06.05.2026 - 12:30 Uhr mittags, Swiya, bei der Wasserquelle nach dem Wäschewaschen, an den Mangobaum in der Mitte des kleinen Waldes gelehnt

Immer wenn ich das Wort der Überschrift tippe, werde ich ein wenig aufgeregt. 

Ich fange heute bei meiner körperlichen Empfindung an und arbeitete mich Schritt um Schritt, eine Sinnesebene nach der anderen ins Äußere. 

Primär spüre die raue Rinde des Baumstammes an meinem leicht nach vorne gebeugten Rücken, welcher sich an den jungen Baum lehnt. Ich spüre die Wurzel unter meiner Pobacke und fühle das winzige Insekt über meinen nackten linken Fuß am Boden vor mir krabbeln. Ich empfinde den nassen Poncho als angenehm, wie er schützend an mir klebt und mich nach der Arbeit in der angenehm warmen Luft kühlt. Meine nasse Stirn und mein nasses Haar von der Dusche, die ich grade mit dem Wasser aus der Quelle genommen hatte, sind aneinander geschmiegt. Alle paar Sekunden fällt ein Tropfen Wasser vertikal durch meine visuelle Wahrnehmung von den dunkleren Haarspitzen, die mir nun bis zu den Augenbrauen reichen, hinab in meinen beschen und von feinen bunten Stofflinien durchzogenen Poncho. Ich starre auf den Bildschirm im Schoß meiner angewinkelten Beine, lehne mich an den Mangobaum und sitze auf braunem Erdboden mit kleinen Sandsteinchen und getrockneten Mangoblättern. Das Licht ist gut, denn es ist mittags und sehr sonnig. Der Bildschirm ist im Schatten, aber dennoch auf voller Helligkeit und es ist keinerlei Anstrengung sich auf ihn zu konzentrieren. Ich komme grade zur tiefen Ruhe, nachdem die Arbeit vorbei ist.

Als mich genau in diesem Moment des Schreibens die Eingebung trifft, dass Erlebnisdichtung wirklich meine neue Form des Mitteilens wird und ich in Zukunft noch viel mehr in dem Moment einfangen kann und durch diese Art des Schreibens ein Geschehen ganz anders erhalte, gucke ich geschockt über das Erkannte nach oben in meinen Umgebung. Der große gelbe Falter links von mir fliegt kurz auf und setzt sich wieder. Der Schmetterling wiederholt das bis er sich langsam nach rechts aus dem Bild bewegt. Ich schaue dem grazilen Tier hinterher, welches eigentlich auch nur ein Insekt mit großen Flügeln ist und uns nur so sympathisch wurde, weil er bunt und anmutig in dessen Flug ist. Ein Anderer, kleiner, weiß mit einem schwarzen Rand um die Flügel, fliegt durch das Blätterdach gefolgt von einem kleinen Freund, die sich gegenseitig jagen. Ein anderes geflügeltes Insekt surrt nahe genug an meinem Kopf vorbei, dass ich dessen Größe am dumpfen Brummen erkennen kann und es entfernt sich links in Richtung Wiese mit den kleinen lilanen Blumen. Eine kleine Hausfliege sitzt auf meinem linken Knie und erkundet sich mit kurzen schnellen Bewegungen in Richtung meiner Ponchotasche, die auf Hüfthohe beidseitig angebracht sind und in welcher ich links immer noch das Geschenk einer Freundin trage, die ich in Oslo traf. Sie gab mir damals Taschentücher aus China, ihrer Heimat. Eine winzigkleine Packung, sehr weiche Tücher, leicht gräulich, mit einem Panda auf der Plastikverpackung. Die kleine Taschentuchbox ist eingehüllt in einer FFP-2 Maske, die ich aus mir ebenfalls unbekannten Gründen immer bei mir habe. Die muss wirklich ewig alt sein. Also nicht sooo alt wie du denkst, aber eben mindestens aus Deutschland und vermutlich aus dem Winter zuvor. Schwer sich von solchen Essenzen zu trennen... - ne

Um meinen Stamm des Baumes am Rücken herum ist eine Ebenen aus Erde, auf welcher sich alle Frauen treffen, wenn sie zur Quelle kommen um Wäsche zu waschen. Eine kreisförmige Fläche, die den Baum gleichmäßig umgibt, bevor alles in die grüne Landschaft des Waldes mit Wiese übergeht. Deswegen war ich grade hier und zwei Stunden war ich ein Teil des Geschehens, bei welchem Musik gehört wurde, weiter hinten andere Frauen ihre Felder pflügten und Jungpflanzen einsetzen und die drei genannten Damen miteinander Wäsche machten und redeten. Ich bekam eine kurze Lektion über die Technik beim Waschen und jedes Mal lerne ich was dazu, aber man lernt eben nie aus. Es liegen drei alt werdende Plastiktüten von Waschmittel auf dem nahen Boden und da wo der Boden aufhört, beginnt das Grün aus kleinen Bäumen, vielen wunderschönen Blumen und ganz viel Minze. Ein leichtes Zirpen in unterschwelliger Frequenz liegt in der Luft, gemischt mit dem Gesang kleiner Vögel, entweder mit langen Schwanzfedern oder blau leuchtendem Gefieder am Bauch. Ich hatte kurz zuvor auf dem Weg zur Quelle genau hier einen solchen Vogel beobachtet, der in einem Blau, welches die Intensität des Eisvogels tatsächlich noch übersteigt, ins Wasser des kleinen Teiches geschossen kam und etwas von der Oberfläche schnappte. So eine strahlende Farbe an einem Vogel habe ich wirklich noch nie gesehen. Für einen kurzen Moment viel ich wieder von der Illusion ab, im Ansatz diesen Ort in Tansania begriffen oder auch nur stückweise erlebt zu haben. Durch das alles einschließende Grün wurden kleine Gehwege gezogen, die hinten mich zur Straße führen wo vor einer Stunde die größte unserer Nachbarschaftskuhherden lang geführt wurde, mitsamt den zehn Ziegen, die auch irgendwie immer dabei sein wollen. 

Drei Frauen waren während meiner Zeit des Waschens da. Ich hatte sie heute Morgen schon angetroffen, denn mein Tag im House of Hope startete wie manch anderer mit der Qual Wasser anschleppen zu müssen. Unsere Wasserzufuhr ist reichlich schlecht. Selbst wenn unsere Nachbarn Wasser hätten, bleiben unsere Röhren oft leer und seit Tagen haben wir keinen Tropfen mehr erhalten. Heute morgen waren dann final alle Vorräte verbraucht. Also haben die vier anwesenden Mamas und ich uns mit den großen Flaschen, die 19 Liter fassen, bewaffnet und wir gingen den halben Kilometer bis hier her zum kleinen von Grundwasser gespeisten Teich. Ein bläulicher Schimmer liegt unter der Oberfläche und kleine Blätter, Kaulquappen und Sand schwirren im Wasser umher. Dass unsere Mamas das trinken müssen, ist kaum zu vertreten. Bei den grade operierten Kindern ist es schon eine absolute Zumutung. Unser Feuerholz ist begrenzt und wenn man Tee kocht, dann eine ganze Menge mit einem Mal, damit es sich lohnt. Ich weiß nicht wie viel Wasser die Mütter am Tag trinken. Solang die Kinder Muttermilch haben, ist es für jene vermutlich kein großes Problem, aber letztens ist eine Mutter schwer krank nach Hause abgereist, nachdem sie sich eine Woche lang nicht vom Bett im Schlafsaal erheben konnte und wenn eine Mutter mit Dingen des Wassers infiziert wird, dann kommt ihr trinkendes Kind auch nicht heile davon. Sie hatte damals furchtbar gelitten und man kann nicht sagen woher es kommt. Heute fragte ich ihre Schwester, welche immer noch bei uns wohnte wie es ihr geht und sie meinte, dass Mama Isaac immer noch im Krankenhaus der Heimatregion ist. Wir gingen den halben Kilometer hin und den halben Kilometer zurück, bergauf nach Hause, vier mal an diesem Morgen! Einmal hin mit leeren Flaschen, das andere Mal mit 19 Litern auf dem Kopf. Heute wurde mir die Technik beigebracht, mit welcher man den Stoff namens Kitenge richtig zu einer Schnecke dreht, um ihn sich auf den Kopf zu setzen und die Galone schmerzfreier tragen zu können und sie besser auszutarieren. Der Komparativ von ‘schmerzfreier’ möchte darauf hinweisen, dass Schmerzen trotzdem sehr wohl vorhanden sind, aber das kann man sich bestimmt denken. Ich habe es noch nicht geschafft die richtige Balance zu entdecken und muss den Kanister immer noch mit einer Hand beim gehen stützen und wenn ich ins Schwanken komme und Wasser verschütte, dann werde ich herzhaft von unseren Mamas ausgelacht. Keiner von den Vieren benutzt eine Hand und alle sind wesentlich kleiner als ich. Beschweren tut sich niemand und sie hätten den Teich wohl leer schöpfen können und nach Hause transportiert, wenn sie ihren Kindern damit einen Gefallen getan hätten. Ich war nach diesem Morgen definitiv die geschaffteste Person und verzog mich deshalb zum ‘Erholen’ mit aller Wäsche wieder hierher zur Quelle und dessen Waldstück.

Die Quelle ist grade nicht ganz voll. Auf der rechten Seite reichen die hängenden Wurzeln des großen Baumes ins Wasser mit bescher Rinde und vielen kleinen Blättern. Der hintere Teil der Quelle und dem bläulich gräulichen Wasser wird geheimnisvoll von einem Buschgewächs aus fünf verschiedenen Pflanzen überdeckt und im Schatten treiben Dinge auf dem Wasser. Manche feine Algengewächse kommen in dem Wasser bis an die Oberfläche, weil sie sich an dort liegenden Ästen empor hangelten, und sie sehen aus wie aufgedunsenes Moos, aber viel feiner und so als wären sie selbst aus Flüssigkeit erbaut. Der Übergang der Farben vom Ufer zum tieferen Wasser ist der von hellem orange des feinen Sandes gemischt mit Erde, welches erdiger wird und dann mit Blättern am Boden vermischt zu den schattigen Blaugrau kommt und anschließend bläulich von grünen Algen durchmischt ist. Links von der Quelle ist ein viereckiges mittelgroßes Beet voller Schilf so dicht wie man es sich nur vorstellen kann und in den Halmen fliegt ein blauschwarzer Kolibri untersuchend umher. Es gibt keine Blumen dort und ich wundere mich was er da treibt. Es wäre vermutlich ein toller Ort für ein Nest. Ich erinnere mich an unser Kolibrinest zuhause im Zitronenbaum, welches als runde Kugel vor dem Fenster des Büros baumelt und welches ich dadurch fantastisch beim Schreiben mancher Dinge beobachten konnte, wenn es regen Verkehr und viel Ein und Aus gab. Rechts neben dem großen Baum direkt am Wasser fangen die Felder der Landbesitzerin an. Der Feldbesitzerin… Ich hatte mir ihr gesprochen und sie bestellt nur die Felder, wohnt aber die Straße rauf. Sie war über 60, fast siebzig Jahre alt. An der Quelle in Richtung dort wo wir grade sitzen, fangen dann Sandsäcke an einen halben Ring dort zu bilden, wo die Quelle sonst an ihrem Höchststand überlaufen würde und die Felder schwemmt. Bei Starkregen muss hier schon so einiges an nicht Gewolltem passiert sein. 

Man hört von hier übrigens kein einziges Auto. Wenn ich es genau analysiere, dann sind es circa fünf verschiedene Singvögel im Gebiet dieser Quelle, eine Taube unter ihnen, weiter weg hört man zwei Hühner unablässig gackern und von ganz woanders schreit ein Hahn. Ein Kind weint irgendwo und an dem Grundstück in der Nähe wird für eine Weile gehämmert. Es klingt nach Holzarbeit und Nägeln. Ich glaube ein laufendes Radio irgendwo verweht zu vernehmen und man hört noch eine Ziege meckern. Vielleicht eine von denen, die mit der Kuhherde wandern und sich über den Größenunterschied und das Schritttempo beschweren. Ich höre auch die Flügelschläge der kleinen Vögel, die in den Bäumen neben mir sitzen. Der Schatten eines großen Falken zog grade an dem Schatten des Baumes vorbei und ich sehe ihm in den Zwischenräumen der Bäume nach. Hinter dem Mangobaum sind noch alle meine Sachen zum waschen und meine wunderbare Musikbox. Als die Damen noch da waren, spielte ich Musik aus dem Dar es Salaam Genre ‘Bongo Flava’ und als sie weg waren, hatte ich die ‘Idea 1 - 25’ aufgelegt. Oder angetippt. Auflegen ist ja nicht mehr. Aber schön dass sich Sprache so etwas merkt.- wunderschöne Klavierstücke, die bestimmt ein paar von euch kennen. Beide Musikgenres darf man gerne Mal austesten, um die Stimmung hier nachzuempfinden. Idea 10 und Idea 22 sind die bekanntesten. Bongo Flava hat Lieder wie ‘Enjoy’ oder ‘OLUWA’ oder ‘Pawa Pawa’. Zweimal hatte ich das laute Scheppern gehört, welches man mehrere Male jeden Tag mit anhören muss. Es ist nicht sehr laut, weil es oft viele hunderte Meter entfernt ist. Aber man spürt das die Luft dort bebte. Es sind Explosionen von Steinen, die zersprengt werden um sie zum Bau von neuen Häusern zu verwenden. Zwar sind zur Zeit noch an jeder Ecke und überall diese Steingiganten, für welche die Stadt Mwanza so berühmt ist. Sie heißt schließlich Rock City. Aber mit jedem Tag werden es weniger und überall dort, wo ein Grundstück solche Steine auf dem eigenen Gelände hat, ist es ein Beruf innerhalb der Familie, entweder für die Ältesten oder jene der Familie, die grade keine Arbeit finden, sich monatelang damit abzuackern diese Steine einem nach dem anderen zu zerschlagen mit Eisenhämmern, bis sie die richtige Größe haben beim Bau benutzt zu werden. Was man nicht alles für Geld macht. Es ist echt keine schöne Arbeit. Wenn man sich bei uns in Deutschland umschaut, dann sieht man ja wo so eine beständige jahrhundertelange Arbeit der Naturverdrängung hinführt. Es wird hier noch eine ganze Weile dauern, aber der Virus, welcher uns dazu brachte, wird auch hier seinen Schaden an der Natur verrichten und diese natürliche Schönheit für ein bisschen Umsatz austauschen. Wenn ich bei Nachbarn bin, vor allem bei den Ältesten der Nachbarschaft, dann zucken jene immer unwillkürlich ein bisschen zusammen und man kann ihr Traurigkeit empfinden. Bloß gut, dass sie den ganzen Quatsch nicht mehr im ganzen Ausmaß miterleben müssen. 

Da wo der Weg hinter mir anfängt, wurden ein paar der vielen dünnen langen Bäume des Wegesrandes abgeschnitten und aus ihren ein Meter hohen Stümpfen sprießen begeistert wieder neue Blätter und Ästchen und Büscheln. Das sieht beinahe ulkig aus, aber es verkörpert die Lebenskraft der Natur und die Einfachheit für die Pflanzenwelt bei den perfekten Bedingungen der nun bald endenden Regenzeit zu gedeihen. Hinter dem Weg, welcher nach rechts entlang zum Haus von Mamdogo, meiner Vorgesetzten, führt und links entlang irgendwann zu uns nach Hause - hinter diesem Weg, genau gegenüber von hier, ist ein Gebäude und vor jenem wurden auf den Wäscheleinen aus Draht alle Stoffe der Familie aufgehängt und ich sehe in dem ganzen Farbspektakel nur ein schwarzes Kleidungsstück und zwei pur weiße. Alles andere ist ein völliger Genuss an Farbenpracht. Vor jenen läuft grade eine ältere Dame entlang. Sie ist schlank, alt, trägt eine lange Jembe, also das Erntegerät auf den Schultern und lässt den Kopf ein wenig hängen. Sie konzentriert sich vermutlich nur auf den Boden vor sich, wobei sie in Gedanken versunken ist und sie bemerkt mich nicht. Ich stehe inzwischen unter meinem Mangobaum. Der Stamm ist 2.20 Meter einfach nur grade, bevor seine Krone beginnt sich in alle Richtungen aufzufächern. Es ist ein bisschen höher im Kronenansatz als unser großer Mangobaum zuhause. Auf dem Stamm laufen kleine Ameisen hoch und runter in den Schluchten, die die Landschaft aus Rinde für sie erschuf und das Blätterdach von unten gesehen ist tief dunkel. Wie ein Meer an tiefen Stellen, wenn es statt blau grün wäre. Ein paar gelbe Blätter hängen mittendrin und ab und zu ist ein Ast abgetrocknet, aber noch nicht abgefallen. Ich bin alleine. Es ist keine Hektik zu hören und obwohl es nicht still ist, liegt doch eine große Ruhe in dem Geschehen um mich herum. 

Die Blütenfarbe der vorherrschenden Blume auf dieser Fläche ist Lila, aber es gibt auch ganz kleine und jene sind von hellem, saftigen Orange. Überall auf der Wiese zwischen den Bäumen liegt ein angenehmer Schatten immer wieder durchbrochen von kleinen Sonnenflecken, die auf dem bewachsenen Boden tanzen. Auf einen Blick kann ich fünf Schmetterlinge entdecken, die in dieser kleinen Welt ihr Unwesen treiben. Überall sind Vögel im Geäst und man hört nur Tiere, ein paar Kinder, ein Telefonat einer Frau in der Nähe, und den leichten Wind, der einem um das Ohr streichelt, während man da steht und langsam drehend versucht alles ein letztes Mal aufzunehmen und diese natürliche Schönheit genießt.. 

Der Ort dieser ursprünglichen Belassenheit ist ungefähr siebzig Meter breit. Auf beiden Seiten ragen links und rechts dann hohe graue Steinmauern unverputzt nach oben und versperren die Sicht auf das, was vor einer ganzen Weile mal eine große nicht endende Fläche war, die man ohne Gartenzäune, ohne Mauern und Häuser, selbst ohne Felder durchschreiten konnte. Irgendwann waren hier mal keine Menschen und noch kann man es sich vorstellen. Es fehlen eine geteerte Straße, ein paar große Rohre für Abwasser, ein Häuserblock und ganz viel Beton und dann geht diese Erinnerung an das Natürliche verloren. Wie lange bis dahin?

06.05.2026 - Erlebnisdichtung