Das Loch im Zaun und korsische Totenruhe
Die Sonne bestrahlte unseren Himmel bereits, als ich neben dem durchlöcherten Baumstamm aus hellen Holz hier am Strand, fündig Meter neben dem weiß-grünen Leuchtturm aufwachte, der fröhlich durch die Nacht hindurch das weite Meer in der großen Bucht der Stadt Proprioano beschien. Auf meiner silber funkelnden Isolationsmatte lagen wieder kleine Häufchen hellgelbe Sandkörner und meine rechte Schulter tat wieder etwas weh vom harten Boden. Sandboden wird, wie schon gesagt, eine ganz normale steinharte Unterlage, wenn sie von einer Matte grade gedrückt wird. Ich glaube das wissen wir alle aus Sommerurlauben, aber man verdrängt es dann immer, weil man ja einen Umstand um sich hat, der schön genug ist, um in seinen negativen Teilaspekten vergessen zu werden. Für mich ist es kein Aspekt, sondern ein immer wiederkehrendes Nachtszenario und trotzdem würde ich mich nicht unbedingt beschweren. Schließlich schlafe ich an einem wunderschönen Strand, in einer beliebten Stadt, auf einer unwahrscheinlich schönen Insel, mit nicht viel mehr als meinem Rucksack und dem was ich trage. Na und die Isomatte. Die ist optisch auf jeden Fall wünschenswert, ansonsten würde ich auf gefundenem Karton schlafen. Hätte auch was und sag niemals nie…
Ich hatte mir mein gestriges Essen aus Brot und Kopfsalat genauso eingeteilt, dass ich heute Morgen die zweite Hälfte essen könnte. Also die zweite Hälfte von dem übrig gelassenen Drittel des Brotes, welches ich ja schon am Nachmittag verzehrt hatte. Ich habe übrigens keinen Hunger und ich esse nicht um satt zu werden, sondern um meinen Verdauungstrakt ein wenig zu beschäftigen und zusätzliche Energie zum Laufen zu schöpfen. Es funktioniert jedes Mal, aber es begeistert mich nur noch selten, dass diese strukturierte Masse aus Gutschmeckendem meine Kehle hinab rutscht und ich durch sie Tag für Tag wieder auf die Beine komme und ohne Ende laufen kann. Und das hellbraune Körnerbaguette mit feinblättrigem Kopfsalat schmeckt wie Restaurantkost. Der Ausblick ist wunderbar an dem noch beinahe menschenleeren Strand und ich genieße die Sonne auf meinem vom Poncho geschützten Rücken. Ich denke an Eltern und an die Reise die vor mir liegt. Ich habe keine Route, aber bin völlig überzeugt, dass mich bestimmt jemand mitnehmen würde, wenn es nötig werden würde, denn das Schicksal, Gott oder der Zufall nehmen mich bisher sachte in ihre Hände und tragen mich genau zu den richtigen Orten und den richtigen Menschen. Ich vertraue weiter darauf.
Diese ewige Straße, die mich gestern in die Stadt brachte, spare ich mir und stattdessen laufe ich in die Stadt selbst hinein, die auch furchtbar hoch gelegen ist, und halte mich dann linker Hand parallel zum Wasser und nördlich an der Westküste zu wandern. Proprioano hat sich echt ganz gut entwickelt. Zwar gab es echte Höhen und Tiefen, aber der Jetztumstand ist ein dankender. Wie auf der gesamten Insel gab es auch hier bereits sechstausend Jahre vor Anfang unserer Zeitrechnung Leben und das hielt sich auch über die gesamte Zeit. Der Tiefpunkt unserer Proprioano Population war definitiv 1794, als nach unzähligen Piratenüberfällen insgesamt nur noch vier Häuser der Gemeinde standen. Man erholte sich allerdings und nicht nurmehr entstehende Hafen, sondern auch die 70 Kilometer lange Straße nach Ajaccio boten die Grundlage dafür, dass ich jetzt hier durch hohe weiße Wände, gepflasterte Treppen, verzierte Tore und Springbrunnen mit Messingstatuen schreite. Die Straße auf welcher ich nachher meine Langstreckenreise beginne, wurde in ihrer Route das erste mal in 1873 fertig gestellt. Jetzt konnte diese Straße aber nicht sprechen und mir darüber berichten, weswegen es vielleicht angebracht wäre mein Halbwissen mit Wikipedia zu verknüpfen. Diese Platform hat übrigens eine App und zu dem Zeitpunkt als mein Smartphone nur noch 21 Apps besaß, war jene von Wikipedia eine ganz vorne dran.
Von hier aus, wo ich am Strand lag, mit dem Leuchtturm und der dicken Ziegelwand, die sich zu ihm zog und der hübsch Berg, welcher den Turm aus meiner Perspektive knapp überragte, machte ich mich also auf den Weg durch den Hafen, vorbei an der sonntäglichen Ruhe der Stadt, eine Treppe nach der anderen. Einmal verlief ich mich in eine hohe Sackgasse, aber durch die Wegweisung einer netten Person kam ich ein wenig weiter, fand mich anschließend vor einem Brunnen aus drei hübschen springenden Delfinen aus deren Mündern Wasserstrahlen in ihr Becken plätscherte. Auch dieser Brunnen was so angebracht, dass man mit dem Brunnen gleichzeitig den wirklich hübschen Hafen sehen konnte, die Meeresmündung, die Strände und die bewaldeten Berge, die das ganze Geschehen überschatteten. Der Hafen hatte keine riesigen Boote, aber die Anwesenden waren entweder modern, mittelgroß und weiß oder alte, hübsch bestrichene, sehr simple Holzboote. Zwei Zeitalter, die sich da nebeneinander einfanden. Von meiner Anhöhe aus durfte ich etwas schönes beobachten. Zwei Menschen standen tief unter mir im Strand und vielleicht sahen sie es, denn etwa zwanzig Meter entfernt von ihnen war ein Fischschwarm, welcher mit allen Mitgliedern gleichzeitig an die Oberfläche trat und da ganz kurz wild umhersprang. Das war ein hübsches Spektakel in schönster Farbe des Morgenwassers. Ich blieb schon bald in einem Bergfriedhof stecken und wollte nur mal kurz schauen. Etwas verloren ging ich durch einen Gang zur nächsten Treppe immer tiefer in die Landschaft aus Mamorblöcken und dicken, polierten Mauern in welchen die Fächer für Urnen lagen hinter hübschem, schwarz gesprenkeltem Granit. Winzige Häuschen aus glänzendem Stein mit kleinen Kreuzen auf den Dächern und Büsche aus leuchtendem Grün und allerlei Blumen, entweder wachsend oder an Gräbern selbst. Diese kleine Landschaft aus Gräbern und Gewächs in mitten einer Wiese sah völlig natürlich und belassen aus und trotzdem konnte man erkennen, wie viel Sorgfalt und Fürsorge für diese Fläche aufgewandt wurde. Auch hier ragten die Bergketten wieder durch den Hintergrund und ich war in auf dem Friedhof allein. Als ich weiterging traf ich noch eine Statue eines Mannes mit hübschen Gewändern, vollem Haar und langem Bart, den Armen so breit ausgestreckt, dass es das kindliche Bedürfnis auslöst direkt in den Arm genommen zu werden. So stand er da und schaute vom Berg aus über diese gesamte Landschaft von Proprioano und seine Arme schienen alles zu bedecken und schützen zu wollen. Olle Jesus immer. Das gräuliche Grün des Messings stand ihm und seinem outfit definitiv besser, als das Weiß für die Haut, welches man in Kirchen benutzt. Jesus als Weißer… man möchte herzhaft lachen!
Ich versuche mich grade beim Schreiben noch ein bisschen in Details zu verlieren, um das Kommende aufzuschieben. Für zwei Tage werde ich einfach nur umher laufen und obwohl das für mich unwahrscheinlich schön war und ich wirklich überzeugt bin, noch nie in schönerer Natur gewesen zu sein, bin ich mir noch unsicher wie ich es für dich als Lesemaus tatsächlich verpacken könnte, damit du dir eine echte Vorstellung dieser gewaltigen Schönheit machen kannst. Klar könnte ich Fotos hinzufügen oder dir eine Dokumentation über die Insel empfehlen, aber da waren so viele kleine versteckte Schönheiten auf zufälligen Straßen mit kurzen Sekunden eines unglaublichen Ausblicks, oder einem besonderen Lichtverhältnis, einem kleinen Schauspiel zwischen Pflanze und Tier oder einem Auto, welches wirklich mitten im Bergwald an dir vorbei fährt und dessen Fahrer das Fenster runtermacht und beim Vorbeifahren so laut blökte wie er konnte. Das würde nur meiner Erinnerung gehören, wenn ich es nicht schaffe die nötige Energie aufzuwenden, um es in Worten anschaulich zu machen. Und weil ich selber da war und weiß wie wertvoll diese Erfahrung für mich war, sollte es doch mein höchster Ansatz bleiben, es auch für dein geistiges Erlebnis durch Schrift zu ermöglichen.
Als ich zurück auf die größere Straße kam, von welcher ich zuvor abgekommen war, überholte mich ein gekrümmter Rennradfahrer und jener schoß dann den langen Hügel vor uns hinab, welchen ich ganz überblicken konnte. Links ging es steil von der Straße hinab zum Meer, vor uns war die lange grade verlaufende Straße hin zum Land, wo Meer, Strand und Landschaft auf einer Ebene zu sein scheinen und rechts hin verlor sich diese flache bewachsene Fläche wieder in einen und den nächsten Berg und dieser zog sich in alle Richtungen als Hintergrund entlang. In ihm erblickte ich eine kleine Siedlung aus weißen Häusern scheinbar mitten im Wald und schätzungsweise vierhundert Meter überhalb von meinem Standpunkt. Das könnte eine Tagesreise werden… unten angekommen, lasse ich eine Tankstelle neben mir liegen und ignoriere wieder die große Möglichkeit mir viel Fußweg zu ersparen, aber ich nehme mir vor meine Pausen auf dem Weg so zu vertreiben, dass ich beim pausieren am Straßenrand versuchen könnte Freunde und Helfer durch nettes Winken zu erlangen. Bevor es bergauf geht, komme ich an einem großen sehr simpel gebauten Obststand vorbei, an welchem ein alter Mann grade seine Ware für den Tag auslegt. Ich grüße ihn freundlich und er bietet mir ein paar Früchte an, was ich entschuldigend ablehne. Aber ich traue mich zu fragen, ob er vielleicht Früchte hätte, die nicht gut wären und welche er sonst wegschmeißen würde. Ich hatte den blauen Eimer am Boden im Sinn, in welchem ein Mix aus Orange und angegessenem Pfirsich lag. Der Alte lachte kurz auf und war nun deutlich interessierter an mir. Er schenkte mir die Früchte, die er grade noch verkaufen wollte und gibt mir einen Tipp für die kommende Reise und meint welche Straßenbiegung mich wohin führen könnte. Ich bekomme einen wundervollen Pfirsich geschenkt und zwei Apfelsinen und danke ihm von Herzen für seine Hilfe und Mitgefühl. Sein Mitgefühl ist in diesem Fall nichts schlechtes. Er leidet ja nicht mit mir mit, aber er kennt meine Situation, war vielleicht selbst auch in ihr, erinnert sich daran und genießt jemanden zu treffen, der dieses Erlebnis verkörpert. Diese Einsicht wurde mir erst später klar, aber zurückschauend erkenne ich sie nun in der Haltung von immer mehr Menschen und ich könnte nicht anders, als darüber zu schmunzeln. In einem anderen Leben hatte man jene Menschen vielleicht in einem anderen Alter und einer geeigneten Lebenssituation getroffen. Vielleicht hätten sie alles stehen und liegen gelassen und wären mitgekommen, um das Abenteuer ihres Jahres oder Lebens zu starten. Ich hoffe wir haben noch nicht vergessen, welches Abenteuer in unserer Spontanität und unserem Mut liegt.
Die Straße, welche den nördlichen Berg vor uns einleitet, ist wesentlich steiler als gedacht. Über den Vormittag beginnt der Verkehr wieder etwas anzuwachsen. Meine Trinkflasche ist voll. Bei den springenden Delfinen und ihrem oralen Wasserstrahl stand nichts davon, dass man es nicht trinken dürfte, aber zur Sicherheit hatte ich diese Super-Tropfen benutzt, welche Mama mir für meinen März im schneebedeckten Norwegen vermacht hatte. Das Zeug ist in einem winzigen Fläschchen und warnt davor, es auf keinen Fall in die Augen zu bekommen. Ein Tropfen tötet alles an Mikroorganismen in einem halben Liter und eine halbe Stunde gilt es zu warten, bevor man es trinkt. So toll es wäre ohne Dinge zu reisen und völlige Unabhängigkeit zu haben, so schön ist es doch auch, dass man solche Dinge hat, die einem bestimmte Dinge erleichtern, bis man auch erlernt wie man überleben kann, wenn man das Hilfsmittel nicht mehr hat. Was ich sagen möchte ist, dass es ein längerer Prozess ist und es viel Erfahrung und Bildung des Reisens bedarf, um sich dieser Grenze anzunähern, die einem erlaubt, nur noch als völlig mittelloser Mensch unterwegs zu sein. Das verkörpert nunmal das absolute Maximum und ist eine ganz eigene Kunst für sich. Die Kunst des Menschseins und allein dadurch leben zu können. - Mein Bauch ist also einigermaßen gefüllt vom Frühstück und Wasser ist auch kein Problem. Was mir am Verkehr auf Korsika immer wieder auffällt, sind diese Unmengen an überwiegend deutschen Wohnmobilen. Hab ich so auch noch nicht gesehen und ich hoffe, sie genießen ihre Stellplätze und die Community der Womos. Ihr habt bestimmt einen Namen für eure Gemeinschaft, oder? Falls es jemand weiß, so besitze ich bisher keinen konkreten Website-internen Weg, um eine Community miteinander in den Austausch zu bringen und Feedback von euch Lesenden zu bekommen. Es gibt keine Kommentarsektion und in den Medien bin ich auch nicht wirklich. Falls es aber jemanden gibt, der weiß wie man ein solches Projekt in eine Website integriert, dann ruf mich einfach an. Ich bin überall und zu jeder Zeit erreichbar. - Ich finde am Ortseingang weiter oben am Berg ein nettes Stück Gras direkt an der Straße und der Kurve die hinein in den Ort führt. Was noch attraktiver war, ist tatsächlich die Nische im Zaun zwischen Wald und Zivilisation. Es besitzt ein geheimnisvolles und magisches Element, vor allem wenn man darüber berichtet. Wenn man allerdings vor dem alt werdenden Zaun steht, könnte man es mit einem ganz normalen Loch im Maschendraht verwechseln. Bis man den Rucksack auf dem Boden ablegt, sich vom Poncho erlöst, welcher drohte einen unter der Sonnenhitze und dem Rucksack und seinem Schweiß am Rücken schmelzen zu lassen, und sich dann zwischen Betonpfosten, Drahtzaun und Ästen zwängt und die Geräusche der anderen Seite nur noch gedämpft hört. Mit jedem Schritt scheint man von der Welt hinfort zu fliegen und nach wenigen Metern hatte ich die Angst, ich könnte mich bereits verlaufen haben. Auf einmal steht man in Unberührtem, in einer Sphäre aus Laub, Leben in allem was man sieht, fühlt und berührt. Sinne werden klar und man nimmt mit Achtsamkeit wahr, wie unveränderlich und ewig, allgegenwärtig und schön das Waldmeer einen im Schoß hat. Ich stehe das erste Mal in einem Waldstück Korsika’s und sehe ungefiltert was wäre, wenn wir nicht wären. Ich machte wenige Schritte und trat über die unsichtbare Grenze von Mensch zu Natur. Von einer Welt in die Andere. Und das alles verborgen hinter einem Loch im Zaun am Wegesrand. Manchmal braucht es nur unendlich wenig, um aus dem normalen Trott auszubrechen und ganz nahe ganz Neues zu erleben. Ich breitete meinen Poncho auf dem laubbedeckten und von Wurzeln durchflochtenen Waldboden aus und saß neben einem morschen Baum, völlig überwachsen von Moos, welches wie eine kleine Alpenwiese eine neue Dimension neben mir eröffnete. In ihr wuchsen Winzlingspilze mit runder, weißer Kappe, nicht einmal so groß wie Fingernägel. Ein Spinnennetz dehnte sich breit zwischen zwei Ästen aus und mir fällt auf, wie lange ich schon keine Spinnennetze mehr gesehen hatte. Diese Größe beeindruckt und sie schimmert im Licht des Morgens und bewegt sich leicht unter der lauen Luft, die durch die Stämme und ihr Moos streicht. Ich spüre die Anwesenheit von Rehen, die hier vielleicht nicht einmal vorkämen, aber sich sicherlich wohlfühlen würden. - ich habe nachgeschaut und es leben keine Rehe auf Korsika. Schade drum. Es gibt in bestimmten Bergregionen das legendäre Mufflon, eine große Bergziege, und natürlich Wildschweine. Also eigentlich alles, was das Tierherz begehrt. Was will man jetzt noch mit Rehen? Andere Frage: wie kamen die Mufflons hier her? Ist Inselpopulation bestimmter Arten geografisch, historisch oder was-auch-immer-isch eigentlich damit zu erklären, dass sie Insel vor vielen Millionen Jahren vielleicht noch am Festland war (warte Ma, Inselabdriften gibt es glaube ich nur bei tektonischen Schlüsselpunkten. Vulkane gibt es so weit ich bisher Dinge einsehen konnte, keine), oder sind es Tiere die Schwimmen können und sich übersiedelten, wie die Elche auf Quadra Island zwischen kanadischem Festland und Vancouver Island, oder ist es Importgut der Menschen, die mit Schifffahrt die ein oder andre Tierart an neuen Orten aussetzen und sie dort unkontrolliert verwildern ließen? So zum Beispiel Pferde, Rinder und Schweine, welche von Siedlern auf den nordamerikanischen Kontinent gebracht wurden. Dazu kurz ein ganz wilder Funfact. Pferde gab es zwar in Nordamerika schon viel länger, weil jene die Bering Brücke zwischen Russland und Amerika zur Hochzeit unserer Eiszeit überquert hatten. Sie starben allerdings wieder aus, bevor das moderne Pferd von Siedlern im 16. Jahrhundert angeschleppt wurde. Jetzt würde ich mich selbst zwar als Yakari-Ultra einstufen, aber könnte beim besten Willen keinen geschichtlichen Kontext anhand des Gesehenen erstellen, was ich als fünfjähriges Unfallopfer Tag ein Tag aus im Krankenhaus auf brandenburgischen Röhrenfernsehern konsumierte. Kleiner Donner und olle Regenbogen… Vielleicht hat sich die Generation vor mir genauso bei Yakari an den Kopf gefasst, wie wir uns, wenn wir Paw Patrol anschauen. Das alles sind zum Glück nicht die Fragen und Gedanken, welche ich mir stellte, als ich an diesem wundersamen Ort aus Grün auf Korsika saß, sondern die mir zu anderen Zeiten durch den Kopf schwirren und mich beschäftigen. An meinem Platz auf dem Boden auf meinem ausgebreiteten großen Poncho aus mexikanischem, für mich nicht zu identifizierenden Stoff, mit Blick auf Bäume und Büsche, kleine schlichte Blumengewächse und eine Menge Moos. Die größten Bäume hatten Stellen, welche bereits abgestorben waren und deren Rinde bereits pellte. Die Wege der Äste waren abstrus verrenkt, verknorpelt und trotzdem schien der Baum in seiner versteinerten Stille völlig entspannt. Über manche kleinere Bäume wuchs in großem Überschuss eine Art Liane von allen Enden über die Baumkrone, so als wäre der Baum überfallen worden - die ein Gnu, welches von einem Gepard besprungen wird und nun versucht sein Gewicht und den Schmerz auszuhalten. Ganz so emotional ist es für den Baum bestimmt nicht. Hohe dünne Gräser und andere Pflanzen sprießen auf dem sonnenbeschienenen Boden manchmal über zwei Meter in die Höhe. Ich senke den Blick und begucke den Boden links und rechts vom Ponchostoff. Dass mich Insekten faszinieren ist nichts neues. Die Art der Insekten hier ist allerdings sehr wohl etwas neues und und selbst jene, die ich wie die Stinkwanze nennen könnte, sehen nicht grade aus wie zuhause. Das schimmernde Dunkelgrün, die schwarzen feinen Linien zwischen den verschiedenen Panzerabschnitten, das Tropfenmuster auf dem Nacken des Tieres, diese interessante Art sich zu bewegen, die Beine, die sich vermutlich bewegen müssen, ohne dass die Augen etwas vom Untergrund sehen würden, die feinen Härchen und Fühler… in einer anderen Welt sind diese Tiere unsere Dinosaurier und herrschen metergroß auf unserer Erdoberfläche. Wären Dinosaurier so klein wie diese Kollegen hier, wären wir auch nicht mehr so gehypt über ihrer Erscheinung und vice versa. Yakari und Sausia… naja, ok. Als ich zwanzig Jahre alt war, lief ich alleine über die Berglandschaft der Westküste auf Korsika. Vielleicht wieder eher zurück dazu.
Meine Notizen sagen, dass ich in diesem Waldstück kurz einnickte, bevor ich weiterging und dass ich noch eine längere Weile am Straßenrand saß und Autos zuwinkte, während ich die letzten Chips, die mir gestern Abend am Strand geschenkt wurden, esse und dabei ein wenig herrlich mildes Wasser schlucke. Ich gebe das Winken auf und versuche die Nummernschilder der ganzen Deutschen zu erraten. AA - W - PM - FB - M - Z - M - … Ottos. Keiner hält für mich. Der Poncho kommt wieder über meine Schultern, die Decke ist mit dem Zelt zusammen am Kopfteil des Rucksacks, die Schuhe sind weich, warm und bereit und als ich losgehe, bin ich noch genau da wo ich in der Sekunde zu starten gedachte, als jemand genau neben mir hält. Ich wusste auf den ersten Blick nicht, welches Baujahr weiter zurück liegt. Vom Auto oder ihres. Sie ist trocken, aber freundlich und winkt mich schnell herein. Das Auto ist so winzig wie es nur geht. Ich als Mensch hätte beinahe nicht herein gepasst. Dass mein Rucksack irgendwie neben mir landet, obwohl wir auf dem Rücksitz saßen und von der vorderen Tür kamen, ohne dass der Beifahrersitz nach vorne zu schieben gewesen wäre, überrascht mich endlos. Es riecht gut in dem Auto, aber es sieht ein bisschen aus wie eine Miniaturwohnung. Überall sind Gegenstände und der Gurt hatte vor einer Weile bestimmt noch funktioniert. Die Dame versucht ihren Wagen gegen das steile Gehänge erneut anzufahren und es klappt. Sehr langsam, aber doch ziemlich erfolgreich. Sie ist abgekocht und meine kleine Geschichte hätte nur wenig Eindruck gemacht. Sie ist auf dem Weg zur Geburtstag ihrer Tochter. Ich schaffe es bereits bei der dritten Frage auf die Tretmine zu steigen, als ich mich erkundigte, ob sie denn Französin wäre. Statt einer Antwort bekomme ich den guten Tipp, dass man sich diese Frage bei den Menschen auf Korsika gerne sparen darf. Ich denke es inzwischen besser zu verstehen. Ich las über Gruppen auf Korsika, die eine Opposition gegen die Eingliederung der Insel in ein Staatsgebiet von Frankreich erschufen. Wenn man in Abhängigkeit mit fehlender Souveränität existiert und das mit einem Profit des Anderen, muss einen etwas daran stören. Vermutlich könnte man es mit Deutschland und ihrem Abhängigkeitsgefüge Amerika gegenüber vergleichen. Vielleicht leiden wir nicht sichtbar als Bevölkerung, aber wo ist unsere Kultur? Wo ist unsere Souveränität in der Geopolitik? Es paar Dinge gehen flöten, aber dafür schauen wir nun alle Hollywood und essen McDonald’s und werden lieber von Amerika statt China über Smartphone Kameras überwacht. Obwohl. Die Daten hat China bestimmt auch allesamt. - Wenn Amerika sie teuer an China verkaufen konnte.
Meine Dame gibt mir einen nett gemeinten Tipp, als sie mich an der Gabelung absetzt. Die linke Straße führt hinab zum Wasser und ist eine Küstenstraße, welche Bonifacio und Ajaccio am direktesten verbindet. Das ist vermutlich diese alte Route. Die rechte Seite führt gradeaus und tiefer in die Wälder der Höhe. Ich hatte genug von Küste, Strand und Sand. Der Wald vor ein paar Minuten hatte mich nachhaltig begeistert und ich laufe dankend an meine Helferin in die nicht empfohlene Richtung, weil ich mir sicher bin, egal welche Distanz zu machen wäre, dass ich sie mit der Hilfe von anderen überwinden kann. Das werde ich heute Abend nochmal kurz anzweifeln, aber alles mit der Ruhe. Als ich meinen Weg gehe, komme ich bald an einem wunderschönen Grundstück vorbei, wessen weiße Mauer mir die Villa dahinter und die Pflanzen darum ein wenig versperrt, aber der Besitzer kommt grade mit seinem Auto angeguckt und parkt vor dem Grundstücktor und beginnt seine Einkäufe auszuladen. Holzkisten voller Obst. Ich frage ihn ob ich ihm beim tragen behilflich sein kann und er drückt mir einen Korb in die Hand. - ich reiße ihn an mich und renne davon - nein! Ich gehe um eine Ecke des Tores und stelle ihn ab, verlasse das Grundstück und frage den guten Mann mit feiner Brille und halbgeöffnetem Hemd, ob er mir mein Wasser auffüllen könnte, was er mir Freude tut. Ich warte für eine Weile hinter dem nun weder verschlossenen Tor und verdächtigte den Mann beinahe, die wertvolle Wasserflasche geklaut und Reisaus genommen zu haben. Er kommt wieder und das Wasser ist klar und schmeckt unwahrscheinlich gut. Er drückt mir zwei Pfirsiche in die Hand und hat damit ein Kind im Körper eines Jünglings sehr glücklich gemacht. Dieser Jüngling, der sich selbst ‘Ich’ nennt und von anderen Lennart gerufen wird, nahm nun die Chance war und sang auf italienisch den selbsterdachten Klassiker und Einzeiler: ‘Non ho moneta’. Dazu wurde gepfiffen und ich fand mich in einer guten Melodie wieder, die dem ganzen das Potenzial gab, für 15 Minute ohne Pause gesungen zu werden. Ich lief also durch die sehr kurvigen Straßen, um welche immer eine steile Wand zur einen Seite ragte und auf der anderen ging es tief hinab und hin zum Meer. Warte mal… -
Ah, ok. Ich habe mich vertan. Meine Notizen unterrichten mich grade, dass ich dem Ratschlag meiner guten Dame gefolgt war, die mich vorhin ein Stück mitnahm. Ich nahm nicht die Straße in die Berge, sondern ging zuerst jene hinunter, die am Wasser entlang führte. Das fällt mir nun auf, weil ich mich erinnere, dass ich die selbe alte Dame ein paar Kilometer später nochmal antraf und wir uns grinsend begrüßten, aber auch, weil ich zwei Sätze zuvor schrieb, es ginge linker Hand steil hinab und hin zum Meer. Ich hoffe ich verwirre dich mit diesem Schreibfehler nicht. Vielleicht wäre es dir nicht aufgefallen, aber sicherheitshalber wollte ich das klarstellen. Eine Einheimische gibt mir einen Tipp und wer wäre ich, mich gegen einen solchen Tipp zu entscheiden?
Als ich nun etwas später an der Straße an einem kleinen Parkplatz unter Nadelbäumen vorbei kam und sich links ein Pfad eröffnete, der sehr unnatürlich grade und lang in Richtung Meer zeigte, aber wunderbar weich übersät von dunkelbraunen Nadeln war und auf welchem feine Wurzeln an allen Stellen sproßen und sich im weichen Boden verwoben, da entschloss ich mich Strandbesucher zu werden und mir eine Auszeit zu gönnen. Nun ist der Strand leider von unbeschreiblicher Schönheit und ich weiß nicht ganz, wie das einen Platz in einem Meer aus Worten finden sollte. Das Schillern vom Wasser kennst du nun selbst. Der Wald aus Nadelbäumen aus dem ich trat, um auf den weichen Sandstrand zu gelangen, macht auch Sinn. Es gab sogar eine Treppe aus Wurzelwerk gefüllt mit Sand, um einen von Wald zum Strand zu geleiten. Einzelne Besucher hatten sich aus ihren Autos gepellt und lagen jetzt verteilt unter hübschen Sonnenschirmen am Strand und zwei Kinder waren im Wasser. Die Aussicht war weit und man sah kein Schiff. Unsere zurückgelassene Stand lag hinter der Biegung linker Hand und das einzige groß heraus stechende waren die riesigen Stein im Wasser, umspült von dem strahlenden Sand. Ich guckte mich ein bisschen um und weil die Sonne keine Option ist, schaute ich mich nach Schatten um. Da war eine Anhöhe aus Waldboden, die ich ziemlich sportlich erklettern musste, weil der Rucksack einfach unhandlich ist, und auf jener Anhöhe wuchs ein einzelner Baum. Was mir als Fläche grenzte war von einem gefährlichen Zaun abgegrenzt, der Strand und Wald uneins machte. Ich breitete mich aus, stellte den Rucksack hinter den Stamm und nahm die Isomatte, um mich auf ihr auszubreiten. Zuerst trank ich was. Dann nahm ich die grade geschenkte Frucht, die ihre Partnerin überlebt hatte, aus der Ponchotasche und kramte dann in der schwarzen Tasche innerhalb meines großen Camouflage Rucksacks umher, um die Tupperdose und ihre eingeweichten Haferflocken zu finden, die immer noch die kleinen Beeren in sich hatten, die ich außerhalb von Bonifacio vom Baum mit den vielen Ameisen gepflückt hatte. Und ja, ich fand auch jetzt noch eine Ameise in den Haferflocken. Tot. Apps, aber das machte das Essen kaum schlechter. Ein ziemliches Festmahl, wenn man es denn vergleichen möchte zu der sonstigen Kost. Ich hätte so gerne Salz um es mit den Haferflocken zu mischen. Salz ist der neue Zucker und nichts schmeckt besser, als langweile, weiche Haferflocken mit ein paar Salzkristallen. Langsam wird ich einer von jenen, die auf der Nebuchadnezzar, dem Schiff von Morpheus Truppe in Matrix, anfangen den Haferschleim so sehr dafür zu loben, dass er alles hätte was man zum überleben bräuchte. Och Mensch!
Ich aß und guckte meinen verspielten Mitmenschen zu. Manche lasen im Schirmschatten ihr Urlaubsbuch und es scheint von hier aus eine sehr schöne Zeit zu sein, die jene Menschen verbringen. Ich gucke aufmerksam zu und einmal kommt ein Paar dazu und der Mann grüßt mich. Deutsch wie man ist, verwirrt einen so etwas immer noch leicht, aber ich schaffe es freundlich zurück zu grüßen. Dabei bleibt es. Nach dem Essen lege ich mich hin und für eine halbe Stunde genieße ich mit geschlossenen Augen die Luft in meiner Lunge und an meiner Haut, das Geräusch von Meeresrauschen, meine Erinnerungen und Hoffnungen, die Sonne, welche weich gefiltert durch die Nadeln auf meine Haut fällt, den Unterboden und die Unterlage meines Kopfes, mein lilaschwarzer Pullover. - Als ich wieder aufwache, scheint die Welt noch die selbe zu sein, aber irgendwo in sich scheint man doch zu wissen, welche Unmengen an Neuheiten sich zu jedem Moment parallel zu einem in der Welt ereignen. Ich meine es zu spüren und gucke mich in meiner Umgebung um. Das neue Pärchen hat sich komplett eingerichtet und ist nun im Wasser bei den hübschen Steinen. Das Wasser scheint eine eigene Lichtquelle in sich pulsieren zu haben und mit jeder mittelgroßen Welle wiegen neue Strahlen in meine Richtung, lächeln mich an und fragen mich danach sie zu besuchen. Ich seufze wegen der gleich kommenden Sonne, ziehe mich mit meinem Poncho um der Hüfte um, damit mir niemand was wegschauen könnte, und stehe dann in meiner einzigen Badehose da. Die weiße und supercoole von Hawaii wo ich mit meiner Linnéa ein paar Tage verbrachte. Wir hatten davor eine lange Weile auf einer Nachbarinsel von Hawaii gelebt und freiwillig gearbeitet. Es ist die fünf Flugstunden entfernte Vancouver Island und unsere geliebte Glenora Farm. Mein restliches Taschengeld der vergangenen elf Monate der Arbeit hier werden für den Flug und das Hostel aufgebraucht, aber auf einmal steht man auf einer so unglaublich berühmtem Insel und wundert sich, wer man als 19 jähriger damals war. Mit der schönsten mir bis dato bekannten Frau neben mir und einer überaus ereignisreichen Surfstunde im Rücken, ist die Erinnerung der Badehose eine unübertrefflich schöne! Ich klettere meinen winzigen, aber drei Meter steilen Waldbodenhang hinab und stehe auf dem Strand. Die Füße waren nass verschwitzt vom Fell des Innenraums meiner ollen Barfußschuhe und nun trocknet alles mit einem Mal, als die Zehen einzeln tief in den warmen, feinkörnigen, weißen Sand einsinken. Der Weg zum Wasser ist kurz und rechts von mir sind jene Steine, die ich unbedingt nun unterhalb des Wassers beobachten möchte. Kurz steht man mit dem Wasser bis zu den Waden und schaut sich nun noch einmal die gesamte Aussicht und die weite linke Kurve aus Bergen, Straßen und kleinen Küstendörfern. Dann laufe ich weiter und lasse mich langsam gegen den sanften Widerstand des salzigen Wassers ins schillernde Blau fallen. Kurz ist es kühl und kurz sind die Augen geschlossen, aber glücklich sind jene, die durch ausreichend Übung keine Schmerzen mehr von Salzwasser in den Augen bekommen und die Unterwasserwelt, wenn auch verschwommen, um ein Vielfaches erleben dürfen. Es ist eine kurze Tauchstrecke und mein Lungenvolumen ist in der Lage mich für eine ganze Weile hier zu lassen. Ich schwimme an den weiten Flächen der Steine vorbei, die senkrecht an meiner Seite aufragen und selbst zwar rau sind, aber von ganz feinem Moos überwachsen sind. Beim vorbei schwimmen streiche ich darüber und strample fleißig mit meinen Beinchen, um tiefer in das dunklere Blau und den Boden großer Steine vorzudringen. Zweimal vermute ich deb unklaren, dunkleren Schatten eines Fisches, aber viel sehen kann ich nichts. Unten am Boden drehe ich mich nach oben und halte dabei die Nase zu, beschaue begeistert die strahlende Welt aus unscharfen Formen und Farben und ganz viel Licht und denke an mein Buch von Martin ‘And there was Light’, geschrieben von Jacques Lusseyran. Ein blinder Anführer der Pariser Resistenz gegen die Nazis und später Professor. Eines der Bücher, welche mich grade von einem Tag in den nächsten wiegen und beschenkt fühle ich mich in diesem moment besonders, denn ich habe die Beschreibungen aus dem Buch vor mich. Diese Welt von Jacques und seinen Farben und dem vielen Licht hintern den Augen, die unserer aller Welt selbst nicht sehen dürfen. Ich tauchte und kam zum Ende meiner Puste. Bevor ich die wellige Oberseite durchbrach, blaß ich allen Sauerstoff meiner Lungen ins Wasser hinein und kam in meinem eigenen kleinen Whirlpool wieder an die Luft. Ich hatte alles getan, nach was es mich getrieben hatte und so schwamm ich langsam wieder zurück zum strand. Langsam, nicht weil ich gemächlich bin und keinerlei Zeitdruck habe, sondern weil ich ein verhältnismäßig schlechter Schwimmer bin, der sich mit dieser Realität nicht konfrontieren möchte und sich somit vielleicht auf ewig dieser nötigen Übung entzieht. Triefend und geschlagen spült mich die Zeit und ihre Wellen wieder an die Zunge aus Sand und ich trotte im nassen Sand versinkend und ausrutschend zurück dorthin, wo ich herkam. Wenig später waren alle Sachen gepackt und ich war wie durch Zauberhand mit dem großen Gepäck dem Erdhang wieder entronnen und zurück auf dem Weg. Auf welchem Weg wissen wir ja leider nicht, aber statt zu sitzen bewegte ich mich nun wieder. Ein kleiner, aber alles entscheidener Unterschied, welcher mein Erlebnis mit jedem Schritt zu formen vermag. Ich kann kaum glauben, dass jeder Schritt den ich nun tätige und jeder Schritt meines Lebens, angefangen von jenen als Kleinkind hin zu all denen durch meine Schulzeit und jeder einzelne auf den 522 Kilometern Spanienreise - dass alle Schritte nötig waren, damit ich genau hier genau jetzt, genau als Ich bin. Alle sollten mich in eineinhalb Tagen genau an den genauen Ort zur perfekten Zeit bringen, um der wohl prägendste Persönlichkeit meines Lebens zu begegnen und auf einmal ein völlig anderes Leben zu erfahren.
Mein Weg schlängelt sich weiter und ich komme in eine Ortschaft, welche zu dieser Uhrzeit ihren Supermarkt bereits geschlossen hat. Etwas verdutzt laufe ich die ewig lange grade Straße neben dem Meer entlang, zähle Wohnmobile als wären es Sandkörner und einmal spreche ich die Person hinter der Hecke an, welche mit seiner Freundin und dem großen Viereck auf Rädern von Düsseldorf bis hier her kam. Ich kann leider nicht mehr im Ansatz zu der Erinnerung finden, was ich diesen jungen Mann fragte, denn mein Kopf ist grade unendlich leer, wenn es um Möglichkeiten geht, wie ich als Backpacker einen Wohnmobilbesitzer anspreche. Ich werde was gefunden haben, allerdings war die Unterhaltung keine lange. Überrascht mich nicht. Er war mir sogar sehr sympathisch und er war ein Dude, der am Strand bestimmt bei der Runde Volleyball dazu gekommen wäre. Aber in der Konstellation wie grade, war man einfach auf zwei anderen Bahnen und nur zufällig am selben Ort. Was soll man tun… ? Anderes Leben und wir wären dicke, bestimmt. Diese Straße machte mich wahnsinnig weil sie flach und lang und unspektakulär ist. Als ich die Ortschaft verlasse, ragt eine Waldhügellandschaft rechts von mir in die Höhe und fern ab sehe ich klar den uralten Turm aus Stein mitten im Wald gebaut, wie er magisch aus der Grünheit hervor ragt. Ich stehe vor einem kleinen Pfad, welcher künstliche kleine weiße Sternchen als Boden hat und bin kurz davor diesen Weg einzuschlagen und den Turm zu besuchen und vielleicht dort zu schlafen. Es ist aber erst die Mitte vom Nachmittag und ich bin nur schon so müde, weil ich so früh aufgebrochen war. Mist. Meine Unentschlossenheit wird von einem Auto unterbrochen, welches neben mir stehen bleibt, während ich forschend wie ein Depp auf den Boden von dem kleinen Weg starrte. Die müssen sich auch ihren Teil gedacht haben, aber sie machen das Fenster des silbernen Jeeps runter und fragen mich wohin des Weges. Ich grinse und zeige mit leicht wippendem Finger in Fahrtrichtung. Das macht man bestimmt so als professionell wirkender Backpacker und die beiden Süßen nehmen mir meinen Akt ab und laden mich ein die hintere Tür zu öffnen und mir Platz zu machen. Mein dritter Lift ist also wie schon der erste auf Korsika wieder ein oller Jeep. Die beiden sind so herzlich und nett. Ein älteres Ehepaar, welches zur Rente an diesen Ort gezogen ist und es scheinbar keinen Tag bereute. Ich frage diesmal nicht ob sie französisch sind und höre mir nur die Geschichten des Fahrers an, welcher abwechselnd etwas über die Gegend erzählt in der wir sind und mich dann über was ich grade tue abfragt. Ich stelle in den Raum nach Deutschland zu laufen und warte auf die Reaktion. Die beiden sind überrascht über was ich sage, aber ich glaube nicht, dass ich es glaubhaft genüg rüber brachte. Ich war mir schließlich selber nicht sicher ob ich das könnte. Ich plante immer noch damit mein Schuhwerk ab Südfrankreich zu verlieren, wenn ich weiter so laufen würde wie jetzt, denn in Kürze wären die Sohlen der Barfußschuhe, welche mein Weihnachtsgeschenk waren, durchgelaufen. Es bleiben zwei Millimeter die mich hoffen ließen. - Auf unserer Fahrt kamen wir an wirklich schönen Orten vorbei und sie erklärten mir eine tolle Route, die ich nehmen kann. Er entschloss sieben extra Kilometer zu fahren, um mich am Fuß jener Straße abzusetzen, die ein letztes Mal vor Ajaccio noch einmal tief in die unglaublichen Berge Korsika’s führte. Ich war ihm sehr dankbar für diese Entscheidung. Seine Frau schaute ihrem Mann beim Reden zu, hatte die ganze Zeit ein Lachen auf den Lippen und eine Sonnenbrille auf der Nase, während ihr Mann mit sonnengebräunten Unterarmen das Steuer vom Jeep in hält und gekonnt das Gespräch von mir wieder zu seiner Frau und zurück zu mir schwingen ließ. Der Fahrstil verkörperte die Einstellung der Beiden perfekt und ich fühlte mich wie bei coolen Geschwistern deiner Eltern im Auto auf persönlicher Urlaubsreise. Ich hatte ab und zu Augenkontakt mit ihm im Rückspiegel und lächelte vor mich hin. Dann waren wir an einer Ecke mit Café. Die Straße führte an jenem kleinen Häuschen vorbei und die dritte Straße führte hinauf in die Berge. Bevor ich diesen Abschnitt der Reise startete, trat ich in das Café ein und begrüßte die dort stehende Fahrradfamilie. Ein Elternpaar und ein jugendliches Einzelkind mit Downsyndrom. Selten wurde ich von jemandem so angelächelt und ich fühlte mich wie ein Mensch gewordenes Weihnachtsgeschenk. Keine Sekunde danach schüttelte mir der junge Michael vergnügt die Hand und stellte mich seinen Eltern vor, die genau wie er aus Deutschland kamen und ihre gemeinsame Tour auf der Insel zu genießen schienen. Sie helfen mir kurz meine Bitte nach einem Wasser bei der Besitzerin auf Französisch zu formulieren und mir wird der Wunsch gewährt, allerdings sagen sie etwas unsicher, ob das Wasser völlig ohne Bedenken zu trinken wäre. Ich benutze etwas später wieder meine Tropfen für die Wasserdesinfektion und genieße die Flüssigkeit ohne Bedenken. Ich begann mich der 20 prozentigen Straßenneingung zu widmen und begann den einsamen Weg ins Gebirge. Die Sonne war nun am späten Nachmittag von den Bäumen meines Weges bedeckt und es floss wie am Tag zuvor auf dem Weg nach Proprioano golden durch die Baumkronen und schien auf den Teer. Rechts ging es hinunter in eine Art Wald, der wirklich völlig unberührt aussah und vielleicht wirklich noch nie menschliches Leben in sich hatte. Mein Wissen über Natur der Welt lässt mich noch nicht wissen, ob solche Orte, menschenlose, wirklich existieren, aber dieser sieht definitiv so aus. Ich hatte Glück was meinen Vorrat angeht, welcher nicht allzu prächtig war. Trockene Haferflocken und… naja, Wasser halt. Dafür wuchsen am Straßenrand dicke Büschel von Kräutern, die mir gut bekannt aus Deutschland waren und mit Begeisterung pflückte ich mir Hände voll von großem Spitzwegerich, welcher getrocknet an seinen dünnen und langen Stängeln hielt und seine winzigen Samen am oberen Ende als kleinen ovalen Ball präsentierte. Das trockene Samengut schmeckte nach genügend Kauen erstaunlich gut und für eine Schürfwunde am rechten Knie nutzte ich den gekauten Brei, spuckte ihn auf die Hand und verschmierte die Masse auf der Haut. Sie blieb wunderbar kleben und trocknete schon bald aus. Die Kruste aus Pflanzensamen bettete den blutigen Schorf ein und ich werde begeistert sein, wenn ich es in zwei Tagen wieder abkratze und kaum mehr eine Wunde finden werde. Ich lief also an dem dunklen Wald am rechten Hang vorbei und sah schon bald fern ab in der Berghöhe ein kleines Dorf, aber es war ziemlich weit entfernt. Im Endeffekt lief ich für zweieinhalb Stunden bis in den Abend hinein. Die Straße war hübsch geschlängelt und am Ende nicht mehr so steil wie am Anfang, was den Weg nach oben nicht kürzer machte. Einmal kletterte ich den Wald links von mir, welcher voll mit Korkeichen war, welche mich nicht wenig begeisterten. Es war ein steiler Hang und der Waldboden war voll mit Laub und Anhöhen, was es zu einem schwierigen Terrain machte und mir keine Chance gab mich hinzulegen, geschweige denn den Ort zum Schlafplatz der Nacht auserkoren zu können. Aber ich war sehr müde und umso froher, als ich bald danach das Ortsschild von Pila Canale passierte und einen Wasserhahn fand, zu welchem ich klettern konnte. Es war nicht zu erkennen, ob der Hahn zu einem Grundstück gehörte und ich war sehr froh, als Wasser aus dem alten Messing und dem bröselnden Stein drum herum lief. Meine Wasservorräte waren wieder neu und die Tropfen retteten mich diesmal vermutlich wirklich vor Problemen. Die Ortschaft war völlig leer und es schien an diesem Sonntag wirklich nichts zu passieren. Nichts war geöffnet und auf den Straßen war auch niemand. Aber ich wich ein wenig von der Straße ab, stieg über kleine gewundene Treppen in die Hinterlandschaft aus kleinen Wegen und Vorgärten und einer kleinen Kirche, die ein Wasserbecken hatte, in dem sich kein Wasser befand. Ich saß einmal an einem Außenbereich an der Straße, wo ein Grill abgezäunt stand und sonst vielleicht für Gäste kochte. Ich erholte mich kurz bevor ich die Ortschaft wieder ins Ungewisse verlassen wollte. An einer Pizzeria kam ich vorbei und vor ihr standen zwei dicke Motorräder. Das war die zweite Art von Gefährt, die hier nicht öfter vertreten sein können. Es gab ein paar einheimische Fahrzeuge, dazu Scharen an Wohnmobilen und die Lücken wurden von diesen blubbernden Zweirädern gefüllt. An mir fährt grade ein Auto vorbei, welches auf dem Anhänger ein Jetski trägt. Das war ein Erstes seiner Art. An jener Pizzeria trete ich kurz ein und frage die Menschen an der Küche nach dem Preis für die simpelste und billigste von allen Pizzen. Sozusagen der Teig mit Soße drauf. Leider hat diese Art von Pizza einen Namen und mit dem Namen kommt ein Preis. Die neun Euro spare ich mir gerne und laue hungrig weiter, gespannt auf meinen Ort des Abends, der basierend auf meinem Energielevel nicht weit weg sein kann. Und tatsächlich passieren Dinge hin zu meinen Gunsten. Ich laufe am linken Straßenrand wie immer, damit ich den Gegenverkehr leicht erkennen kann und ich nicht von hinten überholt werde. Ich blicke in das Tal und die gigantischen Berge völlig gefüllt von Wald, als ich ein winziges Häuschen zehn Meter unterhalb der Straße erblicke. Ich bin kurz verwirrt und bewundere das schöne Weiß der Fassade. Ich war am Ortsausgang an großen Flächen für Gräber vorbei gekommen und hatte auch den Weg eingeschlagen, um sie näher zu besichtigen. Sie waren hübsch und alt und traurig. Ich beobachtete den Sonnenuntergang von dort aus und musste mich nun entscheiden, ob der Friedhof meine nächtliche Ruhestätte werden sollte oder ob ich auf Glück hoffte. Ich hatte mich für das Glück entschieden und fand wie gesagt kurz darauf dieses kleine Gebäude links den Hang hinab. Ich glaube mir war schon klar, dass dieses ein Grabhaus sein müsste, als ich durch den dunklen, wirklich merkwürdigen Wald stampfte, in welchem jeder Baum mit seinem Geäst so aussah, als würden sie krampfen. Ich schaute mich in dieser Dunkelheit nach Tieren um und wusste, dass ich im Notfall genau hier schlafen würde. Ich zwängte mich durch eine Nische beim Haus und blieb mit dem Rucksack hängen. Erst dann merkte ich, dass ich durch Stacheldraht gestiegen war und dass ich reichlich Glück gehabt habe, na klar, weil ich hatte die Stacheln nicht im Blick und war unbedacht zwischen die zwei Leinen geklettert. Dahinter liegt das hübsche Grabhaus und eine Gittertür versperrt den Eingang. Man möchte es kaum glauben, aber die Tür war offen und ich lade meinen Rucksack draußen auf dem trockenen Gras zwischen natürlichen Blümchen ab. Drinnen steht ein Holzbesen und ich beginne die Spinnen aus den Ecken zu vertreiben und den herein gewehten Dreck vom Boden nach draußen zu fegen. Ich habe noch ein wenig Luft und Lust, die Sonne spendet hinter den Berggipfeln ebenfalls noch ein wenig Licht und bald ist das gesamte Innere des winzigen Hauses geputzt. Auf der linken Seite sind drei kleine Kammern, die selberne Türchen haben und hinter jenen stehen dann vermutlich die Urnen. Schön gerahmte Bilchen der Toten hängen dabei und oben auf der Mamoroberseite ist ein Bild der heiligen Mutter Maria und bunte Kunststoffblumen. Die rechte Seite ist wie ein dreifaches Doppelstockbett. Drei lange Kammern gehen die gesamte Wand entlang. Eine am Boden, eine in der Mitte und eine an der Decke. Der Beton ist weiß gestrichen, wie der gesamte Rest und ich packe meine Sachen in die mittlere Kammer. Mir ist kaum unwohl dabei. Die Spinnen sind größtenteils diese Opa Langbeine, also Weberknechte und die finde ich ok. Die tote Asche neben mir hätte schlimmer wirken können, aber mir war die schöne und sichere Stelle zu viel wert, als dass mir dieses Gedankengut einen Splitter ins Herz treiben könnte. Was jetzt anstand war Haferflocken aus meiner durchsichtigen, wasserfesten Box mit blauen Rändern und die Aussicht über die wunderschönen Berge draußen, wärehnd das letzte Tageslicht verschwand. Ich aß diese traurige Pampe, welche mir trotzdem sehr gut schmeckte und dazu kam eines von dem Minimeals, welche mir Papa auf Sardinien geschenkt hatte. Das zusammen würde mich schon über die Tage bringen, aber der Gedanke in dieser Weise bis nach Deutschland zu reisen, hatte etwas respekteinflößendes an sich. Ich ging durch meine E-Mails und mir wurde bekannt gemacht, dass meine Mitfreiwillige für das in September startende FSJ in Tansania Loana heißt und mir wurde aufgetragen, mich mit ihr in Verbindung zu setzen. Dafür bekam ich ihre Handynummer und ich rief das erste Mal die Person an, mit welcher ich bald über neun Monate zusammen leben würde. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie grade in Griechenland war und dass es ihr gut ging. Sie klang nett und benutzte Jugendwörter, was mich mit der Realität konfrontierte, bald mit einer jungen Person zusammen zu leben. Es kam mir nicht vor wie das, was mein Leben brauchen würde, aber mein Weg hatte wohl größeres vor, als ich es mir hätte erträumen können. Ich erzähle Loana grade durch Europa zu laufen und in einem Grabhaus in den Bergen von Korsika zu schlafen. Sie schluckte diesem Umstand verdutzt und erkundigte sich nach was mir grade so passiert. Ihre Schulzeit war grade vorüber gegangen und sie erholte sich noch von dem Trauma Abitur und ihrer jahrelangen Unfreiheit etwas lernen zu müssen, welches im eigenen Interesse kaum anzutreffen wäre. Wir reden ein bisschen über was einen bewegt und wie es zu der FSJ Entscheidung kam, aber das Gespräch endet darin, dass Loana aus Quellen zu wissen meint, dass wir zwar beide in Tansania sind, aber nicht in der selben Einsatzstelle. Dass dem nicht so wäre, erfahre ich erst zwei Wochen vor Abreise. Dann weiß auch ich endlich wo es für mich hingeht. Und aus dem Privileg des Zukunftschreibens darf ich anfügen, dass wir uns dort finden werden und miteinander leben. Ich lasse sie zurück am anderen Ende des mediterranen Meers und für ein paar Wochen werden wir noch ohne uns aushalten müssen. Was danach kommt, wird hart genug. Stell dir einfach mal vor, du müsstest mit mir zusammen sitzen. Du kanntest mich davor nicht und dann soll das die Zukunft deiner Zweisamkeit für ein ganzes Jahr sein. Ayayay. Loana wird einiges durchmachen und ich hoffe, dass sie damals in Griechenland genug Schönes erlebte, um sich zu wappnen. Das war mir ein schöner Teil des Abends. Ich saß außen an die Wand des Grabhauses gelehnt und aß trockene Haferflocken, schaute die Bergumrisse an, hinter denen sich das letzte bisschen Tageslicht versteckte und schaute auf den vor mir abfallenden tiefen und dunklen Wald und ärgerte mich ein bisschen über die Ameisen, die durch den feinen Steinsand unter meinem Ponchopo liefen und sich in meinen Beinhaaren verirrten. Insekten töten ist bei mir nicht mehr… als Papa mir mit fünf aus dem Nichts mit Hinduismus kam und meinte, dass tote Menschen vielleicht als Tiere wiedergeboren werden, da behielt ich meinen Ball in der Hand und hörte auf Ameisen mit dem Ball auf der Auffahrt unseres brandenburgerischen Zuhause zu erschlagen. Mein Opa war eine Weile zuvor gestorben und Papa hatte das richtige gesagt, um an ein Kinderherz zu appellieren. Die Ameisen ärgern mich trotzdem, wenn sie ihre selbstmörderischen Side Quests starten und Menschenköper erklimmen. Zum Glück gibt es so viele von ihnen, ansonsten wären sie für solch eine grob fahrlässige Dummheit schon längst ausgestorben. So, meine Meinung. Ich bin aber unter der Wortdecke ein riesiger Ameisenfan; das möchte nur erwähnt sein, bevor das im ganzen Lästern untergeht. Großer Fan! Ich verabschiede mich mit dem letzten Licht und gehe durch die Gittertür ins Grabhausinnere. Einen Meter Breite habe ich zum Stehen. Links die Kammern der Urnen. Rechts drei Segmente die wie Pritschen im Gefängnis sein könnten. Das Format zum schlafen ist allenfalls optimal und ich nehme erfreut Platz in der Sicherheit und Räumlichkeit des mittleren Kämmerchens. 1x3x1 Meter groß, ganz weiß und seit meiner Putzaktion auch frei von Spinnenweben. Ich wusste zu dem Moment gar nicht, was ich mir mehr für einen Schlafplatz wünschen könnte. Jibt nüscht! Um genau zehn Uhr beginnt eine Art Hundechor wie ich es in meinem kurzen Leben noch nie erlebt habe. Alle Hunde des kleinen korsischen Bergdorfes kamen für diese Ohrentortur zusammen und gaben ihr Kehlengedöns zum Besten… hätte beinahe mitgesungen. Ich wunder mich ob ein Hund hier einbrechen würde und finde an der Tür den kleinen metallenen Schieberiegel mit welchem ich bereits aufgeschlossen hatte. Dann werde ich ruhiger. Mit der Zeit des Daliegens wundere ich mich in welche Hölle ich wohl für diese unbedachte Form von Grabschändung komme. Ich hoffe doch sehr aus meinem Unglauben heraus, dass es da ganz viele verschiedene Orte des Leidens gibt. Ansonsten hausen ja Mörder und Menschen im Streit mit ihren Eltern am selben Fleck, während Freunde und Familie und Geliebte deren Zeit im Himmel ganz unbefangen vom ewigen Leid der wenigen Glücklichen genießen. An dieses Konzept rammt man sich immer mal wieder den Kopf, wenn man probiert zu glauben. Kommt man bestimmt auch drüber hinweg. Ich schlafe bald ein. Traum- und spinnenlos, mit einem Gefühl von einem nicht wirklich ganz gefüllten Magen und mir peinlich bewusst über den Ort an dem ich die Nacht verbringe. Ich liege auf meinem Poncho, die graue Kuscheldecke vom heimischen Sofa macht mich mollig warm und ich bin den harten Boden völlig gewöhnt und kann mich wirklich nicht beschweren. Die Freiheit des Komforts… aber davon schwafel ich schon oft genug und deswegen erspare ich es uns, des Nächtigens Liebe zugute.
Am Morgen packte ich alles zusammen, verbeugte mir vor den Graburnen und verließ dann alles ohne eine Spur. Beim Rückweg viel mir dann der Stacheldraht auf, durch den ich mich gestern im halbdunkeln so unwissend und glücklich gequetscht hatte. Jetzt stellte ich mich viel ungeschickter und zögerlicher an, als auf dem Weg hinein. Was mir bevor steht - und ich musste mich mehrmals im Jetzt von verschiedenen Quellen von Karten und Schrittzählern der Fitness App überzeugen - sind über 35 Fußkilometer durch die Berge, von Cognocoli-Monticchi, vorbei an Bisinao hin zum Flughafen nahen Ort namens Bastelicaccia wo ich am frühen Abend völlig am Ende an einem Kreisverkehr stand und beten musste, um einen Lift rein in Ajaccio zu bekommen. Ich war völlig am Ende. Aber der Fußweg dorthin war wunderschön. Am Morgen waren es noch viele Motorradfahrer*innen, aber ich schien die richtige Strecke abzupassen und es wurden immer weniger Menschen in diesen Bergstraßen, mit den unglaublichen Aussichten über das restliche Berggeschehen der Insel. Ein einziges Grün erstreckte sich über alle Spitzen und legte sich satt in alle Täler, drohte kleine Siedlungen völlig zu verschlingen und nahm die ganze Schaufläche für sich ein. Ich fand bei einer Straßenbiegung einen klitzekleinen Weg, der ein wenig abseits in den Wald führte und wenige Meter davon entfernt war ein kleines Bächlein, welches sich im tanzenden Schatten der großen Bäume um uns herum durch den eingesenkten Boden schlängelte. Dort lag ich eine kleine Weile, halb schlummelnd mit geschlossenen Augen, dem Bauchrauschen lauschend und den Wind zwischen den Bäumen fühlend. Ein blauschwarz schillernder Käfer mit kleinem Geweih oder Scheren krabbelte in meiner Nähe und ich nahm das Wunder der Natur in meine Hände und sah ihm beim klettern über meine Fingerknöchel zu. Die haarigen Beine, die sich mit Angelhaken gleichen Krallen über meinen leicht behaarten Handrücken zogen, die perfekte Symmetrie des Rückens, der mittig gebrochen ist und Flügel vermuten lässt. Die unscheinbaren kleinen schwarzen Augen, die harten Segmente vom Kopf und dem Bauch. Das Gesamtkunstwerk kommt nicht ganz an Katzenbabies ran, aber wenn man grade nichts besseres zur hand hat, dann reicht auch dieser Käfer zum Staunen und Bewundern. Irgendwann flog er davon und ließ meinen Blick wieder unbestimmt in meine unmittelbare Umgebung gleiten. Ich meditiere eine Weile - auf den Atem bedacht - mit dem Versuch den Fokus aus meinem Blick zu nehmen und das ganze Umfeld mit einem mal wahrzunehmen. Gedanken und Erinnerungen und Bilder kommen und ich genieße alle, außer eine. Dann kommt mir Martin in den Geist und unsere Zeit und der zufällige Gesprächsstrang, bei welchem es um den Hauptsitz einer Ideologie ging, die uns im Endeffekt zusammen führte. Die Anthroposophie und ihr Sitz in Dornach bei Basel, Schweiz. Die Philosophie des berühmt berüchtigten Steiner’s, welcher neben Inspiration für spätere Nazis auf die Ideen hatte, wie man mit beeinträchtigten Menschen richtig umgeht, ihnen ihr Potenzial ermöglicht und eine gesunde Gemeinschaft erschafft. Sein großer Fan Doktor Karl König war dann der Gründer der Camphill Community, die nun weltweit vertreten ist. Martin wohnte ein Jahr in dem ersten erschaffenden Camphill in Schottland, Aberdeen. Ich lebte in jenem mit dem Namen Glenora Farm auf Vancouver Island, Kanada. Erinnerst du dich, dass Martin mir dieses Buch über den Blinden Resistenz-Kämpfer aus Paris schenkte, welches mich seit Martin’s Abflug begleitet? Dieser geniale Mensch im Buch und seine Beschreibungen von Leben, Kampf und Wahrnehmung eines Blinden zur Zeit deutscher Belagerung im zweiten Weltkrieg. Ich dachte kurz noch an das mir gegebene Studienangebot in New York, in der nordamerikanisch größten Camphill Community Copake, wo mir ein Studium völlig kostenbefreit in deren Academy offeriert wird. Dem sagte ich zwar nach halb geschafften Visaprozess im April diesen Jahres ab, um stattdessen für ein weiteres FSJ nach Tansania zu reisen, aber die Liebe zur Idee in New York pocht noch. Ferne Zukunft, aber im Geiste doch ganz nah. Dieses Buch des blinden Mannes in der Zeit der französischen Resistenz geschrieben von Jacques Lusseyran, nahm ich nach meinem stillen sitzen und denken wieder in die Hand. ‘And There Was Light’ ist der Titel und der Link, um es vielleicht selbst erleben zu dürfen. Der Grund warum ich dieses Mal drüber schreibe, ist ein Zufall, der mich an Zufällen zweifeln lässt, so wie es nur besonders schöne und bedeutende Wendungen und Ereignisse vermögen. Ich hatte das Buch zur Hand und begann zu lesen. Eine halbe Seite weit kam es, aber dann erschien im Meer aus gedruckten Schnörkeln ein kleiner Stern. Die erste Markierung dieser Art und der Text unten am Papierrand ließ einen wissen, dass man kurz auf die letzte Seite 245 vorspringen dürfte und das tat ich. Es war das Ende vom Buch und ein Vermerk des Autos. Nun ist es eine Weile her, dass ich das Buch las und wörtlich bekomme ich den Inhalt nicht mehr zusammen, aber was mich so mitnahm war, dass meine grade noch gehabten Gedankengänge über Steiner, Anthroposophy und Camphill fortgeführt wurden. Ich wusste nichts von solch einer Verbindung des Autors, aber jener hat zuvor schon geschrieben, als junger Mann Deutsch gelernt zu haben. Als Blinder. Er hörte deutsches Radio und studierte die Sprache viele Jahre. Hier auf dieser letzten Seite sprach er seine Begeisterung gegenüber den spirituellen Schriften Rudolf Steiner’s aus, über die Wichtigkeit und Essenz eines Ortes wie dem Goetheanum, ein riesiges Gebäude in Dornach, Nähe Basel, Schweiz, welches als internationaler Hauptsitz der Anthroposoph gilt. Er war dort und ich auch in diesem Februar. Lusseyran schwärmte von den Einblicken, die Steiner als Sehender von sich gibt und die seinem betrachten der Welt so gleich erscheint. Er erzählt von seiner Liebe über die Materie und seine gefühlte Verbundenheit und ich bin nur völlig baff, dass mein Lieblingsbuch auf einmal anfängt über den Abschnitt in meinem Leben zu reden, der für mich bisher größte Bedeutung hatte. Das war eine schöne Überraschung . Ich las noch eine halbe Stunde weiter an diesem edengleichen Ort am Waldbach der korsischen Berglandschaft.
Als das Sitzen final genügte, sprang und auch und trieb mir dann mit Begeisterung die Beinchen weiter in den Bauch. Die Steigungen der Straßen sind übrigens kein Spaß. Die vorhin genannte Distanz von 35 Solo-Fußkilometern wäre schon auf graden Autobahnstrecken wie jene mit Martin in Spanien kein Spaß, aber die Hänge und Senkungen machten alles noch spannender. Eine Strecke wie 35 Kilometer kommt einem nach Spanien gar nicht mehr so viel vor, aber kannst du dir vorstellen, wie viele tausend Schritte du an einem solchen Tag setzt? Wie sich die Sonne einbrennt und wie der Rucksack zu schwer und zu schlecht gebaut ist? Ich verschone uns mit Beschreibungen der Qual, davon werden wir alle gleichermaßen müde, aber nur weil es nicht angesprochen wird, heißt es nicht, dass es aufhören würde. Zu meinem großen Vorteil ging es nach dem vielen Berg auf auch lange wieder nach unten und so bestanden die letzten zwei Stunden aus immer besser werdender Sicht, ansteigender Hoffnung in Ajaccio anzukommen und kleinen Schafherden, die immer wieder auf der Straße auftauchten und dann von mir oder von Autos gescheucht weiter rannten. Ich weiß nicht woher die Tiere kamen, aber der Schäfer tat mir innerlich ziemlich leid. Die Schäfchen hatten kleine Hörner und ein Schaf sprang beim Rennen mit Absicht sehr hoch, um einem Ast, der sich zur Straße neigte, eine Kopfnuss zu geben. Ich musste über die kleinen, wolligen Wesen lachen und denke an den Astronauten, der bei seiner Reise durch das endlose Universum auf einen Planeten wie diesen stößt und völlig begeistert diese frei erfundenen Kreaturen bewundert, die wir als sp gewöhnlich wahrnehmen. Zwischendurch hatte ich meinen Rucksack wieder so auf, wie zu dem Zeitpunkt als ich auf Sardinien gelandet war. Das hieß die halbleere Camouflage Tasche auf dem Rücken und mein schwarzer kleinerer Rucksack als Bauchtasche umgeschnallt. Meine blaue, sonnengebleichte, kanadische Käppi auf dem immer noch ziemlich kurzhaarigen Kopf. Es waren erst zweieinhalb Wochen, seit meine Rasierklinge unbrauchbar wurde und die Glatze nun beginnt für die nächsten unzählbaren Monate wieder heraus zu wachsen. Ich trug mein super weiches Tanktop, welches mir absolut keinen Sonnenschutz zugute kommen ließ, aber ich kam mit einem nur dezenten Brand in Ajaccio an. Pures Glück, aber ich härte glaube ich auch langsam ein bisschen ab, falls das möglich ist. Meine Barthaare sind nach der vielen Sonne so grell blond wie noch nie und irgendwie hatte das was. Die Leinenhose ist an dem einen Bein gerissen und mit Baustellenkleber ‘Rissan’ geklebt und leuchtet grün. Auf dem restlichen Weiß der Hose sind meine chinesischen Hanzi verteilt, die Schriftzeichen, die so ästhetisch und bekannt sind. Es sind zwanzig Werte und Tugenden des Menschen, die ich vor Norwegen als Übung des Schreibens mit Edding aufzeichnete und auf der Vorderseite mit Blau umrahmte und auf der Rückseite Rot. Da ist aber noch nie jemand drauf gekommen, dass das selbst gemacht wäre. Das soll nicht heißen, dass mir etwas leicht künstlerisches besonders gut gelungen wäre, sondern dass wir alle doof sind! So, jetzt ist es raus… als ich den Bergteil wirklich hinter mir ließ, sah ich eine sehr sehr schöne Person an einem großen Pferdestall. Ich hätte gerne wieder jemanden zum Reden gehabt. Der Wunsch wird dadurch bestärkt, dass ich absolut nicht absehen kann, wann man mal wieder das Glück hätte. Ich wandere vorbei an einer riesigen Koppel mit zwei wunderschönen Pferden drauf, die selbst schon majestätisch genug waren, aber zudem noch unglaublich schöne Berge hinter sich aufzuragen hatten und damit Teil etwas unglaublich toll anzusehendem wurden. Die hübsche Wiese war in ihrer Hochzeit, die Luft war voller Leben, die Straße leicht befahren und mit jedem Schritt kam ich städtischer Ajaccio-Zivilisation näher. Das wollte ich eigentlich gar nicht, aber in zwei Tagen würde meine Fähre von dort aus morgens abfahren und ich hatte vor meine Zeit in Ajaccio abzusitzen und ein wenig zu erkunden. Am Straßenrand wurde Wildschweinfleisch angepriesen. Bereits morgen würde mir ein getrockneter Fuß geschenkt werden. Aber das wäre noch gar nichts. Morgen würde mein Leben ohne Geld beginnen und dabei bleibt der Wildschweinfuß noch das unbedeutendste. Nur um zu erklären wie es dazu kam; das verdient einen ganz neuen Abschnitt in der Schrift über mein Leben… bist du bereit die Welt völlig parallel zu dem zu erleben, von dem wir dachten, dass wir nichts ohne es könnten? Denkst du ich meine es ernst wenn ich sage, dass fünf Wochen Reise ohne einen Cent auf uns zukommen? Ich bin selber genauso gespannt wie du. Für mich heißt es beim Schreiben eine Menge schöner Erinnerungen zu erhalten. Vieles von dem was auf uns zukommt, besitzt eigene Superlative für mein Leben. Das Schönste und Härteste und Reichste und Menschlichste und Einzigartigste. Und es ist passiert - ich war dabei. Und durch Schrift kann ich dich in meinen Rucksack stecken und mit dir gemeinsam neu erleben. Mach es dir auf meinem Rücken bequem und gewinne einen völlig neuen Blick auf das Geschehen der Welt und wie Dinge funktionieren. Bis gleich -






