Übergang beider Inselerlebnisse - Sardinien und Korsika

Übergang beider Inselerlebnisse - Sardinien und Korsika

Ein spontaner Drang in die Welt, ein Abschied in Santa Teresa, auf Korsika mit einem rechten Daumen und zwei Beinchen von Bonifacio nach Proprioano

Grade waren sie noch da. Man wachte gemeinsam auf, das Essen im Kühlschrank, der Wohnraum der gleiche und diese angenehme Trägheit des Urlaubs nicht tun zu müssen, aber sich gut genug zu fühlen, um Dinge tun zu wollen. Ich dachte nicht übermäßig viel an sie, aber die Zeit mit meiner Familie auf Sardinien, wo wir auf meiner Durchreise beim ihrem Urlaubsort zusammen kamen, bedeutete mir unendlich viel. Die Verlorenheit für Wochen davor und danach fand hier einen kleinen Anker und befreite mich vor zu vielen Sorgen oder dem Vermissen. Kurz hatte ich sie und sie mich wieder, dann waren sie wieder weg. Aber eigentlich hatten sie mich an einer fremden Stadt verloren. Ich hätte mich zu ihnen hinten auf die drei Sitze pflanzen können. Mein großer Reiserucksack den ich über 590 Kilometer zu Fuß seit Spanien mit mir trug, hätte sicherlich noch in die Dachbox gepasst, denn das Auto hatte ohne unsere Labradorhündin im Kofferraum mehr als ausreichend Kapazitäten. Es wäre eine kurze Fahrt bis nach Olbia zum Fährport geworden, eine Nacht auf dem Schiff und angenehme Stunden über die Alpen, durch die uns die ruhigen Hände meines Vaters navigiert hätten. Sie schrieben mir eineinhalb Tage später sicher angekommen zu sein. Aber da waren meine Füße schon auf korsischer Erde. Sie hatten mich an unserem letzten Tag ganz im Norden, in der Stadt Santa Teresa abgesetzt von wo aus ich ein Schiff zur nicht weit entfernten Nachbarinsel nehmen wollte. Es war abends und wir hatten eine letzte Mahlzeit eingenommen. Ich musste während dem Urlaub nichts bezahlen und dafür war mein minimaler Geldpuffer dankbar. Mit diesem letzten Essen war das Privileg wieder an seinem Ende. Aber ich wusste nicht, was kommen würde… also vermisste ich für eine kurze Weile diesen Komfort. Ein letztes Aufwühlen der Emotionen über Währung, bevor mit einem Mal eine Freiheit wie nie zuvor von oben herab in meine Hände fallen sollte. Du lernst sie schon bald kennen. 

In Santa Teresa begab ich mich wieder mit dem zu großen Rucksack auf den Schultern zum Strand. In Gedanken blieb ich bei dem Moment beim Auto, als ich den Rucksack annahm und noch hätte umkehren können. Meine Familie lud mich herzlich ein, mir diesen Aufwand zu sparen, diese ungewisse Tortur, diese Sorgen für meine Familie selbst und doch konnte ich nur an den Zufall und seine Möglichkeiten denken. Diese Welt der menschlichen und natürlichen Geschenke hatte ihre Tür schon einen leichten Spalt geöffnet und das strahlende Licht dahinter nahm mich ganz in Beschlag. Hätte mich diese Aufregung über das wunderschöne Ungewisse nicht so sehr gebunden, wäre ich vielleicht entkommen und säße dann wieder zuhause. Stattdessen ging der Kofferraum auf und ich nahm den Rucksack, umarmte alle herzlich und war wieder ein bisschen mehr ich selbst. Mit dieser Sekunde startete wieder die Zeit, die ich als meine ‘Echte’ anerkannte. Ab jetzt war ich wieder im Abendteuer versunken und alles konnte wahr werden - und alles würde wahr werden. Ich sah nicht zurück.

Am Strand durfte ich schlafen und mein Helfer empfahl mir um fünf Uhr aufzuwachen um den Sonnenaufgang zu betrachten. Eine junge Frau schlief ebenfalls ein paar duzende Meter weiter auf dem feinen hügeligen Sand, der umschlossen von steilen und stark bewachsenen Felshängen war. Der Morgen war schon seicht als ich erwachte. Ich ging nackt ins kühle Wasser und schwamm den weichen Wellen des Morgens entgegen, während die Sonne ihr Kommen ankündigte. Als ich wieder trocken auf der Isomatte von Matrin saß und mein Poncho mich umhüllte wie meine kleine persönliche Sphäre aus bestem Stoff, da sickerte der Stern unseres Lebens langsam über die Schwelle der fernen Linie, mit einem so zarten Licht, dass es nicht zu blenden vermochte. Sie schien aus Blut gemacht und ihre Ränder waren nicht gestochen scharf, sondern vibrierten leicht. Die geballte Energie dieses Himmelskörpers scheint sich in keinem Anblick statisch zeigen zu können. Man sah ihre echt erscheinende Größe, die mit der Größe des Mondes übereinzustimmen schien. Sie zog sich sichtbar bewegend mit schleppender Mühseligkeit aus den kalten Tiefen des Ozeans, aus welchem sie grade aufzuragen vorspielte und ihr wohliges Scheinen floss einem über die Oberfläche des Wassers entgegen, während die die Umgebung als Ganzes in ihre schönste aller Farben tünchte. Solche wunderbaren Momente eines Anblicks könnten einem Foto oder einer Erlebnisdichtung gehören, aber es wäre dann doch nicht das selbe. Nur durch den Moment selbst und ungestört kann das Erlebte ungefiltert in das eigene Sein übergehen. Als das Farbenspektakel beendet ist, laufe ich das letzte Mal für ein paar Tage durch tiefen Sandstrand und hätte ich es gewusst, so hätte ich diesem Moment nicht nachgetraut. Die letzten Kilometer auf Kilometer, als ich an der Ostküste ankam und meine Familie in der Stadt elf Kilometer weiter südlich den Tag darauf eintraf, bereute ich durch das Gewicht, das Einsinken und das schattenlose Ausgeliefertsein sehr am Strand laufen zu müssen. Ich nahm in Santa Teresa den schönen Steintreppen zurück hinauf, bis dorthin wo der Marktplatz gestern Abend mit all seinen Besuchenden  so geblüht hatte. Nun stöberten nur ganz wenige umher, die meisten davon waren Männer versunken in diversen Straßenarbeiten der Ausbesserung. Die Sonne schien schön auf die Fassaden und das Bild aus Farben schien nun mir entgegen. Blumen, Laternen Pflasterstein. Brunnen, Katze, Meerblick. Ich hielt mich links und kam zu einer metallenen Wendeltreppe am Hafen, die mich genau zum Büro des Fährenunternehmen führte. Hinter diesem Trupp aus Schurken muss eine schwer reiche Person sitzen, bei dem Preis für eine Fährfahrt über solch eine kurze Distanz… von Sardinien bis Korsika 34 Euronen!!! Davon hätte ich wochenlang überleben können. Ohne kritisches Nachfragen und Schleichwege erkunden, gab ich mich einem solchen Schlag in die finanziellen Eingeweide auch nicht geschlagen, aber der wenig belustigte Typ am Schalter machte nicht mit. Ich glaube ich hätte jegliche Dienstleistung für das Überfahren angeboten, aber unter dem Aspekt dass man beinahe einen Euro pro Fahrtminute zu zahlen hatte, konnte ich mir kaum eine Dienstleitung ausdenken, die diesem Anspruch gerecht käme… außer vielleicht Telefonsex oder Auftragsmo… ich nutze die teure Fahrt zu meinem besten Wohl und schlief auf einer Bank am Deck. Das Schiff war ziemlich voll mit Touristen und ihrem Fuhrpark. Ich hörte das eine oder andere deutsche Wort durch den Stimmen gefüllten Raum hallen und das ungewollte Mithören raubte mir ein paar wichtige Minuten zusätzlichen Schlaf. Rechtzeitig fünf Minuten vor dem Anlegen versammelten sich dann alle und begannen wie wild die phänomenalen Sandsteinhänge des südlichen Korsika’s abzufotografieren. Ich habe selten eine noch beeindruckende Küstengestalt gesehen. Wie Riesenwellen im Brechen des Höhepunkts lehnt sich die gigantische Struktur in alle Richtungen ausweitend zum Betrachtenden, leuchtend in dem sandigen Gelb. In der angesteuerten Bucht liegt Bonifacio, die erste Stadt meiner Reise auf Korsika.

Korsika ist eine der 18 Regionen Frankreich’s und damit sind wir mit diesem Morgen tatsächlich am Anfang des Geschehens in Frankreich selbst. Es gibt nur drei größere Inseln im Mittelmeer, aber wohl keine so spannend konsternierte. Zwei Drittel der Insel werden durch eine einzige Bergkette gebildet, welche während der Zeit hier immer und immer wieder Erwähnung von anderen Reisenden bekommt und wohl etwas volles Spektakuläres für sich sein muss. Ein 180 Kilometer langer Trail, genannt der GR20, einmal über das Hochland Korsika’s. Martin und ich hatten in Spanien acht Tage für 279 Kilometer von Alicante nach Valencia gebraucht. Mich würde interessieren, was wir beide hier erlebt hätten. Wie der von uns nicht gewählte Jakobsweg wäre es vermutlich vor allem etwas sozialer und teurer gewesen. Auf Korsika leben Stand grade tausend Mal so viele Menschen, wie ein Jahr Tage hat. 365.000. Wir werden uns zu der Hauptstadt der Region aufmachen, denn da ist meine Fähre zum Festland schon vorgekocht, daher der geringe Zeitdruck. Ich hatte Angst es mir sonst vor Ort nicht mehr leisten zu können. Es fügt sich alles so wie es kommen sollte, so scheint es. Ajaccio ist übrigens der Geburtsstadt von Napoleon, aber das echt nur nebensächlich… gesprochen wird am meisten Französisch, aber die ethnische Sprache ist Korsisch. Bevor Frankreich die Insel zu sich zählte, tat es Italien. Diese hatte die Insel aber an Frankreich abgegeben, weil Italien von den Franzosen Hilfe bekam, um einen korsischen Aufstand zu unterdrücken. Teil der Schuldabzahlung war dann wohl die Übergabe der Insel. Die Insel ist historisch stark verbunden mit der Toskana und behielt dadurch viele italienische kulturelle Eigenschaften. Früher wurde es vor allem für die Herstellung von Wolle, Harz und Honig genutzt, aber genauso für den extensiven Export von Sklaven. Billiger Wein für Rom war genauso Teil des Geschehens, als auch die Nutzung als Exil. Wer Lateinunterricht noch ganz dicht vor sich hat und keine Namen aus Schuldgefühlen heraus verdrängte, der wird sich noch ganz klar an Seneca erinnern. Oller Philosoph, der nach Korsika geschickt wurde, um weiter nachdenke zu können, aber das gedachte eben nicht mehr kundzutun. Gar nicht mal so schlecht. - soweit mal der Wikipedia Artikel über die Materie. Aber noch ein witziger Funfact - menschliches Leben führt unsere historische Wissenschaft auf das sechste Jahrtausend vor Christus auf Korsika zurück. Nett…

Ich sehe nur nen großen Hafen, irgendwelche Steilwände, viel Hitze und Meer. Ich belese mich jetzt grade beim Aufarbeiten der Materie mit der Insel, aber hätte dir vor der Reise nicht mal sagen können, dass Korsika im Mittelmeer liegt. Man kann diese endlos weite Bildungslücke gerne versuchen auf die Pandemie zu schieben, aber es bringt doch alles nicht… ich hab wenig Plan und davon ganz viel. Speaking of which, was mach ich jetzt überhaupt? Ich komme an und gehe von der doofen Fähre. Es führt eine sehr steile Straße weg von dem Port an dem wir ankamen und ich laufe sie bergauf. Der Verkehr ist langsam und ich überhole Autos, Lastkraftwagen und Fußgänger. Jetzt hab ich zwar keine Augen, sondern nur zwei kleine Leberflecke auf den Pobacken, und trotzdem konnte ich mir die Blicke der Menschen denken, an denen ich mit einem leichten Windsog vorbeizog. Sog, zog… Auf meinem Kopf sitzt meine blaue, von beständigen Sonnenlicht angesengte und ausgeblichene Glenora Farm Community Käppi, die ich als Andenken aus Kanada mitnehmen durfte, wo sie mir von meiner dortigen Community vermacht wurde. Ich schleppe mich rechts lang eine Treppe hinauf und stehe dann auf den vorhin beschriebenen Riesenwellen aus Sandstein, mit Blick über das weite Mittelmeer, welches verhältnismäßig ein ziemlich ruhiges im Vergleich zu den restlichen Weltmeeren sein soll. Ich sah nach unten in die Brandung und bewunderte das schillernde Smaragdgrün des flachen Wassers welches über den Sandstein dort rollte und spielend in der Ferne leise plätscherte. Es leuchtete unter der frühen Mittagssonne und ich schaute den zwei Kilometern Küste nach, welche ich von hier aus einsehen konnte. Mein Weg war noch keine Suche, sondern eine entspannte Bewegung im Ankommen. Ich sah ein kleines Grundstück, welches vielleicht manchmal genutzt wird, aber irgendwie ganz schön verlassen aussah. Es spendete an dem kleinen Hütchen etwas Schatten mit seinem Vordach und ich setzte mich und benutzte Sonnencreme und ein bisschen Wasser. Meine Füße fühlten sich gut, aber sehr heiß in den Kunstwolle-Barfußschuhen. Nach einer Weile ging ich den Pfad auf der Spitze der Sandsteinküste weiter und stellte mir dabei vor, wie im laufende der Jahrtausende diese Klippe immer weiter abbrachen abbrechen werden und Teil des Meeresboden werden. Diese immerwährende gänzliche Veränderung aller Landschaft durch Naturkräfte wurde mir bei diesem verhältnismäßig weichem Material zuerst ein wenig bewusster. Meine bildliche Vorstellungskraft schmückte das Einsturzszenario der Sandklippen ins Meer.

Irgendwann fand ich am Ende des Pfades den Übergang auf die Straße, welche in die Sandsteinberge genäht zu sein schien und bis hinter in die Stadt von Bonifacio führte. Ich balancierte auf den grob gebauten Steinschienen, die den Abgrund und die Straße voneinander trennten. Einen Schritt links von mir ging es ein paar Meter ins tiefe Grün, ohne dass ich den Boden sehen konnte. Das Grün war sowieso mit einer der beeindruckendsten Aspekte dieses kurzen Wegs. Die Intensität war eine völlig andere als die, des nahen Sardinien’s. Ich wechselte die Straßenseite und überall in den Sandwänden waren tiefe runde Kuhlen. Die Oberfläche hatte keinen graden Fleck und überall schienen runde Fetzen durch Witterung herausgerissen. Manche Kuhlen wären groß genug gewesen, um mir einen sicheren Ort für die Nacht zu vermachen, aber eine kurze Weile zuvor war mir eine nicht kleine Schlange an der Straßenseite entgegen gekommen. Ich sage nicht klein, weil sie vermutlich nicht groß ist, wenn man sie mit dem Vergleicht, was man sonst durch Dokumentationen und Zoos aus der Welt ‘kennt’, aber für meine eigene kleine Welt, war dieses Tier größer als ich es gerne sehe. Vielleicht doch lieber Zelt als Sandsteinhöhle. 

In Bonifacio gibt’s nicht viel. Ein paar übergroße Jachten, Tourismusangebote die prunkvoll jede Geschäftslücke schließen, ein bisschen Wasser und kleine Fischschwärme, die in der Sicherheit des Hafens treiben, Krabben an der überwachsenen Unterwasserwand und immer noch dieser geheimnisvolle Grünton im Wasser. Ich frage zwei Leute was man tun müsste, um auf einem solche dicken Boot mitfahren zu können, um nach Ajaccio zu kommen. Die Idee ist keine schlechte, aber die beide Jungs machen sich klein in ihrer Position der simplen Bootsjungen und können mir nicht wie erwünscht weiterhelfen. Stattdessen wissen sie die Straße, die ich nehmen muss, um zu Fuß an mein Ziel zu gelangen. Gegenüber von der Tankstelle, bei welcher ich dachte, ich könnte auch direkt hier nach einem kleinen Lift fragen um mitgenommen zu werden, finde ich gegenüber von dieser ein kleines Geschäft welches Tauchgänge anbietet. Enriche ist der junge viel zu coole Dude, den ich grade vertieft in Kleinigkeiten gesehen hatte und ansprach. Wir werden uns sehr schnell sympathisch, weil er mit seiner Leidenschaft an den schönsten Orten sein kann um Tauchunterricht anzubieten, und weil mich meine Leidenschaft ebenfalls an dieselben Orte zur Durchreise schickt. Er erzählt mir von seiner Zeit auf Bali, wo er als Tauchlehrer gelernt und gearbeitet hat. Hier ist eine Außenstelle und er leitet sie alleine. Er kam erst vor ein paar Tagen an und was er so an Einblicken in sein Berufsleben erzählt, macht mich gespannt darauf, was für ihn noch kommen wird. Er findet was ich grade tue ebenfalls bewundernswert und er war es, der mir als erstes von diesem GR20 Gipfelwandern erzählte. Die Straße führt grade entlang für eine Ewigkeit und viel mehr Tipps kann er mir für meine Reise nicht mehr geben, also schütteln man sich die Hand und bleibt sich verbunden in Erinnerung. 

Das Fußwege unspektakulär sind, weiß ich seit längerem. Dass ich diesmal nicht die Zeit habe, um sie trotzdem durchzuziehen ist mir ebenfalls klar, und seit mich die Polizei auf Sardinien dazu zwang eine Mitfahrgelegenheit auf der Autobahn zu bekommen, weiß ich nun auch, dass so etwas funktioniert und nicht viel dazu gehört. Ich laufe drei Kilometer durch die Hitze und parallel der Schnellstraße raus aus Bonifacio. Dann endet der Fußweg einfach im Nichts und ich stehe sowieso doof da. Der Zeitpunkt scheint perfekt. Es ist eine kleine Weile, die ich dort stehe und meine Haltemuskulatur trainiere, indem ich meinen gestreckten rechten Arm in die Waagrechte hebe, Daumen recke und freundlich winke. Ein paar Leute kommen und schon nach fünf Autos habe ich Glück, denn der Range Rover wird langsamer und bleibt zwanzig Meter weiter stehen. Es kommt niemand, aber ich eile. Ein resignierender Herr, der seine körperlichen besten Jahre bereits hinter sich hat, aber das jugendlich strahlende Gesicht wohl nicht einbüßte, steigt aus und öffnet mir den zu beiden Seiten aufgehenden Schrankkofferraum. Der Wagen ist dunkelgrün und matt, neu gemacht, aber ein altes Model. Er spricht kaum ein Wort Englisch was mich überrascht und wir reden nur ein bisschen, was ok ist. Ich entschuldige mich für meinen Geruch, bevor ich einsteige, aber er winkt nur ab und öffnet die Fenster beim Fahren. Es läuft leise Radio und die Straße möchte scheinbar nicht enden. Auch das ist ok. Er biegt eine Weile später rechts ab und half mir so eine Hälfte des Weges bis zur nächsten Stadt zu überwinden. Man bedankt sich und wünscht sich was. Das ist jetzt nicht unglaublich emotional, also kann ich es vielleicht überspringen. Bei meinem weiterlaufen werde ich allerdings beinahe emotional, weil die Straße sich einmal windet und dann den Blick auf eine Etappe eröffnet, welche bestimmt eine drei Kilometer lange Grade sein muss, bis sie hinter dem zweiten Hügel verschwindet. Elender Teerwurm… aber man läuft los und irgendwo zwischendrin finde ich ein kleines Anwesen mit ein paar Stühlen und einem neuen Pavillon, welcher grade neu erbaut wurde. Fünf Bäume aus Beeren standen drum herum und die Besitzerin des Anwesens, welche mich einlud diese Beeren essen zu können, nennt sie ‘Meryle’. Entweder das ist der Name von dem kleinen Baumgewächs, welches einer Brombeere ähnlich ist, aber etwas länger gezogen, feinperliger und vor allem viel viel schmackhafter, oder Meryle bedeutet ‘voll mit Ameisen’. An jeder Beere waren die kleinen Kundschafter und machten ihrem Stamm als ganzes mit ihrer Omnipräsenz alle Ehre. Nichts was ein oraler Luftstoß nicht ändern könnte. Ich fragte mich in dem Prozess des Sattwerdens aber öfters, ob es nun von großer Wichtigkeit wäre die Ameisen wegzupusten. Ich bin mir sicher einige gegessen zu haben, die sich festhalten konnten, und schmecken konnte ich es eh nicht… ist es nur der Ekel vor dem winzigen Tier oder etwa die Tierliebe, die einen dazu animiert. Vielleicht auch einfach der Grund, dass man grade Beere und nicht Ameise essen wollte. Wurst. Alles in allem war das ein Gaumenschmaus. Ich hatte in einer unwahrscheinlich wichtigen Tupperdose ein paar Haferflocken bereits in Wasser eingelegt und gab die Beeren und die Geheimzutat, eine Prise Salz dazu. Das Salz hatte ich einfach in die Ecke einer kleinen Plastiktüte eingedreht…

Ein dünnes Eisengerüst zog sich durch den Blattvorhang von einem der Bäume und ein Kabel preiste eine Glühbirne wie eine eigene Frucht an. Die Glühbirne war wunderschön und das wird vermutlich das erste und letzte Mal sein, so etwas über eine Birne aus Glas und Faden zu sagen. Sie empfing durch den Halbschatten der Blätter immer wieder das Glitzern der Sonne in sich und strahlte es aus meiner Perspektive an einem Ort wieder aus. Die Glasform war elegant und dadurch, dass um uns herum alles sehr hell war, schien die Glühbirne beinahe aus flüssiger Luft zu sein. Der Pavillon neben uns war im Grundgerüst vom Holz fertig, fasste zehn Meter Durchmesser und war rund. Den Rohbau zu sehen, brachte das komische Gefühl der Freude über das Bauen und auch wenn Erinnerungen an Novembermorgende auf dem Bau als Zimmereilehrling nicht die schönsten meines Lebens werden, so hatte das Ganze doch etwas sehr attraktives. - Das Anwesen bei welchem ich mich befinde, hat ein Tiny House als Wohnort für die Besitzerin. Davor steht grade ihr Klapptisch für die Wäsche, die kleinen Fenster zwischen den rotgestrichenen Planken sind mit hübschen Vorhängen von innen bedeckt und hinter dem Haus muss ein weites Tal liegen, denn erst mit einigem Abstand zum Haus ragt hinter jenem ein riesiges Gebirge empor und lässt das kleine rote Häuschen in seinem Hintergrund versinken. Wirklich wunderwunderschön. Als ich weiterlaufe, bin ich der nächsten Ortschaft nicht mehr allzu fern. Man kommt entlang an riesigen Kuhweiden und besieht sich die dicklichen Nutztiere, wobei auf ein Vierbeiner scheinbare Quadratkilometer kommen. Hier wäre ich auch gerne Kuh. An einer Werkstatt fragen mich Leute wo ich hin möchte und ich deute den Weg. Ich erwähne das, aber könnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wie das endete. Ich wurde definitiv nicht mitgenommen, aber nur damit man es weiß, da waren auch Menschen auf meinem Weg. Ich hatte mich mit dem einen Lift scheinbar zufrieden gegeben und lief nur noch wie doof umher. Ein Lift pro Tag wäre mir auch ehrlich schon genug. Bin eh nicht so sozial. Und weil das grade laufen irgendwann auch immer sein Ende findet, komme ich in den Ort mit dem Namen Pianottoli-Caldarello und besuche wie ein kleiner Alien den Supermarkt voller normal einkaufender Menschlein. Es gab einfach gutes Baguette, also aus Roggen und ziemlich groß für einen winzigen Preis. Mehr muss ein gutes Baguette gar nicht ausmachen. Generell war aber die Preiskulisse eine sehr schmeichelhafte und so kamen zum Brot noch ein Salatkopf und ein Apfel dazu. In den Gängen standen mehrere Holzstände, die gefüllt waren von kiloweise Käse aller Art und die zweite Art dieser Stände war randvoll mit getrocknetem Fleisch, vieles davon Schwein und vermutlich auch Wild. Es roch gut, aber intensiv und als ich alles für mich hatte, streunere ich noch für den Augenschmaus umher. In dem Ort passiert nicht viel mehr, außer dass mich ein Biker darauf hinweist, dass es besser wäre noch hier in der Stadt zu trampen, als dann auf den Straßen außerhalb. Der Mann kennt sich scheinbar aus und nach einem kleinen Kampf mit mir selbst gebe ich der Idee nach und stehe genau beim Ortsausgang bei einer kleinen Einfahrt, bei welcher schon eines der unzähligen Wohnmobile des Weges parkt. Das hatte ich bisher nicht erwähnt, aber der Fuhrpark aus geräderten Kleinwohnungen übertraf alles zuvor erlebte. Das Konzept Wohnwagen muss auch eine ganz eigene Community für sich sein. Genauso wie Hundebesitzer, die sich gegenseitig erst als Mitmenschen erkennen, weil die andere Person auch ein Wollknäuel hinter sich herzieht. Zucker…

Als jemand kommt, bin ich heil froh. Ich hatte ein paar Minuten der Aufschrift übersprungen, weil ich nur dastand und nichts machte. Es kamen nicht mal Autos vorbei… der Kollege der hielt, fuhr sehr schnell dafür, dass er dann mit einem solchen Schwung zum Halten kam. Ein ziemlich alter Blechkasten mit hinterem Laderaum. Weiß mit grauen Sprenkeln auf der Karosserie, da wo der Lack besseres zu tun fand, als nur da zu kleben und einen tollen Job zu machen. Die Tür wird mir aufgemacht und drinnen sitzt er. Er ist vermutlich ziemlich cool, wenn ich mehr als nur ein paar Worte auf Italienisch und Englisch mit ihm reden könnte. Sein weißes T-Shirt scheint bis zum bersten gespannt und der olle Hund guckt mich gelangweilt an. Das Radio wird kurz ausgemacht und er guckt mich prüfend an. Ich glaube ich bestehe den Blicktest, denn ich deute nur mit gehobener Augenbraue und mit gebissener Lippe in Fahrtrichtung und er winkt mich herein. Er stellt seinen Bello vor, der nicht wirklich Bello heißt, aber ich nehme mir fest vor meine Kapazitäten besser zu nutzen, als Hundenamen im Gedächtnis zu halten. Das Tier sitzt zwischen meinen Beinen im Fußraum und denkt bestimmt daran mir in den Schritt zu beißen. Er macht’s vermutlich aus Respekt nicht und aus Dankbarkeit streichle ich den weißbraunen Kopf mit kurzem Haar und Schlapperöhrchen. Tolles Tier! Großer Fan… mein Helfer klärt mich auf. Er fährt grade zu einer Baustelle und ist Schweißer! - nein wie cool, grade noch von gequatscht. Er meint, dass er mich entweder an der Straße absetzen kann, bevor er zum Projekt abbiegt, oder - und ich frage nach ob ich eine Stunde für ihn arbeiten kann - wir fahren nach der Baustelle noch zwanzig weitere Minuten bis dahin, wo in einem kleinen Bergdorf sein zuhause nach rechts weg geht und ich grade weiterlaufen kann. Ich find den Mann super und bin gespannt. Wir sprechen weiß Gott warum über das Angeln. Der Mann fährt schnell. Ich wollte ‘geisteskrank’ schnell sagen, aber das wäre unhöflich, und weil mein neuer Lehrmeister für eine kurze Weile weder unhöflich noch geisteskrank ist, sondern eben nur verdammt schnell um viel zu enge kurven, die man nicht einsehen kann, die er aber schon tausende Male gefahren sein muss, düst, ist es der falsche Terminus. Vielleicht ein wenig von Adrenalin zum Nervenkitzel getrieben, oder mit zu wenig Verantwortung in der Welt seit die Kinder erwachsen sind und damit tendierend zu törichten Torheiten oder oder… ich habe grade nochmal durch meine Notizen gewühlt und gemerkt, dass ich den Namen vom Hund doch habe. Er heißt Roron und ist wie eine Seele mit dem Fahrer. Wenn der Hund wüsste und irgendeinen Bezug zu der Realität des Straßenbefahrens hätte, dann wäre die Freundschaft bestimmt eine andere. Aber die beiden kennen sich blind und das ist toll mitanzusehen. Roron ist einer jener Hunde, mit denen gesprochen wird, die aber scheinbar wirklich wissen, was gesagt wird, denn er reagiert exakt und in Sekundenschnelle. Es ist wirklich beeindruckend. Den Namen vom Schweißer ist nicht mehr aufzufinden… ich rezitiere meine legendären Notizen auf welchen der gesamte Eintrag fußt: ‘…eingekauft, Motorrad Fahrer gibt tip hier in der Stadt zu trampen und hat recht, Metall Arbeiter stoppt und nimmt mich mit, mit auf Baustelle bei reichen Hotel Besitzern, Werte geprüft und Stunde lange mitgeholfen, sein Hund Roron ist zuckersüß, er nimmt mich bis s... und ich laufe noch 10 bis P…’ - die Abkürzungen der Städte von denen ich laufe, sind Wandererslang. Ich bin ja nicht doof und wüsste am Abend nicht mal in welcher Stadt ich grade penne. 

Ich möchte kurz anmerken, dass das Erlebte viel besser im Kopf geblieben ist, als gedacht. Dass ich den Schreibprozess so fließend gestalten kann, ist ein großer Segen, denn sonst müsste ich mich stundenlang mit einem Artikel abackern, ohne dass das Gewünschte dabei heraus käme. Jetzt fließt das Ganze ansehnlich und im Geiste könnte ich den gesamten Weg entlang sprinten und hätte trotzdem das genaue Bild wann was passierte. Ich befinde mich allerdings elf Monate nach dem Reisen, sitze grade am Schreibtisch vom House of Hope in Mwanza, Tansania und nutze meine freien Minuten um die Reise aufzuarbeiten. Dass ich nach Tansania vorhabe in Deutschland zu reisen und unsere Bewegung in Form des Vereins Gen.ZM’s und meiner Rotation starte, war mir damals schon ähnlich klar wie jetzt. Die gesammelten Skripte der Reise sind nun einmal dafür da, dass Menschen meines Weges ein Bild der Sache bekommen, mich und den Blog, den Verein und unser Konzept kennen lernen. Es soll irgendwo der Weltencontent sein, der es rechtfertigt sich mit der Sache außerhalb des Vereins zu beschäftigen. Ich hoffe, dass selbst die jüngsten Sprösslinge unseres Landesschoßes noch zum Lesen bereit sind. Dadurch dass ich dir etwas in der Zeitlinie voraus bin, weiß ich ja, was noch alles an Spannendem kommt. Obwohl, Denkfehler - vermutlich bist du mir weiter voraus, denn du liest das Geschriebene vermutlich später als ich es schrieb - hier ist grade der zweite Mai im Jahr unseres Herren zweitausendundsechsundzwanzig. Sag an, wie ist die Zukunft so?

Wir kommen bei einem reichen Hotelbesitzer - … nein, Spaß. Also, er biegt irgendwann auf eine aufgerissene grade so zu befahrene Straße ab und dass dieser Weg in der dahinter liegenden Schönheit endet, war echt nicht abzusehen. Wir steigen aus und ich müsste mir verkneifen vom Pflasterstein zu schwärmen. Dieser Naturstein hatte etwas unglaubliches an sich. Ich habe ein Foto von dem Anwesen gemacht und möchte beschreiben (mein Smartphone Bildschirm ist allerdings weiß-schwarz [seit über eineinhalb Jahren]):

Links und rechts vom Bilderrahmen dringt das Laubdach zweier Olivenbäume ins Bild. Um ihre Stämme herum ist der Boden mit Rindenmulch bedeck und eine Menge kleiner Lavendelbüsche sprießen. Grobes natürliches Gestein liegt gestapelt als Grenze zwischen dem staubfeinem Boden und dessen Mulch und dem 

Gehweg, der durch das Grundstück führt. Langgelegte viereckige, erdfarbige Pflastersteine von Maschinen geschnitten umrahmen den Rand des Weges, wobei das Innere von völlig unterschiedlich großen kleinen grauen Steinen gefüllt ist, die trotz ihrer scheinbaren Zufälligkeit eine perfekte grade Oberfläche erstellen. Dort wo der Weg nach links führt, macht er bald eine Wendung und findet den Anschluss an das Zentrum des Bildes - das korsische Steinhaus. Dort wo der Weg nach rechts führt, kommt er bald in eine winzige Allee frisch gesetzter Jungbäume der Olive und eine zweite Sorte gesellt sich ihnen dazu. In meinen Augen sind das Orangenbäume. Die Metallgerüste spannen sich bereits, allerdings noch ohne die schützende Plane und deuten an, wo später direkt rechts vom Haus kleine Gartenzelte entstehen. Beinahe völlig im Grün versteckt, steht im Hintergrund noch ein kleineres Gebäude auf dem Grundstück, im selben Stil wie das Haupthaus gehalten und direkt an der Grenze zu dem Olivenbaumwald, welcher direkt dahinter beginnt und das kleine Häuschen droht zu verschlingen. Ich wusste irgendwie auch nicht ganz, dass Olivenbäume so groß werden könnten. Ein erster Hügel steigt in mittlerer Ferne auf und der orangene Boden hat vereinzelte große grüne Punkte aus eben jenen Olivenbäumen und erst dahinter ragt dann der Berg mit seinem brüchigen Stein auf und wird durchzogen von etlichen Adern aus pflanzlichem Grün. Der Berg überragt das Wohnhaus noch um ein Stück, obwohl es einem so viel näher ist und in die Höhe schießt. Jenes Haus hat rotleuchtende Dachziegel aus Lehm aus dem Oberdach, welcher zum Betrachtenden und nach hinten weg abfällt. Das zweite, etwas niedrigere Vordach hat einen ausgeblicheneren Farbton. Der Vorbau ist besonders hübsch anzusehen, nennfein gestapelte, kleine orangene Backsteine machen an den Ecken die Säulen aus und sind im Wandgeschehen im vertikalen Zickzack angelegt, was eine interessante Wirkung ausmacht. Es scheint als würde die Wand sich regen und fließen. Auf der Treppe die vom Weg in den Vorbau führt, stehen knallige große Blumentöpfe noch ohne Blumen, aber schon in den diversesten Farben bestrichen. Der höhere Teil des Hauses hat zur rechten Seite eine Tür nach draußen und einen hübschen kleinen Balkon mit verschnörkelter Schweißerkunst in den metallenden Striemen des Geländers. Kleine Fenster brechen durch den Naturstein im weichen Gelbton hindurch und unten gibt es mattgrüne Fensterläden. Der Himmel ist auch da. Bis auf eine vom Wind getriebene Federwolke liegt nichts in der strahlend blauen Luft unserer heißgeliebten Ozonschicht und der Atmosphäre unter ihr. Mal gucken wie lange wir die Olle noch haben. Luft ist eh völlig überbewertet.  

Die Arbeit des Schweißers fand in einem der Zimmer statt. Wir brachten ein von ihm mitgebrachtes Kunstwerk für die Gardinen an und er überprüfte ein paar Dinge, die bereit stehen sollten. Das Zimmer war wunderschön. Die Einrichtung war ein einziges Kunstwerk und die Details hatten einiges an materiellem Wert. Ich hielt Messbänder und las Nummern ab, stieg auf Stühle um Orte zu erreichen, weil ich einen kopf größer als mein Chauffeur bin und gucke sonst nur aufmerksam zu. Er hatte mir am Anfang angeboten mein Smartphone an einem der Steckdosen aufzuladen und nun war es an mir, bei jedem unserer vier Ortswechsel mit dem Zubehör hinterher zu eilen und noch ein wenig Strom ziehen zu können. Für meinen Akku sah es echt nicht gut aus, aber mit der externen Batterie, die ich von Mama für den März in Norwegen geschenkt bekam, hatte ich Hoffnungen um die vier Tage auch völlig ohne Strom durchzukommen. Am Handy schrieb ich ja nur so tolle Notizen wie die weiter oben Eingeblendete und machte das eine oder andere Foto. Die Eltern wollten natürlich auch wissen, ob man die Nacht im Freien überlebt und so war ist das Konzept Handy nur erschwert zu entbehren. Noch schöner wäre es natürlich ganz ohne Technikkasten unterwegs zu sein und sobald ich gelernt habe, wie das von statten geht, ist es mein höchstes Ziel diese Freiheit, die ich bis zu meinem 17. Geburtstag ausleben durfte, zurück zu erlangen. 17 wunderbare Jahre ohne Smartphone als ’05er Jahrgang hieß allerdings auch viel nebenbei stehen und keinen Teil der normalen Mediensuppe zu haben. Was damals wie eine kleine Hölle meinen Alltag prägte wird mir nun immer deutlicher zum größten Geschenk überhaupt. Ich wünschte andere hätten überhaupt die Chance ohne Handy leben zu können, aber so wie es grade um alles steht und wie normal diese permanente Verbindung zu allem scheint, ist es wohl schwerer denn je. Gen.ZM e.V. verfolgt allerdings genau diesen Anspruch einen medienfreien Rahmen der Menschlichkeit zu schaffen und eben die fehlende Bildung aus der Schule nachzuholen, wie man denn nun wirklich Mensch sein könnte und wie man das Medium des Internets und der Technik selbst nutzt, anstatt von den Umständen ausgenutzt zu werden. Die Bildung ist die erste Treppe der Überwindung und diese fehlende Freiheit hat bereits einen tiefen Graben zwischen Völker geschnitten. Kein Grund einen solchen Missstand noch länger hinaus zu zögern. 

Nun denn. Die harte unbezahlte Arbeit des Dastehens und nicht wirklich Wissens was man tun sollte, waren nach einer Stunde wie vorhergesagt zu einem Ende gekommen. Bitter für den Akku und ich glaube Roron der Hund wäre auch gerne länger geblieben. Stattdessen springen wir alle wieder zurück in den Schweißerwagen, Roron zuerst in meinen Fußraum, und das Auto düst wieder von dannen. Mein neuer Freund hatte mir ja angeboten mich eine Weile weiter in die richtige Himmelsrichtung zu fahren und ich freute mich über einen solchen Aufwand. In dem angekündigten hübschem Bergdorf kam er zum Stehen und ging in ein Geschäft wo er mit zwei großen Sechserpacks von Trinkflaschen wieder kam. Eine befreite er für mich und das Wasserproblem hatte dessen Rettung erlebt. Ich bin ziemlich froh mit den Beinen wieder auf dem Boden zu sein und auch das Gehen hatte ich ein bisschen vermisst. Es ging eine längere Weile bergab und wenn man sich ein wenig gehen lässt, dann kann aus dem sonst verkrampften leichten Abbremsen ein angenehmes leichtes Joggen werden und der Weg wurde etwas schneller zurückgelegt. Von Sartène bis Proprioano waren es circa zehn Kilometer und ich kam vorbei an schönster Landwirtschaft und an vielen Straßenbiegungen die in diesem goldenen Schimmer der Sonne lagen, welche durch das immer dichter werdende Blätterdach zu dringen versuchte. Es waren nur wenige Fahrzeuge auf den Straßen und ganz selten treffe ich Menschen, die einmal eine Panne haben, dann einmal einen Essensstand an einer Haltestelle neben der Straße haben. Hühnchen wollte er mir andrehen, aber für fünf Euro bin ich nicht dabei. Ich hab schließlich noch ein bisschen Brot und den ollen Salatkopf, der mir grade Wiederwillen im Rucksack zerdrückt wird und heute Abend zwar nicht mehr schön ist, aber im Brot als das simpelste Sandwich der Welt immer noch völlig essbar. Einmal finde ich eine besonders hübsche Aussicht von perfekten Reihen eines großen Gartens. Die Anzahl der Reihen übersteigt mein Zählvermögen und die Menge an verschiedenem Gemüse gefährdet meine Kenntnisse ebenfalls, aber von Bohnenranken, über Kohlköpfe und diversen Tomatenpflanzen und Chili plus Kürbisse(?) war alles dabei. Ein paar Arbeiter stehen auf dem Feld und tun das für was sie bezahlt werden. Ich beneide die vier Männer nicht grade und grüße aus Mitleid und Verbundenheit und sie winken zurück. Es gibt einen Hofeingang und ein großes Planenzelt, welches als Verkaufsstelle benutzt wird und da schlurfe ich kurz durch die Reihen der hübschen Dinge und denke dabei an Essen. Die Preise schließen das ein wenig aus und ich traue mich auch ehrlich nicht nach übrig gebliebenen zu fragen. Das ist einer meiner langanhaltenden großen Versäumnisse gewesen, ansonsten hätte ich auch alleine bereits das Überleben nur durch Menschen erleben dürfen. Da ich es mich nicht traue, muss ich eben noch ein paar Tage warten. Auch nicht schlimm. Trotzdem hätte Fragen nichts gekostet und die Leute hätten sich definitiv gefreut mir zu helfen, vielleicht hätte ich sie sogar näher kennen gelernt, oder sie hätte einfach freundlich Nein gesagt. Das ist aber sogar ziemlich unwahrscheinlich… was hättest du als Landwirt*in gesagt, wenn jemand auf Reisen vorbei kommt und freundlich nach einer Kleinigkeit fragt, um etwas gestärkt weiter im Ungewissen weiter zu laufen? Ich geb dir sogar schon den Tipp, wie man eigentlich gar kein Nein bekommen könnte. Was hätte die Chefin nämlich gesagt, wenn ich frage, ob ich eine oder zwei Stunden bei ihr freiwillig arbeiten könnte und danach ein kleines Abendbrot bekomme? Glaubst du daran, dass wir noch Mensch genug sind, um uns so miteinander durchs Leben zu helfen? Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht genügend Erfahrung und meine Angst vor einer Absage dominierte irrational. Ich ging also weiter und ließ die schönen Stände voller Frischobst, Salatbündel, getrocknetes aufgefangenes Fleisch, Pilzpackungen und Gewürzbüchsen zurück. Selbst die Kürbisse blieben da und ich ging alleine weiter. Es waren ein paar Gäste in dem Ladenraum im Zelt und man war vertieft im eigenen Treiben. Ich glaube nicht wirklich bemerkt worden zu sein. 

Als ich weiterlaufe, ist die Sonne bereits nicht mehr allzu hoch. Es sind noch wenige Kilometer bis in die Stadt, mein erstes Zeil auf der Reise und ich mache nicht viel mehr, als mich einfach Schritt für Schritt dort hin zu schleppen. Die Füße tun auch heute wieder weh, aber inzwischen bin ich immerhin viel schlimmeres gewöhnt und komme klar. Die Natur ist und bleibt wunderschön. Scheinbar endlose Wälder türmen sich ohne Pause um den Straßenrand und jede Bergspitze, die im Hintergrund zu sehen ist, verliert sich zu gegebener Zeit auch immer in grünen Tiefen. Die Allgegenwärtigkeit von lebender Natur begeistert einen. Und trotz des schönen Weges war es im Endeffekt genauso schön an den Kreisverkehr zu kommen, der zur einen Seite in die Stadt führt und zur anderen tiefer in die Welt Korsika’s in Richtung meines Ziels, die Stadt Ajaccio. Mich führte eine lange grade Straße immer weiter bergab und hinein in die Küstenstadt Proprioano. Die Stadt selbst bleibt mir kaum in Erinnerung, aber irgendwann stand ich zwischen netten Straßen und Kopfsteinpflaster mit Touristengruppen auf den Fußgängerwegen und einem ruhigen, abendlichen Geschäftstreiben was mich bis zum Hafen begleitete. Auf dem Holzsteg konnte ich parallel solange am Wasser entlang gehen, bis ich erst den grün weißen Leuchtturm wahrnahm und sich um ihn herum ein toller Strand breit machte. Auf der gegenüberliegenden Seite war wieder eine Klippenzunge, die den Horizont zu Teilen einnahm und der Leuchtturm war an wundervoller Stelle. Zu ihm wollte ich, denn ich sah die breite Mauer aus großen Steinen zu jenem hingebaut und dachte dort vielleicht schlafen zu können. Vier meter hoch war die Mauer, die auf Kniehöhe beim Strand begann, aber durch das abfallende Terrain immer höher wurde mit den Schritten die ich tat. Auf der linken Seite unter mir toste das wunderschöne Wasser und Kinder schwimmen und tauchten darin umher. Rechts von mir war die Auffahrt bis hin zum Leuchtturm, also purer Beton, aber eben auch drei Meter unter mir. Ich erreichte den Punkt am Leuchtturm, welcher so nah wie möglich an dem Objekt lag, löste meine Tasche und die Isomatte, um mich zu setzen. Ich kramte mir das halbe, lange, ziemlich große, und vor allem schmackhafte Baguette hervor, welches ich mir erjagt hatte, und begann es wieder mit purem Kopfsalat zu verspeisen. Das ganze erinnerte mich stark an Norwegen, wo ich zu 70 Prozent der Zeit eigentlich auch nur an dem Laib guten Brotes gekaut hatte und meinen verlässlichen Kohlkopf roh aß, von dem ich wohl ordentlich Bauchschmerzen hätte bekommen können, welcher mich aber glimpflich verschonte. Ich hatte ganz und gar nichts gegen furchtbar simples Essen. Auch die Haferflocken trocken zu zerkauen und danach mit ein bisschen Wasser runterzuspülen, machte mir eher große Freude und versorgte mich mit Begeisterung darüber, was alles reichen würde zum Überleben und wie frei man dadurch wäre. Unsere hohen Ansprüche, unsere Gewöhnung an das Beste, unsere liebe zu Sicherheit, Komfort und Verständnis, stehen uns ab und zu ganz schön im Weg, wenn es darum geht echte menschliche Freiheit miterleben zu können. Naja, mein Abend war im Gegenzug zu meinem ollen Brot noch nicht gegessen und so saß ich noch kurz da, während die Sonne grade so wunderschön unterging, genau da wo die Küste den Horizont küsste. Auf dem Steinplateau auf der anderen Seite des Sonnenuntergangs, also vor dem Eingang zum großen Leuchtturm genau neben mir, da saß eine Familie aus zwei Erwachsenen und vier Jungs. Drei davon offensichtlich Brüder und ein dicklicher Kumpel, der abermals überwitzig von der Anhöhe ins Wasser sprang und umso mehr Freude hatte, umso schmerzhafter er auf der Wasseroberfläche aufzukommen schien. Die drei Brüder hatten wie ihr Vater alle eine Angel parat und hielte diese ins Wasser. Dass die Vier verwandt waren, konnte man an dem exakt gleichen, langhaarig braunen gewellten Lockenschopf ablesen, was allen fantastisch stand und jedem mindestens bis zu den Schultern hing. Der größte Bruder war ein bisschen genervt von seinen kleinen Geschwistern und reagierte erst auf das ständige Nachfragen von jenen nach dem dritten Mal. Mama saß neben ihm und die beiden redeten immer Mal wieder miteinander. Niemand fing einen Fisch, aber zu stören schien es niemanden. Ich beobachtete einen für mich wunderschön wirkenden Familienabend und ich wurde freundlich gegrüßt und manchmal neugierig angeguckt. Einmal blieb der Köder vom Blei zu schnell nach unten gezogen, hinter einem Stein am Boden hängen und kein Ziehen konnte ihn wieder befreien. Der junge Familienfreund sah sich auserkoren erneut mit großem Spritzen ins Wasser zu hüpfen und dann mit seiner Taucherbrille der Sehne hinterher bis zum Boden zu tauchen. Es müssen mindestens vier Meter gewesen sein, aber er schaffte es scheinbar ohne Anstrengung und kam mit dem kleinen leuchtenden Plastikfisch als Köder wieder zurück und strahlte. Ich guckte abwechselnd den Sonnenuntergang und diese nette Gruppe an bis es dunkel war und ich mich lösen konnte. Ich nahm mir fest vor etwas sozialer zu sein und lief einmal den Strand entlang ohne mich getraut zu haben, jemanden anzusprechen. Dort wo ich umkehrte, war eine Strandbar mit lauter Musik und sehr vielen Menschen. Natürlich stand ich da und dachte mir, dass diese eine gute Einladung wäre dort zu erscheinen und von niemandem gekannt völlig auszuleben und zu tanzen. Mir schien es trotzdem nicht das zu sein, was ich brauchte und Angst hatte ich natürlich auch… wer war ich schon auf einmal irgendwo im Poncho aufzutauchen und einfach tanzen zu können… ich lief also zurück und war entschlossen schlafen zu gehen. Zwei junge Frauen saßen am Strand und ich lief vorbei. Ich fragte auf Englisch ob ich mich dazu setzen könnte und sie sahen mich erschrocken an. Ihr Kopfschütteln nahm ich den beiden nicht übel. Ich war genauso von meinem Ansatz verwirrt. Ein bisschen weiter saß eine kleine Gruppe aus vier Freunden, zwei Männer und zwei Frauen, und als ich jene ansprachen richteten sich alle Augen auf mich, guckten kurz und dann wurde mir entgegen gelacht und man lud mich ein. Sie aßen grade und ich lehnte dankend ab, und den Rotwein trinke ich auch nicht. Man sieht es mir wohl nach und ich bin in der Lage ein nettes und fröhliches Gespräch mit allen gleichzeitig anzufragen. Wir stellen uns alle der Reihe nach vor und jedes Mal wenn jemand eine Frage hat, wird sie gestellt, die gefragte Person führt aus und übergibt mit einer weiteren Frage an die nächste Person. Die Vier sind eingespielt und es funktioniert flüssig, denke ich mir, während ich mir versuche die Namen Adrian, Violin, Julian und Charlotte zu merken. Sie kommen allesamt aus Paris und sind zwei Pärchen. Sie erzählen mir von ihren Abenteuern hier auf der Insel und was sie parallel zueinander erlebt hatten. Die beiden Jungs waren in fünf Tagen die 180 Kilometer des GR20 Gipfelpfades auf der Insel gejoggt. Die Beiden sind einfach mit Minimalausrüstung von Hostel zu Hostel gesprintet und ihre Freundinnen hatten sie dann mit Gepäck hier angetroffen. Ich finde das wahnsinnig cool, werde mit dem Kommentar aber abgewimmelt, weil sie meine Geschichte cooler finden. Ich finde die Vier herrlich süß. Erstmal natürlich die furchtbar nette Erscheinung aller und der sehnliche Wunsch in mir, mit allen langzeitig befreundet zu sein, ihre Weisen miteinander zu sprechen und sich einander anzugucken. Wenn sie über ihre Schulzeiten und den Werdegang hinterher erzählen, fühlt man den Zwiespalt und ihre Gründe scheinen völlig legitim. Trotzdem ist da eine gewisse Spannung, weil sie sich bestimmte Dinge nicht zutrauten und nun in mir den Beweis finden, dass es doch funktioniert hätte. Das sagen sie so. Sie arbeiten in den Sektoren Financing und Business, als auch Rohrarchitektur. Nur um das zu veranschaulichen: eigentlich wollten sie Bienenfarmer werden oder Formel-1 Motoren entwerfen und bauen. Mit ehrlichstem Interesse fragen sie nach meiner Reise zuvor und was ich bisher durchmachen durfte. Die Art wie mir vier Personen Mitte zwanzig zuschauen, die ich eigentlich super cool finde, macht etwas mit einem und ich beginne in Worten zu reden, die nicht meinem normalen Small-Talk und Sprachschema entsprechen. Ich fasse größere Wahrheiten in kleinere Sätze und die eine oder andere winzige Weisheit rutscht mir aus dem Mund, aber es passt. Ich merke es an den Nachfragen und den Blicken. Am Ende meiner kleinen Rede scheine ich sie tiefer inspiriert zu haben, als ich es mir erhoffen konnte. Als sie fragen, wo ich schlafe, deute ich auf meine Sachen, die im Dunkeln schwer zu erkennen an der Wand des Leuchtturms stehen und dann sind sie völlig geplättet. Man fühlt sich toll, wenn man so wahrgenommen wird, wie ich es grade tue. Ich bekomme eine Art der Bewunderung zu spüren, die ich zuvor noch für nichts in meinem Leben erhalten hatte. Ich führe das schriftlich aus, weil mir nun eine lange Weile danach klar wird, wie prägend diese Reaktionen auf mein Selbstbild waren und wie ich durch solche Zusammentreffen beginnen konnte mich immer mehr selbst für den gewählten Weg zu bewundern. Ich war nach Spanien schon echt stolz diese körperliche Hochleistung freiwillig durch so unglaublich viel Leid durchgestanden zu haben. Nun konnte ich den ganzen Stolz dafür fassen, dass ich in Santa Teresa auf Sardinien den Entschluss fasste weiter zu machen. Und das Leben würde nicht aufhören mich dafür zu belohnen, das kann ich versprechen. Wir verabschieden uns für diesen Abend und sie kehren ins Hotel, wo sie vielleicht noch ein wenig reden würden, bald aneinander gekuschelt unter weichen Decken einschlafen und dann vielleicht nie wieder an mich denken. Aber vielleicht würde ihre nächste Urlaubsreise unbewusst noch mehr zu einem minimalistisch ausgerüsteten Abenteuer werden und vielleicht erinnern sie sich genau wie ich ab und zu im Tumult des Alltags an unseren Abend. Ich hoffe die Vier wissen, welchen kostbaren Moment sie mir an diesem Abend beschert haben.

Ich gehe zurück zu meinem Rucksack aber überlege mir meine Schlafsituation doch anders, weil mir die tiefen Abgründe links und rechts von der relativ, aber nicht sehr breiten Mauer, doch unheimlich vorkommen. Ich schultere mein ganzes Gepäck und finde mich an einem dicken toten Baumstamm ein, der von unendlich vielen Insekten vergessen wurde. Obwohl das Holz selbst eigentlich noch gut ist, sind trotzdem tausende und abertausende Löcher im Holz und der Stamm sieht aus wie ein Kunstwerk. Hier gibt es den Windschatten nach welchem ich suchte und ich breite mein Lager aus, bevor ich mich hinsetze und eine Weile meditiere. Dazu habe ich immer öfter die Zeit und so herrlich wie auf Reisen allein, war diese wunderbare Praxis des Geistes beinahe noch nie. Sie bringt mir ein wenig Glück, denn die beiden hübschen Frauen, die mir vorhin eine Absage gaben, als ich fragte ob ich mich dazu setzen könnte, kommen grade auf mich zu und brechen wohl auf. Sie entschuldigen sich bei mir für vorhin und ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Sie schenken mir die Reste ihres abendlichen Snacks, ein paar Kekse und eine ganz wunderliche Sorte Chips, die Tüte noch halb voll, bevor sie nett winken und gehen. Mein Grinsen lässt sich für ein paar Minuten nicht abwischen, während ich das komische Chemiezeug auf meiner Zune zerweichen lasse und den Geschmack genieße. Das Meer rauscht, das Licht der Stadt ist hell, aber hinter dem Stamm gibt es weder Licht noch Wind und von der Sicht anderer Menschen in der Nähe bin ich ebenfalls geschützt. Wundervoll möchte man sagen. Sie Musik aus der Bar ertönt noch eine Weile, aber nur sanft und verweht durch das Rauschen von Wind und Wellen. Der Sand drückt sich flach unter meiner Isomatte. Die graue weiche Kuscheldecke von zuhause macht ihren Job fantastisch, der Poncho hält mich zusätzlich warm und die Barfußschuhe stehen nebendran zum auslüften. Alle paar Sekunden schwenkt der Leuchtturm rechts von mir sein Licht über uns hinweg und ich schlafe mit einem Lächeln ein…