Valencia nach Ibiza - Glubschaugen und Vierbeiner

Valencia nach Ibiza - Glubschaugen und Vierbeiner

30.05.2025, zurück auf festem Land, Kevin und Pilar nehmen uns auf

Als die Sicht auf Land unsere Hoffnung auf Ankunft aufleben ließ, sprangen Martin und ich hastig auf, in der aufgeregten Vorfreude schnell wieder weg von der muffigen Fähre und hinein in Valencia’s Stadtleben zu gleiten. In der Zwischenzeit von Abfahrt zu Ankunft hatten wir ja eine wundervolle dreitägige Zeit auf der grandiosen mediterranen Insel Ibiza verbracht, auf welcher wir wie auch sonst unter freiem Himmel campen konnten; Distanzen zu Fuß und mit Bus zurück legten; Einheimische zu unseren Freunden zählen durften und Ley, einen Weltenmenschen, kennen lernten. Das Ganze findet ihr im Ibiza-Journal und dessen Erlebnisdichtung. Als wir nun auf der Rückfahrt mit dem Gedanken der Ankunft konfrontiert wurden, nutzte ich die Kontaktdaten eines Freundes mit den wir bei der Hinfahrt auf der Fähre Bekanntschaft machen durften. Kevin ist sein Name und er besuchte die Insel in der selben Zeit wie wir. Ich fragte an, ob er jemanden kennen würde, der uns einen Schlafplatz für die Nacht in der Stadt gewähren könnte, und zu unserer Überraschung befand er sich selbst grade bei einer guten Freundin in einem zentralen Stadtteil von Valencia, welche auf Nachfrage auch uns einlud für eine Nacht Teil ihrer Wohnung zu werden. Wir waren höchst entzückt. So schnell geht’s. Da spricht man aus Versehen einmal die richtige Person an und drei tage später ergattert man sich die selbige ein Gute-Nacht-Örtchen. Subba!

Als wir also Fuß voll Blasen auf Land setzten, suchten wir einen Bus, der uns ins Zentrum bringen könnte und liefen nach einem kurzen und entspannten Tag für eine Weile durch die naheliegenden Blocks und besahen weitere schönste Häuserblöcke und ihre Verzierungen, bevor wir in einem attraktiven, nicht allzu belebten Viertel mit seinem Charme des Alters ankamen und uns an unserem Ziel für die Nacht befanden. Wir saßen in einer normalen valencianischen Großstadtstraße und sahen eine graue Straße mit ihren weißen Strichen, die Zebrastreifen in die Welt malten oder Parkbereiche verzierten. An den cremefarbenen Hauswänden blätterte an manchen Stellen der Putz. Das Material der Außenwände war vielfältig aber immer im Farbton gehalten. Blaue metallne Plaketten mit Hausnummern wie 42 über den Eingangstüren verschafften den Bewohnern der Gegend Orientierung, während sie für uns keinen Nutzen außer ihre Farbenpracht besaßen. Fenster waren mit wunderschön geschwungenen Fenstergittern verdeckt und geschützt, welche in sich gedreht mit Spiralen, Kurven und Wendungen kunstvolle Schleifen in mitten der Wandlandschaft zogen. Dicke Bündel von schwarzen Kabeln ziehen sich über alle Hauswände auf der Höhe der ersten Stocks und verschwinden hinter der Kurve hinein in die Parallelstraße. Das rot-weiße Vorfahrt-gewähren-Schild ist beklebt von Aufklebern in allen erdenklichen Mustern und Farben. Genau vor uns geparkt steht eine mattschwarze hübsche Vesper und daneben steht eine beinahe noch elegantere Mash. Mofa und Mottorad. Alle Vierräder stehen in der größeren Parallelstraßen.
Ein paar junge Menschen kommen an uns vorbei und verschwinden im Nachbarblock aus dem laute, lustige Tanzmusik ertönt.

Für eine Weile konnten wir entspannen und auf unseren Hintern ankommen - unsere Gastgeber selbst waren an ihrem Freitagabend noch unterwegs und genossen ihre Zeit in der schönen Stadt voller junger Menschen, und so saßen wir eine Weile umher, lasen unsere Bücher, meditierten, beobachteten und schrieben unsere Gedanken auf Papier. Wie immer, wenn wir lange Weile hatten. Die Zeit verflog auf Bordsteinen hockend und an Häuserfassaden gelehnt und schon bald sah man unsere zwei Retter die Straße hinunter schreiten. 

Kevin mit seinem wundervollen breiten Lächeln, dem herausstechenden Style aus schwarzen zottigen Haaren, den fehlenden Augenbrauen, und den coolen Klamotten - das meiste nostalgisch und Vintage, so wie es am besten aussieht. Seine liebe Freundin Pilar, ein schöner, aus der Zeit gefallener spanischer Frauenname, ist eine herzensgute und freundliche Person. Der Tatbestand, dass sie zwei Unbekannte ohne zu zögern in ihrer Wohnung aufnimmt spricht Bände, und die Art wie sie uns versorgt und uns zu allem einlädt mit den Worten uns wie zuhause zu fühlen, sagt den Rest in Fülle. Sie studiert in Valencia im Bereich des Marketing Designs, hat aber eine noch viel lebendigere Ader im künstlerischen Kreieren und hatte so für sich das Hobby entdeckt, die Nägel von Freunden und ihre Eigenen zu gestalten. Zu gegebener Zeit zeigt sie mir auch Bilder von ihren Kreationen. Viel hätte ich mir unter der Beschreibung nicht vorstellen können, aber die Bilder beweisen, dass meine Vorstellungskraft doch nicht alles fassen kann. Künstlerisch erschafft Pilar auf winzigen Nageloberseiten, was ich nicht auf ein A3-Blatt zaubern könnte. Wunderschöne Verzierungen in unendlichen Details, geschmückt von allen erdenklichen  Farben, während sie einen zweidimensionalen Raum selbst in die Tiefe gehend erzeugt. Sie erklärt mir Einzelheiten über Gel und die winzigen glitzernden Objekte, die sie manchmal verwendet und so erweitert sie damit meinen Horizont des Verständnisses für die Vielfältigkeit von künstlerischem Ausleben. Echt cool! 

Genug des Schwärmens über Nägel - sie präsentiert uns ein Projekt ihres Studiums.

Es ist das Design einer Tasche für Menschen, die mit Headsets Musik hören. Ebenfalls eine total coole Idee. Eine sehr hübsche und exakt verarbeitete Ledertasche, die die Ohrmuscheln eines schwarzen Headsets in sich umschließt, sodass der Bügel, der über dem Kopf anliegt, aus der Tasche an beiden Enden heraus ragt und somit als Träger nützt. Ich find die Idee fantastisch, aber Martin übernimmt und teilt es ihr besser mit, als ich es vermocht hätte. Unsere Wandermaus fühlt sich wohl auf dem Sofa und hat eine Katze neben sich, die ihn mehr oder weniger begeistert beäugt. Ich habe Schwierigkeiten die Katze richtig zu deuten…

 

Ihre Wohnung ist ein kleines, nett eingerichtetes fünf Zimmer Apartment mit ihren zwei epischen Katzen und deren unvergesslichen Charakteren. Die eine ist unwahrscheinlich hübsch mit strengen Augen und einer schnellen Pfote, die sie jeden spüren lässt, sobald eine unsichtbare Linie überschritten wird. Stolz spaziert sie von einem Schlafplatz zum nächsten und nimmt mit ihrer ganzen Person den Tisch als ihren ein und macht das Nach-den-Snacks-Greifen erdenklich schwierig. Ihr helles Kashmir-cremiges Fell mit den dunklen Fellflecken an ihren Ohrenspitzen und den Pfoten umrahmen farblich das Gesicht, wessen Augen - durch den dunklen Kontrast ganz außen bei Pfoten und Ohren, mit hellerem Fell am Körper - die dunkelsten und großen schwarzen Augen betonen. Sie isst einen nahezu mit blicken auf und ich liebe Katzen, aber grade hab ich ein wenig Bammel einzuschlafen, mit diesem Wesen neben mir; und dabei kennen wir ihre ältere Vierbeiner-Mitbewohnerin noch gar nicht…

Die andere Katze, falls sie wirklich eine ist, ist nicht von dieser Welt. Stephen King hätte sie als ein Urwesen beschrieben, dass bei der Schaffung der Welt mitgewirkt hat und mit ihren Augen alles Leid und jeden Schrecken des Erdenlebens miterlebt und gespürt hätte. Die Katze besteht aus viel Fell - sie wird geradezu von ihrem Pelz verschlungen - die Augen liegen tief, groß, blau-grau und gruselig im Schädel und starren einen völlig neutral, oder besser ausdruckslos an, ohne verstehen zu scheinen, dass was um sie herum passiert eine Form von Existenz wäre. Sie sieht aus wie jemand der traumatischen Horror durchlitten hat, aber verhält sich im Sonne-Mond-Kontrast dazu einfach völlig normal. Sie ist zuckersüß, lässt sich kuscheln und ist freundlich, aber Martin erzählt später, dass ihm eine Tasche runter gepurzelt wäre und auf die Katze gefallen ist und diese nicht mal reagierte. Keine Bewegung und kein Geräusch. Martin lachte um zu überspielen was wir dachten, aber ein leichter Grusel war uns beiden doch angehangen. Katzen sind übrigens cooler als Hunde… hat das jemals jemand behauptet? Nur für den Fall, dass ich die erste Person mit dieser Haltung und Ansicht wäre, führe ich kurz aus. Katzen behandeln einen so, als wäre man unwürdig ihrer Gegenwart. Beinahe mit Spott schauen sie von oben auf einen herab und sagen grade zu: ‘Erfreue dich an meiner Person, du Punkt, und genieße deine Finger in meinem Fell zu haben, um mich zu kraueln. Solltest du einen Ort berühren, der mir nicht läge, so möge meine pelzige kleine Hand die deine eines Besseren belehren.’ Dann niest die Katze widerlich auf deine Hand und gähnt. Cool, oder? Hunde würden sich total freuen, wenn du sie beachtest. Sie springen dir energiegeladen entgegen, wenn du nach ganzen 20 Minuten wieder zuhause bist und geben dir alle Liebe, die sie in ihrem kleinen Körper mit sich schleppen können. Dann lecken sie an ihrem Anus, und später in deinem Gesicht. Ausgeschieden. Katzen hingegen haben Verstand und Charakter. Freundschaft mit Katzen ist Kunst. Harmonie und Balance lernt man nicht durch Hunde. Die Zuneigung einer Katze fühlt sich nach etwas Größerem an.
Das möchte alles nicht schlecht gegenüber Hunde klingen, schließlich war der Wolf wirklich nicht wegzudenken vom Menschen. Nur ist eine Fußhupe in der Handtasche eben kein Wolf. Und es fehlt kein Zentimeter mehr, und dann sind die Dinger maximal noch Einzeller, aber keine Hunde mehr! Ein Wolf hatte eine Sache, die heute beinahe kein Hund mehr hat… nämlich Nutzen! Ein Wolf, wenn er erst einmal gezähmt war, kann dir auf der Jagd helfen und lässt bestimmt auch mal was übrig. Ein Wolf ist der Grund, dass dein menschliches Gegenüber sich zweimal überlegt, ob er dir Schaden möchte. Ein Wolf wärmt dich in der Nacht wenn du unter einer großen Luftwurzel Unterschlupf suchst. Er braucht nicht mal extra Futter, sondern verzehrt hier und da mal ein Insekt oder eine Maus; ihr jag ja auch zusammen und ansonsten isst er den Kot, den du zurück lässt. Also; Wolf ist super. Fußhupe - nicht! Wenn wir den Hund nicht so furchtbar entfremdet hätten von seinem natürlichen Nutzen und seinem eigentlichen Sein, dann hätte ich auch nie ein Wort des Schlechten über sie oder ihn verloren. 

Wir werden also grade auf die Probe gestellt, aber noch meine ich in Team Katze zu sein.

Den Abend verbrachten wir mit total schönen Gesprächen, Musik, einem laufenden Bildschirm, Yogasequenzen und etwas Gras auf der Seite unserer Gastgeber. Es war so cool zwei Englisch sprechende Leute da zu haben und ihre Leben anzuhören, Valencia aus ihrer Sicht zu verstehen und zu erfahren was sie lieben und was sie prägte in der Zeit hier. Sie teilen auch ein schönes Abendessen mit uns und ich entscheide mich mein Fasten von Ibiza zu brechen und etwas rohen Reis mit ihnen zu futtern. Meine Blase am hinteren Zahnfleisch mit dem Eiter war bereits verschwunden und ich war unwahrscheinlich froh, dass das Fasten und die Mundspülung so viel getan hatten, mit der kleinen verbleibenden Angst, durch das Essen nun wieder etwas falsch zu machen. Spoiler aus der Zukunft: ab jetzt war alles gut und ich bekam keine Zahnfleischprobleme mehr. Mein Mund war verheilt und ich war happy. Und unsere Gastgeber waren tolle Menschen und das war genauso schön. 

Wir hörten gemeinsam viel Musik, ob Pink Floyd oder später Klassiker aus unseren Kulturen, bekannte spanische und deutsche Lieder, und sprachen dabei über allerlei. Pilar gab uns die Möglichkeit im Wohnzimmer auf zwei Matratzen zu schlafen und Martin und ich hätten nicht zufriedener als mit so einer Option sein können. Wir hatten unseren gemeinsamen Spaß des Kennenlernens bis zwei Uhr in der Nacht und hatten dann die wahnsinnig witzige Aufgabe eine Kakerlake, die sich unbefugten Zugang ins Badezimmer verschafft hatte, unter lautem Kreischen hinaus zu befördern. Ich hoffe du weißt selbst am Besten, wer die kreischende Person war… Die beiden deutschen Deppen rannten mit einer Plastikbüchse und Papier darunter fünf Stockwerke tiefer ins Freie und gaben sie dann zurück in die Natur zu den Hunderten anderen Kakerlaken, die den Platz beherrschten. Wir lernten später, dass diese zwar nicht aktiv fliegen konnten, sondern nur von Winden aus Marokko über das Meer getragen wurden. Eine erstaunliche Leistung für ein erstaunlich großes Insekt mit brauner Färbung, langen Antennen und schnellen Schritten, wenn es um das Wegrennen geht. Wir schlafen auf zwei Matratzen, die wir anschließend zu unserem schönen Musikabend mit Reis und Katzen, auf dem Boden ausbreiten und die weicher als alles erdenkliche sind. Wundervoll. Das Katzenklo steht leider auf meiner Kopfhöhe, aber glücklicherweise wird es bis zum Morgen nicht benutzt. Wie in einem Zuhause schlafen wir beruhigt um unsere Sicherheit ein, sind erfüllt von Freude über die tolle Bekanntschaft und schwärmen noch ein wenig über den Tag, Ibiza und unsere neuen Freunde. Dann sausen wir ins Träumeland. 

31.06.2025 Vintage, Cuenca und Donner von weit her

Nachdem unser Morgen beinahe so schön verlief wie der Abend zuvor, machten Martin und ich uns auf den Weg zu einem Second Hand Laden, der uns grade bei einem schönen Frühstück mit tatsächlich sehr gutem Brot unserer beiden Lieben und anderen Leckereien empfohlen wurde. Im Fernsehen lief indische Musik und die Atmosphäre hatte ‘Yoga’ auf die Stirn tätowiert. Wir konnten noch ein paar sehr schöne Momente mit Kevin und Pilar teilen und hatten das Gefühl wundervolle neue Freunde getroffen zu haben, als wir uns dann umarmten und uns gegenseitig das Beste für die Zukunft wünschten. 

Fünf Stockwerke tiefer fanden Martin und ich uns auf dem Weg durch die Straßen, vorbei an Johannisbrotbäumen, vorbei an Spielplätzen mit zwei älteren Herren vertieft in einer Tischtennis Partie, Kinder die erfreut quietschend mit ihren Kollegen spielen, und Hunde die sich anscheinend auch freuen dabei zu sein. Wir hatten den Second Hand Laden gefunden, aber das Kleidungsstück unserer Wahl war noch nicht dabei. Stattdessen finden wir es eine Weile später in einem ziemlich coolen Vintage-Store. Grade hatten wir noch diskutiert wie die Lyrics von ‘Blue Monday’ von New Order denn richtig ginge und da die Person hinter der Theke nett zu sein schien, fragten wir ob sie denn nicht das Lied für uns spielen könnte. Die Anfrage war ein Erfolg und wir genossen in einem Raum gefüllt mit Klängen und Farben zu sein. Es war ein großer Spaß die Kleidung aus vergangener Zeit anzufassen und zu bewundern. Was Style angeht, scheint die Welt sich tatsächlich nicht weiter entwickelt, sondern nur an Geschmack verloren zu haben. Dasselbe gilt für die Musik und ‘Blue Monday’ lässt uns für eine Weile vergessen, wie flach und bedeutungslos moderner Pop manchmal oft sein kann. Wir kaufen beide eine Art von langem Hemd, meins ist völlig ausgewaschen und lässt nur noch die Ansätze eines ehemals sehr farbigen Musters erkennen. Umso besser gefällt mir die Kombination aus roten und grünen Verzierungen, die sich übermalt von dem Grau der Zeit nur noch schwach vom Leinenhintergrund abhebt. Martin hat sich ein rötliches mit weißen Streifen bestücktes Hemd gekauft und seit diesem Moment sehen wir nie mehr aus wie zuvor und sind stolz auf unsere schöne neue Kleidung aus Valencia. 

Unser Frühstück fand uns anstatt anders herum, und lächelte aus einem Laden zu uns herüber. Nach einer langen Schlange des Anstehens konnten wir in dem Laden für lokale Fleischgerichte aus einer Vielzahl aus riesigen Paella Pfannen wählen. Wir schauten uns am Tresen und der Glasfront alle Auswahlen an totem Tier an, dort lagen zum Beispiel weiße angebratene Tintenfische, paniertes Hühnchen, Soßen mit Rind in allen Formen und frittierte Patties mit Käse unterhalb der gold-braunen Kruste. Wir eroberten eine Paella mit Shrimps und Fisch, dazu kamen ein kleiner Tintenfisch, vermutlich eine Sepia, allerdings anders zubereitet als ich es jemals zuvor gesehen hatte. Das Fleisch war sehr zäh und das Olivenöl in dem es gebraten wurde schmeckte sehr hervor. Unsere dritte Ausnahme des Essens war eine panierte Mischung aus Hühnchenfleisch und Käse. Uiuiui... zum Glück war niemand vor Ort um uns für unseren Fleischkonsum zu richten und so konnten wir es sogar auf einer Bank sitzend genießen. Wir waren eigentlich auf einer Suche zu einem kleinen Park gewesen, in welchem laut Martin’s internetgeladenem Handy Schach gespielt wurde… das Ding mit Schach und Martin muss man nicht erklären, oder? Er hat sich Kopf unter Hals in etwas verkopftes verliebt und lässt mich ein wenig Teil haben. Ich darf auf seinem Handy zu mancher Tageszeit Schachstellungen lösen, indem ich mich für die eine richtige Entscheidung entschließe. Tue ich das nicht, dann verliere ich und wir brechen das Schachspielen ab. Viel habe ich folgender Maßen nicht geübt.

Auf einer weiten Kurve durch die Innenstadt und vorbei an Parks und kleinen veganen Geschäften, erreichten wir schlussendlich den angestrebten Bahnhof. Unser Ziel für heute sollte es sein nach Cuenca zu kommen, eine Stadt 130 Kilometer entfernt auf dem Weg nach Madrid. Wir hatten damit Erfolg. Nur das Apartment unseres Zuges hätte uns widersprochen, weil jene für eine Stunde unsere Gerüche aushalten mussten. Ich sah beim hinsetzen nur die Augen der Passantin vor uns und wollte beinahe loslachen und mich entschuldigen. Stattdessen schlief ich vermutlich zwei Minuten später ein und wachte erst in Cuenca auf, um dann wie Martin ein wenig gehetzt aus dem Zug zu springen. Wir tankten kurz Energie, verzehrten wie schon zum Frühstück Avocados, die Martin sehr billig erworben hatte, und machten dann einen langen Spaziergang, welcher uns über Felder mit Heu, Wiesen mit schönsten Wildblumen und Dickicht aus großen weißen Pusteblumen, hochwachsenden Gräsern und Getreiden bestand. Wir rannten mit ausgestreckten Armen über das Gold der Gerste streichend über die Felder hinweg und fühlten uns trotz des Rucksackes federleicht und befreit von allem. In den Blumenwiesen waren viele Insekten summend unsere Gesellschaft und die Blumen waren in einer so schönen Diversität aus Farben vertreten, dass das Staunen schwer zu unterdrücken war.

Wir waren in Cuenca angekommen und wir wussten nicht, wie viel Schönes uns bevor stand. Wie wir das eben nie zu wissen vermochten.