E. Das Ein-Mensch-Gefüge seiner Wege
Dieses unglaubliche Seminar stellt die Spitze meines zwischenmenschlichen Erlebnisses da, denn nie zuvor hatte ich einen Ort, welcher in dieser Form mein Selbst von mir verlangte, indem man für das Echt-Sein zelebriert und geliebt wurde. In den Tiefen des Rhöngebietes saßen wir internetverschont in einer privatgeführten Jugendherberge, welche mich beim Ankommen so herzhaft einlud auch schon eine Nacht früher das Zimmer zu beziehen und mich wie selbstverständlich Teil haben ließ an dem Abendbrot für Gäste mit zu speisen. Herzlich gut erging es mir und herzlich besser wurde es mit jeder Person, welche dazu kam. Gesicht nach Gesicht erschien, welche alle seit einem Jahr nicht zu sehen waren, denn gemeinsam teilte man das Erlebnis eines gesamten Jahres freiwilliger Arbeit in diversen Ländern des afrikanischen Kontinents, und nun war man wieder vereint. Eine Familie, die unsere ist. Der Seminarinhalt gehört zu einem jener, welche man für das gesamte Leben als Ideal im Kopf behalten wird und das Seminar wurde scheinbar nur besser. Die Stunden der Nacht wurden immer kürzer bis die letzte Nacht mit keiner Stunde ein gelungenes Ende fand, dafür erlebte man was sonst verschlafen wären wurde und ich durfte mich nach Jahren wieder verlieben. Alles in allem ein wunderbares Fest aus Menschen des Herzens, welche einem den Übergang von Ferne zu Heimat deutlich vereinfachte und als viel greifbarer gestaltete. So etwas erlebe ich im Solo Travel Game nicht grade. Umso dankbarer bin ich für dieses zweite absolvierte FSJ. Nun, das Seminar endete schließlich auch, wie alles Gute und Schlechte eben zum Ende kommen wird, und die Highlights liegen als dicker Papierstapel auf meinem imaginären Schreibtisch in den imaginären Unweiten meines Zeltes, in welchem ich nun wieder lebe. Der Ortswechsel nahm mich aus dem fuldanahen Rhön bis in das äußerste Rheinland, an jenen Ort, an welchem der Strom selbst an Speyer entlang führt. Mit meiner besten Freundin traf ich hier aufeinander. Dass ich vom Seminar bis hier her kommen durfte und das innerhalb eines halbes Tramper-Arbeitstages, das verdanke ich dem Seminarangehörigen Felix, welcher für mich den Traum des Erziehers erleben wird und welcher wohl das authentischst-coolste im Menschsein verkörpert. Ich meine, welcher soon-to-be Erzieher spielt so gut E-Gitarre und verhungert lieber, als dass er in seinem völlig allein bestandenem Südafrikajahr aufhören müsste vegan zu sein, um dadurch nicht mehr mangelernährt zu leben…? Er fuhr mich und so viele andere die noch auf Plätzen, unter und neben jenen Platz fanden, mitkamen und ließ mich in Heilbronn rausspringen. Am dümmsten Autobahnkreuz und einer zugegeben schlechten Seitenstreifenkonstellation versuchte ich mein Dämmerungsglück, denn Sonne hatten wir keine mehr. In den letzten Minuten des Lichts hielt der beste Deutsche, ein Rumäne, und beendete meine einstündige Tanz-, Wink- und Grins-Session, welche ich dem Autovolk vortrug. Dabei tanzte ich jene Bewegungen, welche wir von unseren drei in Ghana durch ihre einjährige Arbeit vertretenen Mitfreiwilligen erlernten. ‘Kakalika’ heißt das Lied und noch nie konnte ich etwas derart tolles auswendig tanzen. Dem absolut entsprechend war meine Freude nun riesig daran, nicht mehr doof gelähmt am Straßenrand zu stehen, sondern jede Sekunde des nicht ausgestreckten, Daumen zeigenden Arms für jene energetischen Abläufe zu benutzen. Freude pur und der wundervolle Rumäne namens Val war auch ein ganz lieber. Als strenger Christ lebte er das Beispiel und nur sein Konsum und seine Liebe zu Sex machten ihn menschlich und dadurch unvollkommen. Er machte sich große Sorgen und konnte den Fakt, beziehungsweise die Lebensweise, von welcher ich ihm schilderte nur schwer verdauen. Er war dadurch stark mitgenommen, aber ich wollte ihm auch nichts vormachen und über Dinge lügen. Das wäre ja auch total dämlich. In diesem Fall hatte es zur Auswirkung, dass er mich nicht an meiner Ausfahrt rausschmiss, sondern extra abfuhr und die zwanzig Extraminuten in das Zentrum meiner Zielstadt fuhr. Oh wow… Ich steckte mein Handy an meiner Powerbank an, rief Mama an, um etwas auf die Schnelle zu organisieren, was meiner Freundin und ehemaligen aber auch zukünftigen Deutschschülerin helfen würde ihr nötiges Visa zu erwerben, um als Tansanierin drei Monate in meinem Elternhaus zu wohnen. Ein elender, finanziell ruinierender Prozess für diese Familie, welcher wir durch unser Einladungsschreiben zwar helfen konnten, aber welche trotzdem beim ersten Versuch von der Botschaft abgelehnt wurden. Ein schwerer Schlag für uns alle und meine Eltern konnten gar nicht fassen, wie ungerecht etwas derartiges wäre. Nun bekamen wir die Gründe und es ist eine alles eine völlig unzureichende Sache, weswegen wir den Prozess nun nochmal schnell anstoßen, um Blessing vielleicht ab dem 20. bei uns zu haben. Dafür das Gespräch mit Mama. Zeitgleich versuchte ich auf irgendwelche Weisen an meine beste Freundin Linnéa zu kommen, welche genau wie ihre Mutter das Handy am späten Sonntagabend wohl nicht mehr benutzen. Ich war nun also in Speyer, aber konnte diese Adresse nicht herausfinden. Ich dachte an die Parkbank und wäre total okay damit gewesen. Ich hatte sogar Proviant vom Seminar, bei welchem wir von zwei Jurastudierten eingekocht wurden und bestens versorgt und behandelt durch unsere Zeit kamen. Dabei war der Raum von uns gefüllt beim Abwaschen sogar der beste Raum zum sozialisieren, dicht gefolgt von der uns allen heiligen Raucherecke. Da aß man dann auch gerne seine Mahlzeiten… von der Küche bekam ich ein dickes, halbes Brot, eine Zwiebel nahm ich auch, das Olivenöl ließ ich da, aber eine Büchse Mais suchte sich noch Unterschlupf in meinem zerfallenden Riesenrucksack. Dann stürmten wir in den Regen und versuchten alle in Felix Auto zu passen. Die Fahrt bestand aus Musik, die nichts verstellt werden konnte und aus Schlaf, müden Kommentaren und drei Rauswürfen bei der Fuldabahn. Bei der Raststätte wurde geraucht und getanzt, von Mitmenschen verliebt geschwärmt und dann im Auto nur noch viel geredet, obwohl die Müdigkeit uns wohl bald zu Tode schinden würde. Es war eine tolle Fahrt und mein Abschied in Heilbronn wird mir ein ewig wertvoller bleiben. Ich suche den besten Weg, um mit all diesen Menschen das engste Langzeitverhältnis zu erschaffen und hoffe genau auch dafür durch den Verein und die Rotation einen Rahmen zu ermöglichen, in welchem jene meiner Menschen ihr Potenzial zur größten und bestmöglichen Veränderung einbringen können, damit wir durch das gemeinsame Streben vereint blieben. Von Heilbronn aus lief ich zur Autobahn, von dort fuhr ich mit Val nach Speyer, dort irrte ich zwei Stunden durch die wunderbare Innenstadt und fand den Pilger, eine bronzene Statue, welche mit halblangen Haaren, einem Hut mit etwas breiterer Krempe und einem langen Wanderstock, allerdings ohne schweres Gepäck, dafür aber ebenfalls Barfuß genauso, also wirklich genauso aussah wie ich. Selbst das Gewand besaß Ähnlichkeiten. Ich fühlte mich direkt wohlig zuhause und fand noch ein paar andere nette Ecken. Ein Kellner sagte mir mal den Weg zu einem ruhigen Ort und schenkte mir seine letzte Zigarette, welche mir gan unpassend kam, weil ich dachte das Rauchen bliebe wie mein Industriezuckerkonsum in den Seminarzeitraum gesperrt. Naja. Ich bog ab in eine Gasse, die so wie sie da lag, hunderte Jahre schon genauso und völlig unverändert und vielleicht auch menschenleer existiert haben könnte. Es ging eine unbewegte Stille und eine tiefe Ruhe aus dem Gebauten hervor, aber dann traten zwei junge Menschen aus einer Tür links, angeführt von ihrem unnatürlichen Wesens eines kleinen Hundes mit etwas längeren weißen Locken und einer Abneigung gegenüber rucksacktragenden Barfußheinis. Ich ließ ihn an meiner Hand riechen, aber er kläffte nach dem Akt des Riechens von Interesse getrieben, entschlossen weiter. Etwas viel besseres betrat die Bühne meines kleinen, eigenen Seelenerlebnisses. Die körperliche Erscheinung jener Seele, dich sich selbst durch ihre Eltern benannt, als Angelika erkennt. Sie hat diese Augen, aus welchen die Offenheit und Liebe für das Menschsein als Ganzes hervorgeht. Ihre langen braunen gewellten Haare, Jeans und Sneaker, angetroffen auf der Gassirunde mit ihrem Hund und ihrem Freund. Den Freund hatte ich kurz gegrüßt, aber er verschwindet in ihrer eigenen Haustür mitsamt dem Tier und schenkt uns eine eigene Minute des Seelenaustausches. Ich erkläre ihr in ganz kurz was ich tue. Bei ihrem Griff in die Hosentasche meine ich sofort, dass ich ihr Geld nicht einmal annehmen würde. Sie grinst und fragt, ob ich den Dübel aber schon einstecken würde. Wir glucksen rum und ich freue mich ohne Grenzen. Nicht über die Demenztröte, sondern den Fakt eine solche offene Freundlichkeit und Liebe in solchen unerwarteten Orten und aus solch einer spontanen Begegnung heraus empfinden zu können. Hoch erfreut wandere ich den Park mit Spielplatz und Holzkunstspirale direkt neben an und setze mich, um Mama mein lang verzögertes Hallo zu geben. Während dem Seminar benutzten nur die Wenigen ihr Handy. Ich bringe die Aufmerksamkeit sofort auf das, was ich im Familien Chat als phänomenal erkannte. Meine Mutter unterging eine Augenoperation, bei welcher ihr durch Laser die verkrümmte Hornhaut korrigiert werden sollte, welche ihr seit Kindheit das gute Sehen verunmöglichte. In ihrer jahrzehntelangen Büroarbeit und der nicht immer perfekten Brillen, welche Schiefhaltungen und wieder resultierende Verspannung auslösten, durchlitt sie so einiges und nun mit einer scheinbaren Lösung auszutreten, schien uns beide ohne Grenzen glücklich zu machen. Zwei Wochen müsste dieses Glück standhalten, um Normalität zu werden. Aber ganz vieles kommt in mir hoch. Unsere dreimonatige tansanische Besucherin, wird meine Mutter wohl nur ohne Brille kennen lernen. Das Leben und was es manchmal so bringt… macht mich schon seit langer Zeit sehr intensiv froh. Darüber schreiben zu dürfen, ist mir gleichermaßen eine größte Erfüllung. Mama hat noch ein Ass im Ärmel. Sie weiß wo meine beste Freundin wohnt. Warum? Ich habe mein Handy, mein erstes und hoffentlich auf ewig letztes, mein iPhone 13 Pro, welches ich mir Anfang siebzehn gekauft hatte, nachdem ich ab der fünften Klasse die letzte Person an der gesamten Schule war, die nicht im Besitz eines schwarzen Pixelrechtecks war. Dieses Handy ließ ich auf einer Holzbank im kanadischen Zuhause unter Corwyn’s Terrasse zwischen meinen beiden Minigärten, der Kuh- und Hirsch- und Hühnerwiese und unserem kleinen Teich von Jungbirken umwachsen, welchen ich seit Januar ab zum Eisbaden benutzte und hier auch die Atmungstechniken nach Wim Hof kennen lernte. Dort lag das Smartphone, als ich ins Auto stieg und Richtung Heimat kutschiert wurde. Meine Tickets waren ausgedruckt und der einsetzende Schreck, als wir es auf der fortgeschrittenen Fahrt unter Zeitdruck erfuhren, hielt sich in Grenzen und verwandelte sich bald in mein schallendes Gelächter und das Wissen um meine wochenlange mediale Unverbundenheit und der resultierenden Freiheit. Nie hatte ich so deutlich empfunden, wie sehr mir mein siebzehn Jahre langes Leben ohne Smartphone gefehlt hatte, bis zu dem Moment als ich in diesem Auto neben meiner guten Freundin aus Lettland, meiner Kristine, zu diesem Umstand erneut aufwachen durfte und auf einmal alle Gefühle dieser Zeiten wiederkamen. Soo… bevor wir es vergessen: mein Handy ließ ich dort. Meine beste Freundin Linnéa brachte es nach Deutschland und musste es dann an mein Zuhause schicken. Auf diesem Paket stand ihre Absenderadresse und genau jene fand meine Mama in unserem Chat und sagte mir ihre Adresse durch… sag selbst! Wie unglaublich cool ist diese Frau? Crazy coole Mama! Ich hatte auf einmal also einen Dübel, eine Adresse und noch eine Stunde Fußmarsch vor mir, bevor ich dann vor Linnéa’s Haustür strande und versuche darauf klar zu kommen, dass ihre Klingel kaputt ist. Ich hatte geklopft, dann mit der Überwachungskamera dialektisch diskutiert, dass ich nichts Böses möchte und nur olle Lennart aus Kanada bin. Dann hatte ich mich hingesetzt und meditiert. Als ich darauf kam, dass das wohl die ganze Nacht so gehen würde, entschloss ich mich ‘Pedagogy of the Oppressed’ weiterzulesen, das laut, aber auch hier reichte der Tonpegel nicht, um ins Bauhausinnere zu dringen. Das Buch ist und bleibt die größte und beeindruckendste Materie mit dem größten Potenzial Menschen durch Bildung frei zu machen. Wer die Welt durch Bildung verändern möchte, liest Freiere. Nach ein paar Seiten beginne ich meine stille Verarbeitung und diese wird wiederum von einer Gesangseinlage abgelöst, welche alle Lieder, welche auf dem Seminar die frohen Lüfte füllen durften, nochmal Retour gesungen wurden. Ich steigerte dabei Lied um Lied die Intensität und endete mit einem Befreiungslied der Goldwerkern aus Südafrika, ein Call- und Repeat-Stück, welches mit den richtigen Menschen die Wände der systematischen Ungerechtigkeit zum Beben bringen kann. (Der Text ist nach Gefühlö und Gehör hier aufgeschrieben. Übel unprofessionell, aber ich finde auf die Schnelle keine Quelle zur Lyric. Hier ist Wikipedia) Shosholoza! SHOSHOLO-O-ZA!! Kule suntahaba. Stimela s’pume South Africa. Wenjujabaleeka! WENJUJABALEEKA!! … und dann … - ging die Tür immer noch nicht auf! Mist. Ich wusste, dass es nun entweder hieß ganz ganz lange zu meditieren und ich wusste, dass eine Nacht vor dieser Tür keine unbedingt schlechte wäre, allerdings stellte ich mir das schlechte Gewissen meiner potenzieller Gastgeber schrecklich geschädigt vor, wenn sie wüssten, dass ich nur wegen einer kaputten Klingel und ihren ausgestellten Smartphones vor der Tür genächtigt hätte. Ich machte als das Seil meines Rucksacks los und erklomm an der rechten Regenrinne… ha! Ich mach nur Spaß ;) Ich ging zur Tür und klopfte nochmal richtig. Was für ein angenehmes Glück, denn diesmal stand schon bald ihr Papa vor der Tür. Bei seinem Gesichtsausdruck hatte ich das Bedürfnis meinen zu nennen, aber meinte lachend, meinen Namen natürlich zu kennen und scheinbar erholt von dem Schock des Unerwarteten, kündigte er frohlockend Besuch bei seiner Frau und seiner unglaublichen Tochter an. Ich wurde so herzlich aufgenommen und ich werde mich immer an die Beine in hellgrauer Jogginghose erinnern, die sich die Treppe herunter machten und das Gesicht meines persönlichen Engels, welcher mich im Ausdruck höchster Überraschung anstrahlte und es gar nicht fassen konnte. So wurde ich noch nie empfangen. Seit mehr als zwei Jahren haben wir uns nicht gesehen. Was für eine fatale Zeit im Beginn unserer Zwanziger und was für eine wundersame Wendung nun doch hier zu sein. Niemals hätte ich gedacht noch heute anzukommen und schnell lernte ich, dass das abgemachte Datum zum Treffen zwar an diesem Tag gewesen wäre, allerdings einen Monat später. Das erklärte mir für einiges. Das ausgemachte Handy hatte mich tatsächlich verwirrt, schließlich dachte ich heute oder morgen kommen zu sollen. Naja. Ende gut alles und es wurde nur immer besser. Ich durfte alles in ihrem Zimmer ablagern. Auf dem Seminar hatte ich keine Seife dabei gehabt und mein gesamtes Zimmer irgendwie auch nicht. Das machte mir ein wenig Sorgen über das Konzept Mann. Warum nehmen die auf sechs Tage Seminar keine Seife mit?? Hier durfte ich drei verschiedene Seifen nutzen und bekam sogar neue Klamotten, allesamt von Linnéa, aber sie passten. Das T-Shirt zeigte die berühmten Totempfahl der indigenen Bevölkerung Nordamerika’s. Sie schenkt es mir und nun ist es neben allen anderen Klamotten das schönste Andenken an Kanada und sie. Den Ring, welchen ich am linken Ringfinger seit damals mit mir führe, fand ich während Linnéa’s und meiner Zeit auf Hawaii, Honolulu, und auch die restlichen Klamotten und Dinge waren ihr noch bekannt. Das schönste Armband mit rotem gezwirbeltem Band und einer Kugel aus Echtgold mit Hanzi eingraviert, wurde mir von unserer für ewig unvergessenen Mitbewohnerin Kristi geschenkt. Der lilaschwarze Pullover war aus der riesigen Second-Hand-Kette Value Village in Kanada und der Poncho wurde mir über magische Umwege von dem beeindruckendsten Bewohner der Glenora Farm auf Vancouver Island vermacht. Dieser Mann heißt Beet. Inzwischen buddhistischer Mönch war er davor Weltbürger und ‘Psychonaut’ - Astronaut in der Welt der Psyche. Seine Vergangenheit und was er besaß gehört nun uns Menschen von Welt. Sein Leben gehört der Heiligkeit eines Klosterlebens. Ich trage seinen Poncho ihm zu Ehren und möchte das Potenzial einer solchen Erscheinung in meiner Rotation natürlich auch kennen lernen. Der Poncho ist aus mexikanischer Fertigung. Die Strukturen und Muster geben Aufschluss über die Herkunft und tragen in ihrer Abfolge eine eigene Bedeutung. Als mein Pariser Gefährte und ich auf einer Parkbank in Mailand schliefen und grade noch von Monaco kamen, da setzte sich diese hübsche Mexikanerin neben uns, wir teilten den drei Uhr nächtlichen Joint und ich unterhielt mich mit ihr auf italienisch, weil ich das besser konnte, als sie Englisch. Ich kann allerdings auch kein italienisch… so ein Ding war das. Aber sie erkannte die Art Poncho genau und erzählte mir Namen, für die ich mir den Finger abtrennen würde, könnte ich sie nochmal hören. Spaß… naja, also zu großen Teilen Spaß. Wäre Fingerabtrennen eine pur schmerzbedingte Sache, aber ein nachwachsender Prozess, wäre ich die erste Person in der Schlange vorm Hackebeil. Das Schild darüber würde in großen Lettern verkünden:
‘HIER UND NUR HIER - ZUM PREIS EINES FINGERS EINE VERGESSENE ERINNERUNG - FUER ABLAẞBRIEFE PERS. NACHFRAGEN!!!’
Das klingt gar nicht mal so unrealistisch und der Placeboeffekt würde auch unglaubliche Wunder vollbringen können, aber es scheint ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Elftes Jahrhundert in England wäre dieses Geschäft neben der Spielgrotte und dem Schlachter. Gute Nische… Nische wirtschaftlich logistisch gedacht!
Wir driften ab. Poncho - Beet - Linnéa. Ich stehe in ihrem Zimmer, geduscht, neu gekleidet. Ich darf bei ihr in den Daunen schlafen und wir reden noch eine Stunde. Mir fehlt Schlaf, ihr fehlt längerfristig noch mehr Schlaf. Sie lebte so völlig anders und litt. Es schmerzt im Herzen die beste Freundin nach so langer Zeit wiederzusehen und so wenig Nähe geteilt zu haben. Mein Fehler wird Zeit der Heilung brauchen. Ihr Körper und Geist braucht diese Heilung ebenfalls, aber ihr Umstand ist ein völlig anderer. Wir schlafen ruhig. Ich ohne aufzuwachen - sie von Schweiß geplagt. In Kanada hatten wir uns für Monate ebenfalls eine schmale Matratze geteilt. Ich erinnere mich, dass ich auch schon damals immer mit meinen Barfüßen Dreck auf die Matratze geholt hatte. Ein Umstand mit welchem sie so unglaublich okay war… ich hab sie endlich wieder. Die Person, mit welcher ich mir das Erlebnis meines zweiten halben Jahres in Kanada geteilt hatte. Eine märchengleiche Erinnerung gestickt aus Erinnerungen in Blumenfeldern an Bachläufen, Lichtungen in Waldestiefen und Stegnächte am See. Das Szenario, welches uns wieder in den Sinn kommt, ist die Beobachtung eines Himmelszenarios, welchem ich alle Echtheit abgesprochen hatte, bis sie mich nun erinnerte, dass es wirklich geschah. Was wir auf dem Steg liegend in einer dieser Nächte beobachteten, war eine Sternschnuppe auf einer anderen Dimension. Dass sie den gesamten Himmel über uns passierte, war der eine Umstand, welcher nur noch durch das Aufleuchten und Abdimmen, das absprühen der Feuerkraft des Boliden und das aller unglaublichste - das Geräusch, welches die ganze stille Seewelt und den Wald darum in eine gesamte akustische Schwingung versetzte. Dass so etwas tatsächlich stattgefunden haben soll, braucht vor allem für dich, liebe Lesemaus, größtes Vertrauen. Wenn du mich nicht persönlich kennst, dann ist das eine wahnwitzige Übertreibung, eine Hyperbel, um dem Schreiben etwas mehr Pepp zu geben. Wenn du mich kennst und meinem Weltenerlebnis jegliche Fiktion absprichst, weil du weißt, dass ich bei allem tatsächlich dabei war, dann kann ich dir wertvolle Informationen zu diesem unfassbaren Himmelsphänomen geben. Denn was wir beobachten, findet durch alle Jahrhunderte hinweg wieder und wieder Erwähnung in der Menschheit. Nur selten und nur bei Fällen, die an dicht besiedelten Zonen wie Großstädten stattfinden, wird auch wirklich Bericht erstattet. Der Rest gehört den Wenigen unendlich glücklichen. Folgendes geschah auf Basis der Wissenschaft: Boliden werden in die Erdatmosphäre eintretende Himmelskörper benannt, welche im Durchmesser größer als ein Meter sind. Das Aufleuchten und Abdimmen während des Fluges, sind für jene Erscheinung typisch, da sich während dem rasanten Himmelsspiel Fragmente abspalten und explodieren. Daher das pulsierende Lichtbild, welchem wir Teil wurden, da es nicht nur ein Himmelsteilchen war, welches in einem Glutintervall verbrannt war, sondern geteilt und dann wieder verbrannt und verbrannt wurde. Das ist der optische Teil. Aber warum um alles in der Welt, kann ein Himmelsobjekt, welches den ganzen Himmel über einem passiert und dabei alles um einen herum auch noch erhellt, ein solches Geräusch machen? Die wissenschaftlich Begabten müssten hier den größten Fehler, welcher meine Fiktion belegt hätte, gefunden. Denn welcher Schall wäre so schnell wie das Licht des Himmelskörpers? Selbst in 50 Meter Entfernung scheppert eine zugeschlagene Autotür noch deutlich versetzt zum Anblick. Dieser Ton muss etwas anderes gewesen sein. Hier die Antwort: Es gibt zwei Arten von Tönen verbunden zu eintretenden und verbrennenden Himmelskörpern. Viellicht drei, wenn man einen möglichen Einschlag mit einrechnet. Aber die erste Option wäre das legendäre Phänomen des ‘Sonic Boom’. Wow! Ein Geräusch, welches Minuten nach der vorbei gezogenen Sternschnuppe von jenem Eintrittsort in der Späte her stammt und die Distanz zwischen Eintritt und Beobachtenden in Minuten überbrückte. Man hörte dann das Eindringen des Meteoriden in die Erdatmosphäre. Das gibt mir persönlich Gänsehaut. Was bei uns geschah macht mich allerdings noch viel aufgeregter. Denn wir nahmen etwas anderes wahr. Keinen Knall, sondern ein Zischen, ein Schaben, ein Klicken… unzählbare Jahrhunderte und die menschlichen Beobachtungen darin bestätigen die Echtheit des Phänomens. Erst jetzt lebt man in Zeiten, in welchen man einen befriedigenden, wissenschaftlichen Ansatz zur Erklärung beitragen kann. Die Wissenschaft erschuf den Term ‘Electrophonic Sound’, welches das Resultat von jener sehr niedrig-energetischen, elektromagnetischen Spannung wäre, welcher der Bolide durch seine Reise erschafft. Dieses elektromagnetische Feld breitet sich in Lichtgeschwindigkeit aus und erreicht unseren Standpunkt, von welchem aus wir wahrnahmen. Mit jeder Oberfläche und jedem Material interagiert das Feld und bringt all diese Dinge in eine gewisse Schwingung, welche dann einen Ton genau an unseren Ohren erzeugen. Wahrgenommen wird das Phänomen also, als wäre gleichzeitig von dem Boliden aus ein Ton ausgegangen, wobei es sich eigentlich um ein elektromagnetisches Summen des ausgestrahlten Energiefeldes in Interaktion mit unserem unmittelbaren Umfeld handelt.
Okay… crazy. Ich wusste nicht, dass das Bedürfnis einer Erklärung so tief in mir geschlummert hatte, aber auf der anderen Seite kann man sich nun vielleicht besser denn je vorstellen, welche Art von Zeit meine beste Freundin und mich an diesem Ort auf Vancouver Island vereint hatte und welche Energie im Raum war, als wir uns nun nach zwei Jahren wieder hatten. Und in wenigen Stunden sprechen wir uns die offiziell beste und höchste Freundschaft aus, auf dass uns diese Bindung nicht noch einmal in den Wind geraten kann. Aber das ist Morgen.
Wir hatten noch ein schönes Frühstück, bevor wir zum Rhein liefen und Angelika’s Geschenk vaporisierten. Es gab Brot und vegane Frikadellen. Aufstriche und Gespräche, von größter Wichtigkeit. Ich weiß nicht wie Linnéa das vollbracht hatte, aber sie war dem bösen Erwachen bisher kindlich sicher entgangen. Auf der anderen Seite plagten sie bisher schon Dinge, welche gar keinen Spielraum für existenzielle Extrasorgen dieser Art zuließen. Es war gut uns wieder so zu haben und dass ihr Bruder dazu kam, war genauso schön. Sein Input brachte das Gespräch nochmal in ganz wundersame Richtungen und dann war Mama Linnéa auch wieder zuhause. Wir zogen uns schöne Sachen zum Sonnenspaziergang an, ich meine Jeans, welche ich aus Kanada habe, und den lilaschwarzen Pullover, welchen ich aus Kanada habe und die nackten Füße, welche sie ja auch schon immer an mir kannte. Ach, meine Linnéa! Die grüne Zigarette rollte ich in das untere Hosenbein ein, ihre Mama hatte einen Salat für uns gekauft, welchen wir mitnehmen und meine Steinschleuder steckte ich auch in die Tasche. Der Rhein war keinen halben Kilometer entfernt, das Ufer voller kleiner Steine und das Gespräch voller großer Erkenntnisse. Wie das eben so ist. Besonders spannend fand ich, dass mir die Illusion eines Plans kurzzeitig völlig genommen wurde. Der Moment wurde immer klarer, als ich begann zu hinterfragen, warum ich denke in Freiburg sein zu müssen oder warum ich schon jetzt auf der Heimreise bin. Mit Linnéa an der Seite war es auf einmal nichts unrealistisches mehr in das nächste Schiff zu steigen und einfach mal mitzufahren, gespannt darauf was passieren könnte. Ich hatte kein Handy dabei, ihres war leer und der Ausgangspunkt wäre eine Steinschleuder und ein fast leerer Salat. Ein tolles Abenteuer hätte aus so einem Umstand entwachsen können, aber ein anderes Thema nahm uns den Gedankenstrang dieser Richtung. Es ging um Beziehungen und ich lernte viel dazu. Die Essenz meines Verstehens war zu bemerken, dass das was in jenem vergangenen Seminar geteilt war, ebenfalls Liebe war. Freundschaftliche, bedingungslose Liebe zwischen so vielen Menschen. Linnéa so nahe zu sein war mir gleichermaßen schwierig einzuordnen, aber es als diese Liebe zwischen Freunden zu verstehen, half meinem eh schon überforderten Kopf sehr. Ich fragte, ob sie meine beste Freundin sein möchte und ihr Strahlen werde ich hoffentlich nie vergessen.
Noch am Abend würde ich aufbrechen. Die Sonne stand bereits tief und mein geschenkter Proviant machte mich schwer. Ich fand eine traumhafte, dicht bewachsene Wiese und lag dort auf meinem Poncho mit dem Blick in die sonnengeröteten Wolken des Abends. Der Schlaf war zu verkraften, die Füße doofer Weise immer noch kalt, weil ich die Socken, die mir Linnéa schenkte für die nächsten drei Tage erstmal wieder nicht finden könnte. Das Aufwachen war durch das Stechen der jungen Sonnenstrahlen und dem Gras so nahe zu sein, während ich beschützt in meiner Zelthülle liege und die Welt durch das feine Netz betrachte, ist wirklich etwas wunderbares. Bald ging ich los und fand mich wieder am Rhein. Lange spazierte ich, kurz telefonierte ich, dann schrieb ich auf einer Bank sitzend und kam den Bahngleisen folgend irgendwann in eine miese Sackgasse. Ein Zaun rettete mich vor zwei Kilometern rückwärts laufen und ich fand mich gefangen in einem Betriebsgelände, welches scheinbar das Brezelfest organisiert hatte. Zu meinem Glück fuhr ein LKW ein und sie ließen mich das dicke, graue Tor passieren. Ich hatte beim warten weiter den Proviant zunichte gemacht und hatte nun noch die Mandeln. Ich sprach eine Dame an, die grade von ihrer Arbeit bei der DHL kam und sie gab mir gerne eine Zigarette und fand meine Geschichte beeindruckend. Dann irrte ich hinaus aus dem Industriekomplex und fand mich am Waldrand wieder. Ich guckte in das tiefe Grün und etwas farbliches blitzte in einiger Ferne auf, sodass ich beschloss ganz grade darauf zu in das Unterholz zu steigen. Ewig schwierig war das und einmal legte es mich beinahe hin. Bei meinem lauten Ausfallschritt scheuchte ich ein großes Reh keine fünf Meter neben mir hoch, welches mit langen Sprüngen ganz in Ruhe Distanz gewann. Die letzte Barrikade war aus puren Brennnesseln und die Schritte waren das farbliche Etwas nicht wert. Aber es war ein kleiner Weg den ich fand und eine Schrifttafel, welche einen wieder zu bilden versuchte. Ich berieselte mich mit der Materie, schoß dann mit meiner Schleuder eine Haselnuss auf den Boden und entschied mich für die Richtung in welche die Nuss sprang. Nach links… ne, stimmt. Das war rechts. Ich ging rechts zur nächsten Straße und dann nach links zum dortigen Rheinufer. Ich fand eine perfekte Bank und wäre hier wohl für die Nacht geblieben. Es kam noch jemand zu Besuch. Zuerst war es der nette Mann mit dem sehr langen Pferdeschwanz mit weißem Haar. Er war mit Fahrrad angekommen und nahm auf der Bank neben mir Platz. Ich sprach ihn direkt an und wir redeten für beinahe zwei Stunden bis es bereits dunkel war. Er drehte und ich durfte auch drehen. Filter nutzte er nicht. Seinen Namen weiß ich nicht mehr sicher. Aber ein netter Mann und ein echtes Wohlfühlgespräch. Als er ging, machte ich Qigong, tanzte zu meiner neu auf dem Seminar erlernten Choreografie rief dann Mama an, welche mir von ihrer geschehenen Laseroperation am Auge im genauesten unterrichtete. Mich begeisterte das Passierte unglaublich. Sie beschrieb den Prozess genau und nannte etwas sehr interessantes. Als sie Kralle ihren Augapfel griff, wurde ihr kurz danach wohl die Linse des Auges hinaus genommen. Sie verlor ihr Augenlicht für diese kurze Weile, aber das sich ihr eröffnende Bild wird ihr für immer in Gedächtnis bleiben, sagt sie. Was sie sah, war nicht weniger, als eine Art Sternenhimmel, durch welchen die Milchstraße in unglaublichen Farben verlief. Das Detail und die Farben, die Dimensionen waren völlig unbegreiflich. Sie zitiert ihren Gedanken, dass wenn jener der letzte Ausblick ihres Lebens gewesen wäre, es das wert war. Sie verlor ihr Augenlicht nicht, wurde gut umsorgt und sieht nun das erste mal mit 100% in ihrem Leben, nachdem sie Jahrzehnte der Hornhautverkrümmung davon abhielten. Was ihr eingesetzt wurde ins Auge, ist eine Art Linse, die so komplex ist, dass ich gar nichts mehr verstand, aber irgendwie kann sie jetzt trotzdem alles sehen. Und die Freude, während sie mir davon berichtete, war eine herzerwärmend überbordende. Es ist ein ganz eigenartiges Phänomen, der eigenen Mutter dabei zuzuhören, wie sie das erste Mal in ihrem Leben richtig sieht. Eine tolle Gesamtzeit für unsere Familie auf eigentlich jeder Ebene, die mir grade in den Sinn kommt. Mein größtes Privileg…
Die Nacht hätte durch sein können. Während dem Telefonat kam noch ein Mann mit seinem kleinen Hund vorbei, da war ich grade noch im Telefonat, und zuerst hatte ich gedacht man hätte der Fußhupe eine Stirnleuchte an den Bauch geklebt, denn unter ihr floß gleißend hell weißes Licht und machte das kleine Wesen zur wandelnder Birne in pechschwarzer Nacht. Ich grüßte den Hund sehr freundlich und dessen Besitzer freundlich genug, sodass wir auch kurz sprachen, aber ich hatte Mama noch in der Leitung. Schade, dass Mama noch nie in Person mitbekommen hat, wie ich auf Menschen zugehe, um zu sehen wie weit ich mich auf sozialer Basis der Menschenskompatibilität entwickelt habe. Der Abend wird still. Ich tanze zu dem Lied des Seminars und bin bereits sehr warm eingepackt; bereit zum Schlafen gehen. Dann fällt mir ein Zettel in meiner Ponchotasche ein, auf welchen ganz viele süße Glückwünsche und gute Worte an mich gerichtete wurden, verfasst von den Menschen meiner Gruppe des Seminars. Das Blatt ist blau und benutze meine Taschenlampe. Ich stehe neben der Bootsrampe direkt am Rhein und das blaue Licht strahlt mir entgegen, während sich ein gutes Gefühl durch jene Worte ausgelöst in mir breit macht. Zeitgleich erreicht Christoph den Parkplatz und beginnt auf sein Handy schauend umher zu wandern. Es ist nach elf Uhr abends und er liest die Wegbeschreibung in der ihm weitergeleiteten Email immer wieder. Er guckt sich um und sieht mich im Poncho, blau bestrahlt von dem Papier, welches ich da lese. Er geht davon aus, dass es eine Karte wäre und ruft mir zu, ob ich denn auch die Trommler suche. Ob ich vielleicht schon Trommeln von Weitem gehört hätte und ob ich den Weg links am Ufer entlang kennen würde. Nichts dergleichen war der Fall, aber mein Interesse hat der gute Mann, welcher sich beim näher kommen als eine Person über 60 mit schönen stahlgrauen, längeren Haaren, großer Statur und überaus freundlichem Gesicht heraus stellt. Trommler, frage ich. Die habe ich nicht gesehen, aber das klingt wahnsinnig interessant. Kann ich sie vielleicht auf dem Weg begleiten und sie gemeinsam finden? Christoph findet die Idee spitze und ich dackel los, um meine Tasche neu zusammen zu packen und mit ihm am Ufer entlang zu tapsen. Er erklärt mir, was uns da bevor steht. Meine Geschichte findet er höchst erfreulich. Als wir auf dem schmalen Pfad am Ufer entlang laufen, beschreibt er mir, wie vor hundert Jahren noch die stärksten Männer genau hier entlang schritten, mit riesigen Hanfseilen in den Armen und wie sie mit aller Kraft die damals noch nicht mit Motor betriebenen Schiffe den Rheinstrom aufwärts zogen. Ich wünschte ich hätte mir das Wort besser gemerkt, welches diese Arbeit, die Personen dahinter und nun den Pfad durch Worte in die Geschichte meißelte. Wir schreiten genau an jenem entlang, dann grade durch junge Brombeeren, durch welche Christoph dann merkt, dass ich barfuß laufe. Er ist ein bisschen mehr begeistert. Ich erzähle von den letzten drei Wochen und dass ich nach Freiburg reise, weil ich mich verliebt habe. Das findet er besonders super. Und dann kommen uns drei Menschen entgegen, welche mir die größte Hoffnung überhaupt auf die Art von Treffen machen, von welchem ich gleich Teil sein werde. Die Trommeln waren normales Gepäck im Verhältnis zu der Außergewöhnlichkeit was Frisuren und Klamotten der Personen anging. Mein Wegbegleiter nahm sich die Freude mich direkt vorzustellen. Er war allerdings noch nie bei einem solchen Trommeltreffen und kommt heute mal, um seinen Bruder nach langer Weile zu sichten. Die Menschen kennt er auch nicht, aber nett sind sie. Dann kommt der kleine Lichtpunkt des Feuers in den Sichtbereich. Er sieht es zuerst und er macht einen lauten Jodelton. Ich nutze die Ausrede einer Situation, um den witzigen Jagdschrei aus Glenora, meinem kanadischen Zuhause zu praktizieren. Der Zweilaut trällert, aber ich bezweifle, dass wir gehört wurden. Denn die Atmosphäre die wir nun über Umwege und Grünpfade hin zu Sandbänken betreten, ist das Rheinufer beim Niedrigstand. Eine Gruppe aus 15 Menschen sitzt an einem kleinen, respektablen Lagerfeuer und alle haben Trommeln an und um sich. Man bemerkt uns kaum, aber wir halten uns nicht zurück die Gruppe offen und freundlich zu begrüßen. Der Bruder von Christoph ist ein sehr netter Mensch, mit welchem ich schnell in der Thematik der Anthroposophie eintauche. Ich realisier begeistert, in eine Gruppe spirituell angehauchter Hippies und Anthroposophen und Trommelliebhabern gekommen zu sein. Der Ausrichtende der Runde stellt sich als Klaus vor und er verkörpert den Dress- und Hair Code der gesamten Bande am eindeutigsten. Wundersam dichtes, weißes Haar, lang. Strahlend wache Augen, die grade aus der letzte Trance der vorangegangenen Trommeleinheit kommen. Die beiden Damen neben mir sind ebenfalls herrlich nett und ich mache mich auf meinem grünen Tuch dafür bereit, bei etwas Unglaublichem dabei sein zu dürfen. Mir steht eine längere Meditation vor. Das Spiel startet langsam und durch den Impuls von Klaus. Ein einzelnes Schlagen des Fells und ein von Bedeutung befreiter, wiederholender Ruf. Viele Dinge lösen Erinnerungen und starke Verbindungen zu Kanada aus. Die Art von besonderen Menschen, die eine Trommel mit jadegrüner Kunst auf dem Feld, welche nordamerikanische Darstellungen von Vögeln und Fischen auf sich trug. Ich trage unter meinen vielen Schichten das von Linnéa geschenkte T-Shirt auf welchem dieselbe Kunstform in einem Totempol(?) verkörpert auf dem Brustbein prangt. Eine Person nach der anderen taucht in die Klangharmonie und füllt die kühle Luft um das Rheinufer und die Lagerfeueratmosphäre mit dem Trommeln und Pauken und ich sinke tiefer in meine eigene kleine Ruhe, lasse die Kläger zu Bildern hinter den Augenlidern werden und richte meinen Rücken immer mehr auf. Zehn Minuten lang steigert sich die Intensität und immer wieder neue Abfolgen von Klängen tauchen von links und rechts auf, bis alle ihren Beitrag begleitet haben. Ein langes Holzhorn, welches bestimmt einen genauso tollen wie mir unbekannten Eigennamen trägt; Stöcker, die kleine, luftige Gummipuffer an ihren Enden tragen und beim Aufkommen auf dem Boden ihre Töne tun. Dann klingt die Musik aus und alle Felle werden wieder still. Meine Begleitung Christoph pfeift anerkennend und andere klatschen. Ich öffne meine Augen und lächle wie ich es während dem Prozess schon tat. Mir werden die beiden Instrumente mit pfeifenden Luftpolstern gegeben und bei der nächsten Runde bin ich dabei. Und der danach auch. Und dann frage ich den Mann mir gegenüber hinter dem Lagerfeuer, ob ich zu ihm kommen kann. Er trägt auch einen Poncho und bei ihm sitzend werde ich Teil indem ich auf Steinen mit klopfe. Eine Dame lerne ich kennen, welche von 25 Jahren Klettererfahrung berichten kann. Eine andere, eine Christin, erzählt von ihrer ersten Verbindung zu dem Ort, den vielen Jahren mit diesen Menschen, von ihrem Traum im Wohnmobil zu leben und von ihrer leidenden Mutter. Die beiden Männer neben mir rauchen mit mir und später helfe ich den Leuten beim zusammen packen. Die nette Christin heißt nicht Christine wie Tinchen in Magdeburg, sondern Tanya und wir laufen zusammen an der flachen, trockenen Bank des Rheins zurück zu ihrem Fahrrad neben dem Wald. Sie ist mir herzlich sympathisch. Zeitgleich kommt ein Mann namens Bo mit einer Vielzahl von Instrumenten und beginnt sie in seinem Anhänger zu verstauen. Um zu verstehen, was vor sein Anhänger gespannt ist, brauchte ich ein paar wenige, intensive Momente des Beschauens, bevor ich mit Sicherheit sagen konnte, dass ich keine, also wirklich keine Ahnung hatte, was das Ding vor mir ist. Eine silberne Karosserie, genietet und geschweißt, gebaut wie eine kleine Rakete, kein sichtbarer Motor, ein kleines Schutzschild gegen den Wind und ein Innenraum viel detaillierter, aber weiträumiger als gedacht. Ich lege meine begeisterte Unwissenheit vor Bo’s Füße und er nimmt mich in die intellektuellen, väterlichen Arme seines Wissens und stellt mir sein unglaubliches, bereits durch die Welt gereistes VELO-Mobil vor. Ein Liegefahrrad mit Karosserie. Selbst zusammen gebaut. Dieses noch ein Elefant unter den Velo’s, aber je nach körperlicher Verfassung schaffen diese Dinger 60 Km/h und wenn sie modernde Kunststoffleichtbauten sind und man eine*n Rennradfahrer* dahinter setzt, sogar ganze 90 Kilometer pro Stunde. Er erzählt von einem Erlebnis, bei welchem er 24 Stunden durchgefahren war und dabei über 400 Kilometer zurücklegte. Er erzählt von den jubelnden Kindern, den staunenden Gesichtern, der frischen Luft und der Begeisterung der vielen Menschen auf seinem windigen Weg. Ich bin auf allen Ebenen erleuchtet und inspiriert und denke an mögliche Reisen durch die ganze Welt, während er mir die Eigenheiten seines besonderen Models zeigt, es zur Seite lehnt, den Innenraum erklärt, den Werkzeugkasten hervor holt und mich so tiefer und tiefer in meine träumende Vorstellung wiegt. Lange bleibe ich in Erinnerungen an dieses Gebilde hängen. Als sich diese beiden Menschen entfernen, spaziere ich durch junge Brombeeren hin zum steinigen Ufer und durch dessen Vegetation im nächtlichen Mondschein liegend - zurück zum Lagerfeuer. Ich erkenne die Artenvielzahl in dieser Lichtstellung klarer und völlig anders zum sonstigen Kraut unter der Sonne. Jedes einzelne ist mir wie ein eigenes kleines Wesen, welches mutig sein eigenes Konzept von Pflanze der Welt gegenüber präsentiert. Und ja, ich hatte was mit den beiden Dudes davor geraucht, aber das macht das Erlebnis ja nicht weniger echt oder wertvoll oder menschlich. An diese Beiden denke ich grade auch wieder auf den 200 Metern hin zum Lagerfeuer. Denn ja, ich hatte meinen Rucksack und alles in meinem Besitz und alles außerhalb meines eigenen Besitzes dort gelassen. Ja, man denkt kurz nach, ob der Laptop, die Kamera von Loana, mein schöner Rucksack, den bestimmt jede vernünftige Person bei einer richtigen Situation klauen würde, die schöne neue Wasserflasche oder im schlimmsten Fall eines meiner liebsten Bücher geklaut wurden… oh oh. Ich komme dem Feuer näher und merke, dass niemand mehr da ist. Meinen Rucksack sehe ich bis zu einigen Metern Nähe noch nicht und diese kleine mir selbst erstellte Spannung nimmt potentiell zu. Beinahe langweilig dann die Realisierung, dass aller Erdenbesitz noch unberührt da ist. Das Feuer war kleiner, aber noch fröhlich am verzehren. Ich suchte die Sitzfläche nach zufälligen Dingen ab und versuchte mir den Überblick für die Nacht zu erstellen. Ich merke, dass ich das erste Mal in all diesen Wochen des Reisens neben einem Lagerfeuer einschlafen werde und eine dadurch wärmere Nacht verbringen darf. Die emotionale Bindung zum Feuer etablierte sich schon allein durch diese Vorstellung. Ich suchte noch nach angeschwemmten Treibholzresten und konnte das Feuer noch für eine Weile nach Belieben anfüttern. Ich zog allen Besitz in eine haufenartige Konstellation, die es möglich macht ganz nah am Feuer zu liegen und von der Decke auf den runden Flusssteinen aus an alles heran zu kommen. Die nächsten vielen schönen Momente gingen darum möglichst gut eingedeckt, so nahe wie möglich an dem Hitzeherd zu liegen und die Schönheit von Wärme und von dem Lichtspiel der Glut aufzunehmen. Ich hielt meine Hände auf dem Boden liegend nahe der Flamme und guckte dabei tief in den sich nun öffnenden Innenraum eines von Feuer schon fortgeschritten zersetztes Holzes. Wie winzige, drei dimensionale Räume aus Glut taten sich in dieser Betrachtung aus der Nähe auf. Gleichzeitig überzogen Wellen aus rot schäumender Hitze die Oberflächen dieses Mikrokosmos der Wahrnehmung. Ach Mist, Mikrokosmos ist ein von anderen Menschen so schön gepolter Begriff, so dass ich ihn beinahe zu schade für das von mir Betrachtete finde. Ich guckte etwas Kleines aus Glut lange genug an, bis man sich in den Raum denken kann, als wäre er ganz groß. Mit Sand am Meer bei Nacht, wenn Ameisen patrouillieren, kann ich diesen wahrgenommenen Dimensionswechsel durch Vorstellungskraft ermöglichen und in das Wahrnehmungszentrum des ‘Winzigen’. Des Liliputaner’s. Diese Glut hatte eine ganz besondere Wirkung auf mich, denn in ihr war immer noch das schäumende Meer aus blutroter, pulsierender Farbe. In einem ganz kleinen Raum aus Glut spielte sich eine unglaubliche Menge ab und gab mir die Möglichkeit immer mehr Details in die große Vorstellung einzubringen, also die des kleinen Geschehenes auf großer Leinwand. Ich sah ein Abbild der Hölle und dachte ganz klar zu erkennen, woher der Mensch seine direkteste Inspiration und Bildlichkeit dieser Hölle hernehme. Nämlich aus Glut. Kaum war der Gedanke zu Ende, kam ich mir für dessen Simplizität schon wieder doof vor, aber wer wertet schon zufällige Gedankengänge? Ich wurde immer müder und die Hände immer kälter. Die Füße spürten kaum etwas, aber waren der Glut schon so nahe wie möglich. Ich lud ein kleines bisschen Stöcker ins Feuer nach und schlief dann mit dem kleinen Freund, den ich doch irgendwo her noch aus den Urzeiten kenne. Vielleicht sagten Instinkte oder aufgesetzte Denkmuster, dass dieser Akt des am Feuer Liegends, nachdem man tagelang gelaufen ist und man von Früchten und Nüssen und Geschenken der Menschen lebt, ein sehr echter Teil eines jeden früheren und damit für mich echterem Menschenleben gewesen ist, welches hier so verblüffend gut nachstellen kann. Kein Geld, zu Fuß, man schläft draußen und isst was man findet, badet in den Gewässern der Nähe und macht sich kleine Salate aus Wiesenkräutern. Klingt zumindest nach einem authentischen Menschen, welcher den Irrsinn des Menschendaseins auf Erden versucht mitzuerleben.
Ich wachte tief in den morgendlichen Sonnenstrahlen auf und zelebrierte die Wärme der Nacht, weil mir Hände und Füße etwas verschonter aus der Rheinuferaktion kamen als erwartet. Die Füße haben heute das erste Mal seit Reisebeginn Socken an sich gehabt und das war ob mit oder ohne Feuer eine riesige Alteration meiner Umstände. Morgendliche Luft streifte über das lange Steinufer in welchem ich auf einer steinigen Sandbank lag. Ich zog mich bald aus und ging ins Wasser, zehn Meter neben mir. In Flüssen schwimme ich sonst selten und habe es auch schon lange nicht mehr getan, aber das ist doch eine interessante Sache Millionen von Tonen Wasser zu spüren, wie sie an dir vorbei einen Rinnsal hin zu den Meeren darstellen. Schön, dass man Teil des Stromes werden durfte, welcher eine solche Reise hinter sich gebracht hat. Die ersten Tropfen aus den alpinen Höhen und das Zusammentreffen von kleinen Rinnsalen, zu Rinnsal zwei, zu Bächlein und Bach… und irgendwann steht man immer im Fluss. Jene die unter uns, die das durch Musik erleben möchten, also den Lebenswandel einer Wasserbewegung auf dem Weg der Erde, die oder der sollte sich unbedingt mal ‘Die Moldau’ anhören. Ein orchestrales Stück, für welches mein Fachvokabular über musikalische Qualitätsbestimmung um Welten nicht ausreicht. Aber ein tolles Erlebnis dergleichen hören zu dürfen. Ich hoffe, dass, wenn du dieses Kunststück mal zufällig konsumieren solltest, das nicht über den Lautsprecher deines mobilen Endfunkgerätes tun wirst. Wirklich, die höchste Hohn in so einer Weise die höchste, musikalische Kunst unserer Menschen zu konsumieren. Kein Wunder das der Stellenwert kippt. Seit der Klassik scheint es künstlerisch eh den Berg hinab zu gehen. Auf der einen Seite toll, weil eine Verbesserung dann umso leichter ist. Mal schauen wie sehr und wie schnell das künstlerische Schaffen in einer Gesellschaft wieder aufwachen könnte, wenn man Menschen einen guten Raum dafür beschafft. Andere Geschichte… - ach ne! Also, das ist ja genau diese Geschichte! Stimmt ja… den Verein vergesse ich manchmal. Es sind schließlich noch über 20 Wochen gewesen, als wir da grade am spazieren waren. Die Reise ist ja grade eh noch eine Art der Prokrastination des Nachhausekommens. Wenn ich dann ungefähr am Beginn Oktober zuhause ankommen würde, dann beginnt das Wintersemester und das heißt für mich: Bücher fertig schreiben, meine Initiierungsgruppe nähe Burgau zusammen rufen, Vereinsgründung des Stammes, Gesellschaftsgrenzforschung durch Kurzreisen und Interviews an diversen Institutionen, Überwintern an dem schönst möglichen Ort in Europa, um dort ungestört lange und viel schreiben zu können, den Winter in Deutschland barfuß überstehen, eine Steuererklärung fertig machen, ein Bankkonto abmelden und ein Gewerbe, welches ich vor einem Jahr noch für das Bloggen erdacht hatte, ebenfalls wieder abmelden, weil inzwischen versuche ich ja schon längst nicht mehr Geld zu verdienen. Versucht bleibe ich bis 23 anscheinend über meine Familie, was den Finanzierungsaufwand durch Spendenträger erheblich reduziert… bis ich eben 23 bin und selbst im Monat 280 Euro brauche, um versichert zu sein. Bürokratische Untergrenze, zumindest für meine kommende Lebensetappe in Deutschland. Zweieinhalb Jahre hat mich dieser komische Ort in der Welt. Einfach in Mitteleuropa in irgendeiner furchtbar reichen Industriegesellschaft mit Menschen, denen es vorne und hinten an Vertrauen, Gastfreundschaft, Offenheit, geldbefreitem Denken und stressbefreitem Tun fehlt. Nur von der Angst haben wir genug. Und manche Menschen sagen mir, es läge an der Entfremdung, so wie Marx es schon beschrieb, während seiner Darlegung, was die kapitalistische Arbeitsweise mit dem Menschensein anstellt. Wieder andere verweisen auf die ununterbrochene Kriegshistorie, oder das Leben im Reichtum und Überfluss auf den Leichen vieler Millionen. Vielleicht ist es auch, und das viel zeitspezifisch, die Art wie uns Medien von dieser Welt berichten und dass sich Ängste lieber verkaufen lassen. Unser Interesse dafür - für alles Schlechte, Dramatische, Großartige und Schöne - das macht uns wohl zu den besten Konsumenten dieser Erde. Vielleicht verliert der Mensch tief im Innern etwas, wenn man sich selbst durch den eigenen Besitz definieren soll, anstatt basierend auf den freien Menscherlebnissen, die nur einem im Geiste gehören und den Charakter, der man ist, erschufen. Ich glaube uns fehlt vieles, und das gelistete ist wohl alles ein kleiner Teil davon. Wir brauchen ja eigentlich etwas authentisch Menschliches und dafür fehlt uns ein bisschen das wissen, was Menschen sonst so, also eigentlich auf dieser Welt getan haben, bevor sich irgendjemand das sesshaft Werden und Zivilisation Basteln ausgedacht hatte. Wir sind der Natur inzwischen so fern, wie wir unserem eigentlich Wesenstrieb auf dieser Welt sind. Im Reisen kann ich davon vieles nachholen, aber umso klarer sehe ich den Unterschied, wenn man dann wieder in der Gesellschaft des Ursprungs festsitzt und geldlos versucht von Berlin nach München zu kommen. Im Jahr 2026 gibt es viele Anlässe, besseres zu tun, als das. Wo sind wir eigentlich??
Ich schreibe den Artikel jetzt schon über viele Tage verteilt… ich berichte während dieser Reise nie im Moment, also ohne Erlebnisdichtungen, weil ich völlig Technik ungestört unterwegs war. Ich nutzte mein Handy kaum und der Laptop war nur selten geladen. Ich habe große Probleme mit dem Adapter, welcher mich monatelang ohne Sorgen an meine Technik und ihre Nutzung brachte. Jetzt gibt es mir grade eine sehr wichtige Auszeit. Stunden lang stampfe ich jeden Tag rum. Jetzt grade, also vom Rheinufer aus, ging ich wieder in die Wälder und dann hin zur Speyer’schen Stadt. Dieser Tag ist so menschenleer, so ruhig und so voll mit Spaziergängen, dass meine mentale Haltung eine ganz wunderbare ist. Aus dem Wald heraus komme ich an ein Schild und auf einmal steht der Flugplatz in Speyer vor mir. Zu beiden Seiten gehe ich. Der Vereinsseite, der Gaststädte zwischen drin und den privaten Flugplatz mit reichen Finanzheinis und so manchem Privatjet. Dass ich in deren Lobby durfte, die schöne Wasser- und Kaffeemaschine benutzen dürfte und direkt am Flugplatzfenster saß und eine Stunde schreiben durfte, war angenehm. Beim Verein hatte ich den Fluglehrer kennen gelernt, ihm meine Situation erklärt, nämlich dass ich versuche eine Mitfluggelegenheit nach Freiburg bekomme und er stuft die Wahrscheinlichkeit meines Vorhabens ein, ohne mich damit zu ermutigen. Ich bräuchte eben großes Glück. Und genau dieses kitzelte ich ein wenig heraus, aber ohne einen Erfolg. Ich trippelte weiter Richtung Stadt und kam bald zu einem Hafen, an welchem ein großes Schiff hielt. Davor war ich an einer Schienenkreuzung entlang geirrt und hatte dadurch realisieren müssen, dass ich eine große Runde in Speyer gemacht hatte. Mist, aber nach dem erfolglosen Anschauen von dem Schiff und dem Versuch Aufmerksamkeit von der sehr vereinzelten Crew zu bekommen, legte ich mich dort ins Gras und genoß die abendliche Sonne. Dann kaute ich mir eine Kräutertinktur aus dem was ich fand und behandelte meine stark mitgenommenen Fußsohlen mit der Liebe, welche ich für zwei Körperteile haben, die mir all diese Erlebnisse schenken. Laufen können ist eine so unendlich große, geschenkte Freiheit für den Menschen auf Erden. Wir wurden ausgestattet, die ganze Welt zu sehen. Dafür haben wir Beine. Ich freue mich schon sehr, wenn ich in zweieinhalb Jahren, also zwei Jahre nach Anfang unseres Wanderaktivismus in Deutschland, dann endlich richtig loslaufen kann und meine geldlose Weltreise beginne, die mich nach Jahren hoffentlich nach Tibet bringt. Erstmal Deutschland überleben, klar, aber gedanklich bin ich bei China und Tibet genauso viel, wie bei der Bewegung Gen.ZM. Nur dass du da mal einen kleinen Durchblick hast. Mein Kopf hat genug zu tun. Das Handy hätte gar nicht reingepasst. Und helfen kann es mir auch nicht in der Situation. Ich sitze immer noch an einem Hafen, die Sonne geht grade links von mir, überhalb von Speyer unter und ich frage mich ob ich direkt hier fragen soll oder ob ich illegaler Weise durch die nicht verschlossene Gittertür laufe, welche auf die hohe, auf Stelzen gebaute Stahlinsel der Boote gehe, um bei dem großen Containerschiff vor mir mal direkt anzufragen, ob sie vielleicht ab Morgen flußaufwärts fahren. Mich als Freiwilligen anheuern zu lassen, ist jetzt echt kein Unding. Keine Ahnung wie das Juristische dazu aussieht und ob die Menschen vom Staatsgesetz geknechtet da schon verrückt gemacht wurden. Man, diese Zwischenmenschlichkeit leidet echt unter vielem. Und Gesetze sind auch nicht grade das Humanitärste seit der Erfindung des Feuers. Feuererfindung als Wort ist auch eine einzige Anmaßung, also ehrlich. Da haben humane Allmachtsfantasien womöglich das erste Mal richtig gekickt. Und Feuer ist schon ein unglaublich zerstörerisches, verzehrendes und grauenhaftes Medium, in den falschen Händen. Mit Feuer in den Händen konnten Menschen wirklich abartig Böses tun. Gab’s nicht sogar mal einen Nero in Rom? Ayayay… vielleicht ist das moderne Phänomen von ungebildeter Smartphone-Nutzung gar nicht sooo schlimm wie ich immer sage. Ich müsste es mal öfter mit den Gräueltaten des Feuers gegenüberstellen und vielleicht ein bisschen öfter ornanieren, dann mach ich mir da nicht mehr einen solchen Druck… ja, es ist übel unromantisch allein in einem kalten Zelt zu liegen. Da ist nicht viel körperliches Liebesleben. Dass ich grade eh genug im Kopf zu tun habe und völlig ungeplant einer kürzlich entdeckten Liebe hinterher reise, habe ich hoffentlich bereits erwähnt. Nichts anderes als eine Teilnehmende des Seminars zieht mich ins Breisgau zu Freiburg. Ihr verfasse ich grade einer meinen liebsten Briefe überhaupt und das nimmt viel mehr meiner inneren Kapazitäten auf sich, als man es vielleicht erwartet. Aber mal ohne Ablenkung nur an einem Schriftstück arbeiten zu dürfen, ist schon eine besondere Erfahrung - also dieser Brief. Ich schreibe nicht mal Tagebuch auf dem Handy über jeden Tag und das hatte ich die letzten drei Jahre eigentlich wirklich täglich verfolgt, vor allem während den beiden sozialen Jahren. Hunderte und hunderte Seiten Tagebuch liegen in meinem Handy von diesen beiden wichtigsten Jahren irgendwo vergraben. Ein Wörterschatz mit welchem ich noch nicht ganz weiß, was man denn damit anfangen könnte. Gedruckt wären es für Kanada 1.200 Seiten pdf und für Tansania vielleicht weniger, aber trotzdem ein paar hundert. Dann gibt es noch meine geschriebenen Tagebücher, also in Papierform und dann den Blog hier. Boah crazy, bin doch schon mehr im Schriftsteller-Game drin, als ich es vielleicht wahrhaben möchte. Der junge Mensch wird zum Künstler(09.10.2026).
Auf dieser Reise nach Freiburg verschlug es mich an diesem Abend übrigens doch noch weg von der untergegangenen Sonne am Hafen. Ich hatte kurz geschlafen auf dem im Gras liegenden Poncho und die Salbe aus Spitzwegerich an meinen Füßen ist eingezogen und verkrustet. Gut genug um weiter zu marschieren. Ich begucke verliebt und gleichzeitig erbost den Rucksackgefährten ‘Auseinanderfallii’ beim Namen und bestaune wie mir ein so zufälliger Artikel, eines Tages auf Lust bei Amazon bestellt, für dreißig mir schmerzende Euros in Anbetracht meines finanziellen Lage vor meiner ersten Unternehmung im März, Norwegen 2025, nun so viel Bedeutung durch Schmerz und Freude, in die letztlich entstandene Erfahrung geformt, halten kann. Kein Gurt mehr an gegebenem Fleck und keine Naht, die nicht schon von ungeschickter, eigener Hand, sondern auch schon von Ingos Händen in der Nähe Potsdam oder liebenden mütter- oder großmütterlichen Händen zuhause und im zuhause weit weit weg - im Osten - zusammen geflickt worden wäre. Nach dem Falschefährtelegen machen wir es wie Mustang-Fahrer und fahren Ford…(Line geklaut von Felix Lobrecht. Bestimmt ein netter Mensch in Echt. Prost) Verzeih mir, liebe Lesemaus, bitte die vielen ungeordneten Gedankenabfolgen und bleib bei der im Hintergrund bestehenden Sache - wir sind irgendwo barfuß in Deutschland, besitzen keinen Cent und weigern uns Geld von Helfenden des Weges anzunehmen, wollen irgendwann mal nach Hause, aber grade zieht die Liebe einen noch stärker in die südliche Hauptstadt des Schwarzwaldes - also genau jener Sache. Es geht eben um jenes Freiburg. Und ich bin wo? Vor der riesigen Halle eines Mercedes Werkes. Davor an den Hallen von Lidl vorbei gelaufen und nun habe ich die Fahrerannahme des besagten Mercedes vor mir. Ein kleiner Bau neben dem Rastplatz von LKW Fahrern. Ich gehe rein, um zu fragen, ob die beiden dort um acht Uhr noch arbeitenden wüssten, ob mich einer ihrer Fahrer nach Freiburg nehmen könnte. Eigentlich wollte ich zur DHL Zentrale laufen, aber man lässt ja keine Chance auf neue Menschen aus... eine junge Dame namens Monika und ein genauso junger und ebenfalls überaus sympathischer Mann aus Kroatien, mit einem Namen so schön, dass ich ihn nicht falsch ausschreiben möchte. Die beiden sagen mir wirklich gar keine Ahnung zu haben. Aber bei einer gemeinsamen Raucherpause draußen sind sie mir durch ihre internetfähigen Handys sehr hilfreich. Sie gehen nach einer Weile des Kennenlernens zurück zu ihrem Arbeitsplatz und ein Fahrer löst die beiden ab. Er kam grade von einer zweitägigen Tour zuhause an und musste sich nur an- und abmelden für den Tag. Als er mich vor dem Eingang trifft, beginnt eine sehr coole Unterhaltung über deutsche Mentalität, das Vertrauen der Menschen, die Härten des Reisens, die Vorschriften der verschiedenen Unternehmen und die Nutzung ihres Fuhrparks. Meine beiden hier arbeitenden sind zugegeben sehr aktiv am rauchen und waren dann während dieses Gespräch noch in seinen Gängen war, schon wieder bei uns und hörten zu ohne selbst etwas zu sagen. Der gute Mann, hier schon lange bekannt, erzählt mir von seiner Erfahrung im Kampfsport, fragt ob ich rauche und bietet mir was an und verabschiedet sich dann und wir umarmen uns kurz und ganz männlich und nur cool. Klar! Das ist aus anderen Gründen ganz interessant. Er geht zu seinem Auto und unser Gespräch hätte fast begonnen, aber er kommt nochmal zurück und zeigt mir aus einer Tüte gezogen neue Arbeits- und Isolationskleidung. Jacke, Hose etc. Ich bin angetan, hatte aber meine eigene norwegische Jacke aussortiert und stattdessen nur den Regenponcho dabei - aus Platzgründen. Und die Farben seiner Kleidung ist mit Neonstreifen eben Grün und Geld. Ich lehne mit tiefster Dankbarkeit ab und er geht. Als seine Tür zugeht, platzen die beiden neben mir heraus und erzählen mir deren Erlebnis mit diesem netten Charakter. Das größte Arschloch, sagen sie! Seit Jahren nur Beschwerden, jedes Mal Stress. Ein nicht verstandener Mensch, welcher meinte, dass die beiden ihn mobben würden, weil sie ihm manchmal nicht direkt die Einfahrt in das Gelände gewähren. Nichts davon ist jemals persönlich, aber die Arbeitsbeziehung ist eine ganz furchtbare sagen sie. Noch nie haben sie diesen Mann nett sprechen hören! Mein Grinsen ist an dem Punkt schon nicht mehr zu übertreffen und ich genieße die Mitteilung sehr und ich lerne meinen Anteil. Sie sagen mir, dass es heute echt schwierig wird, aber um neun machen sie zu und Monika sagt, sie fährt mich gerne zu einer Aral Tankstelle in Speyer, südlich, und ich darf die Toilette benutzen, lehne Kaffee ab, setze mich in den Eingangsbereich und schreibe ein bisschen, bis es kurz danach bei ihr losgeht. Ihr kleines super cooles Auto, das mit den schlechten Lautsprechern, aber der umso besseren Musik, hier grade Deutschrap, auf dem Weg, den ich tatsächlich schon mal gelaufen bin, in Richtung Stadt. An der Tankstelle wünschen wir uns das Beste, sie fragt nach meinem Social Media, was ein bisschen peinlich ist. Für meinen letzten Reel hatte ich die Materie des Studiums um Veränderung angesprochen. Also basierend auf der Frage wie man alles verändert… mit dieser Frage hatte ich auch das Video eröffnet und genau bei diesem Teil ist mir grade noch ein wenig mulmig bei. Naja. Man sieht sich ja erstmal nicht für eine Weile. Grüße liebe Monika.
Neuer Ort, neue Menschen, ganz anderes Setting. Ich dachte vielleicht Mitfahrgelegenheiten zu bekommen, aber ich hatte nur coole Gespräche mit zwei Jungs mit Motorrad und mit dem bald kommenden Dad und seinem Motorrad und das war ziemlich beeindruckend. Die Jungs hatten mir verraten wo man in der Nähe gut campen kann. Drinnen in der Tankstelle sind zwei coole Dudes die mich dulden und mich einladen auch drinnen zu sitzen. Das machte ich am Ende auch zwei Stunden lang und schrieb diesen Brief weiter, welchen ich für die Person, für welche ich grade so viel Liebe verspüre, verfasse. Der Prozess läuft und bald kann ich ihr das Geschriebene in Freiburg zeigen. Ich kann sonst so gut planen, aber über das Ankommen in Freiburg mit der Variable, dass sie auch da sein wird, komme ich in der Vorstellung nicht drüber hinweg. Ich bin sehr gespannt. Der Abend verstreicht langsam, die Autos werden immer weniger und ich schaue nur noch sporadisch mal raus. Ahh, hatte ich erwähnt, dass mir meine Monika vorhin eine ganze Schachtel Zigaretten geschenkt hatte? Crazy. Aber das hatte nun zur Folge, dass mein soziales Verlangen zusätzlich noch kleiner war. Wer selbst Kippen hat, ist tendenziell eben einsamer. Alle lästern immer von Teer in den Lungen und Nervengift namens Nikotin, aber dass Rauchen einfach verdammt unattraktiv, selbstzerstörerisch und aus dem Trend ist und damit einsam macht, das scheint egal zu sein, so lange man nicht ohne Geld lebt. Haya, okay… ich gehe an den Magazinen vorbei und lese eines über den Urknall und die Milchstraße. Dann gehe ich zum Dude vor, erkundige mich, ob sie für diese Raststätte Mitspracherecht darüber hätten, welche Magazine sie ins Sortiment bekommen und er sagt, dass dem nicht so wäre. Ich erkundige mich nochmal nach dem Weg zum Park, welcher mit von den Motorradfahrern empfohlen würde und frage nach, ob der Kollege die Wahrheit sagte, als er mir mitteilte, dass das Brot der Theke immer um sechs Uhr in der Früh entsorgt wird. Der Kollege vor mir bestätigt das und ich sage, dass ich dann morgen früh wieder da wäre und bedanke mich für die Hilfe. Ich packe meine Sachen mit dem gelernten Griff und Schwung, welchen es zum Aufsetzen von einem schweren, unhandlichen Rucksack eben braucht. Das scheint etwas beeindruckendes zu sein, wenn ich das mal basierend auf der Reaktion von anderen richten darf. Dass ich barfuß lebe und reise, macht das Bild wohl noch mehr zu dem, was es vielleicht ja wirklich ist. In diesem Fall hält mich der Kollege vor dem Gehen auf und sagt, dass ich gerne auch jetzt schon zwei Brötchen haben kann. Das freut mich sehr. Ich hatte beim ersten Reinkommen gefragt, ob ich ihm Geld geben darf, weil es mir zugesteckt wurde von einem Autofahrer draußen, und ich es selbst nicht brauchte. Es lag bis jetzt, zwei Stunden später noch in dem Heu eines kleinen Schauplatzes, in welchem sonst vielleicht Flaschen liegen. Niemand nahm es mit, also nehme ich es wieder und stecke es in die Blechbüchse an der Theke für Spenden und frage ob das an einen guten Ort geht. Er erklärt es mir. Eine Motorrad Gang aus bärtigen, tätowierten Männern macht zu Weihnachten basierend auf diesen Spenden eine Tour durch soziale Einrichtungen. Verkleidet als Weihnachtsmänner, schenken sie Kindern dort Momente und Gegenstände. Mein Kollege vor mir sagt in einem solchen Heim aufgewachsen zu sein und diese Männer durchaus super zu finden. Meine winzige Spende kommt also an einen netten Ort und erschafft schöne Momente mit. Wir sind alle zufrieden mit dem Ablauf der Dinge und ich setze mich nochmal hin, um seine geschenkten Brote zu genießen. Ein Kunde saß schon an dem kleinen Tisch, aber ich fragte und durfte mich dazu setzen, biete ihm mein zweites Brot an und wir reden über seine Arbeit und aus welchem Sport er kommt, denn in seinem Alter sieht er noch topfit aus. Ich habe Respekt, er auch und bald geht man seiner Wege. Mich treibt es entgegen gesetzt zu den Wegbeschreibungen tiefer in die Stadt. An einem großen Krankenhaus der Diözese bleibe ich stehen und hinein gehe ich, um der armen, netten Dame am Empfang zu erzählen, dass ich einen selbstgemalten Flyer auf dem Bürgersteig in Speyer gefunden hätte, auf welchem angeworben wurde, dass dieses Krankenhaus zufällige Rucksackreisende in einem Bett für eine Nacht aufnehmen. Dem stimmt sie relativ sicher nicht zu und ich bedanke mich für ihre Zeit und schleife mich barfüßig zurück in die Nacht. Ich rauche auf der dafür vorgesehenen Bank und eine Dame kommt dazu. Am Telefon sagte sie grade ihrem Taxi, dass sie definitiv keine 45 Minuten warten wird und nun nach Hause läuft. Sie scheint mitgenommen, sieht mich, hat scheinbar keine Angst, stellt sich vor mich und wir reden los. Ihr Mann liegt im Sterben. Krebs. Drittes Stadium. Die Medizin schlägt nicht an. Chemo ist im Gange. Er ist Teil einer Studie und hat noch vier Monate laut Doktor. Ich sitze sprachlos und versuche ihre Lebenssituation zu verstehen. Vierzig und der Geliebte stirbt. Sie lieferte ihn gestern in die Notaufnahme ein, weil seine Speiseröhre durch den Krebs eingerissen und geschwollen war. Ja, Med-Students of the world, judge me… keine Ahnung welchen Zustand ich hier grade beschreibe, aber so klang das Ganze. Ich biete ihr an zusammen nach Hause zu laufen. Nicht weil ich in ihre Wohnung wollte, um warm schlafen zu können, sondern weil diese Dame Menschen braucht und alleine Mitternachts durch Speyer zu laufen ist echt ehrenlos, vor allem mit ihrem sorgenvollen Kopf. Sie freut sich über das Angebot und es geht für eine halbe Stunde los. Schönes wird gesprochen. Ihre Lebenssituation hat viele Menschen, die ihr beistehen und helfen. Sie hat Perspektive und ist unglaublich stark. Sie beschreibt seinen Körper, das Leid, die Absprachen mit der Familie über das Ende. Dann frage ich über den Glauben. Sie meint das Christentum erst richtig für sich entdeckt zu haben, nachdem sie die alten Apokryphen ausgegraben hatte und für sich entdecken durfte, was die anderen Begleiter von Jesus eigentlich ohne den Zensus der Kirche so von sich gaben. Also Jesus persönlich kennen zu lernen, über die Worte seiner Mitstrebenden. Ich hatte das Wort einmal davor gehört und war sofort hellwach bei dieser gesellschaftlich verborgenden Materie, die mir da näher gebracht wurde. Gab wohl noch einen anderen Menschen vor Adam und Eva. Lilith oder so… kein Happy End, nur so als Spoiler. Vor ihrer Tür verharren wir, reden noch weiter, bewundern das Design dieser wunderbaren Stadt und sie erklärt mir, welche Orte hir in der Nähe sicher und schön sind. Da drüben ist das originale Tor der Stadt, auf der anderen Seite das Gotteshaus und ich verabschiede mich herzlich von ihr. Ich hatte einen jungen Mann auf den letzten Wegen vor ihrer Tür noch gesehen, gehe zu ihm zurück und er hat kurz Angst, ich stelle mich nett vor und setze mich neben ihn hin. Dann sind wir kurz in einem wunderbaren Austausch über seine italienische Herkunft, das Leben und sein Jobwechsel in Speyer und seine junge Familie. Er wünscht mir alles Gute und ich laufe los, finde bald eine kleine Gasse gar nicht weit und lese die Aufschrift neben dem Graffiti. Es ist ein Jugendtreff. Ich befinde mich in der Glitzergasse getauften Straße wenige Meter neben allem was Speyer ist, also in einem Nebenarm der alten Hauptstraße und genau hier stehen zwei nette Stühle. Ich lege alles ab, schaue die Poster und Ankündigungen an, beäuge den Bananenbaum, der in der Gassenecke steht und muss grinsen. Der Spot ist perfekt. Zuerst lege ich mich aus Spaß auf die winzigen graue Sitzbank, merke aber schnall, dass das mehr Potenzial als erwartet hat, nehme meine Socken aus der Tasche und bin kurz danach in der windstillen Sicherheit von Häuserwänden in den Schlaf gewiegt. Ich verändere meine Position des Morgens ins Sitzen und schlief dann so neben den ersten, morgendlichen Passanten weiter. Eine sehr sehr interessante Erfahrung. Poncho, Pullover, drei Hosenschichten, nur Socken ohne Schuhe und dann im Wachzustand mit einem Buch und einer Zigarette in den Griffen, tief in den zu kleinen Stuhl in der Glitzergasse gelehnt. Kühl, aber sehr geil, mit dem Ausblick die Pflastersteinwege entlang auf die Hauptstraße. Als ich zusammen packe und gehe, ist der erste Ort die Apotheke in dieser Gasse an der Ecke. Ich wollte fragen, ob mir jemand die zu verarbeitende Pflanze gegen Brandblasen verraten kann. Was macht der leitende Apotheker? Er sagt nein und erklärt mir stattdessen, dass er eine Pflanze kennt, die als einziges Kraut gelben Saft in sich hat und sehr gut gegen Warzen ist… what?? Mr must be playin’… ich gehe. Unangenehmer für ihn als für mich… leisten kann ich mir in dem Laden tatsächlich nichts. Verschenken tun sie nichts. Außer eben diese Chance ihre Community, also heute mich zu bilden, wie ich mich selbst heilen kann. Ist wohl wirtschaftlich besser, wenn wir zu doof sind Kräuter für unseren Vorteil zu nutzen und nicht mehr so abhängig davon wären, weiße kleine Perlen, die wir selbst nicht verstehen, in uns zu werfen. Ich liebe die westliche Medizin sehr - nicht falsch verstehen - aber nicht dafür, dass sie uns als Konsumierende so unbedingt brauchen. Systembasiert… egal. Ich laufe durch die anderen Hälfte der Stadt, komme zum Dom Platz Café oder so ähnlich und mache mich da breit. Den Besitzer des Cafés frage ich als erste Person in meinem Leben, ob ich meine elektronischen Geräte hier aufladen könnte. Das habe ich davor noch niemand zufälligen im Alltag gefragt. Er ist sehr sehr cool und hilft, weil er kann. Dann beginnt eine lange Zeit an diesem Ort, an welchem ich auf einer kleinen Bank völlig ankommen kann und meine Abreise aus Speyer nach drei Tagen einleite. Von Journalisten zu Ausnüchternden zu Antifaschisten und Menschenkennern geht es gleich weiter. Hier schrieb ich eine längere Weile und gleich weißt zu was -