Es gibt einen Weg fair zu berichten! Es ist möglich genug zu reflektieren, niemanden zu beleidigen, richtige Perspektiven zu vermitteln; bildend, weltoffen und menschenfreundlich. Man kann es richtig machen und ich wünschte ich wäre an diesem Punkt. Ich bin aber leider nur Anfang zwanzig, befinde mich das erste Mal in einem afrikanischem Land und habe zu diesem Zeitpunkt keine Einblicke über das Faire Berichten erhalten. Unser Schulsystem bildete mich völlig ungenügend über die Geschichte des Kolonialismus und in keinster Weise war oder bin ich mir zu genüge darüber bewusst, wie man über ein solches Erlebnis schreibt. Welche Bilder man benutzt, welche Details man betont, welche Eindrücke und Vorstellungen man reproduziert, oder welchen Schaden man damit ausüben kann. Ich habe keine Bildung, keine Vorstellung, nicht ausreichende Menschenkenntnisse. Ein leeres Blatt.
Afrika ist der Kontinent unseres Ursprungs. Wir alle teilen diese Verbindung und das Menschliche hält hier seine Wurzeln. Eine Art des Daseins im Einklang mit dem natürlichen Gesetz des Lebens, welche den Ethnien im kühlen Rest der Welt nicht zustand, als sie den Mutterkontinent hinter sich ließen. Es muss dieser erbitterte Kampf gegen Kälte und Hunger sein, dieses Alle gegen Alle um zu überleben, welches dazu führte, dass jene Menschen von außerhalb der Heimat ein System in die Welt pflanzten, welches Milliardenumsätze aus Waffenproduktionen zieht, globale Ökosysteme systematisch zerstört, Menschen als minderer behandelt, weil sie anders sind und den Teufel anbetet und einen Lauf auf Kinder richten können. Dass dieses Gedankengift nun auch hier ist, kann und muss auf den Kolonialismus zurückzuführen sein. Der Anfang eines ewigen Spieles der völligen Ungerechtigkeit und Entmenschlichung. Einseitiger Profit und Sklavenschaft für den Rest. Rassismus und der ernste Beginn des Endes.
Wenn ich nun in Tansania bin, kann ich nicht auf die Schönheit des Ursprungs mehr deuten. Unser System zerfraß hier schon genug und ist nun verworren mit der Schönheit des Einst. Das parasitäre Verlangen nach Wachstum, das Konzept der Stadt, die Globalisierung - all das steuert zu genüge dazu bei, dass selbst die Menschen des ersten Kontinents unserer menschlichen Welt von ihrem Sein abrücken müssen - man passt sich an um zu überleben. Als Land und als Mensch. Wir ließen ihnen keine andere Chance, denn es sind die direkten Auswirkungen der Ausbeutung, Versklavung und Völkermorde unserer gemeinsamen Vorzeit.
Wenn Europäer denken, besser als jene Mitmenschen hier zu sein, dann tun sie das auf dem vertretenden Grundsatz, dass ihr Virus die Welt zu zerstören, -Unmengen zu konsumieren - ihr menschlicher Geistesschaden durch Generationen in Industrialisierung und Weltkriegen - sie zu etwas Besserem machen würde, anstatt zu dem Monster der gräulichen Untaten, welches aus dem Nest unserer Ethnien kroch. Wir zerstören das tief Menschliche in dieser Welt und dieser Ort wird dieser Giftkralle womöglich auch zum Opfer fallen.
Diese Schuld braucht Bewusstsein.
Diese Anklage an uns soll zweierlei Dinge - uns auf das kommende Vorbereiten und meine eigenen Fehler rechtfertigen. Ich kam an und war überwältigt. Alles ist anders und auf die Andersartigkeit ging ich ein. Der soziale Komplex, die Kleidung, die Natur. Dass jede Person hier genauso gut Du und Ich sein könnten, liest man aus meinen Zeilen kaum heraus. Wenn alles anders ist, dann sind jene 'Die' und wir selbst eben 'Wir'.
Ich kann diese kommenden drei Einträge nicht unpublik machen. Es wäre feige und falsch. Ich wünschte ich könnte es, aber immer noch existiert der Rest alles Falschen und ich hätte nichts bewirkt. Stattdessen möchte ich dich auffordern besonders reflektiert, kritisch und bewusst zu lesen, um meine Fehler selbst zu entdecken. Sehe die Sätze mit jenen ich deine Wahrnehmung lenken möchte, mit welchen bildlichen Worten ich falsche Vorstellungen erschaffe und was im Menschenwesen ich betone, was im bekannten Alten zuhause nie Erwähnung finden würde.
Ich bin nicht stolz. Ich durchgehe den Reue-, Scham- und Hassprozess, welcher uns Europäern und Europäerinnen allen zusteht, um unsere Rolle zu begreifen, in dieser von unseren Vorfahren geschaffenen Hölle! Nichts rechtfertigt unsere Position in dieser Welt, nichts rechtfertigt das Leiden oder die Ungerechtigkeit oder die Wahrnehmung aller Dinge. Die wirtschaftliche Missgunst, die brutale Abhängigkeit, die verzerrten Möglichkeiten das eigene Potenzial in dieser Welt blühen zu lassen. Nichts. Und durch unser Unwissen kann dieser Umstand beständig weiter atmen und überleben, sich fortpflanzen und weiter zerstören. Unser Bewusstsein ist die größte Waffe und kein Gott könnte es je leugnen, dass es mehr als diesen einen richtigen Weg gäbe. Es gibt einen genauen Weg zu gehen. Dieser Prozess ist keine Wahl für welche man gelobt werden könnte, sondern es ist oberstes Gesetz der höchsten Instanz - immer noch unsere Menschlichkeit, die uns eint!
Wir wurden zu Untermenschen und betrachten das Höchste - unsere Menschlichkeit - als unnütz. Stattdessen ließen wir unser Handeln und Denken von buntem, schnellgedrucktem Papier bestimmen und werden so selbst zu den Abhängigen, Unfreien und Ausgenutzten. Es liegt in dem Interesse aller, die Mensch geblieben sind und es werden wollen.
Unsere Aufgabe ist es wieder Mensch zu werden! Dafür brauche ich deinen ganzen Verstand, dessen Offenheit und dein Herz in dessen ganzer Reinheit. Ansonsten ist das Spiel verloren und das Böse schneidet die Gurgel.
Tansania. - 27.04.2026 - Lennart
Aufwachen im Weltenwandel
09.09.2025, Erlebnisdichtung - Vikindu Mawangu Waldorf school, 9:02am
Über dem Eingang des Gasthauses, welches meine Mitfreiwillige aus Deutschland und ich für die erste Woche beziehen, wächst ein wucherndes Gebüsch, das dem Oleander den ich aus Spanien kannte, sehr ähnelt und nur zusätzlich mit gekrümmten Dornen verziert wird. Auf Holzstützen wird sein Gewicht über der kleinen akazienbraunen Tür gehalten, während der nachlassende Regen seine letzten Tropfen durch das Gewächs fließen lässt. Ich sitze im Schneidersitz auf einem verblassten weißen Kissen am Boden und die Tür ist für meine bessere Sicht geöffnet. Jene Tür, welche das Draußen und den Vorbau verbindet, hat ein Raster-Metallgitter und ein Mückennetz in seinem Fenster gespannt. Auf der Türschwelle ist eine dünne Schicht Zement geschmiert worden, im Kontrast zum restlichen roten Boden, und geschrieben auf dem Boden sind die neun Namen von Menschen, die bei der Fertigstellung des Baus anwesend waren. Ein Kindername ist mir bereits bekannt. Seit langem getrocknet sind jene nun ein ewiger Bestandteil des kleinen Hauses. Der Raum in welchem ich mich aufhalte besitzt eine Couch, die aus einer Art Holzfaden gewebt wurde, und welche Muster und Verzierungen in das samtig braune Material einverleibt bekam. Daneben steht ein ähnlich gebauter kleiner Tisch, der Flaschen, Hüte und Bücher auf sich trägt; allesamt Überbleibsel der bisherigen gemeinsamen Abende von der Gruppe der anwesenden Freiwilligen. Die Wände, die den Raum versuchen einzufangen, haben allesamt Fenster als obere Wandhälfte und werden von dünnen Holzplanken vom Einsturz bewahrt. Meines Ansicht nach eine architektonische Meisterleitung, aber das durch reichlich wenig Ahnung bestimmt. Aber ich denke das funktioniert, da das Dach ein aus Blech bestehendes ist, wie bisher jedes Gebäude, das ich gesehen hätte, eines war.
Die Atmosphäre der Luft wird akustisch durch das Tropfen des letzten Regens gefüllt, aber übertönt wird es von einem wiederholendem Ruf auf der Straße, welcher etwas anzubieten scheint, vielleicht eine Ware. Von rechts her hört man die Menge an Kindern, dich sich zur Zeit im ersten Unterricht des Tages befinden und fröhlich das Rufen ihrer Lehrerin wiederholen und Antwort geben, singen oder kleine Schreie von sich geben. Zwei Hähne, die den Tierhaushalt des Schulgrundstückes schmücken, messen ihr Lungenvolumen aneinander ab. Eine Krähe mit schlauem Blick kommt von einem Cashewbaum zum Schuldach geflogen und beäugt das Geschehen bedächtig. Ich würde so gerne beschreiben was es zu riechen gibt, allerdings lässt mein kümmerlicher Geruchsinn so etwas nicht zu. Ich würde genauso gerne in Worte fassen können, wie unterschiedlich die Luft beim ersten Ankommen war und wie klar die Realisierung anhand der Luftart einschlug, an einem Ort fern fern der eigenen Heimat zu sein. Luft könnte nicht verschiedener sein und trotzdem hätte ich keinen Ansatz das verständlich durch Wortes Kraft zu machen. Vermutlich könnte man es sich auch nicht vorstellen. Allerdings war es das ausnahmslos erste was von unserem Trio der Anreise angesprochen wurde, nachdem wir durch eine heikle Nacht hindurch mit all unserem Gepäck vom Flughafen in Dar es Salaam nach Vikindu, einen Stadtteil weiter außerhalb, kamen. Angekommen waren wir nach neunstündigem Flug in Dar es Salaam um drei Uhr morgens. Die Kontrolle des Visas verlief problemlos und auch jegliches Gepäck wurde wiederentdeckt. Das mit der Weiterreise stellte sich als etwas problematisch heraus, als wir vor der Aufgabe standen zuerst eine SIM Karte zu besorgen und anschließend ein Gefährt mit Fahrer zu finden, welcher bereit wäre einen solchen Umweg für einen vertretbaren Preis zu unternehmen. Der Kurs der Währung von Euro in tansanische Schilling ist circa 2800 T’Schilling für einen Euro. Und damit kommen wir zum ersten, beinahe nicht vertretbaren Umstand…
Wir als Freiwillige der deutschen Organisation ‘Freunde Waldorf’, welche zu sechst ein Jahr an zwei Einsatzstellen des Landes Tansania’s verteilt verbringen würden, werden zwar nicht basierend auf einem Vertrag bezahlt - die Arbeit ist schließlich freiwillig - allerdings ist das Taschengeld, welches wir als Entschädigung monatlich in der Höhe von 100 Euro bekommen, ein Betrag, der das Einkommen der Bevölkerung oft um Weiten übertrifft. Und dabei haben wir noch das Kindergeld außer acht gelassen. Mit meinen 350 Euro pro Jahreszwölftel und circa dem neunfachen Einkommen vieler normal arbeitenden Menschen hier, ist das Leben das uns bevor steht ein finanziell sorgenloses. Zusätzlich versorgt uns die jeweilige Einsatzstelle mit Kost und Logis, und somit fallen die Kosten für Miete und Ernährung zu den größten Teilen weg. Selbst wir als Freiwillige müssen uns nun also damit auseinander setzen, die nächsten privilegierten Weißen zu sein, die problemlos parallel zu allen ortsansäßigen Geldproblemen existieren können, ohne die wirkliche Option von unserem Einkommen Teile spenden zu können und damit eine Auswirkung zu haben. Jetzt kann man sich natürlich über alles beschweren, allerdings teile ich das eher als Einblick in mein Gewissen. Mir geht's also gut, anderen nicht... eigentlich alles beim Alten.
Nun denn… was uns bleibt ist eine gute Arbeit zu machen; Freude und Lächeln zu bringen, Momente zu erschaffen, kulturellen Austausch zu betreiben und unsere junge und unerschöpfliche Energie so gut wie es geht an unser Umfeld weiter zu geben. Im Endeffekt ist das gesamte Unterfangen aber ein staatsgefördertes Projekt zur deutschen Eliteförderung und umso früher es der freiwillig arbeitenden Person bewusst wird, dass man selbst in dem Rahmen weder wirklich helfen kann oder Umstände ändern könnte, umso besser. Diese Illusion wurde uns während dem zehntägigen Seminar in Deutschland bereits genommen, was Gold wert ist, wenn es um die eigenen Ansätze, Ziele und Vorstellungen geht. Wir behalten: Veränderung wird nicht durch einen einjährigen Freiwilligen Dienst bewirkt. Nicht direkt. Es ist eine pure Erfahrung für das eigene Sein, eine persönliche Bereicherung und keine tatsächliche, langfristige Hilfe für den besuchten Ort. Nach einem Jahr verschwindet der weiße Mensch wieder.
Bevor es in die Erzählung um das bisher passierte geht - drei Tage verweilen wir schon an diesem wundervollen Ort - kurz noch zu den Aufgaben eines Freiwilligen. Zur Zeit befinden wir uns wie gesagt an einer inklusiven Schule in der Nähe der tansanischen Großstadt Dar es Salaam. Meine eigentliche Einsatzstelle liegt 21 Stunden Busfahrt weiter im Norden, am berühmten See Victoria in der dortigen Hafenstadt Mwanza - eine große Stadt der Industrie und Fischerei. Die Schule hier ist eine Grundschule und ein Kindergarten. In Mwanza wird es das ‘House of Hope’ sein, in welchem Babies und Kleinkinder nach ihrer Operation untergebracht werden. Das Haus existiert in der Zusammenarbeit mit einem lokalen Krankenhaus und operiert Kinder mit ‘Spina Bifida’ (gespaltene Wirbelsäule) und ‘Hydrocephalus’ (umgangssprachlich Wasserkopf), welche danach mit einem Elternteil dort verweilen, bis es aus ärztlicher Sicht vertretbar ist, sie zu entlassen. Als Freiwilliger wird man gebraucht, um im Krankenhaus die Klientenaufnahme zu unterstützen, also Namen, Adressen und Daten aller Art zu verzeichnen, und am House of Hope wird es die Betreuung und Versorgung und Pflege der Anwesenden sein, als die generelle Alltagsgestaltung für Mütter und Kleinkinder. Man erfüllt seinen Bildungsauftrag im Rahmen des eigenen Potenzials. Wenn man unterrichten kann, ist das vermutlich genauso fantastisch wie das Singen, Basteln oder Spielen mit den Kindern. Als ausbildungslose Deutsche haben wir bis auf ein Abitur nicht viel mehr zu bieten und könnten praxisfremder überhaupt nicht sein. Das nochmal zu dem Aspekt ‘Hilfe’ unter dem Konzept des Freiwilligen sein im Rahmen des Dienstplans. Von sowas lässt man sich natürlich nicht klein kriegen und somit finde ich mich wie schon so oft, wieder hinter einer Tastatur und versuche Worte zu finden, die einfangen was es zu erleben gilt.
Hier ein kurzer Einblick in meiner persönliche Rechtfertigung und in den Ansatz den ich verfolge:
‘Worte sind keine Taten.’ Das tut zwar weh, wenn man es so hört, aber da ich versuche durch meine Arbeit ein wenig zu tun und dazu die passenden Worte zu finden, kann ich durch die Vereinigung der Beiden meinen kleinen inneren Frieden mit der Behauptung finden. Wozu aber nun die Worte? Zuerst die nötige Werbung für das schriftliche Erhalten passierender Dinge: das Tagebuchschreiben wenn du so möchtest… ha, ich hab dich gedutzt! Und damit steht mein Schriftstil für all das Kommende nun ein wenig konkreter fest. Merci!
Exkurs:
Also. Aufzuschreiben was man durchlebt hat grenzenlose Vorteile. So direkt mit seinen Gedanken konfrontiert zu werden ist selten. Außerdem ist eine Erinnerung um ein Vielfaches besser festgehalten und selbst wenn es der eigenen Fähigkeit des Zurückschauens entschwindet, besitzt man am Ende trotzdem noch die Pixel oder das Papier, auf welchem die Worte des Geschehenen wiederzufinden wären. Um das klarer zu machen: Wenn du bisher noch nichts schreibst, verpasst du etwas. Du verpasst dein Leben in Worte zu fassen und damit einzufrieren und die Erfahrungen, Momente und Gedanken, die darin vorkamen, würden zu Teilen verloren gehen. Das wäre unpraktisch wenn man eines Tages seinen Enkeln etwas wertvolles aus dem eigenen Leben schenken wollen würde... Du kommst auch nicht dazu dein eigenes Buch zu schreiben, wenn du nicht klein mit einem Teil der Schrift anfängst. Was für ein Verlust für dich selbst und die nach dir Kommenden, welche keinen Einblick in den Umstand deiner Zeit oder in deine Kreativität und ihre Ideen zu haben. Für mich dauerte es ein Jahr und ein Viertel des Journalierens, bevor ich mein erstes Buch zu verfassen begann. Das sollte allerdings kein Richtwert sein, sonst ist das Buch am Ende ähnlich verkopft wie das Meine. Ich drifte ab…
Haben Worte vielleicht auch einen weniger egozentrischen Ansatz, als nur die Reflexion und die beinhaltete Bewusstseinsbildung? Ja, schon! Für mich persönlich ist es der einfache Weg in meiner Überforderung des durch Internet verstärkten Austausches, unserer Kommunikation, klarzukommen. Durch die Unfähigkeit Nachrichten in regelmäßigen Abständen zu schicken, oder sie extra für jede Person zu verfassen, konnte ich in meinem ersten FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) in Kanada auf Vancouver Island meine Tagebucheinträge auf dem Smartphone dafür verwenden, sie mit meiner Familie und ein paar Freunden zu teilen. Eine Hemmschwelle, die man überwinden kann, die aber die Persönlichkeit des Geschriebenen stark beeinflusst. Also traf ich die hervorragende Entscheidung mir Papier, gebunden im Format eines Notizbuches, anzulegen und konnte meinen Kopf dort das erste Mal frei und ungefiltert auslegen. Stellt euch Gedankengänge vor, die nicht verschwinden, sobald eine Ablenkung wie das Vibrieren des Handys dazwischen kommen oder das zu laute Rufen einer koexistierenden Person, sondern solche, die ungestört vor sich hin existieren und über Tage hinweg verfasst werden, bis der Gedanke in seiner Gänze und Tiefe Bestand hat. Welches Problem sollte dadurch unlösbar bleiben? Welche Unklarheit sollte eine solche Form der Verständigung mit dem eigenen Sein überleben? Genau! Mir persönlich geht es seither wesentlich besser. Man fühlt eine Art Aufgeholtheit mit der Zeit, man merkt Up-To-Date zu sein und genügend verarbeitet zu haben. Es ist eine Stille, eine sanfte Ruhe, die sich zärtlich über den sonst tosenden Kopf legt und wie eine kleine, andauernde Massage ein Begleiter des Momentes wird.
Allerdings bin ich wieder vom Punkt abgewichen… du durftest nun meine Meinung über das Schreiben einatmen und vielleicht zu gegebener Zeit ebenfalls für dich entdecken (was das größtmögliche Kompliment für mich wäre), aber geklärt, warum ich nun über meine Erfahrung hier schreiben werde, habe ich noch nicht…
Vermutlich bin ich einfach die nächste Person, die versucht mit dem was sie gut kann oder gerne macht berühmt oder reich zu werden, oder? Man kennt die Menge an reichen Schriftstellern schließlich und du kannst mir vermutlich von Herzen gratulieren, die perfekte und einfachste Bahn dafür gewählt zu haben. Zum Glück möchte ich kein Geld. Zum Glück liebe ich jene freiwillige, ‘unbezahlte’ Arbeit, bei der nicht der Wert des Geldes ausgetauscht wird, sondern selbst noch in der westlichen Welt menschliche Werte. Eine Arbeit um Momente und Bindungen zu erschaffen. Außerdem hatte ich während meiner Rucksackreise durch Europa das Glück von meinem Pariser zu lernen, wie man ohne Geld überlebt und das sogar über die Norm gut… denkt erst gar nicht an Diebstahl, darum geht es hierbei nicht, aber lest gerne mein Journal über die Reise durch Europa von Korsika an, falls euch das Leben ohne Geld im speziellen interessieren sollte. Wieder abgedriftet…
Mein Ziel in diesem Jahr ist es eine Reichweite aufzubauen. Bisher war der Blog den du vor dir liegen hast und in Pixelform deine Augen blendet, nur dazu gedacht meine geliebten Eltern Teil haben zu lassen, von der Welt, die sie bisher nicht selbst in diesen Ausmaßen erleben durften. Diesmal wird das Ganze öffentlich gemacht und wer weiß - vielleicht liest ja noch die eine oder andere Person Travel-Blogs. Du bist ja schließlich auch da! Mein Ziel wäre es also mit Inhalten über das Freiwillige Jahr andere zu erreichen und folgendes zu erreichen: mehr junge Menschen sollen nach der Schule zu dem Fakt aufwachen, dass es auch andere Wege gibt, als direkt in die Arbeit oder das Studium zu schwimmen, wie es die Masse vorgibt. Die Erzählung dieses Jahres und meines ersten FSJ’s sollen verständlich machen und Einblick darin gewähren, was diese Jahre aus mir machten. Alles was du ließt, ist eine Entscheidung die es für alle von uns zu treffen gilt. Wir arbeiten an unserer Einstellung zum Leben und wie wir dieses Eine nach unseren Wünschen gestalten können. Ich bin auf einem persönlichen guten Weg und teile gerne. Sich inspirieren zu lassen, kostet nichts.
Der nächste und wichtigere Ansatz, ist meine Verpflichtung, als eine Person vor Ort Berichterstattung in einer bildenden und neutralen Form darzubieten, sodass du etwas daraus ziehen kannst und am Ende mit einem genaueren Bild über den besuchten Ort da stehst. Der Sinn darin soll das bekämpfen von Vorurteilen sein und uns alle sensibler und weltoffener machen. Es soll inspirieren und vor allem: bewusster machen! Es ist dieses Bewusstsein an dem wir gemeinsam als Menschheit arbeiten müssen. Das Erkennen der menschlichen Einheit als eine Familie. Probleme ausfindig machen und gemeinsam dagegen vorgehen. Wusstest du, dass hinter diesem Blog eine Bewegung steht, der du dich anschließen kannst? Falls nicht, dann weißt du es bald ;)
Am Schönsten wäre es dann, wenn ihr durch meine Worte über einen Umstand reflektiert. Wenn ihr nach der Erzählung über Tansania auf euer eigenes Leben schaut und euch fragt: Wie geht es mir? Was möchte ich und was ist mir von Wichtigkeit? Was ist mein Platz in der Welt und wo sehe ich mein Potenzial?
Wenn ihr dann vor der Frage steht: Wie kann ich helfen? dann möchte ich euch eine Perspektive leihen. Den Rahmen in dem ihr agieren wollt, legt ihr selbst fest. Der Aktivismus ist so vielschichtig wie das menschliche Sein an sich… wenn ihr in einer finanziell komfortablen Situation seid, werdet ihr Optionen finden mit diesem Geld Projekte zu unterstützen, die ich kennen lernen durfte auf der Reise durch die Welt. Wenn ihr selbst Teil von etwas sein möchtet, das versucht Veränderung in ihrer Wurzel zu bewirken, dann tretet gerne unserem Verein Gen.ZM e.V. bei. Sobald ich mit diesem Jahr bin versuch ich in deiner Stadt vorbei zu kommen und den Verein auch dort zu gründen. Wenn du mich damit unterstützen möchtest, dann darfst du dich als Person anerkennen, die den Verein auch selbst etablieren kann. Wir hören dann in Person von einander. Liebe!
Als kommender sozialer Rahmen für alle Generationen, ist es das Ziel des Vereins uns Menschen die Möglichkeit zu geben zusammen zu kommen und gemeinsam zu leben; und das vor allem technikfrei. Für die Jugend soll es zur eigenen Entfaltung in sportlicher, aber besonders auch in kreativer Richtung sein. Mit Bildungsaspekten über Themen die uns alle bewegen, wird auch hier der Teil zur Bewusstseinsbildung beigetragen. Bei Interesse lies gerne die Page auf dem Blog mit dem Namen des Vereins.
Du hast vielleicht noch nicht die Perspektive die nötig wäre, um dich zum Handeln zu bewegen. Vielleicht bist du noch so hoffnungslos wie der große Rest von uns. Möglicherweise lähmen dich die Umstände in denen du aufwächst und du merkst, dass umso mehr du dich damit beschäftigst, immer mehr Schlimmes über das Jetzt und die Zukunft ans Licht tritt. Vielleicht fehlt dir aber auch nur die Idee zum ersten Schritt, denn eigentlich weißt du, dass dir die Welt, ihre Menschen und das Leben selbst sehr am Herzen liegen und du würdest vermutlich so gerne etwas tun wie ich, wenn du nur wüsstest wo du anfangen solltest. Meinen Werdegang hast du in den letzten Zeilen gefunden. Ich begann zu schreiben und mich auszutauschen über die Themen, die mir am Herzen lagen und erschuf damit mein jetziges Bewusstsein. Versuch das auch. Notier dir Gedanken und beschreibe was dich bewegt, wovor du Angst hast, was du dir wünschst. Am besten legst du den Bildschirm sofort beiseite (an die Wand werden wir ihn später gemeinsam werfen) und holst genau jetzt Papier und Stift, ansonsten macht man es oft nicht, obwohl es einem ja wirklich wichtig wäre. Ich warte auch die 10 Minuten, die es vielleicht brauchen wird auf dich. Nehm dir die Ruhe. Aber im Endeffekt machst du es natürlich nicht für mich, sondern weil du es dir selbst wert bist. Punkt.
Jetzt ist der Moment aufzustehen und was zu machen... ehrlich. Bis gleich!
Ein Jahr in Tansania. Die erste Woche in der Nähe der Hauptstadt und anschließend am See Victoria im Norden… arbeiten mit beeinträchtigten Kleinkindern und Babies.
Ich glaube ich bin bereit… du auch? Na dann mal los.
Hier beginnt mein zweites soziales Jahr. Werde gerne Teil der Erfahrung durch deinen Beitrag, deine Fragen und Anregungen und Gefühle. Wir leben auf der selben Welt!
Simba Day
05.09-10.09 - Ein erstes Kopfkino durch Worte der Beschreibung
Mwanangu Special Waldorf School
Guten Morgen! Ich hoffe du konntest länger schlafen, als ich das konnte. Allerdings ist der Ort an wir uns im Moment befinden beinahe jede Schlaflosigkeit wert. Mit dem Ort meine ich nicht den altbekannten Vorbau in dem ich auf der braunen Holzcouch sitze, sonder das Gelände der Schule und die Gegend in Vikundu, eine Stadt etwa eine Stunde außerhalb von der tansanischen Hauptstadt Dar es Salaam. Unsere Unterbringung hatte ich schon im letzten Kapitel angeschnitten, aber hier noch eine etwas konkretere Ausführung. Dieser Vorbau mit den Fenstern, die ringsumher die obere Hälfte die Wand ausmachen, dem staubigen und gerissenen roten Boden und anthrazitgrauen Wänden, ist durch zwei Türen mit dem Innern des Hauses verbunden. Es ist keine Doppeltür die meinen Blick versperrt, sondern eine eiserne Gittertür die nach außen hin aufschwingt und eine weißgerahmte Holztür aus Spannbrettern die nach innen geöffnet werden kann. Jene macht ein lautes Quietschgeräusch beim Einrasten, was einem spät Abends beim Hereinkommen ein wenig leid tun kann für die beiden Mitbewohner, meine freiwillig arbeitende bessere Hälfe, welche mich am Sonntag mit zu unserem eigentlichen Zuhause begleiten wird, und unser Mann vor Ort, der auch in Mwanza arbeitet, aber zeitgleich einen Besuch hier abhielt und sich entschied mit uns zusammen dort hin zu reisen. Er ist unser Mentor, unsere Ansprechperson und Freund. Mit ihm durfte ich zweimal in der Zeit in Deutschland sprechen und auch er machte mich nicht weniger aufgeregt auf was kommen würde. Eine süße Seele, die sich da in mein Leben verirrt hat. Dasselbe zählt selbstverständlich für meine Mitfreiwillige, ihr Name ist Loana, die ich schon auf unserem geteilten Seminar in der Nähe von Frankfurt kennen lernen durfte. Beides sind Menschen mit denen ich gespannt bin ein gemeinsames Jahr zu gestalten.
Der erste innere Raum ist jeder, der alle restlichen verbindet. In ihm befindet sich eine kleine Küchenanrichte, allerdings ohne fließend Wasser auf dem dennoch existenten Wasserhahn. Wir haben meinen Raum als erstes auf der Rechten und in dem Gang, der sich links von ihm erstreckt, befindet sich die Toilette auf der gegenüber liegenden Seite. Das Zimmer der zweiten Freiwilligen ist nach meinen Zimmer rechts und unser Mentor wohnt ganz am Ende des Gangs.
Unsere Toilette ist ein kleiner Raum mit dem Waschbecken nahe der Toilette, sodass man sich nach dem Klogang das Aufstehen beinahe schon sparen könnte. Zwischen hier und dort gibt es keine Abgrenzung von der Dusche zum Rest des Raums. Der Duschkopf macht einen Job, aber keinen guten, und so wird man mit der Zeit zwar nass, aber der Wasserschwall ist doch sehr einsehbar. Mit meinen inzwischen erweiterten Fähigkeiten was Bedürfnisse angeht, gab es trotzdem einen eher großen Schock. Für den Klogang zählt im generellen folgendes: Sitztoiletten aus Plastik oder gar Porzellan sind eher eine Seltenheit. Klopapier ist sogar etwas nicht existierendes. Es gibt kein Klopapier… ahh, jetzt müsste ich darlegen wie ich über die Tage komme. Zu eurem Glück ist meine Überbrückungslösung was das Kopfkino angeht noch vertretbar. Ich habe in meinem Gepäck ebenfalls den Rucksack mit dem ich durch Norwegen und von Spanien bis nach Deutschland unterwegs war. Dieser war zwar beinahe zur Gänze geleert, aber in der Tasche am Kopfteil fand ich noch einen Einmal-Rasierer und ungefähr 30 eingerollte Klopapiere. Diese benutze ich äußerst sparsam, was vielleicht noch der größte Fehler bei der ganzen Sache sein könnte und anschließend gehe ich meist duschen.
Bei keiner Dusche wird einem ein solches Privileg wie die Hygiene und Reinheit des Westens besser bewusst. Zwar sind die Menschen vor Ort dadurch nicht dauerhaft krank, aber ihre Gesundheit wird von diesem als auch unzählig anderen Umständen erheblich beeinflusst. Einfaches Beispiel: zuhause in Deutschland konnte ich mich entscheiden welche Lebensmittel ich kaufe und wie ich mich ernähre. Wie die meisten von uns bin ich auch oft genug im Supermarkt gewesen, der ja schon bodenlos genug ist, und die dortige Industriediversltät erschien mir oft genug schon als nachteiliger Lebensumstand… aber es muss festgehalten werden welcher Unterschied besteht, wenn man sich aus welchen persönlichen Gründen auch immer (wenn sie nicht in Verbindung mit Geld stehen) dazu entscheidet sich minderwertig zu ernähren versus den Umstand dass es nur eine ganz begrenzte Auswahl an Verkostung gibt und eine Diversität, vor allem von Gemüsen, beinahe völlig fehlt. Auch hieran gewöhnt sich die Bevölkerung aber da es um Gesundheit und nicht um Gewöhnung ging, spielt das eh keine Rolle. Gesundheit wäre doch was schönes, oder nicht? Und so hoffe ich, dass mein schlecht trainiertes Immunsystem einen guten Job macht, wenn es um Speichel und Husten von Kindern oder wenn es um das barfuß Laufen durch die Straßen geht. Meinung… - Ende.
Genug von Badezimmern und nun über zu meinem eigenen, in dem der Koffer noch aufgeklappt und nur teils ausgeräumt liegt und seine Schätze Preis gibt. Ein paar täglich genutzte Kleidungsstücke hängen über dem linken Bett, einem Doppelbett bei dem nur noch das untere Geschoss in Gänze existiert. Mein liebstes Stück Stoff ist seit seinem Besitz mein geliebter Poncho. Ein wundervolles Geschenk zweier Wesen. Erstes Hand des Zufalls, zweiter Hand des inspirierenden Beets, einem Freund den ich auf Vancouver Island im Geiste und manchmal in Person beiwohnen durfte. Jener musste das Meiste seiner Kleidungsstücke loswerden, als er abreiste um in ein buddhistisches Kloster in Oregon zu ziehen und somit landeten viele seine Sachen auf dem Flohmarkt der monatlich intern in unserer Kommune im kanadischen Wald abgehalten wurde. Seitdem wich der Poncho, welcher laut ihm aus Mexiko stammt, nicht mehr von meiner Seite. Er wird nach all seinen Möglichkeiten verwendet und ist nicht nur das Handtuch beim Umziehen am Strand um ungesehen zu bleiben, sondern auch die einzige Decke die mir grade zur Verfügung steht. Neben meinem Poncho hängt meine eingerissene, hellblaue, zu weite Jeans mit dem Gürtel noch in den Schlaufen installiert und eine dunkelgrau gestreifte Boxershorts schon in der Hose, bereit angezogen zu werden. Mein lila Strickpulli, ebenfalls aus Kanada, war mir bisher von wenig Nutzen, da… ehm, muss ich das mit der Hitze erklären? Mein Zelt ist durch seine Metallstange am Boden aufgespannt und steht als dünner Halbkreis ohne weitere Befestigung am Boden. Damit sie nicht umkippt ist im Innern an aber Seite meine Musikbox so hingestellt, dass sie für das Gleichgewicht des Zeltes sorgt. Die Box, ihr werdet es nicht glauben, kommt aus Kanada. Natürlich auch von meinem ponchoschenkendem Beet. Sie wiegt sechs Kilo und nimmt ein Drittel meines Kofferraumes ein. Kofferraum, ha! Ihr Gewicht und ihre Größe standen mir nie im Weg mich dafür zu entscheiden sie an Orte mitzunehmen. Von Kanada nach Deutschland und nun nach Tansania, auf dass sie uns noch viele schöne Abende mit Musik und Tanz beschert. Für jetzt ist sie die Säule meines Unterschlupfes. Das Zelt ist ganz praktisch, da die beiden Betten auf seiner linken und rechten Seite beide zu klein sind für meinen 1.85 Körper. Da ich aber sowieso schon seit beinahe eineinhalb Jahren auf Böden schlafe, hätte der Umstand kein geringerer Sein können. Der Boden meines Zeltes ist zwar nicht weich, aber zumindest nicht kalt, und das beste an dem Zelt ist, dass es als erste Schicht ein Mosquito-Netz besitzt, ohne welches ich hier mehr oder weniger am Ende wäre. Die Mücken sind schneller, schlauer und verursachen größere Schwellungen. Über Malaria könnte man sich auch Gedanken machen und viele der anderen Freiwilligen nehmen auch Prophylaxen, aber nach einem kurzen Blick auf deren Preise konnte ich beruhigt davon absehen. Außerdem lebt die Bevölkerung vor Ort auch ohne, oder etwa nicht? Auf meinem Schrank stapeln sich die mitgenommenen Bücher und meine eigenen Notizbücher, welche ich brauchen werde um beim Bloggen verschiedene Phasen meines Lebens und die Erfahrungen in ihnen richtig aufarbeiten zu können. Die drei Bücher die mich begleiten sind: Der Briefwechsel zwischen Caroline und Wilhelm von Humboldt - ein Buch über die größte Erzählungen des 20. Jahrhunderts und über ihre Schriftsteller - und ein dickes Ding mit dem spannenden Titel ‘Bildung’… das Ding von dem ich in der Schule zu wenig mitnahm und seither verzweifelt in der Welt suchte. Ein wahrhaft phänomenaler Papierschinken.
So viel vorerst über die Unterbringung unserer Partnereinsatzstelle in der Nähe von Dar es Salaam, was so viel bedeutet wie ‘Peace Upon a Few’. Eine Woche sollte dieses kleine Häuschen nun unsere Unterkunft sein. Über die Welt um das Häuschen, mit ihrer Natur, den Menschlein und Momenten, findet ihr in den folgenden Einträgen.
Mambo
13.09.2025 - Natur, Menschen, Tiere
Zwar weiß ich nicht wie dein Morgen zur Zeit aussieht, meiner findet allerdings meist unter Schlafmangel ab 7 Uhr statt um eine halbe Stunde später dem Morgenkreis des Kollegiums der Schule beizuwohnen. Am ersten Morgen durften wir uns als Freiwillige vor allen Anwesenden, von Lehrkräften zu Putzkräften und Farmern, einmal vorstellen und sind seit dem stille Zuhörer, wenn die leitende Person namens Alfred dem Personal auf Swahili erklärt was ansteht oder, wenn kein Update zu geben ist, was generelle Werte und Richtlinien sind, die sie als Schulorganisation vertreten. Ein leichtes Beispiel: Pünktlichkeit.
Danach kommt Alfred jedes Mal auf uns zu, begrüßt uns mit einer coolen Fistbomb (hier Tano genannt) und übersetzt dann den Konsens des Gesprochenen. Mein Kollege Henri geht dann meist ins Bett, weil er nur zwei Stunden verfrüht zum kurzen Beiwohnen dieser Sitzung aufwacht und dann den restlichen Schlafmangel bekämpft. Ich überbrücke das Ganze weniger schlau und finde mich nach dem morgendlichen Kreis meist hier ein, das Zimmer des Vorbaus, entweder vor der Tür sitzend und in den Regen schauend, oder auf der braunen Couch mit dem Laptop auf dem Schoß. Ganz schön warm das Ding… Manchmal sitze ich so für eine Weile und tippe unbedacht vor mich hin, aber meist findet diese meditative Sequenz ihr Ende, wenn mein Mentor Teil des Geschehens wird, mir breit grinsend einen guten Morgen wünscht und dann fragt ob ich ihn auf die Farm begleiten kann; meistens um Fotos zu machen, was ein wahnsinniger Spaß für mich ist. Wenn ihr Fotos von diesen Farmausflügen im Blog findet, dann wird das heißen, dass mir die Erlaubnis gegeben wurde sie zu publizieren.
Mein Mentor heißt Peter. Peter, wessen Name ich immer englisch ausspreche, koordiniert vieles und schreibt Berichte über was ist. In Mwanza, wo er eigentlich zum Großteil der Zeit tätig ist, plant er viel in Zusammenarbeit mit dem Krankenhauses, wenn ich das richtig verstanden hatte. Er versorgt die Klienten mit Terminen und Informationen über den kommenden Eingriff und plant den Verbleib der Mütter mit ihren Kindern am House of Hope; der Ort an dem Loana und ich verweilen werden. Sein Fachwissen ist breit, aber noch durch sein Englisch befangen. Ich hoffe zumindest meine Sprachkenntnisse an ihn weiter geben zu können, da ich spätestens seit Kanada tatsächlich als ‘fluent’ bezeichnet werden könnte. Im Gegenzug nutzt er schon jetzt beinahe jede Gelegenheit, um mir seine geliebte Sprache, Swahili, beizubringen. Eine Zunge auf die ich mich aus Tiefen freue. In keiner Welt könnte ich durch das Jahr kommen, ohne dabei die Sprache zu lernen. Das merke ich schon jetzt, und das ist es auch was mich besonders froh macht, da es die Sprache selbst sein wird, die mir Einblicke in die Menschen und ihre Kultur vor Ort geben wird. Peter’s Aufgabe hier an der Schule ist es, den drei jungen Männern, die als Farmer angestellt sind, beizubringen wie sie den Farmbetrieb biodynamisch gestalten. Wir sind an einer Waldorfschule. In Kanada lebte ich in einer Kommune, welche von der gleichen Ideologie geprägt worden ist - die Anthroposophie. Die deutsche Organisation, welche mich nun das zweite Mal an einen atemberaubenden Ort mit unglaublicher Arbeit vermittelt hat, heißt ‘Freunde Waldorf’. Im Morgenkreis tanzen wir die Vokale in Eurythmie, eine Bewegungswissenschaft die Laute und Worte in Bewegungen fasst, und auf der Farm ist eine Art des Landwirtschaftens das Ziel (das wie schon gesagt ‘Biodynamik’ heißt), welches den Rahmen des anthroposophischen Daseins noch weiter ausschmücken würde. Eine nette Ideologie, mit deren Kritik man sich zweifelsohne auseinander setzen muss, bevor man wertschätzen kann, wie vielen Kindern sie Bildung verschafft hat, wie vielen Behinderten einen Ort zum Leben leben, und wie vielen Menschen einen Sinn und eine Perspektive im Leben. Mit anderen Worten - es gibt schlechtere Dinge auf der Welt. Für jetzt werden sie erst einmal benannt, aber zu gegebener Zeit vermutlich auch ausgeführt. Sollte die Idee bestehen bleiben mein Studium im New York State abzuhalten, wo ich die Möglichkeit angeboten bekam im Rahmen einer solchen Kommune und ihrer Akademie zu studieren, dann wirst du spätestens dann alles darüber erfahren…
Ich möchte dir als nächstes unseren Alltag und was ihn verziert etwas näher bringen; durch Berichte über die Arbeit mit Kindern, Spaziergänge in der Gegend und dem Essen, welches für die Kinder das immer gleiche ist und für uns Freiwillige meist am Abend abweicht, weil wir uns in unserem Stammimbiss einfinden. Den Versuch den ich hier starte ist jener, den ich nicht auf persönlicher Basis mit jeder Person mit der ich in Kontakt stehe, vollbringen kann. Stell dir vor an einen Ort zu gelangen, der keine Parallele zu deiner vorigen Welt hat - nichts was dir bereits bekannt oder gewohnt vorkäme - Gerichte, Pflanzen und Umgangsformen, für die du allesamt keine Worte findest. Stell dir vor du stehst in einem zu kleinen, rostigen und ziemlich alten Minibus mit 35 anderen Menschen und bist auf dem Weg in die nächste Stadt hinein, aber nichts in deiner Wahrnehmung möchte sich reimen, möchte Sinn ergeben. Du siehst Menschen und sie leben. Aber weder sind es die Menschen, die du gewohnt wärst, noch ist es ein Leben, das man sich jemals hätte ausmalen können. Wenn dein eigener Kopf fassungslos und gleichzeitig begeistert dasitzt und versucht zu observieren, aber keinerlei Worte findet, dann haben wir ein gewisses Problem. Dieses Problem hatte sich als erstes in Form von Überwältigung gezeigt, als ich zum ersten Mal in ein W-LAN Netz eintauchte und mich Unmengen an Nachrichten aus Deutschland und der westlichen Welt zu überrollen drohten. Spätestens nach zwei Menschen meines Herzens war mir klar: ich bin zu müde, ich habe keine Kraft die richtigem Worte für jede Person zu finden, ich bin nicht fähig diesen Menschen in gesprochener Form eine andere Welt auf verständliche Art und Weise näher zu bringen. Diese Situation fand gestern Abend statt. Heute sitze ich hier und versuche meinen Ansatz durch das Geschriebene. Diese Worte geben mir ein wenig mehr Hoffnung. Hier finde ich meine Möglichkeit aufzuholen, mit was ist. Zu verarbeiten, indem man eine Beschreibung, ein Konstrukt aus Worten auf etwas Erlebtes legt. Das fühlt sich besser an als in dem eigenen Anspruch zu ertrinken, während man versucht eine zwanzig Minuten Audio pro Person zu erstellen. Nun denn, was ist dieser Ort für mich?
Das erste Gericht auf tansanischem Boden, welches mir über die Zunge glitt, war eine kleine Suppe mit Ölblasen auf der blassgrünen Oberfläche, winzige Partikel von Hühnchen, welches im großen Topf aus dem die Suppe kam, eingelegt war. Wir würzen die Suppe mit einer Art scharfen Peperoni, Limette und Salz. Zwei ungesüßte Pfannkuchen machten das Brotmedium zum Tunken aus. Man nennt sie Chapati. Es gab eine warme Milch und Datteln, die wir in der Milch einlegten. In meinem Rücken stand ein Kasten aus Plexiglas mit Gebäckstücken drin; wir sehen alle Formen von frittiertem Teig, Süßkartoffeln und Fleisch an Spießen. Daneben ist ein Gebirge aus Pommes zu finden und die Beilage aus Salat, welcher nur aus feinen Streifen, grün und orange, besteht, liegt darunter. Rechts von dem Schaukasten sind je nach Menge der Menschen die eintreten, entweder ein kleiner Grill mit glühender Kohle gefüllt, oder zwei. Auf der Kohle liegt eine große eiserne Schale die mit Öl gefüllt ist und in welches dann alles ‘frisch’ frittiert wird. Das Essen kommt, wenn man Glück hat, oder sich eben für das Gebäckstück im Öl entscheidet, noch brutzelnd warm auf den Teller und schmeckt doppelt so gut.
Verzeih, ich habe das Umfeld ausgelassen… wir befinden uns 15 Minuten Fußmarsch von der Schule entfernt. Die Hauptstraße mit all ihren Geschäften und knatternden Fahrzeugen füllt die akustische Atmosphäre, sodass jede anwesende Person Grund dazu hat, an der eigenen Stimmlautstärke zu arbeiten. Diese Hauptstraße ist das einzig Geteerte in der Gegend, während alle Straßen die zu unserer Schule führen aus Sand bestehen und ein echtes Off-Road Erlebnis darbieten, wenn man es mit westlichen Straßen vergleichen möchte. Autobahnen in Brandenburg können hier nicht mithalten. Die Stände sind entweder an der Seite in Blechgebäuden, hüttenartig, untergebracht, oder stehen frei und oft nicht größer als ein Holzbretterblock, dessen Oberseite gefüllt mit Obst (Papayas, Orangen, Melonen, Mangos…), Gebäck (frittierte kleine Kugeln aus einem Maismehl, Brot in dicken Dreiecken, Fladen in hell mit braunen Punkten oder dick, gelb und fluffig, lang gezogene Rollen aus süßem Teig mit einer Zuckerkruste drauf herum…), Fisch (winzige getrocknete Fische, die oft mit einer roten Soße gegessen werden, größere Frittierte sind auch dabei und die Auswahl wird immer größer, umso näher man der Großstadt und ihrer Küste kommt), Hühnchen (in alle Einzelteilen zerlegt und entweder im Waschprozess oder bereits beim Grillen. Ich möchte erwähnen, dass alles Aufgelistete in Haufen zu finden ist), Schuhen oder elektronischen Geräten ist. Und das alles neben den Dienstleitungen (mit einer Variation, dass einem nichts auszudenken bleibt, das fehlen könnte). An jedem dieser Stände wartet eine Person und arbeitet und guckt. So ist die Fläche zwischen gebauten Geschäften und der gefüllten Straße auch noch gut genutzt worden. Hier vermischt sich der sandige Boden mit Brocken aus Beton. Das Plastik, welches sonst jeden Weg abseits der Hauptstraße schmückt, ist hier zwar weniger, allerdings dürfte dieser Zustand niemals mit Sauberkeit verwechselt werden. Brocken aus Gestein, schwarzes Wasser im Sand, Material von Säcken, Hartplastikstücke und Tüten sind die Verzierung die ich beäuge, wenn ich barfuß durch alles hindurch stapfe. Unser eingenommenes Essen, von dem ich dir vor einer Weile berichtete, findet sich ein paar hundert Meter innerhalb des Straßengetummels bei Hasan. Hasan konnte mit seiner Art und dem anhängendem Charme, aber auch seiner Essenzubereitung bereits die ehemaligen Freiwilligen für sich gewinnen und hat sich nun die nächste Generation, also uns eingebrockt. Da sitzen wir also zu sechst. Der blaue Plastiktisch macht unsere Mitte aus, während um uns herum das offene Feuer brutzelt, der Markt seine Ware anpreist, Mopeds (Booda Booda genannt) zusammen mit Minibussen und Dreirädern die Straße füllen und Einheimische ihr Interesse an sechs Menschen mit weißer Haut durch Blicke kund tun. Es ist ein guter Ort. Die Menschen könnten offener nicht sein. Das permanente Grüßen auf der Straße könnte uns als Deutschen nicht fremder sein, allerdings ist es mindestens so schön wie fremd. Ohne der Atmosphäre in Deutschland etwas unterstellen zu wollen - hier schauen einen die Menschen interessiert an, wobei ich das Gefühl habe, dass anderswo Menschen aus dem Ausland kritisch und misstrauisch beäugt werden.
Einer meiner Mitfreiwilligen, Yannik, läuft wie ich ebenfalls permanent barfuß und zusammen mit meinem geliebten Poncho, bieten wir den Menschen um uns herum ein Spektakel an Ungewöhnlichem und wir haben die Freude den Menschen ablesen zu können, dass sie gar nicht wüssten wo sie anfangen müssten hinzustarren, um zu begreifen was passiert. Weiße Barfüßler im Poncho… das hatte auch schon in westlichen Ländern Starrerei zu genüge entfacht. Den Kindern scheint es nichts auszumachen und ausgelassen werden wir mit ‘Hi!’ und ‘Good Morning’ zu jeder Tageszeit begrüßt.
Auf dem Weg zurück zur Schule kommen wir durch den östlichen Teil von Vikindu. Unabhängig von der Uhrzeit sieht man Gruppen aus Menschen auf den Treppen ihrer Häuser sitzen und sie alle werden gegrüßt und grüßen zurück. Die straßenähnlichen Wege sind eng und Fußgänger teilen sich den tieferen Sandboden mit Mopedfahrern und selten auch mal einem Auto. Autos sind hier nach meinem Kenntnisstand ein Gut, welches sich nur seltenst als Privatvergnügen angeschafft wird, sondern eher eine Investition ist die man tätigt, wenn man ein Geschäft des Transports daraus machen möchte. So merkt man problemlos beim Schauen auf die Straße, dass beinahe ausschließlich motorisierte Blechkisten mit Rädern für den öffentlichen Verkehr umher düsen. Somit könnte man sich eigentlich jedem Fahrzeug annähern, um nach einer Mitfahrgelegenheit zu fragen, aber leichter wäre es die Gruppen aus Mopedfahrern am Straßenrand anzusprechen. Busse halten allerdings auch alle paar Sekunden, aus denen dann schon beim Rollen eine Person springt und die Richtung durch Rufe anpreist. Passagiere steigen oft schon aus, wenn das Gefährt nach fährt oder hüpfen nach dem Losfahren auf. Ein hoch interessantes Treiben, dass hier vor sich geht.
Auf dem Weg zur Schule ziehen Häuser an uns vorbei, die nur seltenst verputzt sind und manchmal nicht fertiggestellt werden konnten, durch fehlendes Geld, aber dennoch bewohnt werden. Das Plastik nimmt vielem die visuelle Harmonie, aber ansonsten ist es ein wunderschöner Anblick. Viele Kinder, die in Grüppchen ihre Orte haben und uns oft von der Schule kennen und freundlich zurufen; Frauen mit manchmal riesigen Objekten auf ihren Köpfen, die sie problemlos balancieren und dabei noch wundervoll anmutig laufen, wobei sie in Gewänder aus purer Farbenpracht gehüllt sind, bei dem kein Stück Stoff dem anderen auch nur ähneln würde. Viele tragen ebenfalls wunderschöne Kopftücher. Palmen und Bananenbäume sprenkeln die Sicht. Freilaufende Hühner säumen den Wegesrand und ganz selten erblickt man auch eine Katze.
Am Tor unserer Schule, welches in schönen Farben bemalt wurde, endet unsere Reise an jedem Abend, bevor wir ans Lagerfeuer gehen und noch lange Unterhaltungen vor uns haben. Angestellte der Schule finden sich hier oft ein, meistens die drei Farmer und zwei Lehrerinnen, die sich dann gemeinsam etwas über dem Feuer kochen. Das Hauptgericht ist eine Breimasse aus Maismehl und Wasser, welche erhitzt wird und wie das Meiste anschließend mit der rechten Hand und Bohnen oder Tomatensoße gegessen wird. Hier an diesem Platz am Feuer, zwischen drei großen Betonblöcken mit Treppen, die blau gestrichen sind, lassen sich viele schöne Abende verbringen und die Sicht auf den Himmel wird bereichert durch eine Palme. Zwar sind die Sterne nur wenig vertreten, dafür durften wir aber einen Blutmond erleben, zwei Tage nach dem ankommen. Es war Vollmond und ich nehme an, dass der Erdschatten sich über Bruder Mond gelegt hat, sodass er in diesem Prozess allmählich immer roter wurde. Ein wunderschöner Anblick…
Peace Upon a Few
Der Morgen einer baldigen Zukunft beginnt verfrüht und ich nutze die Chance zurück zu schauen. Wir schreiben am 26. September vom 7. September und seinem Geschehen.
Eines Tages - es muss wohl dieser gewesen sein - hatten die Neuankömmlinge, unter ihnen Loana und ich, das Privileg von unserer verehrten Gruppe aus Freiwilligen vor Ort nach Dar es Salaam geführt zu werden. Die größte Stadt Tansania’s lag nur eine Stunde von Vikindu, dem Ort unserer Schule, entfernt. Die Küste, welche wir anstrebten, kostete allerdings schon zwei Zeiteinheiten um erreicht zu werden. Die Stadt, welche ihren Status als Hauptstadt eigentlich schon immer seit der Unabhängigkeit verloren hatte, aber wegen jahrzehntelanger fehlender Koordination der Präsidentschaft den Regierungssitz in die eigentliche Hauptstadt Dodoma umziehen zu lassen, verpasst hatte, war schon seit Gedenken die großflächigste und hielt die meisten Einwohner. Hier mal ein kleiner Vergleich mit meiner Geburtsstadt, Berlin: die deutsche Hauptstadt hat ihre 891 Quadratkilometer, auf denen inzwischen beinahe 4 Millionen Menschen leben. Die Fläche als auch die Einwohnerzahl Dar es Salaam’s ist beinahe das Doppelte. 1590 Kilometer der Fläche und 8.16 Millionen Menschlein, die sich in diesem Bereich tummeln. Diese Zahlen klingen rein mathematisch selbst für mich schlüssig, sind aber beim ersten Blick nicht mit dem Anblick des Aufbaus der Stadt zu vereinen. (Stand 26.09.2025)
Unsere Busfahrt dort hin wäre schon ein Erlebnis genug gewesen, um es den Aufwand wert zu machen. Zu unserem Glück haben wir eine Gefährtin im Boot, die durch ihren mehrmonatigen Aufenthalt auf Sansibar bereits eine gewisse Sprachkapazität ihre eigene nennen kann. Ihren Freund lernte sie dort auch kennen und ist nun neben ihrer Beziehung nun auch dadurch beschenkt, nach Wegen und richtigen Bussen fragen zu können und uns die Busfahrtkosten auszurichten.
Der Ablauf einer Busfahrt sieht folgender Weise aus: Auf der gefüllten Straße schießen neben Hundertschaften aus Mopeds auch Dreiräder vorbei, mit kleinen Überdachungen unter der sich der Fahrer und die bis zu fünf Passagiere einfinden können. Diese beiden Arten von motorisierten Bewohner der Verkehrswege teilen sich die Landschaft aus Rissen, die hier Straße genannt wird. Wenn ein Bus jene verlässt, um die 15 Zentimeter Höhenunterschied zu überwinden und runter vom Asphalt und auf den Staub des Nebenstreifens zu gelangen (Jener Nebenstreifen auf dem sich dann auch jegliche Geschäfte in kleiner Distanz finden), dann kann man mit etwas Glück einen von ihnen nutzen, um einen bestimmten Verteilerpunkt zu erreichen. Das ist doof beschrieben, aber eigentlich ist es wie jede normale Buslinie… nur der Typ der die Busfahrt anpreist hängt bei der Anfahrt schon aus der geöffneten Tür und verkündet lautstark die angepeilte Richtung. Gäste steigen aus, wenn der Bus zum Teil noch rollt und der Anpreiser - so nennen wir jetzt den Dude, der uns das Ticket verscherbeln möchte - wackelt meist noch in der Gegend rum, um Menschen zu finden und springt durch die Tür, wenn sein gut eingespielter Duo Partner der Fahrer, bereits wieder Fahrt aufnimmt. Fliegende Starts; und das ist nur das äußere Erscheinungsbild eines Busses und seiner Fahrt.
Diese Minibusse, in ihrer Überzahl von Toyota, die in keiner mir davor bekannten Welt einen TÜV bekommen hätten, sind meistens bunt geschmückt, bemalt, besprayt oder in ihrem Ursprung schon unglaublich divers farblich dekoriert. Oft sind berühmte Personen auf der Außenseite angebracht - von Rappern oder John Cena bis zu riesigen Schriftzügen, teils chinesisch, englisch oder arabisch, teils weiß und abblätternd oder auch nicht selten: unser Lord and Savior Jesus Christ Bildich auf einer Metallfront verewigt. Viel Fußball, seine Spieler und diverse Vereine, vor allem jene der LaLiga, und kleine Werbungen, allerdings nie etwas Aktuelles (Produktwerbung ist hier eh extrem selten - es gibt einen berühmten Spruch der besagt: ’Something good will Sell itself, something bad advertises itself.’); eher private Werbung für einen Instagram Account oder dergleichen. Das alles lässt sich hervorragend von innen im Verkehr beobachten. Die Sicht ist meist klar oder höchstens milchig - dafür sorgen die schiebbaren Plexiglasscheiben. Die meisten Fenster sind eh immer aufgeschoben und der erfrischende Wind lässt die Haare der Passanten, wenn mal jemand längere als ein paar Millimeter hat, vor sich hin wiegen. Ich erinnere mich spontan an keinen männlichen Haarinhaber, der auch nur im Ansatz eine längere Haarpracht getragen hätte, aber was die bessere Hälfte betrifft, sind jene mit unglaubliche Flechtfrisuren geschmückt. Entweder präsentieren Frauen ihr echtes Haar, was dann die Option hat in alle Richtungen gleichmäßig in einem Afro vom Kopf abzustehen, oder ganz eng an die Kopfhaut geflochten zu sein, was vermutlich weniger schmerzhaft aussieht, als es in Wirklichkeit ist. Viele tragen aber auch eingeflochtene Extensions(?), also lange, schon verwobene Strähnen aus schwarzem Haar, die dann in ihrer Gänze schön zusammen gefügt werden, um entweder Schnecken auf dem Kopf oder andere wilde Konstrukte oder simple lange Haare ergeben.
Um zurück zum Bus selbst zu kommen: Wer das Pech hat nicht mehr auf einen der ungefähr dreißig Sitze zu passen (30 klingt schon verrückt, wenn man die große des Gefährts kennt), darf sich mit der zweischienigen Eisenstange am Dach anfreunden. Wer allerdings nun größer als 1.75 ist, wird seinen Spaß mit der Decke haben, und nicht nur bunt geprügelt von den Stangen werden, sondern auch seine Haltung und jegliche damit verbundene Ansätze in die Tonne kloppen können. Hab ich gesagt es würde keinen Spaß machen? Hoffentlich nicht, denn im gemeinsamen Leiden der beiden ebenfalls zu Großen in meiner Truppe, war es ein herrlich amüsantes Unterfangen bei der im Bus laufenden Musik gemeinsam mit gekrümmten Hals von oben auf die Schultern unserer weiblichen Begleiter zu blicken und den nächsten Hügel oder den nächsten Krater auf der Straße abzuwarten und jenen dann gekonnt durch Kniearbeit abzufedern. Wir hatten ein paar Dinge zu bequatschen und wenn die lange Weile und die schlechte Luft zu viel wurden, weil wir uns gegenseitig alles wegatmeten, dann sangen wir unsere gemeinsamen Seminarlieder oder wippten gekonnt einen Tanz zu den Klängen und so sollte die Fahrt problemlos überstanden werden. Unser vorhin besprochen Anpreiser, welcher beim Halten des Busses abspringt, zwängt sich während der Fahrt durch die nicht mal schulterbreite Gasse zwischen den Sitzen, die allerdings voll von Menschen ist. In einer seiner Hände klimpert ein Stapel aus 500 Schilling Münzen mit denen er einen rasselnden Ton macht, um nicht zu ihm schauende Passagiere auf ihn und seine Bitte auf Bezahlung aufmerksam zu machen. Wir bezahlen für eine Fahrt für sechs Personen circa 3000 T’Schilling (Tansanische Schilling). Wer das umrechnen möchte, kommt auf einen Euro und ein paar Zerfetzte. Eine Aussicht aus den besagten Fenstern, welche beim Halten lautstark von Straßenverkäufern zum Zwecke der Aufmerksamkeitsgewinung bearbeitet werden, lässt einen zu einem gewissen Zeitpunkt auf vier Ebenen der Landschaft blicken. Während sich die Schicht des Sichtbaren, welche einem am nächsten ist, aus dem Verkehr und seinen Teilnehmern zusammensetzt, bestückt das Feld dahinter eine unbebaute Fläche, die durchwuchert wird von dem grünen Meer aus heimischer Pflanzenwelt. In Deutschland wäre hier eine eher unglückliche Wiese. Hier erstreckt sich eine Art kleiner Urwald mit diversem Baumunkraut, welches seine Chance vor der Versieglung durch Asphalt nutze, um ein letztes Mal zu scheinen. Eine kleine Anhöhe verläuft lang gestreckt durch den städtigen Vorwald und verdeckt das ein oder andere darauf folgende Gebäude. Sichtbar bleiben nur die langen Reihen aus hochragenden Hochhäusern, mit ihren immer gleichen Aufbauten, den schwarzen Löchern als Fenster, oder bei unfertigen Dächern lange Holzstöcke die in ihrer Gesamtzahl Bauelemente vorm Einsturz bewahren. Durch jene Bauten schillert das Meer hindurch und füllt so die Lücken zwischen den Häuserblöcken.
Nun aber zu der Stadt, von der wir bisher schon so wenig mitbekommen hatten… nun ja, wir verbringen einen kurzen Tag dort und das auch nur zum Pizza essen. Wie originell. Als ausländische Touristen hatten wir das Privileg uns den reichen Distrikt leisten zu können. Ein ungewohnter Anblick an großen und zum Teil hübschen Gebäuden, mit vielen Europäern, Asiaten und Arabern, die zwischen ihnen umher wanderten und sich die für sie erbaute Geschäftslandschaft beäugen, prägt diese Gegend. Wir leisten uns einen viel zu teuren Smoothie für umgerechnet 3,30€, der für sechs Personen ausreicht. Es schmeckte nach diversen, nicht differenzierbaren Früchten und einer Menge Zuckerrohr. Der zusätzliche Zucker machte das Ganze zu süß und es war ein Kampf, dieses Getränk zu vernichten. Aber farblich überzeugte die Flüssigkeit. Die Becher waren auch cool.
Bevor wir zum Pizzaverzehr antanzten, schlenderten wir noch durch einen Ort, der eigentlich aus einem sehr flachen, sehr großen Metalldach bestand und viele kleine Geschäfte unter sich mehrte. Von Stoffen und Kleidung, zu Ölgemälden berühmter Anblicke des Landes und ihren Menschen, über Zimmerdekoration und jeder Menge Zubehör, vieles aus Holz und zum Großteil bunt bemalt. Wir treffen auf einen netten Mann, der einst durch seine Band in Berlin zu gegen war und wir haben einen schönen gemeinsamen Moment, im melancholischen Denken an die Großstadt und dieses Gefühl wird noch verstärkt, als er Peter Fox und die Band Seeed ins Spiel brachte. Sein Lächeln war dem meinen in Breite ähnlich und handschüttelnd verabschiedete ich mich. Andere Standbesitzer begrüßten einen ebenfalls nett, aber mit diesem Druck des Verkaufen-Wollens, der viele Besuche solcher Orte für mich unangenehm färbt. Es gibt keine Möglichkeit auf eine menschliche Interaktion, da alles auf den Kauf und Verkauf verschiedener Produkte gepolt ist… nicht spezifisch hier, sondern im Generellen. Gekauft habe ich zu jener Menschen Pech nichts. Wofür ich allerdings Geld ausgab, war meine Hosenreperatur.
Die gute ‘weiße’ Leinenhose, welche mich bis zu diesem Punkt durch den Tag getragen hatte, verziert mit meinen Chinesisch-Vokabeln, die mit Edding an gewählten Punkten der Hose festgehalten wurden und dann mit blau auf der Rückseite und rot auf der Vorderseite umrahmt wurden, und mit Zeichnungen gemacht mit Ölfarbe, Kugelschreiber und Tinte, als auch ein paar Stücken Stoff, dort wo die Hose bereits gerissen war. An Hosentasche, Schritt, Hosenbein und Knie. Heute war der Po dran. Ein riesiger Riss zog sich von der Mitte meiner linken Pobacke bis zur Hälfte meiner Oberschenkelrückseite. Mir war dieser Umstand bewusst und schamlos wie ich komischer Weise inzwischen bin, war es mir auch egal, aber da mich eine Schneiderin so direkt und beinahe mitleidsvoll mit mütterlicher Strenge darauf ansprach, blieb mir keine andere Wahl als ihr zu folgen, ein Stück Stoff auszuwählen und ohne eine geteilte Sprache verständlich zu machen, was mir als Lösung vorschwebt. Die Lösung war keine Gute und somit entscheid sie für mich etwas anderes zu machen. Das Resultat: ein schönes buntes Viereck, welches das Gesamtbild verbessert und den Riss verdeckt. Ein schöner neuer ‘Patch’ auf dem Weg dahin meine gesamte Hose mit jenen zu füllen. In ein oranges Tuch um die Hüfte gehüllt, stand ich auf Wollsocken mit blauen Pilzen drauf, neben ihr und guckte leicht geniert dem Prozess beim entstehen zu. Jetzt konnte ich doppelt froh sein, denn ich konnte mich wieder bekleiden und selbst mit Hose an war ich nun nicht mehr halbnackt.
Nur um folgendes schon mal voraus zu sagen: am Ende soll von dem Weiß der Hose nichts mehr zu sehen sein und Lagen an Stoff überall von dort, wo mich meine Reise hinführte und hinbringen wird, sollen dem ganzen Kunstwerk einer Hose ein wenig Volumen und Mehrschichtigkeit einhauchen. Nach getätigter Tat war ein Ausblick über das Meer das nächste und ohne meinen Finger darauf legen zu können, fiel einem die andere Farbe des Wassers sofort auf. An der Stelle an der wir gesammelt den Blick schweifen lassen, hielt der Wunsch nach Erfrischung und Badegang sich in Grenzen. Trotzdem ein schöner Ausblick auf die Stadt die sich an der Küste bis in die Ewigkeit entlangzuziehen schien und zu den Booten, die regungslos vor sich hin existierten und auf der Blase aus blassem Blau und seinem Strahlen trieben.
Der platte Teig mit den Gemüseresten drauf hätte unexotischer nicht sein können und die Freude hielt sich dem Essen gegenüber in Grenzen. Zu unserem Glück war unsere Gruppe aus sechs deutschen Freiwilligen eine ganz wundervolle und so schmückten interessante Exkurse, Fragen und Ideen die Runde, während die eine Hälfte Meerblick genoß und die andere Hälfte drei kleinen Tennisfeldern mit Plexiglas-Umrandung beim dahin vegetieren zusah.
Im Hintergrund spielt zwischen der Bar und dem Pizzaofen das Lied ‘Wondering why’ von den ‘Red Clay Stripes’. Ein Einheimischer gewährt uns den Wunsch ein Bild von uns zu nehmen und wegen seines Englischs plaudert man noch ein wenig weiter.
Langsam entspannt man. Langsam springen die Augen nicht mehr auf alles Ungewohnte an und lassen dem Hirn so ein wenig Ruhe, um alles besser aufzunehmen. Manchmal Stille, machmal schöne Gespräche, und zwischen beiden liegt das allmähliche Bewusstwerden über den Ort an welchen man da getrieben wurde. Über die Zeit, die einem bevor steht, über die Menschen, die nun zum näheren Bekanntenkreis gehören und mit welchen man auf die Dauer noch um einiges näher wachsen wird. Über die Arbeit und den Umstand in dem man leben wird. Trotz aller Ungewissheiten ist die Aufregung positiv. Unsere vier beisitzenden Weißen sind bereits an ihrem Ort für das Jahr angekommen und durften nun über Tage schon verarbeiten, wie es denn in einer Jahresdauer aussehen wird. Loana und ich standen bislang nur dabei und erfreuten uns an den Momenten, mit dem Wissen bald weiter zu müssen. Traurig ist man nicht, denn von unseren Vorfreiwilligen von der Einsatzstelle im Norden hörte man nur das Beste und so zieht einen diese Vorfreude bereits ein wenig in die Ferne; auch Loana. Bei mir kommt das Problem dazu, seit einer langen Zeit nicht mehr für lange Dauer an einem Ort geblieben zu sein. Die letzten Monate vor dem Freiwilligendienst waren mit meiner Rucksackreise zu Fuß von Spanien bis nach Deutschland geschmückt, und wer nach 14 Wochen täglichem Platzwechsel auf einmal wieder festsitzt, hat seine eigene Aufgabe der Bewältigung. Insofern ist es mir ganz Recht diese kommende Hürde noch ein wenig zu verzögern. Bis ich dann beim House of Hope am Victoria See ankomme.
Nach zwei Stunden im abendlichen Chaos eines Verkehrs ist man wieder zuhause. Welch wundervolles Gefühl der Geborgenheit in einer solchen rasanten und unübersichtlichen Welt. Ein netter Ort, den man den seinen nennen darf. Wir gehen anschließend noch zu unserem Stammimbiss bei Hasan, unserem bisherigen Swahili-Lehrer Numero Uno, und genießen Reis, Bohnen, ein frittiertes Gebäck, dunkle Braunfärbung und mit Ähnlichkeit zu einem riesigen Cookie. Die Karten werden auf eine gemeinsame Runde Maumau gezückt und ein schöner Tag neigt sich dem Ende zu. Ein Freund der Gegend, namens Abdul, stößt dazu, gewinnt die meisten Spiele und erzählt in perfektem Englisch auf dem nach Hause Weg von seinem Traum deutsch zu lernen und eines Tages diesem Leben zu entfliehen und in Deutschland zu sein. Er sehnt sich nach Perspektive für seinen schlauen Kopf, der zur Zeit unbezahlt im elterlichen Verkaufsstand aushilft. Man weiß nicht recht was man sagen soll und trotzdem redet man viel mit ihm; dafür ist er zu sympathisch. Er möchte deutsch lernen, wir Swahili. Er schwärmt von seiner geliebten Sprache und spricht uns Mut zu - wir als Deutsche rümpfen die Nase und haben Probleme in Worte zu fassen, woher all das Mitleid für sein Vorhaben kommt.
Eines Tages sollen wir folgendes lernen: vieles was das Lernen angeht, ist Einstellungssache. Wenn einem permanent berichtet wird, wie viel Spaß es macht Swahili zu lernen und wie einfach die Sprache doch wäre, dann ist der eigene Ansatz ein zuversichtlicher, gelassener und vorfreudiger. Wenn allerdings eine Gruppe Deutsche dir erzählen, wie komisch die Grammatik wäre, wie wenig Regeln Artikel folgen, wie verkrampft und unschön die deutsche Aussprache wäre und wie komplex das Konstrukt als Ganzes, dann könnte man sogar bewirken, dass ein wundervoller Geist wie der des Abdul’s irgendwann aufgibt und seinen Traum fallen lässt. Wie schade wäre das? Ich hoffe er hat sich gut von unseren Sichten erholt und bleibt seinen eigenen Zielen treu.
Der Abend schwingt am Lagerfeuer aus. Neben unserer Palme und zwischen den Gebäuden, in denen viele der Schulkinder schlafen, welche keine Familie in der Nähe haben, sitzen wir und reden bis und nach Bewegung ist. Ich schlage ein Bewegungsspiel vor, das auf Reflexen basiert und Reaktionsgeschwindigkeit beansprucht. Überraschend lang praktizieren wir jenes. Es kam gut an und nun haben sechs kleine Menschlein eine neue Erinnerung. Einer guten Erinnerung folgt eine gute Nacht.
Schlaf schön, liebe lesende Person!
Das nächste Kapitel heißt Vikindu's Momente in einer Nussschale und befasst sich nun wirklich mit der Schule, bevor wir sie verlassen und das zuhause des Jahres ansteuern. Mwanza!