A. Das neue Altbekannte
Joa, das lief… etwas zäh, aber schlussendlich sind wir ja da. Das Jahr verflog wie Jahre nun mal verfliegen, aber von Erinnerungen und dem inneren Wachstum fühle ich mich wohlig satt. Lange werde ich hiervon noch wären können. Wer dieses ganze Jahr der freiwilligen Arbeit und der achtwöchigen Barfußreise ohne Geld über 3.000 Kilometer verpasst hatte, wird gut daran tun auf der Seite Pilgrim’s Journey nach unten zu scrollen und die verlinkten Artikel Tansania’s von Beginn ab zu entdecken (09.2025 - 08.2026). Ich landete am 31.08.2026 in Berlin. In den ersten zwei Tagen lebte ich bei meiner absolut bewundernswerten Tante und ihrer kleinen Detailwelt einer Berliner Wohnung voller Stoffe, Bilder, afrikanischem Kulturgut und Glaskunst. Mit solch einem besonderen Menschen an diesem ausstellungswürdigem Ort plus vielen Innenstadtspaziergängen und bestem, veganen und zuckerfreien Essen ist die Welt doch eine ganz herrliche. Oder zumindest ist dieser ein Umstand, in welchem die Informationen, durch welche man stückweise wieder wach zur heimischen Realität wird einer, welchen man vielen nur wünschen kann, um besser mit dem Geschehen klar zu kommen. Glück gehabt - wie immer… Berlin ist kalt und meine nackten Füße sind der Grund dafür, dass zumindest nur sie kalt empfinden und der restliche Körper herzlich komfortabel bleibt. Die Hauptstadt ist laut Pass vielleicht mein Geburtsort, aber Ahnung vom Geschehen geschweige denn der wichtigsten Routen durch die Steinwüste habe ich so viel, wie eine Straßenbahn auf Schienen keine Orientierung hätte. Ich lief gestern morgen mit meiner fitten Tante los, hatte das sackartige Gebilde ‘Reiserucksack’ für jene kommende Deutschlandtour bis Anfang Oktober entworfen und wurde dann auf eigener Faust in Richtung Pankow entlassen. Der Rucksack ist echt doof. Also toller Preis und schön, dass er nicht ganz zerfällt, aber die Nähte über welche ich mal witzelte, sind inzwischen an allen möglichen Stellen entzweit und per Hand nachgenäht. Die ganzen Strippen und Gurte sind allerhand nicht mehr verstellbar, sondern geknotet nachdem sie gerissen waren. Und dieser Tragegurt an den Schultern… ahhh. Bin zwar jung, aber schmerzfrei, barfuß ist da nichts zu holen. Dieser erste Tag des geldlosen Umherschlenderns war noch ein herzlich unspektakulärer, denn Proviant war zu meiner Rückens Ungunst inkludiert und damit war herzlich wenig soziale Herausforderung benötigt. Ich fragte allerdings ein paar Menschlein auf dem Weg nach Orientierung und reiste statt mit Karte nur mit Kompass und dem Erst-Etappen-Zielort namens Oranienburg näher zu kommen. Nord Nord, bisschen West, wieder Nord. Ich glaube dort in Oranienburg müsste meine Mutter geboren worden sein. Ja, genau! Wir als Familie haben uns mal ordentlich bewegt. Meiner Art Deutsch zu sprechen würde man es bestimmt niemals anerkennen, aber trotz der langen Lebenszeit im tiefen Dschungel des Schwabenländles bin ich ja gar nicht von da. Komme aus Potsdam Mittelmarkt… und laufe zum jährlichen Brandenburger Familientreffen, um mich im Volleyball gegen Jung und Alt meiner gesammelten Verwandtschaft zu versuchen. Ich schreibe von Tag zwei aus und meine Gastgeberinnen sind grade zurückgekommen. Ich mach mal in einer Sekunde weiter.
So, ich sitze also auf einer kleinen Bank, die war grade noch nass, neben einem Hauseingang unter einem scheinbar rußigen Hartplastikdach. Nett hier. Vor mir ein triefend roter Ziegelsteinbau mit hübschen dunklen Holztüren. Aber hier hergekommen bin ich auch nur über dreißig Kilometer Dahingelaufe von Kreuzberg aus. Gestern war die erste Hälfte das trockene Entkommen aus der großen Stadt und dann das Abdriften in hübsche Pankower Friedhöfe und die Waldwelten um jene herum. Einen schönen Weltacker habe ich besuchen können und an einer Pferdekoppel bog ich ab, entzog mich der 96er auf längeres und stromerte über Feldwege an Yacks und Pferden vorbei. Kleine orange Mirabellen oder etwas ähnliches waren der Nachtisch zu zwei gefundenen Äpfeln, dem Kanten Brot von Sylvie und dem schönen Salat mit Tofu und Kartoffel drin. Man könnte sich über den Tagesverlauf beschweren, müsste sich dafür aber ordentlich was ausdenken. Die Gegend hinter Pankow war unglaublich schön. Der Regen war eine nette Abwechslung die dank Baumschatten trocken überlebt wurde. Jemand stellte sich zu mir dazu, ein älterer Herr und wir sprachen ein wenig. Ich glaube sein ultimatives Urteil darüber ob er mich mögen oder meiden würde, wäre gefallen, wenn ich für meinen spaßigen Lebensstil Bürgergeld empfangen würde. Da das nicht der Fall ist, fokussierte sich der politisch vermutlich absolut Neutrale auf die vorbeigehende Person des islamischen Glaubens und meint trocken, dass die Frauen schöner ohne Kopftuch wären. Tja, und so steht man dann gefangen im Regen unter dem selben Baum. Inzwischen in Brandenburg angekommen. Ich trug die baumelnde Superkamera meiner tansanischen Mitfreiwilligen am Bauch und war auf der Langzeitmission ihr diese atemberaubende Fotokamera unversehrt zurück zu bringen. Derweil brannte ich die Umwelt, das Sumpfland, die regennasse Heide im Sonnenlicht funkelnd, Blumen und Waldwege plus Waldhäuser und Altbauten allesamt in die Erinnerung meinen zeitgenössischen Fotografieapparat ein. Ich liebe dieses Ding und könnte es mir doch niemals selbst leisten. Statt sich das Ding zu leisten, wurde es mir dem Glücklichen einfach ausgeliehen und anvertraut. Der Sumpf und die ewige Stegbrücke durch jene hindurch waren wirklich wunderhübsch. Als ich das anschliessende Waldstück passierte, realisierte ich während dieser heutigen Abendsonne in einem wirklich sehr reichen Ort gelandet zu sein und mein Menschsein ist eben an Tag eins noch nicht warm genug, an Türen zu klingeln, meine Situation vorzustellen und nach einem Klogang oder einer Übernachtung im Hintergarten zu fragen. Diese ist bei der Zusage des Grundstückseigentümers* nämlich legal. Mehr brauche ich ja auch nicht. Was geschah ist jenes: ein großes Auto rollt neben mir an und mir wird freudig zugerufen wie cool ich in meinem Outfit bestehend aus selbst gemachter Flickenhose aus tansanischem Stoff, lilaschwarzem kanadischen Pullover und mexikanischem Poncho barfuß aussehe. Der junge Mann hatte leuchtendes Haar in natürlichem, sehr hellen Bernsteinfarbton und dazu klare, strahlende blaue Augen. Ohne die ganze an mir hängende Aufmachung war er also nur durch diesen Umstand schon mal mindestens so cool, wie ich es mir nur erhoffen könnte. Er wollte auf kurz alles wissen und war so freudig und offen und einladend, dass ich mich in seinem Auto wiederfand. Auf kurz: erlebt hier ein paar Tage später, ist Fotograf, aber grade unterhalb seines Potenzials in der Nähe beschäftigt und sucht das Abenteuer oder auf jeden Fall einen neuen spannenden Ort in der Welt zum Dasein. Wie cool… er ruft seine nichts ahnende Freundin an und erklärt kurz, dass er einen Dude auf der Straße gefunden hat und jener nun die Nacht bei ihnen schlafen wird. Denkbar verwirrt sein digitales Gegenüber, aber wir schmelzen in den ersten Augenblicken des Kennenlernens. Ein unwahrscheinlich netter Abend, bei welchem unter Kraut Lebensgeschichten, Ziele und Träume ausgetauscht wurden. Sie leben in der Wohnung, welche er sich zurück gekauft hatte, nachdem er in ihr aufwuchs. Süß und nett und toll. Ich bekomme ein paar Cherry-Tomaten, Wasser und ne geteilte Demenztröte, werde dann nach langen netten Momenten mit den beiden Frühaufstehern zum Garten geführt und beginne meinen eigenen Abend aus einer Stunde QiGong, der Skriptausarbeitung, welche ja seit ein paar Wochen immer fällig werden für die donnerstäglichen Countdown-Kurzfilm. Da werden in dem grasgrünen Zustand zum Teil Aussagen getätigt, die sonst noch nicht in die Öffentlichkeitsarbeit einfließen würden. Sehr, sehr schön… geschlafen habe ich aus Angst vor der Polizei nur im der Zelthülle ohne sie aufzubauen. Die Nachbarn hätten keinen Grund gehabt, mich in Schwierigkeiten zu bringen, aber es muss schon merkwürdig sein, einen Lennart im Nachbargrundstück zu sehen, während er einer urchinesischen Bewegungskunst nachgeht und sich da auf dem Boden vor der Terrassentür einer leerstehenden Wohnung einrichtet. Das Rumfuchteln wurde ich mit Interesse von den Nebenanwohnern beäugt, die in der tiefen Abendstunde wohl dachten unsichtbar zu sein. Auch nett… geschlafen habe ich auf meinen letzten paar Zentimetern Brot und in alle Tücher und Ponchos und Pullover gehüllt, die mir zur Verfügung standen. Überraschender Weise ist hier einfach schlimm kalt… früh morgens wollte ich wach sein, um mit dem Schreiben beginnen zu können. Ich wachte ungewollt vor dem Wecker auf, erklärte meine Nacht als beendet, aber im gleichen Maße stufte ich das erdachte Unterfangen des Schreibens am Laptop als nahezu unmöglich ein, weil meine Finger unbrauchbar kalt waren und es anfing zu nieseln, auch an den Ort unter dem klitzekleinen Terrassenvordach. Ich begann meine morgendliche Reise und nahm erst die eine Straße und wurde später von einer Nachbarin darauf aufmerksam gemacht, dass ich grade eher in die südliche Richtung spaziere. Ich müsste langsam mal aufs Klo, aber in Deutschland an privaten Haustüren zu klingeln ist Neuland und mir selbst würde es auch die eine oder andere Unwohlgefühl beschweren ein Charakterkonstrukt wie meinen barfuß in die schöne Wohnung zu lassen, um im Badezimmer ein Ei zu legen… ich dachte viel nach und starrte verlegen auf diverse Klingelknöppe und der finale Gedanke lautet so: meine Ansprache an einer Tür, würde ich nach Diversem fragen, wäre circa so etwas - ‘Einen schönen guten Morgen! Verzeihen sie die Störung. Wenn es ihnen grade nichts ausmacht, würde ich kurz mit ihnen sprechen wollen. Mein Name ist Lennart und ich laufe hier grade vorbei auf dem Weg nach Oranienburg. Wenn sie sich damit wohl fühlen, könnten sie mir sehr helfen, indem sie mich auf ihre Toilette lassen. Ich weiß, dass das keine normale Sache und definitiv kein Normalfall ist, aber ich bin mittellos unterwegs, brauche sonst allerdings nichts. Ich bin eigentlich ein ganz Netter…’ What the fuck?? So eine Ansprache wäre wirklich Deutschland aufs Übelste… das Geschriebene sollte an manchen Stellen durch die Lautsprechanlage funktionieren, andere wären die In-Person-Situation, vor welcher mir noch mehr graute. Leute, ich mach das hier auch zum ersten Mal in Deutschland und eigene Landsleute sind immer ne ganz andere Sache. Deutsche in Tansania anzusprechen, war für mich weitaus härter als 19 Tage zu fasten oder von Spanien nach Deutschland zu wandern. Deutsch ist einfach Deutsch und irgendwie muss man da einen Weg finden. Den Leuten steckt ein Stock im Arsch und mir scheinbar der größte und längste, wenn man sich anguckt, was meine Idee für eine sympathische Kurzansprache an einer Haustür wäre, um im Haus eines Fremden zu kacken. Zum Glück kam es nicht so weit. Der Darm kann zurückhalten und abwarten, wenn der Kopf die Situation begreift. Ich ging weiter nach links und wollte die nächsten drei Ortschaften hinter mir lassen, um dann in Oranienburg anzukommen. Soweit kommt es nicht. Auf dem perfekten Fahrradweg parallel an der 96a entlang komme ich an Feldern und mehr Pferden vorbei, pflücke zwei winzige Äpfel die einfach nur Ekel sind und kaue dann spaßlos an einem der wenigen mir bekannten Kräutern, von welchen man nicht drauf geht. Die letzten Tage während den Bergwanderungen auf Korsika, also wenige Stunden bevor mein Geld gänzlich ausgehen würde und ich neben meinem neuen besten Gefährten dem Pariser aufwachen sollte und mein Leben ohne Geld beginnt, aß ich endlos Spitzwegerich vom Wegrand. Dem Halmkraut bin ich dementsprechend verbunden und ignoriere gerne den anfänglich bitteren Geschmack, welcher einen immer auf die Idee ‘Hundeurin’ bringt. Ich komme im nächsten Kuhdorf an, aber nur knapp. Der Regen hatte wieder eingesetzt. Kurz stand ich unter einer großen Baumart… und kam dann schnellen Schrittes durch ein geöffnetes Tor und sitze seither hier drunter. Geklingelt hatte ich, es war morgens um elf, aber es war niemand da und somit blieb ich eine Weile. Die nächsten beiden waren mir unwahrscheinlich liebe Personen. Vom Arzt kommen Mama und Paula mit Knieschmerzen des Teenagers und nett ist untertrieben. Ich wurde herzlich eingeladen hier zu sitzen, ein Campingstuhl wurde mir gebracht und Paul ging, um mir drei eigene Hühnereier perfekt gelbweich zu kochen. Mama hatte vieles mit mir zu erzählen und ihre Einsichten in die Kunst der Pädagogik beeindruckten mich. Sie brachte mir später eine Art Zahnbürste mit welcher sie lebte, die ein simpler Stock ist, welchen man abkaut und dann laut ihr für unglaublich lange Zeiten die Fasern der Pflanze zum Putzen hätte. Phänomenal! Das hatte ich in Tansania zwar nicht entdeckt, aber meine Ausrüstung wurde grade um 70% authentischer. Wie cool! Wir saßen und sprachen zu Teilen über das ‘Böse Erwachen’ zum Weltenumstand, zu Arbeitsmechanismen in der Gesellschaft, zu Wegen wie Schulsysteme uns regelkonform machen und ihre nichtdenkenden, nicht wiederstrebenden Arbeiterarmeen ausbilden und durch daas Medium erzählen, was wir zu denken hätten und mit was es sich fügt Ablenkung zu finden. Alles in diese Richtung. Mein größtes Interessengebiet. Ich erzähle ihr frei von meiner Art des geldlosen Lebens und wo es mich bisher durch freiwillige Arbeit in der Welt hinverschlagen hatte. Von meinem Aufwachsen ohne Smartphone bis zum 18. Lebensjahr und dem Effekt der Isolation, aber auch der Jugend voller ungestörter, ununterbrochener Gedankenkomplexe und dem sportlichen Ausgleich. Wir diskutieren über den Umstand, welchen es bedürfte um gesund und schlussendlich wissbegierig zu unserer modernen Epoche als Ganzem bewusst zu werden und sie erzählt offen über die Härten, durch welche sie mental hindurch musste, um damit klar zu kommen und wie ihr der Nachbar durch stundenlange, nicht grade staatskonforme Unterhaltungen aus dem Schlamassel helfen konnte. Dann fahren sie einkaufen. Ich ergötze mich an den drei warmen Eiern, stecke den Apfel und die zwei geschenkten Bananen in die Ponchotaschen, hole meinen Laptop heraus und schreibe bis jetzt. Kurzzeitig kam noch ein Nachbar nach hause. Der Erzieher aus der Kita in der Gegend. Er lud mich zu sich ein, erzählte von seinen Anfängen in einer Punk-Band und genießt jemanden wie mich zu sehen, nachdem er äußerte, dass die jungen Leute heute alle gleich aussehen würden und dieser Mainstream alle Besonderheit und jedes Gegenstreben verzehren würde. Sehr korrekter Mann und ein wunderschönes Bad hatte er. Wow, ehrlich toll! Der Geruch danach war sogar für mein verkümmertes Geruchsorgan vernehmbar und ich merkte immer noch, dass mein Bauch kaum auf die Speisen hier zuhause klar kam. Den Umstieg von ostafrikanischer Kost hatte ich konsequent und ohne Rücksicht durchgezogen und litt nun an Gestank und fehlender Konsistenz. Ja, genau so war das. Nun hoffe ich über einen ganz komischen Umweg dorthin zu gelangen, wo mir das Herz am höchsten schlüge. Am morgigen Treffpunkt meiner Familie. Eltern nach einem Jahr wiederzusehen ist eine schöne Sache. Und wenn Eltern die meinen sind, dann ist es sogar die allerschönste. Bis dahin!