Mit dem Klopfen wachte ich wieder auf. Ich fand mich am Boden des kleinen Raumes in welchem auch angefressene gelbliche Schaummatratzen standen, in welchem ein Bettgestell ohne Boden oder Planken steht, in welchem das eine Fenster zugenagelt ist und in welchem die Decke fehlt und ich den winzigen Dachstuhl sehen kann. Das Klopfen kam von dem Familienvater Misana, bei wessen Familie ich nun seit drei Nächten unterkam. Es tut gut hier zu sein und die gemeinsame Zeit gab mir bereits eine Menge und wie ich umsorgt und behandelt werde ist mir ein echtes Geschenk und lässt mein Herz oft zerfließen. Nur die Nächte sind mir zu kurz und ich denke, dass wird man beim Lesen mitbekommen. Verzeih!
Der Tag startet unverhofft schnell mit der Konfrontation einer Situation von welcher ich noch Unmengen an Einblicke erhalten werde. Mama Fatma kommt auf mich zu und hält ihre Tochter sehr besorgt an der Hand. Die Kleine ist grade aufgewacht und ist nicht mehr wieder zu erkennen. Ihr kleiner hübscher Kopf und das Gesicht sind zu geschwollen. Die Äugeln sind kaum mehr sichtbar und mehrere Stellen an der Schädeldecke sind mit kleinen Hügeln versehen. Schmerzen hat sie keine übermäßigen, aber sie fühlt sich nicht wohl, hat eine erhöhte Temperatur und leichten Husten. Mama erhofft Hilfe von mir und ich begutachte das Kind in einer Weise, dass es vielleicht so wirkt als wüsste oder sehe ich etwas, aber im Endeffekt observiere ich nur und tippe danach einen kurzen Artikel in mein Large Language Model auf dem Handy und die Diagnose der künstlichen Intelligenz ist ein sehr wahrscheinlicher Proteinmangel und ein Infekt. Das Krankenhaus wird später noch die These eines Nierenschadens aufstellen, aber diese erste Diagnose wird ebenfalls zutreffen. Ich erinnere mich, dass sie gestern Abend keinen Happen herunter bekommen konnte und ich sorge mich genauso mit wie die Familie. Der Versuch an diesem Morgen aufzubrechen und weiter zu reisen, wird mit diesem ersten Einblick in den Tag direkt abgeschrieben. Ich bleibe einen weiteren Tag und biete an, mit zum Krankenhaus zu kommen. Während Mama also mit den Mango’s an dem Ort des gestrigen Abends abreist, trage ich ihre Tochter huckepack zurück nach Hause und warte auf Papa Misana, damit wir gemeinsam losfahren können. Sie spricht nicht viel, aber sie schien nicht in ernster Gefahr zu sein. Der Körper beschwerte sich lediglich über ihren Lebenszustand und ihre mangelhafte Ernährung. Wenn Mama vom Markt zurückkehrt, werden wir eine gemeinsame Unterrichtsstunde zusammen mit dem Internet haben, in welcher wir über verschiedene Inhaltsstoffe im Essen lernen, welche wie wichtig sind und in welchen Produkten sie zu finden wären. Es schien ein überwältigender erster Einblick für sie zu sein und ich werde das Ganze noch schriftlich auf Papier für sie festhalten, damit es anschaulicher ist. An sich müsste ich generell mit Bildungsmaterial reisen, kleine Vorträge über Gesundheit und ähnliches bei Familien auf dem Weg halten und so zumindest einen kleinen Aspekt meines doch großen Bildungsauftrages ausführen. Ich könnte ein Papier beschreiben und mit kleinen Zeichnungen versehen und dieses Papier dann für ein paar Tausend Shilling hundertfach kopieren lassen. Manche Dinge im Leben sind schwierig, aber jenes wäre ein Leichtes.
Als der Booda Fahrer uns am Krankenhaus absetzt, befinden wir uns an einem kleinen offenen Hof der ein U aus Gebäuden vor sich hat, in welchen kleinen Räumen alle Teile der Station untergebracht sind. Es ist alles sehr klein, einstöckig, aber anscheinend gut genug um eine Menge Kundschaft zu bekommen. Auf der linken Seite melden wir uns an. Dann sitzen wir an der frischen Luft vor jenem Raum auf dem erhöhten Balkon mit Sicht auf die Gleise und die Straße dahinter. Ich lese viel von meinem Buch ‘Atomic Habits’ und noch viel mehr spiele ich mit der immer wacher werdenden Tochter, welcher es immer weniger schlecht geht und wessen Schwellung während dem Warten schon weniger wird. Die ganze Prozedur dauert zwei Stunden und danach bin ich um einiges schlauer und Papa Misana ist um einiges beruhigter. Seine Tochter Mwajoma bekommt eine unangenehme Spritze mit einer Sodiumlösung und andere Kleinigkeiten verschrieben, gegen ihren Proteinmangel. Danach ist ihre Stimmung ein bisschen im Keller und ihr kleiner rechter Arm hat einen kleinen Verband mit der Andockstation unter die Haut an sich. Bitte frag nicht wie mir die Terminologie für so etwas fehlen kann nach vier Monaten Arbeit im Bugando Hospital. Als wir alles hinter uns ließen und das Krankenhaus wieder verließen, saß mein Rastafreund von gestern unter einem Baum und seinem Booda. Vorgestern war er derjenige, welcher mir den letzten Lift gegeben hatte, bevor ich zuhause bei Misana ankam. Jetzt sind wir beim Krankenhaus, welches weiter zurück liegt als der Punkt an dem wir uns getroffen haben. Wir grüßen uns und er schaut mich an wie einen Geist und jemanden, den er nicht erwartet hatte nochmal zu sehen.
Wieder zuhause kommt mir die Idee die Gegend auf ein Neues weiter zu erkunden und mir die Zeit durch das vermisste Laufen zu vertreiben. Ich nahm meinen Gehstock und schwang mir die Bauchtasche auf den Rücken, ironischer Weise, und lief ins Ungewisse, welches ich so vermisse, wenn ich an einem Ort bleibe. Ich bahne mir meinen Weg über die Schnellstraße, die so unendlich wenig in die Landschaft, das Leben und seine Menschen passt, komme über piksende Felder hin zum kleinen grauen Bach. Dahinter beginnen die Felder und der Baumschatten und ich tauche für ein paar Minuten ins unendliche Grün. Manchmal seh ich eine Person in der Ferne auf ihrem Feld das Erntegerät schwingend, aber meistens ist es still mit niemandem um mich herum. Ich bahne mit einen Weg an kleinen Feldern entlang, unter riesigen Palmen mit Aussicht auf die halb verdeckten Bergketten, die wie eine Landschaftskrone über alles hinaus ragen. Wenn ich vor mich hin auf den weichen Weg schaue, auf dem ich gehe, kann ich basierend auf der Fallfrucht, den Blättern und was so am Boden liegt, darauf schließen was über mir wächst. Wenn goldene alt werdende und angegessene Mangos am Boden liegen, schaue ich in die Baumkrone und suche nach einer guten Mango. Manchmal finde ich eine und noch seltener schaffe ich es, sie vom Baum zu werfen. Oft liegen dicke Kokosnussschalen am Boden und manche sind aufgebohrt worden und zeigen einen leeren Kern. Wie und mit welchem Gerät das gemacht wurde, weiß ich nicht. Kokosnüsse gibt es unzählige hier. Sie sind schon groß, haben ihren grünen glatten Panzer und werden um den Kopf herum leicht braun. Irgendwo unter den Tiefen dieser Schale wartet der Kern und sein Fruchtwasser. Ich finde zufällig genau den Baum auf welchen ich zwei Tage davor schon mit Misana bestieg. Die Frucht ist allgegenwärtig und heißt Zambalao. Ich versuche mein bestes ein paar von ihnen mit meinem Stock herunter zu bekommen, aber sobald die Frucht einmal auf den Boden fällt, platzt die dünne zarte schwarze Haut auf und das violett weiße Fruchtfleisch kriegt Sand ab. Also bleibt mir nichts anderes übrig als wieder in die Höhen zu klettern. Ich kenne den Baum bereits und das Klettern fällt mir sehr einfach. Als ich so in den Ästen ein paar Meter über dem Boden steh, komm ich mir wie das letzte Kind vor, welches seine paar Minuten Freizeit nutzt, um in den Wald zu rennen und frech Früchte vom Baum zu naschen. Ich habe meinen Spaß und esse gemächlich eine süße Frucht nach der anderen. Die unreifen Früchte sind grün und haben ein dünnes Ende. Die beinahe reifen haben zwischen ihrem Schwarz noch feine Stellen aus rot. Jene machen einen Pelz auf der Zunge und das schreibe ich in der absoluten Überzeugung, dass sich das nach Fell auf der Zunge anfühlte. Als mir die Fellzunge zu viel wird und ich anscheinend zu doof bin nur ganz reife Früchte zu essen, und nachdem mein Magen sagt, dass er gegen allen Willen meiner verfressenden und genießenden Triebe nicht mehr kann, steige ich zurück, springe den letzten Meter vom Ast hängend und bin wieder am Boden der Tatsachen. Ich mache mir eine kleine Fläche frei im Sand und setze mich ohne Fruchtkörperkontakt hin um zu meditieren. Für eine gute Weile sitz ich in angenehmer Stille aber mit der klaren Wahrnehmung wenn sich etwas um mich herum bewegt. Einmal kam eine Person durch ein Feld langsam näher aber drehte wieder um, nachdem sie mich vermutlich ausreichend beäugte. Reagiert hatte ich nicht. Bald darauf höre ich Kinder und wusste, dass sie mich irgendwann finden würden. Von zwanzig Metern entfernt standen sie dann irgendwann mit Blick auf mich und riefen mir zu. Für eine Weile verharrte ich in Ruhe und mit der niedrigen Sonne im Gesicht unter dem Baum, welcher mich genährt hatte, dann beende ich die Meditation und schaue zu meinen neuen Freunden. Ich laufe zu ihnen hinüber und lerne drei Kinder kennen, zwei 15 Jährige und einen Erwachsenen, der ein bisschen Englisch kann. Der junge Mann ist Fahrer und sucht einen Job und sein Englisch lernte er nur durch das Schauen von Filmen. Alle zusammen gehen wieder hin zu dem Baum, von dem ich grade kam und wir beginnen ihn erneut zu ernten. Die drei Kinder klettern und schnell und wahnsinnig geschickt in die Äste und laufen auf winzigen Wegen und dünnsten Austrieben bis in die letzten Ecken des Blätterdachs und beginnen uns unten wartenden Früchte zuzuwerfen oder ganze Reben herab zu reichen, während sie zusätzlich Tüten für zuhause füllen. Ich habe eine schöne gemeinsame Zeit mit den Anwesenden und schaffe es auch noch ein paar mehr Früchte zu essen, was mich selbst überrascht. Ich scheine überaus fähig zu sein, was die Plastizität meiner Mageninnenwände angeht. Viel Essen ist Yoga für den Verdauungstrakt. Bald darauf verabschiede ich mich und gehe meinen eigenen Weg tiefer in die grünen Untiefen, um mir eine Mango zu suchen. Na klar! Ich komme zu hübschen Maisfeldern, deren niedrige Pflanzen im Sonnenlicht glänzen und deren braune Erde mich zum Sitzen einlädt. Daneben steht auch schon mein Mangobaum und wartet auf mich. Ich habe mein Wasser von zuhause dabei, welches milchig und etwas durchsetzt glänzt, welches aber ohne meine Vorsicht zu genießen ist, weil ich das Allheilmittel von Wassertropfendesinfektion hinein tröpfelte. Das hatte mir auf Korsika vor ein paar Monaten schon sehr geholfen und die winzige Tube mit Tropfen um schmutziges Wasser genießbar zu machen, habe ich eigentlich immer in meiner Bauchtasche. Mal gucken wie lange der Vorrat reicht. Pro halber Liter ein Tropfen und eine halbe Stunde warten. Auf dem Ackerboden sitzend und mit Schmackes in die Mango beißend, die gold Farben unter mir zerläuft, kommen mir ein paar schöne Erinnerungen an Menschen und Momente der lokalen und Temporalen Ferne. Man gewöhnt sich tatsächlich daran, dass man nie bei jenen ist, die einem so wichtig sind. Man gewöhnt sich daran immer neue Menschen kennen zu lernen und alte Bekanntschaften in die Ungewissheit zu entlassen, mit der Frage ob man sich wohl nochmal sieht. Man gewöhnt sich wohl an alles, und ich finde es sogar schön, sonst würde ich es nicht machen. Trotzdem fehlt mir meine eigene Familie an Weihnachtsabenden in Arusha oder wenn ich einen schönen Ausblick wie diesen hier genieße. Irgendwann machte ich mir die Meditation zur Hilfe, um dieses Einsamkeitsgefühl zu überbrücken. Warum auch nicht… sich allein zu fühlen, ist eine mentale Einstellung. In Ruhe und Meditation bin ich in der Lage meine Liebsten neben mich zu rufen. Wie oft ich das tue kann verwirrend wirken, aber oft genug stehen meine Menschen des Herzens am Straßenrand und sprechen mir zu. Oder sie sitzen um das Zelt herum und man isst gemeinsam. Ich höre ihre Gedanken, sehe ihre Gesichter und fühle ihre Gedanken. Mehr bleibt einem nicht übrig, wenn alle Nähe zu jenen in der Vergangenheit liegt. Wäre das ungenügend, dann würde ich mich beschweren, aber ich finde eine unwahrscheinliche Schönheit all diese Menschen gleichzeitig im Geiste zu haben. Auch jene um deren Überleben ich mir nicht sicher bin. Unverändert erscheinen sie und geben mir Komfort überall in der Welt. Meine jetzige Träne gilt all jenen!
Auf dem Weg zurück finde ich die drei Kinder von eben mit ihren anderen gleich alten Freunden am Bach stehen und ich setze mich dazu und grüße sie mit den Namen, welche ich mir grade so gemerkt hatte. Charles und Yuma und Mohammed. Wir schmeißen Steine über die Wasseroberfläche. Flitschen käme mir als Wort in den Sinn. Für eine Weile ist das großer Spaß und eine absolute Kindheitserinnerung des stundenlangen am Wasser Stehens, nach flachen Steinen zu suchen und über Jahre hinweg meine Technik zu verbessern. Eine große Freude macht sich in mir breit. Danach üben wir Tricks mit dem Stock und sie sind begeistert, dass ich den Stock auf meinem Fuß balancieren kann oder dass ich ihn auf der Fingerspitze balanciere und den Arm dabei grade über mich strecken kann. Ich lerne das Wort Mazingira, was Umgebung bedeutet und wir versuchen uns im Weit-Werfen in Richtung Wald, was vielleicht nicht ungefährlich ist, aber das fällt mir danach auf. Nichts passiert… ein Ziegenhirte kommt vorbei und gemeinsam mit seiner Ziegenherde bewegt sich die ganze Gruppe plus mir in Richtung Straße. Sie fragen begeisterte Fragen über meinen Verbleib und was ich so tue. Wie toll sind eigentlich Kinder? Nirgend erlebt man eine solche Purheit im Sein und ein solches Lachen gibt es sonst auch nirgends in der Welt des Lebens. Meine Kompanie ist eine tolle und mit breitem Grinsen verabschiede ich mich, als ich die andere Straßenseite entlang gehe. Auf dem Weg nach Hause kommt mir mein Papa entgegen, welcher wieder am Früchte sammeln war und ebenfalls mit einer Tüte Zambalao zurück kommt. Ich freue mich ihn zu sehen. Bald darauf gehen wir gemeinsam mit gelben Gallonen mit Griff in die Nachbarschaft, wo ein Brunnen gebohrt ist und er sein Trinkwasser herbekommt. Jede Gallone hat 15 Liter Hubraum und wir sind ganz schön am schleppen jeweils immer zwei nach Hause zu buckeln. Meine Finger fühlen sich kurz nach Langzeitschäden an, aber auch das vergeht. Zehn Gallonen schleppen wir die 200 Meter und danach sind wir erstmal durch. Ich lerne, dass Misana 39 Jahre alt ist und bin einfach nur geplättet, wenn ich mich an seine Kunst des Kletterns zurück erinnere und wie körperlich fit und geschmeidig er in allem was er tut ist. Seine Frau Fatma ist 26 und sie haben zwei gemeinsame Kinder und Misana hat noch eine älteste Tochter von einer anderen Mutter aus Dar es Salaam. Ich werde eingeladen eine Dusche zu nehmen und ich bemerke belustigt, wie sich mein Wasserverbrauch verändert hat. Vom ersten Tag des Ankommens, als ich es fertig brachte einen ganzen Eimer Wasser zum Duschen zu benutzen zu jetzt, wo der selbe Eimer nicht einmal die Hälfte vom Wasserstand erreicht. Beeindruckend wie viel es ausmacht, die Arbeit und das Leid hinter einer Sache zu kennen und das Produkt dann zu konsumieren. Wie viel bedachter man ist…
Am Abend nimmt mich Misana an der Hand und seinen winzigen schlafenden Sohn auf den Rücken gebunden, um mit mir zu einem kleinen Haus zu laufen, welches ihm gehört. Es ist abgelegen und de Schlüssel zur Tür ist unter einem Stein versteckt. Hier übernachtet sein Bruder, welcher zu Besuch ist und hier holt er eine Kiste von unschätzbaren Wert hervor, gefüllt mit Papier in Buchformat. Vieles davon ist religiöse Schrift und er schenkt mir eine davon. Als ich das Buch aus Swahili aufschlage, auf dessen Cover drei weiß sprühende Engel in der Sphäre der Erde schwerelos treiben, lese ich auf der ersten Seite drei Namen, die mir wie einen Tritt ins Gesicht sind. Dort lächeln mich auf Swahili drei dermaßen aktuelle Namen an, dass ich vom Glauben, den ich noch nicht besitze, abfallen möchte. Darwin, Marx und Nietzsche, eingebettet in eine religiöse, tansanische Christenliteratur. Dass ich den Text nicht im Ansatz verstehe, macht mich in diesem Moment verzweifelt und die Nötigest die Sprache zu erlernen, bekam grade einen neuen sehr großen Faktor. Nietzsche war der Autor, welcher mich in letzter Zeit am meisten ins Denken trieb. Sein Buch ‘Also sprach Zarathustra’ begleitete mich nun schon durch Wochen hindurch. Wochen in welchen ich zu Gottesdiensten ging, Wochen in denen ich erlebte, was diese Religion für Menschen tat. Und trotzdem las ich zeitgleich in diesem Buch jene Zeilen, die den Dolchstoß für Religion im europäischen Raum war. Gott sei tot, laut diesem Buch, und doch lebte hier Allres nach, durch und mit Ihm. Der Abend wurde noch besser, als Misana ein zusammengebundenen Stapel Blätter hervor nahm, und ein kleines selbstbeschriebenes Heftchen mit Füllerschrift auf der linken Seite und Bleistiftzeichnungen auf der rechten, welche Sternzeichen zeigten und mit Schrift, welche die Sterne und ihre Hintergründe ausführte. Ein unendlich wunderschönes Heft, welches nun innerhalb einer Stunde gemeinsam studiert und angewendet wurde, als wir gemeinsam untre das grandiose Sternenzelt stiegen, welches hier so klar zu sehen ist. Zwar ist mir das Meiste hier zu sehende, vor allem der Süden ist ein von Europa aus nicht einsehbarer Raum, aber alles ab dem Orion, welcher im Zenit über uns ruhen würde, wenn es spät abends war, und nördlich davon, war mir bekannt. Nur nutzte er verschiedene Namen. Um den hellsten Stern Sirius herum, ruhte der Große Hund, Mbwa Mkubwa, der Orion hatte seinen Gürtel und ein Messer an der Hüfte, welches aus drei kleinen Sternen bestand und laut Misana der Weg in den christlichen Himmel sind. Eine schöne Idee und ich sehe, wie die Sterne einer nach dem anderen schwacher leuchten und den Effekt bieten, eines sich entfernenden Weges. Die vier Ecksterne vom Orion sind Betelgeuse, Rigel, Bellatrix und einer mit S am Anfang. Wir beschauen uns den Jäger mit seinem gespannten Bogen, welchen Misana auf die Schnelle aus Halmen und Stöcken nachbaut um es mir anschaulich zu machen. Danach erkenne ich es klar in den Sternen. Wir finden einen Krieger im Kampf mit einem Drachen. Der Skorpion ist noch verdeckt, aber die Ziege sehen wir klar. Mbuzi auf Swahili. Jenes Sternzeichen ist das Himmels-W welches mir bekannt ist und in Deutschland Casiupaya/Kassiupaya(?) genannt wird. Schreibweise bitte niemals übernehmen. Das besondere an diesem Abend ist, dass ich mich noch nie über den Himmel belesen hatte. Dass ich noch nie da stand und versuchte anhand von Zeichnungen die Sterne ausfindig zu machen. Noch besonderer für mich ist, endlich jemand mit der gleichen Liebe für unseren Sternenhimmel außerhalb meiner deutschen Familie gefunden zu haben. Ich hatte lange warten müssen und immer wieder verzweifelt festgestellt, dass kaum jemand großes Interesse an unserem Himmelsdach findet. Völlig unverständlich. Wir verbrachten viel Zeit fingerzeigend in der Dunkelheit mit den leuchtenden Sternen, Nyota, über uns. Himmel bedeutet Anga und Sternschnuppe war glaube ich Mikoro. Ich genoss es sehr. Der laue Wind, die Ruhe der Nacht, die einzelnen Lichter von Häusern in der Wand aus Berg vor uns, die hellen Sterne und der bald aufgehende Mond, welcher uns schlussendlich das Ende unserer Sternennacht vermachte. Wir machten uns auf den Heimweg und ich musste, wenn ich mit ihm unterwegs bin Schuhe tragen. Das konnte ich ihm bei allen Versuchen nicht austreiben. Allerdings war es bei diesem Mal, dass ich mir die größte und schmerzhafteste aller Dornen bisher eintrieb. Mein linker Fuß würde sich auch morgen noch beschweren. Ich schiebe den Vorfall nicht auf meine Schuhe, oder auf den Fakt, dass der linke Schuhe seinen vorderen Zehenteil beinahe verlor und der Schuh zweiteilig war. Der Fehler war, dass ich vom Pfad abging, anstatt Misana Schritt für Schritt zu folgen. Ich möchte nur das Argument anführen, dass ich so doof auch nur mit eigenen Schuhen sein könnte und dass mir das barfuß nie in den Sinn gekommen wäre. Aber nachts mir mit solchen Dornen um uns herum, sind Schuhe vermutlich von Vorteil. Mögen tue ich sie trotz allem nicht. Blind stolpere ich über alles unebene, völlig stumpf und gefühllos über das was mich umgibt. Das wäre barfuß nie der Fall, da ich spüre auf was ich stehe und gehe. Ich rutsche barfuß nie aus und muss auch nicht auf den Boden schauen, weil ich ihn ja fühle. Dass ich mein ganzes Leben mit Schuhen umherlief und auf den Boden vor mir starrte, war mir lange gar nicht klar, bis ich merkte, dass es barfuß auch anders ginge. Seitdem tanze ich ein bisschen mehr durch mein Leben. Ich lache 30 Prozent mehr und bekomme 95 Prozent meiner sozialen Interaktionen durch meine Barfüßigkeit. Ich laufe auch nicht mehr den ganzen Tag durch wie in Spanien, sondern habe viel mehr Unterhaltungen und natürlicher Weise bekomme ich so auch mehr Hilfe. Meine Füße sind der Grund, dass ich so einfach durch Tansania komme, ehrlich!
Zuhause sitzen wir wieder alle zusammen in dem kleinen Raum des Ladens. Die große Tochter hatte einen Teig vorbereitet und nun war es an uns den Teig auszurollen und Chapati zu machen. Ich spielte mit den Kindern, half bei dem Teigrollen oder schaute gebannt auf den Bildschirm, welcher eine koreanische Swahili synchroniserte Show zeigte, namens Guns & Freaks. Viel zu viel Aktion, aber eine super interessante Ablenkung und wie witzig hier zwischen einer Familie in Tansania zu sitzen, Chapati in der Nacht zu machen und dabei koreanische viel zu laute Aktion anzuschauen. Ich grinste viel und genoß die Chapati-Pfannkuchen als sie fertig waren zusammen mit einer warmen Soße aus Bohnen. Ich schlief später wieder in dem Raum, der so lang und breit war wie mein Zelt in beiden Richtungen, aber zusätzlich mit dem kaputten Bettgestell darin und somit so viel Platz wie ich breit bin, um am Boden im Zelt zu liegen. Dieser Ort ist mir ein sehr lieber und ich liebe jede hier verbrachte Nacht. Allerdings weiß ich, dass ich morgen aufbrechen werde.