Rund ums Zelt

Rund ums Zelt
Ein Morgen nach der ersten Zelterfahrung in Tansania, Sengerema, unter Bananenbäumen

Mit Loana hatte ich vor nicht mehr als einer Woche folgende Unterhaltung: wir wollten auf einer penetrierenden Hügelbusfahrt zufällige Wörter in den überfüllten Busraum sprechen und uns dann mit dem Wort beschäftigen, indem wir philosophieren und analysieren und irgendetwas damit anfangen. Ein kleines Improvisationstheater. Wichtig wäre nur, dass das Wort möglichst zufällig ist. Der Verlauf des Ganzen war so ausgelegt, dass wir zuerst ein wenig über Haie debattierten, welche anscheinend älter als Bäume sind, und anschließend neue Eiskugelsorten erfanden, aber zu guter Letzt kam Loana auf das Wort ‘Zelt’. Nach wenigen Augenblicken weiteten sich unsere Augen, Augenbrauen wurden gehoben und Münder standen halb offen, bis der Moment durch ein besonders großes Loch in der Sandstraße zu einem hirnerschütternden Ende kam. Uns ging ein kleines Licht auf bei der Frage woher dieses Wort nun kommen könnte. Unsere Mission schien zu sein, das Wort in seinem Ursprung zu verfolgen und zu verstehen, was die Person, welches es als erstes so benannte, grade im Kopf und in der Vorstellung und dem Verstand hatte. Ich drifte kurz ab für ein Beispiel. Bitte klammer dich an den roten Faden, den es nicht zu geben scheint, wir sind gleich wieder da!

Der Ort! Bei dem Wort ‘Ort’ und seiner Nennung, standen Loana und ich grade auf dem Hügel aus runden schönen Steinen, der den absoluten Höhepunkt der Gegend in der wir leben gründete und der optimale Aussichtspunkt über die Nachbarschaft aus zierlichen Sandstraßen weit unter uns, mit Häusern und glänzenden Blechdächern, mit riesigen runden Steinen überall und Baumpracht genau vor uns - über den See Victoria und Sonnenauf- und -untergänge darstellt. Da saßen wir, als die Sonne langsam verschwand, der Wind auffrischte und wir unsere letzten Reisbällchen, Kitomboa, verputzten. Das Wort ‘Ort’ fiel wie aus dem Himmel und schlug vor meinen nackten Füßen auf dem rauen Boden auf. Ich hob es von dem Steinboden und nahm es in den Mund, um es auszusprechen. ‘Ort.’ Die Überlegung darüber, was wohl wahrgenommen wurde, als dieses Wort das erste Mal in seiner Bedeutung von einem Menschen genutzt wurde, beschäftigte uns für ein paar Momente. Dann hatten wir eine Eingebung. Wir stellten uns auf den aller höchsten Stein und blieben still stehen. Wir starrten in eine Richtung und wechselten diese nach und nach, um uns einmal um die eigene Achse zu drehen. Nicht ungefährlich, denn der Stein ist klein, aber dennoch belohnend. Eine Rundumaussicht und eine Erkenntnis später, tauschten wir uns erneut aus. Es schien als hätten wir eine Antwort. Das was wir beide soeben erlebt und gesehen hatten - die Rundumsicht von einem ganz bestimmten Fleck aus, und die gesamte Aussicht von ganz nah, über die Gegend, dann die weite Aussicht und bis hin zum Horizont - schien die genaue Sache zu sein, die in uns das Wort ‘Ort’ hervorbringt. Wir haben dabei einen ähnlichen Ort erlebt, Loana und ich, aber wir behaupten, dass der Ort immer ein anderer ist, je nachdem wo man steht. Der Ort ganz oben auf dem kleinen Stein auf dem großen Steinhaufen ist nun Teil unseres Erlebnisses und erfreut über ein Wort, dass wir selbst erkunden durften, steigen wir den Berg wieder hinab.
Nach dem kurzen Tagtraum wachen wir wieder zusammengepresst zwischen 40 anderen Fahrgästen im Minibus auf der Mondlandschaft aus orangem staubigen Sandboden auf und denken während diesem zufälligen Abend wieder an ‘Zelt’. Mein Rücken und meine Füße tuen ein kleines bisschen weh. Mein Kopf ist maximal nach vorne gebeugt und meine Schultern berühren trotzdem das dünn gepolsterte Blechdach, wobei an meiner Stelle eine kleine nicht funktionierende Lampe angebracht ist und die Situation noch ein wenig spannender macht. Alle, bis auf einen anderen Fahrgast, stehen einigermaßen grade und problemlos. Nun denn, Zelt! War’s das schon oder kommt noch was dazu? 

Zuerst suchen wir in den Vokabelordnern unseres Hirns im Sektor Deutschkenntnisse nach anderen uns vertrauten Worten, die mit Zelt zusammenhängen. Viele gibt es nicht, aber mir fällt spontan unser Himmelszelt ein. Das große schwarze Ding bei Nacht über uns, mit den kleinen Staubpartikeln, die so schön glänzen. Viel Ahnung hat man davon zwar nicht, aber immerhin kennt man es, oder? Das Himmelszelt. Wir beschließen eine waghalsige Parallele zu ziehen und behaupte, dass Himmelszelt ein älteres Wort als unser ‘Zelt’ wäre. Vielleicht hatte man das Himmelszelt vor der Erfindung des Zeltes auch einfach nur ‘Zelt’ genannt… gab ja kein anderes, nicht? Wir denken uns ebenfalls, dass bevor es Zelte gab, aber man auch ohne schon draußen geschlafen hat, diesen Prozess vermutlich auch als Zelten betitelt hatte. Man schläft unter dem Zelt des Himmels und seiner Sternenpracht, welche vor der Verschmutzung durch Licht unseres Daseins noch so unglaublich gewesen sein muss, und das überall auf der Welt. Man zeltet. Ein Zelt gab es nicht, ein Zelt braucht es nicht. Nur harter Boden, frische Luft, hoffentlich ein wenig warme Kleidung und möglichst wenig Insekten, keine Raubtiere in der Gegend und das Himmelszelt über dir mit einem Zirpen das durch die Nacht hallt. Zelten. Draußen schlafen. Unter den Sternen!


Zurück zuhause. Nachdem mein Mentor Peter und ich also unseren Raum, den wir gemeinsam beleben, nun geräumt, gesäubert und neu gestaltet hatten, entschied ich mich meine eigenen Vorstellungen wieder walten zu lassen und mir Freiheit und Unabhängigkeit zurück zu erobern. Eigentlich wollte mein Mentor nach Woche Eins ausziehen und sich ein eigenes Haus in der Gegend zum Leben suchen, aber ich kam ihm zuvor und packte mein aktbekanntes Luxuszelt und verschwand für meine erste Nacht in der Frische der Nacht. Ich meine die Verwirrung im Gesicht meines Bruders einer anderen Mutter gesehen zu haben, aber er beschwerte sich nicht. Meine Gründe waren keine anderen außer das Vermissen meines geschätzten Am-Boden-Schlafens. Aber eine Entscheidung bringt manchmal mehrere Vorteile mit sich und so habe ich nun nicht mehr das Vergnügen beim ins Bett gehen kleine Mäuse grüßen zu müssen, die mich zwischen der Wand und Matratze heraus her anlächeln. Außerdem entfliehe ich dem Quietschen des eisernen Hochbettgestells. Zuvor hatte ich auf einer Matratze am Boden geschlafen und jetzt nach dem Umräumen des Zimmers wäre ich ins untere Stockwerk des Himmelbetts gezogen mit Mentor Peter über mir. Akustisch wäre das eben das Metallquietschen und das allmorgendliche Säubern eines verstopften Halses von dem Kollegen über mir, was mich immer mit Ängsten aus dem Schlaf fahren ließen mit einer Erinnerung an Spanien -  Plural, Erinnerungen - bei denen ich zu Wildschweinen neben meinem Schlafort unter den Sternen aufwachen durfte. Solche Augenkontakte als erstes am Morgen müssten nicht sein, aber eine schöne Art von Erinnerung, nichts desto trotz. In hohem Gras liegend, mit Spanienkollege Martin neben mir in seinem Zelt und auf meiner Decke ein paar Insekten, Spinnentiere und Weichtiere krabbeln und kriechend und fleuchend. Herrlich, mit dem Geruch von Freiheit in der Nase.

Jetzt lag ich also draußen in meinem Zelt. Der Moskitoschutz ist im Gegensatz zu dem im Zimmer Schwarz statt Lila. Nichts gegen Lila. Das Netz in meinem Zelt ist im Kontrast zu dem in meinem Zimmer nicht gerissen und das lila Netz gehört inzwischen auch schon Peter, weil es nur im oberen Geschoss des Bettes den Platz für die Netzmontage gibt. Was meine Lage betrifft, ist das ein Unterschied und ein großer Vorteil, wieder einen Schutz vor Malaria um mich herum gespannt zu haben. Ich schlafe unter dem Mangobaum und bin optimistisch bei Regen schnell genug alles gepackt zu bekommen und zu verschwinden. Aufgebaut ist alles in zwei Minuten, da es lediglich die eine biegsame Stange gibt, welche es gilt durch die dafür vorgesehene Bahn zu schieben und zuvor zusammen zu stecken und schon ist mein Thaleskreis eines Zeltes errichtet. Die Heringe, die es ansonsten für die Befestigung gäbe, kann ich mir wegen dem steinharten Sandboden sparen und so suche ich mir den nächst besten Stein, welcher in einer Ecke des Zeltes liegt und es so vor dem Umfallen bewahren wird. Drei Kilo wiegt der Brocken und zuvor säubere ich ihn noch von seiner Sandkruste und jeglichem Ungeziefer.

Als ich bereits in Dar es Salaam in meinem Zimmer gezeltet hatte, war dieses nötige Gewicht zum Aufrechthalten für das Camping Equipment noch meine Box für Klänge… es gibt Weniges noch schöneres neben sich zu haben, als den geliebten Bluetooth-Speaker, wenn ansonsten alle Menschen, die einem kostbar und lieb sind, in der Welt verteilt leben und ferner nicht sein könnten. Ein Umstand an den man sich gewöhnen kann, der aber doof bleibt, egal mit wie vielen Speakern man die Nacht verbringt. Und zum Glück gibt es Briefe und das Internet, auch wenn das wohl kaum ein Ersatz darstellen kann… die meisten Menschen mit Fernbeziehungserfahrungen können vielleicht Mund verziehend, nickend zustimmen.

Als ich um fünf Uhr morgens aufwache, um Loana’s und meine Hündin Paula aus dem Vorbau zu entlassen, damit sie die Chance auf einen Klogang in der Natur erhält, durfte ich feststellen, dass unser freches Haustier die Haustür, welche zu ihrem Schutz vor streunenden Hunden über Nacht geschlossen ist, selbst aufbekommen hatte und ruhig und zufrieden auf ihrem Kissen lag. Damit war mein Part des Jobs mehr oder weniger getan und ohne mich lang mit ihr zu unterhalten, entschwand ich wieder für mehr nächtliche Ruhe. Die fand ich erst eine ganze Weile später…

Der Sternenhimmel des Morgens direkt über mir, präsentierte mir ganz deutlich das Sternzeichen Orion, der neben der Baumkrone des Mangobaums sein Unwesen trieb, als er diesen Morgen in den Zenit rückte. Orion kann man relativ leicht an drei hellen Sternen auf einer Linie dicht aneinander erkennen, und jene bilden den Gürtel des Orion’s. Bevor ich einschlafen konnte, plagte mich die Sehnsucht nach der ersten Person, die ich kennen lernen dürfte, welche sich mit Sternbildern auskennen würde. Irgendwie schien mir das ein wenig zu lange zu dauern… wieso interessiert sich kaum ein junger Mensch genug für Sterne, um die Namen ihrer Konstellationen zu lernen und eine schöne Konversation zu führen? Man könnte sich so schnell und einfach gegenseitig etwas beibringen und einen schönen Austausch beim Sternebeobachten haben… Aber wer guckt schon noch in die Sterne? Un wozu auch…? Damit man bei Nacht wüsste wo Norden ist? Also vielleicht ist es nicht wirklich praktisch, aber lass mich die Coolness des Ganzen nochmal betonen. Weißt du wie man anhand des Großen Wagens/Großen Bärs ganz leicht den Nordpolarstern ausfindig machen kann und nie wieder in der Welt verloren sein müsste? Genau… (Fun Fact - der Mayor Orso ist von Tansania aus nicht sichtbar. Hier verpass ich die Schönheit des nördlichen Nachthimmels, auf was ich davor ignoranter Weise gar nicht gekommen wäre.)

Was mich außerdem vom Schlafen abhielt, war die besagte Hündin, welche sich für den Rest der Nacht von der Außenseite des Zeltnetzes gegen meine Körperseite drückte und mich so minimal wärmte, aber dafür in ihrem eigenen Komfort aufging. Schön für Paula. Und schlussendlich auch schön für mich. Schließlich hab ich meinen geliebten Fellfreund neben mir.

Einschlafen konnte ich dann immer noch erschwert, weil eine leise Stimme in meinem Kopf erwähnte, dass wenn ich jetzt aufstehe und auf den Hügel mit den großen Steinen und der perfekten Aussicht klettern würde (der Hügel von dem aus Loana und ich auch das Wort ‘Ort’ begriffen hatten), dass ich dann den wahrscheinlich unglaublichsten Sonnenaufgang jemals miterleben könnte. Ahh, das hielt mich lange beschäftig, bis es allmählich hell wurde und ich die undurchdringliche Wolkenschicht am Himmel klar erkannte. Dann konnte ich mit gutem Gewissen einschlafen. Demnächst klettern wir dann dort hin. Wir sind ja noch eine Weile hier.
Ab sechs Uhr startete der Adhan aus der nächsten Dar al-Islam, gerufen von einer einzelnen Person, der die Gegend auffordert aufzuwachen und mit ihm zu beten, und um sieben Uhr wachte ich final, noch vor meinem Wecker, zu Hahnengeschrei und mindestens vier verschiedenen Vögelgezwitschern, Menschen, die sich unterhalten und Paula’s Schnarch-Schnurr-Stöhn-Tönen auf. 

Meiner Meinung nach der angenehmste und schönste Weg wach zu werden und die Art so in den Tag zu starten, übertrumpft alle Male im Zimmer ums Mehrfache. Dass heller werdende Blätterdach über die, Sonnenstrahlen auf der Netzwand des Zeltes und auffrischende Luft durchsetzt von Klängen. 

Die erste Erinnerung des Tages, die sich in meinen Kopf verirrt, ist Eine an meine Zeit in Kanada auf Vancouver Island, als ich mit einem Freund dort beinahe zwei Wochen im Zelt auf einer der Wiesen nahe unserer Glenora Farm Community lebte. Umgeben von kanadischen tiefgrünen Nadelwäldern und morgendlichem Tau war das eine wunderschöne Zeit. Man schlief mit Zahnbürste neben sich und so wachte ich damals genau wie jetzt auch auf. Man putz sich die Zähne, läuft die Straße runter zur Arbeit und schon geht der Tag los… damals waren es die Rufe von Eulen, heute sind es gelbliche Spatzen und Hühner. 

In Kanada hatte ich schon damals das Glück, dass ich circa zum Beginn des Jahres 2024 damit begann auf meinem schönen hölzernen Fußboden mit einer dünnen Yogamatte unter mir zu schlafen, in unserer wundervollen kanadischen Blockhausbleibe, in der wir zu zehnt lebten. Meine israelische Familie mit ihren beiden jungen Kindern, vier Erwachsene mit geistiger Beeinträchtigung und ich mit verschiedenen einzelnen Freiwilligen aus Deutschland von Zeit zu Zeit. Eine von ihnen Linnéa.  

Somit war der Umschwung von Holzboden zu einem natürlich, gepolsterten Grasboden ein kleiner Segen für meinen an alles gewöhnte Rücken gewesen und ich konnte die Zeit doppelt genießen auf meiner Matratze aus Feldboden. Frische Luft, ein Freund in der Nähe, der das Erste und Letzte eines jeden Tages darstellt, unglaubliche Sternenhimmel über uns und Tiergeräusche.
Hier in Tansania ging es von meiner zimmerlichen Matratze zum nachgiebigen Sandboden, aber da ich die Matratze nicht mehr aushielt und sie mir Rückenschmerzen und generellen Diskomfort bereitete, war es erneut eine Verbesserung. Jedes Mal wenn ich mich abends auf dem Boden einfinde und spüre wie bei tiefer Entspannung jeder Wirbel einzeln gestreckt und gedehnt wird, und manchmal mit leisem Knacken der Ein oder Andere tiefenentspannt einrastet und ich mich immer grader ausstrecke und näher am Boden liege, dann ist das ein Gefühl der Geborgenheit und des Ankommens. An diesen Boden legt man sich tagsüber nicht - man schimmelt nicht im ‘Bett’, sonder kommt hier nur abends nach einem langen Tag an und verbindet den Ort mit nichts außer absoluter Entspannung und Schlaf.
An diesen Punkt kommt man nicht einfach und schnell, und jede interessierte Person unter euch erwartet erst eine Zeit der unruhigen Nächte, der wilden Träume und des Lernens, wie man lange wach liegen bleibt und den Körper ruhen lässt, während der Geist noch nicht in der Lage ist die Kontrolle abzugeben. 

Das Bodenschlafen hatte ich gestartet, um meine Wirbelsäule neu auszurichten und eine unangenehme Fehlstellung einer meiner Steißbeinwirbel zu korrigieren. Wenn ich am Boden lag, war das durch die Belastung auf dem einen Wirbel nie ohne Schmerzen und aufsetzen hätte ich mich nur durch Hilfe meiner Arme gekonnt. Medizinisches Verständnis hatte ich zu diesem Zeitpunkt in Kanada keine und ich dürfte die überraschteste Person von allen sein, als mein Vorhaben solche Ergebnisse mit sich brachte. 

Jetzt in Tansania arbeite ich im Krankenhaus Bugando in der Neurologie-Abteilung und lerne das nicht wenig über unser Zentrales Nervensystem, Köpfe und Wirbelsäulen und trotzdem habe ich noch niemanden sagen hören, man solle sich auf den Boden legen, um Rückenprobleme zu beheben… es bleibt ein gut gemeinter Tipp, welcher nur Wenigen die Lösung zum Problem bieten wird, aber ganz bestimmt den Meisten eine interessante Erfahrung. Was diese Relativität im Komfort des Tag-Nacht Rhythmus’ mit unserer Mentalität anstellt, wird zu gegebener Zeit im Garden Within ausführlich besprochen. Komfort ist eine so interessante Sache, die wir so zu mögen pflegen, welche uns aber in den aller meisten Fällen in unseren Möglichkeiten beschränkt. 

Mein Wirbel fügte sich also mit der Zeit dem eigentlichen Lauf meiner Säule und auch ihre Haltung über den Tag profitierte merkbar. Menschen die meine Teens gesehen haben und mich jetzt kennen, können möglicherweise ihr Zeugnis ablegen. Auf einmal lief ich Tag für Tag grader durch die Welt und bei Nacht konnte ich nach ein paar Wochen sogar besser schlafen als mir das zuvor möglich war. Träume wurden direkt in der Nacht verarbeitet, weil man durch die Härte des Bodens dazu gebracht wurde, ein wenig länger wach zu liegen, wenn man schon mal wach war nach einem Traum. An diesen Prozess erinnert man sich am Morgen nicht mehr, aber ich hatte permanent das Gefühl, dass sehr sehr viel passiert sei in der Nacht, aber dass bereits ganz viel Verarbeitung geschehen war. So brauchte ich nie einen Tag mehr dafür opfern, um einen Traum von mir zu verarbeiten. All das war beim Aufwachen getan und vergessen. Nur das Gefühl blieb. Und die Erinnerung an das Gefühl liegt jetzt geschrieben vor dir. Probier das ruhig aus. Lass dich vom Feedback anderer, vor allem deiner Eltern oder des Partners nicht aus dem Konzept bringen, sondern mach dich verständlich und erkläre. Neues versuchen ist gut und wenn es nichts für dich ist, dann weißt du ja was zu tun ist. Für mich hat es ebenfalls den Vorteil, dass Matratzen teuer sind und ich keine brauche. Oder dass Reisen mit Matratze schwierig ist, und ich wieder keine brauche. Man wird unabhängiger von äußeren Umständen und das eigene Potenzial ist möglicherweise leichter zu erreichen. Auf jeden Fall wird man ein wenig freier. Weniger von Dingen abhängig zu sein, klingt für mich zumindest immer nach Freiheit… aber wo bringt einen das schon hin…? Von Kanada durch ganz Europa mit Rucksack und dann nach Tansania? Hmm, aber ist es das wert?
Also mir geht’s gut. Ich hoffe dir auch!

An dieser Stelle möchte ich ohne den Kontext klar zu machen, eine zufällig erscheinende neue Variante des Schreibens integrieren... wie so viele liebe ich das Fotografieren. Meine Kindheit und Jugend hindurch hatte ich nicht die Möglichkeit Dinge in Fotoform festzuhalten, da ich mein erstes Handy erst mit 17 Jahren kaufte. Als es soweit war, kostete es alles Ersparte bis dahin und bis jetzt trägt mich mein iPhone durch den Alltag. An allen unglaublichen Orten in der Welt war es bei mir und das ein oder andere Foto glückte mir wie ein Geschenk. Ein solches Geschenk ist es wert, nicht nur absolut kontaktlos auf die sozialen Netzwerke gestellt zu werden, sondern nur halb so kontaktlos auf meinem Blog, um zu dem einen oder anderen Bild eine Beschreibung und Geschichte geben zu können.
Bisher lief es so, dass ich einen Artikel in meinen Notizen verfasse und ihn dann auf meiner Website einfüge. Dann wische ich für eine Weile durch meine schwarz-weiße Handygallerie, denn ja, mein Handy hat keine Farben auf dem Bildschirm seit über einen Jahr, und wenn ich ein paar Bilder im Zusammenhang mit dem Geschriebenen finde, dann füge ich das ein oder andere hinzu. Vor allem das Coverbild ist mehr wichtig und auf Online-Plattformen werdet ihr genau jene Bilder als Titelfotografien für meine Einträge finden, die in einem kreuz Text den Artikel anpreisen... alles kein Zauberwerk und sehr am Boden geblieben.

Von jetzt an werdet ihr ab und zu entdecken, dass ich ein einzelnes Bild nehme und konkret über jene Momentaufnahme Worte verliere, sie beschreibe und den Umstand erläutere und damit den Eintrag im Endeffekt um das Bild herum gestalte und erschaffe. In diesem Post wird es um ein Zelt und dessen Umgebung und Umstand gehen, aber für die Zukunft kann das auch ganz anders aussehen... ich weiß es selbst noch nicht.

Du siehst für dich selbst. Meine Beschreibung hierfür braucht es kaum. Und wenn du raten müsstest wo dieses Bild aufgenommen wurde, und du meine Geschichte verfolgt hast und weißt, dass ich in Kanada auf Vancouver Island für ein 19. Lebensjahr gelebt hatte, dann könnte es dir passieren, auf diesen Zeitraum zu tippen. Die Nadelbäume im Hintergrund würden in dieses Schema passen, der Schnee am Zeltboden wäre auch nichts Ungewöhnliches und die Bauart des Zeltes in natürlich auch an und für sich ein Argument dafür. Und doch spricht etwas dagegen.
Zum einen meine Hose. Vielleicht kennst du sie. Ich erwähne sie von Zeit zu Zeit und auf Bildern sieht man sie auch reichlich. Gekauft wurde sie in Kanada und auch das spricht natürlich für jene Vermutung. Allerdings ist es ein ganz winziges Detail, das alles widerlegen würde. Schau mal auf mein rechtes Hosenbein und das untere Ende... erkennst du etwas Grünes. An der Innenseite läuft ein hellgrüner Streifen nach oben und auf ihm sind kleine schwarze Letter. Ganz offensichtlich sind auch die chinesischen Schriftzeichen zu erkennen, aber jene erschienen erst eine Weile nach dem Klebeband. Klebeband? Jup, und nicht nur irgendeins, sondern das Beste und Fähigste, das die Welt des Handwerkes zu meiner Zeit der Zimmereiarbeit zu bieten hatte. Rissan... Teil meiner Hose wurde es, als ich mir meine weiße blitzeblanke und schön weite Leinenhose an meiner Fahrradkassette und dessen Ritzel zerriss. Ritzel nennt man einen der Zähne im Zahnkranz, von der zackigen Scheibe beim Fahrrad, um das deine Kette herum läuft. Die Situation war doof und noch doofer war, dass meine Hose von unten bis beinahe zum Knie hoch zerriß. Tief integriert in meine damalige Identität, bangte ich jene durch den Verlust meiner Hose zu verlieren und wusste dann, dass es an mir läge das wieder grade zu biegen.
Ich fand also das richtige Klebeband und hatte seitdem ein grünes Alleinstellungsmerkmal an meinem Hosenbein. Oft wurde ich darauf angesprochen und belustigt musste ich jedes Mal feststellen, dass Menschen vermuteten, es würde zu der Hose gehören... als ich nach meiner abgebrochenen Ausbildung dann begann Pinyin und Hanzi zu lernen und einen unbeschreiblich großen Spaß an ihnen fand, schnappte ich mir einen Edding und begann meine chinesischen Lieblingswörter auf die Hose aufzutragen. Als weiterhin vermutet wurde, dass so eine Hose gekauft werden würde, war ich endlos belustigt. Warum ist es so ungewöhnlich seine eigenen Klamotten zu gestalten und kreativ zu dekorieren? Warum bin ich selbst nicht davor schon drauf gekommen, und wie bekomme ich jetzt noch genügend Farbe ins Spiel?
Die geballte Menge aus Farbe würde bis Tanzania warten, aber schon auf Reisen nach Norwegen würde ich beginnen Ölfarben in Monaco aufzutragen, Risse mit kleinen Stoffstreifen zu reparieren, kaputte Gürtelteile meines Reisebegleiters anzunähen und meine chinesischen Hanzi mit blauem und rotem Edding zu umranden. Inzwischen ist die ein absolutes Spektakel aus Details, dass immer weiter wächst, immer weiter reißt, und ausnahmslos durch Farbe repariert wird. Die weiße kanadische Leinenhose, an die ich mich beinahe nicht mehr erinnern kann, ist also nicht jene auf dem Bild. Und meine Zimmererausbildung ist laut dem Klebeband auch schon Vergangenheit...
Wir müssen also den Rucksack beschauen. Für 30 Euro neu gekauft, sieht er ganz vernünftig aus und er ist, wie man sieht, vollbepackt und wiegt zu dieser Zeit über 25 Kilo, und das ohne zu reißen. Was nicht heißt, dass zum heutigen Stand noch ein einziges Band an ihm existieren würde, dass nicht gerissen wäre. Und trotzdem ist es noch mein einziger und bester Rucksack.
Wir erkennen an ihm eine dicke Jeansjacke mit Fell. Mein deutsches Weihnachtsgeschenk. Eine Thermosflasche mit hölzernen Deckel auf welchem 'Freigeist' eingraviert steht. Ein paar dicke Winterwanderschuhe, welche ich nie wieder tragen würde, nachdem sie mir nach Tag Eins dieser Reise, meine Hacken blutig machten. Stattdessen siehst du mich in dünnen schwarzen Schuhen und wenn ich dir erzähle wie elastisch sie sind und eine dünne weiche Matte als Oberseite tragen und eine angenehme Fellschicht im Innenraum und unter dem Begriff 'Barfußschuhe' zu erwerben wären, dann müsstest du mir das glauben.
Die Barfußschuhe sind besonders und an ihnen könnte man schon genau bestimmen wo in meinem Leben ich grade stehe. Wir müssten nur nahe genug an die Sohle zoomen können, um zu erkennen wie dick die Sohle noch wäre. Denn jene Schuhe waren es ebenfalls, die ich anhatte, als ich von Spanien, Alicante, 14 Wochen reisend bis nach Berlin, Deutschland, lief. Ihre Sohle existierte danach nicht mehr. Überragender Weise muss gesagt werden, dass das Laufen mit Barfußschuhen ein absolutes Erlebnis ist und einen durch alles begleitet. Ob durch Nächte bei -7 Grad im Zelt und auf Wanderungen durch gefrorene Preikestolen in Norwegen hin zu buddhistischen Mönchsklostern, oder eben durch die sengende Spaniensonne im Mai, durch ganz Mitteleuropa und die mediterrane Zone, über die Alpen bis nach Hause. Die Dinger sind super und waren meine beste Möglichkeit, als jemand der im alltäglichen Leben immer nur barfuß unterwegs ist. Ganz barfuß hätte ich mir auf Reisen nicht ganz zugetraut und so war es diese Erfahrung mit solchen Schuhen, die mir doch sehr viel geben konnte. Und die Blasen ab Tag zwei in Spanien, die immer größer und schlimmer wurden, in den darauf kommenden Wochen, die ignorieren wir und behalten das gute Bild von solchen Schuhen. Die Blasen von Spanienmate Martin in seinen teuren und guten Wanderschuhen, waren im Endeffekt noch langanhaltender und schlimmer. Der Link bringt euch zum Anfang jenes Abenteuers.
Der Rest am Rucksack sind ein Jutebeutel gemacht aus den Bastfasern der Jute, dann mein riesiger, farblich sympathischer Schlafsack für furchtbar erfrischende Nahtodnächte und mein Zelt... Zelt?? Nein, um das geht es ja sogar in dem ganzen Artikel... ach wie schön. Nach so viel Abdriften hat er echt nochmals die Kurve gekriegt und quatscht über Zelte. Hallelujah!
Dafür jetzt die Auflösung. Ich stehe in Norwegen, Olso, auf der Halbinsel Bygdoy mit durchgestrichenem O. Hier verbrachte ich bereits zwei Nächte an der Küste im Zelt und durfte so manches über Kälte und über wenig-Ahnung-haben lernen. Das Bild oben zeigt mich im 'Norwegischen Museum der kulturellen Historie'. Das Ticket hatte mich schmerzhafte 46.000 Tansanische Shilling, oder eben 195 norwegische Kronen gekostet. Ein paar Euro halt... gelohnt hatte es sich in Maßen, die hier keinen Platz finden wollen und könnten. Deswegen mein Angebot:

Zur Zeit verfasse ich die gesamte Reise in Norwegen meines Märzes im Jahr 2025. Auf Englisch. Dein Google-Translator wird dir auf Anfrage alles übersetzen, oder du versuchst dich mal in dieser Sprache aus. Soll laut Anderen auch nicht schaden. Ich verlinke dir das Mal und du darfst selbst entscheiden, ob zu gegebener Zeit dein Interesse groß genug ist, zu sehen wie meine aller erste Rucksackerfahrung aussah und wie das Leben bei einer reichen Person in der Nachbarstraße vom königlichen Palast in Oslo so ist, oder wie sich das einsame Campen auf der 400 Meter Klippe des Pulpit Rock's in den Preikestolen anfühlt, oder wie es ist auf dem Pulpit Rock buddhistische Mönche kennenzulernen, die dich einen Tag später für vier Stunden nach Norden fahren, damit du vier Tage bei ihnen im Kloster leben könntest... soll wohl alles schon passiert sein. Und hier fängt die Reise an:

Norway - from Money to Nothing

The Norwegian Museum of Cultural History - Bygdøy - am dritten Tag meines Lebens mit Rucksack auf dem Rücken

Danke für das Lesen. Beim nächsten Mal wieder mehr Abenteuer und weniger von Dingen aus meinen Nächsten und weniger über Hose und Schuhe, sondern über die Dinge meiner tansanischen Sonnentage. Über 30 Grad im November, huch. Ein Tag aus der Menge ist der Name des nächsten Klumpens Worte. Bis nachher!