Der Bildschirm, der mich belastend oft vom Anfang des Schreibens abhielt, hängt mittig vor mir, klein, weiß gerahmt, mit bunten dünnen Permanentstreifen in seiner Fläche verteilt. Die pausierten Pixel zeigen das Standbild eines vermutlich ziemlich alten Musikvideos aus Tansania. Absolute Mitwippsongs gesungen und performt von rundgeformten Ü-60 Männern in hautengen T-Shirts, die Mercedes A Klasse fahren und unsynchron zum Video ihr Lied singen, und dabei sehr liebevoll in die Linse schauen. Warum bin ich hier? Wo und wann ist Hier und warum fangen alle Texte so hoffnungsverloren kontextlos an? Ich hab jetzt schon wieder Kopfschmerzen... aber das wird bestimmt gleich besser. Ich sitze nämlich im Bus auf dem Weg zum Ziel. Das Ziel ist weit weg und zum Glück habe ich einen Monat Zeit für das Unterfangen eingeplant. Mein Rucksack liegt eine Bus-Etage unter mir, zusammen gedrückt zwischen Artgenossen ähnlichem Kalibers und hat alles was mein Wanderherz begehrt. Zelt etc. ...
Wir befinden uns in den allerersten Stunden meiner Rucksackreise durch das genialste Land, welches mir bisher unter die Nase kam und welches mir Eintritt gewährte. Der Norden Tansania’s ist inzwischen seit beinahe vier Monaten mein Zuhause, aber erst durch den Akt des Reisens fühle ich mich nun richtig integriert. Ich lebe mit Mamas und deren schwer behinderten Kindern auf einem Hügel außerhalb der zweitgrößten Stadt, eine Hafenstadt namens Mwanza, und bin als Freiwilliger im wohl höchst angesehenen Krankenhaus des ostafrikanischen Landes angestellt und mit meiner deutschen Mitfreiwilligen repräsentieren wir das Europäertum in unserer Nachbarschaft. Ich komme so langsam wirklich in Sprache und Kultur an. Reisen ist ein riesiges Privileg und vor allem mein Stil wurde vermutlich nur seltenst gesehen und das wird sich als mein größter Vorteil entpuppen. Ich habe nicht zu Überlebenszwecken Geld auszugeben und auch meine jetzt noch am Rucksack befestigten Schlappen sollen kein Teil der Reise werden. Die letzten vier Monate in Mwanza war ich bereits ohne Schuhe unterwegs und ich bin durchaus überzeugt, dass es möglich sein sollte, auch die kommende Distanz von 1480 Kilometern (Hinweg) ohne Schuhe und ohne Geld zu bewältigen. Die korsische Erfahrung zeigt, dass einem diese menschliche Möglichkeit durchaus geschenkt wurde.
Ich bin ein zwanzigjähriger Europäer und Weißer, der ein Jahr der Freiwilligen Arbeit in Tansania verbringt. Kaum ein junger Mann in Tansania könnte so leben, wie ich es in den nächsten Wochen tue und das schulde ich meinen unzähligen Privilegien wie Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad, Familiensituation, meiner Freiheit von Verantwortung, dem Vertragswesen meiner Arbeit, aber vor allem meiner tollen Mama, die mich das machen lässt ohne mit Enterbung zu drohen. Überhäuft von Privilegien bin ich also in der Lage so etwas derartiges vermutlich zu erleben - ein bisschen Erfahrung und Bildung, Mut und dumme Naivität treiben einen zu den großartigsten Dingen. Meine Erscheinung und die wundervolle, mir inne- und außenwohnende Körperstruktur bringt mich in die Lage etwas derartiges bewältigen zu können. Allerdings wurde auch mir eines Tages beigebracht, wie ich ganz ohne Geld von Tag zu Tag komme und dabei an den schönsten Orten leben kann und reicher und menschlicher das Erdendasein zelebrieren darf. Was ich dir also ganz direkt vermachen kann, ist die Bildung und die Inspiration darüber, was alles möglich ist und wie es auch für dich erreichbar wird. Das Leben gehört uns allen und unser Wissen ist das Werkzeug, um das Dasein nach unseren Wünschen zu nutzen. Ich möchte, dass du als lesende Person bestmöglich von meinem Erlebnis profitierst. Das hier ist mehr als eine Art der Ferienbespaßung. Es ist die Flucht aus einem System, welches uns mit seinem Geld geistlich lähmt ohne uns jemals entdecken zu lassen, dass wir durch das Menschsein erleben können. Es ist eine eigene Art des Lebens - des Erlebens. Hier steckt das Abenteuer und es muss nicht fern sein. Dieses dritte meiner Abenteuer findet glücklicherweise in Tansania statt. Falls dich die restlichen interessieren, dann ließ gerne die Pilgrim‘s Journey, um mein Gesamtwerk der Reisen einzusehen. Aber du wirst selbst noch raus lesen können, warum sich nicht jede Person hierfür entscheiden würde. Ich wünsche dir von Herzen den höchst möglichen Spaß am Geschriebenen. Ein ereignisreiches Denken und Ausmalen, viel inspiriertes In-die-Luft-Starren und eine gute Gesundheit, die du bewusst wahrnimmst und wertschätzen darfst. Gesundheit ist eine der dicksten Säulen meines Unterfangens und deshalb der Wunsch auf Afya Njema - gute Gesundheit!
Mein letzter Tag vor dem Beginn der Reise muss nicht weniger spannend sein, als das Reisen an sich, und so war es mein Heuteschicksal bei meiner guten Freundin Bukele aufzuwachen und im Gegenzug zu meinem samstäglichen Frühstückszauber bei mir zuhause am House of Hope nun ein alles übertreffendes, erstes Tagesgericht von ihr zu bekommen. Sie benutzt jene dünne, samtig grüne Mitte zwischen Bohne und Paprika mit dem Namen Okra, und die Pfanne aus Gemüse und Ingwer plus Okra ist eines der besten Dinge, die ich bisher probieren durfte. Ein Teller Obst dazu und frittierte Kochbananen machen das Ganze vollständig und zu viel für Zwei. Bukele lebt in einem mittelgroßen Apartment mit drei Räumen, einer weißen Zimmerdecke auf einer Höhe von ungefähr 4.30 Meter und zwei Türrahmen, 2.90 Meter hoch. Wer das nicht einordnen kann - es kommt mir vor als wäre ich in dem Haus eines Hünen, dabei ist Bukele ein Kopf unter dem Meinigen. Das Bett ist ein Doppelbett und hat eine Decke so groß, dass das gesamte Bett damit bedeckt ist. Ihr Schrank ist so perfekt aufgeräumt, dass eine gewisse Ruhe durch einen fließt, allein schon durch das Hinschauen. Die braune Bibel ist mit roten Seitenrändern verziert und mir wurde von einem Freund der Nachbarschaft eine Stelle in Ecclesiastes empfohlen, die Nummer 13, die lediglich besagt, dass es super ist, jung und arm zu sein. Reich und alt soll seinen Charm wohl irgendwo in der Mitte verloren haben. So die Bibel auf Suaheli...

Vor unserem Essen darf ich das Gebet sprechen. Das ist das zweite Mal. Beim erste Mal sprach ich das Tischgebet aus Kanada, welches der Erde und Sonne für das Existieren dankt und das Essen lobpreist. Diesmal zitiere ich eine Bibelstelle vollständig. Es ist ein Gebet vom heiligen Francis von Assisi. Ich kann es seit Kanada auswendig, da ich derjenige war, der es jeden Morgen im Morgenkreis der christlichen Camphill-Kommune vorlesen durfte. Auch als Nicht-Christ ist es ein viel gebendes Gebet und seit über zwei Jahren ist es ein Teil meines Zu-Bett-Geh-Rituals. Meine schöne Bukele schaut nicht schlecht, als ihr nicht-christlicher Freund die ihr bekannten Zeilen zitiert. Hat sich das ganze Auswendiglernen und täglich aufsagen im Endeffekt doch endlich gelohnt. Die Nebeneffekte haben mein kleines Leben zusätzlich nicht wenig verändert. Halleluja…
Ich war bei ihr angereist mit nur meiner Bauchtasche aus Kanada und jene kommt auch wieder mit nach Hause. Dazu kommt meine weiße Wollmütze aus Norwegen, die ihren Urlaub hier verbracht hatte. Bukele war geschockt als ich ihr sagte, dass ich meine eigene Wäsche mache und versucht seitdem irgendwie behilflich zu sein und den Umstand des Ungewohnten, der in mir reichlich zu finden ist, etwas zu stillen. Ich glaube ich konnte ihr einen Gefallen tun, ihr die Mütze zum Waschen mitzugeben. Sauberer als nach diesem Waschgang, war sie auf jeden Fall noch nicht und ich bin happy, während sie etwas erleichterter aussieht. Wir reden länger über die Möglichkeit für sie hinterher zu reisen und Teil meines Abenteuers zu werden. Ich finde den Gedanken ganz nett. Sie wäre vermutlich die einzige Tansanierin im Land, die zusammen mit einem weißen, zwanzig Jährigen im Zelt lebend und ohne Geld durch ihr eigenes Land reist. Die ganzen Möglichkeiten, die das mit sich brächte, liste ich nicht auf. Die Entscheidung soll schließlich irgendwo ihre eigene sein.
Bevor ich gehe, kommt mein lila-schwarzer Pulli wieder dort hin wo er hingehört und mein T-shirt bleibt da. Das ist gelogen. Es ist nicht mein T-Shirt. Das schöne Kleidungsstück mit der Werbung für die Radford Universität auf der Vorderseite gehört eigentlich meiner Weißen Schwester. Mal gucken wie ich diesen Umstand lösen werde. Am schönsten stelle ich es mir vor, wenn Freundin und Volunteer-Mate sich in diesem Outfit kennen lernen könnten. Aber von was träum ich nachts? - Hab ich ehrlich vergessen.
Leider nicht barfuß mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich trug Bukele zur Liebe mein doofes Schuhwerk, welches sonst nur im Krankenhaus zur Show gestellt wird. Ich gucke dann immer ein wenig wie ein getretener Hund. Eine Mopedtour mit ihrem Booda der Wahl bringt mich ins heimatliche Nyegezi und von dort aus ist es ein Fußmarsch nach Hause. Ab und zu verlier ich ein bisschen Geld an Menschen, die freundlich genug fragen und komme heile zuhause, natürlich mit Schuhen in der Hand, an. Von Bukele musste ich mich schweren Herzens verabschieden. Das wird ein riesiger Spaß, wenn es erstmal wieder heißt zurück nach Deutschland zu reisen... ha! Ha…
Der Tagesvorsatz ist kein allzu schwerer. Mein leerer Rucksack möchte möglichst divers ausgestopft werden und meine Lebensgrundlage für ein paar Wochen werden. Den Prozess bin ich gewohnt und auf diesen Prozess freue ich mich seit Wochen und genau hierbei habe ich auch wahnsinnigen Spaß. Obwohl ’wahnsinnig’ selten das richtige Wort ist. Du weißt was ich meine. Mein Ansatz ist diesmal viele Stofftücher dabei zu haben, fünf an der Zahl, um meinem fehlenden Poncho Ersatz zu schaffen, welcher tragischer Weise in Dar es Salaam wartend bei der liebsten Jule verblieb. Stoffe, die die fehlende Decke in der Nacht ersetzen und mich vor der brutzelnden Hitze einer Trockenzeit auf dem Breitengrad Zwei der südlichen Hemisphäre halbwegs bewahren sollen. Die gute Haut, ohne die meine Reise hier kaum machbar wäre, die brauche ich noch... Wenn ich auf eine Sache keine Lust habe, dann wäre das der nächste Sonnenstich. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt vermeidbar sein wird. Mein Gepäck ist für dieses Unternehmen ein denkbar anderes als sonst. Meine Prioritäten verschieben sich scheinbar bei jeder Reise und am Ende zu sehen, was ich denke für mein Überleben zu brauchen, ist eine sehr interessante Art der Selbstreflexion. Allen Besitz mal auf das ärgste Minimum herunter zu brechen, ist eine denkbar gute Therapieform gegen den kapitalistisch auferzogenen Konsumzwang. Naja…
Ich packe ein paar Spielzeuge für Kinder auf dem Weg ein - Perlen und Plastikautos und buntes Papier. Ich habe ein Erste-Hilfe Köfferchen und ein paar Medikamente an deren Wirkung ich nicht ganz glaube, aber lieber hat man was dabei und braucht es dann nicht. Sie sollen vor Durchfall und Infekten retten, wenn irgendwas ganz grob schief geht. Schmerzmittel spare ich mir, obwohl das natürlich das genialste wäre mit brennenden Füßen in der Nachmittagssonne über Asphalt zu stapfen ohne was davon fühlen zu müssen. Themaverfehlung!
Meine Zahnbürste hab ich doof wie ich bin bei meiner Bukele gelassen, aber meine Zahnpasta ist am Start und wofür hat die Natur einem so viele Finger geschenkt, wenn nicht dafür, um zumindest mit einem davon die Zähne zu schrubben. Schönes Wort in dem Kontext. Bei ‘schrubben’ sehe ich ein hölzernes Schiffsdeck vor mir. Auch diese Art der Zahnreinigung bin ich schon seit längerem gewohnt und auch hier wartet wieder eine kleine Freude auf das Wiederaufnehmen einer beinahe vergessenen Angewohnheit. Eine Zahnbürste könnte ich mir laut meinem Ansatz ohne Geld zu reisen eben nicht kaufen, sondern nur als Geschenk akzeptieren. Wird sich wohl ergeben…
Ich arbeite auch ein wenig an meinem letzten Artikel des House of Hope. Es geht um meine erste erhaltende Spende aus Deutschland von einer netten Dame, befreundet mit meiner lieben Mama und so an meine geschriebene Materie und das Projekt vom House of Hope heran geführt. Ich hatte in jenem Schreiben versucht in Details über den Tag und das Einkaufen plus die Reaktionen der Mamas und Kinder im Krankenhaus zu berichten. Es war eine riesige Freude über die Spende selbst zu erfahren und dann eine gleichfalls große Bespaßung barfuß in Mwanza Town shoppen zu gehen und die aller größte Freude unsere Mamas und ihre Kinder mit Hydrozephalus und Spina Bifida im Bugando Medical Center glücklich und kurzzeitig von ihrem Leid abgelenkt zu sehen!
Beim Packen sitzt ein kleiner Freund namens Patti neben meinem Rucksack auf dem Sofa. Seine krumme Wirbelsäule und die gelähmten Beine machen den Zehnjährigen grade mal halb so groß wie meine Tasche. Er spielt mit den Luftballons und den Autos, die einen kleinen Teil der Spende ausmachten und er beginnt sich laut lachend an die Arbeit des Luftballonplatzenlassens zu machen und wir haben einen großen geteilten Spaß. Er bestimmt die Musik und wann ein Lied von meinem Handy zu überspringen wäre. Wir malen ein paar Hanzi auf meiner Leinenhose mit Edding nach, auf welcher schon die ersten bunten Stoffflicken aufgenäht sind, nachdem nun der Stoff immer unaufhaltsamer anfing an stellen zu reißen. Die gute, ehemals weiße Leinenhose aus Kanada. Patrick hat seine Freude und ich packe zu seiner Begeisterung den Rucksack fertig, dann bringe ich ihn zu seiner Mama, welche grade alleine mit mir im House of Hope lebt. Eine wunderbare Frau, die das scheinbar Undenkbare für ihre Kinder durch ihre tägliche Arbeit ermöglicht. Wirklich unglaublich -

Ich esse ein paar letzte Mangos von unserem immer weniger tragenden Mangobaum zuhause und bekomme ein kleines Mittagessen aus Ugali und roter Soße mit winzigem Fisch, den ich aus Grund meiner jetzigen Philosophie nicht esse - eine kleine Ecke Wassermelone und ne Karotte.
Jene Essensphilosphie besagt, dass ich kein Fleisch verzehre, mit dem ich nicht persönlich verbunden bin. Damit meine ich ungefähr, dass ich kein Tier esse, dass ich nicht auch selbst getötet hätte. Das würde viele Probleme in unserer Gesellschaft beseitigen und ein wenig mehr Ansatz haben, als nur kein Fleisch essen zu wollen. Mal ein Tier zu töten sollte jeder Mensch erleben. Es gibt schließlich wenig noch natürlicheres, wenn man sich anschaut, wie der Mensch an diesem Punkt der Jetztzeit ankommen konnte. Wer nicht töten kann, sollte kein Fleisch essen dürfen. Punkt.
Bevor alles fertig ist und ich aufbrechen kann, wird meine mir heilige Leinenhose nochmals in Angriff genommen und zusätzlich mit einem grünen und roten Edding attackiert. Meine Stoffflicken werden grün eingerahmt und alt gewordene rote Linien und Rahmen um die chinesischen Hanzi werden auf der Rückseite nachgefahren.

Und dann schien alles fertig zu sein. Mama Patti sage ich etwas aufgelöst auf Wiedersehen. Patrick und seine Mama kommen aus der Schule in welcher ich am Anfang meines Aufenthaltes in Tansania lebte und genau das soll auch das absolute Reiseziel meiner Landestour sein. Einmal möchte ich die beiden wieder sehen und zum anderen kann ich nicht mehr viel länger ohne meinen Poncho leben. Dar es Salaam, Vikindu, ist die Adresse. Davor ist noch mein FSJ bezogenes Zwischenseminar anzusteuern und um dort hinzukommen, habe ich circa 25 Tage Zeit.
Kurz muss eingebracht werden, dass der Bildschirm im Bus das wohl coolste Musikvideo aller Zeiten abspielt. Der Track ist von dem Musiker Marioo mit dem Namen ‚DUNIA‘. Falls du dir einen Gefallen tun möchtest, schaust du das ganze mal auf der Streaming Plattform deiner Wahl an und kannst so meine Lage auf braun-weißen Busledersitzen ein wenig nachempfinden. Ein absolut cooler Einblick in den Tanz und die Menschen, in die Musik und die Stimmung in einem ganz normalen Bus auf einer ganz normalen Tour mitten in der Nacht entlang der Serengeti. Diese Musik läuft überall und immer und der tansanische Mainstream heißt Bongo Flava, welcher aus besagtem Endziel Dar es Salaam stammt. Bongo ist glaube ich auch der Stadtspitzname, heißt auf Suaheli aber eigentlich nur Afrikaner. Ubongo bedeutet Afrika. Es ist schwer sich auf das Schreiben zu konzentrieren, wenn Musik und Tanz auf diesem Level sind. Ein bisschen viel für ein Uhr nachts, aber ich wäre der Einzige der sich beschweren würde. Und warum auch? Dafür ist das zu Sehende viel zu interessant und das Kommende zu nahe.
Um elf Uhr abends war mein kleiner Sitznachbar aus dem Bus gesprungen, als sein Zuhause Shinyanga vor der Tür stand. Das Kind hatte einen sehr niedrigen Preis gezahlt, weil es keinen Sitzplatz buchte, sondern ein stehender Gast sein sollte. Zu seinem Glück war neben mir niemand, und zu meinem noch größeren Glück kam er dazu. Echt ein Süßer und unendlich interessant ist es, wie fremde Kinder alle Erwachsenen ganz vertraut mit Onkel und Tante ansprechen, wenn sie einen Anlass dazu hätten. Wir haben Vokabeln ausgetauscht und wenn er etwas nicht ganz übersetzen konnte, sprach er ohne Umweg die Dame weiter vorne an, die ihm völlig fremd war und jene behandelte ihn wie ein eigenes Kind mit ungeteilter Aufmerksamkeit und Geduld. Er sprach sie mit ‚Auntie‘ an. Ich wäre auch gerne so verbunden mit meinen Mitmenschen aufgewachsen ohne dass der Umstand des Menschenansprechens wie eine Heldentat und Meisterleistung da steht, sondern Normalität wäre. Im nächsten Leben…
Der Bus fährt bis in die Morgenstunden und der Albtraum einer Fahrt endet dann für eine kurze Zeit. Von Schlafen kann nicht die Rede sein, dafür war alles zu unruhig in mir.
Jetzt kommt ein kleinerer Bus und eine ähnlich lange Fahrt, allerdings nicht wie geplant bis nach Arusha, sondern stattdessen 167 Kilometer entfernt in den Ort Babati. Hier soll mein echtes Abenteuer also anfangen. Ab hier wird kein Geld mehr für Transport oder für eigene Nahrung ausgegeben. Ab jetzt reise ich wieder im vertrauten Stil. Nichts außer mir und dem was ich tragen kann. Mit der größten Freiheit der Welt im Gepäck - nämlich ohne Geld als Mensch unterwegs zu sein. Bis Du bereit?