Fünfzig Wünsche
Das dicke Grinsen beim Anhören von der Sprachnachricht meiner Mutter, die mir mitteilte, dass eine Leserin von dieser Content-Hub eines Blogs, eine Freundin von ihr, fünfzig Euro spendete und sich wünscht, dass wir es hier für Dinge ausgeben, die den Kindern und Müttern im Krankenhaus und am House of Hope etwas Schönes bereitet, konnte ich mir für viele Minuten nicht mehr aus dem Gesicht wischen. Ich stand an dem Ort an dem alle Busse neben dem riesigen Baum halten, ein Ort genannt Nyegezi Kona, und starrte verträumt und glücklich in den Verkehr und wartete tiefenentspannt auf das Ankommen meiner Freundin… ein paar Dinge sind passiert, seit ich das letzte Mal die Chance hatte etwas für den Blog zu verfassen. Es staute sich ein Ereignis auf das nächste und grade so schaffte ich meine tägliche Tagebuchroutine auf meinem Handy beizubehalten, aber für das Publizieren sprang nichts ab. Wir schreiben den 21.12.2025 und befinden uns unter anderem Knietief im vierten Monat meines einjährigen Tansaniaaufenthaltes und dessen Freiwilligenarbeit, aber genauso am Anfang meiner Urlaubsreise. Morgen möchte ich los. Aber dieser Artikel möchte über die Freude von fünfzig kleinen Wünschen berichten und was dieses schöne Geschenk alles anrichten konnte. Den Kontext lassen wir nebenbei mit herein fließen, damit das Ganze flüssig rutscht und nix im Hirn pikst. Na dann…
Meine Freundin Bukele hatte ich in einem Bus kennen gelernt. Wir beide kamen grade von verschiedenen sonntagmorgendlichen Gottesdiensten - sie aus Überzeugung, ich aus Verzweiflung - und standen Fuß auf Fuß, Nasen beinahe aneinander, mit der Gefahr Dellen in den Schädel des noch unbekannten neuen Freundes zu schlagen, wenn die Straße mal wieder besonders ins Bodenlose rutschte. Meine Schultern an der Decke des winzigen Busses genannt Dala Dala, meine Sicht um 90 Grad gedreht, neben mir eine hübsche Englischlehrerin, ursprünglich kommend von der größten Insel im Victoria See, die wundervolle Ukerewe Insel. Historisch bekannt dafür, dass Menschen mit Albinismus früher dorthin verschifft wurden, wenn sie von ihren Familien verstoßen wurden, und dort nun eine höhere Prozentzahl der geringen Bevölkerung ausmachen. Welttechnisch im Bezug auf Geografie gesehen, ist die Insel die größte Inlandinsel der Welt, nachdem der Victoria See schon der größte See Afrika’s ist. Ok. Meine neue Freundin heißt Bukele und wenn du dich an den ewig entfernten Anfang des Zeilenflusses erinnerst, dann wirst du dich in Erinnerung an meiner Seite neben einer Bushaltestelle in Tansania finden. Erinnerung auf Swahili heißt übrigens Kumbukumbu. Und so ähnlich aussehend, aber doch ganz anders ist das Wort Konokono. Das hießt Schnecke… wie cool ist diese Sprache? Mhmm? Yeye ist ein Persönliches Pronomen und bedeutet sowohl Er als auch Sie. Keine Ahnung wieso, aber das muss große Vorteile haben, wenn man in einer öffentlichen Schule ist, alle Uniform tragen und Jungen und Mädchen bis zum Ende der Schulzeit ihre Haare immer auf kurz und knapp rasiert haben müssen. Ohne sagen zu wollen, dass dann alle gleich aussähen, so muss man doch zugeben, dass Yeye hilfreich ist. Sawa, oke… auf Bukele wartend steh ich da und meditiere ins Straßenlicht und dessen winzigen Insekten im Schein, und lasse mit großer Entspannung die Welt um mich herum existieren… für ganz lange… ohne mich zu bewegen… kusubiri heißt warten… ich warte… und was geschah dann?
Mit meiner netten und überaus hübschen Freundin an der Seite watschelte ich barfuß wie immer nach Hause; ein kleiner Fakt an den sie sich noch nicht ganz gewöhnt hat, und dabei erzähle ich ihr aufgeregt von der Errungenschaft einer ersten, aller ersten Spende und was ich in Gedanken bereits mit so viel Geld in dieser Welt anstelle. Mein minimalistischer, antikonsumerischer, besitzverabscheuender Kleingeist ist nun begeistert darin vertieft an potenzielle Produkte und ihren Erwerb zu denken. Ach, wie schön! Und lange soll es nicht warten, bevor ich, barfuß natürlich, durch die Straßen Mwanza’s streife und das erste Mal bemerke, wie attraktiv die Landschaft aus geöffneten Läden ist, die ich bisher anscheinend völlig übersah. Die Chronologie taumelt bei diesem Einwurf ein wenig, aber um das Ganze wieder grade zu rücken - wir laufen nach Hause, schlafen dort, ich mach am nächsten Morgen Frühstück, weil ich das so super kann, und teile das Essen mit Mamas und Nachbarskindern, die sich sehr über Wassermelone und Brot freuen. Chapati, zuckerlose Pfannkuchen, für alle die wollen und ein wundervoller Spaziergang zum Markt zuvor. So startet ein vernünftiger Tag. Wir saßen im Sonnenschein mit Vogel- und Froschgesang um uns herum und eine schnuppernde Paulanase unter dem Tisch. Paula geht es übrigens gut. Sie ist immer noch dünn und kein richtiger Wachhund, aber wir arbeiten daran. Ich hatte einen Brief für die junge Dame neben mir verfasst. Geschrieben war das Ding auf Englisch, übersetzt durch ein Large-Language-Model in Swahili und handschriftlich auf Papier festgehalten von meinem Selbst, welches den Vorabend unverhältnismäßig lang damit zubrachte, unbekannte Swahiliwörter eins nach dem anderen auf Karopapier zu bringen. Vier Seiten davon!! Ah. In dem Brief erzählte ich das über mich, was unsere doch etwas größere Sprachbarriere bisher nicht klären konnte und gleichzeitig lade ich sie ein auf meinen Weg im Leben und auf eine Runde Landesreise in ihrem eigenen. Von Hier nach Musoma, durch die Serengeti, hin zum Mount Meru und Kilimanjaro, dann zur Küste und runter zu Dar es Salaam. Einen Monat hätten wir Zeit und da sie zur Zeit nichts zu tun hat, kam mir die Idee ganz gelegen. Sie würde Englisch in dieser Zeit meistern, ich könnte ihr minimalistisches Reisen und Überleben beibringen, wir würden ein geteiltes Erlebnis für immer haben und alles lernen, was die Welt des Reisens und Überlebens durch ‘Human Value Exchange’ so bringt. Klingt spannend, aber vielleicht ein bisschen viel. Wir kennen uns bereits vier Tage. Mal gucken was sie sagt, aber ehrlich… für so eine Entscheidung muss man entweder unendlich mutig oder total bescheuert sein. Ohne Geld reisen und in nem Zelt schlafen… wer macht denn so nen Quatsch?!

Der Tag mit dem netten Frühstuck wurde danach nicht auf Anhieb ein wahnsinnig schöner und schaffte es auch nicht einer zu werden, bis ich jene neue Freundin am Abend wiedersah und wir bei Freunden unseres gemeinsamen Chor’s unterkamen und dort die Nacht verbrachten. Was das Problem an dem Tag war, ist relativ leicht mit dem Finger zum zeigen zu verweisen. Jener Chor, in welchen ich durch jene wundervolle Bukele rutschte, fragte an ob ich denn nicht die Gitarre in meinem Besitz zu unserem Chortreffen wandern lassen könnte. Das konnte ich, aber das Reisen als eh schon viel zu auffälliger Weißer in Mwanza in Kombination mit einem Klanginstrument wie der Gitarre, provoziert schon beinahe. Pech hatte ich genau heute in Betrunkene zu rennen. Tod der Pest des Alkohols auf dieser Welt… bevor es soweit kam, wurden Bukele und ich in eine romantische Klemme gebracht, die eine Stunde Dauerregen und ein zu kleines Dach mit drei anderen Personen ausmachte. Zum Glück hatte ich meine durch kleine Sprenkel nass werdende Gitarre griffbereit und konnte die Luft mit Klängen von Daniel Caesar schwängern, so zum Beispiel das Lied ‘Best Part’, beigebracht durch den wundervollen und unschlagbaren Gitarristen Ygor, mit welchem ich zusammen in der selben kanadischen Community hauste. Lang genug um mit ihm Gitarre zu erlernen. Best Part ist vermutlich der größte No-Brainer für jene die Caesar kennen, aber was für ein Lied… ayayay. Get You ist vermutlich mein Liebstes um gesungen zu werden und Little Rowboat hat eine wunderbare Harmonie. Musik hören, aber Daniel Caesar nicht kennen, ist wie gesunde Zähne ziehen lassen. Völlig unnötig… nur nicht so schmerzhaft.
Der Regen stoppt, wir erreichen die Busstation und verabschieden uns auf weiteres, also bis zum Chor, und ich beginne das bestreiten meines Weges hin zum Krankenhaus Bugando. Bevor ich in den Bus komme, klatsche ich wie gesagt in die falschen drei Jungs, die keine Jungs mehr sind und realisiere dann in einer gut laufenden und verhältnismäßig sicheren Situation, dass wenn ich grade nicht umzingelt von vielen anderen Menschen wäre, und diese drei Männer ein Problem mit meiner Wesensexistenz hätten, ein großes großes Problem vor mir zu liegen sähe. Nix passiert, aber viel gelernt. Meine Gitarre überlebt die sechs Hände und die zurrenden, unkontrollierten Finger lassen die Seiten schmerzhaft scheppern und das Schnalzen einer Seite wäre nicht weit entfernt. Hilflosigkeit ist das Wort für meine Gefühlslage. Völlig unterlegen und nicht in der Lage überhaupt die Aufmerksamkeit meines Hauptgegners zu bekommen. Im Endeffekt war es wieder die Liebe die alles regelt, denn mein begrenztes, immer noch begrenztes Swahili, erklärt meinem Unfreund, dass ich ihn von Herzen liebe. Er schaut verschwommen in die Gegend, ist kurz verwirrt, die Gitarre kommt zurück zu mir und ich drücke erst meiner Hand einen Kuss auf und dann mit ihr seiner Stirn. Witzig, dass so was funktioniert. Der Weiße ist frei und seine Gitarre am Leben. Meine Gefühlslage ist am Ende, weil ich anscheinend nichts besseres zu tun hatte, als während der Busfahrt mit allen Menschen der Welt mitzuleiden, die in solchen Situationen gefangen sind und das Ganze endete in herber Verzweiflung und stumpfen Einsehen von einem doofen Fakt in der Welt. Aber solange jemand von dem Verkauf von Alkohol profitiert, kann man wohl nichts machen… stimmt’s? Stimmt nicht, aber das ist ne andere Geschichte! Über jene hab ich grade mein Buchprojekt am laufen. Mal gucken wann das an die Oberfläche des Publikationsmeeres tritt. Es geht um Jugendperspektive auf ein bevorstehendes Leben in dieser Weltsituation und ist ein Forschungsprojekt nach der tiefsten Wurzel aller Veränderungen und wie sie zu finden und nutzen wäre. Eine heiße Spur… hast du dein Buch eigentlich schon geschrieben? Setz das unbedingt auf die To-do-Liste. Wenn es auch nur tägliche Eindrücke und Umstände deines Alltags und der Welt sind… stell dir vor was das für einen Wert hätte, wenn deine Urgroßeltern so nen Quatsch probiert hätten und du es jetzt lesen könntest. Aja…
Die Busfahrt ist überlebt, das Krankenhaus besucht, meine Mamas gedrückt, befragt, nochmal gedrückt und auf meinen persönlichen neuen Stand gebracht. Ihnen zu sagen bald nicht anwesend zu sein, tut weh. Urlaub im sozialen Feld ist nicht ganz so einfach wie man das gerne hätte… oh, du fragst dich wo meine Weiße Schwester und Mitfreiwillige Loana ist? Sansibar, seit Beginn Dezember. Soll schön dort sein, aber mir hat’s finanziell gefehlt, um mitzuschwimmen. Außerdem! Wer wäre ich und welches Leben lebte ich, wenn ich in meinem Tansaniaurlaub auf Sansibar in der Sonne liegen würde und Mochitos kippen würde? Vielleicht beim nächsten Mal. Krankenhaus check! und das nächste ist auch schon mein neuer Chor. Gesungen hab ich in der Schule im letzten Jahr und fand das phänomenal. Shout out an meinen einzigen und langjährigen Musiklehrer, der es nicht auf die Reihe brachte mir in all den Jahren auch nur grundlegende Musikeinblicke und -verständnis zu vermitteln… guter Mann. Der Lehrer des Chors machte das alles wet, aber Noten lesen kann ich bis heute nicht. In Kanada war ich im Chor unserer Heimatstadt Duncan und auch das war wundervoll. Vor allem um die Weihnachtszeit gibt einem ein Chor etwas, das es nicht oft an anderen Orten zu finden gibt. Harmonie im Menschsein durch Stimmen. Das schönste Instrument der Welt. Obwohl ne Panflöte auch voll cool ist…
Jetzt also ein Kirchenchor in Tansania. Na wenn’s sonst nichts sein darf. Zwanzig Menschen haben mich bereits zu ihrem Mitglied gemacht und was soll ich sagen…? Hier lernt man nicht nur singen, sondern auch tanzen und lachen. Also viel schöner kann ein gemeinsames Miteinander tatsächlich nicht sein, und über jede anwesende Person würde ich gerne Seiten schreiben, wenn man die strahlenden Gesichter mit lachenden Augen sieht, wie sie eine neue Bewegung ausprobieren und ihre gesamte Stimmengruppe dazu bringen, ihren Tanz, Style genannt, anzupassen und synchron zu tanzen und zu singen. So eine Art des Zusammenkommens hätte ich nie für möglich gehalten. Mir wird auch beigebracht wie ich mich zu bewegen habe. Das Singen fällt mir verhältnismäßig leicht, weil ich mein Leben lang schon versuche nur in direkte Harmonie mit dem Gesungenen zu fallen, anstatt Musik tiefer zu hinterfragen und zu verstehen. Ich kann die Texte beinahe auf Anhieb in Swahili mitsingen, zumindest im Ton, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Leichter als gedacht - es ist Samstag Abend und wir befinden uns einen Tag vor heute. Heute habe ich 95.000 von insgesamt 140.000 tansanischen Shilling ausgegeben (umgerechnet 50€) und Unmengen an Spaß gehabt. Ta, so schnell geht’s. Möchte man eine Sache erzählen und setzt einen Roman vorne an… daran sollte ich arbeiten. Ok, verzeih das stylische Mittel des berühmten Abschweifens, ich komme zum Punkt. Ganz langsam und sachte nähern wir uns an. Halte durch, because things are about to get down…

Der Chor endet und das nächste Treffen ist morgen früh um 6:30 Uhr. Tja, keine Chance, dass ich von hier bis nach hause 1.5 Stunden reise und das Ganze morgen früh wieder schaffe. Zumal so früh noch nichts auf den Straßen ist…
Der Plan ist simpel. Ich möchte durch die Nachbarschaft der Kirche streifen und bei irgendeiner Familie dazu kommen, denen ich helfen kann beim kochen, räumen und tun, oder jemand der eine geteilte Sprache spricht, den Abend mit Austausch verbringen, Ideen und Werte teilen und einander begeistern und dann dort schlafen. Als meine liebe Bukele Wind von dem Plan bekommt, hat sich jener Plan direkt auch wieder erledigt und ich werde stattdessen zum Essen und schlafen bei unseren Chorleitern eingeladen. Mist, so schnell geht’s. Unbefriedigender Weise war das beinahe zu einfach. Naja…
Eine schöne Zeit mit zwei kleinen Töchtern und herumtollen später, ein noch tolleres Abendessen aus Banane, Zwiebel-Tomaten-Paprika-Salat, Reis und Bohnen plus Avocado-Smoothie und ich darf bei ihnen zuhause duschen. Auch mal eine angenehme Abwechslung. Dann wird der Boden für mich frei geräumt. Ganz wohl fühlen sich meine Gastgeber* bei der Anfrage auf Bodenschlafen sichtlich nicht, aber unsympathisch kann man sich nur schwer werden und so bleibt es beim verdutzt sein. Bis spät in die Nacht hacke ich noch auf meine Laptoptasten ein und der Schlaf wird mir morgen früh definitiv fehlen. Ich schlafe sehr gut auf einem Bettlaken mit den legendären Among Us Charakteren drauf und denke an mein lang vermisstes Reisen beim einschlafen. Kurz darauf heißt es aufspringen und Kirche. Ich spare die Details, weil ich nicht wach genug war, um dem Ganzen würdig entgegen zu treten. Der Pfarrer und ich waren die einzigen Weißen in der Menge und es ging um Dinge, die ich nicht verstand. Kann am Swahili gelegen haben. UND DANN STARTETE DIE EIGENTLICHE REISE DES TAGES. Mein Gott Walter, hat das gedauert… ich laufe zur Haltestelle, fahre in die Innenstadt, weit genug weg vom Krankenhaus, um genug Gelegenheit für alles auf dem Weg liegende zu haben, und laufe barfuß los. 22 Gespräche bis zu meinem Ziel. 20 davon fingen an wegen meiner Barfüßigkeit. Wie könnte ich jemals schlecht über meine Abart des Schuhemeidens denken?
Meine erste große Erkenntnis dieses Sonntages ist, dass es Sonntag ist. Auch wenn das Konzept eines absolut geschlossenen Marktes an Sonntagen nicht gilt, so nehmen sich doch ein Großteil der Ladenbesitzer die Ruhe an jenem besonderen Tag nicht zur Arbeit zu kommen. Gut für sie, irrelevant für mich, denn es gibt noch den Rest, der auch heute arbeitet. Eine kurze Zwischenfrage… wieso gibt es den Sabbat und wieso hat die gleiche Geschichte, gleicher Gott, gleiche Schöpfung, zwei verschiedene Tage, die als Ruhetag zelebriert werden? Welche Religion hat da was verdreht? Kann das jemand, belesener als ich es bin, erklären? gen-zm@outlook.com Dankeee
Ich tauche in die Ladentiefen abseits der Straßen. Jene Steinlabyrinthe aus tiefen Dächern, grauen Fassaden, blechenrnden Garagentoren vor geschlossenen Läden und dreckiges Wasser in kleinen Pfützen überall, machen meine Reise durch jene ewigen Untiefen aus, auf der Suche nach Spielzeug, Schmuck, Material und lecker Nahrung für Hirn und Bauch für Mamas und Kinder. Ich finde alles und ein angenehmer Fluss der Ereignisse liegt zwischen allem. Sobald ein Laden gefunden ist, kauft man das Erwünschte oder eben Gefundene, dann beginnt ein nettes Gespräch, manchmal endet es damit, dass man Essen bekommt oder damit, dass ich mein Essen verschenke. Einer meiner Lieblingsaktivitäten in der Stadt. Kleine Nahrungsstücke kaufen und sie verschenken. Interessanter Weise kommt das immer zu einem zurück und im Endeffekt macht man nie Minus. Das gibt einem eine Menge und fühlt sich tausend mal besser an, als Menschen Geld in die Hand zu drücken. Die Problematik dabei ist zusätzlich, dass ich nicht so wohlhabend bin wie ich aussehe. Mit Aussehen meine ich nicht meine fünf mal geflickte Jeans, oder der lila Strickpullover der vorne ein Loch hat, dass einem Messerstich gleicht. Keine Ahnung, ist Second Hand. Blut war keins dran. Meine Haare sind offensichtlich nicht geschnitten worden, seit ich mir die Märzglatze wieder rauswachsen ließ. Danke nochmal an die buddhistischen Mönche in Norwegen, die mir einen Weg zum Friseur ersparten und mich 30 Zentimeter Haarpracht kosteten. Es gab seitdem keinen Tag, an welchem ich es nicht sofort wiedergemacht hätte.
Wohlhabend kann ich in diesem Outfit und ohne Schuhe nach westlichen Standards also nicht aussehen. Allerdings geht es nicht um Kleidung, sondern um die komisch blasse Farbe meiner Haut. Anscheinend ist das ein Zeichen für Reichtum. Der Konflikt mit Bettlern zermürbt einen wohl ein Leben lang, wenn man keinen soliden Weg zum Umgang damit findet. Die Menschen nehmen einem nicht ab kein Geld zu haben und ich werde jeden Tag mehrmals gefragt. Freiwillig Krankenhaus Blabla… die Menschen würden sich gerne eine warme Mahlzeit kaufen und ich klinge nach Ausreden. Und selbst als Freiwilliger besitze ich Geld. Und deswegen der Ansatz: ich trage immer Essbares bei mir und gebe ich mit Vergnügen ab. Wenn ich es mit Zahlen kennzeichnen darf, dann würde ich die Hälfte meines Einkommens genau für diesen Zweck einplanen. 100 Euro Taschengeld und 250 Kindergeld. Das ist eine Menge Geld hier und ich brauche keins. Also scheint das die beste Variante zu sein. Ich fühl mich ein bisschen scheinheilig für solche sinnlos wirkende Geldspäße, aber es gibt mir und meinen Mitmenschen viel. Die Interaktion ist eine viel schönere, wenn man sich zu einer Person setzt, gemeinsam isst und erzählt, anstatt angespannt und unangenehm berührt nur einen Schein auf die andere Hand zu pressen, dann hat man einen menschlichen Austausch. Man vergisst das viel zu oft. Bettler sind hier übrigens nicht selten. Allerdings eine ganz andere Art von Bettlern als in Deutschland. Kein Alkohol, sondern Alter und Arbeitsunfähigkeit bringt jemanden auf die Straße. Kurze Warnung, ich beschreibe bildlich:
Eine alte Frau mit einem jungen Kind neben sich am Boden, hebt dir ihre grüne Plastiktasse entgegen und schaut mit dunklen Augen, die keine Worte haben von unten her in deine. Einzelne Zähne blitzen fahl unter dem Schleier aus Gelb im alten Kiefer. Keine zuckerzerfressenden Zähne, jene wären hässlich, aber auch diese sind keine Hübschen anzusehen. Fehlende Pflege ein Leben lang, vermutlich aus fehlender Aufklärung. Menschen mit absurdesten Behinderungen, fehlenden Gliedmaßen, krabbelnde alte Männer im Regen durch die engen Gassen, mit zugeschnittenen Autoreifenprofile an die Knie gebunden, damit die alten Knie nicht an ihren Infekten zerfaulen, gefangen in einem Körper, der nicht laufen kann und trotzdem lebt er. Kochende Leiber in unendlichen Stunden Tageslicht und brutaler Sonne. Ahh… my friend. Wirklich kein Spaß. Und trotzdem steckt hinter jeder einzelnen Person übermäßig viel Schönes. Man muss nur Mensch genug sein und sich dazu setzen. Ich dachte mein Leben wäre interessant, aber jene Menschen haben Geschichten weitaus größer als meine zu erzählen. Ich versteh nur leider immer nur die Hälfte.
Mein erster Kauf wird eine kleine Papierkarte mit 10 wunderschönen verschiedenen, selbst ausgesuchten Ohrringen in allen Formen und Farben angesteckt. Abartige 8.000 Shilling kostet das erste Geschenk. Keine 3 drei Euro… dazu gibt es ein paar bunte Haarspangen und eine nette Unterhaltung mit einer Dame, die nicht verstehen möchte, wie ich im Regen rumlaufe wie ich es tue. Eine Ecke weiter finde ich den nächsten netten Laden in einer unwahrscheinlichen Dimension. Die Ladenbesitzerin passt kaum hinter Theke und zwischen Sortiment, aber sie hat ein paar Armbänder und Haarbänder die mir sehr gefallen. Ich schaffe es ihr meine Mission verständlich zu machen und sie kennt die Behinderungen mit denen ich arbeite. Hydrocephalus heisst Kichwa Maji und Spina Bifida heißt Mgongo Wazi. Wasserkopf und gespaltene Wirbelsäule. Sie sieht ein wenig geschockt aus und spricht nicht mehr viel, aber sie schenkt mir eines ihrer beiden Mandazi. Frittiertes, herrlich leckeres Knusperbrot. Ne, zart nicht knusprig. Sorry.




Danach kaufe ich Blubberblasen aus der Dose, eine kleine Hupe, welche dem Krankenhaus vermutlich sehr schnell auf den Geist gehen wird, winzige Platikautos, alle in dem Model eines Mini’s in den Farben schwarz, rot und pink. Wenn man sie am Boden nach hinten zieht, dann lädt sich das Auto mit Spannung und fährt von selbst ein paar Meter. Ein absolutes Highlight zuhause genauso wie im Krankenhaus. Gari ist das Wort für Vessel, Transportmittel, Auto. Es gibt ein paar bunte Stifte zu finden, die immer gern gesehen werden, und mit ein wenig Glück finde ich sogar das Gerät, um welches mich Mama Mastidia seit einer Weile bittet. Mama Masti ist in demselben Raum in Bugando seit genau vier Monaten. Das weiß ich, weil ich zur selben Zeit hier anfing zu arbeiten. Sie kann die Rechnung nicht zahlen und das ist der abartige Preis dafür. Ihre vier jährige, inzwischen kerngesunde, rumtollende und viel quatschende Tochter, wird am meisten Spaß mit allen Dingen haben und mit ihrem Spaß wächst die allgemeine Laune im Raum ebenfalls um ein Vielfaches. 200 Luftballons waren ebenfalls relativ billig und sind bei den Müttern noch beliebter, als bei den Kindern. Die Babys freuen sich aber auch diese luftige federleichte Luftmasse eingehüllt von Gummi, in die Raumhöhen zu stupsen oder am Verschluss zu nuckeln. Ein Lächeln von solchen Mamas wie jenen im Zimmer des Traktes C6 ist wirklich unbezahlbar. Patrick, unser Kind zuhause, hatte ebenfalls seinen Spaß. Meine Lache dürfte den Anteil des Spaßes, den ich hatte, klar mitteilen, als er überzeugt versucht den Luftballon mit seinem Gesicht zu erdrücken und zum platzen bringen. Meine Anspannung war ähnlich zu Situationen, wenn man etwas Riesigem zuschaut wie es beinahe umfällt. Mein kleiner Freund scheiterte im platzen lassen, weil mein Knoten des Ballons aufging und flatternd alle Luft entließ. Kam war die Aufregung weg, kam das schallende Lachen.
Das Geschenk über welches ich mich am meisten freue, wurde gefunden in einem kleinen Wagon aus Bücherstapeln, den ich an einer Straßenseite entdecke, und dessen wundervolle Schätze Worte sind. Ein alter Mann ist Herr und Hüter über das Paradies aus Seiten und führt mich durch jene Untiefen, in untere Schubladen, welche Kinderbücher und jene zum Sprache lernen beinhalten. Es kostet mich 20.000 Shilling und schon kann ich mich Besitzer von bunten Büchern mit Bildung für Kinder und Englischlernhilfen für Mütter nennen. Die Kinder können Swahili lernen und die Mamas bei Interesse Englisch. Das Interesse ist übrigens Teil beinahe jeder Person, die ich bisher treffe. Alle die es können, versuchen ihr Englisch mit mir zu verbessern, vor allem Kinder auf den Straßen zuhause, und mit Mama Mastidia lerne ich schon seit vielen vielen Wochen beide Sprachen. Ihre Tochter soll bald in die Schule kommen und so ist diese Wahl von Buch die vermutlich Beste. Direkt neben dem Wagon sitzen vier ältere, hübsch in Stoffe gehüllte Damen und weil mein Tag ein sehr kommunikativer war, bin ich warm genug, um eine einbahnfreie Konversation zu halten, die nur ganz selten in der Sackgasse namens ‘Sijui’ endet. Das bedeutet ‘ich weiß nicht!’
Das Resultat der Unterhaltung ist mein materieller Gewinn, ihr finanzieller Profit und die allgemeine Verwirrung über die Pfütze in der ich stehe und jene Füße auf denen ich balanciere. Trotz aller Ungewohntheit sind sie mehr als glücklich mir drei Bündel südafrikanische dunkelviolette Trauben zu reichen, eine reife große Mango dazu, vier Packen mit Erdnüssen, eine davon ist gefüllt mit Ipikaranga(?) und das sind in meinem Wissen Erdnüsse mit Honigkruste. Dann kaufe ich noch vier rote Früchte, die ich bei aller Ehre nicht benennen kann und eine zweite Frucht, die mir ebenfalls völlig fremd ist. Jene ist groß und grün, hat weiche Stacheln an der gesamten Oberfläche und entpuppt sich beim Teilen mit den Mamas als das Süßeste je von mir gegessene. Der Innenraum bestand aus Hunderten aneinander liegenden Teilen, die allesamt einen Kern haben, aber eine samtige Schicht aus nassem Fruchtfleisch tragen, welches zwar nach nichts aussieht, mit dem Grau als Farbe, aber nach Himmel schmeckt. Ich kaufe eine Box gefüllt mit den Früchten der Jackfruit. Da gibt es einen deutschen Namen, aber der ist zur Zeit außer Reichweite. Die Frucht selbst ist beinahe so groß wie mein gesamter Oberkörper und ist eine einzige Stachelfrucht dunkelgrün und braun. Das eiserne Gittergestell mit Reifen, welches als Stand und als Transportmittel genutzt wird, kann ganze drei Früchte von der Jackfruit auf sich tragen. Eine liegt geschlachtet auf der Oberseite und die goldenen, weichen Kernhüllen werden in Plastikbecher abgefüllt und ihre Konsistenz und Süße ist nicht von dieser Welt. … der Spruch ist hirnlos.






Ein großes Bündel Bananen später, welche in der Innenstadt besondern billig zu sein scheinen (1.000, also keine 35 Cent) und ich nenne meinen Einkauf erfolgreich. Ich setzte mich an einen Straßenstand der Kasava, also Süßkartoffel frittiert verkauft und lade zwei Menschen auf ein Essen ein, allerdings mit meinem eigenen Geld bezahlt, bitte nicht missverstehen. Während ich an der Ecke von Nata sitze, der Busstation am Fuße des Bugando-Berges, rechne ich aus was das Gesamtpaket gekostet hat und komme auf 95.000. Viel mehr als was ich grade habe kann ich gar nicht tragen und da mein Budget 140.000 beträgt, lasse ich die andere Hälfte für einen zweiten Ausflugseinkauf übrig. Alles dann gekaufte kommt ins wunderschöne House of Hope.
Ich warte auf meine junge Dame des Morgens, Bukele, welche drei Jahre älter ist als ich, und lese in der Zeit das grandiose Buch ‘Atomic Habits’. Und jetzt kommt der Geschichtsbogen des Jahrhunderts… erinnerst du dich an das An-der-Straße-stehen der ersten Zeilen? Ganz am Anfang? Als ich im Moment des Spendenempfangs auf meine Bukele wartete? Zu genau jenem Ort kam ich durch das Besuchen eines Hauses von Freunden. Ich kannte den älteren Bruder, weil er einer meiner besten Deutschschüler ist, welche ich zur Zeit unterrichte, und mit seinem Bruder gemeinsam verbrachten wir den Tag bei ihnen zuhause und anschließend ließen sie mich dieses unschlagbare Buch über Selbstdisziplinierung und Gewohnheitsbildung mitnehmen. An jenem literarischen Werk werde ich während meiner gleich beginnenden Tansania-Reise zehren. Der ältere Bruder heißt Alex und träumt davon in Deutschland Medizin zu studieren. Sein Plan ist es erst durch ein FSJ dorthin zu kommen und gemeinsam haben wir ein paar Stunden der Recherche und des E-Mail-Schreibens investiert, nur um nun am Ende der Frist an Zeitmangel zu scheitern. Zu scheitern im Sinne von nicht den gewünschten Termin zur Visumsbeantragung in Dar es Salaam im Januar wahrnehmen zu können. Unsere gemeinsame Reise wird sich also auch noch in die Länge ziehen und ich bin sehr gespannt, weil Alex einer der wachsten und schlausten jungen Männer ist, die ich bisher kennen lernen durfte. Wir wissen beide, dass sein Plan nach Deutschland zu gehen kaum scheitern kann, aber es Zeit brauchen wird, um zu werden was es werden soll. Grosse Sorgen plagen mich um die drei Menschen in meinem Leben, die alle ihre Träume nach Deutschland gerichtet haben. Alle drei unterrichte ich deutsch.
Ich fuhr also nach diesem herrlich angenehmen Zusammenkommen zu meiner Busstation und stand dann dort, bis ich meine Mutter über das Handy anhörte und von unserer ersten Spenderin erfuhr. Ein gigantisches Dankeschön an Dich an dieser Stelle. Deine 50 Euro haben eine wunderschöne Zeit in einem weniger wunderschönen Raum erschaffen und ganze 11 Mütter mit ihren schwerleidenden Kindern zum Lachen und Lächeln gebracht. Ich hatte eine Erklärung auf Swahili mit der Hilfe der Internets verfasst und die Mamas wissen jetzt auch warum und von wem jenes Geschenk kommt. Ich darf einen beinahe schon jubelnden Dank weiterleiten und eine grinsende Mastidia beschreiben, die mit einem kleinen grünen Fußball, der Hupe, den Blubberblasen und dem Auto versucht, gleichzeitig zu interagieren und zu spielen. Du hast einen wunderschönen Moment ganz schön weit weg von deinem zuhause erschaffen und unser Dank kommt hoffentlich bis zu dir nach Hause. Falls du an Karma glaubst, kannst du dich auf eine gute Zeit und ein schönes beginnendes 2026 einstellen. Liebste Grüße und danke an jene, die fleißig mitlesen. Ihr seid alle Zucker!
Der Artikel wurde an zwei Tagen geschrieben und jetzt grade ist der Zweite. Ich sitze ein paar Meter von dem gestrigen Schreibort entfernt und bin aufbruchsbereit, um mit meinem berühmt-berüchtigten Rucksack in die Tiefen des Landes, ihrer Natur, Menschen und Wunder aufzubrechen. Der Ansatz bleibt ein ähnlicher wie schon in Europa, während den insgesamt 88 Tagen Wanderschaft die mir als Erfahrungsgrundlage dienen. Es wird im Zelt geschlafen, zu Fuß gelaufen und ohne Geld überlebt. Meine Reisekosten werde ich trotzdem im Notfall übernehmen. Außerdem kaufe ich mobile Daten, um die Liebsten und das Medium am laufen zu halten. Aber der Rest des Geldes geht für das Essen drauf, welches ich ausnahmslos an andere verschenken werde. Ich für meinen Teil werde versuchen freiwillig zu arbeiten und menschlichen Werteaustausch durch meine Präsenz zu fördern und dadurch an meine Mahlzeiten, Trinkflaschen und Schlafplätze zu kommen. Das wird was. Folge gerne unserem Community-Account auf Instagram, Gen.ZM, um ein bisschen was mitzubekommen! Bis gleich!!
