenommen und unsere Mitfahrt schien geregelt. Wir machten uns auf den Weg zur Bergspitze und gingen über den berühmten Aussichtspunkt der langen Brücke, die über das Tal führte in dem ein kleiner Fluss seinen Weg durch das Gestein gefressen hatte, und uns den Blick frei gab auf die typische steile Art aus natürlichen Stein, auch in Cuenca selbst, und die Hauptattraktion einer Häuseransammlung die in ihrem alten Baustil gefährlich nah schon über die Klippe hinaus zu ragen schienen. In einem der Häuser hatte sich eine Michelin-Stern Küche eingefunden, aber da wir schon genug von Michelin Küchen hatten, zog es uns weiter in die Berge. Aber dieser war jener Ausblick, welcher auf allen Postkarten der Stadt zu finden wäre. Anscheinend berühmt, und wir waren da. In unseren wahrgenommenen Augenwinkeln explodierte Konfetti und Tröten kündigten das Glücksgefühl des Daseins an. Wir rahmten den Ausblick im Geiste ein, hängten ihn an die Hirnwand links neben den süßen Katzenfotos und wandten uns schmerzlich von der Architekturschönheit ab. Circa eine Stunde später fanden wir uns beinahe auf der Spitze des Berges und der erste Donner grollte über uns hinweg. Wolken hatten eine Mauer aus gewaltigem Grau um uns herum gebaut und wir hatten unseren Spaß Blitzen beim Passieren zuzuschauen, mit einem klein wenig Sorge über unsere kommende Nacht. Der Gedanke bei Regen in Martin’s Einmenschzelt zu liegen ist trotz all der körperlichen Nähe, keines Wegs ein attraktiver Ausblick. Wir teilen uns in diesem Riesenkondom den selben Lungeninhalt, weil eigentlich nirgends Luftaustausch stattfand. Außerdem war da das Ding mit den Rucksäcken, die das untere Viertel füllen und unsere Beine in groteskeste Weise ineinander und miteinander verschnüren. Martin und ich. Auch hier ist der Gedanke an Vergangenes ein sehr schöner, aber ich weiß noch, dass diese Nacht nicht toll war.
Die Statue auf dem Berg hatte große Ähnlichkeit mit der in Rio de Janeiro und zeigte ebenfalls ein Abbild Jesus mit ausgebreiteten Armen, der in Richtung der Stadt und ihren Feldern schaute. Beim ersten Regen und beim inneren Krampf beim Gedanke an eine gemeinsame Zeltnacht guckten wir uns in der Gegend um und fanden eine unglaublich coole Höhle, die grade groß genug wäre damit man hinein passt und schlafen könnte, aber am Ende entscheiden wir uns doch für das Zelt. Die Höhle war wirklich nur wie ein Eingang mit doppelter Hüftbreite, mit runden braunen Steinen am Boden, kleinen Grasbüscheln die zwischen ihnen sprossen und einem wahnsinnig tollen Ausblick, weil sie im Hang abwärts liegt, mit Nadelbäumen und der Cuenca Freibrücke im Tal vor sich. Wäre der Untergrund nicht so dermaßen bodenlos ungemütlich und hätte ich nicht mehr Respekt vor Insekten und Tieren aller Art gehabt, dann wäre das meine erste Höhlennachterfahrung geworden. Der Wind, welcher mit aller Stärke begonnen hatte den leichten Regen zu unterstützen, machte das Aufbauen zu einem Abendteuer, aber nicht zu meinem, denn es war Martin und Martin’s Zelt welches errichtet werden wollte und ich distanzierte mich von dem Prozess, was langweilig und nass ist, aber Martin dabei zusehen zu können und unter einem kleinen Baum zu stehen, hatte auch etwas und der Nieselregen machte uns, oder Martin Feuer unterm Hintern. Mit schweren Taschen im Zelt gegen das Wegfliegen, standen Martin und ich dan anschließend am vordersten Punkt des Hügels mit einer perfekten, weitschweifenden Aussicht über das ganze Geschehen aus Wetter in seiner Komplexität, aus Stadt in ihrer Schönheit und den bernsteinfarbenen Lichtern, die die Gassen und Häuser aufleuchten ließen und von den Steintiefen der Zivilisation quoll. Zur einen Seite hin ragten die Gebirge um Cuenca in konkurrierende Höhen mit der unseren auf und trugen den schweren Schal des klagenden Unwetters. Es fällt schwer die richtigen Wörter zum Beschreiben von Gebirgsarten zu finden. Vielleicht hätte ich in meinem einen Jahr Geologie besser aufpassen sollen. Bevor wir schlafen gingen, trafen wir noch Vater und Sohn, die mit ihrem Camper Van unterwegs waren und Spanien erkundeten. Der gute Mann war ganze 79 Jahre und muss einiges gesehen haben, aber seine Augen verrieten große Überraschung, als sein Sohn für ihn übersetzte, war wir denn so taten. Es muss eine Weile her gewesen sein, dass der Herr jemand getroffen hätte, der so unterwegs wäre. Sie schenkten uns Oliven und zwei Bier und wir waren sehr dankbar dafür.
Unsere Nacht wurde eine der besten, da der starke Wind in das kleine Fenster blasen konnte und somit für die einzige Art von Belüftung sorgte. Wir schliefen mit zwei riesigen Taschen im Fußraum und kamen wie immer gut miteinander aus. Manchmal fanden meine Beine sich in seiner Hälfte, manchmal anders herum, aber da niemand von uns schnarchte, im Schlaf Literatur zitierte, aufsprang und ‘Ich hab’s’ rief, oder die Idee hatte möglichst früh am nächsten Morgen wieder aufzubrechen, war alles perfekt. Es regnete nicht, aber der Wind sprach sein Gesicht in unser Zeltinneres und verriet uns von Geheimnissen des Weltentreibens und lockte uns näher in ihre Weiten. Sie scheint immer noch zu suchen. Unter jedem Blatt schaut sie danach. Ich wüsste gerne was es ist, das der Wind verloren hat, dass sie so unnachgiebig danach schaut. Sie fand uns in unserem Schlaf und hielt uns wohl.
01.07.2025
Mit Anlauf kamen wir am Morgen wieder auf die Beine. Wir packten und ehe man sich versah, befanden wir uns auf der Straße die entlang der Berge nach Cuenca führen sollte. Auf dem Weg hierher waren wir stattdessen auf dem Wanderweg unterwegs gewesen und uns war nach Abwechslung. Wir hatten eine gute Zeit und redeten über die Natur und ihre Wesen, über Gesellschaft und Philosophie. Martin ist ein guter Lehrer und teilt mit großer Ausdauer sein Wissen über die Werke der Philosophie, über die Welt und Wissenschaft und unsere Geschichte. Ich kann ihm manchmal Neues erzählen von den Dingen, die ich für mich selbst erlebt habe. So deute ich zum Beispiel auf den Unterschied unseres Laufens hin. Er setzt mit seinen normalen Schuhen den Hacken zuerst auf und läuft mit Geräuschen und viel Wucht, was sich in den Jahren in Hüften und Gelenken der Knie bemerkbar machen wird. Alle Menschen mit Schuhen haben das Schleichen verlernt und ich zeige ihm wie man barfuß oder eben in Barfußschuhen richtig auftritt, sodass selbst das Jägersein im Unterholz wieder erdenkbar würde. Man kennt die Art des Gehens aus Tänzen, in denen Vorführende ihre Zehenspitzen zuerst aufsetzen um eine optische grazile Wirkung zu erschaffen, indem sie den Boden nur zart küssen und langsam den Hacken zum Aufsetzen bewegen. Es fühlt sich sehr gesund an so zu laufen und wir denken kurz darüber nach warum unsere Welt aus einer Sache besteht, die nicht am besten für den Menschen ist, aber dennoch von allen anerkannt und toleriert wird. Barfußschuhe erscheinen mir in diesem Moment als die einzige logische Konsequenz und als Zukunft der Schuhwelt. Noch viel schöner und verträumter könnte man von Infrastruktur und Stadt phantasieren, die darauf ausgelegt wären, dass der Mensch seiner Natur nachgehen könnte und barfuß von Haus zum Werke stolzieren könnte.
Wir kommen vorbei an vielen weiteren Campern, schauen ihnen und ihren Hunden beim existieren zu und schlagen dann einen winzigen Pfad durch die Natur ein, um an unser Ziel zu gelangen. Der Abstieg stelle sich als weit aus spektakulärer heraus als es der Aufstieg war und wir kamen nicht nur einmal auf steilen Schotterwegen ins Rutschen oder blieben an Dornen hängen, als wir durch sehr enge Tunnel aus Grünem gingen. Aber schöner hätte es in keiner Welt sein können und die final zu erreichende Straße war uns ein großes Geschenk, als wir dann im Tal zwischen den aufragenden Hügelwelten umher schritten und Autos winkten.
Zurück in Cuenca
In Cuenca angekommen, machten wir bei der ersten Möglichkeit eine Pause. Eine Zeit von zwei Stunden sollte folgen, die einfach nur wundervoll war. Wir befanden uns an dem Fluss, der sich durch Cuenca schlängelte, allerdings außerhalb der Stadt und somit in den Tiefen der mittelspanischen Natur. Diese Natur blühte zur Zeit und schickte einen Schnee aus weißen Federblüten durch unser Sichtfeld. Zwischen den Bäumen waren Flocken ohne Ende und das Ganze wurde begleitet von dem Singen der Vögel und dem magisch anziehenden Plätschern des Wassers. Martin und meine Wenigkeit leisteten der Versuchung ins Wasser zu gehen keinen Widerstand und sahen uns eine Minute später halbnackt im flachen Flussbett waten. Wir machten unseren Weg stromaufwärts über Unmengen an rutschigen runden Steinen. Ich erzähle Martin von dem Fluß in Kanada, welcher durch die Landschaft des Reservates, auf dem die Camphill Kommune stand, verlief und in welchen ich jedes Mal problemlos einsteigen konnte, weil ich immer barfuß unterwegs war und bei jedem Gedanken an Frische dort eintauchen konnte. Als Martin und ich eine Stelle fanden, die tief genug war, legten wir uns in sehr kalte Wasser mit dem leichten Strom des Baches. Die Kuhle im Verlauf war in einer perfekten Größe und in einem absolut klaren Wasser lagen wir zwischen den Steinen des kleinen Flusses. Es war unglaublich schön und da wir auch den Kopf unter die kalte Flüssigkeit hielten, veränderte sich unsere Wahrnehmung als Ganzes dementsprechend. Mit einem Mal fühlte man sich absolut verbunden in der Verlorenheit des Seins und war wie in das Herz der Natur geschlossen. Breit grinsend tauschten Martin und ich unsere Liebe für den Moment miteinander aus und fanden keine Worte, um das Gefühlte zu beschreiben. Runde, schöne Steine formten den Flusslauf, kleine Stromschnellen liefen zwischen ihnen und spielten ihr schönes Plätschern, während Insekten um uns herum summten und Vögel nur für uns zu singen schienen. Als wir zurück gingen und wieder an der kleinen, hübschen Holzbank mitten im Grün der Baumriesen und der fallenden Blüten und der frischen Luft des langen Sommergrases standen, hatte Martin seinen Moment poetischer Erleuchtung und ich fühlte mich endlos geehrt dabei sitzend zu können und Teil dieses Auftuns seines Geistes zu werden. Von der Bank aus sitzend, betrachtete ich den hochgewachsenen, dünnen, aber muskulösen Martin in seinem jetzigen Alter der 19 Jahre und bewunderte den Anblick, als er mir erhobenen Händen und leicht nach hinten geneigtem Kopf so da stand und es schien als würde er die Natur und Welt in ihrer Ganzheit aufnahmen. Seine Statue solle genauso in der Welt zur menschlichen Ewigkeit werden. In tiefster Liebe für den Moment schien er dahin zu fließen, als er auf einmal mit einem kleinen Aufschrei der Freude meinte, wie durch eine höhere Gabe zu Worten gefunden zu haben, die aus unbekannten, aber einst kurz von ihm erblickten Untiefen seines Wesens stammten. Er meint so etwas schon zweimal zuvor erlebt zu haben, dass ein Moment ihn so einnimmt und dann Worte in seinen Kopf legte. Als er aussprach was ihm gekommen war, hätte meine Anerkennung nicht höher sein können. Er sagte in der Ekstase eines Dichters in Worten getränkt durch Selbstanerkennung und Begeisterung über das Gesprochene: ‘Give me everything I ever wanted’, dann stoppte er kurz und schaute weg von dem Blätterdach der weißen Flocken und stattdessen zu mir auf der Bank im Grün ‘and let me forget I ever had it.’ Wie warmes Wasser rannen die Worte über meine Kopfhaut und ich fühlte, wie ich einen sehr großen Moment mit Martin teilen durfte. Es schien als hätte sich eine direkte Verbindung zu seiner Kreativität etabliert und in der Reinheit des Momentes hätte sie ihm vollen Zugriff gewährt, etwas auszudrücken, was nicht mit einer Situation seines Lebens selbst in Verbindung zu bringen wäre, aber eine Art Ausspruch über das Gesamte darstellte. Er brach mit diesem Ausspruch aus dem Niveau des Normalgesprochenen aus und würde uns noch lange in tiefem Nachdenken zurück lassen, über was er grade geschafft hatte zu formulieren. Wir überlegten lange über den Satz, woher er kam, an wen er gerichtet wäre und vor allem wie er zu deuten wäre, aber keine direkte Antwort auf jenes zu finden, hatte wesentlich größere Befriedigung an sich, als es eine Erklärung jemals haben könnte. Wir hingen unsere nassen Sachen an Leinen zwischen den Bäumen auf und meditierten für eine lange Weile bevor wir ein klein wenig aßen und dann weiter durch Cuenca direkt nebenan wanderten. Auf dem Weg zu unserer Abholstation, dem Ort an dem uns Veronica via BlaBlaCar mitnehmen würde, fanden wir noch ein kleines Restaurant und nahmen im künstlichen Sprühregen der kleinen Drüsen am Zeltdach Platz, der jede Minute feinste Wolken über die Anwesenden blies, um etwas Kleines zu bestellen. Martin holte sich Bratkartoffeln, Ei und Speck und ich fragte durch meine Spanischkünste sehr begrenzt, was denn das Lieblingsgericht der Bedienung wäre. Der gute Mann deutete auf einen Snack für 6 Euro, der sich später als die Innereien eines Lamms heraus stellen sollte. Dieses Wissen hätte mich zwar von Kauf abgehalten, aber es konnte mich nicht am Verzehr hindern und so muss ich leider zugeben, dass das Ganze keines Wegs schlecht gewesen wäre. Optisch ausbaubar, aber ansonsten einbahnfrei. Auch die Kartoffeln von Martin sind verzaubernd und langsam vermisse ich das simple Kartoffelleben in Deutschland. So lange ohne Feuer zu leben und sich keine Kartoffeln kochen zu können, lässt einen doch oft mit einem Loch in der Sehnsucht zurück. So lange ohne Bratkartoffeln auszuhalten, macht doof. Ich merke beim Schreiben wieder, wie ich endlos das Tippen einstellen könnte, wenn ich nur unkonzentriert vor mich starren würde und das Bild einer fertigen Teflonpfanne voller brutzelnder, mit Zwiebelstücken und Schnittlauch verzierter, braun verkrusteter und goldener Kartoffelfruchtkörper vor mich hin dampfen sehne. Verflucht sei die bildliche Vorstellungskraft für ihre Verführung, aber heil den Kartoffeln. Mein Gott, habe ich grade wieder Bock auf Nahrung… ich kann aus rechtlichen Gründen nicht verraten in welchem ostafrikanischen Land ich grade sitze, während ich die aufarbeitende Korrekturarbeit dieser Reise verrichte, aber ich darf sagen, dass ich grade faste und das Schreiben über süße und füllende Kartoffeln mit zartknackiger Ölstärkenkruste echt ein Schlag in den leeren Magen ist…
Veronica fährt, wir schlafen…
Wir kommen später an eine Bushaltestelle aus Plexiglas und grünem Metallgerüst und warten dort auf das Auto von Veronica. Ein kleiner blauer Toyota, ein Traumvierräder. Eine Person kommt und fragt uns nach Geld und ich öffne meinen Rucksack und reiche ihm meine letzte Paprika. Dass der gute Mann ablehnt und weiter geht, verärgert mich für eine Sekunde, dann lässt es mich verwirrt zurück und schlussendlich bin ich beinahe belustigt. Wie kommt es, dass jemand mit Wenig eine gesunde kleine Mahlzeit ablehnt? Vielleicht fühlt man sich als bettelnde Person in der eigenen Ehre verletzt wenn einem statt Geld Gemüse zugeschoben wird. Wäre das der Fall, so täte es mir reichlich leid. Verstehen konnte ich es trotzdem nicht ganz und lange darüber nachdenken auch nicht, denn Veronica kam an und zu viert, mit noch einer Passantin fahren wir nach Madrid, allerdings kriegen Martin und ich davon nichts mit und sind nach wenigen Minuten tief im Schlaf versunken. Martin träumt von großen Bergen und Brettern aus Schwarz und Weiß und ich träume von Autofahrten nach Madrid und vergesse beim Aufwachen immer um was es ging. Austausche über Traumerlebnisse sind bei mir immer einseitig…
Und dann sind wir schlussendlich tatsächlich da. Unser großes Endziel der dreiwöchigen Spanienreise liegt um uns herum und wir finden uns gestrandet in den Tiefen Madrids aus Beton, Ziegelstein, ein paar Menschen und Baumgewächsen. Eine kurze Orientierung war für mich genauso notwendig wie es ein Zahnstocher war, und auf einer Karte entschlüsseln wir wo wir uns befinden und wo wir hin möchten. Klingt leichter als es war und im Endeffekt haben wir auch einfach eine passierende Person um Rat gebeten… danach folgt ein Marsch durch Madrid - wir waren leider weit außerhalb gelandet, aber so sahen wir zumindest mehr von der Stadt. Wir erwarben neuen Proviant aus einem erstklassigen Supermarkt und aßen Früchte und machten Wraps mit guter Tomate, Käse und Avocado und genossen alles mit großer Freude. Freude brachten uns auch die verwirrten Blicke der vorbei laufenden Menschen und man begann sich doch sehr wohl zu fühlen, egal was Andere von einem zu denken schienen. Wir wurden ganz offensichtlich für unsere stylischen Kurzhaar- slash beinahe noch Glatzenfrisuren beneidet und für die Rucksackpracht, das bröckelnde Schuhwerk und am meisten für unsere breiten Grinsemünder. Das mit der Angst über das Denken der Anderen hatte sich für mich ab irgendeinem Punkt aus Faulheit erledigt. Es schien mich damals nicht da hin zu bringen wo ich hin wollte und ich legte es getrost ab. Anders zu sein und sich darüber keinen Kopf mehr zu machen, scheint eine großartige Sache zu sein.
Als wir dann die Nähe des Zentrums schrammten, finden wir uns in einer langen Seitenstraße, die ausschließlich Bücherläden beinhaltet. Wir bewundern die Berge aus Seiten und Martin erkennt viele Werke wieder und wir reden über Lebensgeschichten und den Reiz von Biografien, die Art wie ein gelebtes Leben in seiner Niederschrift ein Wegbegleiter sein kann und oft den eigenen Pfad entlang deutet. Wie der Reichtum der Geschichte die großen Geister und ihr Schaffen aufbewahrt und uns Unmengen an möglichen Idolen und ihre Inspirationen vermacht. Das Leben eines großen Menschen zu verfolgen, gibt einem oft die entscheidenden Ideen und das Wissen darüber, wie bestimmte Dinge zu für das eigene Sein zu erreichen wären. Dass Historisches in der Vergangenheit liegt, spielt dabei selten eine große Rolle, denn es scheint als wären Menschen seit Beginn schon immer die selben gewesen. So sind auch die Probleme der Zeit immer ähnlich und die Geschichte lehrt uns wie mit jeder Situation bisher umgegangen wurde. Woher nehmen wir also die Frechheit zu denken, man könnte unsere Probleme nicht genauso lösen? Vielleicht müssten wir mehr lesen.
Nach dieser Straße von beschriebenen Seiten kommen wir in einen prachtvollen Park, in seiner Größe und Nähe zur Natur kaum zu übertreffen. Überall ist es Grün und Menschen tummeln sich zwischen den Bäumen und Sträuchern, auf den Wiesen und neben den Hecken. Wir sehen eine große Ansammlung an Menschen und kommen ihr näher. Mit Freude entdecken wir eine Gruppe aus Musikanten, welche für die Versammelten und sich selbst gemeinsam musiziert. Wir setzen uns in die Nähe und lauschen den Klängen, die von den circa 20 spielenden Künstlern ausgeht. Viele bringen ihre Gitarre, drei Leute trommeln begeistert und wieder andere spielen die Flöte oder Klarinette. Der Hauptsänger gibt allen das Tempo und die Melodie vor und viele singen mit wenn ihnen der Song bekannt vor kommt. Musikblätter gehen umher und jede Person ist herzlich eingeladen Teil des wunderbaren Kreises aus Tönen zu werden. Selbst die Vögel scheinen Teil zu sein. So kommt es, dass Martin und ich uns in mitten der Menschen wieder finden und in Freude das Lied ‘Lemon Tree’ oder ‘Hey Jude’ miteinander teilen. Viele sprechen uns an und wir lernen ein paar nette Menschen kennen, allerdings noch niemanden der uns auf gut Glück in die eigene Wohnung aufnehmen würde. Gar kein Problem. Alle sind ermuntert von den komischen Kleidungsstücken die wir tragen und das allgemeine Interesse an unseren Rucksäcken führt uns zu ein paar kleinen und netten Bekanntschaften. Ein Künstler stach für mich heraus. Der Mann in seinen Vierzigern und seiner wunderschönen Mahagoni Gitarre trug ein Outfit aus Schwarz und Weiß, ein wunderschön gearbeitetes Hemd aus Schwarz mit weißen fein gearbeiteten Verzierungen aus Weiss an den Schultern, alte und schön glänzende Schuhe und ein sehr cooler Hut. Da sein Haar zwar tief schwarz war, aber nun langsam von stählernen grauen und weißen Strähnen durchzogen wurde, war alles an ihm scheinbar perfekt aufeinander abgestimmt und es hätte schon gereicht so auszusehen um bewundert zu werden, allerdings war er ebenfalls ein genialer Gitarrenspieler und wir lauschten ihm endlos und begeistert, auch als alles vorbei war und er noch ein wenig länger mit ein paar Freunden blieb, um weiter zu spielen. Es war um 9 Uhr abends und wir hatten soeben das Treffen einer lokalen Gruppe miterlebt, die zum Zwecke des Allgemeinwohls und ihrer Freude jeden Sonntag in Parks zusammen kommt und gemeinsam Musik macht. Was für eine wundervolle Sache und die Menge an Menschen, die aus Bewunderung heraus die Wiesenfläche um sie herum füllte, sprachen die Bejahung des Ganzen durch ihre Präsenz zu genüge aus. Wir gehen in Richtung Altstadt und schlängeln uns durch die historischen Straßen, die trotz der alten Geschichte in immer noch großem Glanz schienen, während wir an einem Problem arbeiten. Wir wissen nicht ob wir einen Bus nehmen, um der Stadt zu entkommen und außerhalb in Wäldern schlafen sollen oder ob wir versuchen an einem Sonntag Abend das Bar-Leben Madrids zu testen und eine ‘weiße Nacht’ zu haben um am nächsten Morgen, wenn der Park von grade eben und seine Pforten wieder geöffnet sind, dort zu schlafen. Zum Glück finden wir keine Lösung, denn so wie es der Zufall möchte, finden wir die Person für den Abend und alle jene Fragen verschieben sich höflich auf später. Vor einem Museum sitzt eine junge Dame an einem Notizbuch und schreibt Satz um Satz. Interessiert und naiv nähern wir uns und ich spreche sie fröhlich an. Sie junge Dame scheint wenig geschockt über unser Auftreten und ich frage ob wir mit ihr reden können, was sie im perfekten Englisch bejaht und so sitzt Martin neben ihr auf der Bank und ich im Schneidersitz auf dem Boden vor den Beiden. Eine Position, die ich gerne immer wähle, wenn sich die Chance dazu ergibt. Wir stürzen uns in ein langes Gespräch und lernen so die wundervolle Analise aus Ohio, United States kennen. Die Kunststudentin hatte das Privileg von ihrer Universität gesponsert hier her zu reisen, um vor Ort Recherche über die Kunsthistorie zu betreiben. Sie erzählt uns in ihrem Strahlen der Leidenschaft über die Kunst, die sie bisher betrachten durfte, über die verschiedenen Formen und welche Ausstellungen ihr bisher am besten gefielen. Wir lernen auch über ihren eigenen Kunststil mit welchem sie am liebsten arbeitet und sie beschriebt ein paar ihrer Bilder in denen sie selbst und ihre Zwillingsschwester in Welten aus Farben anscheinend die Abenteuer des Lebens bestreiten. Wir lernen etwas über Kubismus und über die Epochen bis zur Postmoderne und ihre Meinung zur aktuellen Kunst bekommen wir auch auf unseren Weg. Ihre Erklärung was die Erfindung der Kamera mit der Welt der Künstler machte, war unglaublich interessant, da Künstler nicht nur den Versuch aufgeben mussten, realistisch darzustellen, sondern auch weil Dinge wie die Froschaugen-Perspektive neue Ideen in die Darstellung brachten und so viel Veränderung zum Geschehen gaben. Analise ist übrigens auch nur zwanzig und eine Welt aus Wissen und eine Liebe für Kunst aus einem so jungen Menschen sprühen zu sehen, ist mehr als nur fantastisch und es inspiriert. Das Studium scheint ein fabelhafter Weg zu sein, echte Leidenschaft in der Tiefe dieses Bildungsaspekts zu erforschen. Zusammen laufen wir durch die Straßen und sie lädt uns auf ein Eis ein. Martin bekommt ein schönes in Plastik verpacktes mit einem echten Cowboy darauf und einer Haselnuss, die auf der Abbildung vermutlich echter ist, als in dem Eis selbst. Ich hole mir Kichererbsen im Glas und ein Wasser, um dem Drang des Industriezuckers geschickt auszuweichen. Danach finden wir eine Grasfläche inmitten einer großen Verkehrsinsel und wir breiten unsere Isomatten zusammen gelegt aus und haben eine Art Picknick-Setting. Wir reden noch eine lange Zeit und um zwei Uhr nachts bringen wir die junge Dame zu ihrem Hostel und verabreden uns vor einem bestimmten Museum zu einer bestimmten Uhrzeit am kommenden Tag, ohne Nummern oder Ähnliches auszutauschen. Sie möchte uns eine private Führung geben und ab 7 Uhr abends ist der Eintritt anscheinend frei. Wie fabelhaft. Nach einem schmerzlosen auf Wiedersehen sagen, gehen Martin und ich in die Richtung des nächsten großen Parks, der an einem See gelegen ist. Dass uns dort kein Meter echte Natur erwarten würde, wussten wir noch nicht und der Weg dorthin war weit, also dachten wir auch nicht daran. Den Park fanden wir, indem wir auf Google Maps nach möglich großen aber möglich nahen Grünflächen Ausschau hielten. Wohl nicht das beste Verfahren um sicher an eine Nachruhe zu kommen. Wir kamen durch wunderschöne Orte und besahen uns den Stadtteil Sol mit seiner Plaza Mayor, später den königlichen Palast mit seiner Kathedrale und näherten uns anschließend dem Lago de la Casa de Campo an, unserem See für die Nacht. Zuvor hatten wir noch ein Lager des spanischen Militärs gesehen und sind für eine Weile an Zelten, großen und dunklen Fahrzeugen und Panzern vorbei gelaufen, nicht wenig interessiert ob man denn unter so einem solchen Kettengefährt auch schlafen könnte. Und dann war da auch schon der See. Überall waren Laternen, ein großer Schotterweg mit schön spitzen, aber gelblich grauen Steinchen ging einmal um die Wassermasse herum und selbst mitten in der Nacht waren noch einige Fußgänger unterwegs. Uns musste das alles egal sein; die Müdigkeit und Erschöpfung ließen nichts anderes zu, also errichteten wir unser Lager neben einem großen Pflanzentopf und einer bestrichenen Metallbank direkt am Wasser und dem Zaun darum herum, putzten unsere schönen weißen Zähne in den Mündern, welche Jahre lang durch Zahnspangen penetriert wurden und schliefen leicht besorgt um unsere Sicherheit nebeneinander ein - wie jede bisherige Sternstunde auf der Reise gemeinsam verbracht wurde. Nicht die beste Nacht, aber ich erinnere mich auch schon schlechtere gehabt zu haben…
02.07.2025 Madrid’s Innenstadt
Manchmal zahlt sich eine schlechte Nacht aus, wenn der Tag umso besser wird. Mit dem Schlafen am Boden konnte ich diese Erfahrung schon im Zusammenhang mit unseren Dopaminspiegeln feststellen und wie man sich nach einer harten Nacht fühlt. Man springt förmlich auf und freut sich auf den Tag und endlich weg vom Boden zu sein. Mit einer Matratze ist es oft viel zu warm und angenehm, zu flauschig, als dass man aufstehen wollen würde, also braucht es eher Überwindung in den Tag zu starten. Das ist ein großer Unterschied. Auch denke ich, dass sich alles relativiert. Wenn also die Nacht nicht toll war, erscheint alles drum herum bei Tageslicht ein bisschen besser. Es ist dann ziemlich leicht etwas Schöneres zu finden, sagen wir es so. Man freut sich den Tag zu beginnen und die Dunkelheit hinter sich zu lassen. Der Boden wird zum Feind, der Tag zum Geschenk. Jetzt klingt das nicht grade verführerisch und mit Fragezeichen sitzt man da und wundert sich, ob es das Schlafen am Boden wirklich nötig hätte, Teil einer Lebensphilosophie zu sein… und verständlich wird es in diesem Zusammenhang auch noch nicht ganz. Eine schöne weiche und warme Nacht würde mir auch besser gefallen. Aber es geht um etwas viel Konkreteres und im Reisen direkt Anzuwendendes. Komfort raubt unsere Freiheit. Sicherheit mauert uns einen Tunnel um die Sicht auf die eigene Freiheit. Wer Komfort nicht braucht, ist frei darin zu entscheiden, wie sie oder er von Tag zu Tag gleiten möchte. Stell dir vor, dass meine Nächte mir genauso gut gefallen, wie dir deine… dass ich aber am nächsten Morgen aufwache und super erfreut über das Geschaffte bin und dann eben freuend aufspringe und meinen Tag mitten in Spanien starten kann. Das klappt nur, wenn man zumindest ein bisschen Schlaf in der Nacht bekommen konnte und später am Nachmittag nochmal irgendwo liegen darf. Sehen wir ja dann. Aber dass uns das eine Menge gibt, muss irgendwie genug Ausdruck in Worten finden, damit du als lesende Person dich daran erinnerst. Vielleicht denkst du in einiger Zeit nochmal daran und in einer halben Ewigkeit möchtest du es vielleicht sogar mal ausprobieren. Wer weiß?
Unsere beiden Kindsköppe freuten sich sehr und gingen auch sofort darauf los um wieder im städtischen Madrid angekommen eine wundervolle Bäckerei zu finden und uns endgültig zu beweisen, dass wir falsch lagen. Wir dachten bisher Spanier könnten kein gutes Brot machen und dass alles wie Baguette und billiges Toastbrot wäre, aber anscheinend muss man erst 530 Kilometer zu Fuß wandern und genauso viel fahren, um die richtige Bäckerei zu finden und wird dann überwältigt mit Auswahl und Qualität. Hier fanden wir das wohl beste Brot Spaniens. Die Laibe waren alle Kunst, verkörperten Gesundes und waren voll mit geschwungenen Mustern aus Körnern, Nüssen, Dinkel und Zöpfen, die sich in die Kruste wie die Bergrücken einer rauen Landschaft woben. Alles zu einem selbst für uns erschwingbarem Preis und so kauften wir am Ende drei ganze Laibe und freuten uns über alle Maßen. Ein kurzer Supermarkt Besuch ließ mich zurück mit Tagesausgaben von überdimensionalen elf Euro insgesamt, das wohl meiste für Nahrung seit Reisebeginn, und zusammen mit Martin war ich in der Lage an einem stillen Gewässer mit kleiner Entenfamilie am Wasser, das perfekte Frühstück zu erschaffen. Mein Martin war begeistert von dem Fakt, dass die Ente einbeinig zum Ruhen kommt. Der Genuss kannte kein Ende und die Entenbabies waren zuckersüß anzuschauen. Das Brot schien anscheinend noch besser zu sein, als wir es erhofft hatten und unsere Aufstriche waren ebenfalls über der Norm. Alles schien perfekt in seinem kleinen Moment aus Sonne, Brückenbau und Teich, Pflasterstein unter uns und Madrid um uns. Als wir ein wenig gegessen hatten, machten wir uns auf den Irrweg zur Kathedrale und traten nach dem Ankommen ein in das größte Gotteshaus, das ich jemals betreten hatten. Farbenfroh war die Decke mit einer Art Streifenmuster bestückt, welches ich so noch nie gesehen hatte. Die unfassbar hohen Wände waren geschmückt bis zum Limit und die Gesamtform der Kirche war so auffällig ein Kreuz, dass sogar ich darauf kam. Ein kleiner Rundgang hinter dem Altar machte viele Statuen und andere Schätze sichtbar. In kleinen Räumen standen Personen aus Holz geschnitzt, Engel in Marmor und ein antikes Möbelstück, dass anscheinend das älteste, oder zumindest wertvollste in ganz Europa sein sollte. Eine Art große Truhe aus wunderschönem bemalten Holz mit goldenen Rändern und Kunst um das goldene Schlüsselloch. Wir verweilten gemeinsam eine Weile im Schweigen und versuchten den Ort als Ganzes ungestört in unserem Geist und Herzen aufzunehmen. Hunderte Besucher strömen um uns herum und wir werden nicht wahrgenommen. Es ist ein eher seltenes der Reise gewesen zwischen vielen Menschen zu sein… hätten wir, was wir eigentlich geplant hatten, den Jakobsweg für unsere Reise gewählt, hätte diese Omnipräsenz von Menschen um uns herum nun schon ein ganz anderes Gesicht. Jetzt war es angenehm und aushaltbar mal in den Mengen der eigenen Art zu baden. Reicht bald aber wieder. Touristn sind’s echt nich.
Mit einer solchen Attraktion als Start in den Tag, durchquerten wir die Gassen bis wir vorbei an Touristen Guides zu einem Café kamen und Martin die Toilette benutzte und zuvor noch ein Getränk mit der Bezeichnung von ‘goldener Milch’ erwarb. Ich vertiefte mich in einem kurzen Kennenlernen mit einem Kunden, der meine weiße Leinenhose mit den chinesischen Hanzi Charakteren bewunderte, meine Vokabelarbeit, und dem es gefiel wie locker sie da um meine Beine hing. Er selbst war aus Miami, United States und sprach über die Situation links vom Nordatlantik. Auf meine Frage, ob er es empfehlen würde dort zu studieren, wie ich es eigentlich vor hatte, bevor ich mich für ein Jahr freiwilliger Arbeit in Tansania ab September entschied, folgte ein ganz klares ‘Nein!’ und er hofft, dass es in der Zukunft wieder anders aussieht. Er mag New York State allerdings sehr und findet das Vorhaben irgendwann dort zu studieren nicht schlecht. Zur Erklärung - in Kanada hatte ich auf einem Camphill gearbeitet. Ein weltweites anthroposophisches Netzwerk aus Kommunen, welches das Gemeinschaftsleben mit behinderten Menschen und ihren helfenden Mitarbeitern erschafft; meist sehr naturverbunden. In Kanada war das Ganze in einem Rahmen von 40 Personen, aber in New York State in der Region von Copake, gibt es die größte nordamerikanische Community mit 250 Bewohnern und einer dort ansässigen Akademie; ein Bildungskomplex mit einer Universität zu vergleichen. Durch meine Verbindung zu der Camphill-Szene hatte ich damals Kontakt aufgenommen und wurde schlussendlich auch als Student dort akzeptiert. Das ganze Programm würde über fünf Jahre gehen und ein Mix aus direkter Arbeit mit Menschen mit Behinderung sein und zur Hälfte aus dem Studium der Lehren Rudolf Steiner’s und der Anthroposophie bestehen. Meine Absage war in der großen Hoffnung, es später dennoch nachholen zu können. Wir werden sehen. Abgesagt hatte ich direkt, als ich aus meiner einmonatigen Norwegenreise im März wiederkam, welche meine erste Rucksackerfahrung darstellte und bemerkte, dass ich noch keines Wegs bereit wäre zu studieren - ein Ort, eine lange Zeit, ein Lernfokus. Am 1. April erwachte ich aus einem Traum, erzählte meiner endlos entgeisterten Mama davon, die leider schon vermutete, dass es keine Hoffnung auf einen ersten-April-Scherz gab und um es ihr gegenüber wieder gut zu machen, recherchierte ich viel und fand dann das Angebot der Freunde-Waldorf hier nach Tansania zu kommen. Freunde Waldorf sind genau jene, die mich auch schon nach Kanada brachten. Sie sind auch Teil der weltweiten Anthroposophie-Bewegung. Waldorf als die Bildungsphilosophie von Steiner, welche unleugbare tolle Aspekte in sich verkörpert. Für Freiwilligendienste bei den Freunden gibt es einen ganz schönen Preis zu bezahlen. Zwar zahlen jene dann den Hin- und Rückflug, die Versicherungen, die Unterbringung, alle Versorgung und das monatliche Taschengeld, und man wird beschenkt mit einem Jahr tollstem Eintauchens in eine ferne noch fremde Welt, welche die beste und persönlichste Bildung überhaupt ist, aber dafür muss man sich entweder einen Spendenkreis aufbauen und Menschen aus der Stadt befragen einem Geld zukommen zu lassen, oder wie ich es gemacht habe, wieder zwei Monate in dem Laden arbeiten, in welchem ich damals während meinem Abitur schon arbeitete, um mir auch da schon Kanada zu leisten. 4000 Euro kostet der einjährige Spaß plus alle Seminare, die daran gebunden sind. Erinnerst du dich an einen unserer ersten Tage in Spanien, als Martin und ich von der Autobahn auf welcher wir liefen eine orthodoxe Holzkirche mit den Goldschuppen auf ihren Zwiebeltürmen entdeckten? Genau an jenem Ort erhielt ich die Meldung meines Chefs von jenem Laden in welchem ich seit Februar diesen Jahres wieder tätig war. Er schrieb gekündigt zu haben. Drei Wochen vor ihm unsere andere Vollzeit. Nun war es nur noch ich und ich war hier. Ich nahm das zur Einladung mir meine Freiheit zurück zu nehmen und den Saftladen seinem Schicksal zu überlassen. Ehrenlos, ich weiß. Aber im Zurückschauen wird das hoffentlich meine letzte Anstellung für Geld gewesen sein und damit ist mir jeder Abschied recht. Außerdem kam ich durch diesen Entschluss ins Denken, was noch alles möglich wäre. Ich dachte an das Schreiben und Bloggen und Weltbereisen durch das Teilen meiner Reisegeschichte. Aber vor allem konnte ich nun darüber nachdenken, wie lange ich brauchen wollte, um nach Hause zu kommen. Ich hatte auf einmal alle Zeit der Welt, bis September. Wow…
Wir sitzen eigentlich immer noch in einem Café neben einem Typen aus Miami, der vermutlich super berühmt und reich ist und grade nur genießt mit jemanden zu sprechen, der ihn nicht kennt und nicht mit dem vielleicht nötigen oder für ihn gängigen Respekt des Aufschauens behandelt. Ich bedanke mich für seine Meinung als er geht und er wird abgelöst von einem nun etwas leichteren Martin, der sich kurz darauf über das Getränk ärgert was er da für fünf Euro kaufen musste. Das Ganze schmeckte sehr wässrig und ein bisschen nach Kürbis mit Milch. Also kein Optimum. Weil das aber alles Geld gekostet hat, würgt er es sich trotzdem runter. Und es war noch ein bisschen kühl. Wir gingen weiter und kamen in das Viertel der kleinen Läden und eine Menge Menschen auf den Straßen, die dort nicht zum Spaß saßen, aber anscheinend nichts besseres zu tun fanden. Ein etwas grauerer Teil Madrids und wir waren beruhigt als wir es wieder heile verlassen konnten. Bald darauf fand man sich auf dem riesigen Marktplatz wieder und wir gingen in Richtung der Puerta del Sol vorbei an unglaublich riesigen schneeweißen Bauten und ewig viel Verkehr. Wir schienen in das neuzeitalterliche Zentrum vorgedrungen zu sein und Madrid prahlte in all seiner modernen Pracht auf uns herab. In der Hoffnung einen Schlafplatz zu finden, gingen wir in den Park von gestern und wurden nicht enttäuscht. Ein schattiges Plätzchen ohne Beisitzende, die einem den Sauerstoff wegatmen würden, unter einem Baum der umgeben war von Hecken, gewährte uns ein sicheres Örtchen und in absoluter Tiefenentspanntheit schliefen wir eine gute Weile. Martin für längere Zeit als ich, mir schien die Sonne ins Gesicht, aber ich nutze die Zeit mit Yoga und Stretching bis er wach wurde. Ich konnte zwar mal problemlos einen Spagat, allerdings sollte ich ihn auch öfter wieder mal versuchen, um ihn nicht unnötig zu verlieren. Gelernt hatte ich ihn innerhalb von zwei Wochen täglichen Probierens in Kanada, nachdem ich mich geärgert hatte, der unbeweglichste Mensch auf dem Planeten zu sein. Ich hätte nicht geschockter darüber sein können, wie schnell der Körper Neues lernt und man innerhalb von den goldenen Zwei-Wochen alles lernen kann nach was einem ist. Für mich ist und bleibt das einfach unglaublich. Egal welches Interesse, egal welche Art von Veränderung oder der Versuch etwas bestimmtes zu tun... nach 14 Tagen konsequenten Versuchens kann scheinbar alles erreicht werden. Ob es das Aufhören mit dem Rauchen ist, oder Vegetarisch werden, einen Handstand lernen, Meditation, Ukulele spielen oder Dinge auswendig können. Kein Ding braucht ewig zu lernen! Alles ist zwar ein sich immer weiter verstrickender Prozess, aber man muss sich bewusst darüber sein, dass man beim Ziel ankommt, selbst wenn man es nicht weiß - man gesteht es sich viel zu oft einfach nicht ein. Sich immer wieder zu sagen, dass zwei Wochen alles ist was man braucht, gab mir immer den Mut und Ansporn Neues zu tun und auf die Entwicklung des Lernens zu vertrauen. Lernen ist sowieso das Coolste überhaupt. Reisen ist auch nur cool, weil es so viel Potenzial für Bildung vor allem durch Menschen und Orte der Geschichte trägt. Herkömmlich gepredigter Tourismus hat da gewiss seine Macken!
Mit zwei wachen Köpfen liefen wir in die Richtung des Museums Reina Sofia, um dort um Punkt sieben Uhr, wie es verabredet war, auf dem großen Platz vor dem noch größeren Gebäude Platz zu nehmen und zu meditieren, bis Analise, unsere amerikanische Kunststudentin und Freundin uns finden würde. Erfolgreich verbrachten wir 10 angenehme Minuten in absoluter innerer Stille, während die Welt um uns herum pulsierte. Ein sehr interessantes Gefühl trotz der äußeren Umstände völlige Kontrolle und Ruhe in sich zu haben, anstatt wie ein triebgesteuertes Tier von einem Reiz zum nächsten zu eilen, immer auf der Suche nach Frohsinn, und dabei zu vergessen, dass Glückseligkeit aus dem Innern kommt und nicht von Dingen der Außenwelt gefüllt oder erbaut werden kann. Wer glücklich werden will, wird keinen Gegenstand finden, der einen dort hin bringen könnte. Kein Geld, kein Objekt. Wir rennen nur von einer Sache die wir besitzen wollen zur nächsten, in der Hoffnung dass es das Kommende ist, was uns dauerhafte Ruhe und Zufriedenheit schenken wird. Martin und ich haben etwas gefunden, das anderen für immer verwehrt bleiben wird. Wir finden Wertschätzung, Ruhe und Erfüllung in uns selbst und nutzen Meditation als ein Werkzeug um dort hin zu kommen. Es sind zwei Wochen des Ausprobierens für jede Person um Meditation für sich zu entdecken. Und trotzdem werden viele niemals dazu kommen. Mein Beileid, denn ohne Meditation hätte ich niemals die Welt für mich entdeckt.
Das schönste an allen Künsten ist, dass sie jeder einzelnen Person zustehen und nur durch das eigene Ausprobieren für sich entdeckt werden können. Nun beschäftigt mich diese Sache der Meditation seit Kanada schon unverschämt viel. Mehr als ein Jahr versuchte ich energischst alles aus und lernte ausschließlich von mir selber. Erst als ich in Norwegen meine vier buddhistischen Mönche antraf und ein paar Tage in ihrem Kloster in der Nähe von Bergen (Stadt) leben durfte, direkt am Fjord, lernte ich durch sie die ersten Ratschläge und Einblicke in tiefere Ziele und Ansätze dieser heiligen inneren Übung. Beibringen kann ich darüber reichlich wenig, das stünde mir nie zu, aber mein Ansatz ist folgender: hier ist in einem Link ein Artikel von mir enthalten, bei dem ich versuchte eine Anleitung zum Hinsetzen und Augenschliessen zu schreiben. Das klingt zu leicht um wahr zu sein und trotzdem hatten wir es ja bis hierhin nur selten oder noch nie versucht. Wer also Satz für Satz dahin geführt werden möchte, doch endlich mal da zu sitzen und das viel Besprochene zu versuchen und vielleicht damit eine Reise im eigenen Innenleben zu starten, die jedes einzelne Dasein mehr als fundamental verändern kann, ist herzlich eingeladen mal auf den Link zu klicken und zu gegebener Stunde etwas Neues zu versuchen!
The Garden Within
Abends im Museum…
Analise gluckst ein leises fröhliches Lachen als sie uns sieht und setzt sich neben uns. Die lange Schlange vor dem Museum, welche den Ansturm der Besucher symbolisierte, die kostenlos hinein wollten, war ein wenig abgeschwächt und so gesellten wir uns nach unserer angenehmen Bodensitz-Wartezeit dazu. Wir hatten zwei Stunden Zeit und genossen die Umgebung sehr. Oft waren Martin und ich zu vertieft in Gemälden, als dass wir allem lauschen konnten, was Analise zu erzählen hatte, aber in den Momenten unserer Aufmerksamkeit, war ihr Gesagtes von höchster Bedeutung für uns. Wir lernten eine Menge über Spanien, seine oder ihre Kunst und Kultur, welche Bilder wann entstanden, mit welcher Nachricht hinter den Farbstrichen und wer die Person dahinter war. Oft genug auch was das Leben mit ihnen angerichtet hatte, damit diese Farbenwelten nun so verhalten vor uns an weißen, gut beleuchteten Wänden auftauchten durften. So erschuf Analise mit ihren Worten greifbare Verbindungen zwischen Stil und Symboliken der Bilder zu ihren Erschaffern und deren Glaube und deren Sehen der Welt. Der Künstler unseres Interesses hatte eine atemberaubende Technik Wasser in aller Weichheit, in aller Bewegung, Durchsichtigkeit, ihrem Fließen und der Kristallenden Beschaffenheit darzustellen und noch nie hatte ich etwas dergleichen gesehen! Ein Bild in dem ich für immer hätte versinken können, war das Abbild eines atemberaubenden, lebensgroßem Herkules in einer Welt aus Feuer und Wasser. Gezeugt wurde der Strom eines Lavaflusses im Hintergrund und jener schoss auf Wasser im unteren Teil des Bildes zu, welches so wunderschön gefangen in einem Stillstand wartete. Dort wo sich beide Elemente vereinten, stand mächtig Hercules mit dem Körper eines Halbgottes und der Stein der sich in der triefenden Höllenhitze formte wurde von seinem gesamten Arm umpackt und mit all seiner Kraft aus dem Wasser gezogen. Auf dieser scheinbar endlos großen Steinmasse befanden sich Landschaften und deren gesprenkelte Bäume, Flüsse welche an den Rändern wieder von den Rändern schossen und Gebirge, die sich zwischen dem gewaltigen Druck der gewaltigen, geaderten Hände zu formen schien. Das Gesamtwerk war riesig und erhaben ohne Ende. Die Farben hätten konstrastreicher nicht sein können und dieser mächtige Köper des Hercules war einfach nur einnehmend und grenzte an schiere Perfektion im Körperlichen und im Künstlerischen. Ich betrachtete die Farbauftragungen von nahem und von der Seite, um die Schatten der dick aufgetragenen Leuchtmasse zu bewundern.
Das letzte von uns bewunderte Kunstwerk bevor der Museumskomplex schloss, war jenes aus Schwarz und Weiß, welches eine gesamte Wand für sich einnahm. Analise hätte einen Roman darüber schreiben können und gemeinsam versanken wir durch ihre Worte in die Untiefen der Bedeutungen dieses Werkes geleitet in das Bild bis wir hinaus geschickt wurden. Ein gigantischer Abend von unvorstellbarer Schönheit; ein Museumsbesuch wie kein anderer zuvor und eine Bewunderung für Kunst, die ich davor noch nie so ungefiltert widerhallen lassen konnte - danke an meine zwei Mäuse. Draußen beobachten wir die Sonne wie sie die höchsten Punkte der Häuser küsste, bevor sie sich zurück zog, den Tag als vollkommen zurückließ und unser Himmel sich von ihr abwandte.
Was gleich kommt, ist grade passiert beim Kontrollieren. Ich erzähle wie wir zum Taco Essen gehen und dabei treffe ich eine Person, die ich interessant fand. Beim Kontrollieren las ich und dachte ich hätte sie vor dem Ankommen getroffen. Weil dort nichts stand, schrieb ich aus meiner Erinnerung über jenen jungen Mann. Nun las ich ein bisschen weiter und merkte, dass ich ihn danach auf dem Rückweg antraf. Dort stand eine Beschreibung, die ich wie den gesamten Rohtext dieser Reise immer auf dem Handy getippt hatte in den freien Minuten und den stillen Abenden und zu frühen Morgenstunden. Die kommenden Sätze haben also diese Wiederholung in sich, die ich zum Spaß an der Sache stehen lassen wollte. Guck mal!
Wir gingen noch lange durch die Straßen und kamen später zu einem Laden mit Tacos, vor welchem ich eine Person einholte, die vor uns lief, welche mir so heftig ins Auge gefallen war, weil sie lief, als würde sie wie ein Tänzer Wolken unter sich fließen haben und der Kopf war dabei so elegant gehoben, dass mein Bauernsein ihm alles Adelige zugesprochen hätte, wäre ihm bei seiner Vorstellung nach solch einer Behauptung gewesen. Stattdessen weiht der junge blonde Mann mich in seine polnische Herkunft ein und erzählt völlig verstört von dem Regierungswechsel, welcher sich grade dort vollzogen hatte. Analise meinte uns einzuladen zu wollen, auf Kosten ihrer sie finanzierenden Universität und so hatten wir ein gemeinsames Mahl aus kleinen Tacos, die sehr sehr gut waren. Meine bestanden aus Zucchini und Pilzen und einer wunderbaren Creme um dem vegetarischen Ideal alle Ehre zu machen. Martin und Analise hatten etwas Schönes mit Hühnchen und Avocado. Die beiden lachten viel und verstanden sich herrlich und ich konnte oft nicht aufhören die beiden für jenen Grund anzulächeln. Ich hatte beide sehr gern. Wie am Abend zuvor begleiteten wir sie zu ihren Hostel und auf dem Weg sprach ich mit einer Person von perfekter Haltung. Er schritt durch die Straßen und schien sich unglaublich bewusst von allem zu sein, die Selbstsicherheit war nicht zu übersehen und er schien wie aus einer anderen Welt. Ich fragte ihn wer er sei und nach seiner Geschichte, aber das Gespräch wurde nicht lang. Er war vor kurzem hier her geflohen, nachdem Polen eine politische Entwicklung durch machte, vor der er sich sehr fürchtete. Ich wünschte ihm Gutes und ging zurück zu meinen beiden Tauben, um den Weg zu beenden. Allerdings war jener noch nicht beendet. Später gingen wir noch durch die Nacht und suchten nach Orten für Karaoke. Wir fanden auch eine Bar dafür, allerdings hatte ich mein Geldbeutel mit Ausweis im Zimmer von Analise vergessen und deshalb bot ich an draußen zu warten, während die beiden eine witzige Zeit mit lokalen Sängern hatten und viele schöne Momente kreierten. Als sie später davon erzählten, fühlte ich mich als wäre ich dabei gewesen und war glücklich. Ich selbst hatte die Zeit für Meditation genutzt und hatte die Ruhe sehr genießen können. Jetzt, nachdem der Abend genauso erfolgreich wie der Tag selbst war, gingen wir zu ihrem Zimmer, saßen und redeten noch für eine Weile und dann sagten wir unser herzliches Dankeschön und auf Wiedersehen. Analise war eine wirklich reizende Persönlichkeit und die Funken die sprühten, wenn sie über die Kunst redete, waren ansteckend und inspirierten selbst auch eine Leidenschaft zu entdecken, die einen so zum schwärmen bringen könnte.
M. und meine Wenigkeit verdrückten uns zur nächsten Bushaltestelle und wollten zum nächsten richtigen Park mit Natur fahren. Auf der ersten Fahrt schaffte Martin etwas witziges, nämlich wollte er einen zwanzig Euro Schein wechseln und sprach einen Vierersitz neben uns an und fragte nach Hilfe. Die vier spanischen hübschen Damen hatten nichts und fragten die daneben Sitzenden. Das Ganze artete Stück für Stück aus und Menschen die neu herein kamen wurden ebenfalls befragt und es wurde viel spanisch geredet und mit Fingern gedeutet, was mir von meiner Position abseits größten Spaß bereitete. Als der Akt vollzogen war und jemand gefunden wurde der Martin half, ertönte überall im Bus ein lachender Applaus und alle waren fröhlich Teil eines Momentes gewesen zu sein und Hilfe leisten zu können. Martin sah noch nie so niedlich aus wie in dem Moment als er das Geld tauschen konnte. Zuckersüß und was für eine schöne Erinnerung! Den Bus hatten wir trotz unseres etwas ausartendem Geruches für uns dank Martin’s Einbringung gewinnen können.
Nach einigem Laufen kamen wir nach der zweiten Busfahrt dort an wo wir sein wollten und begaben uns in das erst beste Feld. Der Boden war aufgewühlt, die Menge an Insekten phenomenal, aber es war sehr still und sehr dunkel. Martin baute sein Zelt auf und ich verschwand in die Welt der Träume bevor noch großartig viel geredet werden konnte. Mal wieder ein fabelhafter Tag... es läuft echt viel zu gut um wahr zu sein.
Mein Morgen fing sehr klassisch an. Zuerst das Grunzen, dann die dumpfen Schritte und ein wenig später meine Augen, die gegen das Licht der Welt blinzeln… und ein großes Wildschwein mit einem neugierigen Blick auf uns gerichtet. Auf mich - Martin schlief schließlich im Zelt. Das Wildschwein fühlte sich nach dem Äußeren bemessen anscheinend mit uns als ihren Nachbarn zufrieden und ging gemächlich hinter die Büsche der trockenen Wiese in der wir lagen. Erst jetzt bei Licht bemerkte ich wie dieses Gelände um uns herum gebaut war und wie perfekt es für Wildschweine ist. Überall war Erde ausgehoben und das lange Gras hätte sogar mir Spaß zum drin leben gemacht. Den Schlaf kostete mich das Schwein allerdings trotzdem ab diesem Punkt und so genoss ich die Stille und ihre Facetten aus Summen, Gesang und Motoren der Ferne. Unser Morgen bestand aus 2.5 Stunden laufen, das meiste mal wieder entlang einer Autobahn zurück den Weg, welchen uns die zwei Busse gestern abend mühsam fahren mussten, allerdings war die Straße breit gebaut und wir hatten damit unseren Meter Abstand zum Verkehr, was eine schöne Abwechslung ist zu den sonstigen Straßen der Reise, wo unser Überleben durch Am-Rand-Laufen nicht unbedingt gesichert gewesen war. Mein Geruchssinn kam seltsamerweise zum Leben - normalerweise kann ich mit meiner Nase überraschend wenig anfangen. Nun erzählte sie mir von den Pferden in der Nähe bevor ich sie hörte und sah. Ein Kindheitsgeruch der meine Nase anscheinend beleben kann. Die Blüten der Blumen die ich beim gehen gerne streifte strahlten mir ihren Duft entgegen und selbst die reinliche Frische der lauen Morgenluft. Ich genoss dieses kurze Erwachen meines Sinnes sehr. Wir machten eine angenehme Pause unter einem großen Baum neben der Straße, erzählten viel über unsere Zeit, inzwischen aus der Retroperspektive und wir wurden zunehmend anerkennender über unsere Leistung und fühlten uns beinahe schon stolz.
In Madrid angekommen wollten wir etwas essen und nachdem Martin herausfand, dass ich in meiner Zeit des Daseins noch keine echten Ramen hatte, zumindest keine aus einem Restaurant, sondern nur den Instant Boil Shit, entschied er zu unserer beider Wohl japanisch essen zu gehen; wie eine kleines bezahltes Zelebrieren des Geschafften; eine Untat. Es dauerte nicht lang und wir fanden uns vor dem entsprechendem Restaurant und wurden als einzige Gäste zu dieser Zeit an einem Dienstag Morgen begrüßt. Die Preise waren völlig akzeptable und für 15 Euro konnten wir uns eine Vorspeise auswählen, eine Schale voll mit Rahmen und eine Nachspeise, die entweder Kaffee oder Süßgebäck wäre. Wir genossen den Umstand und das Essen mit Stäbchen. Was serviert wurde übertraf meine Vorstellung und löste Blitze der Kreativität aus und ließ mich mit Inspirationen für Konzepte für Gerichtskombinationen zurück. Der Fakt, dass all diese Dinge, welche sich da zeigten, in ein Gericht gelangen konnten, machte mir als experimenteller Amateurkoch große Freude. Neben den gekochten Nudeln fand ich das halbe gekochte Ei, dann etwas das Martin ‘Naruto’ nannte, Bambussprossen, gutes Entenfleisch bei mir und Hühnchen bei ihm, und jede Menge Gewürze, die ich kaum zu identifizieren vermochte. Alles in allem scheint dieses Gericht einem die Möglichkeit geben zu wollen, alle Kombinationsmöglichkeiten zu testen und ich würde dieser Aufgabe zuhause nachgehen. Ich steckte die Stäubchen in meine Ponchotasche und würde ab jetzt wieder mehr von Stäubchen Gebrauch machen und wir verabschiedeten uns nach einer Kugel Eis von den freundlichen Gastgebern, die uns und unseren zwei Rucksäcken amüsiert beim Essen zugesehen hatten, wie wir in ihrer rot getünchten Restaurantecke saßen, die Zeichnungen und die Holzarbeit an den Wänden beschauten und den Bildschirm nicht recht verstehen wollten, der es schaffte eine 3-D Formation erscheinen zu lassen, welche beinahe wie eine Art Hologram aus dem Pixelgeflecht heraus zu schauen vermochte. Mein schöner Poncho hängt über meiner ihm nicht das Wasser in Schönheit reichend könnender Rückenlehne und schaut mich wundernd an, ob ich denn schon wüsste, aus welchem Material mein mexikanischer Schatz, durch Zufall in Kanada im Community-Flohmarkt erworben, erschaffen wäre. Von ungebildeten Augen kamen bereits Vorschläge wie Leinen oder Hemp, also Hanffaser, oder geographisch aber strukturell nicht passend - Alpakawolle; man sagte schon Kartoffelsackstoff und Polyester. Und das ist einfach nur frech! In Wahrheit ist die Beschaffenheit des Ponchos so toll wie alle der aufgelisteten Dinge zusammen mal Zwei… alle Sonnenbrände, die ich nicht hatte, gehen auf seine Kappe. Und mit Kappe meine ich diese perfekt proportionierte Kapuze, die so luftleicht auf meinem nackten Schädel ruhte. Uh… wusstest du noch dass ich mit Glatze rumrenne, seit mir die Haare im März abrasiert wurden? Jetzt konnte ich zwar wegen der kaputten Rasierklinge nicht mehr rasieren, seit wir am See vor Valencia bei den springenden Fischen gecampt hatten, aber die Haare sind auch jetzt nur wenige Millimeter lang. Schlecht aussehen ist anders, aber sonnentechnisch sicher gesehen ist sicher auch anders.
Letzte Revue…
Zurück auf der Straße in die Richtung des Hostels, welches Martin sich für die Nacht nehmen würde, dann kamen wir an einem Laden für Tapas vorbei (Essen) und ich gab dem Wunsch Raum zu leben auch mal Tapas zu versuchen. Nach dem Kauf eines solchen kleinen Gebäcks später, konnte ich zufrieden die Teigtaschen und das heiße Fleisch darin genießen und gestärkt von billigen Zutaten den Rest des Weges bestreiten.
Als wir sein verstecktes Hostel erreichten, gab ich ihm die Zeit sich einzurichten und setzte mich an die Hauswand gegenüber und schlief sofort ein. Ich hatte den freiwillig dort arbeitenden Türsteher beschummelt, als er mir nur Einlass gewähren wollte, wenn ich behaupten würde hier ebenfalls eine Nacht gebucht zu haben. Meine Tasche stand nun für ein paar Stunden in Martin’s Zimmer. Fünf Minuten später kam Martin zurück zu meinem an der Steinwand schlaff angedrückten Körper, belebte mich durch seine Präsenz und wir führten unsere Reise fort, um zum nächst besten Rasen zu kommen und ein wenig zu schlafen. In meiner melancholischen Erinnerung an den guten China Laden in Alicante, versuchten wir unser Glück auch hier und betraten einen solchen Supermarkt des asiatischen Riesen, nur um festzustellen, dass nicht dieselben Produkte verkauft wurden, sondern uns stattdessen eine Vielzahl von Neuheiten zu überwältigen drohte. Das Geld war zu knapp und die Bäuche bereits gefüllt, das Erste ein Dauerzustand, das Zweite eine Seltenheit, also kauften wir nichts und fokussierten unsere triebgesteuerten Hirne auf die vorhin erblickte und dabei auserkorene Wiese. Kurze Zeit später erreichten wir den Ort des Wunsches und mit nackten Füßen im Gras lagen wir für eine Stunde im Halbschlaf unter der Sonne und dem gespendeten Schatten, während die große Fläche um uns herum im Wimmeln der Stadt weiter existierte und uns in ihren dumpfen Tönen, welcher unsere Ohren durch ihre Rasennähe nichts anhaben konnte, in einen guten Schlaf schaukelte. Trotz der kostenlosen Probe eines Starbucks-Minibechers und seiner Anpreisung eines neuen super tollen Produktes welches wir probieren durften, schliefen wir schnell und ohne Beschwerden über heißes Koffein in unserer Blutbahn ein. Martin hatte beschlossen jetzt am Ende seiner Reise ein Fastenintervall zu starten und der Kaffee sollte das letzte sein, was er für fünf kommende Tage an Kalorien zu sich nimmt. Beim nächsten Mal bringe ich ihn davon ab, wenn er auf die Idee kommt nach drei Wochen höchster Anstrengung seinen Körper in die nächste Pein ohne Zeit zur Erholung zu schicken. Allerdings hatten wir so lange von der Brillianz des Fastens geschwärmt, sodass ich ihm die Möglichkeit es direkt auszuprobieren nicht durch meine gutgemeinten Einwenden verwehren wollte. Unser Schlaf war wohl der Beste jemals von irgend einer Person je geschlafene und als wir erwachten und unsere Köpfe in die Höhe streckten, kam uns die wundervolle Idee eine komplette Revue-Tour unserer Reise durch unsere Worte aller möglichen chronologischen Erinnerungen zu durchlaufen. Dass ich dieses Buch über die Reise so verfassen konnte, liegt zum einen an meiner Kompetenz - na klar! - und zum anderen an den Einträgen, die ich während der Reise in mein Handy getippt hatte; jetzt kommt noch diese Unterhaltung dazu und auch sie wird von absoluter Essenz für mein schlussendliches Bild aus Erinnerungen sein. Wir unterhielten uns eine ganze Stunde lang über jedes Vorkommnis unserer Reise von Beginn bis zum Ende und erlebten das Ganze beinahe nochmal. Überrascht von wie vielen Details uns noch in die Köpfe kamen, wollte das Gerede beinahe kein Ende nehmen und wir hatten großen Spaß dabei, lachten und litten, erinnerten die wundervollen Wesen, die Kreaturen des Weges und die Naturwunder - verbesserten und ergänzten uns gegenseitig und ließen unsere Grinseköpfe auf unseren Händen die im Gras läge, ruhen. Ein denkbar schönes Szenario. Am Ende machten wir noch eine interessante Feststellung über unsere körperlichen Zustände. So sahen seine Füße inzwischen furchtbar geschunden und verletzt aus. Nicht nur die Schrammen von Ibiza, als wir in die brandende Flut gedrungen waren und ich grade noch ein Ei auf den Stein gelegt hatte, zeugten von unserem Weg, sondern auch rote Punkte an Zehen und eine sehr große und schmerzhafte Blase an der hinteren Seite des Hacken. Ich verspürte großes Mitleid und einen kleinen Hass auf seine viel zu teuren Wanderschuhe von denen ich mir so viel mehr versprochen hatte. Meine Füße sahen im Gegensatz beinahe fabelhaft aus. Es blieben nur die zwei riesigen, symmetrischen, aufgeplatzten Blasen zwischen großem Zeh und Zeigezeh und Fußballen, allerdings verheilten jene seit langer Zeit, seit dem schlimmsten Tag der Nachtwanderung vor Valencia, und hatten schon Schichten aus Hornhaut etabliert, die den Schmerz dämmen und vor allem die Wundflüsigkeit besiegten, auf dass die Wunde nicht immer wieder mit Sand gefüllt wurde und ich dann mit Martin’s Messer die Welt der Selbstchirugie erkundete, um jene Wunden auszukratzen. Schmerzen tat das Ganze ja auch nicht mehr und die gesamte Pein des Anfangs schien beinahe vergessen. Insgesamt kann also als Schuhfeedback gesagt werden, dass die Gewöhnung an Barfussschuhe etwas länger dauert und anfangs nicht problemlos ablaufen muss, allerdings zum Ende hin und auf lange Sicht des Gebrauchs einen immensen Vorteil mit sich trägt. In positiver Überwachung war die Zuneigung für meine kleinen Freunde an meinen Beinenden nochmals gewachsen. Ich hätte mir zudem viel Schmerz sparen können, wenn ich direkt zum Beginn der Reise gute Sohlen gehabt hätte und nicht gestartet wäre mit einer fehlenden Sohle, womit schließlich all der Schmerz gestartet war. Es war lustig die Entwicklung zu beobachten, wie am Anfang unserer Tour Menschen entweder lachten oder sich große Sorgen machten, wenn sie meine Schuhe sahen und mir sogar Schuhe schenkten, damit ich meine nicht tragen müsste, aber zum Ende hin sprachen Menschen auf einmal von professionellen Schuhen und meinten zu erkennen, dass wir ja auch bestens ausgerüstet sind, nach dem Motto, ja du hast ja sogar die perfekten Schuhe dafür, mit den Zehen extra separiert von einander etc. Meinung der Menschen hin oder her, ich hatte großes Gefallen an ihnen gefunden und es passte hervorragend zu meinem sonst schon nicht zu überbietenden Look aus südamerikanischem Poncho, auf Chinesisch bekritzelter Leinenhose, lila schwarzen Strickpulli und Camouflage-Backpack eines Soldaten. Die langen blonden Haare, die mir so freundlich und billig von den Mönchen in Norwegen entfernt wurden, hatten mir in dem Gesamtbild allerdings beinahe noch besser gefallen als die scheinende, im Wind wehende Glatze.
Wir hatten es geschafft!! Ganze 550 Kilometer waren wir innerhalb von drei Wochen zu Fuß gelaufen. Das im Zusammenschluss mit schlechten, nicht recht gepolsterten, aber für 30 Euro guten Rucksäcken, harten Straßenböden, die unter der Maisonne Spanien’s auf hunderte Kilometer hin kochten, üblen Nächten an Stränden, Unwettern und Insektenwelten mit Wildschweinen als Weckern und verhältnismäßig wenig Essen, da wir an keinem, außer zwei Tagen, mehr als fünf Euro für den Tagesverbrauch aus Wasser und Nahrung ausgaben und den permanenten Schmerzen durch Blasen, welche Tag für Tag tiefer in unsere Fußhäute getrieben wurde und nie wirklich beginnen durften zu heilen und bei jedem der mehreren hundert tausenden Schritte zu spüren waren, machten das Ganze beinahe zu einem Wunder. Ein Wunder von dem Martin und ich für immer in Erinnerung nähren würden und an welchem wir endlos über unsere eigenen Grenzen, die wir nur von Weitem kannten, wachsen durften.
Immer noch in Gedanken an die Menschen und Orte unserer Reise packten wir unsere Sachen und machten einen letzten Rundgang. Wir schauten uns den atemberaubenden Royal Palace an, welcher so viel uns noch völlig fremder Geschichte in sich einschließt und genossen die Aussicht über das Waldstück in der scheinbaren Nähe und wunderten uns, warum wir nicht einfach dorthin gelaufen wären. Wir bewunderten die Schönheit der Bauten und wie schon allein etwas Simples wie eine Laterne eine regelrechte Pracht aus Gold an sich tragen könnte. Wir lernten uns in jenen letzten Stunden noch einmal tiefer kennen und sprachen über scheinbar alles was bisher entweder mit Absicht oder Versehen ausgelassen wurde. Wir hatten einander tief im Herzen berührt und uns zu gegenseitigem Wachstum aller Art verholfen, wofür wir beide nicht hätten dankbarer sein können. Reich gingen wir aus dieser Erfahrung heraus. Gute Erinnerungen begleiteten uns jetzt auf jedem Schritt. Ich ruinierte mit einem Lachen das schöne geteilte Schweigen, als ich ein großes Plakat an einer Hausblockwand sah. Es zeigte die Werbung für die chinesische Autofirma BYD und ihr neustes Model. Zwei dieser Autos hatte ich schon in Madrid gesehen und mit großer Verwunderung darüber gegrübelt, ob China seine Autos nun doch weltweit exportieren könnte, auch nach Europa. Kurzerhand machte ich die erste spontane Investition in die Aktien dieser Firma mit den paar hundert Euro die ich besaß, die ich mir ausrechnete nicht für den Heimweg zu brauchen. Die Investition, mehr aus Spaß als Ernst, bringt mein Interesse mal wieder ganz zu China. Zur Zeit lerne ich die Sprache in Form von Pinyin und als Ziel meiner Weltreise ist neben Tibet für das klösterliche Erlebnis des Buddhismus, China selbst ganz an der Spitze, für seine Kultur. Faszination kann beinahe nicht greifen, was ich zu fühlen vermag, wenn ich an dieses Land denke.
Eine Straße später werben zwei junge nette Männer um die Aufmerksamkeit der Passanten, als sie beginnen ihre aller erste Show öffentlich zu präsentieren, wie wir später erfahren. Wenn sie mal weltberühmt werden, muss das bitte vermerkt bleiben… Sie hatten ein Tuch ausgebreitet und ließen uns Einblicke auf die darin enthaltenen groben Glasscherben haben. Mit guter Performance erzeugten sie eine angemessene Stimmung für ihren Akt und unter Musik und rhythmischen Klatschens des Publikums erschraken sie die Menge als sie im Huckepack barfuß über diese Scherben stolzierten, zwar langsam, aber scheinbar ohne ein Zucken des Schmerzes. Martin war der Auserwählte gewesen zu Beginn der Show die Scherben auf Echtheit zu überprüfen und dementsprechend waren alle geschockt. Eine Woge der Erregung wälzte sich durch die Anwesenden, als einer der beiden Männer aus Argentinien sich mit dem Rücken auf die Scherben legte und zwei junge Damen anwies sich auf sein Zeichen hin auf seinen Brustkorb zu stellen, gleichzeitig und für mehrere Sekunden. Sie meisterten ihren Part, er meisterte seinen Teil des Schmerzempfindens und wir machten unseren art durch das lautest mögliche Klatschen geltend. Wir blieben länger stehen und sprachen mit den beiden Künstlern, die hier waren mit der Hoffnung ihre Art der Magie im Rahmen von Shows unter die Menschen zu bringen. Diese Aufführung war wie schon gesagt die erste ihrer Shows und wir bedanken uns für die tolle Zeit. Der Größere der beiden zaubert ein Deck aus Karten hervor und möchte uns einen weiteren Trick zeigen. Er sagt Martin die Augen zu schließen und ich ziehe eine Karte. Es ist die Blatt 9 - Blatt 9 und ich schiebe sie zurück ins Deck und versuche angestrengt dort hin zu schauen, wo er versucht meine Augen von abzulenken. Martin kennt meine Karte nicht und der Zauberer gibt im das nun wieder verschlossene Kartendeck. Er sagt ihm zu einem bestimmten Ort auf dem Platz zu gehen, die Box zu öffnen und uns die Karte zu präsentieren die er als erstes finden würde. Nicht auf der Oberseite, sondern die Karte, welche ihn ansprechen würde und hervor steht. Martin geht und kommt strahlend wie immer wieder und zeigt mir, natürlich, meine Karte. Wir lachen aus Verblüffung, bedanken uns und setzen unseren Weg gefüttert mit neuen Aufgaben zum Knobeln fort. Ich glaube Martin hätte auch einfach so gelacht, er wusste nicht dass es meine Karte war und vermutlich hatte er einfach darüber gelacht, dass überhaupt eine Karte hervor schaut. Ich habe wie schon seit langem einen unheimlich Respekt vor Künstlern und was sie vermögen. Grusel trifft es nicht ganz, aber es füllt eine Facette meines Gefühls.
Zurück beim Hostel nutze ich frecher Weise das nicht für mich bestimmte Bad und später lerne ich den Straßenkünstler Nico kennen. Er ist ein englisch sprechender Gitarrist und reist um die Welt, um seinen für ihn vorgesehenen Ort in ihr zu finden. Nach einem schockierendem Unfall, bei welcher Beschreibung sich auch bei mir im Körper alle unter vorgestellter Pein krümmte, hatte der junge Mann chronische Schmerzen im Rücken davon getragen und seine Erlösung im Meer New Mexico’s gefunden, wo er Monate lang am Strand arbeitete um schwimmen zu können. Nur das Wasser konnte ihn heilen, die Medizin hätte schwerste Operationen mit ihm vorgehabt. Nun reist er um den Planeten um seine grandiose Musik zu teilen, Orte zu entdecken und das Meer zu finden, wo es am schönsten für ihn wäre und er ist auf der Reise nach Valencia. Wir werden ihn später zufällig wieder treffen, aber für den Moment haben Martin und ich das sogenannte Sala Equis im Visier, ein ehemaliges Porn-Kino, welches nun als sozialer Raum mit Leinwand für die junge Welt Madrids dient. Als wir es erreichen, betreten wir ein eigenartiges Ambiente. Die kleine Leinwand spielt einen schwarz weiß Film ohne Ton. Als wir uns hinsetzen und den Menschen zuschauen wie sie in lustigen Gruppen zusammen reden, wie Getränke und Essen von der Bar unterhalb der Leinwand ausgeschenkt werden, wie Menschen Popcorn teilen und auf Bänken unter roten LEDs sitzen, bemerken wir auch, dass es sich bei dem Film um einen uralten deutschen Spielfilm handelt. Zwischen den Szenen wird in der kursiven Schrift des späten 19. Jahrhunderts Texte und Dialoge zur Erklärung geschrieben und wir beobachten eine Art Heldenspiel und Klagelied über einen Wettkampf um einen Fluss, den Tod eines Helden durch einen Speer, die Trauer seiner Frau und den Menschen seiner Heimat und die Auferstehung seines Geistes. Da uns die Umgebung wenig taugt und die Musik zu laut wäre, als dass man Menschen kennen lernen kann, gehen wir stattdessen durch die Straßen, meditieren gemeinsam auf Bänken, sprechen mit einer Gruppe amerikanischer Studentinnen und ihrer Erfahrung hier in Madrid und kommen schlussendlich an den Park in der Nähe des Hostels. Beinahe als wäre es selbstverständlich, steht dort der einsame Nico, unser Straßenkünstler von vorhin aus dem Hostel mit seiner Gitarre und dem unglaublich netten Lächeln das aus so viel Leid zu sprechen scheint, aber dennoch echter nicht hätte sein können. Da es kurz vor Mitternacht ist wollte dieser eh grade eine Pause machen um sich einen Kebab zu holen, seine erste und einzige Mahlzeit heute, und wir begleiten ihn auf ein Gespräch. Wir erfahren was ich dir vorhin bereits berichtet habe und er erklärt in Tiefe seine Verbundenheit zu Musik und Texten. Er schreibt Lyriken und kann sich selbst am besten durch die Klänge seines Instruments ausdrücken. Auf Martins Anfrage sucht er die Noten von Martins liebsten Spanischliedes heraus und gemeinsam singen und spielen sie ein wenig davon. Ich stehe belustigt dabei und genieße die Musik aus meiner Stille heraus. Wir sagen auf Wiedersehen und seine Worte des Dankes und der Glückwünsche für unser Leben berühmten uns ebenso tief wie es unsere Worte für ihn tuen. Ein guter Mensch mit einem interessanten Weg vor sich. Ich liebe die Art wie er von den Höhen und Tiefen des Lebens sprach und wie er zum Genuss und zum Aushalten der beiden Situationen kommt. Es ruht eine große Kraft in ihm, die der permanente Schmerz in seinem Rücken nur begrenzt verkleinern kann.
Zurück am Hostel lernen wir noch sehr kurz den Angestellten kennen an dem ich vorhin vorbei gegangen war mit der kleinen Lüge hier gebucht zu haben, damit ich das Klo benutzen kann. Ich sage ihm gelogen zu haben und entschuldige mich, woraufhin wir für ein paar Minuten nett miteinander reden - ein super sympathischer Typ. Anschließend löst ihn Martin ab und wir stehen uns Gesicht zu Gesicht gegenüber und wissen nicht recht, welche Worte in der Welt beschreiben sollten, was wir nach so einem Erlebnis für einander fühlen. Eigentlich müssten wir kein Wort teilen, unsere Augen scheinen all unsere Gefühle und Gedanken untereinander zu teilen und eine lange schöne Umarmung mit kleinen Tränen in den Augen sagt den Rest. Ich wünsche ihm eine angenehme Rückreise und ein gutes Fasten, auf dass all seine Wünsche in Erfüllung gehen und er dann vergessen könnte je Wünsche gehabt zu haben. Sein Satz aus Cuenca fällt mir wieder ein: ‘Give me everything I ever wanted and let me forget I ever had it.’ Ich weiß nicht wer dieser junge, außerordentlich hübsche Mann an meiner Seite der letzten drei Wochen war; sicher ist nur dass ich alles Erdenkliche zu seinen Gunsten empfinde und ihm die Welt verspräche, läge es an mir sie ihm zu vermachen. Er wünscht mir weitaus Besseres und wir verabschieden uns ein letztes Mal mit allem Herz. Danach drehe ich mich um und entferne mich weiter von meinem Wegbegleiter, als ich es in den letzten Wochen jemals getan hätte, außer die eine Nacht von Gandia nach Cullera. In die Tiefen der Nacht soll ich nun verschwinden, um mein Flugzeug zu erreichen, welches mich nicht nach Hause, sondern direkt ins nächste Abenteuer bringen wird. Sardinien… - Ich habe keine Ahnung was mich erwarten wird, aber bin gespannter als je in meinem Leben. Mein Urlaub, falls es je einer war, wurde vermutlich genau in diesem Moment zum ersten Mal zu einem richtigen Lifestyle. Ein Verständnis über was das Leben wirklich ist, soll mich in den kommenden Tagen ein um das andere mal überrollen.
Alle Liebe an meinen Martin und all meinen Dank und noch so viel mehr an dich, dafür dass du dabei warst und unsere Reise durch Lesen und Fühlen teilst. Auf dass das Leben noch so viel mehr bringt und dass es das Abenteuer bleibt, mit welchem es begann!