D. Iche durch Rechts

D. Iche durch Rechts

Wenn eine Reise mit einer Nacht auf einer Parkbank beginnt, könnte man meinen abzusehen, dass etwas von Grund auf falsch angegangen wurde. Ich darf mich in diesem Fall eigentlich nicht beschweren, weil so eine nette kleine Bank außerhalb von Magdeburg neben einer hübschen Nachtwiese und dem Flutlicht des Industrieparks Barleben’s ist im Vergleich doch immer noch nicht das schlechteste an Orten, die einem so untergekommen sind. Mir fällt auf die Schnelle grade kein schlechterer Umstand auf Reisen ein… ich meine, ich habe mal auf dem Dach vom Krankenhaus meiner Arbeit in Tansania geschlafen und da war es sehr windig und morgens um fünf begann es zu regnen. Oder die andere Nacht, als ich mit den anderen Besuchenden, Wartenden, Kranken auf der Straße vor dem Krankenhaus schlief. Damals wurde mir von der bei der Security arbeitenden Asnat sogar eine Pappe zum drauf liegen gegeben. Das hatten andere nicht… Na und dann die Nacht als ich zu spät von einer Studentin nach hause wollte, mein Geld für kein Motorraderlebnis ausreichte und die Büsse schon längst aufgehört hatten zu fahren. In dieser Nacht kam ich auch zum Krankenhaus, eigentlich im Denken, dass ich wohl wieder auf der Straße zwischen der großen Gruppe anderer Menschen schlafen würde, dann aber meine liebste Freundin der Security traf, bei welcher ich sonst immer gerne beim ins Krankenhaus gehen anhielt und wir durch das Jahr, mit langsamer Steigerung meiner Swahilikenntnisse immer mehr von einander erfahren konnten. Genau sie traf ich und die Nacht verbrachte ich im Plastikstuhl neben ihr, direkt an der Tür des Geldautomaten, welchen sie zu bewachen hatte. Das sind die drei Nächte meiner Erinnerung die sich am Ort Krankenhaus abspielten… Was möchte ich eigentlich sagen? Ich liege im Zelt neben zwei Parkbänken kurz vor Magdeburg und werde um fünf Uhr morgens auf einmal von einer kratzigen Mannesstimme angesprochen. Geschlafen hatte ich gut und nur die nackten Füße waren bösartig kalt. Schuhe habe ich keine dabei. Socken leider auf nicht. Eine dicke Decke auch nicht… ich Depp. Meine gelbe Zahnbürste hatte ich bereits in Tansania entfernt. Die hatte so in meiner Bauchtasche vor sich hinvegetierend bestimmt auch kein super geiles Leben und somit machte ich sie frei und mich wieder abhängig von meinem Finger und dessen quietschenden Bewegungen über alle Zahnseiten bis ich eben den Kuhdorfstock Nähe Schildow bekam. Den hole ich raus, als ich realisiere, dass der grade angekommende Dude nur verklatscht aus der Arbeit kommt und mich nur grüßen möchte, um zu sagen, dass er jetzt ein Lungenbrötchen verzehrt. Ich krabbelte raus zu ihm, setzte mich auf die zweite Bank und fragte vielleicht ein bisschen distanziert von seinem Leben, weil ich noch müde war und ich mich mit dem Stock im Mund auch scheinbar nicht allzu tief in Gespräche begeben werden könnte. So der Morgen… bist du im Setting?

Es folgt ein Tag in Magdeburg und acht Kilometer, um den Dom zu erreichen, wo ich meine Freundin antreffen soll. In Magdeburg saß ich für eine kurze Weile auf einer anderen Parkbank und diese kurze Weile wurde dann eine lange Weile, als sich der geschundene Mike Bode neben mich setzte und mich herzhaft zum Teil des kleines Austausches über unser Leben und Streben machte. Er bot mir eine Zigarette an, wenn ich ihm seinen schönen Joint drehen würde. Das tat ich und hörte dann seine Geschichte vom Leben in den Millionenbeträgen durch eine Rettungsaktion an der Elbe, zu Schießereien in Mexiko und dem Zähneputzen mit Tequila, weil das Wasser ungenießbar war, zu dem Schaufeln von Pferdeäpfeln im Norden auf seiner Insel. Über seine Mama die hier direkt wohnt, zu der Schlägerei, welches ihm das rechte untere Bein so unfassbar böse zertrümmert hatte, zu dem kleinen Reagenzglas in welchem er seinen dicken Methkristall zeigte. Oh Mann, Mike, mein Lieber. Er ist ein Mensch der mit Taschen in der Hand durch die Straßen geht. Ich hatte ihm gesagt Schriftsteller zu sein und bin dadurch in die Lage gerutscht, dass er mich ganz klar als die Person erkannte, welche das Buch über sein Leben schreiben sollte. Er rechnete mir schon die Verteilung der Anteile aus und benutzte keine aufgerundeten Zahlen. Ich hätte 48 Prozent erhalten… er wollte wirklich nur sieben. Ach Mike. Ich lernte die Gegend kennen und welche Menschen hier grade dominieren. Er erklärte mir auch der reinkarnierte Erzengel Michael zu sein und ganz nette Gespräche mit dem Pastor des Doms zu führen. Weil Mike grade vom Einkaufen kam, kramt er etwas aus seiner Tüte und gibt mir einen kleinen Kuchen für mich und für die Sekretärin de Doms, welchen ich doch unbedingt mal besuchen könnte und dann dort klingeln sollte. Er kennt sie alle und sie kennen ihn und würden ich unendlich über die Begrüßung freuen. So weit seine Ausführung. Dann greift er tief in seine wundersamen Hosentaschen und sortiert zwischen dem vielen vielen Kleinmünzgeld seine perlmuttfarbende Crackpfeife heraus. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, aber Mike ist ein Lieber und sortiert mir sechzig ganze Cent aus seiner Münzsammlung und schickt mich mit jenen zu einem Ort des Hauptbahnhofs, nämlich Gleis fünf oder sechs, wo eine Bäckerei wohl noch die Überreste des Essens verschenken würde, welche für die anwesenden Polizisten bei der vergangenen AfD-Demonstration zubereitet worden sind. Er meint da kriege ich bestimmt ein paar schöne Sachen und die Geldsumme ist für einen Kaffee… das war Mike. Er schreibt mir seine Nummer auf und schickt mich dann mit seiner wunderbar freundlichen Art auf den Weg. Ich saß dort über eine Stunde, konnte mich ausruhen und war oft fassungslos darüber, wie unglaublich gekonnt Mike im sozialen Raum der Passierenden agierte. Seine Art so offen und herzlich und echt und gutzusprechend zu grüßen, hatte Menschen, die nur trübe an uns vorbei zogen, auf einmal zu strahlenden Bällen voller freudiger Energie verwandelt und schöne Momente erzeugt. Einmal war ein Hund bei uns, welchen ich streichelte bis er dann nach bis schnappte. Seine Besitzerin hatte ihm dann aber im tiefen Akzent Magdeburgs erklärt, dass das nicht ok wäre. Ihr Level von Akzent wurde nur noch von Mike selbst übertroffen. In den ersten Minuten hatte ich beinahe kein einziges Wort verstanden. Zum Glück ging es zu jener Zeit nur um Kippen und da erklärt sich das Reden von selbst. 

Ich spaziere durch Magdeburg, komme einmal zur Elbe, einmal zum Hauptbahnhof, wo ich die Gleise fünf und sechs bereits vergessen hatte und dann vorbei am riesigen Hundertwasserhaus mit der Rosafassade und den braunen Linien und den großen goldenen Kugeln auf dem Dach. Ich hatte erst durch meine gute Freundin später erfahren, dass jenes eines der laut ihr drei sehenswerten Dingen Magdeburgs sei und von Hundertwasser, dem großen Künstler, entworfen worden war. Mike kannte Hundertwasser natürlich auch. Netter Junge, hat er gesagt. Ich komme zum Dom, dessen zwei Spitzen ich in den Wandlabyrinthen der Magdeburger Skyline ein wenig aus den Augen verloren hatte, aber dort angekommen packte ich alles Hab und Gut auf eine breite Bank am Domplatz und begann mein von Mama geschenktes, in Tansania als Hardcopy entdecktes und von Martin, während seinem eigenen zwischenzeitlichen Erlebnis im asiatischen Teil der Welt, ich meine zu jener Zeit Vietnam empfohlenes Buch zu lesen - Pedagogy of the Oppressed, von Paulo Freiere… ich werde nicht mehr die erste Person auf dem Mond sein können, aber ich könnte die erste Person werden, die dieses Buch mit einem Satz zusammen fasst… war jut! Wird mich begleiten und ich bin unendlich dankbar dafür, es auf meinem Weg entdeckt zu haben. Das erste Mal hörte ich von jenem, als es Martin, meinem Martin, unserem Spanienmartin in die Hände fiel, während seiner Reise durch ganz Asien, als freiwillig arbeitender Schachlehrer und gleichzeitig als Fernstudent. Er hatte es erwähnt und ich hatte es im Büro meines Freundes und Sprachlehrers Charles in Mwanza entdeckt und Mama gesagt, dass ich es beim Ankommen in Deutschland unbedingt schon bräuchte. Danke liebste Mama. Dieses Buch wird einen unbeschreiblich großen Teil der von mir angestrebten Pädagogik ausmachen, welche dann im Rahmen unseres Vereinstrebens Menschen befähigen und befreien soll. Und Paulo Freiere ist nun der Stern an meinem Himmel der Hoffnung für diese Facette des Strebens. Das Buch muss jedes Individuum behandelt haben, welche strebt durch Bildung einen Unterschied in der Welt zu machen. An anderer Stelle mehr über dieses Werk. Vorerst machte mich das intensive Vorwort mürbe und verlangte nach einer Verdauungspause mit geschlossenen Augen. Als Leonie, meine Gute neben mir stand, analysierte sie Falscherweise den Zustand des Schlafes. Ich verbesserte sie, erhob mich schwankend von der Parkbank und sah meine beste Klassenfreundin aus der Schulzeit nach drei Jahren das erste Mal wieder. Sie war unglaublich gewachsen und überragte mich nun beinahe um eineinhalb Köpfe. Die beiden Augenbrauen waren zu einer ganz dicken Monobraue zusammen gewa… ach komm. Ja! Es ist mega weird jemanden nach langer Zeit wiederzusehen und zu merken, dass man äußerlich wirklich fertig mit jeglicher Entwicklung ist. Leonie sieht aus wie an Tag Eins. Also vermutlich ungefähr das Alter von 16 Jahren. Wunderschön und vollkommen - die einsame Spitze des Konzeptes Frau! Ich sehe auch nicht anders aus… nur halt lange Haare, Armbänder, keine Schuhe, Poncho, riesiger Rucksack, ein in der Schule verdrängtes Dauerstrahlen im Gesicht und eine neue Sprache fließend. Man hat sich beinahe nichts zu sagen. Bedröppelt laufen wir vor uns hin, sprechen über was einen bedrückt, der Rücken, die Hüfte, dann laufen wir in den Dom, suchen die von Mike genannte Tinchen, die eigentlich Christine heißt und lernen, dass sie das heutige Gärtnern bereits vollendet hatte und nicht mehr da ist. Ich behalte den kleinen Kuchen und essen ihn am nächsten Tag. Aber ich hatte gehofft hier am nächsten morgen nochmal vorbei zu kommen… aber irgendwie kommt man an Magdeburg nicht einfach mal aus Versehen vorbei… Auf dem Spaziergang hin zur wunderschönen Elbe zählen wir Nazis. Ich hab die besonderen Deutschen und sie hat alle Normalos. Sie zieht mich nur knapp ab. Ach ja… Sachsen-Anhalt. Unser Sorgenkind. Auf einer Parkbank beim Wasser bleiben wir und verweilen, natürlich wieder ohne zu sprechen, denn die Zeiten sind viel zu tragisch dafür. Ich hole mein Handy raus und spiele Pokemon-Go… Spaß beiseite, ich hätte dieses Spiel so gerne mal gezockt, hatte aber zu der Zeit noch längst kein Handy und bin einfach noch nicht dazu gekommen. Was ich alles ohne jahrelanges Aufwachsen mit Smartphone alles verpasst habe, ist nach ‘Die Leiden des jungen Werther’ die wohl größte Tragödie. 

Ich war also diese ganze Weile bei schönstem Wetter mit meiner ehemals so nahen und einzigen Freundin ewig spazieren und alles wurde thematisch mal abgeklärt. Wir schwärmten von Potsdam, erzählten uns die neu entdeckten Flachwitze, fragten uns, ob wir den richtigen Weg gehen und ich pumpte schlussendlich meinen gut verpackten Volleyball aus, pumpte was zu pumpen war und begann dann ein kleines Match mit ihr. In der sechsten Klasse, ein Jahr nach dem Skiunfall, hatte ich begonnen für die Schulmannschaft zu spielen, aber über alle Jahre bleib Volleyball mein einziger aktiver Sport, welchen ich nie im Verein verfolgte. Vielleicht behielt ich dadurch auch diese besondere Leidenschaft für den Sport. Meine gute Freundin Leonie kam nämlich damals zu dieser Gruppe und zwei andere Mädchen, welche ich beide viel zu cool fand, um mit diesem Auftauchen dreier Gestalten gut klar zu kommen. Als jemand, welcher sonst von Uncoolness und folglich Isolation geprägt wurde, alles heraus aus Andersartigkeit verkörpert am stärksten durch den fehlenden Handybesitz, war dieser Besuch von so tollen Menschen ein ganz eigenartiges Highlight für mich. Leonie ist seither eine gute Freundin. Und wir sind nun auf dem langen Weg zu ihrer Wohngemeinschaft, in welcher sie die letzten Tage bereits alleine war. Es ist Ferienzeit, welche bei Leonie dafür verwendet werden muss, um ihre nötigen vier Monate Praktikum zu absolvieren. Ein schrecklich intensiver Prozess, dieses Studium. Das hatte mir schon den größten Respekt in Mwanza zwischen all den Studierenden im Bugando Medical Center eingeflößt. Ihre Wohnung ist total hübsch, ihre Dusche mediumkalt und das Abendbrot eine gelungene Version eines Chilli sin Carne’s. Nur die Linsenpackung war irgendwie schon schlecht und wurde nicht benutzt. Der Schlaf, das Aufwachen, das Loslaufen. Wir verließen, um sechs Uhr morgens das Haus, sie ging nach links, wir umarmten uns und dann schritt ich nach rechts, um meine nächste Tour anzubrechen. Von Magdeburg aus hieß es heute mit über sieben Mitfahrgelegenheiten durch das gesamte Sachsen-Anhalt zu trampen, dann in die Tiefen des Harzgebirges zu manövrieren und in Nordhausen, der wohl nach Dresden am stärksten zerbombten Stadt der Zweiten Weltkrieges überzugehen in den Bundesstaat Thüringen. Dort fuhr mich ein super süßes altes Pärchen hindurch und sie nahmen sich die Zeit mir ein paar schöne Straßen der Stadt zu zeigen, auf Initiativen und Projekte einzugehen, den Tourismus zu analysieren und die ganze Sache einfach historisch so aufzuarbeiten, dass ich dachte nen Plan zu haben. Ich kam an eine Raststätte bei Nacht noch viele Kilometer vor Göttingen, dachte dann dort wirklich gestrandet zu sein, weil ich begriff, dass es LKW Fahrern* rechtlich unfassbar schwer gemacht wird, Leute mitzunehmen und für sie durch solch einen Akt eine Gefahr entsteht, in die ich sie mit keinem guten Gewissen drängen könnte. Ich sprach also mit dem Personal des Rasthofs, hatte ein paar anhaltende Menschen, mit welchen ich Gespräch und Tabakrauch teilte und dann eine noch ältere Dame als jene in Nordhausen, die mich zu ihrem Mann im Auto nahm, das wirklich sehr volle Auto nochmal umräumte und mir bei ihnen eine wunderbare, sehr lange Mitfahrgelegenheit bis in das Zentrum von Kassel ermöglichte, wo ich in dieser Nacht noch hinwollte. Dort suchte ich mir den nächst besten Park, kam an einem Muskelotto bei Nacht vorbei, der seine Kopfhörermusik mitsang und an den Reckstangen turnte und natürlich erstmal wie ein Irrer wirkt, aber eigentlich ganz nett war. In der dunkelsten Stelle legte ich mich unter eine riesige Kiefer und breitete mein Zelt aus ohne es aufzubauen, legte mich in die Hülle und lauschte dann bald schon frierend der Nacht. Es gab einen Fuchs, mehrere Igel und vielleicht einmal ein springendes Reh, ansonsten könnte ich mir die Töne der Nacht nicht erklären. Und ja, natürlich hat man ein unwohles Gefühl. Die Angst selbst hält sich zum Glück in Grenzen, weil man sich sicher sein darf, dass das passiert, was passieren soll. In solchen Sachen vertraue ich den göttlichen Schaffen bin ins letzte Detail meines Daseins. Die Nacht war trotzdem und aus dieser klammen Kälte am Morgen heraus zu starten, ist eine Überwindung. Ich lief an jenem Morgen los und stieg auf einen Berg mit Kunstmuseum und der Thematik der Grimm Brüder hinauf, beschaute die hübsche Kassler Gegend und legte mich nochmal in die Sonne. Dann nahm ich mir die Zeit meinen noch nicht begonnenen und bereits verspäteten Instagram Reel für diese Woche auszuarbeiten und publizierte diesen kurze Zeit später. Von meinem Potenzial der Kurzvideokreation hatte ich mich aber deutlich den Umständen entsprechend entfernt. Später traf ich auf einer Parkbank sitzend auf einen offenen Mann, welcher sagte aus Nigeria zu kommen und welcher mir seine wunderbare, sehr divers aufgestellte Kirche empfahl, zu welcher ich echt gerne mal gelaufen wäre. Stattdessen beginne ich den Weg in die Innenstadt und lasse meine Zielperson des Ortes wissen, dass ich da bin. Wir möchten uns auf dem Königsplatz in zwei Stunden treffen. Neben der Theaterhalle beim Naturkundemuseum schlafe ich im Rasen und schreibe auch nochmal eine Weile, als es sich ergibt. Ich saß vor dem riesigen Friedrichsbau oder so ähnlich und bestaunte Menschen in der Weise, wie sie mich bestaunten. Kaum… Ich traf meine Person kurz nachdem ich an der Bushaltestelle stand und grade vertieft mit einem alten Rasta ins Gespräch kam, welcher ghanasicher Herkunft ist. Er lebt in Accra und wir hatten uns gefunden, weil wir beide unsere Rastahüte aufhaben. Ich hatte mein Unterarm gekreuztes Zeichen nach oben gehalten -  ein Rastafari Gruß wie ich ihn mir in Tansania angewöhnt hatte. Der Gute ist ein Guter und später treffe ich ihn wieder und biete ihm das mir bald geschenkte Pizzabrötchen an. Er lehnte dann ab. Aber zusammen hatten wir auf dem Königsplatz meine Freundin gefunden, nämlich die Schwester meiner hoffentlich eines baldigen Tages einreisenden Deutschschülerin aus Mwanza. Meine Blessing. Vor mir steht ihre ausgesprochen hübsche Schwester, welche den Weg in Deutschland völlig selbstständig bestritten hatte und genau heute ihre Abschlussfeier für die bestandene Ausbildung zur Krankenpflegerin zelebrieren wird. Wir verbringen zwei Stunden gemeinsam und sprechen die wunderbare Sprache, die einen durch das Passierte so angenehm vereint. Ihr Vater ist ein Hauptgrund dafür, dass ich die Sprache so weit bringen durfte, wie es nun der Fall ist. Sie kaufte mir zum Abschied das besagte Pizzabrötchen, welches ich dann neben meinem Rasta Salomo genoß, Nummern austauschte und dann lange noch and er Fulda entlang versuchte, aus der Stadt zu kommen. Ich schwamm auch einmal über den Fluß, was eine angebrachte Dusche darstellte und guckte einem Volleyballspiel zu. Sie brachen die Regel der Integration, aber dem Spiel von Außen beizuwohnen, hatte trotzdem eine angenehme Seite an sich. Ich liebe liebe Volleyball und allein durch das Zuschauen gibt mir der Sport extrem viel. Man lernt ja immer dazu…

Und nun muss ich eine schriftliche Entscheidung tätigen, die mein ganzes Leben verändern wird. Ich würde dadurch etwas öffentlich tragen, was viel lieber geheim geschehen dürfte. Ich merke die Angst davor… ich hörte ein Lied und brach in ein völlig ungehaltenes Schluchzen aus, welches ich mir gut erklären kann. Es gab mir den Weg, die Hoffnung, den Glauben daran, dass solche Medien wie Musik die wirklich wichtige Nachricht im großen Rahmen an ihre Menschen vermitteln kann. Eine gestochen scharfe Erklärung von Veränderung. Der Schlüssel zu Straßenpolitik. Ich erwähne es nicht und lasse es vorerst nur in mir gedeihen. Du musst verzeihen, liebe Lesemaus… es wäre meinem Vorhaben womöglich sehr gefährlich es geschrieben zu finden. Wenn wir uns sehen, dann machen wir es Face to Face! Versprochen - frag nur nach!

Ich kam an Polizisten im VW Bus sitzend vorbei und sprach sie an. Begeisterte Augen glitzern mir entgegen, während ich anfrage, ob ich etwas gegen ein bestehendes Gesetz tue, von einer Straße aus zu trampen. Sie sagen, dass das völlig okay wäre und ich am besten der Straße um den großen Parkplatz herum folge und dort die große Straße Richtung Fulda vorfinden werde. Und so kam es. Dort saß ich, um zu allererst die Lyrik meines entdeckten Musikschatzes in mein Notizbuch zu übernehmen, um meiner Konsumhistorie nichts allzu Eindeutiges anmerken zu lassen und dann stand ich da bestimmt eine Stunde lang. In so einer Abfahrt, die unpraktischer nicht sein konnte. Und wer war mein Schatz der Rettung? Ein Vater und seine junge Tochter, die mich bis hin zu Kirchheim brachten. Dort hatte ich meinen ersten Glückserfolg mit einer Angestellten der dortigen Tankstelle und sie gab mir von jeder Sorte verkauftem Gebäckes eines. Ein richtig schön dick belegtes Brötchen mit Ei, eine Butterbrezel und noch etwas leckeres. Ich saß beim McDonalds, ließ dort meine Flasche auffüllen, lernte ein paar Jungs kennen die nicht in meine Richtung wollten und stand dann noch lange an der Straße bei Nacht. Das Spiel war irgendwann um und ich musste aufs Klo. In die Richtung des nächsten Dorfes laufend fand ich mich an einer großen Wiese, kackte in den Wald der Nähe und vergrub mein organisches Kunstwerk, machte dann die gleiche Zelthüllenaktion wie die Nacht zuvor und schlief, wieder zum Ende der Nacht hin frierend. Ich wünsche mir Socken… das Aufwachen war sehr schön. Ich machte meine morgendliche Routine des Wim Hof’schen Bewegungsablaufes, um Wärme ins System zu bringen, dann ein wenig Körperdehnung an allen erdenklichen Stellen und bucksierte dann meinen doofen, aber mir endlos wichtigen Rucksack zurück zur Autobahnauffahrt. Ein träger Morgen, welcher mich nicht unbedingt verstimmte und die Belohnung war eine große, als dann doch jemand hielt. Ein kleines Auto, gefüllt mit drei Menschen. Die Sitzordnung wurde noch konzipiert und ich hatte meine Tasche im Kofferraum. Im Auto waren die beiden Eltern von Tim und Tim selbst saß mit seinem Papa vorne. Das Eltern-Kind-Gespann kam von Kirchheim her, wo sie als Hinduismusbegeisterte einen eigenen Tempel führten. Ihre Sohn ist, wenn man es den Chinesen nachsagt, ein Kind der Sterne und sein Autismus begeisterte mich in vielerlei Hinsicht. Er konnte mir innerhalb einer Minute ausrechnen, wie viele Minuten ich bereits am Leben bin und er schwärmte von seiner Arbeit in der Keramikherstellung, in welcher er tätig ist. Seine Fähigkeiten waren den meinigen in vielen Ebenen überlegen und seine Weise zu sprechen und zu betonen, machte das Zuhören extrem verträglich. Ich mochte Tim sehr und seine Eltern waren mir genauso menschliche Schätze, die mich mit ihren Einführungen in die Praktiken und Glaubensweisen des Hinduismus sehr bereicherten. Von Tim wurde mir beim Aussteigen beigebracht, wie man kleine Vierecke aus Zeitungspapier auf die Seite der Hand über das zu formende Loch von Zeigefinger und Daumen zu legen wäre und wie ein lauter Knall entsteht, wenn man mit der anderen Handfläche gut abdeckend auf dieses Loch mit der Zeitung dazwischen schlägt. Ich war ihnen sehr verbunden und dankbar, genoß den morgendlichen Weg hinein in Fulda, machte einen Umweg wie immer und landete dann in der angenehmen Kleinstadt. Mein langzeitliches Andenken an Fulda werden die Haselnüsse sein, welche sich in Haufen anformten unter den zwei voll tragenden Bäumen. Für die nächsten drei Tage, bis ich zu Fuß zum Seminarort komme, werden Äpfel und Haselnuss meine Hauptnahrung darstellen. Manche Pflaumen versüßen den Weg, Birnen gab es auch die immer besser wurden, besser und besser werdende Äpfel bis ich in dem Dorf Allmus den besten Apfel der Welt entdeckte und ein paar Gräser, die dem Genuß der Langeweile dienten. Aus Fulda heraus begab ich mich zum Rauschenberg, welcher mir von einem Pärchen als schöner Ort anvertraut wurde. Sie meinten es gäbe dort volle Apfelbäume und obwohl ich noch an die fünf Kilometer laufen musste, um es zu finden, lohnte sich das Ganze sehr. Ein perfekter Ausblick über die Stadt, ein noch perfekterer Sonnenuntergang, leckere Äpfel, ein schönes Telefonat und eine schlechte Nachricht. Das Visa meiner tansanischen Freundin Blessing wurde auf derart unsinnige Weise abgelehnt, dass ein Schock ins uns allen entstand. Für meine Eltern besonders, weil sie sich globaler Ungerechtigkeit vielleicht noch nicht in demselben Ausmaß bewusst sind. Mir eröffnete das gesagte ganz neue Türen und trauern kann man nicht. Es war aufregend, aber umso schöner in einer Woche zu hören, dass sie den Prozess noch einmal neu aufnehmen, nicht aufgeben und es noch eine Chance gibt. Meine Mutter hat eine Verbindung zur Botschaft und diese Verbindung wird einmal einhaken in den Prozess und versuchen Schwierigkeiten zu beseitigen… Achse, den kennst du ja schon. Das ist der Vater meines bestes Kindheitsfreundes. Mein Beginn in Kloster Lehnin, vor ein paar Tagen. Fühlt sich lange her an. Man wird sehen, was passiert. Den kulturellen Austausch, die Bereicherung meines zuhauses und die Zeit mit Blessing wünsche ich doch allen sehr. Vor allem ihrer Familie, welche grade einen abartigen, finanziellen Ruin durchleben würde, wenn es denn doch nichts wird. Ich schlief gut ein und das war die erste Nacht des Regens. Morgen würde er mich auf dem Weg durch das Rhöngebiet begleiten und stark einschränken. Einmal werde ich mich unter einer Terrasse untergestellt wieder finden und dort treffe ich auf Werner, ein älterer Einwohner, welcher erst argwöhnisch und dann sorgenvoll mit mir umgeht. Er bringt mir Tee. Dann besinnt er sich eines noch besseren und bringt mir auch noch eine Menge Käsebrote. Er versorgt mich komplett und ich schreibe ihm eine herzliche Nachricht auf die Serviette bevor ich gehe. Ich wandere durch ganz Fulda zurück und breche dann in Richtung Hofbieber auf, wobei der Weg sehr indirekt ausgeführt wird. Mehrmals flüchte ich dem Regen, einmal unter einer Bushaltestelle, die schön bunt bemalt im nirgends steht. Dann unter dem Gerüst eines Spielplatzes und in diesem Dorf gab es Äpfel an allen Bäumen der Straße, sodass niemand mehr daran interessiert war, sie zu pflücken und ich reichlich satt wurde. Zu satt… ich finde mich auf einem Feld und laufe unter gigantischen Strommasten dahin, welche die Luft um mich herum erzittern lassen. Kurz hatte ich mit Sorgen um mein Leben zu ringen, aber dann lief ich doch unten durch und lebe noch. Genau dort setzte doller Regen ein und ich baute mein Zelt komplett auf, weil ich mir nicht anders zu helfen wusste. Zwei Störche saßen in der Ferne auf einem winzigen Haus mitten im Feld, welches einen eigenen kleinen Garten zentral in dem großen Acker um sich hält. Im Zeltinnern lebte es sich herrlich gut. Ich begann das Spalten von Haselnüssen durch zwei Steine zu meistern. Ein langer Weg, welcher einen gewissen spirituellen Urwert mit sich zu tragen scheint. Wie der letzte Steinzeitotto hackte ich da in meinem Schoß umher, in dem Versuch versenkt den richtigen Druck zu benutzen, um die Nuss auf der einen Seite zu spalten, sie aber nicht zu Haselnussmus ungewollt weiter zu verarbeiten. Oft genug sprang die Nuss auf Weg, also war Mühe genug nötig, um Zeit vergehen zu lassen. Es war bereits später Nachmittag. Und nachdem die Nacht hinter mir war, von welcher ich keine Details loswerden möchte, kam ich am nächsten Morgen gut in die Gänge und wurde kurz danach auf ganz wundersame Weise beschenkt. Noch im Wald, noch wenige hundert Meter von meinem Schlafort entfernt, fand ich einen runden Freund aus einer Kindheitserinnerung. Ein Pilz. Ein berühmter und noch viel seltenerer. Das größte Speisepilz Deutschlands stand dort vertreten mit einer Basketball großen Version und sich selbst in Baseballgröße. Den großen nahm ich in die Hand, roch genüßlich am weichzarten Fleisch, welches so sehr nach Pilz roch und genoß die Erinnerung. Als wir noch in Brandenburg als Familie lebten, da fuhren meine Eltern und ich Fahrrad und kamen an einer Wiese vorbei. Meine kleinste Schwester muss winzig gewesen sein, aber immerhin hatte sie einen Fahrradsitz, welcher hinten an montiert war. Wir fanden diesen wundersamen Pilz, welchen ich mir seither als Kuh-Bovisten merken konnten und schafften es mit Mühe ihn in den Kindersitz zu zwängen, ihn nach Hause zu karren und ein Festmahl zuzubereiten, bei welchem wir den Pilz in dicke Steak-gleiche Scheiben schnitten, ihn sehr großzügig mit Salz und Pfeffer würzten und ihn dann schön anbrieten. Von einem Pilz hatten alle ausreichend zu Essen. Genau solch einen Zeitgenossen hatte ich nun nicht ohne jede Mühe in der Hand und ich transportierte ihn von Haus zu Haus des nächsten und übernächsten Dorfes, bis ich endlich eine waldkundige Familie ausmachte, die Hirschgeweih und Wildschweinkopf an der Hausfassade zu pranken hatten. Die jungen Eltern waren begeistert und furchtbar verwirrt. Ich war genauso verwirrt und wollte den Schatz nur noch loswerden und vergaß sogar zu fragen, ob ich dafür vielleicht zwei Scheiben Brote bekommen könnte. Das alles fand statt nur wenige Meter entfernt vom besten Apfel der Welt in Allmus. Noch viele Kilometer vor Oberbernhards. Ein Kaff so klein, dass ich bisher niemanden fand, der oder die mir eine ganz konkrete Aussage über das Örtchen machen konnte. Ich war tief im Rhön und die Schönheit war überall. Einmal, nach einer langen Fahrradwegepisode setzte ich mich hin, ging aufs Klo, begann kleine Steine zu sammeln und versuchte mich dann das erste Mal an meiner aus Tansania mitgebrachten, von einem Maasai erworbenen Steinschleuder aus. Zärtlich wie ich Steinzeitotto bin, zog ich an dem roten Gummiband, welches an dem  schwarz umwickelten Y-Holz befestigt war und zielte auf allerlei. Ohne Erfolg. Aber immerhin ein Anfang zu dem Werkzeug meiner Zukunft. Schon bald sollte mir kein Apfel mehr zu hoch hängen. Das schreibe ich allerdings ein paar Tage nach diesem hier und ich kann das Ding immer noch nicht richtig benutzen. Am Rheinufer sitzend habe ich die halbe Sandbank in kläglichen Versuchen aufgebraucht. 

Ich kam durch Hofbieber hindurch und hier wurde mir konkretes über mein Ziel verraten. Die wunderbar freundliche Dame der Bäckerei, in welcher ich mich wiederfand, hatte Ahnung und merke nebenbei, wer ich bin und in welcher Lage ich bin. Sie ging zum Ende unseres zugegeben sehr sympathischen Gespräches hinein und meinte mir etwas einzupacken. Ich möchte unnötiger Weise wiederholen, dass ich nach solchen Gaben nicht fragen würde, denn was ein Verlust für jemand anderen darstellt, gibt mir nichts Gutes. Sie war selbst davon überzeugt, mir ein Geschenk machen zu wollen. Ich ignorierte ihre Anweisung glaube ich ab der zweiten Straße, aber die Himmelsrichtung fand ich sehr hilfreich. Ich hatte ein Schild gelesen, welches einen zum Barfußpfad leiten sollte und darauf war ich nun ganz gespannt. Der Postbote meinte nur immer weiter den steilen Weg hinauf zu müssen und als ich ankam, war der Ort direkt neben einer Koppel mit Apfelbäumen und der Anfangsort des Barfußerlebnisses war ein klares, knietiefes Wasserbecken mit einer ovalen, silbernen Reling an welcher ich mich dann Schritt für Schritt mit geschlossenen Kreisen entlang tasten sollte, um in Kreisen durch das kalte Becken zu schreiten. Langsam und immer so, dass die Beine das Wasser wieder verlassen. Das war so vom schlauen Schild an der Beckenseite empfohlen. Jenes unterrichtete ebenfalls über die berühmt berüchtigte Fußreflexzonenmassage. Der Terminus, welchen man im Kindergarten schon immer mal wieder mitbekam, aber eine lange Weile vergessen hatte… das ‘SS’ (schlaue Schild, klar!) erklärte das Konondrum in etwa so: “Wenn man von natürlicher Fußreflexzonenmassage spricht, betrachtet man die Füße als das Spiegelbild des Körpers…” Anscheinend hilft Barfußlaufen ebenfalls den Abwehrkräften des Körpers und Stress wird abgebaut. Durch die massierende Wirkung wird das Herz-Kreislaufsystem angeregt, das Venensystem wird gefördert und der Blutdruck gleicht sich ebenfalls aus. Die Stärkung von Fuß- und Unterschenkelmuskulatur beugt übrigens Fußschäden vor und eben jener Folgeschäden an Knien und Bandscheiben. Unter jener wunderbaren Ausführung, welche mir selbst erklärte, warum ich mir den ganzen Mist nun schon 20 Monate lang antue, befand sich eine Abbildung mit beiden Füßen. An jeder Stelle waren kreisförmige Zonen aufgetragen, welche die Fußsohle ausfüllten. Jede Zone hatte eine Nummer und eine Farbe und die Legende erklärte, welche Region des Fußes nun mit welchem Organ oder welchem Körperteil in direkter Verbindung stehen würde. Die chinesische Medizin hatte dieses Konzept schon lange für sich entdeckt und arbeitet seit Jahrtausenden mit den Nervenenden an den jeweiligen Zonen, um den Körper zu heilen und ihn zu befähigen sich selbst zu heilen. Westliche Medizin gegenüber der Chinesischen wirkt immer ein wenig traurig. Aber Schmerzmittel sind einfach eine tolle Erfindung. Den Schmerz vergessen können anstatt ihn vernünftig zu heilen… der Westen! Solang’s sich verkauft - 

Der Pfad führt mich dann weiter und macht eine große, reichlich unspektakuläre Runde durch da Umfeld und der Weg ist ein ganz normaler Waldweg und dann eine Straße hoch, die übergeht in ein selbst für mich hartes Feldweglein. Naja, nicht so das dollste. Ich laufe weiter, finde eine Bank mit Aussicht und Apfel plus Hornisse, ein paar Pflaumen und dann fängt ein Nieselregen an. An Neubauhäusern finde ich eine unterdachte Stelle und setze mich dort hin. Ich lege mich sogar mal hin. Okay… ich bin auch eingeschlafen, aber nur kurz, weil der Spot eine absolute Windlücke war und mir ordentlich Temperatur nahm. Beim weiterlaufen kam mir bald ein sehr flauschiger großer Hund plus Mensch entgegen. Ich glaube der Besitzerin, dass der nie was machen würde, aber etwas an mir hat ihn gereizt. Die Erscheinung vielleicht, aber viel wahrscheinlicher wäre mir die Ursache meines Geruchs. Nichts dürfte mich mehr von einem wilden Tier unterscheiden. Felder und Wälder sitzen vermutlich tief in den Poren und da ich doof bin, habe ich auch kein Deo oder Waschmittel dabei. Ich treffe auf ein älteres Ehepaar und überhole sie, als sie grade in den Strauch schauen und die blaue Beere inspizieren, welche ich auf dem Barfußpfad auch entdeckt hatte. Mama! Ich hab nur gekostet und wieder ausgespuckt. Die beiden sagen mir auf Nachfrage, dass man diese zu Kompott einkochen kann und es entsteht ein nettes Gespräch. Der gute Herr scheint sichtbar enttäuscht von seinen Kenntnissen der Gegend, aber hat definitiv schon mal von meinem Zielort gehört. Er guckt lange auf die Karte und versucht intensiv den Weg zu beschreiben. Dann gibt er auf und schreibt mir die Fähigkeit den Weg selbst finden zu können. Ich grinse und freue mich über die angebotene Begleitung. Sie erzählen, dass sie vor drei Jahren in das Rhöngebiet wegen ihrer Tochter zogen und wie schön sie es finden. Ich lerne von der Art, wie Kleinbauern sich hier noch selbst erhalten können, wie alle ire eigenen Hühner haben, wie es Rhönschafe gibt und die gute Frau hat ein beeindruckendes Wissen über Wildgewächse. Sie laufen zehn Minuten mit mir mit, bis wir die ehemalige Bahntrasse erreichen, welche heute ein ewig langer Fahrradweg ist. Fahrradwege gibt es hier wie Rechte in anderen Teilen Deutschlands. Dieser führt mich nach einer Weile an einem bereits geschlossenem Freibad vorbei, an einem schlechten Zwetschkenbaum und an ein paar netten Ausblicken. Mein Ziel wird immer intensiver noch heute anzukommen und ich habe bereits 25 Kilometer auf dem Tagestacho, als ich an den berühmten 1.7 Kilometer langen Bahntunnel kommen, welcher eben auch jener Fahrradweg ist. Das Licht brennt, anders als bei Nacht noch, was ich in ein paar Tagen heraus finden werde. Leute hatten gesagt, dass es 300 Meter wären. Die Erkenntnis war schmerzhaft, weil ich echt ankommen wollte. Völlig allein vollbrachte ich den Weg hindurch und sang mit vollem Stimmenvolumen Daniel Caesar, Masego und Bo Burnham. Die Temperaturen waren unglaublich tief. Ein kleiner Bach lief in der Wand und in dem Tunnel selbst war ein ganz eigenes Ökosystem vorzufinden. Moosarten, Frösche und Lurche waren hier anscheinend ganz eigen. Und die winzige Rhönschnecke oder so ähnlich im Namen, welche nur hier in der Welt vorkommt. Cool. Am Ende kommt das Wachsmuseum am Honigkuchen. Dort gehe ich rechts, kämpfe mich die Straße hoch und hoffe, dass jedes Gebäude endlich die Jugendherberge wäre. Dann höre ich laute Kinder, realisiere, dass wir als Seminar nicht alleine in Oberbernhard sein werden. Um die letzte Ecke, schöne Wellenwiesen mit Kühen, Apfelbäume überall, die Jugendherberge und die Bank vor dem Eingang. Ich lade alles ab, gehe zu einer alten Pumpe mit Steinbecken und wasche mir einmal den Kopf. Ein paar Klamotten hänge ich direkt auf, nehme dann Platz, werde von Kindern aus den Stockwerken neben mir angeguckt und ich wundere mich was wohl passiert. Auf eine weitere Zeltnacht kann ich mit den nassen Klamotten gerne verzichten. Ich sitze etwas länger da und gucke den Rhönkühen dabei zu wie sie das Rhöngras totmachen. Die kühle Rhönluft lässt mich runterkommen und die Bielefelder Kinder ruinieren die rhön’sche Stille. Die Hügel zeigen ihre Felder und Wälder. Unter der Erde warten dicke Schichten aus Buntsandstein und Muschelkalk. In der Ferne gibt es aber auch Basalt zu finden. Dieses crazy coole Aschebiom im Nether. - Bald gehe ich hinein, ein Tag vor dem Seminar und mir wird auf wunderbare Weise geholfen, sodass ich im absoluten Komfort ankommen kann. Mir geht es gut und die neue, beste Zeit meines Lebens beginnt…