Ich glaube an diesem Punkt bemerkte ich langsam, dass das Reisen kein temporärer Prozess sein müsste. Drei Wochen lang war ich mit meinem Freund Martin Meissner in Spanien unterwegs, als wir eine Distanz von 522 Kilometern zu Fuß von Alicante nach Valencia, über die Insel Ibiza, und durch Cuenca nach Madrid zurücklegten, dabei minimalistisch für Nahrung und Wasser sorgten, campten, auf Zuggleisen durch Berge wanderten, Wildschweinen zu Geisterstädten folgten, zufällige Fähren auf grandiose Inseln nahmen, in Pollenregen standen und Dichter wurden und dabei durch Rucksäcke und schlechte Schuhe reichlich litten - 29 bis 47 Kilometer täglich wurden in der ersten Hälfte der Reise gelaufen. Jetzt ist dieses Abenteuer zwar überstanden, aber keines Wegs zu Ende. Mit einem Billigflug ging es um 5 Uhr morgens von Madrid nach Cagliari, die größte Stadt auf der italienischen Insel Sardinien, auf welcher ich mich für die nächsten zwei Wochen aufhalten würde - für Martin ging es leider wieder in die Heimat Berlin’s und ich möchte auch wieder nach Hause kommen... - aber eben mal anders!
In Cagliari angekommen erkundete ich ein paar Striche gewissenhaft, aber das Verlangen auf Ruhe nach einer solchen Nacht zog mich schnell hinaus und so sah ich ein wenig des Umlandes vor der Stadt, machte eine schöne Pause in einer verlassenen Holzhütte an einem Flussverlauf umgeben von hochgewachsenem Schilf und hatte meine Freude die großen Scharen aus Flamingos im flachen Wasser des Sees östlich von Cagliari zu beobachten, die einbeinig stehend zu tausenden grau und pink in der prallen Sonne und der spiegelnden Seefläche leuchteten. Mein Reiseplan war es vom absoluten Südteil in dem ich mich zur Zeit aufhielt, an die nordöstliche Küste zu kommen, wo in fünf Tage meine Familie aufschlagen würde, um ihren Urlaub zu verbringen und ich meine Zeit mit ihnen teilen kann; sogar das Ferienhaus wäre für mich mitgebucht. Niemand hätte gedacht, dass ich über diesen kleinen Umweg zu unserem Pfingsturlaub dazu stoßen würde. Da ich die Nase voll vom puren Laufen hatte, würde ich mir ein billiges Zugticket buchen, welches mich für 17 Euro von Cagliari bis nach Sassari im Nordwesten brachte.
Noch eine kurze Anmerkung über den Schreibstil der kommenden Geschichte. Während Spanien hatte ich immer rückblickend über Tage berichtet und mich anhand der Notizen orientiert, die ich mir an jenem Tag gemacht hatte und meinen die Lücken füllenden Erinnerungen. Inzwischen führe ich viel öfter eine Form des Schreibens, die ich gerne Erlebnisdichtung nenne, auch wenn das ein zu großes Wort für kleine Worte ist. Bedeuten tut es, dass ich in einem Moment der Ruhe schreibe und auf mein Umfeld eingehen kann, wie es grade um mich herum existiert, bis ich dann aushole und den Kontext erläutere um nachvollziehbar zu machen, wie ich zu diesem Ort gekommen bin. Du wirst sehen können was ich meine. Viel Spaß beim Lesen!
Erlebnisdichtung
04.06.2025, 10:23am - Auf einer Bank an einem Platz in Cagliari sitzend mit Sicht auf eine römische Statue und belebten Restaurants
[Originaltext auf deutsch]
Mit einem Barfußschuh wo er hingehört, der Andere ausgezogen daneben, sitze ich mit einer neuen schmerzhaften Blase durch die verrutschte zweite Schuhsohle meines rechten Schuhs erzeugt, auf einer hölzernen Bank mit Blick auf Grotto Marcello, Bar Koko House und das Down Town Café. Die Blase kommt von dem zackigen Marsch durch Madrid’s Nacht, als ich merkte, dass der gewaltige Zeitpuffer keiner war, denn die mich zum Flughafen fahrende Bahn würde schon um Ein Ihr nachts die Fahrten einstellen. Dementsprechend eilend war ich da unterwegs und nach dem kurzen Flug waren es viele Kilometer vom Flughafen der Stadt Cagliari bis hier her - Autobahn. Waldboden wäre jedem lieber, aber die Aussicht über das Meer, an welchem ich nun wieder gelandet war, brachte eine nette Stille ins Innenleben. Auf der Bank neben mir sitzen zwei steinalte Herren; der eine mit einem quietschgelben Hemd und Sonnenbrille auf, der andere mit Stofftaschentuch in der Hand, bereit diese Hygienesünde zu normalisieren. Ein Kinderwagen mit Regenschirm montiert gegen die Sonne fährt an mir vorbei und zwei jungen Damen in grell weißen Gewändern sind auf ihrem Weg Richtung Kreisverkehr rechts von mir. Die dort platzierte Statue eines in Rüstung gehüllten Römers hebt die rechte Hand in die eine Richtung und blickt in die andere. Dahinter öffnet sich eine Allee voller wunderschön lila blühenden Bäume in regelmäßigen Abständen, wie es dir Natur vorgesehen hatte, mit Blumenstraußkörben an allen dazwischen stehenden olivgrünen matten Laternen. Gelaufen bin ich bis hierher vom Flughafen, das Ganze brauchte circa zwei Stunden und nun wollte sich mein Fuß beschweren und ich gab ihm Raum dafür. Das Problem konnte ich zum Glück feststellen und so sind die Sohlen jetzt getaucht. Meine Sohlenhistorie in Spanien war folgende: Die Reise gestartet hatte ich mit einer Sohle; der andere Schuh hatte keine und das war der erste größte Fehler meines Treibens und drei Tage später musste ich das mit kleinen Tränchen auf den Wangen einsehen. Ich erwarb also eine ganz tolle Neue, nur Eine, und lebte für eine Weile mit zwei Sohlen. In der Stadt Piles, wo uns das Dorffest zu zwei neuen Freunden führte und an welchem Morgen wir durch Böller auf der Straße und überall um uns herum geweckt wurden, schenkte mir einer der beiden seine zu kleinen Sportschuhe. Die verschenkte ich bald, aber die Sohlen behielt ich und eine von beiden setzte sich auf die Dauer durch. Stand jetzt: drei Sohlen und viele verheilende Blasen plus eine Neue. Diese.
Zuvor war ich einkaufen und musste erschreckt feststellen, dass die Preise wieder näher an Deutschland wären, als an Spanien. Man kann ja nicht alles haben... Mit einer riesigen Spinatpackung für 2.99 und zwei Wasserflaschen, welche sehr billig waren, sitze ich nun zwischen meinen beiden Rucksäcken. Wirklich erst heut Morgen schlug mir wie der Blitz ein, dass ich jene Tragtechnik, die ich für den Flughafen angewandt hatte, doch immer hätte haben sollen, denn mit einem Rucksack auf dem Rücken und dem anderen an der Brust, erschafft man ein viel natürlicheres Gleichgewicht. Ich ärger mich ein klein wenig über die ganze Pein des Vergangenen, aber umso mehr freue ich mich ab jetzt besser in das vor mir liegende zu starten. Mein Ziel ist es durch die Hilfe von anderen und mit viel Fußweg von hier aus Cagliari bis ganz nach oben in den Nordosten zu kommen, um dort meine Familie anzutreffen. Ich bin ziemlich motiviert und eigentlich auch ein wenig erleichtert wieder alleine unterwegs zu sein. Es scheint doch stark an meiner Energie zu ziehen, permanent mit einem anderen Menschen unterwegs zu sein, und das behaupte ich trotz aller Liebe für meinen Martin.
Ich hatte begonnen ein paar Worte in meinem blauen Notizbuch zu notieren, welches immer zuverlässig meine linke Hosentasche schmückt, die ich unbedingt auf Italienisch lernen wollte und generell möchte ich viel mehr von der Sprache mitbekommen, als ich zu Schulzeiten die Motivation gehabt hätte. Als Nächstes frage ich die KI nach ein paar sehenswerten Orten und nach nützlichen Vokabeln zum Notieren, um dann meine Reise fortzusetzen. Schlafen möchte ich eigentlich auch noch…
Journal (Das ist der Begriff des Schreibens, welcher andere Erlebnisdichtungen mit Sinn machendem Kontext füllt und die Illusion der Chronologie aufrecht erhält)
Als die Reise von dem Flughafen auf Sardinien nun also in die größte Stadt der Insel Cagliari führte und ich mich in diesem Park wieder fand, von dem aus ich mein erstes Update verfasste, verschlug es mich durch Inspirationen aus dem Internet getrieben in die Richtung des alten Kerns und seiner Welt aus Wänden der Erinnerung. Die Treppen auf dem Weg zur wunderschönen Kirche an der Spitze des Berges dort hätten nicht sein müssen, aber so würde sich zumindest die nächste Dusche richtig lohnen, wenn man die Chance auf eine hätte. In meiner Situation wurde ich so einfach nur aussichtslos zum stinken verurteilt. Naja. Zumindest rieche ich generell beinahe nichts und mein eigener Körpergeruch ist mir eh ein absolutes Geheimnis. Das ist überraschend selten von Vorteil - allein reisend ist eine solche Situation.
Die Bastione di Saint Remy am geografischen Höhepunkt der Stadt machte optisch auch den Höhepunkt meiner auf Architektur bezogenen Cagliari Tour aus, wobei ich sagen muss, dass es schon um einiges cooler erscheint, Flamingos in dem See im Osten von Cagliari zu haben, die im ewig flachen und grau blauen Wasser in Scharen zu Tausenden standen und sich ihre Gefiederfarbe anfraßen. Die armen Krebse und Algen. Die Farbstoffe, die Flamingos rosa färben, heißen laut Internet übrigens Karotinoide. Wie Karotte…
Als ich nämlich nach der Innenstadt und jeder Menge geschlossener Geschäfte aus der Stadt entkam, indem ich auf endlos langen Straßen entlang tappste und jenen See schließlich vor mir hatte, war ich noch getrieben von der Idee an der gesamten Ostküste entlang bis zum Treffpunkt mit meiner Familie zu gelangen - ich hatte mir überlegt das alles laufen zu können und verlor jegliche Lust, weil es wieder 30-40 Kilometer täglich geworden wären, die ich ohne meine Schnecke Martin im Gepäck mental niemals aushalten könnte. Trampen oder Hitchhiken oder Daumenheben am Straßenrand ist mir bisher auch noch nicht beigebracht worden und die Erfindung Zug schien das leichteste Mittel zu sein. Hoch lebe die Neuzeit!
Meine Mutter erlöste mich aus diesem anfänglichem Rätseln, indem sie mir die Route eines bodenlos billigen Zuges von Cagliari bis hoch in den Nordwesten in die Stadt Sassari schickte. Damit hatte sich diese gesamte Thematik im Endeffekt schnellstenst gegessen. Es bedeutete nur die gesamte, bisher gelaufene Strecke zurück in das Stadtinnere zu gehen, aber mich schriftlich über die Unlust am Laufen auszulassen, wäre dir gegenüber auch einfach ein Unding... Außerdem fand ich einen schönen Weg zurück; ganz anders als den hierher Führenden (ehrlich gesagt verpasste ich eine Abbiegung und landete wieder auf einer Autobahn - diesmal auf dem Gegenverkehr, als kleine Abwechslung zu sonst - und fand mich etwas später an einer schönen leeren Holzhütte im dichten Schilf an einem Fluss, der direkt vom See gespeist wurde und friedlich in der Nebenwelt aus Natur der großen Straße vor sich hin vegetierte). Mein Standtort war fünf Meter vom Fluss entfernt und jener Fluss hatte zwanzig Meter zwischen sich selbst und dem See. Ein echt hübscher Ort. Ich saß dort bis mein Repertoire an Bohnendosen durch den kleinen Löffel aus norwegischem Kuhhorn aufgebraucht war und machte mich dann an der Küste entlang auf zum Bahnhof. Ich hatte meinen Zug am späten Abend gebucht und somit eine sehr angenehme Zeit vor mir mit ein paar wirklich beeindruckenden Street Arts auf meinem Weg, gemalt auf riesige Betonpfeiler von hohen Brücken neben mir. Eines zeigte eine große goldene schwingende Glocke und einen Jungen, welcher falsch herum aus der Glocke Kopf nach unten hing und basierend auf seinem Gesichtsausdruck einiges durchzumachen hatte. Ich sah ein tolles Zeppelin in ewig entfernter Höhe, welches sich in ein farbenfrohes Kunstwerk aus Wolken der untergehenden Sonne eingebettet hatte und unter ihm die Steinküste mit ihrem Hafen und ein paar halb untergegangenen, echt hübschen Holzbooten zum Fischen, die mich unübertrefflich an die Szene aus ‘Der Weiße Hai’ erinnerten, bei dem ein Tauchgang bei einem angebissenen, untergegangenen Boot einer solchen Art bei Nacht unternommen wurde… ich frage mich wie viele Zuschauer von ihren Sitzen gekippt sind, als dieser Film in die Filmhallen kam und dort seinen ersten Horror mit sich brachte. Ich hab einen Schaden von Horror davon getragen. Von Büchern noch viel mehr als von Filmen. Echt schön hier übrigens… ich drifte ab. Die Berge hinter dem seichten Hafenwasser mit allerhand Fischen in sich verwirrten mich für geraume Zeit, denn ich wollte mir geografisch nicht im Klaren sein, ob ich tatsächlich Richtung Süden blicke und etwa das nordafrikanische Festland Tunesiens vor mir hätte oder ob es einen mir bis dahin noch nicht bekannten, südlicheren Teil der Insel gäbe, welcher sich so freundlich in mein Sichtfeld drängelte. Die Karte sagte zu gegebener Zeit, dass die zweite Möglichkeit der Ersten in Richtigkeit betreffend überlegen wäre. Es gibt noch einen Südzipfel, welcher sich weiter im südlichen Westen schwingt und sich so in mein nicht ganz südlich ausgerichtetes Blickfeld drängt. Sherlock, der Kartenversteher.
Der Zug war wundervoll leer und der Sonnenuntergang zählte zu meinen Top Fünf, obwohl sich dieses Ranking noch einige Male in den nächsten Wochen erneuern sollte. Ich konnte mich und meinen Rucksack über mehrere Sitze ungestört verbreiten und selbst der Fußgeruch, welcher beim Verarzten meiner Verletzungen entstanden sein muss, kam nicht bei den ewig weit entfernten Passagieren weiter vorne an und somit war es eine gute Zeit für alle. Musik wäre noch nett gewesen, aber ich hatte es zu meinem wichtigsten Vorsatz gemacht, dass ich keine Beschallung auf meinen Reisen auf mich wirken ließe. Weder allein in Norwegen, noch bei Touren mit Martin. Das bringt einen nicht nur wesentlich weiter auf persönlicher Ebene, sondern ist auch noch viel gesünder für einen klaren Geist. Gar keine Frage, oder? Allerdings liebe ich nun mal leider meine Musik und kann nur froh sein ein guter Pfeifer zu sein und endlos viele Lyriken meiner Lieblingssongs im Kopf zu haben. Mein Zuhause würde mir allerdings noch ein paar Gitarren, eine Ukulele und ein Klavier bieten, und dort würde ich mich doch bedeutend wohler fühlen, was den gesamten Klangkomplex angeht.
In der jetzt kommenden Erlebnisdichtung passiert ein Sprung, den man mit der Zeit nachvollziehen kann - so meine Hoffnung. Einen Tag später, also eine Nacht auf einem Acker von Olivenbäumen später, wurde ich von einem Einheimischen aufgegabelt und sitze zum Zeitpunkt des Aufschreibens in seinem Garten, abseits der Zivilisation in den schönen Bergen östlich vom nördlichen Sassari, ein wenig außerhalb von Sorso… du wirst schon sehen!
Erlebnisdichtung
05.06.2025 - In einem Garten in den waldgetränkten Hügeln Sardiniens - Gilles und Emmanuelle, der lokale Helfer Giuseppe, zwei Hunde namens Mana und Manuia - die Zeit sagt 12:01 mittags
[Originaltext auf deutsch]
Auf meiner isolierenden, von Martin dagelassenen Matte sitzend, schaue ich direkt auf das schnuckelige Tiny House in dem meine beiden französischen Gastgeber hausen. Zu meiner Linken ist der Holztisch auf dem ich den kleinen Kaffee beim Ankommen trank und das zarte Dinkelbrot aus Sorso aß. Dabei durfte ich dem Pärchen zusehen, wie sie Pflanzen pflegten, umtopften und bewässerten, oder weiter vorne auf dem Grundstück mit der Hilfe des in der Nähe lebenden Giuseppes und mit der Unterstützung einer geräderten Maschine, einen Schuppen erneuerten, der davor grade so als Bruchbude durchgegangen wäre. Ich beobachte die Perma-Beete um mich herum, die Vegetation und den riesigen Brunnen in einiger Entfernung. Ich meditierte grade für 15 Minuten und nahm den Ort so in seiner Tiefe in mir auf. Fliegen umschwirren mich, Ameisen säumen den Boden, Vögel füllen die Luft und die Sonne fällt warm und voll durch die Blätter des Orangenbaumes neben mir. Ich kann genau zwei seichte Wolken am Himmel erblicken und die Luft ist von den seichten Stimmen der beiden Männern vorne beim Bauen gefüllt. Der Garten ist eine Landschaft aus angehäuften Erdstreifen, die allesamt bedeckt sind mit allen erdenklichen Pflanzen mit Nutzen. An jeder nutzbaren Ecke spriest etwas neues Kleines und was mir Gilles vorhin in seinem stark nach Olivenöl riechenden alten Pick-Up Truck erzählt hatte, als er mich auf einer Straße zwanzig Minuten von hier aufgabelte und was dann noch ausgedacht klang, bekommt durch diese ersten ruhigen Blicke auf die Umgebung echte Substanz und scheint sich selbst zu erklären.
Journal
Dass ich hier bin, kommt überraschend, aber kann durch eine kleine Vorgeschichte erklärt werden: Die Nacht verbrachte ich in einem Olivengarten, ein paar Kilometer außerhalb von Sassari auf frisch umgewälzter Erde und schlief dort mit jeder Menge Tiergeräusche und wundervoller, klarer Sternennacht ein, nachdem ich vom Zug aus in das Zentum der 130 Tausend Stadt gelaufen bin, mich in der Nacht des zentralen Marktplatzes am skizzieren vorbeilaufender Personen versucht hatte, und von dort aus dann sieben Kilometer bis zum Feld lief, um am nächsten Morgen durch Sorso zu spazieren. Vorbeifahrende Autos waren das kleinste Problem - die Vögel und ihre trotz der Dunkelheit praktizierte Geräuschkulisse schon ein Größeres. Dann hörte ich eine Art Niesen, bei dem ich nicht sagen konnte, ob es eher einer Katze oder einem Pferd gehört hätte. In Folge dessen machte ich eine kurze Recherche nach Lebewesen auf der Insel, die mir gefährlich sein könnten und durfte beruhigt feststellen, dass Wildschweine und streunende Hunde die wohl größte Gefahr darstellen sollten. Es gibt auch eine Art schwarzen kleinen Skorpion, dieser sei aber so selten, dass ich beruhigt die Augen schloss und nur noch wach lag, um einer Maus beim quietschen zuzuhören.
Mein Morgen startete sehr ruhig und angenehm. Ich frühstückte nicht und machte mich schon sehr bald auf den Weg in Richtung Sorso, die nächst größere Ortschaft in Richtung Osten. Dort angekommen, fand ich einen Pfirsichbaum und schaffte es durch die Schwere meines Rucksacks in Balance gehalten, mich so weit über die Mauer zu lehnen, um an eine wunderschöne pralle und sehr saftige Frucht zu kommen. Der Baum beschwerte sich nicht, denn er war voll davon und ich hoffe die Besitzenden vergelten mir den unbedachten kleinen Raub, welcher keiner bösen Absicht war, sondern eher der Bewunderung des Baumes verschuldet gewesen ist. Alles im Freien Wachsende schien die Sonne in vollen Zügen zu genießen und die Natur schien an ihrem Höhepunkt aus Kraft zu blühen. Dieser erjagte Pfirsich veranlasste mich dann ein Frühstück einzuplanen, für welches ich mich auf ein kurzes Stück aus dickem Holzzaun setzte, bei einem verlassenen Haus, wobei ich mit den Beinen knietief in Blumen und anderen Gewächsen auf der anderen Seite hing, mit einem Ausblick über den Hügel vor mir und dessen dichte Bäume, viel davon Olive, die Täler und Wiesen, die Bachläufe, welche verlässlich mit Schilf gekennzeichnet waren, selbst in den grünen Untiefen aber nicht mehr zu erkennen sind. Jede Menge Vögel machten die ansonsten wolkenleere Himmelsluft zu einer belebten Spielwiese aus schwarzen, sich verfolgenden Punkten und ihren Klängen. Vögelklänge sind mir seit Kanada eine kleine heimliche Liebe. In den vielen Stunden meiner Freizeit dort, verbrachte ich einen beträchtlichen Teil in meinem liebsten Waldabschnitt und oft genug starrte man nur am Boden liegend vom Poncho sicher eingehüllt, in das lebende Blätterdach. Ab und zu hörte man die Rehe um sich herum springen, sah und hörte die Raben der Gegend lachen und wie sie von ihren Ästen aus alles unter sich kommentierten, einmal landete eine weiße Eule mit kleinen schwarzen Punkten keine fünf Meter im Baum neben mir. Mit großem Glück konnte ich durch solch einen Aufenthalt auch mal die in den Wäldern des Reservates, in dem ich mein Freiwilliges Soziales Jahr verbrachte, die heimische siebzehnköpfige Hirschherde beobachten, wie sie gesammelt mit großer Geschwindigkeit an mir vorbei preschten. Mit 17 Tieren war das ein gewaltiges Beben, da jede einzelne Hirschkuh beinahe die Größe eines Pferdes hatte.
Bevor ich abdriftete wollte ich sagen, dass ich dort auch oft dem Gezwitscher der Vögel lauschte. Ich ahmte vieles nach bestem Gewissen nach und hoffe durch meine Versuche niemanden der anwesenden Vögel verletzt oder verwirrt zu haben. Seit der Grundschule war ich in der Lage mit geschlossenen Zähnen zu pfeifen und dabei auszusehen, als würde ich grinsen. Dieser Zusatz ließ mich ein paar Geräusche machen, die mir ansonsten stark gefehlt hätten. Außerdem lernte ich in den Stunden des Versuchens meine eigene Kehle und ihren Klangkörper viel besser kennen und arbeitete stark mit meiner Zunge um die Tonlagen und Schwingungen zu treffen. Jene erprobten Töne hallten nun zu meiner Freude wieder ein Mal aus meinem Mund über die Landschaft Sardinien’s und integrierte sich so in die aufgeweckte, warme Sommerluft. Der Balken auf dem ich saß war unglücklich spitzkantig gespalten worden und sobald ich gegessen hatte, hielt mich nur noch die Aussicht an Ort und Stelle.
Die meisten Blumen waren farbenfroher als in Spanien und die Menge an Tieren überraschte mich nicht weniger als es zur Einschlafenszeit der Fall war. Man merkte die Menge an Wasser, die zugegen war und was jenes der Flora und Fauna antat. In Sorso selbst kaufte ich noch ein schönes Brot aus Dinkel, dessen Duft, Konsistenz und Geschmack mich all die Male vergessen ließen, bei denen ich auf billigem, spanischem Baguette rum kauen musste. Sorso selbst war eine lustige Stadt. Ich erlebte sie beim Erwachen an einem ihrer unzähligen Morgenden. Seit kleinen Ewigkeiten des Schreibens versuche ich den Plural für einen Morgen zu finden. Nach meinem Sprachverständnis haut das so hin, aber ehrliche Ahnung ist ganz anders. Es war noch reichlich früh, und so sah ich junge Menschen zu Bushaltestellen strömen; roch, wie Bäckereien beliefert wurden und ein Kindheitsduft von einer perfekten Waffel erfüllte die Straße durch ein offen stehendes Fenster und erfüllte so auch mich. Dass ich fähig war zu riechen, ist eine unverschämte Seltenheit meines Geruchsorgans, aber machte den Moment des Gassenlaufens so vielmals intensiver! Die Menschen grüßten nett und ich hatte leider immer noch nicht die lokale Form des Hallo-Sagens raus hören können und lief deswegen nur ‘Ciao’ und ‘Buon Giorno’ sagend umher. Eine große Freude, bei welcher die Äuglein unermüdlich umherschauen und alles zu verschlingen scheinen. Man wird zu dem gebannten Zuschauer seines eigenen Films.