Mensch geblieben

Mensch geblieben

Guten Morgen, Mittag oder Abend - wie unwahrscheinlich schön, dass du hergefunden hast. Falls du dich wunderst, wo du grade stehst… wir sind hier gemeinsam an unserem Wohnort in Tansania, dem House of Hope, und noch stehst du mit einer bunten Augenbinde aus Stoff und ohne Schuhe neben unserem kleinen Garten auf harten, ziemlich warmen Sandboden. Du hörst schon sämtliche Geräusche um dich herum, aber kannst sie noch nicht zuordnen. Das Baaken der Hühner ist dir fremd und auch die restlichen Vogelstimmen scheinen unbekannt. Das laute stumpfe Pochen aus der Nähe ist für dich noch nicht als eine schwingende Axt erkennbar, die mit immer gleicher Präzision in einem Holzstück auf weicherem Boden versinkt. Du hörst zwei kleine Kinder in deiner Nähe miteinander kommunizieren, aber merkst, dass sie keine Worte benutzen, und du fragst dich wer sie sind.

Mein Ziel dieses Eintrages soll es sein, dich an der Hand zu nehmen und dir alle anwesenden Personen und ihre unendlich schönen Wesen vorzustellen. Du wirst anfangs ein bisschen verwirrt und unsicher neben mir her tappsen. Du bist schließlich nicht in der Lage zu sehen und weißt nicht was unter deinen nackten Füßen ist. Aber sobald deine Vorstellung dir den Raum um dich herum ein wenig ausmalt, ihm Dimension schenkt und eine Orientierung in der Welt aus Farben schenkt, dann wirst du in der Lage sein die Menschen, die vor dir sitzen, anzugrinsen. Oder die Sonne die warm auf unsere Unterarme fällt ganz zu genießen. Am Ende kannst du vielleicht die Luft riechen, die ruhig auf uns liegt und alles umgibt und berührt. Und sogar der Schweißtropfen auf deinem linken Nasenflügel wird sich echt anfühlen. Lass los und versinke mit uns in einer anderen Welt. 

Ich werde mein Bestes geben, dich mit in unsere kleine tansanische Welt auf einem Hügel überhalb des Sees Victoria zu nehmen. Ich versuche möglichst viel zu beschreiben und Bilder der Vorstellung in dir auszulösen. An dir wird es liegen zu entscheiden die Zeilen zu überfliegen, oder nach Absätzen zu stoppen, die Augen zu schließen und das Geschriebene wirken zu lassen. Vielleicht hast du Erfolg und entdeckst für dich, um was es beim Lesen zu großen Teilen geht - du hast hier die Möglichkeit im eigenen Kopf eine völlig neue Welt mitzuerleben und du brauchst dafür kein einziges Pixel das nicht Schwarz und Weiß wäre und kannst trotzdem in Farben baden. Ich hoffe die Schönheit des Meisten gebührend einzufangen. Du kannst davon ausgehen, dass noch alles viel atemberaubender ist, wenn man davor steht. Du kannst davon ausgehen, dass die Realität unserer behinderten Kinder und deren Mütter noch viel härter ist, als ich es in Worte fassen kann. Mir fehlen selbst noch die vollständigen Einblicke auf das Ganze. 

Die Aufgabe zur Konzentration auf Vorstellung ist heute: setz dich im Geiste deines inneren Auges vor ein Kind hin, welches auf einer rot gestrichenen Betonanhöhe sitzt und halte dessen Hand für eine Weile. Mach das Experiment gerne bevor du den Text liest und einmal danach, um auf den Unterschied zu reflektieren. Wenn wir alles richtig machen, bist du beim zweiten Versuch eingehüllt in eine Welt deiner eigenen Vorstellung und alles liegt im Kontext der Bilder und Gefühle. Ich hoffe um dich herum ist es genauso ruhig wie hier. Genieße die paar Minuten abenteuerlichen Ausflugs in ein Ost-afrikanisches Land und dessen Tag zu Tag Leben.

Wir starten wie zuvor. Du stehst im Gleichgewicht auf deinen bloßen Füßen auf warmen, weichen, feinkörnigen Sand. Dein Nasenrücken spürt das schwarze Stoffmaterial das auf deiner Nase ruht und die Augenbinde ist hinten an deinem Kopf gebunden. Spürst du den leichten Druck um deine Ohren? 

Neben dir auf dem Boden hörst du ein Schaben. Etwas kommst auf dich zugerobbt und du weißt nicht was. Auch der hohe schrille Ton, ein kleines Fiepen, bringt dich vorerst nicht weiter. Dann spürst du wie sich eine kleine warme Kinderhand an dein Schienbein legt und leicht zudrückt. Das Fiepen deines kleines Freundes war nicht aus Schmerz, sondern der Ton, den er immer macht um sich trotz dem Fakt, dass er nicht reden kann, zu verständigen. Im Gesamten kann er vier verschiedene Töne von sich geben und zwei davon haben eine Bewegung zu sich, um sich verständlich zu machen. Das winzige menschliche Geschöpf vor dir am Boden, sitzt mit seinem Oberschenkel nun halb auf deinen Zehen und scheint zufrieden mit dem Zustand. Du hebst deinen Kopf ohne etwas zu sehen, aber hattest ihn trotzdem zu dem Kind runterwärts ausgerichtet. Mit deinen Augen zurück am Horizont, kriegst du die gesamte Geräuschskullise besser mit. Vögel zwitschern von überall und Hühner treiben ihr Unwesen in der Gegend und ein Hahn kräht alle paar Minuten, etwas mau und nicht mehr so kraftvoll wie vielleicht ein Jahr zuvor. Die Vögel, die dir grade visuell entgehen, sind von orangener Farbe, mit einem dunkelblauen Kopf, dessen Gefieder leicht schillern und an einen Edelstein erinnern. Seine Schwanzfedern sind doppelt so lang wie der Vogelkörper selbst und er sitzt in den dünnen Ästen eines gelben Oleanders. Der Baum hat optisch nichts mit unserem europäischen Oleander zu tun, aber stattdessen wachsen an seinen kleinen Ästen schmale, dunkelgrüne und längliche Blätter. Hier und dort ist mal eine schöne gelbe Kegelblüte, in der von Zeit zu Zeit riesige schwarze Hummeln, mit langen aber etwas dünneren Körpern, als unsere heimischen, mit weniger Fell, ihr Unwesen treiben. Die Frucht des Baumes sieht aus wie eine kleine grüne Paprika und hat einen hellen, leicht entfernbaren Kern in sich, der beinahe die gesamte Frucht ausfüllt. Nicht zum essen empfohlen. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker oder eben Mentor Peter. Der wird allerdings den Satz von davor wiederholen und sich wundern, warum man so doof war und die kleine grüne Oleander-Paprika trotzdem gegessen hatte. 

Du stehst also zwischen einem dunkelgrünen Baum mit gelben Blüten und hellgrünen Früchten und auf deiner anderen Seite fängt ein rostiger Maschendrahtzaun an. Dieser ist neu aufgebaut worden, sieht aber in gewisser Weise jetzt schon antik aus. Manche Beulen und verbogene Stücke lassen mich befürchten, dass die gewünschte Hühnerverteidigung vielleicht doch nicht völlig effizient sein wird. Hinter dem Zaun liegt nämlich unser kleines Gartenstück mit vier Beeten, alle ungefähr drei Meter breit und vier Meter lang. Die letzten Tage wurde hier mit Blasen a den Händen und Schweiß im Gesicht unter der Anleitung und mit der Hilfe von unserer weisesten anwesenden Mama das ganze Beet umgegraben. Dabei haben wir die gelben und roten Süßkartoffeln geerntet, die wir noch im Boden finden konnten und sie auf einem kleinen Haufen, neben dem Haufen aus Unkraut, gesammelt und am gleichen Abend noch gekocht und frittiert. Das Resultat nennt man Kasava. Den Rest der Kartoffeln trocknen wir und kochen die getrockneten Süßkatroffeln dann ein, um sie zu einem mußigen Brei zu machen, der Tam genannt wird und den wir zum Frühstück essen. Das essbarste auf der Welt. Der nächste Schritt für den Garten wird das bepflanzen sein und mein Mentor und Mitbewohner Peter meinte gestern Abend noch, er hätte Saatgut ergattert und wir würden es heute aussähen. 

Die Erde ist voll und schwer, dunkelbraun, weich und das Wort ‘satt’ fällt mir ein. Es ist wie, als würde die Erde hier noch mehr leben. Noch voller von allem sein, was das Leben in unseren Böden bestimmt. Kleine Mikroorganismen überall, winzige Insekten, ein paar Würmer, die für uns beinahe unsichtbaren Pilzwurzeln des Myzels… Hier mit den Händen drin zu stecken ist ein Erlebnis und jedes Mal wieder versinke ich in Erstaunen, wenn ich kleine bloße grüne Stängel, die von Mamas auf einem Haufen gesammelt wurden, zurück in die Erde stecke, und jedes einzelne der kleinen Pflänzchen innerhalb von zwei Tagen zum vollen Leben erwacht. Ein Prozess bei dem man gerne zuschauen möchte. 

Du stehst immer noch relativ starr an deinem Anfangspunkt. Ein kleines Kind auf deinen Zehen und Vögel und Natur um dich herum. Den prächtigen Mangobaum mit seiner runden Baumkrone und den unzählbaren eigroßen Mangos kannst du links hinter dir nicht sehen, aber denken kannst du ihn dir gerne. Gestern war ich auf der Jagd nach einer Mango ganz oben, die allmählich gelb wurde und bei der ich vermutete, sie müsste schon reif sein. Auf dem Weg durch die vielen praktisch gewachsenen Äste dorthin, brach ich alles Geäst in Reichweite ab, das nicht mehr Leben in sich führte. Trockenes, graues Holz purzelte in kleinen Häufchen aus dem Baum zum Boden, dort wo ich meinen Weg durch bahnte. Anschließend hatte ich die beste aller Mangos bisher vom eigenen Baum in der Hand. Danke.

Du wirst gleich deine ersten Schritte machen, aber davor atmest du noch tief ein und wertschätzt alles… - die Luft die in deine Lunge strömt. Deinen körperlichen Zustand ob gut oder schlecht. Den Fakt, dass du Lesen kannst und Perspektive hast. Dann danken wir dem Fakt, dass wir grade auf der Welt sein dürfen, und nehmen uns vor das aller Beste daraus zu machen und so viel zu erleben wie irgendwie möglich. Dein heutiges Erlebnis startet hier. 

Ich komme gleich an deine Seite und führe dich an der Hand durch unser kleines Grundstück, aber davor erzähl ich dir kurz von meinem Morgen. Vor dir steht ein kleines Gebäude und links davon ist der Garten und sein Zaun. Nur dazwischen verläuft ein Weg, der den hinteren Teil des Grundstückes passierbar macht. Ich schlief genau in diesem Gebäude. 

Aufgewacht war ich wie schon viel zu oft zu meiner Paula. Unsere Hündin kriegt ab einer bestimmten Stunde am Morgen das Sausen und möchte den Wänden entfliehen, die sie am Vorabend nie und nimmer verlassen wollen würde. Sie attackiert meine Zeltwand von außen, wenn sie auf dem Sofa schlief, oder zwickt mich wach, wenn sie neben mir lag. Überraschend schnell bringt einen das auf die Beine und ich öffne ihr die zwei Türen nach draußen. Dann legte ich mich wieder hin, was allerdings ein unsinniges Unterfangen ist, sobald ich einmal gestanden habe. Ich liege wach da und denke über meinen Morgen und mein Leben nach. Zur Zeit müssen Loana und ich uns mit der Gefahr eines Abbruches von unserem Jahr beschäftigen. Ihr als Lesende der Zukunft wisst am besten, ob es so kommen sollte, aber wir fragen uns noch reichlich aktiv. Es ist Dienstag und genau eine Woche zuvor wurde die Präsidentin Samia für das Land Tanzania ‘gewählt’. Es dauerte keinen Tag und etliche Proteste und Streiks brachen aus. Die Unzufriedenheit des Volkes lag überall in der Luft und selbst jetzt ist noch nichts geklärt. Viele befürchten, dass es grade erst angefangen hatte. Auf was die Protestierenden hinzielen, ist der jüngsten Generation am deutlichsten bewusst. Die hintergangene Gen.Z kocht innerlich und lässt auf Tod und Verderben nicht zu, dass eine korrupte Regierung ihnen alle Hoffnungen der Zukunft nimmt. Jetzt sind sie auf den Straßen und wurden zu Tausenden niedergeschossen. Zählungen werden erschwert, dadurch dass Tote ungezählt bereits verbrannt wurden und viele Personen ohne Spur verschwunden sind. 

Alles deutet in die Richtung eines Militärstaates, aber das ist Neuland für alle Tansanier* und ich frage mich ob das wirklich angestrebt werden kann. Wir bangen weiter, sind selbst aber sicher und geborgen auf einem Hügel in Nygezi, Mwanza. Für sechs Tage ohne Internet, manchmal ohne Strom und oft ohne Wasser. Die beiden Letzteren sind aber gewöhnlich. Als ich in mein Zimmer kam, in dem ich nur selten schlafe, sah ich wie meinFreund, Bruder und Mentor oben im Bett lag und durch die Sozialen Medien scrollte. Seit gestern Abend haben wir wieder schwaches Internet, welches aber zu jeder Zeit wieder entfallen könnte. Er ruft mich an seine Bettkante und zeigt mir, was seit gestern im Internet über den Protest in Tansania kursiert. Videos von dem Protest in Mwanza, bei dem Menschenmengen zusammen mit riesigen Militärfahrzeugen die Straßen passieren und jubeln. Andere Videos zeigen Aufnahmen bei Nacht, bei denen eine Gruppe von Männern nach der Ausgangssperre auf einer dunklen Straße stehen und scheinbar nur wartet und miteinander redet. Sechs von ihnen. Junge Männer, Familienväter. Man hört auf einmal laute Schüsse und sieht wie von links drei Polizisten mit Scheinwerfern heran rennen und mehrfach Schüsse in die Gruppe feuern und dabei Funken in alle Richtungen aus dem Waffen sprühen. Das Letzte der drei Videos scheint in einem Krankenhaus aufgenommen worden zu sein und ich frage mich, warum ich überrascht bin so etwas im Internet publiziert zu sehen. Mit einer Art religiösen Lobgesang im Hintergrund, zeigt uns das Video an die 40 Menschen, wie sie allesamt tot auf dem Boden dieser Flure liegen und mit Tüchern, teils blutig bedeckt sind. 

Ich verlasse erschrocken und verändert den Raum, denn erst jetzt scheint die Gefahr durchzusickern, der wir vor ein paar Tagen noch so nahe waren, als wir gemeinsam auf einem Hügel sitzend, die Proteste in der großen Straße unter uns vorbeiziehen hörten und verdeckt sahen. Schüsse und Gebrüll in der Luft. 

Ich komme an dem Zimmer meiner Mitfreiwilligen vorbei und sie ist krank. Loana hat seit Wochen Höhen und Tiefen, aber war überdurchschnittlich stark belastet und musste sich aus unbekannten Gründen schon mehrmals in Nächten übergeben. Ich habe die Situation zu spät ernst genommen und jetzt scheint es ein denkbar schlechter Zeitpunkt zu sein, um wirklich ernst zu werden. Sie hat leichtes Fieber, Gliederschmerzen und über Nacht erbrach sie alle Flüssigkeit. Unser gekauftes Wasser ist seit gestern leer gegangen und ab jetzt müssten wir das Wasser aus dem Hahn und Wassertank mittrinken, bei dem wir sicher sein können, dass dann die Welt unseres Immunsystems untergehen würde. Ich eile also bevor ich mich neben dich draußen hin stelle noch kurz zu unserem kleinen Markt in der Nähe zusammen mit Paula, kaufe zwei Flaschen Wasser mit 1.6 Liter in ihnen und hol frittiertes Gebäck und Mangos plus winzige Bananen für die Kinder in einer dünnen durchsichtigen Plastiktüte. Plastik wurde laut der Regierung, gegen die grade protestiert wurde, verboten, und trotzdem ist es unwahrscheinlich, wie viel Plastik man im Gebrauch sieht. Alles wird damit abgepackt und in den Weg von hier bis nach Hause liegt es überall a den Feldrändern, in Gruben und auf dem Weg. Ein Groll gegen vieles Unbeschreibliches rührt sich in einem und man geht meist mit gesenktem Kopf weiter. Ich kaufe Chapati und Kitomboa für die Kinder. Chapati sind diese Pfannkuchen ohne Milch und ohne Zucker, aber schön warm und simpel, und Kitomboa ist eine frittierte runde hübsche Kugel aus einer Reiscreme. Die Kinder freuen sich zuhause sehr und alle die es können, sprechen sogar höflich und sagen ‘Naomba Chapati’ was freundlich gesprochen ist und heißt, dass man bitte Pfannkuchen möchte. 

Das eigentliche Problem mit Loana ist, dass wir nicht ins Krankenhaus können, denn alles streikt, liegt still oder ist überfüllt. Das Krankenhaus ist völlig damit beschäftigt die Verletzten des Streiks zu verarzten. Ich hoffe wir bekommen irgendwie einen Malariatest und das Mittel dagegen, falls es Malaria ist. Aber wir hörten Geschichten von Menschen vor Ort und wie ihr Krankheitsbild aussah, während den circa drei Wochen Krankheit und es kann sein, dass Loana einiges aushalten muss. Hoffentlich ohne Langzeitschäden.

Jetzt komm ich zu dir. Bitte verzeih den kurzen Exkurs in unsere Lebenssituation… du warst grade so schön dabei dir Sachen vorzustellen und auf einmal rede ich von Toten, Krankheit und Armut. Also dann - zurück zu schwerbehinderten Kindern und unserer Realität vor Ort. Siehst du mich auf dich zulaufen?

Ich trage eine zu lange und zu weite hellblaue Jeans mit hellbraunen schimmernden Ledergürtel. Meine Haare sind seit Mitte Mai wieder gewachsen. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich noch meine Glatze geschoren, die mir nach meinen langen Haaren, die in Kanada fröhlich vor sich hingewachsen sind, dann in Norwegen von buddhistischen Mönchen auf Anfrage abgeschnitten wurden. Zwischen der Glatze von März bis Mai und dem wachsen lassen von Mai bis jetzt, Anfang November, habe ich wieder nichts an der Frisur getan und sehe so aus, wie ich meine ganze Schulzeit aussah. Ein blonder Kurzhaarjüngling, relativ hoch gewachsen. Vor allem für den Standart hier vor Ort. Ich habe keine Schuhe an, auch wenn ich seit zwei Wochen wieder welche besitze. Trotzdem kriegt mich niemand dazu außerhalb von meiner Arbeitszeit im Krankenhaus Schuhe zu tragen. Das werde ich ganz bald in einem anderen Artikel mal ausführlich erklären, aber es geht halt echt nicht fit, dass so wenig Menschen das Barfuß-Sein bisher für sich entdecken durften… klar, es ist Anti-Konsum und das wird halt gar nicht gerne gesehen, aber die Freude die es einem bereitet und die Bereicherung auf so vielen Ebenen ist es doch zumindest einmal wert drüber nachzudenken. Du stehst in deiner Vorstellung auch barfuß da, weißt du noch? Und du fühlst wie ich auch, die kleinen Sandpartikel auf dem Boden und hast unbewusst auch schon deine Zehen bewegt und den Boden ertastet, auf dem du leicht hin und her wippst. Es ist wie ein extra Sinn, der uns sonst verborgen bleibt und den du grade, zumindest einmal in der Vorstellung weiter erkunden darfst. Ich grinse dich breit an, allerdings nur weil du eine Kopfbinde trägst und tollpatschig dastehst und in die Gegend guckst, in der niemand steht. Ich trage ein dunkelgraues Hemd mit Farbtropfen aus blau und gelb im Innern, oder rote Tropfen mit winzigen gelben Perlen um sie herum. Meine linke Hand streckt sich dir entgegen, du tastest sie ab und du kannst einen Ring an meinem Ringfinger erfühlen. Du tust es den Mamas gleich und wunderst dich, ob ich verheiratet wäre. Die Mamas können kaum fassen, dass ich es mit zwanzig immer noch nicht geschafft habe. Du hattest dich einfach nur so gewundert… stimmt’s? Viele Mamas sind in meinem Alter und manche sind noch unter zwanzig. Mein Ring kommt von einem Abenteuer auf Hawaii aus Honolulu, wo ich während meinem Jahr auf Vancouver Island und dessen Freiwilligenarbeit einen ‘Ausflug’ hin machte. Schließlich sind die beiden Nachbarinseln, wenn auch mit fünf Stunden Flug dazwischen. Den Ring kaufte ich als Erinnerung und in Gedanken an meine zweite beste Freundin. Meine liebste Linnea war ja schon bei mir auf der Insel - das ist die Erinnerung - und meine liebste Franziska reiste grade durch Laos, Vietnam und Indonesien - das ist der Gedanke. Ein wirklich hübscher Ring, der auf gut Glück auch noch perfekt gepasst hatte. Auf meinem Handrücken ist ein kleiner Smiley mit blauem Kugelschreiber gemalt und ein winziges Gesicht aus Augen mit Brauen und einem Mund zwischen der Seite meines Zeigefingers und der Mund auf meinem Daumen. Wie mit einer Miniaturpuppe ließ ich dieses Gesichtchen auf meiner Hand gestern zu meiner kleinen Doricas sprechen, die auch so immer lachte wenn ich in ihre Nähe kam, aber mit diesem kleinen Schauspiel erst gar nicht mehr zu bremsen war. Wir treffen sie gleich, wenn wir in den hinteren Teil vom House of Hope spazieren. Also, gib mir gerne deine Hand und wir machen Schritt für Schritt über den warmen Boden und ich erzähl dir dabei was über die Welt um dich herum. 

Deine Fußsohle verlagert sich auf alle ihre Flächen abwechselnd während du blind versucht nicht auf spitze Gegenstände zu treten. Hier ist zwar nichts Spitzes, aber diese Ungewissheit wirkt sich doch relativ stark auf deine Gangweise aus. Deine Arme sind gekrümmt geweitet, um einmal meine Hand zu halten und einmal nach Dingen vor dir zu tasten. Deine linke Hand ist frei und sie kriegt den Baumstamm neben unserem Garten zu fassen. Die Rinde ist ziemlich glatt und der Stamm wächst schief und leicht gebogen. Alle Äste wachsen auf dessen Oberseite und sprießen grade nach oben, wo sie gemeinsam das dünne Blätterdach bilden mit den zierlichen, ganz runden und noch grünen Früchten. Ich kenne das fertige Resultat, aber hatte davor noch nie etwas dergleichen gesehen. Eine faustgroße samtig braune Kugel, perfekt rund, mit glatter Oberfläche und einer harten dünnen Schale, die man nur mit Mühe oder dem eigenen Fußhacken durchbricht. Innen drin befinden sich ein paar Kerne, die schmierig mit einer klebrigen Masse verbunden sind. Die Frucht riecht nach allem, was ich zuhause mit Weihnachten verbinden würde und soll, laut Peter auch essbar sein. Allerdings nicht genießbar. Sie ist sauer und bitter, und trotzdem gibt es ein paar Mamas, die von der Frucht Gebrauch machen. Vielleicht ist es eine der unzähligen und unerschöpflichen Medizinen der Natur, von denen ich viel zu wenig weiß. Deine Hand hatte den Stamm zu fassen bekommen, aber den Wasserhahn vor ihm verpasst. Unregelmäßig, aber für gewöhnlich alle paar Tage, kommt hier unser Wasservorrat heraus und versorgt einen Wassertank mit Flüssigkeit und eine blaue Regentonne plus zwanzig Gallonen, alle mit 18.9 Litern Inhalt, die als kleine Wasserarmee neben der Tonne stehen. Das ist Trinkwasser. Das ist Wasser für Tee, zum Ugali kochen, für Wäsche und ihre Seife, für Eimer neben den Toiletten mit denen man sich den Po abspült und das Wasser, dass ich mit einem kleinen grünen Plastikbecher schöpfe, um es als Dusche über meinen Kopf und sein blondes Haar zu schütten. Das Wasser ist kalt und frisch, aber wir sollten es wirklich nicht trinken… zu spät. Seit drei Tagen, seit ich ungefähr absehen konnte was mit dem Wasservorrat geschehen wird, hatte ich angefangen am ersten Tag einen Becher Frischwasser zu trinken, am nächsten zwei und heute sollte ich beinahe problemlos übersteigen können. Milchbubenrechnung von einer Person, die Mikroorganismen und unser Immunsystem noch nicht ganz durchblickt. Aber herzlich willkommen zu meinem Denkfehler und dessen Ansätze… einfach langsam an das Wasser gewöhnen, oder? Ja super… Wenn wir also mit unserer Tour fertig sind, werde ich flink aufs Klo müssen und am Boden hockend bereuen dürfen, nicht einfach wie Loana weiter Wasser vom Markt zu kaufen. Daran hatte ich vor drei Tagen nicht ganz mit gerechnet.

Wir kommen an ein Stück zerbröckelndes Beton im Boden, bei dem du die Füße etwas heben musst. Rechts von uns ist die Hauswand und genau hinter der Wand wäre unsere winzige Innentoilette, die man aus Respekt vor den Mitbewohnern Loana und Peter und ihrer Nachtruhe zu später Stunde meidet. Der Garten links von uns ist am Rand durchsetzt von Holzpfosten, die tief in die Erde eingegraben wurden und dann mit einer eingelassenen Zementmischung in die Kule des Bodens befestigt worden sind. Diese gemischten Holz- und Metallpfosten spannen unseren Maschendraht. Remember? Der Zaun unseres in Arbeit genommenen Gartens. Aufgegrabene Erde. 

Wir bleiben kurz stehen und gucken von links einmal nach rechts. Du siehst ein kleines Gebäude genau neben dem Garten und an der linken Fassade ist eine wunderschöne Sonne mit ihren Strahlen auf die graue Fassadenleinwand aufgetragen. Sie ist im Schatten und leuchtet trotzdem. In dem Gebäude sind zwei Räume. Der linke hält hinter seiner knarzenden dünnen Eisentür alles Mögliche an selten Genutztem und dahinter ist ein Berg aus Säcken, die allesamt Maismehl in sich haben. Hunderte von Kilos. Maismehl? Na klar! Ugali, unsere Hauptspeise, die es ein bis zweimal am Tag gibt, besteht aus nichts anderem außer Wasser und Maismehl und wird verrührt bis du einen Brei hast, der fabelhaft mit der Hand zu formen ist und problemlos, aber auch geschmacklos deinen Schlund hinunter flutscht. Dazu gibt es ein wenig eingekochtes Gemüse oder der Klassiker: perfekt von Mutterhand gesalzene rote Bohnen. Ein Fest! Das ist das Essen, was es von morgens bis abends an eigentlich jeder Schule zu essen gibt. Das ist die Nahrung für Menschen im Gefängnis und das ist das Hauptgericht aller Menschen, die auf der Straße arbeiten oder eben im House of Hope leben. Wenn man Menschen fragt, ist Ugali nichts desto trotz ihr absolutes Lieblingsessen. Gewöhnungssache?

Neben der Vorratskammer ist die Küche. Eine 30 Zentimeter hohe hellorange Propanflasche steht am Boden und ist bereit Allem was du über sie setzt, Feuer zu machen. Nichts bleibt auf dieser Flamme kalt. Allerdings können wir sie nur selten benutzen, weil der Vorrat sehr begrenzt ist. Daneben ist eine Anrichte voll mit den Bergen an Plastikgeschirr, welches es braucht, um von Zeit zu Zeit bis zu dreißig Menschen aufzunehmen. Mütter und Kinder. Das Geschirr ist Hartplastik oder ein Blech mit vier Vertiefungen. Eine große Kule über eine Hälfte, in der dann das Ugali als Haufen liegt. Dann eine Mittlere zentriert für die Bohnen, und wenn es mal was kleines wie Salat und winzige getrocknete Fische, genannt Dagaa, aus dem See gibt, dann kommen jene in die kleinen Kerben daneben. Wir als Angestellte haben silbernes Geschirr und die sitzende Gruppe aus Mamas ist begnügt mit Plastik. 

Neben der Küche gibt es ein kleines Hütchen, über welches ich bestimmt schon mal geschrieben habe, denn was hier passiert, hat man so auch noch nie miterlebt. Die Wand aus Stöcken, Draht, Zaunteilen, Blechverdeckungen und vermutlich Spucke, hält durch Wunder der Architekturkunst ein kleines Blechdach über sich. Dieses gewellte Dach ist unterhalb pechschwarz vom Ruß, welcher aus der Feuerstelle am Boden quillt. Grauer Qualm, genannt Mosh, der aus gut gelegtem und perfekt kontrolliertem Feuer kommt. Die Mamas sind mit Feuer aufgewachsen und verstehen sein Wesen in Tiefen, die uns völlig unbekannt sind. Menschen so mit Feuer umgehen zu sehen macht etwas mit Einem und wir gehen einmal näher. Wir bleiben vor dem Ausgang stehen und bücken uns, um in das kleine Schafott schauen zu können. Bitte zitier Schafott nicht! Ich hab das irgendwo aufgeschnappt und weiß nicht genau was es heißt. Es klingt nach NS-Zeit.

Eine dünne biegsame Platte aus Holz hängt doof über dem ‘Eingang’ oder dem Loch in der Holz-Blech-Spucke-Wand, und gefährdet die Sicherheit meines Kopfes. Zum Glück gibt es einen Knick im Rücken zwischen Wirbelsäule und Beine zum bücken. Wir gucken in den kleinen Raum hinein, in dem zwei Mamas sitzen und Tränen schießen uns in die Augen… werden wir sentimental? Nein, aber die Rauchwolke aus dem davor besprochenen Feuer, schoß grade mit Wucht durch die Öffnung nach draußen und wir kriegten sie komplett ab. Mama Ana und Mama Doricas lachen herzhaft über uns und fangen auf Nachfrage an Kleinigkeiten in Swahili zu erklären und deuten dabei entweder auf Gemüse oder Teile der Feuerstelle. Hier kann man versuchen alle Vokabeln zu lernen, die das Thema Essen angehen und gleichzeitig ist man an diesem Ort auch mit am nützlichsten. Wir schneiden Kohl, reiben Tomaten zu Mus, schüren Feuer durch das Pusten in die Glut, holen neues Holz, oder wenn mal keins da ist, dann spalten wir welches. Genau wie jetzt. Nur dass es bereits von jemand anderem gespalten wird. Wir sind grade nur zu Besuch und müssen nicht helfen, sondern schauen nur zu, wie fünf Meter weiter, genau zwischen uns an der Kochstätte und dem Gebäude mit den vier Toiletten, Mama Sabina am Sandboden vermischt mit Asche kniet und mit unglaublich kraftvollen Hieben einem Stück Holz an den Leib geht… Mama Sabina? Hatten wir ihr nicht vorgestern noch zwei Massagen und Physiotherapie gegeben, damit ihre penetranten Rückenschmerzen weniger werden, und jetzt muss sie schon wieder hier sitzen und so eine rückenbetonte Arbeit machen? Ach schade. Sie kniet auf den Knien mit einem Tuch was Linda genannt wird um die Hüften, welches Dunkelgrün, schönes Blau und Orange miteinander in einem Wirbelsturm der Farben vereint. Ihr Oberteil ist ein Helleres mit vielen magenta Flecken überall auf dem kaum mehr sichtbaren Weiß. Sie hebt die stumpfe Axt mit gestreckten Armen weit über und hinter den eigenen Kopf und lässt es dann auf das schmale Stück Ast rasen, was schon vertieft durch vorige Schläge im Sandboden liegt und sich der Länge nach spalten soll. Mama Sabina gewinnt am Ende immer. Im geistlichen Auge sehe ich diese stämmig gebaute Frau vor mir, wie sie zum Angriff in einem Volleyballspiel hoch zur Netzkante springt und den Ball mit der selben Wucht wie hier treffen würde. Der Ball wäre entweder futsch, oder der Boden hätte eine Delle. Ich könnte mir gebrochene Finger auf der Gegnerseite und ein See aus blauen Flecken vorstellen. Das haben tansanische Mamas und Naturgewalten auf jeden Fall gemeinsam. Weder in Europa noch in Kanada habe ich jemals Regenfälle wie diese erlebt, oder Blitze in solchen Mengen gesehen, geschweige denn ein solches Beben von Donner. Dasselbe gilt für Mamas, die hier so Unfassbares leisten und mit solcher Kraft durch ihren Alltag und dessen Arbeit gehen, aber genauso auch durch ihr eigenes Leben. Sie arbeiten härter als wir, bleiben länger wach und stehen früher auf, haben die gesamte Gemeinschaft mit Essen zu versorgen und kümmern sich um uns mit genauso viel Liebe, wie um ihre eigenen behinderten Kinder. Gegen keine von ihnen würde ich im Armdrücken gewinnen können. Allein schon aus Respekt hihi…

Mama Doricas is the eldest at the place. To her everyone pays the most respect. She has the task of leading and organising most of the schedules here and since she is here longer than we are - more than two months already, she knows everything by heart. Her daughter Doricas has an infection at her foot which costed her four out of five children toes and they are waiting for her husband to send money necessary which the father doesn’t have, so a doctor could finally treat her surgically. Mama is build thin and very strong. She is a woman of the Sukuma tribe and when it gets to plowing the field, she teaches me the techniques of swinging the garden tool - a straight long stick with a —— ahhh, wo kommt das Englische her?? Ach Mist, nicht schon wieder… ok, also Mama Doricas ist super und eine Sukuma und so weiter. Das Gartengerät heißt Jembe und ist ein langer glatter starker Holzstil mit einer Klaue am Ende, die mit Schwung von über dem Kopf in den Boden gerammt wird, um ihn umzugraben. Ein wirklich mächtiges Werkzeug dadranna. Mein Mentor unterrichtete mich grade, dass das auch der Spitzname für sehr starke oder kräftig gebaute Menschen ist. Ich glaube dieser Vergleich sagt alles. Jembe.

Wenn ich am Ende einer Gartenlektion klitschnass in die Dusche geschickt werde, macht Mama Dori den Rest fertig und meine Blasenhände stehen ihren Händen im Kontrast. Mit einer dicken Hornhaut ist dort alles überzogen. Sie hat ein liebevolles Gesicht, Falten der Sorgen und gesunde Haut, wie jede Person die ich hier treffe. Ihre Haltung ist Perfektion, aber Rückenschmerzen plagen sie beinahe so sehr wie ihre chronischen Knieschmerzen. Sie ist nicht ganz so bunt wie die anderen angezogen, aber für deutsche Verhältnisse ist sie immer noch der Elefant im Raum, wenn es um Outfits geht. Hier fällt sie nicht auf. Sie lacht viel und gerne und kommt von einem strengen Blick oft problemlos in schallendes Gelächter. Sie lacht nicht am lautesten und sitzt beim Essen meistens abseits und mag es ihre Tochter zu beobachten, wie sie in der Mitte der Müttermenge sitzt und mich beim essen angrinst. 

Mama Ana hat ein offenes und sehr freundliches Gesicht. Sie lacht seltener und spricht lauter als andere. Sie leidet sichtbar am Wohlergehen ihrer Tochter Ana, die mit einem Loch im Herzen zwar nicht von den Behinderungen betroffen ist, die wir sonst hier haben, aber genauso unterkommen konnte. Die Kleine schaut sehr traurig in die Welt und bewegt sich nur langsam. Meistens sitzt ihr wirklich eine kleine feuchte Träne auf dem unteren Augenlid und sie spricht beinahe nur, wenn sie nach ihrer Mama ruft. Außerdem hat sie Schwierigkeiten mit menschlichen Emotionen umzugehen und so kommt es, dass sie nie lacht und generell nur sehr neutral erscheint. Zu kaum einen Kind würde ich mir einen guten Draht wünschen wie zu ihr. 

Was wir nicht wissen können ist, dass Ana mit vier Jahren in wenigen Tagen in einer Nacht hier sterben würde. 

Was wir übersehen hatten, als wir im Rauch standen, war, dass Mama Ana ihre Tochter bei sich hatte. Die große menschliche Beule am Rücken, welche unter ein Stofftuch gebunden war - das ist Ana. 

Um das Kind so zu tragen, lehnt sich die Mama nach vorne und hilft ihrem Kind auf den Rücken zu krabbeln und flach angelegt mit dem Kopf a den Rücken zu bleiben. Dann nimmt sie das ausgewählte Tuch und spannt es glatt über den Kinderkörper, so dass nur die Beine unten noch raus baumeln und an der Seite ihres Rückens zu sehen sind. Der Kopf kann entweder frei bleiben, oder auch überdeckt werden. Das kommt darauf an, ob das Kind schlafen will oder ob es Hydrozephalus hat. Bei einem Wasserkopf ist das Kind meistens nicht in der Lage den Kopf zu stabilisieren und würde in den Nacken abknicken, was furchtbar aussieht in meiner Vorstellung. Es wird ein Grund haben, dass das auf keinen Fall passieren sollte. Mama Ana und Ana sind also ein zusammen gebundenes Bündel im Rauch verhüllt und sehen beide wunderschön aus mit ihrem gold betupften Tuch. 

Vollständigkeitshalber zum Schluss noch Mama Sabina. Wir wissen, dass sie stämmig gebaut ist, kleine hübsche haselnussbraune Augen im runden Gesicht besitzt, jeden Morgen mit ‘Umeamka salama?’ grüßt und sich damit erkundigt ob man gut geschlafen hat. Wenn dem so war, antwortet man mit Salama, was friedvoll heißt. Wenn man eine furchtbare Nacht voll mit Moskitotbissen und Lärm und zu viel Licht hatte, dann sagt man: Salama! Die Sprache legt einen rein und interessiert sich eigentlich gar nicht dafür, wie man geschlafen hat. Man soll nur ins quatschen kommen. Swahili… Mama Sabina’s großes Talent ist es Geschichten zu erzählen. Wenn wir bei Mahlzeiten beisammen sitzen und sie ihr imaginäres Telefon zückt und ans Ohr hält, Menschen, die wir alle kennen imitiert, oder Meinungen über bestimmtes Verhalten äußert, dann schafft es keiner, auch nicht wir ohne Sprachkenntnisse, sich das Lachen zu verdrücken. Eine tolle Frau.

Die Toiletten sind neben ihr gebaut und hier verbringen wir die ein oder andere Stunde, um unser Körperinneres mit der Welt zu teilen. Loana kann Bände von ihren Nächsten hier erzählen. Ich durfte meine Nächte bisher ungeplagt von Krankheit verbringen, aber selbst ich gehe ab und zu aufs Klo. Jetzt ist es raus… Die kleinen Räume sind so breit wie weit und nur hoch genug um zumindest in eine Richtung ausgestreckt zu sein. Hier duscht man und muss dabei schlau genug sein, nicht in das Loch im Boden zu treten. Es gibt einen großen weißen Keramikklotz der zwei Abstellorte für die Füße bereit hält und das Rohr mit dem Abfluss in sich birgt. Hier hockt man sich einfach drüber und pinkeln oder kackt. Dass das Zeit und Wasser und Ressourcen spart, ist wohl den Meisten bekannt, aber ich hatte trotzdem nicht erwartet, dass es ein so schöner natürlicher Ersatz wäre, zu dem sonst bekannten Kampf  auf der Toilette, den ich in Deutschland gewöhnt wäre. Es gibt kein Klopapier und deswegen wäscht man den Po mit der linken Hand ab zusammen mit Wasser was man aus dem Eimer neben sich schöpft. Ohne Wasser, ohne Strom, im Dunkeln ohne Klopapier, sieht die Welt dann aber auf einmal wieder ganz anders aus. Man hat ein großes Fenster gegenüber von der Tür grade hoch genug, dass die Draußenwelt meine Nippel nicht zu sehen bekommt. Ich habe dafür ein Naturpanorama vor der Nase und sehe mich gegenüber eines kleinen Waldes aus sehr graden hellgrauen Stämmen und überdimensionalen Blättern, auch schon bei den kleinen Jungbäumen dieser Art. Unsere Füße stehen hier leider im Nassen. Das ist kein Urin und auch nichts anderes, aber das Wasser vom Duschen, oder eben jenes mit dem die toilettenbesuchende Person den Boden spült. Barfuß ist das nicht das wunderwunderschönste auf der Welt, aber ich lebe und beschwere mich nicht. Ohne Wunden am Fuß gibt es keine bis nur kleinste Risiken und ich wiederhole, es ist nur Wasser! Draußen an der sandigen Erde wischt man sich die Sohle kurz ab und schon geht das Leben als Barfüssiger* weiter. 

Auf dieser Toilette ist man spätestens nach fünf Minuten egal mit was fertig. Doom Scrolling in die Tiefen des Mediums gibt’s hier auf keinen Fall. 

Eine kleine Rampe aus Beton führt runter von den Toilettenräumen, die von außen pink bestrichen sind, und bevor man neben dem Wassertank zum Stehen kommt, klettert man manchmal mehr, manchmal weniger elegant durch die am Boden liegenden Drähte unserer Wäscheleinen. Lange Drähte spannen sich von rechts nach links, jeweils drei zwischen zwei stehenden T-Formationen aus Eisen. Hier ergibt sich von Zeit zu Zeit ein echtes Spektakel, wenn mehrere Mamas gleichzeitig ihre Wäsche auf den begrenzten Platz treffen und Lieblingsstoffe und wunderschöne Kleider präsentieren. Ich weiß nicht wie weit ich in Deutschland laufen müsste, um nur im Ansatz irgendwo so viel Farbenpracht an einem Punkt zu finden. Das ganze Drahtgestell ist auf einmal in ein magisches Wesen verzaubert und pulsiert in Farbe vor sich hin. Alles strahlt und scheint, wenn die Sonne draußen ist, und es gibt eigentlich nie Gründe, warum sie nicht draußen sein sollte. Trockenzeit halt. Und wenn wir jetzt der Wäscheleine nachschauen und in die Richtung des großen Schlafsaals kommen, dann finden wir endlich unsere lang ersehnte Doricas. Der kleine, immer lächelnde Engel mit einer gespaltenen Wirbelsäule sitzt nackt und fröhlich auf ihrem Stuhl.

Mama Doricas kam grade rüber, um ihre Morgen Routine mit ihrem Kind zu vollführen. Wir setzen uns auf die rote Anhöhe vor dem Schlafsaal und schauen zu. Du stützt dich an der Kante des Steines ab und so sitzen wir in der kräftigen Morgensonne und schauen das Duo aus Mama und Tochter an. Doricas sitzt auf einem normalen Plastikstuhl und hätten wir das Tröpfeln nicht gehört, wären wir nicht drauf gekommen, dass der Stuhl als Klo benutzt wird und unter ihr ein Bottich zum Auffangen steht. Mama Dorcias hatte ihr Kind grade gewaschen und reibt jetzt ihren runden schönen Kopf mit den kurzen und trotzdem weichen Haaren mit einer Creme ein. Doricas freut sich zusätzlich, als wir ihr das letzte Stück Chapati geben, das ich bis jetzt mit mir rumgetragen hatte. Sie kaut munter darauf herum und reagiert auf keinen Schmerz der von ihren Beinen aus kommt. Ihre Mama nimmt den Verband von dem Fuß und beschaut sich besorgt, mit dem Blick einer wissenden Mutter, das Übriggebliebene von ihrem Kinderfuß an. Eine große Wunde schien verheilt zu sein und lässt nur noch rote Haut zurück, die abzuheilen scheint. Zehen hat Doricas keine mehr, außer den ganz kleinen. Mit einem desinfizieren Wattebällchen wischt Mama Dorcias die Wunde sauber, und was so schmerzhaft aussieht, lässt Doricas wie gesagt völlig kalt. Sie spürt nichts. Sie kaut, lächelt und antwortet erfreut auf unsere Begrüßungen und Fragen. Ihr rechtes Bein hängt im Winkel vom Stuhl und es wippt leicht hin und her, was die einzigen möglichen Impulse für ihre Beine darstellt. Das Kind sitzt sehr grade mit einem Schatz aus warmen Teig auf ihrem Stuhl, grinst und strahlt in der Morgensonne und währenddessen wippt eines ihrer gelähmten Beine. Für diesen kurzen und sehr einprägsamen Moment scheint sie ein völlig verschontes und wunschlos glückliches Kind zu sein. Glücklich ist sie sowieso immer wenn ich sie sehe, aber in diesem Moment sieht sie wie das Kind aus, welches das Glück abbekommen hätte ein ganz normales Leben vor sich zu haben. Ihre Mama legt den Auswechselverband wieder präzise an, nachdem sie eine dicke Creme mit grauer Farbe aufgetragen hatte, und legt den braunen dreckigen Verband in eine Schale, um ihn später zu waschen. Beide Verbände sind alt, Fäden hängen überall und die Maschen sind ausgeleiert und geweitet.
Hinter uns auf der Plattform überdacht vom Schlafsaaldach neben der Tür unter einem Fenster, sitzen zwei unwahrscheinlich hübsche Mamas und flechten sich gegenseitig ihre resistenten Haare, die man nur so schwer in ihre schöne geflochtene Form bekommt. Sie kannten sich nicht. Ihre Kinder heißen ähnlich - Brian und Brai Toni - und ihre Augen strahlen mit der gleichen Intensität. Sie sind gleich groß, haben die selbe Frisur und tragen ähnliche Kleider vom Schnitt, nur die Farben könnte nicht verschiedener sein. Von einer der beiden weiß ich, dass sie 22 Jahre als ist und Virgina heißt. Sie hat ein breites nettes Lächeln, wache Augen und ein offenes Gesicht. Ihr Sohn ist drei Jahre alt und ein ruhiger Geselle, was sie nicht zu stören scheint. Ihre ‘Schwester’ ist in ein samtenes dunkellila Kleid gehüllt und hat gepflegtere und gradere Zähne als ich nach vier Jahren mit einer Zahnspange. Sie trägt eine silberne Kette mit einem schwarzen, geschwungenen Christenkreuz, das ebenfalls silber eingerahmt wurde. Die beiden gleiten wie Federn durch die Gegend und sind noch voller Energie, Neugierde und Spaß. Virginia trägt eigentlich immer grau, was so gar nicht zu ihrem Charakter passt. Sie tanzt gerne und lacht Unmengen mit ihrem Sohn. Ihre Zähne sind überall in den Zwischenräumen von Geld betupft, aber da das auf die Meisten zutrifft, fällt eine junge hübsche Frau mit solchen Zähnen gar nicht auf - und schlecht sieht es keineswegs aus. Sie hatte sich gestern die Zeit genommen, sich neben mich zu setzen und zusammen mit Mama Doricas meine kleine Liste aus Wörtern und Sätzen von Englisch in Swahili zu übersetzen und dann in Sukuma, die Sprache der Ethnie Mwanza’s! Sie mussten viel dabei lachen und manchmal diskutierten sie über richtige Übersetzungen für zwei Minuten, auch wenn das Wort ein so simple war wie ‘Good Morning’. Eine schöne Zeit eines schönen Nachmittags. Auf Kisukuma heißt ‘Guten Morgen’ ‘Mangaluka’!

Willst du noch in den Schlafsaal schauen? Da passiert nicht viel. Es ist ein großer Raum mit vielen Matratzen am Boden und grauen hohen Wänden. Auf dem Boden sitzen zwei kleine Jungen, an die du dich vielleicht nicht erinnerst. Sie hatten vorhin, als du noch beim Garten und Mangobaum standest in deiner Nähe gesessen und geredet. Einer saß später, als ich zum Markt gerannt bin, auch auf deinen Zehen. Der Eine redet nur mit hohen Pieptönen und der andere ist der ruhige Sohn von Virginia. So schließt sich der Kreis, nicht wahr?
Du kannst gerne die Augen schließen und noch ein paar Schritte durch die Gegend machen. Vielleicht kannst du dich in deiner Vorstellung nun ein bisschen besser orientieren. Hinter uns der Schlafsaal, rechts von uns Toiletten, vor uns der Wassertank und dahinter die Kochstätte, daneben die Küche und das Lager von Maissäcken und weiter links der Garten. Wir müssen also eine Linkskurve um unser Wohngebäude laufen, um zwischen dem Garten und dem Haus lang zu kommen und hin zum Mangobaum zu kommen. Nimm dir vielleicht eine Minute und versuch dich und deinen Geist mal aus. Ich lauf dir auf leisen Sohlen hinterher und wir treffen uns dann im nächsten Artikel wieder! Alles Liebe!

Möchtest du direkt beim nächsten Kapitel vorbei schauen? Es ist ein ziemlich intensives Kapitel - die Konfrontation mit der Brutalität des Krankenhauses und unseren Patienten, aber es geht auch viel um das gesamte Schaffen dahinter und woher diese Flamme eines Tuns her rührt. Das Kapitel heißt Schweiß der Weihnacht!