Was mich um 8:52 aufweckt, ist das Weinen eines kleinen Kindes im Schlafsaal und im gleichen Moment einer der freilaufenden Hähne unserer Nachbarschaft und sein majestätisches klagen. Ich liege noch unverändert am Boden, hatte mich in der Nacht zwar von einer Seite zur anderen gedreht, aber lag nun wieder ausgestreckt auf dem Rücken auf dem Boden, mit meinem olivgrünen Stoff gefaltet unter mir. Der Boden ist kühl und ich bin seit gestern ein bisschen verschnupft mit kratzendem Hals. Links von meinem Kopf ist der Raum unter meinem großen Holzbettgestell, welches ich nutze um darauf Sachen abzustellen und unter welchem alle meine Bücher liegen, die mich vom Schreiben abhielten und nun eine neue Heimat fanden. Noch weiter hinten liegen 80 Prozent meiner Anziehklamotten, welche ich aussortierte da so viel Kleidung dazu führte, dass ich für drei Wochen die circa sechs Outfits abwechselnd trage und dann den stundenlangen Akt des Wäschewaschens per Hand immer weiter aufschiebe, weil der Berg an Klamotten überwältigt. Jetzt schimmelt der Haufen schön gefaltet in der dunkelsten Ecke des relativ dunklen Zimmers, welches eine gleißend helle Glühbirne besitzt, einen Schrank, einen kaputten Spiegel, welchem ich ein Stück Leinwand mit blauen Ölfarben vorhängte, dann ein kleiner Schrank mit vier nutzbaren Abteilen und einer großen Oberseite. Ich liege immer noch am Boden und um 9 Uhr klingt mein selbst gemachter Wecker durch das Zimmer und sehe meinen wundervollen Poncho vor mir, etwas rechts von der weiß gerahmten Tür mit dem Milchglas hängen, an einem Kleiderhaken an der Wand. Daneben ist eine grauweiße, gehäkelte Mütze die ich mal auf unserem Grundstück fand. Einmal gewaschen ist sie wie neu und hübsch ist sie ohnehin. Auf Swahili heißt eine Kopfbedeckung ‘Kofia’ allerdings ist jene spezifisch für Männer des Islams. Meine muslimischen Freunde hatten auf meine Frage gemeint, dass es absolut kein Problem wäre, die Kofia auch so zu tragen. Neben ihr hängt eine zweite Kofia, die ich von meinem Lieblingsrasta bekommen hatte, der in einer winzigen, aber wunderschön gemachten runden Bumbushütte wohnt, welches Geschäft und Zuhause in einem ist und nicht einmal ein viertel eines normalen Raumes ausmacht. An den gelben Wänden des Bambus hängen die schönsten Sorten Rastamützen und als ich Mashaka Jackson kennen lernen durfte, wirkte seine Art und Weise noch tagelang noch. Der Mann ist scheinbar nie abgerückt von dem unschuldigen, strahlenden Kind, welches er noch dreißig Jahre zuvor war. Ich bewundere ihn sehr dafür und wir wollen uns treffen, um Häkelstunden zu verbringen und eine ehrliche Freundschaft trotz Sprachbarriere zu schließen. Er ist ziemlich alleine.

Neben den beiden Kofias hängt mein wunderbarer lilaschwarzer Pullover aus Kanada, welchen ich in einer Halle für Second Hand Artikel erworben hatte in einer Stadt namens Nanaimo. Poncho, Pullover und Leinenhose, welche rechts von mir im Schrank liegt und immer bunter wird, weil bei jedem Riss des alten und schwachen Leinenstoffes, ein neuer Patch aus tansanischem Stoff das Loch füllt. Diese drei Dinge erstellen mein erstes Outfit. Dann habe ich noch eins aus Hemd und Hose für unser Krankenhaus Bugando, bei welchem ich verpflichtet bin etwas edler als ein obdachlos Reisender zu sein, der ich ja sonst wäre. Funktioniert meistens. Noch eine kurze Hose und ein Tanktop plus ein normales Shirt, damit ich für zuhause was zum tragen habe und bei Bewegung und Sport nicht nackig dastehe. Das ist alles an Kleidung und nun wasche ich alle paar Tage ein ganz bisschen und könnte alles Hab und Gut sofort im Rucksack verstaut haben, um los zu wandern. 

Der Gesang und das Geschrei des Babies ist nun nicht mehr alleine. Ich erkenne das sechsmonatige Kreischen einer panischen Grecious, die zwar zuckersüßer nicht sein kann, mit Kulleraugen und kritischem Blick, aber ab und zu von Panikattacken geplagt wird und auch die Stimme ihrer Mutter, die auf sie einredet, kann sie nicht ganz beruhigen. Mamas laufen von drinnen nach draußen, immer vorbei am Fenster, und ihr Tag beginnt mit dem waschen der Wäsche und dem kochen von Uji. Maismehl dünn vermischt mit Wasser. Die wenigsten Mütter hier können sich noch Windeln leisten und die Aufgabe ist täglich mehrmals die dreckigen Stofftücher zu walken und zu schrubben, welche in ihren schönen Farben nun Kinderkacke und Urin tragen. 

Ich liege immer noch am Boden, aber hatte es vollbracht mich zumindest mal nach links zu wuchten. Meine lilaschwarze Decke liegt noch halb auf mir und die Blase bedarf meinem Aufstehen. Ich war seit vielen Monaten weder krank noch angeschlagen und werde schauen was ich heute tue. Ins Krankenhaus möchte ich mit einem Infekt nicht gehen und den Müttern und Kindern hier kann ich mich auch nicht übermäßig aufdrängen. Ich habe allerdings ein kleines Buch mit Liedern der Kirche in der Stadt gefunden und kenne eine Mama, die sich bestimmt mit mir auf einen Stuhl unterm Mangobaum zuhause setzt und mir die Melodien beibringt. Danach kann ich mich daran machen die Swahili-Lyrics zu übersetzen. 

Wenn ich Zeit für mich finde, fülle ich die Zeit meines Tages oft mit Gitarrenpraxis oder noch viel öfter eben mit dem Schreiben. Grade bin ich viel damit beschäftigt, die Skripte für die Rotation 2027 aufzuschreiben, um Menschen des Weges die Idee unserer Sache, unseres Vereins und dessen Konzepts in Form einer Bewegung durch Deutschland, klar zu machen. Das Schreiben darüber macht mich schon ungehalten aufgeregt. Ansonsten versuche ich das erste englische Buch über die Reise in Norwegen fortzuführen, welches mich von einem reichen Dude der Finanzen von der Nachbarstraße des Königs in Oslo bis hin zu Klippen in den Preikestolen, wo ich auf buddhistische Mönche treffen würde, die mein Leben nicht mehr in den vier gemeinsamen Tagen hätten prägen können. Die Europareise wird grade auch weiter vorgeführt und ich befinde mich am zweiten Tag auf Korsika, grade alleine in den Berg- und Waldwelten, kurz bevor ich in einer Grabkammer schlafen würde und ein Tag bevor ich in Ajaccio ankommen würde und der Hauptteil meiner Reise startet, verkörpert durch das Treffen meines neuen Gefährten und Freundes. Zwei Wochen ohne Geld in Monaco soll am Ende beweisen, welches Potenzial hinter unserer Verbindung stand. 

Meine Mitfreiwillige Loana ist auch am Start, aber kränkelt wie ich ein bisschen rum. Langsam kommt alles um mich herum zum Leben und der Tag darf wohl beginnen. Jetzt ist es 9:40. Ich muss immer noch schmunzelt. Gestern hatte ich mich wie ein Kind gefreut eine App für Klingeltönen gefunden zu haben. Mit dem eigenen Mikrophon konnte man einen Ton einsprechen und heute Morgen wurde ich von dem Gemurmel geweckt, welcher mein erster Versuch auf der App war. Das war lustigggg

Kurz darauf sitze ich vor unserer klapprigen Eingangstür die aus Draht in den Zwischenräumen, und morschem Holz im Rahmen besteht, in welchem rostige Nägel schon ihren Platz verloren, weil sich das Holz um sie herum auflöste. Glorreich ist sie nicht mehr, aber zum Glück sitzt man nicht allzu oft neben ihr. Ich tue es grade, weil ich nach ungelogen zwei Monaten meine Fußnägel wieder schneide. Weil ich keine Schuhe trage, hätten die Nägel auch in weiteren zwei Monaten noch nirgends anstoßen können, aber für die Ästhetik macht man doch so einiges. Meine Füße sind oft genug staubbedeckt und haben generell die dunkle Färbung von Boden und vor allem Straßen an den geschützten Fußsohlen und der Hornhaut. Es sind nun achteinhalb Monate ohne Schuhe auf tansanischem Boden und noch nie fühlte sich der Lebensstil vernünftiger an. Von den möglichen Krankheiten und Gefahren der Bodenviren bekomme ich eigentlich täglich Vorträge von neuen Bekanntschaften auf meinen Wegen durch die Gegend. Vielleicht liegt es an der Sprachbarriere, die wohl erst nach Jahren wirklich verschwinden könnte, aber bisher war für meine Ohren nicht das Argument dabei, welches mich umstimmen könnte. Manchmal erinnert mich diese Ignoranz und Idiotie a die Generation junger Männer zu Kriegsbeginn, wenn sie durch Reden dazu ermuntert werden für das Land in die Schlacht zu ziehen und an Fronten mit Frost elend zu verenden. Was sie dazu brachte, war zu großen Teilen der Glaube, man selbst wäre der Besondere, der Eine, welcher nicht verletzt und getötet werden könnte, sondern der Kriegsheld der nach Hause käme. Diese Illusion geht natürlich flöten und für mich wird das ebenfalls der Fall sein. Ich warte darauf und muss hoffen, dass ich die Lehre nicht zu tief büßen werde. 

Im Zitronenbaum über meinem Kopf sitzt diese wunderliche kleine Art von Taube. Sie gurrt recht freundlich auf mich herab und sitzt zwischen den letzten Früchten der Zitrone von denen es nicht mehr allzu viele gibt, obwohl sie noch nicht ganz ausgewaschen waren. Wir hatten schon viel früher begonnen von dem tollen Gewächs Nutzen zu machen. Unter dem selben Baum flog grade noch ein gelber großer Schmetterling, welcher mich in jenem Moment dazu bewegte, weiter zu schreiben. Rechts neben meinem Po ruht eine feine Plastiktüte mit rohen Erdnüssen, die zwar echt nicht am leckersten, aber definitiv am billigsten sind. Es sind bestimmt 300 Gramm für einen Drittel Euro, also circa 1.000 tansanische Schilling. 

Loana ging grade los, um den Arbeitsweg zum Krankenhaus zu bestreiten. Ich ging für eine Weile mit ihr mit und kam dann auf dem Heimweg bei einem Haus vorbei, wo ich von zwei jungen Müttern und drei anwesenden Kindern eingeladen wurde und eine Orange Plastiktasse voll mit Uji bekam. Die Töchter wuschen grade Wäsche und wir saßen eine Weile und ich lernte Grace und Generous. Wir tauschten uns über die Vorteile von barfuß laufen aus und ich lernte ein bisschen über heimische Medizin und bekam eine Bumia-Schote in die Hand gedrückt. Ihre Antwort auf meine Behauptung, dass Barfußlaufen gut fürn Knie wäre. Die Schote ist knackig, hellgrün, hat kleine Kerne im Innern und sie werden schleimig weich und süßlich beim kauen. Auf Englisch heißt die Pflanze glaube ich Okra. Als ich ging traf ich jemand anderen, den ich in den acht Monaten hier schon dreimal getroffen hatte. Er läuft mit einem Kanister voll Milch durch die Gegend, verkauft sie aus den kleinen Plastikflaschen in der anderen Tüte und sein Beruf ist Lehrer. Das ist kein Zeitvertreib, weil es ihm Spaß oder Reichtum bescheren würde. Die Milch kommt auf Sengerema, eine Stunde von hier und Loana und ich hatten den Ort für unser erstes gemeinsames Rucksack- und Zeltabenteuer besucht, schliefen dort in einem Bananenwäldchen und wurden am nächsten Morgen mit gesammeltem Dorf um uns herum geweckt. Sengerema ist eine schöne Gegend und die Milch ist etwas älter und mit zarten Brocken drin. Ich kaufe 1.5 Liter für umgerechnet 50 Cent, als wir gemeinsam bei mir zuhause am House of Hope ankamen. Ich gebe einen Liter an die Mamas und nehme den Rest für mich. Ein anderer Verkäufer, welcher mit seiner Ware durch die Nachbarschaft wandert, war grade zu Besuch und sprach lachend mit den Mamas unter unserem großen Mangobaum. Ein kleiner, breit gebauter Mann mit einer Mütze auf ähnlich zu meiner Rasta Kofia. Wir geben uns eine Faust und ich bekomme eine gekochte Süßkartoffel von den Mamas in die Hand, grüße die Kinder und spreche mein Beileid gegenüber der winzigen Grecious und ihren Schreianfällen aus. Ein kleines Mädchen mit vier Jahren hatte auch ihre Operation bekommen, nachdem ihr Shunt, welcher das Wasser vom Wasserkopf in den Magen leitet, fehlgeschlagen hatte. Sie heißt Stellia und ist eine kleine Sukuma, die noch nicht dazu kam die national verwendete Sprache Swahili zu lernen, sondern ausschließlich ihre ethnische Sprache Kisukuma spricht. Ich grüße sie mit Mwangaluka, was guten Morgen bedeutet und sie beäugt mich belustigt. Dann verschwinde ich für eine Weile nach drinnen. Ich fühle mich besser, aber die Nase läuft und völlig gesund wäre anders. 

Die Zeit verbringe ich damit, meine Chordabfolge neu zu bestimmen und meine beste Zeile zu zelebrieren. Die Chords gehen von Am - E7 - Fm - Cmaj7 für die Songzeile ‘Von jener Angst(Am), die gut verdrängt(E7), nun schwarze Schleier(Fm) vor uns hängt(Cmaj7).’ 

Dann schrieb ich eine Stunde lang an dem Kapitel von Korsika und machte nur wenig Strecke im Weg und in Schrift. Man kann scheinbar viel schreiben und trotzdem beinahe noch am selben Ort stehen. Das ist wie viel quatschen, aber nichts machen. Oder so ähnlich. - Zeitsprung 

Ich sitze nun auf dem Fußende eines der blauen Laken auf einer der Matratzen in unserem Schlafsaal.  - Zeitsprung. Ich hatte mich kurz bewegt und was getan und jetzt liege ich neben einer anderen Matratze zwischen zwei Kindern auf jeweils einer. Ich am kühlen, roten Betonboden. Auf meinem Handy spielt die Idea 1 von Gibran Alcocer und - da geht das Handy. Mein kleiner Kollege rechts von mir heißt Alpha. Er ist definitiv der erste, den ich kenne mit diesem Namen. Ich glaube er hat sieben Monate und Hydroyephalus. Ein doofer Wasserkopf, welcher ihm bisher das Leben nicht leicht machte. Er lächelt süß und seine Augen sind zu seinem Vorteil noch intakt. Er wartet hier vermutlich auf seine Mama, die draußen an der Feuerstelle den riesigen Topf zähen Ugali für acht Mütter und drei Freiwillige umrührt. Alpha scheint das nicht zu stören und wir viben hier am Boden und grinsen uns an. Die Musik mochte er und er streckte die Hand in die Richtung der Töne. Seine Bewegung sind zaghaft und wie in Zeitlupe. Es ist kein Schmerz der ihn hindert, aber krampfende Muskeln und ein geschädigtes Hirn, welches schon lange nicht mehr mit dem Körper tun kann, nach was es ihm wäre. Sein großer Kopf ist um ein paar Zentimeter größer als meiner und liegt auf einem Stoffring, welchen ich den Mamas versuche beizubringen, um den Druck des großen Schädels auf der Unterlage zu minimieren, denn der Kopf ist noch in seiner Zeit des Wachsens und Knochenplatten müssen sich noch schließen. Die Art des Stoffwickelns hilft und verhindert Druckstellen, arbeitet gegen Entzündungen und vermeidet ein schiefes Schädelwachstum. Als ich grade beim Schreiben sitze, merke ich wie eine Person vor mir vom hell leuchtenden Draußen eintritt und ich nehme eine schnellere Bewegung rechts von mir wahr. Alpha schüttelt seinen Kopf nach links und rechts und kullert lustig in seiner Schale aus Stoff umher, und als ich zur Tür schaue, weiß ich wieso. Er hat Mama erkannt. Sie wollte nur kurz gucken, sieht mich neben ihrem Sohn liegen und gibt mir einen Daumen hoch. Wir grüßen zurück. Als sie geht langt mir eine kleine Kinderhand ins Gesicht und erforscht meine schönen Haare, die langsam immer länger werden. Letztens kam ich abends kaputt vom Krankenhaus und legte mich draußen zu den Mamas und jene fragten aus Neugierde, ob sie mir die Haare nicht mal flechten könnten. Ich hatte nichts dagegen und lag dann mit dem Gesicht auf den Armen am Boden, lang ausgestreckt, und hatte vier Handpaare von tansanischen Mamas in der Haarpracht, von denen niemand die vielleicht einmalige Chance verpassen wollte, sich auszuprobieren. Alpha verpasst mir eine handgemachte Augenklappe und ich schreibe kurz einäugig. Inzwischen spielt die Idea 22. Jetzt kann man sich drüber streiten, ob die 10 oder 22 schöner wäre, aber auf diesem Niveau einer musikalischen Vollkommenheit hat Streit eigentlich nichts zu suchen. 

Ich schaffe es immer einen einzelnen Satz zu schreiben und dann spielt man wieder miteinander. Effizienz ist ganz anders, aber viel schöner kann Arbeit auch kaum sein. Beziehungsweise war der aktive Arbeitsteil grade kurz vorbei. Bei freiwilliger Arbeit kann man es schwer unterscheiden, weil miteinander leben und nicht bezahlt werden viel weniger Arbeit als einfach nur Leben darstellt. Aber körperliche Energie für andere, falls das Arbeit entsprechen kann, hatte ich aufgewendet, als ich mit den anwesenden Mamas und ihren Kindern Physiotherapie gemacht hatte. Mama Dandi hat ein Kind, welches einen offenen Rücken, Spina Bifida, und einen Wasserkopf besitzt. Ich konnte ihr erklären, wie man mit leichten Massagen vom Oberarm abwärts langsam bis zu den Fingern kommt, die allesamt stark um den Daumen herum krampfen der eingeklappt in die Handfläche da liegt. Drei Techniken mit den Fingern, die Zeitintervalle und was am wichtigsten, aber am schwierigsten ist: mit meinem Swahili einer Mama durch Biologie erklären, wie wichtig und viel entscheidend ihr Beitrag für die Zukunft der Gesundheit ihres Kindes und dessen Körper sein kann. 

Das zweite Kind war eines noch etwas jüngeres und der Wasserkopf ist der größte, den wir haben. Sie warten auf Operation und das Kind kann den durchgängigen Schmerz kaum mehr aushalten. Die von innen gedrückten Augen schauend weit aufgerissen in die Welt, die Adern ziehen sich über die Seiten der Stirn und klar zu sehen über die Kopfhaut, welche nur sehr belichtet von Haaren bedeckt ist, weil die Haare eigentlich nur genug sind einen winzigen Schädel zu bedecken und nun über eine waste Fläche gespannt wurden. Ich zeige der Mama genauso die Stoffschnecke für den Kinderschädel, aber der Schmerz des Kindes ist grade so hoch, dass eine Übung unfair wäre. Ausserdem hatte sich das Kind eingenässt, und bei weitem hat die Mutter nicht das Geld sich Windeln zu kaufen, weil sie gegen das Rennen der Zeit und für das Leben ihres Kindes Geld sammelt, um die lebensrettende und mehr als nötige Operation zu bezahlen, bevor es zu spät ist. Unsere Organisation zahlt durch Spendenaufrufe die Objekte, die in den Köper eingesetzt werden. Sogenannte ‘Shunts’, Röhren, die das Hirnwasser ausgleichen und den Druck verlagern indem das Wasser dann in den Magen fließt. Der Shunt verbindet also Schädelinnenraum und Magen. Dieses einfache Ding, eine Plastikröhre, ist unfassbar teuer, aber rettet Leben. Der Preis ist ungefähr 400.000 tansanische Schilling, welche im Krankenhaus von Child-Help übernommen wird. Die restliche Operation kostet bei Hydrozephalus weitere 400.000 und das sind umgerechnet genau 150 Euro. Ich hatte gesagt, das wäre eine Menge Geld. Ist es auch, aber hier ist es eine ganz andere Dimension. Zwei Monatslöhne eines Vaters, der Bau von zwei neuen Räumen eines neuen Hauses, der Verkauf einer gesamten Ernte... diese Preise können Familien in ihren Wurzeln völlig ruinieren und lösen so viel Leid aus. Man möchte es sich nicht vorstellen. Wir hatten also erstmal keine Physiotherapie gemacht, sondern die Übungen für Armbewegung und die krampfende Hüfte auf heute Abend verschoben. Als ich mich wieder erhebe und mich im Raum umschaue, sehe ich Alas freundliches Gesicht und strecke ihm die Faust hingegen und sage ‘Tano’. Jedes Mal wenn ich komme jede ich ihm eine Faust und sage das Wort und auch jetzt, über eine Distanz von zwei Matratzen, erhellt sich sein Gesicht und sie kleine Hand streckt sich sehr langsam in meine Richtung. Dann bin ich wieder da. - Ich liege immer noch bei Alpha und wir lächeln uns an, spielen mit den Händen, tanzen rhythmisch mit den Fingern zu den Klängen des Handys und seinen Klavierklängen und versuchen zu verstehen was mit uns passiert. Ein komisches Leben bisher. - Zeitsprung 

Die Decke auf der ich sitze, ist blau und rosa, wie die giftigen großen Salamander, die manchmal gehetzt von Paula gejagt die Flucht ergreifen, oder sehr entspannt auf Sonnensteinen sitzen und mit geschlossenen Augen ins Dunkle schauen. Ich sitze im Schneidersitz am Rand vom Geschehen, nachdem unser Mittagessen beendet ist. Neben mir sitzt ein kleiner vierjähriger Mann ohne eine der Behinderungen, mit denen wir sonst arbeiten und das besondere ist, dass dieser kleine, sehr aufgeweckte Junge einer von jenen war, der hier lebte, also Loana und ich hier vor acht Monaten ankamen. So schließt sich der Kreis nach acht Monaten. Er wird noch einmal in Bugando kontrolliert, reist wieder nach Hause und kann dann ein ganz normales Leben leben. Joshua ist cool, aber auch er spricht kein Swahili, sondern die Sprache seiner Ethnie in Kalgera, der Westen Tansanian’s. Das war mir damals am Anfang nicht aufgefallen. Ich wäre sicher gewesen, dass er Swahili kann und es war eine lustige Überraschung ihn dieses Mal immer noch nicht verstehen zu können. Wir interagieren also genauso weiter wie vor acht Monaten. Vor mir sitzt Mama Alfa und ihr Sohn mit dem Rücken zu mir, neben ihr Mama Grecious namens Sarah und ihre winzige Tochter, die sich in alle Richtungen dreht, einen dann mit runden Augen in den Fokus nimmt, manchmal aus dem nichts engelsgleich beginnt zu lächeln, um dann Quietschgeräusche von sich zu geben. Sie grabscht mit ganzer Hand beim Essen in die Bohnen, wenn Mama grade nicht hinschaut und jedes Mal wenn sie was freches anstellt, bekommt sie den gleichen empörten Ruf ihrer Mama ab, die sie dann am Arm ein paar Zentimeter verrückt, bis die Tochter wieder ankommt. Ich war dabei, als die sechs Monate alte Dame das erste Mal Ugali probierte. Inzwischen bekommt sie von Mama immer kleine Fingerkuppen voll mit der Knetmasse, die sie weich machte und in der Soße der Bohnen tränkte. Ich habe noch nie ein so niedliches Wesen wie Gire, Grecious gesehen. Ich könnte auch nicht wirklich den Finger darauf legen, was nun der Trick wäre. 

Als das Essen nun also zum Ende kommt, lege ich mich hin und beginne zu tippen. Irgendwann schaue ich auf und sehe rechts von mir Alfa liegen, der von Mama nach dem Essen kurz zurück gelassen wurde. Er beäugt mich genau wie vorhin und ich ziehe ihn an mich heran, nehme den kleinen Körper und den riesigen Kopf und bin sehr behutsam was die Nackenmuskulatur angeht. Wenn dieser Kopf abrupt in eine Richtung fallen würde, kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser winzige und ungenutzte Nacken viel ausmachen könnte. Ich lege ihn auf meinen Brustkorb ab, nehme ein schönes Stück Tuch und bette seinen Kopf so auf meine Rippen. Mein eines Bein ist angewinkelt und über das andere am Boden strecken sich seine beiden Beinchen. So liegen wir eine lange Weile und ich summe Lieder, die meine Eltern zum Einschlafen im Kindesalter sangen. Von dem Baum, aus welchem beim Rütteln Träume fallen und von dem Mond welcher angeschwommen kommt. Er wiegt mit meiner Atmung auf und ab. Als Mama zurückkommt, gebe ich ihr Kind zurück und schlafe dann zwischen den Gesprächen aller Mütter und der Hühnerfamilie ein, welche uns umläuft und nach Ugaliresten sucht.
Eine Stunde später werde ich wach. Es sind nur noch drei Mamas da und als Mama Subira sieht, dass ich wach bin, fragt sie ob sie Bilder von mir anschauen kann. Ihre Tochter ist eine süße Maus mit gemalten Augenbrauen, die der dreijährigen Schönheit zugute kommen. Sie muss immer auf dem Bauch liegen, weil es ihre entzündete Wunde des offenen Rückens es nicht anders erlaubt, aber sie lächelt indem sie sich auf die Unterlippe beißt und mit runden Augen und leicht baumelnden, angewinkelten Beinen zuguckt was geschieht. Mama Subira kriegt mein Handy, ich stelle noch schnell Farben ein, sodass die Bilder nicht nur schwarz und weiß wie sonst im persönlichen Gebrauch meines mobilen Endgeräts wären. Ich sage ihr wo ich überall war und sie sucht sich die Fotos von Tansania aus. Ihr begegnet Vieles aus meiner sieben wöchigen Barfußreise durch Tansania, auf welcher ich beinahe 3.000 Kilometer reiste, ohne einen einzigen Schilling zum Überleben auszugeben. Ich erzähle Menschen meistens nichts davon, weil es auf die Schnelle natürlich völlig unglaublich ist. Die Fotos sind auch ohne Kontext schön genug, aber Du, liebe Lesemaus, hast natürlich die Chance das gesamte Erlebnis alleine in Tansania, mit Zelt und Rucksack, ohne Schuhe und ohne Geld zu erleben, indem du das Buch meines Tansania Journals liest. Andere Geschichte…

Loana kommt grade durch das quietschende schwarze Tor unseres Eingangs. Wir begrüßen sie herzlich und locken sie zu uns, weil wir wissen möchten, was sie in der Stadt so erlebt hat und natürlich weil sie ein großes Paket unter dem Arm trägt, welches etwas zerstört aus ihrer fernen Heimat stammt und von ihren Eltern geschickt wurde. Sie packt uns eine super coole Packung kleiner Brezeln aus und die Mamas sind während unseres Verzehrs vom Geschmack zwar nicht überzeugt, aber das Geschenk von Loana wird trotzdem mühelos aufgebraucht. Was gibt es auch leichteres als durch hübsche bunte Bilder scrollen und dabei Kleinigkeiten verputzen. - Zeitsprung 

Ich sitze im Büro und schreibe nun auf meinem treuen und teuren Laptop statt auf dem Handy. Es sind zwei Stunden vergangen und was passierte, ist kurz zu halten. Ich ging hinein und traf Loana an, die ihre Brille grade wiederfand und die Welt für ihre Klarheit und Schöne bewunderte. Ich führte sie einmal um unser Grundstück hin zu den Toiletten und sie schien etwas beleidigt davon, dass ich sie dahin nahm, weil ich eben aufs Klo musste. Nachdem ich das aber geschafft hatte, konnte ich mit dem Mamas Feuerholz machen und spaltete was es brauchte, um unser Abendbrot zu kochen. Drei Schläge nachdem es genug gewesen wäre, bricht der geschnitzte Stil der Axt und ich ärgere mich über mich, weil die Klinge abgerutscht war und das Holz so gelenkt hatte, mit Wucht gegen das zu spaltende Holz zu schellen. Ich entschuldigte mich und suchte Loana auf, um ihr zu berichten, dass ich beim Holzspalten einen Ort gesehen hatte, der etwas abseits von unserem Grundstück lag, aber bei welchem wir noch nie waren. Es sind die hohen Steine hinter der römisch-katholischen Kirche an der Kreuzung, die durch unseren anliegenden Wald hindurch sichtbar sind. Ich schmeiße mir meinen Poncho über und Loana trägt ein rot-blaues Kleid. Der Weg dorthin ist bekannt und einfach, wir grüßen unsere Nachbarn und ich treffe eine Person vom Markt, die ich letzte Woche beim Schneidern von meiner Leinenhose kennen lernte und realisiere nun, dass sie ganz nah bei uns wohnt. Wir reden kurz und sie deutet auf unseren Begleiter, den Freund von Paula, also ein Hund, und meint Angst vor ihm zu haben. Ich nähere mich dem uninteressierten Tier langsam, tue ängstlich und stupse ihm zaghaft auf die Backe und zucke zurück. Der Hund reagiert nicht. Er hatte den ganzen tag zuhause auf Paula gewartet, aber sie war am Morgen aufgebrochen und kam immer noch nicht zurück. Ihr kleiner Freund tut mir leid, aber scheinbar liebt er da jemanden mehr, als er zurück geliebt wird. Muss man durch. Er hat Paula geschwängert und ist eine wunderschöne Kreatur. Keine Ahnung wie unsere olle Paula sich so ein Kaliber angeln konnte. Ihr Fiancé ist in der Nachbarschaft hoch anerkannt und ich erinnere mich an einen Abend, als ich meine Vorgesetzte auf ihrem Weg nach Hause begleitete, wie es Teil der Kultur unter dem Aspekt der Gastfreundlichkeit ist, und als ein Rudel der nächtlich streunenden Hunde auf ihn gerannt kamen, um ihr Gebiet zu sichern, lief er jenen langsam entgegen und die vier Hunde blieben ruckartig stehen und rannten wieder in die andere Richtung. Wenn Paula an meiner Seite war, lief das ganze Spiel meistens so ab, dass sie quietschend und schreiend von den Tieren ihrer Art in die Richtung aus der sie kam getrieben wurde und sie kam nie an diesem Punkt vorbei und musste zuhause auf mich warten. Sie hat nun also einen Guten erwischt und dieser scheint kein zuhause zu haben. Er ist meistens bei uns, was eigentlich nicht gewollt ist, aber er ist zumindest ein richtiger Hund aus Tansania und verhält sich nach den Regeln, die Hund und Mensch untereinander ausmachten. Paula passt immer noch nicht in unser Schema eines Ortes wie dem des House of Hope. Sie wurde von Deutschen liebevoll erzogen und ist nun zutraulich, was den meisten Mamas große Angst bereitet. Sie zerreißt bei Nacht alles an Windeln was sie finden kann und lässt es überall zurück. Sie schläft an den Orten, an denen tagsüber Kinder sein sollen. Wir erinnern uns; Kleinkindern und Babies, frisch operiert. Der Ansatz meiner Vorgesetzten, ohne die Handlung schlecht zu reden, ist, dass Paula nun Tag und Nachts angekettet sein soll. Dass sie nicht zu Hause bleibt, ist kein Wunder. Mir wird die Aufgabe übertragen sie anketten zu müssen und mir geht es schlecht damit, weil dieser Hund meine Partnerin für viele schöne kleine Momente und größere Abenteuer war. Ich will ganz ehrlich mit dir sein. Hey Lea, vielleicht liest du das. Ich möchte Paula nicht in diesem Umstand lassen. Sie passt hier nicht hin und sie leidet. Sie bekommt nicht das richtige Essen und ich zahle ihre Impfungen nicht, geschweige denn das Fleisch vom Metzger. Ich habe folgendes in Gedanken und erzähle es dir einfach hier. Du meldest dich wie du vorgehen möchtest und was dir dieses Tier bedeutet. Ich reise nächsten Monat wie ich es schon zuvor getan hatte. Der Ansatz dieses Mal ist allerdings nicht die Distanz, sondern die Kultur der Sukuma und ich werde mich nur zu Fuß durch unsere Gegend bewegen, mit Rucksack und Zelt. Das Paula da mitkommt, ist keine Frage. Gemeinsame Reisen kennen wir schon und ich bin sehr gespannt darauf. Ich werde sie allerdings aussetzen. Nichts irgendwo und definitiv nicht zum Tode verurteilt, sondern an einem Ort, an dem sie ein besseres Leben finden kann und von welchem aus sie nicht wieder nach Hause kehren könnte. Das tut mir vermutlich noch viel mehr im Herzen weh als dir, aber mit ihr so zu leben und zu wissen, dass ich sie in diesem Umstand zurück ließe, wäre grade schwer vorstellbar. Ich möchte uns dieses letzte Erlebnis schenken und ihr dann die Chance auf etwas Eigenes gewähren. Wie stehst du dazu? - Abgeschweift

Wir kamen bei der Kirche an und fragten Menschen, die an der Straße saßen, ob man zu den Steinen gelangen kann. Diese deuteten uns den Weg links um die Kirche und meinten, ich müsse barfuß aufpassen, weil es eine Menge Dornen gäbe. Das würde ich erst auf dem Rückweg, zum schlechtesten Zeitpunkt zu spüren bekommen. Erstmal erklommen wir den Hügel und standen dann oben vor dem riesigen, natürlichen Steinhaufen, welcher so wirkt, als hätten die Hände eines Riesens sie so gestapelt. Lange musste meine begrenzte Fähigkeit mir die Welt zu erklären, mit diesen Steinformationen und ihrer Erscheinung kämpfen. Inzwischen ist mir etwas klarer, was geschehen ist. Loana meint, dass sie allein auf den ersten Stein schon nicht käme und ich lege meinen Poncho ab, versuche den ersten und gebe ihr Recht, dass diese Aktion wohl keine gemeinsame wird. Ich sage, mich zu beeilen. Ich stehe also auf der ersten 1.80 Meter Anhöhe und habe die Giganten des Haufens vor mir. Sie lehnen aneinander und bilden eine kleine Brücke und einen Durchgang in der Mitte. Ich denke an Schlangen und erzähle Loana, die mir zuschaut, von allem was ich aus der Position neu entdecke. Es ist schwieriger als gedacht und von der Vorderseite aus, sehe ich keine Möglichkeit an die Spitze zu kommen, also muss ich durch den Tunnel hindurch. Ich hindurch sehen und mache mir nur Sorgen um die große Lücke, die ich überqueren muss. Ich gucke jede einzelne Ritze nach Schlangen ab, denn laut Mamas, aber auch laut unseren Ärzten sind Schlangenbisse hoch giftig und innerhalb von einer halben Stunde zu behandeln. Sonst ist das Gegengift zu spät und man wird Teil der Weltgeschichte. Nur ohne etwas Glorreiches daran. Ich mache den Sprung und lande auf der anderen Seite des Tunnels, von welcher aus sich eine hübsche Aussicht in die Nachbarschaft öffnet. Links von mir sprießt ein kleiner Baum aus einer Steinlücke und vor mir liegt das Land, welches nun zum Ende der Regenzeit wieder Tag zu Tag trockener wird. Ich gucke mich um und grusel mich vor dem nächsten Schritt. Ich stehe auf dem Höhepunkt des Steines und links geht es mit einer Schräge tief hinab in die Lücke, die ich übersprang, und rechts war einfach nur ein Abgrund in dem Grün wuchs und mir die Sicht versperrte. Ich stand also am höchsten Punkt und vor mir war es wieder ein schulterhoher Stein mit kaum einem Ansatz die Finger krallen zu lassen, wie ich es im Bouldern gelernt hatte. Meine Füße hatten nur eine grade Fläche. Ich war mir sicher, dass zu schaffen, aber war mir sehr über die Gefahr des Abstiegs bewusst. Ich bekam Herzschlagen und realisierte aus welcher Höhe ich abrutschen müsste, hoffentlich langsam, um auf diesem Punkt zu landen. Ich wusste nicht, ob ich es bis zur Spitze schaffen würde, aber dieses Hindernis war der Knackpunkt. Wenn das geschafft war, sah es möglich aus. Und ich sprang mit meinen Fingern an einem winzigen Vorsprung, setzte einen Fuß an die Wand und lehnte meine Schultern schnell über meine ziehenden Hände und nahm den nächsten Barfuß, um die Oberseite des Steins als Stützpunkt zu erreichen. Ich war drauf. Ein kurzer Ruf zu Loana und sie meint besorgt: ‘Bitte pass auf dich auf, Lennart!’ Vom Adrenalin wieder wach und aufgeregt, kletterte ich den Rücken des schmalen nächsten Steins empor und war dann an der letzten Etappe zum absolut höchsten Plateau. Ich sah es sofort. Ab hier ging es nicht weiter. Es war die selbe Höhe wie zuvor, aber diesmal müsste ich mit Anlauf an den Stein springen und mich dann aus dem Nichts hoch ziehen, ohne vorher auf nur getastet zu haben. Dieser Weg zurück wäre nicht möglich gewesen ohne in großer Lebensgefahr zu schweben. Ein leichter Wind drückte sachte an meiner haut, aber fühlte sich in meiner Situation bereits nach Gefahr an. Also ließ ich es ohne lang nachzudenken sein und kehrte frohlockend rufend zurück und berichtet Loana, dass die Spitze keine Option wäre. 

Ich saß nun auf der Oberseite des Steines, von welchem ich herunter rutschen musste, um auf der kleinen Fläche des ebenen Höhepunkts des Steins von zuvor zu landen. Ich sah beide Abgründe und wusste in welcher Gefahr ich war. In zehn Minuten wäre es noch dreimal dunkler, denn sie Sonne war schon weg, als wir zuhause aufbrachen. Ich hatte Angst und es war lange her, dass ich dieses Gefühl verspürte. Ich begann das eine Gebet aufzusagen, welches mir geläufig war:
Lord, make me an instrument of your peace. Where there is hatred, let me sow love. Where there is injury, pardon! Where there is discord, harmony. Where there is error, trutz. Where there is darkness, let me bring Your light and where there is sadness, joy! Oh divine master. Grand that I may not so much seek to be consoled as to console. To be understood as to understand. To be loved as to love. For it is in giving that we receive, it is in pardoning that we are pardoned and it is in dying that we are born to eternal life. 

Dann stieß ich mich ab, rutschte kurz, streckte meine Beine dem Boden entgegen und kam mit dem linken Fuß auf. Es war eine Millisekunde der Ewigkeit und ich spürte den Schmerz des Knöchels, der nicht sauber den Boden berührt hatte. Kurz danach war es meine rechte Fußsohle, meine Knie die einsackten, die weit gebreiteten Arme die auskurierten und der Oberkörper der vorne über klappte und in der Hocke zum stoppen kam. Ich war gelandet, hatte kleine Schmerzen und einen hohen Puls. Die Angst ließ meine Finger ein wenig zittern und die Knie hätten gerne eine Pause. Der letzte Sprung war leichter als in die andere Richtung, aber ich blieb im Strauch mit Dornen hängen, den ich vorhin noch sop geschickt umgangen war. Der Stein am Anfang war kein Problem und ich stand wieder am Boden und war sehr glücklich. Loana und unser Hund saßen da und ich sackte zitternd neben ihr auf den Boden und gab ihr eine Umarmung. Ich war froh, aber aufgelöst über meine eigene Dummheit. Mut konnte ich mir keinen eingestehen. 

Ich erzähle von Norwegen, als ich auf den Pulpit Rock in den Preikestolen stieg, dort meine lebensverändernden buddhistischen Mönche traf und eine Nacht im starken Wind nur wenige Meter neben der vierhundert Meter hohen Klippe hinunter zum Fjord schlief. Als ich am nächsten Morgen alleine an einem anderen Märzmorgen dort erwachte, machte ich mich auf den Weg hinab, aber ohne den Pfad zu nehmen, auf dem ich kam. Stattdessen war ich mir sicher, man könnte seinen eigenen Weg finden, um von einem Berg hinab zu steigen. Ich hatte 27 Kilo auf dem Rücken und dicke Winterklamotten an. An der Steilwand, an welcher ich wenig später zuerst meinen Rucksack an einem blauen Zurrgurt abließ, bevor ich fünf Meter selbst kletterte und dabei meterlange Eiszapfen abbrach, weil sie mir einen Weg versperrten, merkte ich in Lebensgefahr zu sein und nicht zu wissen, auf was ich mich eingelassen hatte. Eine Situation ohne jegliche Sicherheit, außer die eigene körperliche Fähigkeit.
Meine näherste Erfahrung mit Todesangst war jene Nacht in Tansania, also ich außerhalb von Moshi in der Kilimanjaro Region mein Zelt in einem ausgetrockneten Flussbett aufstellte und dort alleine, fern von allem Menschenleben zeltete. Ich höre das Knurren der Kehle um drei Uhr nachts immer noch in meinem Ohr. Ich sah  nichts, kein Mond, das dunkle Flussbett, ein großes Tier neben mir das ein Brodeln des Bauches. Es hatte mich gerochen und ich wusste wo mein Messer in der Bauchtasche links von mir lag. Ich griff es ohne den Kopf bewegen zu können und konnte an nichts denken, außer dass mein Leben nun mit dem Kampf einer tansanischen Kreatur zu Ende gehen würde. Ich richtete mich mit einem Mal zum sitzen auf und griff meinen Wanderstock ohne zu wissen was mir jener helfen könnte. Ich guckte in die Richtung des knurrenden Wesens und starrte in absolute Schwärze. Ich wunderte mich, ob die dünne Zeltwand, das Netz, eine Art Schutz oder Vorteil bieten würde, wenn ich frontal angegriffen werde und überlegte, wie ich das Messer benutzen könnte, um den Tierkörper vielleicht besiegen zu können. Was mich selbst überraschte waren die Geräusche, die in aller höchster Lebensangst begannen aus meiner Kehle zu steigen. Ich wurde selbst zum Tier und versuchte mit Geräuschen mein Leben zu retten. 

Solche Aktionen haben nur Überheblichkeit, Naivität und Leichtsinn an sich. Ob Bergsteigen ohne Route oder ungeschütztes Zelten. Über Norwegen kannst du Hier lesen und das Tansania Journal fängt mit dem Federfallen an. Ich erzähle Loana von einer gängigen Illusion vieler Männer, dass sie tatsächlich annehmen, besonders und dadurch entweder unsterblich oder sicherer zu sein, als jede andere Person. Es scheint für mich ein großer Grund dafür zu sein, dass junge Männer in den Krieg ziehen konnten, weil viele dachten, sie wären die Einen, die Hauptcharaktere und die Helden des Krieges, die von Kugeln nicht getroffen werden könnten und denen keine Gliedmaßen von Granatsplittern abgerissen werden könnten. Man lebt in seiner eigenen Geschichte und … ach was soll’s. Loana fragt, ob wir wegen der Dunkelheit nach Hause können. Ich mache die Taschenlampe an und mache die ersten Schritte auf dem Boden, der immer noch Steine in sich hat, aber eben auch viel Erde. Auf dem Weg nach oben hatte ich Mauselöcher gesehen. Mir war auf einmal unheimlich, aber der Gedanke verlor sich, denn ich trat auf einen Stein und unter meinen Füßen waren zwei feine Zweige voll gepackt mit Dornen. Es schmerzte in beiden Hacken gleichzeitig und ich lehnte mich Luft einziehend zum Boden, um das bekannte Übel zu entfernen. Mein kopf war nahe am Boden. Und auf einmal lauschte ich. Es kam von links.

‘Loana! Hörst du?’ - ‘Was?!’ - ‘Hör! Das Rascheln links.’ - ‘Was ist das?’ - ‘…Das ist … Lauf!!!…’ - Wir rannten im Halbdunkeln den Hang voller Steine hinab. Einmal mussten wir anhalten und uns orientieren, als genau neben uns wieder diese Mischung aus Zischen und Rascheln beginnt, aus einer erdigen Stelle mit einzelnen Pfanzenbüscheln zu dringen. Wir waren beide sehr nahe und wer weiß wie bereit das Wesen neben uns zum Angriff war. Wir wollten es nicht wissen und ich wiederhole wieder und wieder zu Loana ‘Nur laufen!’ und versuche dabei ruhig zu klingen. Wir wissen beide was abgeht und erreichen die hintere Kirchenwand und hüpfen mit dem Wunsch fliegen zu können von Stein zu Stein, weil in jedem Schlupfloch am Boden schien eine große Gefahr zu lauern. Wir wussten ziemlich genau was auf dem Spiel stand…

20.05.2026 - Erlebnisdichtung und Tagebuch