B. Angekommen in Preu… ähh, Brandenburg!

B. Angekommen in Preu… ähh, Brandenburg!

Bin da… hat zwei weitere Tage gedauert, aber der Umweg war so seelisch beruhigend, dass er auch drei Tage hätte brauchen dürfen. Nun sitze ich im Nachbarort von Rheinsberg und habe den frühen Morgen mitgenommen, um mit meiner langvermissten Familienhündin Coco Mist zu bauen und nun noch vor dem gleich beginnenden Volleyballturnier meiner Verwandtschaft und aller Freunde einmal jährlich auszutragen. Ich sitze an einem weißen Tisch des Wohnzimmers, in welchem ich die Nacht verbracht hatte. Die Betten sind in dem Haus alle besetzt und die anderen Jahre hatte ich immer noch auf dem Sofa geschlafen, was durch das dazu drängeln von Hündin Coco auch nur schwer auszuhalten war. Diesmal lag ich mit ihr am Boden - also tatsächlich halb am Boden, weil sie sich zentriert auf meiner grünen Stoffunterlage der Maasai ausgebreitet hatte und ich einen physischen Bogen um sie herum spannte - das Wohnzimmer ist ganz hübsch, der Bücherschrank überragend und mir fielen schon unglaubliche Klassiker zu, die ich gestern Abend als erstes aus den Untiefen aussortierte - Tom Sawyer, Kleiner Mann was nun?, Studie in Scharlachrot (welches das erste Band der ganzen Sherlock Holmes Bücher ist und welches ich als pdf auf meinem Smartphone in Tansania vor nicht allzu langer Zeit intensivst als englisches Sprachstudium zu lesen begann), dann ein fiktiver Krimi, welcher mich mit Tibet im Titel fasste, allerdings geht es um eine Gruppe au 300 verschwundenen Wissenschaftlern auf der Welt und die bedrohlich ungute Nutzung eines entwickelten Supercomputers. Das letzte dicke Buch geht um Preußen ohne Legenden. Fand ich spannend… komme ja von hier und weiß nahezu nichts von der ehemaligen europäischen Großmacht, welche Friedrich und Otto hervorbrachte. Anscheinend war dieses Gebiet noch vor siebzehnhundert ein absolut verrufenes Raubritterparadies. Das muss unfassbar gewesen sein. Mist, wieder in der falschen Zeit geboren. Macht nix - wir machen eh unser eigenes Ding. So, nochmal zu diesem hochspannenden Ort an dem ich hier verweile. Ein viereckiger Plastikbottich gefüllt mit den Pflaumen aus Großeltern’s Garten erhebt sich hinter meinem Laptopbildschirm. Verdeckt genau hinter jenem steht auch mein Frühstück aus normalen Haferflocken mit etwas Kräutersalz und kalt Wasser. Das Körnerbrot hatte ich bereits genüsslich zwischen die Zähne gesetzt - als just in diesem Moment mein wochenendlicher Mitbewohner und wohl längst verbliebene Freund meines Vaters durch die Tür spaziert. Es handelt sich um den Mann, welcher mich mit seiner Frau zu sich zuhause aufnahm, als ich gestern durch großen, wunderbaren Zufall vor ihrer Haustür landete. Und das kam so.

Wir erinnern uns an den Regen, welchem ich da grade zu entgehen versuchte. An das Kuhdorf in den Anfängen Brandenburgs in welchem ich saß. An den Wunsch nach Oranienburg zu laufen und damit die Hälfte des Weges nach Rheinsberg geschafft zu haben. Da saß ich unter dem Vordach und las in einem klitzekleinen blauen Buch, welches verdeckt von einer Blumenvase dem verirrten Regen zu entgehen versuchte. Es war eine kleine Geschichte aus DDR Zeiten und sie handelte vom märchenhaften Storch. Ich las jene zuerst für eine halbe Stunde und lernte den jungen Hauptdarsteller kennen, ein Schuljunge, welcher durch einen Unfall im Forst ein steifes Bein davon trug und sich mit der Isolation eines nicht vollständig fähigem abzufinden hatte. Trübe stampfe er nach einem solchen Niederschlag in die Waldtiefen, welche sein zuhause waren, denn er und seine Mutter und zwei kleine nette Geschwisterchen lebten in einer sogenannten Kate nähe eines kleinen Sees. Das Wort Kate war mir bis grade entfallen, aber ich hatte dem erwachten Helfer, unserem Reini, zugesprochen und wollte umständlich anfangen zu beschreiben welches Wort ich bräuchte, beginne mit einer Aussage wie ‘Kennst du ein kleines Haus…’ und guckte dabei verloren aus dem Fenster in den Wald, welcher hier den See umrundet, und Reini meinte sofort ‘Meinste ne Kate?’ Tja… das hat geklappt. Wie dem auch sei. In dem kleinen blauen DDR Büchlein ging es um jenen Jungen. Traurig verbrachte er seinen Abend mit dem Verdauen des Geschehens, als er bei den Wahlen für das Völkerballspielen an der Schule als letztes noch da stand und die Teams bereits gleichmäßig aufgeteilt wurden. Tut weh. Und is relatable. Er ging nach Hause und konnte am Abend auch seiner Mutter davon berichten, die ihn streichelte. Das Buch erwähnte, dass sie das nicht oft machen würde. Später am selben Abend kommt eine ihnen sehr unbeliebte Nachbarin hektisch hereingestürmt und er lauscht aus seinem dunklen Zimmer im Bett liegend. Sie ist aufgelöst und unter Schock. Sie meint am See entlang gelaufen zu sein und in jenem auf dem Wasser liegenden Nebel tat sich die Gestalt eines Geistes heraus, welcher dann auf sie zukam. Der Junge ist voller Neugier, entdeckt den Ort und kommt hinter das Geheimnis eines im Winter verbliebenen Storches. Er hatte die Versammlungen um Spätherbst beobachtet, bei welcher zu jedem Tag neue Störche erschienen, bevor sie auf ein geheimes Zeichen hin aufbrachen, um in Afrika zu überwintern. So weit kam ich in dem Buch. Der Junge hatte vor jenen Storch vor der Kälte zu retten, denn auch er schien ein durch seine fehlende Gesundheit Zurückgelassener zu sein. Eine nette Geschichte. Geschrieben in kinderfreundlichen, kurzen Sätzen. Toll. Ja… 

Du erinnerst dich auch an die Mutter und die Tochter Paula, welche vom Arzt nach hause kamen, mich herzlich einluden dort zu sitzen und mir dann Hilfe durch Äpfel und Bananen und Taschentücher und richtig richtig coole Zahnbürsten in Stockform zukommen ließen. Ich putze seit langem meine Zähne mit Zeigefinger und Zahnpasta. Die Mama meint schon seit langem keine Zahnpasta mehr zu benutzen und diese zu zerkauenden Stöcker zu verwenden, welche dann am Bereich den man zerbeißt, wunderbare Borsten bildet, die resistent und langlebig sind. Das wohl authentischst afrikanische in meinem Gepäck kommt nun aus einem Kuhdorf in Brandenburg. Witzig… ich saß noch lange da. Irgendwann kam ja dann der untere Nachbar und lud mich ein auf einen Klogang und ein cooles Gespräch. Danach begann ich das Schreiben und nahm später die Audiospuren für meinen Countdown-Kurzfilm auf. Zu jener Zeit kamen vier Auszubildende in den letzten Tagen ihrer Krankenpfleger*-Ausbildung und brachten die eine Anwohnerin des Blocks nach Hause und saßen dann für eine Stunde um mich herum oder standen auf ihren hübschen neuen Sneakers. Super nette und unglaublich witzige Leute, die mich nett grüßten, fragten ob ich auf TikTok wäre, und dann ausgiebig über die Zeit der letzten Prüfung fabulierten. 

Boahhh… habe grade ne Frage zum Gendern an meine Mama gerichtet, die auch wach wurde und das hatte eine Unterhaltung angestoßen, in welche dann mein dazu kommender Vater und eben jener ältester Freund von ihm, Reini, richtig einstiegen. Der Ekelname Söder fällt und das Argument, dass er einen Kulturkampf betreibt mit Aussagen, wie das Gendern zu verbieten. Mama unterbindet eine Unterhaltung über Söder, weil es zu früh am Morgen ist. Es geht um Studien aus Schweden, in welchen untersucht wurde, warum die Frauenquote in manchen Arbeitszweigen so niedrig war und ist. Es geht in der Essenz darum, dass in Schulen Vorträge gehalten wurden und von Bäckern und Piloten und Polizisten erzählt wurde, immer nur das männliche Geschlecht angesprochen wurde und meine Mutter aus eigener Erfahrung bestätigen konnte, dass sie sich für manche Arbeiten nie als Frau ernannt fühlte, weil sie durch das fehlende Gendern echt dachte, es wäre Männern vorbehalten. Ach ja… ich persönlich finde diese Worte die mit -ende aufhören ganz cool. Studierende oder Bestattende statt Graue Herren, Arbeitslosende oder so… ach Mist. Naja, Gendern ist super, Deutsch ist ein bisschen unpraktisch und ältere Generationen brauchen noch ihre Einsichten und Bildung warum es einfach Gutes tut. Wäre doch so einfach…

Wie kam ich aber nun von Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern in ein Auto nach ganz woanders? Nun ja, das kam so. Nachdem mir die veganen Pommes in die Hand gedrückt wurden und ich diese eine Stunde mit den neuen Bekanntschaften ein wahrlich soziales Kino erleben durfte und auch herzlichst zu lachen hatte, kam Mama und Tochter Paula wieder raus und sie meinten, dass sie nun losfahren würden, um zuerst ihre vierzig Hühner und die paar Ziegen zu füttern und dann später zu ihrem Geburtstag feiernden Bruder fahren würde und dieser lebt in Falkensee. Falkensee?? Warte mal. Da kenne ich doch genau zwei Leute. Falkensee gehört zu Brandenburg, ist westlich von Berlin und die zwei Leute die ich dort kenne, sind die ältesten Freunde meiner Eltern und Teil des jährlichen Volleyballtreffens. Nicht nur das, sondern sie leben auch jedes Jahr aufs neue genau in unserem Haus, damit wir uns die Kosten teilen können. Gibt’s ja nicht. Ich gucke Mama Paula mit ganz großen Augen an. Nun muss ich nach Hilfe fragen und das ist nicht ohne. Eine Person zu fragen, ob sie einem helfen kann, egal wie passend oder praktisch oder bedeutungsvoll für dich, es ist und bleibt eine Herausforderung. Mein Pariser Gefährte und ich hatten das damals von Korsika bis nach Hause echt total herausgefunden. Die Fähigkeit Leute nett anzusprechen und nach Dingen zu fragen, die sie nicht machen müssen, aber mit welchen sie dir unglaublich helfen können - das brachte uns kurz nach Korsika und der Südfrankreichküste schon nach Monaco, und das für zwei Wochen. Diesmal, also heute, brachte es mich durch eine beschämte Anfrage, ob ich denn nicht nachher wenn sie vom Füttern zurück kämen mit nach Falkensee fahren könnte, in genau jenes Auto mit genau jenen Menschen zu genau jenem Ziel. Mama Paula meinte einfach Paula zu fragen und die gute junge Dame, welche grade eine Ausbildung zur Fitness Assistentin macht, war damit völlig einverstanden. Ein Engel. Ich wusste natürlich noch gar nicht, ob diese beiden Falkenseer Leute zuhause wären, geschweige denn bereit sind mich aufzunehmen, aber ich hatte ein großes Vertrauen in einen so schönen Zufall wie diesen. Eine halbe Stunde später waren sie wieder am Start und zeitgleich zu meinen neuen Bekanntschaften der Krankenpflege machen wir uns auf den Weg. Bis ich dann vor dem Rathaus in Falkensee rausgeschmissen wurde, fuhren wir durch diese endlosen Straßen, die mattgrau vom Regen in weichen Wellen und weiten Kurven durch das Brandenburger Waldmeer aus der Forstwirtschaft der Kiefern und den übrig gebliebenen Urwaldbaumarten wie Buche oder Eiche. Im Radio lief der Titel des wunderbaren Zusammenkommens zwischen Warwick, Mister Elton, Knight und Stevie - ‘That’s what friends are for’. Die beiden erzählen mir von ihrer Liebe zur Türkei, berichten von der Art des Reisens, wenn man sich eine Matratze hinten ins Auto rein legt und sich zu zweit für Wochen so umher kutschiert. Als wir an einer Brücke vorbei fahren, an welcher grade der neue Übergang in Arbeit war und das riesige blaue Gerüst der Stahlbrücke etwas abseits ebenfalls schon bereit lag, erzählen sie, wie bei diesem Projekt die Messungen inkorrekt abgehalten wurden und man nun eine Brücke fertig baute, die 15 Zentimeter zu kurz für ihre Fundamentsockel auf beiden Seiten wäre. Ich lerne von den beiden, dass das anscheinend ‘typisch Deutschland’ wäre. Mama Paula hatte mir übrigens noch zusätzlich zwei Tomaten gegeben, welchen von selbst gezogenen Tomatenpflanzen stammten. Der Meerrettich in meiner linken Hand wurde etwas unterschätzt. Dolles Ding. Naja, und sonst…? Was macht man? Man sitzt in einem Auto, realisiert, dass man nicht noch zwei Tage anstrengend laufen muss, sondern schon viel eher in den Komfort von Bekanntem ankommt. Man genießt die Landschaft die an einem vorbei zieht, versucht ab und zu Gespräche vom Zaun zu brechen und macht sich kleine Sorgen, ob man die unglaubliche Sony Alpha von Loana eigentlich eingepackt hatte oder ob die noch auf der Auffahrt im Kuhdorf liegt. Mir ging es auf jeden Fall gut. Meine Füße sind kaum kalt, am Handy kurz um die freudige Antwort von Manuela aus Falkensee zu lesen, dass sie sich schon auf mich freuen und heute Abend vietnamesisch essen gehen. Wenn ich es schaffe vor 18 Uhr da zu sein, dann wird das mein Abendessen. Ich komme an, bedanke mich herzlich bei Ramona und gebe Paula ne Fünf. Ach Paula… ich bete, dass es meiner tansanischen Super-Paula gut geht. Und ihren sechs Welpen. 

Ich gehe. Und dann ist man das erste Mal in Falkensee und dessen Innenstadt. Sonst war man immer nur mal sporadisch bei den Beiden zuhause zu Besuch, aber nun habe ich 40 Minuten Laufzeit vor mir, bei welcher ich nur immer zu Vincent von Don McLean pfeife und singe. Einmal nehme ich ein Foto der Aufschrift ‘Hass schadet der Seele’, aber ansonsten spaziere und gucke ich nur, grüße Leute wenn sie mich anschauen und noch etwas - ich versuche mein Erlebnis auf Swahili zu betiteln… schon lange muss ich mich schließlich mit der Frage auseinander setzen, wie ich meine in Tansania erlernte dritte Fremdsprache nicht wieder verliere. Der innere Monolog ist ein mächtiges Werkzeug, aber benötigt eben eine Präsenz, auf welche man nicht selbstverständlich zählen sollte. Meditation brachte mich jener in den letzten Jahren zwar immer näher, aber nur das Gedankengut zur Spracherhaltung zu nutzen ist selbst für mich nicht absehbar. Es wird für mich viele Gesichter tragen. Ich schreibe eines meiner Tagebücher auf Swahili und arbeite für jene Einträge weiterhin mit den zwei winzigen Wörterbüchern aus meiner Bauchtasche. Einmal Swahili-Englisch und einmal umgekehrt. Dann habe ich ein paar Leute, die ich am liebsten von nun an jeden Tag anrufen würde und auch das sollte Hilfe sein. Zusätzlich kommt mich eine meiner Deutschschülerinnen besuchen, nachdem ich ihr das nötige Einladungsschreiben ausarbeitete, mit meiner Mama eine Menge Bürokratie bekämpfte und nun jener Familie einen denkbaren Gefallen tue. Meiner eigenen Familie natürlich auch, wegen dem grandiosen dreimonatigen Kulturaustausch, aber mir selbst tue ich damit das selbstverständlich größte. Auf unsere Blessing freue ich mich ganz besonders. So, und jetzt zu guter letzt noch jener Aspekt, auf welchen ich am gespanntesten bin und welcher meine Sprachreise mit einem Dauerauftrag verseht. Ich werde dieses Format kleiner Kurzfilme eben auch in die Sprache Swahili übernehmen. Das hat viele Vorteile. Ich bereite Dokumentarisches für Menschen aus Ostafrika vor. Das setzt voraus, dass ich diesen Filter oder diese Brille, mit welcher ich grade beschenkt bin und welche mich besonders klar auf unseren Lebensumstand in der westlichen Welt leben, behalten kann und muss, um die Welt hier so ungefähr wie eine Person aus Tansania wahrzunehmen. Das Ausarbeiten der Skripte und das Sprechen ist natürlich einer der besten Sprachübungen, aber gleichzeitig bringen mich meine Publikationen auch in Kontakt mit dieser Swahili sprechenden Zielgruppe und in alle Richtungen wird mein Austausch in dieser Sprache mehr gebraucht. Ich war endlos begeistert, als sich in mir diese Idee auftat. Und ich sehe eine große Möglichkeit in ihr. Ich habe diverse Bildungsaufträge zu erfüllen. Zum ersten sind meine Einblicke in das Land und dessen Menschen und Kultur denkbar tief, wenn ich dann eben ohne Geld und zu Fuß durch die deutschen Unweiten stapfe. Genug werde ich schon über diesen Ort in unserer Welt lernen, aber mein größtes Interesse eines Studiumbereiches wird die Pädagogik bleiben. Oder konkreter - das Erziehen von Kindern ohne Gewaltanwendung. Es muss etwas unfassbares in unseren eigenen Historien geschehen sein. Denn ich weiß, dass die großen Geschwister meiner Eltern noch mit dicken geworfenen Schlüsselbünden gejagt wurden oder Stöcke auf ihren Finger zu spüren bekamen, die auf den Tisch gelegt werden mussten. Meine Eltern schon nicht mehr. Auch erzogen sie uns nun völlig gewaltfrei. Nie wurde Hand an mich gelegt und die Beziehungsgrundlage ist eine so unglaubliche, dass ich es jeder Person der Welt nur von tiefstem Herzen wünschen kann. An Schulen und Kindergärten werde ich also mit dem pädagogischen Personal in jene Wissenstiefen eintauchen, mein Selbststudium austragen und gleichzeitig eben dieses Konzept von Content austragen. Und wer weiß - vielleicht schaut sich das mal jemand in Ostafrika an und kann sich dann helfen dem eigenen Wunsch nach gewaltfreier Erziehung bei den eigenen Kindern besser nachzukommen. Es ist schließlich nicht das Schlechte im Menschen, sondern eine einfach zu füllende Bildungslücke. 

Auf den letzten Straßen vor dem Ankommen Pflücke ich einen Strauß Blumen vom Wegesrand. Die beiden nehmen mich herzlich auf und haben eine Menge fragen. Es wird für uns alle ein großes Geschenk, dass ich durch Zufall schon einen Tag früher da sein konnte. Zwei Jahre hatten wir uns nicht gesehen, weil ich während dem letzten Volleyballturnier bereits in Tansania war. Ich bekam Äpfel aus dem Garten, konnte mich dann duschen und kur darauf fuhren wir zum wohl wunderschönsten Restaurant einer Kleinstadt, das mir wohl jemals untergekommen ist. Ich aß Bandnudeln mit Tofu und Erdnusssoße plus eine kleine Portion violet eingefärbtem Reis und einen Ingwertee, bei welchem ich die Ingwerstreifen am Ende ebenfalls naschte. Wir fuhren noch an einem historischen Konstrukt eines Hauses vorbei, welches 1904 von einem reichen Märchenliebhaber aus Berlin erbaut wurde und dessen Fassade ausnahmslos mit dicker Eichenrinde bedeckt ist. Die kleinen Türmchen, das warme Licht aus den Fenstern in den dunklen Rindenwänden und das nette Empfangnehmen des Kochs, welcher meinte schon zugemacht zu haben, aber uns gerne trotzdem eine Tour zu geben. Inzwischen ist in diesem alten Haus ein unglaublich edles Restaurant. Man hatte alles in Stand gesetzt und saniert. Eingetreten ist man im Keller und läuft als Gast an der Küche vorbei, nimmt enge Holztreppen nach oben und landet dann in zwei wunderschönen Räumen mit lokaler, atemberaubender Kunst, die Blumen und Frauen unter schillerndem Licht als Objektive darstellt. Ein besonderes Gebäude und ein schöner Zusatz zu diesem Abend. Bald ging ich ins Wohnzimmer, um zu schlafen. Ich entschied mich gegen den dicken roten Teppich, welcher das Wohnzimmer erst so richtig gemütlich macht, wie der Dude sagen würde, und schlief stattdessen wie immer auf dem Boden. Hier helle Holzdielen. Eine gute Nacht.

Inzwischen bin ich wie zum Anfang erwähnt hier, Nähe Rheinsberg und mit dem Volleyballturnier in der Luft. Die beiden Süßen hatten uns dort hin gefahren, aber bevor es soweit war, nahm mich Manuela noch zu ihrem Volkshochschul-Yogakurs und stellte mich ihrer unendlich besonderen Lehrerin namens Solaya vor. Hier entdeckte ich eine spirituelle Größe, wie sie mir manchmal in Kanada während der Zeit auf dem anthroposophischen Camphill unterkam. Eine unfassbare Person, die man mit nichts mehr überraschen könnte, so sagte Manuela später, aber bei mir war so geplättet… solche Menschen geben mir immer wieder Hoffnung auf die noch zu entdeckenden Tiefen in jedem Menschen, über welche man sich selbst niemals im klaren sein könnte. Sie war noch zu DDR Zeiten durch eine geschickte Weise mit einem Fahrrad bis nach Afrika gefahren. Eigentlich wollte sie genau wie ich nach China, aber irgendetwas scheint dazwischen gekommen zu sein. Gerne wäre ich geblieben. Gerne gehe ich weiter, weil es nun hieß an den Ort zu fahren, an welchem ich zu Abend meine Familie nach einem Jahr Wiedertreffen sollte - und so kam es auch. Unsere Hündin Coco war dabei und alles ging so schnell. Kaum hatte man sich gesehen, war es wieder völlige Normalität. Nichts schlechtes an jenem, aber ich dachte doch nach so viel durchgemachten Emotionen der Ferne ganz anders auf das Wiedersehen zu reagieren. Als ich aus Kanada kam und den Mädels damals in die Arme fiel, hatte ich emotional auf jeden Fall etwas anderes durchgemacht. Vielleicht war ich erwachsener geworden. Oder klarer im Kopf statt emotionaler. Ich genoß die Zeit unglaublich. Bevor sie angekommen waren, bin ich schon an dem wunderschönen See entlang getapst, habe den Micro- und Makrokosmos des Wegesrandes fotografiert und bin schlussendlich an der Badestelle gelandet. Der See entfaltet sich vor einem und geht links hinten um die Kurve. Der dichte Wald wächst an allen Seiten bis an das Ufer und nur vor mir stand eine alte hölzerne Bank und der winzige Strand. Ein Mann mit Haaren meiner Länge, aber strahlend weiß, kam an den Strand, zog sich aus bis auf die graue Regenjacke und stakste dann durch das Wasser genau so, dass seine Kleindung nicht nass wurde. Den Ausblick zu genüge genießend und von jener Erscheinung inspiriert, hatte ich mich gleichermaßen entkleidet und ging meine Runde schwimmen. Das Seewasser ist klar, vom Wind in kleine Schwingungen versetzt und ich sehe die hinterste Stelle des Sees, an welchem ein Kindheitshorror von mir lauert. Die damalige Angst meine ich nun nach Jahren gut überwunden zu haben…

Später spazierte ich noch durch das restliche Gebiet und genoß die Zeit barfuß in Wäldern auf den schmalen Pfaden von allerlei Wild durch vereinzelte Spinnweben und über den dicken Teppich aus Moos. Bei meinen beiden Freunden im Ferienhäuschen setzte ich mich zu ihnen an den Tisch, durchstöberte kurz danach den Bücherschrank in welchem ich ein Geschichtsbuch über Preußen entdeckte, zwei Erzählungen von Sherlock Holmes, allerdings auf Deutsch und der übersetzte Schreibstil gefiel mir sehr. Dann noch ‘Kleiner Mann was nun’, welches in dem Buchvolumen aber keines Falls mit der Edition übereinstimmte, die ich vor ein paar Jahren geschenkt bekommen hatte. Und ein Buch mit Tibet im Titel… war aber ein Reinfall. 

Als es langsam dunkel wurde, fuhr meine Familie auf den Parkplatz und mitsamt dem Hund stiegen sie aus. Hier beginnt mein Wochenende mit Familie, Freunden und einer Menge Volleyball. Dieses Erlebnis gehört mir. Ich hoffe du siehst es mir nach.