Schweiß der Weihnacht

Schweiß der Weihnacht

Ja, wir sind früh dran und der Artikel umso später… wir hatten den 28. November und schon schallten das erste Mal die Banger aller Jahre durch unsere kleinen, mangelhaft bestrichenen Steinwände im House of Hope und unterbrechen nicht selten meinen Schreibfluss durch leichtes hin und her Gewippe und Fingergezeige, wenn ‘All I want for Christmas is…’ das gewöhnte Kribbeln unter der Haut auslöst und man in der Vorstellung überall außer bei 30 Grad in Tansania sitzt… jene zuckenden Gesten, die das Sitzen tänzerisch ein wenig kompensierten, beleben also die Atmosphäre des kleinen blassbläulichen Raumes in welchem ich am Holztisch sitze, die Wand vor der Nase, das graue Licht über mir, das Fenster ein wenig zur Seite geschoben und hinter deer Musik hört man die Hunde der Nacht über Politik, Essenspreise und Menschenliebe streiten. Lebkuchen könnten und dürfen nicht fehlen, auch nicht in Tansania, und wie es die Fügung möchte, waren natürlich jene Kekse im Paket, welches Loana’s Eltern eine Weile zuvor zu uns kommen ließen. Gebürtigen Dank an die Zeuger und Erzieher meiner Mitfreiwilligen, falls ihr Süßen das hier jemals zu Gesicht bekommen solltet. Ich tropfe immer noch von der Hitze des vergangenen Tages und bin überrascht alles so gut weggesteckt zu haben. Vor zwei Tagen lag ich noch mit dem vierten Sonnenstich meines Lebens zwei Tage flach und halluzinierte in Fieberträumen die Zukunft unserer Bewegung Gen.ZM in auswuchernden Details und großer Klarheit… Interesse? Lies mal in Vision Grande rein, um zu gucken was ein halb gekochter blonder Schädel von sich gibt, wenn er den Kopf grade noch hoch genug bekommt, um die Tasten zu sehen in welche er unkontrolliert mit harten Fingerkuppen pickst.
Es ist beinahe 10 Uhr abends und seit 7 Uhr am Morgen renne ich pausenlos von einer Sache zur nächsten. Hündin Paula musste versorgt, dann eingefangen, anschließend angebunden werden - der Arbeitsweg nach Bugando, welcher auch ohne die Arbeit dort genug Aufwand in sich trägt um Arbeit genannt zu werden - Kinderbespaßung und gebrochene Unterhaltungen mit Mamas - gemeinsame Mittagessen in der Cafeteria mit einem hochnäsigen, aber interessiertem Kleinkind auf dem Schoß und ihrer Mutter jünger als uns beiden, und wir sind zwanzig und neunzehn - ein zwei Stunden Fußweg durch die Stadt für Einkäufe und hin zur Sprachschule - eine zu dritt besuchte Stunde Swahili aus Loana, Mads dem dänischen Medizinstudenten und Icke, dann eine Einzelstunde direkt danach im Chinesischen und dann der wildeste Weg nach Hause, den ich bisher erleben durfte. Jene Etappe brachte mich trotz der restlichen Tagesschönheit und ihrer Einmaligkeit, erst auf den Entschluss allem Gestalt in Pixel’s Form zu geben. Jetzt sitzen wir wieder vor ihnen. Unsere schwer geliebten Pixel, die da zwar nur halb tot auf den Bildschirm geklebt scheinen, aber trotzdem die Kraft und die Magie der Vorstellungen und der Gefühle  in sich zu pulsieren haben. Ansonsten würde man diesen elenden, verrenkten Linien keines Blickes würdigen, oder?

Hier ist mein Tag. Ich nehm dich im ‘Schnelllauf’ durch ihn mit, drifte ab, fang irgendwo anders von neuem an, entschuldige mich dann für die Chronologie wie sonst auch und gebe dir zwischendrin kleine Eindrücke, die du je nachdem wie gut du den Blog kennst, immer mit anderen Vorstellungen anderer Orts füllen kannst, und werde dich dann schließlich ganz in der Vorstellung mitnehmen, wenn wir in dem Meer aus Menschen im kleinen Bus auf unserem Nachhauseweg stehen, durchgeschüttelt von der Straße, ein Krampf der sich im Nacken ankündigt, schweißnass und nur auf halben Fuß.

Aufgewacht bin ich relativ einfach. Mein gutes altes teures schwarzes Kästchen des unendlichen Wissens, mein Handy, lag außerhalb meiner Zeltwand und war durch ein Kabel an die Wand und dessen dreilöchrigen Outlet, die Steckdose, verbunden. Eine Erfindung, ohne die der ganze restliche Quatsch keinen Sinn ergeben würde. Ich versuch also einen der beiden Bildschirmfelder zu treffen, die einmal in grau ’Stop’ anpreisen, und in einem satten, wunderschönen Orangeton ‘Snooze’. Wie unfair! Ich snooze und zähle eine Minute später sehr langsam von fünf herunter, um aus Prinzip vor dem Wecker aufzustehen. Soweit erfolgreich. Aber die Nacht war eine anstrengende. Mein Zelt, in dem ich wie eigentlich immer schlafe, steht zur Zeit in meinem eigenen Zimmer. Eigenen! Mentor Peter, mein normalerweise präsente Mitbewohner, ist grade auf Fortbildung in Moshi, die Stadt die in den Berghängen des Kilimanjaro’s sitzt und gedeiht. Eine Schule dort kenne ich und wenn ich mal dort sein sollte, grüße ich die Leute. (Die Zukunft verriet uns, dass ich tatsächlich dort sein werde, aber bis dahin nichts mehr im Kopf habe davon und es auf ein weiteres nächstes Mal schiebe) Unterrichten darf ich da auch, wurde mir ausgerichtet. Eine kostenlose Nacht nehm ich auf jeden Fall mit. Dass ich meinen Mentor für Monate nicht mehr sehen würde, kann ich nun aus der Retroperspektive zwar erwähnen, aber das wäre mir damals nicht in den Sinn gekommen. Peter hatte sich verabschiedet und wir hatten es nicht mitbekommen… jetzt kann ich zwar in meinem Zimmer zelten und morgens ohne das Nase säubern von Peter aufwachen, aber es fehlt doch etwas Wichtiges ohne ihn. Und damit meine ich nicht nur jemanden, der einem die eigene Arbeit erklärt, oder uns Dinge übersetzt, oder mir die Bibel deutet, sondern ein cooler Typ mit dem ich drei Monate zusammen lebte und der mir immer mehr zum Bruder wurde. Wenn ich ihn irgendwann mal interviewen kann und die Erlaubnis habe, vielleicht kann man ihn dann hier noch besser kennen lernen und Geschichten aus seiner Kindheit in Moshi erfahren.
Der Wecker ist bekämpft, der Schlaf wurde wie ein Mantel abgelegt und am Zimmerboden zurück gelassen, das Zelt von mir geschält, die Dünste der Nacht verblasen, während ich taumelnd ins Wohnzimmer stolpere, ein wenig Wasser aus der 18.9 Liter Gallone in eine kleine blaue Plastiktasse kippe und trinke, Paula unser Haus- statt Wachtier auf dem Sofa liegend streichle und ihr offen bekunde, dass sie ihren Job falsch macht. Sie reagiert, wie Hunde eben reagieren, wenn sie genau wissen, dass sie gemeint sind und dass sie was gegen den Willen des Zweibeiners tun. Sie schließen die Augen und stellen sich schlafend. Hey, toll… könnte ich besser riechen als nur das was sich direkt in meiner Nasenhöhle befindet, würde ich ihr vielleicht an den Kopf werfen, dass sie müffelt. Könnte sie sprechen würde sie mir das selbe zurück sagen und mit dieser voraussichtlich herben Enttäuschung bin ich besser dran dankbar dafür zu sein, wie es ist. Ein stummer Sesselhund und Ich - schon wieder.
Als nächstes betritt die wesentlich besser ausgeschlafene Loana die Tanzfläche und wir vollführen unsere allmorgendliche Routine aus Swahili-Guten-Morgen-Begrüßungen bis die Sprachkünste ihr Ende finden und wir auf deutsch darüber lästern, wie kacke man mal wieder geschlafen hätte. Deutsch halt. Loana hat geträumt und ich muss dringend auf die Toilette -

Als unsere Taschen gepackt sind, stehen wir vor der Aufgabe Paula beizubringen, nicht mit uns in die Ferne der Bushaltestelle zu spazieren und sich dabei in Lebensgefahr zu begeben, sondern süß und gehorsam unter unserem Zitronenbaum zu sitzen und uns nachzuschauen, als wir unter den Mangobaum laufen, das eiserne, quietschende, schwarze Tor erreichen und unseren Weg zum Krankenhaus beginnen. Das klappt natürlich wunderbar und einbahnfrei…
Nachdem mein kleiner Engel auf der Schulter keinen Bock mehr auf den Hund hat, bringen wir sie zu den Mamas, sperren sie in das kleine Räumlein, welchen wir Jico, also Küche nennen und sagen den Mamas sie bitte in fünf Minuten wieder der Freiheit zu übergeben. Hoffentlich sind wir dann schon weit genug weg, als dass sie uns einholen könnte. Wir laufen los und wünschen den vier anwesenden Müttern und ihren Kindern einen prächtigen Sonnenzyklus, den sie alleine bei uns zuhause verbringen müssen. Der Vorratsraum ist an einer Wand gefüllt mit riesigen Ugalisäcken, also Maismehl im Überfluss, falls jemand den Drang verspürt sich damit abzuschießen, es gibt ein paar Eimer mit Bohnen und Reis und generell ist für vieles schon gesorgt. Der Gründungsvater des Hauses namens Walter hat seine Verbindungen, und jene versorgen uns, das Projekt unseres Rasta’s, zu verlässlichen Zeiten immer mit genügend Vorräten, welche von jenen Menschen gespendet werden. Wie vielleicht noch nie erwähnt, basiert dieses Projekt ausschließlich auf den Spenden, materieller und finanzieller Art, was für mich an Unglaublichkeit grenzt - im Positivsten!

Ich trage Schuhe. Wenn du dich wunderst, warum in aller Welt ich das erwähne, dann liest du den Blog noch nicht lange genug oder du konntest die Lebensphilosophie des Barfußseins bisher völlig verdrängen. Normalerweise würdest du niemals Schuhe an meinen Füßen sehen, aber für das Krankenhaus muss sogar ich meinen freien Willen hinhalten. Lass mich nur einen Schritt außerhalb des Krankenhaus tätigen und die beiden Schwestern am Ausgang, welche den Job der Sicherheit ausführen, bekommen ihr abermaliges kurzes Gespräch mit mir, während ich mich neben die auf die niedrige Steinwand setze und beginne meine Schuhe auszuziehen und sie an meinen Rucksack zu binden. Die Beiden fragen inzwischen nicht mehr nach. Liegt daran dass ich ihnen auch keine richtige Antwort geben könnte, und das wiederum liegt ein bisschen an meinem Suaheli und meiner eigenen Planlosigkeit, über was ich hier eigentlich anstelle… ich meine, das muss mich doch theoretisch irgendwann irgendwo hinbringen, oder nicht? Und im schlimmsten Fall halt ins Krankenhaus…

Wir sind aber noch zuhause und gehen jetzt erst los in Richtung Krankenhaus mit Paula’s Geheule im Rücken. Wir grüßen beim durch-die-kleinen-Häusergassen-ziehen alle Kinder, die wir sehen und auch die alten beiden Damen am Boden, die unermüdlich mit kleinen Hämmern die berühmten Steine Mwanza’s zu Kieseln zertrümmern und in der Nähe des ersten Ausblickes über den See sitzen, grüßen wir wie immer herzlich. Wir kommen auf einen betonierten Weg mit einem kleinen Stück gepflegtem Rasen neben uns, der völlig aus dem Konzept der restlichen Natur fällt, aber zur Wiedergutmachung einen kleinen Bananenbaum in seiner Mitte zu stehen hat, und dieser Weg führt wie auf einen Abgrund zu. Jener ist eine Straße mit circa 30 prozentigem Gefälle und die Motorräder müssen ihre Gäste manchmal bitten abzusteigen, bevor sie dort hochfahren können und trotzdem droht der Motor manchmal kürz vor dem Erreichen der Spitze abzukratzen. Kommt auf das Motorrad an. Diese Spitze ist aber auch der Ort für den wohl schönsten Ausblick unseres Arbeitsweges. Die zwei Kilometer zwischen uns und dem See öffnen sich, zeigen die riesigen Flächen voller Bäume und Ackerflächen, alle Mangobäume stechen durch ihre schöne Form heraus, ein großer Baum trägt Blumen und der See selber liegt in schimmerndem Grau unendlich groß vor uns, mit ein paar vereinzelten Inseln in seinen Wassern. Wenn wir anschließend links abbiegen und auf der graden Straße aus hartem Sandboden mit tiefen Regenrinnsaalfurchen bergabwärts schlittern und nicht selten ausrutschen, passieren wir dabei den kleinen Stand zweier Damen, welche einmal kleine frittierte Reisbällchen namens Vitomboa oder frittierte Teigtaschen mit Kartoffel darin in Dreiecksform, genannt Samosa, zubereiten und uns von Herzen gerne verkaufen. Wir kaufen jedes Mal etwas, wenn wir noch ein bisschen Kleingeld dabei haben. Leider hebt man von der Bank immer nur 10.000er Scheine tansanischer Shilling ab, und jene beiden Frauen haben nur selten die Möglichkeit einen Schein, der keine ganzen vier Euro wert ist, zu wechseln. Dafür ist der Wert zu hoch und ihr Geschäft wirft in so frühen Tagesstunden noch nicht genug Kleingeld ab. Die Zehntausend könnten hier 50 Reisbällchen aus minus Rabatte erwerben. My friend… was soll ich dir erzählen? Heute gab’s ausnahmsweise kein Gebäck am Morgen, aber dafür eine genauso ehrlich nette und liebevolle Begrüßung beider Seiten. ‘My friend’ sagt Mentor Peter immer fingerzeigend zu unserem Hund und danach, wenn Paula trotzdem weiter gegen unsere menschengemachten Gesetze des Miteinanders verstößt, wird sie unter Tonwellen aus ‘WewewEweWE!’ durch einen schiebenden Fuß verdrängt. ‘Wewe’ heißt einfach ‘Du’ und wird immer benutzt um Kinder zu ermahnen… wewe! Acha! (Stop!) Oder jemandem zuzurufen. Dabei spricht man das W ganz weich aus. Wie das ‘wh’ im Englischen bei ‘why’. Mist, glaub mir bitte, wenn ich meine nicht mit Absicht abzuschweifen. Die Weihnachtsmusik wirkt auf mich, wie Eichhörnchen auf Menschen mit Aufmerksamkeitsstörungen - also auch ich… das ist so unfair, zumal Suaheli, Swahili, oder wie auch immer, eine total coole Sprache ist und viel mehr als nur kurze Randbemerkungen in meinem Worterinnsaal verdient hätte. Ich gebe dir einfach eine kleine Sprach-Denkaufgabe mit, damit die Sprache danach nicht ganz verschwindet. Auf Swahili ist das Wort für ‘zu lieben’ - ‘kupenda’ und das Wort für ‘zu mögen’ ebenfalls ‘kupenda’. Es ist also unserem Sprachverständnis nach nicht möglich jemandem auf Swahili zu sagen sie oder ihn zu mögen, ohne dabei zu erwähnen, dass man die Person auch liebt… deine Meinung?

Als wir unter dem riesigen Baum unserer Bushaltestelle standen, überlegten wir beim Warten das aller erste Mal vielleicht einfach mit einem Boda Boda, einem Motorrad zum Bugando Medical Center zu kommen. Grund für diese Überlegung war der Stau der letzten Wochen auf dem Teil des Weges an dem eine neue Brücke und eine Parallelstraße errichtet werden. Zur Zeit fährt der gesamte Verkehr der Hauptstraße, welche die Außenwelt und die Großstadt Mwanza verbinden, auf einer Mondlandschaft aus gepresstem Sand ein paar Meter neben dem Seeufer. In zu kleinen Bussen mit dem Schädel an der Decke und den Metallstangen zum Greifen in gefährlicher Schläfennähe, möchte man eine Busfahrt generell lieber umgehen, wenn die Frisur einmal saß, oder man übermäßigen Körperkontakt nicht super findet, oder der Rucksack schon warm genug ist und man innerhalb der letzten Woche geduscht hatte. Das alles ist in diesem geteilten Bad aus Mitleidenden dann egal, weil man dort die Möglichkeit hat nach Mwanza zu schwimmen, Beulen im Schädel davon zu tragen und den TikTok Algorithmus anderer Menschen bestens zu verstehen, während man gekrümmt auf ihren Schultern liegen muss. Was die Frisur angeht, übertreibe ich, denn ich habe keinen Spiegel und seit drei Monaten nicht das geringste Bedürfnis meine Frisur zu richten und zweitens lerne ich bei so viel Nähe immer wundervolle Menschen kennen. Ich übertreibe also eigentlich maßlos, aber genieße das bisschen Auslastung von der Anstrengung jeden Morgens, wenn man das Leiden zumindest ein wenig teilen oder mitteilen kann. Ich bin auch noch nicht ganz fertig, denn dann wäre noch der allmorgendliche Stau vor dem uns im Angesicht der Zeitknappheit zu unserem Schichtbeginn graut. Die Menge an Verkehr, die sich von der Bushaltestelle in Richtung dieses Ortes schiebt, ist ebenfalls ungeheuer und wir erwarten das Schlimmste. Wir entscheiden uns im Endeffekt trotzdem für den Kleinbus aus China. Und es kommt raus, dass der angepriesene Stau heute anscheinend Urlaub hat. Ha! Glück gehabt. Und weißt du was, geliebte lesende Person? Ich konnte im Endeffekt sogar sitzen. Weil das so ein Highlight war, möchte ich dir sogar einen Einblick gewähren, in was ich während dieser Zeitspanne so gemacht habe, damit wir uns ein bisschen besser kennen lernen, ohne zu viel Preis geben zu wollen. -
Mit ein paar Zentimeter mehr als Keinem Fußraum saß ich wie eine hübsche 4 in der theoretisch zweiten Reihe. Aber ganz kann man das nicht mit Zahlen und Reihen beschreiben. Ich saß irgendwo in der vorderen Hälfte mit nem Polster unter meinem Hintern. So… Mein Handy sollte heute Nutzen finden, seit ich mir gestern verstärkt vorgenommen hatte auf erneute Wörterjagd zu gehen und Literatur zu durchstöbern, die schönes linguistisches Material bergen würden. In Überlegung gezogen worden sind Friedrich Schiller’s ‘Die Glocke’ und ein Werk von Friedrich Nietzsche. Ich war auf einem katholischen Privatgymnasium und kann ehrlich nicht ganz ausschließen, dass das der Grund wäre, warum ich nie genug über den Mann lernte, der in dem Stück, dass ich während der Fahrt lesen würde, behauptet, Gott wäre wohl tot. Besser spät als nie und so kam es, dass ich erst heute den Zeilen des Werkes ‘Also sprach Zarathustra’ von Friedrich Nietzsche die lang vermisste Aufmerksamkeit spenden durfte.
Weil man ein solches Werk nicht einfach nur stumpf ankündigt, sondern es der uns inne wohnende Bildungsauftrag aller sein sollte, solch große Gedanken in geschickter Worte Gewand weiter in die Welt zu tragen, möchte ich meinen Teil tun und die wenigen Seiten Einblick, die sich mir boten, mit dir teilen. Du merkst am potthässlichen Schreibstil, dass meine Zehen wackeln, das linke Augenlid anfängt zu zucken und ich ganz hibbelig und aufgeregt werde, um endlich von meinem kleinen ausgegrabenen Schatze der Internet’s Tiefen zu berichten… ‘Also sprach Zarathustra’. Von Friedrich Nietzsche.

Es geht um einen Mann, wie leider in viel zu vielen guten Geschichten. Aber einzig und allein dieser Mann heißt Zarathustra, also ist es dieses Mal ok. Der Mann tut das einzig Richtige, als er sich entschließt die Welt der Menschen aus Liebe zu ihnen zu verlassen und meiner Erinnerung nach in die Berge steigt, um dort 10 Jahre zu leben. Geschrieben steht mit Schlange und Adler. Ich wunderte mich ob das nur Freunde sind, oder ob da mehr läuft. Vielleicht jagen die beiden für den armen Mann, während er völlig allein Jahr um Jahr in der tiefsten Mitte der Natur vegetierte. Ihm schien es in der Zeit fabelhaft zu gehen. Trotzdem entschied er sich nach all der verbrachten Zeit in absoluter Abgelegenheit seinen Geist und sein Sein der Sonne, ihrer Welt und dessen Menschen zurück zu schenken, auf welche sie, die Sonne, täglich so gütig scheint. Genug beschenkt wie er sich fühlte, machte er sich zurück in die Stadt und traf auf dem Weg im Wald einen alten Menschen. Einen Mann, und zwar einen Greis. Herrlich humorvoll war dieser, aber dem Vorhaben Zarathustra’s riet er ab. Er schien das menschliche Wesen auf Erden aufgegeben zu haben und sagte auch das aus Liebe zu ihnen getan zu haben. Dann meinte der Greis, er würde nun Gott statt die Menschen lieben, da jene ihm zu unvollkommen wären. Gott würde er durch singen, brummen, lachen und tanzen lobpreisen. Zarathustra schien überrascht und als der Alte wissen wollte, welches Geschenk er, Zarathustra, denn für die Menschen bringen würde, sagte jener aus Respekt vor dem Greis: 

‘Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon, dass ich euch Nichts nehme!’
Danach lachen die beiden, ungefiltert, echt und voll wie Kinder lachen können und beide gehen ihrer Wege. Als Zarathustra dann seine Reise durch die Wälder fortsetzte und sich wunderte, so sprach er zu seinem eigenen Herze, ob der alte Mann es denn echt nicht wüsste… Hatte jener nicht davon gehört? Ist die Nachricht noch nicht in diesen Teil des Waldes gedrungen, dass Gott tot sei?

Hier findet das erste Mal die Nennung dieser Idee statt und man als Lesende*r ist nicht wenig beeindruckt von der plötzlichen Wendung hin zur Religion. 

So kommt dieser wandelnde Mönch der Welt und Berge nach seinem Marsch in jene Stadt, die seines Weges war. Hier sammelten sich Menschen bereits, um einem Seiltänzer, um seinem baldigen Akt Beachtung zu schenken. Ich meine gelesen zu haben, dass Zarathustra das nicht wusste, aber die Menge an Menschen gerne nutzte und ihnen ein kleines Geschenk an Worten machte. Er stieg auf ein Podest und hielt seine erste Rede und was soll ich dir sagen… ich bin ein wenig tiefer in das harte Polster gerutscht und vergaß einen Augenblick lang alles um mich herum. Einen kurzen Einblick dessen darf ich dir bestimmt gewähren, oder? Guck mal, er sprach:

‘Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.’

Übermensch… als mein Martin dieses Wort das erste Mal aussprach, musste ich ihn sehr verdutzt anstarren. Martin, der junge Mann der Mai’ischen Spanienreise zu Fuß. Mein persönliches Genie und ein nicht darum verlegender Philosoph. Und mein geliebter Freund der Seele, zusammen mit unserer Schwester der Seele, Nina. Er sprach mich bei unserem Nachbereitungsseminar ganz unverhemmt an. Ich hatte einen Zyklus um die Sonne in Kanada auf Vancouver Island in einer Kommune im Wald überlebt und er ein Jahr in Schottland und der ältesten Camphill- Kommune der Welt. Aberdeen. Unsere Köpfe waren wie füreinander geschaffen. Er, belesen und wissbegierig, ertrinkend in der Geisteswissenschaften Tiefe. Und ich durch alles was bisher in meinem Leben geschah, stark von der Norm abweichend. Dass ich noch nie vom Übermenschen gehört hatte, überraschte ihn. Ich wunderte mich über das Wort, welches nach nationalsozialistischem Gebrauch klang und hörte völlig baff der Aufklärung des Gesagtem zu. Keine drei Tage darauf, beschlossen wir gemeinsam acht Monate in der Zukunft durch Spanien zu backpacken. So viel zu Martin und dem Übermensch und unserem Zusammenkommen. Martin reist grade immer noch als Schachlehrer in Nepal und seine Nachricht würde ich später noch lesen. Sei gespannt!
Zurück beim Text ging es während dieser ersten Rede heiß her. Nicht nur das Gesagte, sondern auch was im Hintergrund geschah, bannte mich und die Schar aus Menschen um Zarathustra. Er sprach ihnen also vom Übermenschen! Und er behauptete in jenem den Sinn der Erde zu sehen. Den Sinn der Erde. Er fleht jene Hörenden an, der Erde und ihrem Menschenstreben treu zu bleiben und diesem alles vereinende Streben als das ihre anzusehen, und nicht jenen zu glauben, die von überirdischen Hoffnungen sprechen. Diese Aussage ist wohl das Kernstück einer Religionskritik, wie sie die Welt um das literarische Stück herum für immer verändern würde. Giftmischer nennt er jene, die uns von Träumen des Lebens nach dem Tod unterrichten. Aua.
Er berichtet ihnen von dem Abgrund, den es zwischen Mensch und Übermensch zu überwinden gäbe und nimmt ein gespanntes Seil zum Vergleich, um es dem menschlichen Leben gleichzusetzen. Er lobpreist jene, die ihr Leben dem Untergang weihen, denn jene scheinen die Einzige zu sein, die versuchen auf diesem Seil zu tanzen und die andere Seite, nämlich das Ufer des Übermenschen zu erreichen. Jene bereiten den Pfad vor, für das was alle Welt anstreben sollte. Zarathustra führt aus was er liebt im Menschen zu erblicken und trotz allem kommt er zum Ende seiner Rede und stellt fest, dass die Menge ihn schallend auslacht. Manche schreien, dass der Seiltänzer nun genug erzählt hätte und doch endlich zu tanzen beginnen soll. Andere machen sich lustig über die Idee des Übermenschen und lieben die Idee des Gegenteils, welches ihnen präsentiert wurde, viel mehr. Der letzte Mensch. 

Er kommt nicht zu ihnen durch. Seine Worte sind pur und gutstrebend nach etwas Höherem, aber wie er selbst sagt, scheint er nicht der Mund für jene Ohren zu sein. Damit wir aber nicht einfach bei herber Enttäuschung aufhören, über Zarathustra zu berichten, führe ich noch kurz Schlüsselaussprüche an, damit sich dein Bild von dem Geschriebenen noch verfeinert.
Eine Textstelle, die ich zufällig am Anfang des Jahres auswendig lernte, ohne ihren Kontext und dieses Buch zu kennen, besagt:
‘Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.’

Die nächste Stelle ging um diesen allgegenwärtigen und viel zu oft angestrebten Komfort, der uns zu einer Masse macht, die nicht mehr aufbegehrt und alle beinahe gleich macht.
‘Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.  Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.’

Und als aller Letztes noch eine hübsche Kritik an unserer Bildung und welchen Stellenwert sie trägt. Wie sie uns von höherem Streben abhält.

‘Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.’

Einmal Luft holen. Wir haben es geschafft. Der Bus hält und schnell drängeln Loana und ich uns zwischen den anderen noch stehenden Fahrgästen in die frische, heiße, etwas verdreckte Luft, nachdem wir tiefgebückt durch die metallene Schiebetür entflohen und stehen dann ziemlich genau an der Bushaltestelle im Zentrum der Stadt Mwanza. Ganz schön voll hier und die Sonne knallt auch schon wieder. Die Bushaltestelle nennt sich Natta und wird eingekesselt von Unmengen an kleinen Ständen, die sich an der ganzen Länge der Straße entlang ziehen. Ein spannender Hauptstraßenseitenwechsel folgt, indem wir an der Seite stehen, immer mehr Menschen zu uns zu einer Blase treten und wir dann geeint nach genug verstrichenen Sekunden gehen können; dann sind wir bei dem Parkplatz der Autos mit dem ziemlich billigen Fahrdienst hoch zum Krankenhaus Bugando. Wir zahlen je 500 tansanische Shilling und steigen hinten in das Auto, um auf zwei Sitzen und einem dazwischen geklemmten Benzinkanister zu dritt Platz zu nehmen. Von dem Komfort kann ich mir das Schwärmen sparen nehm ich an. Der Siebensitzer mit seinen neun Menschen fährt uns zum Ziel und das reicht uns. Der riesige weiße und blaue Gebäudekomplex mit dem Namen Bugando erscheint vor uns und wir hängen uns die kleinen Plaketten an die Kleidung, welche uns ausschildern als Teil der hier Arbeitenden und passieren das Tor der Sicherheit. Bugando ist wirklich unheimlich groß und besitzt ein Prestige, welches es in ganz Tansania zum vermutlich höchst angesehensten Krankenhaus macht - wenn man Menschen fragt, wäre der größte Traum aller Medizininteressierten eines Tages in Bugando studieren zu können. Wir laufen in das erste große Gebäude und unsere Reise vom zweiten Stock hoch in den Sechsten startet, um dort im Ward der Neurochirurgie in den gewöhnungsbedürftigen Geruch eines solchen Traktes einzutauchen, in welchem die schwerst geschädigten Unfallopfer auskurieren. Wir passieren zwei Räume die bis zum Rand gefüllt sind mit Männern, die an allen denkbaren Orten Leinwände aus Verbänden tragen, Familienmitglieder ihnen die Arme stützen, damit sie ihre Schritte zum Toilette machen können, wenn sie noch fähig sind aufs Klo zu gehen und andere starren mit geschwollenen Augen in den Raum und wissen vermutlich nicht mehr weiter. Dass der Ausblick durch das eine große, mit einem Schrank für Taschen versperrte Fenster an der Wand gegenüber großartig ist, passt in die Beschreibung so gut wie ein Stiefel auf einem Gesicht. Und jener Ausdruck passt wiederum besser zu der versuchten Personenbeschreibung, als zu meinem verbalen Versuch welcher Art auch immer… diese Räume machen etwas mit einem und lieber wär’s mir wenn ich es nicht beschreiben könnte. Die Weihnachtsmusik in meinem Hintergrund ist abgeklungen und zurück bleibt die bildliche Erinnerung und das Gefühl dieses Ortes. Zwanzig Meter findet man unseren Arbeitsplatz. Der Raum ist ein Duplikat, die Menschen Unikate. Für diesen Tag möchte ich dich in diesen Raum führen und dir beschreiben, wer denn alles anwesend wäre, wie die Stimmung ist, welche Situationen durchgemacht werden und was unsere Aufgabe hier wäre. Wir ziehen den hellblauen Vorhang zur Seite, welche das Sehen in den Raum durch die Doppeltür hindurch verhindert, und grüßen unsere Freunde und alle Anwesenden mit einem lauten Habari za Asubuhi und dem darauf folgenden Shikamoni! Der gute Morgen ist also gewünscht und der Respekt vor dem höheren Alter gezollt, bevor wir uns daran machen alle Betten einmal einzeln zu besuchen, die Kinder zu besehen, uns nach der vergangenen Nacht erkundigen und wenn es eine neue Mutter gibt, ihre Daten aufzunehmen, um für das House of Hope und das dahinter stehende Mwadeta-Projekt einen Einblick über ihre Schützlinge zu erschaffen und der Regierung in ihrem Streben fertige Testläufe mit Jahren voller Daten präsentieren zu können. Was in aller Tiefe hinter diesem Gesamtkomplex eines ausgeklügelten Lebenswerkes zweier Menschen steht, erfährt man auch noch zu gegebener Zeit. Das Swahili reicht um nach der Patientenkarte von Bugando zu fragen und ich kann die Namen von Mutter und Kind erlesen, frage nach dem Namen des Vaters, schreibe ihre Herkunft und ihre Ethnie auf. Stamm ist laut Menschen, die sich damit mehr als ich auseinander setzen, nicht das zu nutzende Wort - auf Suaheli sagt man Kabila. Kabila von den meisten ist die Ethnie der Sukuma - ein Bevölkerungsanteil Tansania’s mit circa 10 Millionen Menschen und damit dem größten Kabila des Landes. Viele andere kommen aus der Geita Region oder der nach weiter entfernten westlichen Kalgera Region. Die gesprochenen Sprachen sind durch die sehr hohe Zahl an Kabilas unüberschaubar und dennoch hatte die eingeführte Sprache Suaheli, durch den ersten Präsidenten Nyerere, den Effekt eine ganze Nation über ihre Grenzen der vielen Ethnien hinweg Eins zu werden und sich in diese Sprache zu verlieben, die nun ermöglicht überall zu sein und mit allen reden zu können. Nationale Bindung durch Sprache und man spürt es deutlich! Das zwischenmenschliche Kompliment an jemanden von außerhalb, der oder die versucht die Sprache zu sprechen, ist ein sehr Großes und der Schlüssel zu den Menschen ist und bleibt die Sprache - wie meistens. 

Ich frage noch nach der Telefonnummer und beende damit die Abfrage. Das Kind liegt neben ihr bewegungslos und der Kopf ist zum bersten mit Hirnwasser gefüllt. An beiden Kopfseiten sind mit Blut verkrustete Narben, die auf jeweils eine Operation auf beiden Seiten hindeuten. Die Mutter ist für den dritten chirurgischen Einsatz vor Ort nachdem der Shunt nun schon zum zweiten Mal fehlgeschlagen war und die Wunden entzündet sind - die nächste Operation kann vorerst nicht durchgeführt werden. Aus ihren stummen Augen schreit das finanzielle Verderben eines ganzen Familienclans. Das Kind ist in einem Endstadium und die Operation würde das Leben retten, aber nichts von den angerichteten Schäden wieder gut machen. Der Kopf ist weitaus größer als meiner, die Augen sind durch den Druck im Schädel erblindet und zur sogenannten Sunset-Stellung gerutscht. Wie eine untergehende Sonne flimmern die Pupillen am unteren Rand und bewegen sich zuckend leicht von Seite zu Seite unter der riesigen Stirn dir wie über die winzige Nase hinaus schaut und oben zum Ballon wird. Selbst wenn die Frau deutsch spräche, wüsste ich nicht was ich ihr sagen könnte, um ihr Perspektive zu geben. Ich weiß nicht wie man seine Familie ein drittes Mal mit einem Tastentelefon kontaktiert und erneut für hunderttausende Schilling für das behinderte Kind fragt, welches schon zwei Operationen davor erhielt und mit Glück die nächste Operation überlebt, aber ein lebenslanger Pflegefall wird. Der Vater floh nach der Diagnose, Freunde und Familie tendieren einer solchen Geburt einen Fluch Gottes zu unterstellen. Meistens wird ein solches Kind versteckt bis es stirbt. Manche gehen aus Angst nie zum Krankenhaus. Andere können sich die Reise hier her nicht leisten, weil es ein riesiges Problem gibt, wenn nur ein Krankenhaus in Tansania die nötige Operation vollführen kann, dieses Medical Center aber das höchst angesehenste und um Weiten das teuerste ist. Was wir hier in diesem Raum an Patienten erleben sind Sandkörner an dem Strand um den Ozean eines Problems herum. 

Was ich hier grade schreibe ist kein Fundraising, sondern ein Einblick, der uns jedes Mal zu zerreißen droht. Unsere Arbeit scheint sehr limitiert, wenn man sich anschaut was wir in Person vor Ort bewältigen können. Man setzt zwei ungebildete Kinder wie uns ohne die nötige Sprache, ohne Fachwissen und ohne Erfahrung in einen Raum mit diesen Müttern, ihren Kindern und ihren Lebenssituationen. Man braucht eine Weile um damit klar zu kommen, aber wer ist man schon sich in der Situation als Außenstehender beschweren zu dürfen? Wir müssen zuschauen und unser Innenleben beobachten, um zu erkennen, wie wir damit umgehen können. So direkt mit Leid ist man nicht alle Tage konfrontiert. Wir allerdings für ein ganzes Jahr und das einzige von Nutzen scheint eben das Fundraising zu sein, für welches ausschließlich wir als Freiwillige des House of Hope zuständig sind. Spenden sammeln hält solche wunderbaren Orte wie unser zuhause am Leben und es bezahlt die wahnsinnig teuren Shunts, also jene Röhren die in den Kinderkörper eingesetzt werden, um das Hirnwasser abzuleiten, und spart jeder Familie viele Hunderttausend. Ich muss irgendwann den Schritt weg von dem Bett und weg von den beiden Körpern darauf machen, um mich nicht ganz in diesem äußeren und inneren Elend zu verlieren. Man würde ihnen schon alles Geld in die Hand drücken, welches man als freiwillig arbeitende Person trotzdem im Vertrag erhält, wenn man mit den Freunde-Waldorf durch die Welt reist, aber man ist sich doch zu sehr darüber bewusst, dass es sich dabei mehr um das Heilen eines Symptoms handelt und man es mehr für das eigene Gewissen tut, als dass die Sache selbst davon profitiert und man einer Lösung entgegen streben würde. Symptomheilung. Das ist so ein großes Schlagwort aller Zeiten und ich könnte keine zwei Paragraphen darüber schreiben ohne mit einer Systemkritik ankriechen zu wollen. Das Schönste an unserem Projekt und seinen Menschen dahinter ist die Vision und was unsere Gründer für Perspektiven teilen - sie verkörpern das klare Denken, welches sich die Hände schmutzig macht, um tief in die feuchte Erde zu greifen und dann jene Wurzel aller Veränderung mit aller Kraft zu packen und daran zu ziehen. Das House of Hope existiert nur noch, weil es den Bedarf danach gibt. Wenn unsere Vorgesetzten Janet und Walter ihr Werk vollbringen und das Problem selbst lösen, dann wird dieser besondere Ort an dem wir leben ein Rehabilitationszentrum oder eine Schule werden, um der Gemeinschaft auf dem Hügel zurückgeben zu können. Was ist eigentlich das Problem? Was sind die Behinderungen Hydrocephalus und Spin Bifida um welche sich das Vorhaben in solchem Ausmaß dreht? Warum kennt man es kaum außerhalb des Medizinstudiums, wenn man in Deutschland lebt und was sind denn solche Ansätze zu Lösungen, die auf einer solch tiefen, nationalen Ebene greifen können wie die Vorhaben der beiden genannten, Walter und Janet? Wir tauchen ein:
Walter ist ein Rasta in seinen besten Jahren - seine Dread Locks hängen bis zum Becken und kriegen langsam grauen Zuwachs. Der Medizinmann wurde jener, durch Selbststudium und kann kein Dokument vorweisen, welches ihm sein Wesen und die Fähigkeiten dahinter bestätigen könnte. Trotzdem reist er mit einem Team aus Spezialisten durch das schöne Land Tansania, um regionalen Krankenhäusern eines nach dem anderen die Kompetenzen anzulernen, die komplexen Operationen von dem Wasserkopf und dem offenen Rücken durchzuführen. Sie lehren die Pflege, die Kunst hinter der Narkotisierung, also dem Dämmerschlaf für Neugeborene und die schwierige Operationen an Hirn und Rückenmark selbst. Er ist das tragende Element im Gunzert-House in Mwanza, welches das Erschaffen und Ausleben von Kunst an die dort lebende Bevölkerung bringt. Er setzt sich stark für nachhaltige Landwirtschaft ein und verfolgt bei allen seinen Kunstwerken der Öffentlichkeitsarbeit folgenden Ansatz: er erschafft ein Projekt aus dem Nichts nur durch Spenden - er selbst hat kein Hab und Gut, kein Geld was für sein Überleben spräche und nur Menschen die ihn lieben und am Leben halten - er gründet also ein Projekt, sagen wir ein House of Hope in Mwanza oder eine inklusive Schule in Dar es Salaam - diejenigen mit elefantengleichen Erinnerungsvermögen werden sich entsinnen können - und lebt vor, wie Dinge eigentlich ablaufen könnten. Die Daten von welchen ich gesprochen hatte und welche wir vorhin genommen hatten, spielen insofern eine Rolle, dass darauf gestützt das Projekt als funktionierend bewiesen werden kann, wenn er es Menschen in Dodoma, der Hauptstadt vorstellt, dort nach Unterstützung fragt und in der Zusammenarbeit dort einen nationalen Rahmen etablieren kann. Das passierte mit dem Schulkonzept Vikindu’s, welches in dieser Schule so ausgezeichnet funktionierte, dass er nun in der Gruppe aus Spezialisten saß, die das neue Curriculum, also den Lehrplan für das gesamte Land erschufen. Öffentliche Schulen der Zukunft werden von seiner Inspiration gelenkt erbaut und machen die Inklusion der Kinder möglich, denen das Leben gerettet wird in Krankenhäusern, welche Walter Jahre zuvor einlernte solche Operationen zu bewerkstelligen. Wenn alle Krankenhäuser der Regionen, das sind ungefähr Bundesländer, aber mehr durch die dort lebenden Ethnien bestimmt, diese Eingriffe vollziehen können, senken sich die Operationskosten enorm und werden erschwinglicher. Außerdem kann sich beinahe jede Person leisten, zum regionalen Krankenhaus zu reisen, was bei Bugando im Norden Tansania’s nicht der Fall ist. Wenn sie überleben und aufwachsen, dann gilt es nur noch den Müttern zu unterrichten, warum ihr Kind eine Behinderung bekam und wie sie es beim nächsten Mal verhindern kann. Am Ende ist es immer die Bildung und jene ist der schwierigste Part, denn nicht jeder Person kann Fachwissen über Ernährung vermacht werden, egal wie viel mein Mentor Peter, Janet oder Walter auch durch Schulen reisten und Bildungsarbeit tätigten. Die Wurzel liegt in einem Problem der Ernährung. Ein Vitaminmangel - und hier sind die Gründe: manche Familien trinken morgens Uji. Das ist Wasser und ein bisschen Maismehl gekocht, so dass es noch flüssig bleibt. Das ist nicht das größte Problem, denn Uji ist super lecker, vor allem mit ein bisschen Pfeffer und ein bisschen Butter, wenn man jemals Butter hier hätte… das Problem wird größer, wenn es zum Mittag Ugali gibt. Ugali ist Wasser und Maismehl, gekocht, vermischt und verrührt bis es eine resistente Knetmasse wird. Das gibt’s dann nochmal zum Abend und ab dann kann man das Problem vermuten. An der Seite vom Ugali gibt es eine Pflanze namens Mchicha die überall rankt, vor allem in unserem Gartenzaun, wo sie nicht hingehört, und jene wird dann richtig schön mit Anlauf durchgekocht, bis wirklich gar nichts mehr in der Pflanze lebt. Man könnte das fehlende Vitamin, mit dem Namen B-9 oder Folsäure, auch aus dem Boden gewinnen, also die Pflanze könnte Folsäure enthalten, aber das ist eben eine Glückssache. Das Kochen ist der nächste Zufall und eine generelle abwechslungsreiche und gesunde Ernährung ist das die Krone des Problems, denn die Familien die nur Maismehl mampfen, machen das ja nicht zum Spaß an der Freude, sondern weil man sonst nichts zu essen kaufen kann, für das bisschen was der Verkauf aus der eigenen häuslichen Landwirtschaft abwirft. Shida! (Problem) Jetzt gibt’s aber solche Experten wie olle Rasta und der meint gemeinsam mit Müllern im Land ein Produkt national zu integrieren und du wirst nicht drauf kommen, aber es ist einfach Ugali mit Suppliments - mitunter Folsäure. Problem gelöst? Nein, man muss mit der Regierung noch absprechen, dass alle Müller nach folgenden Vorschriften handeln und dass jenes Produkt bei allen zur Verfügung steht. Müller ist doch der Name für den Mensch der Mühle, oder? Genau die sollen dafür sorgen, dass ihre Menschen auch genug von dem fehlenden Vitamin und dem Rest bekommen, indem sie es in ihr Ugalimehl mixen und damit geht die Rate der Behinderungen, was vor allem Spina Bifida, den offenen Rücken, angeht, stark zurück. In Deutschland kennen wir es ja nicht einmal mehr! Und in einem solchen Projekt von solchen Menschen darf man ein Jahr lang hausen und die Spendenaufrufe für das Haus verfassen. Das ist gar nicht mal so schlecht und trotzdem stehen wir nun zwischen den Betten unserer Mütter in Bugando und haben keine richtige Chance einem Individuum zu helfen, außer ihr Ablenkung zu verschaffen und eine gute Zeit in diesem Krankenhauszimmer mit zu erschaffen. Schwierig, aber noch vertretbar. 

Janet ist unsere echte, durch den Vertrag versiegelte Vorgesetzte. Sie ist die Inhaberin aller Dinge und führt das gigantische Doppelleben auch gleichzeitig die Vorsitzende von Child-Help International zu sein, die Organisation, welche alle House of Hopes in der Welt durch Spenden am Leben hält und durch ihre Arbeit, erreichten schon Abermillionen Euro das Land um eine Unterstützung zu leisten, welche nicht von der Regierung bewerkstelligt wird. Janet ist ähnlich wie Walter eine spirituell erfahrende, klar sehende Persönlichkeit von unglaublicher Weitsicht, vor allem in dem Komplex der Problemlösungen. Ihre Projekte, ihre Arbeit und das parallel dazu erschaffende Familienleben ließen Loana und mich bei unserer ersten richtigen Vorstellung mit diesem Menschen tief blicken, welches Kaliber einer Person man vor sich sitzen hatte. Dass sie zusätzlich noch eine große Anthroposophin ist und in gutem Kontakt mit einer Freundin des Herzens von mir aus Kanada ist, macht sie für mich nur immer sympathischer - ihr Projekt himmle ich auch so schon zu genüge an. Beide also - Janet und Walter - sind die Gründer einer riesigen Sache in Tansania und sind von großem nationalen und internationalen Wert für eine Gruppe aus Menschen, denen eine Chance auf ein gutes und normales Leben noch oft genug verfährt bleibt. Genug davon, ich verliere mich… Wagen wir den nächsten Schritt in C6 zu machen? C6 ist der Code für den Trakt und die Etage… na dann!

Ich müsste lügen, wenn ich jetzt einen Namen schrieb für die junge Dame, die wir als erstes auf ihrem Bett anschauten, denn diesen hatte ich zwischen hier und dort verloren. Aber der etwas ältere und trotzdem noch junge Mann, der nun vor mir lag, heißt Josef, das weiß ich noch. Seine Mutter sitzt neben ihm und hält seine große Hand, während die Weiße Person heran tritt von der man sich so viel erhoffen könnte, weil sie doch Anzug und Namensschild trägt. Der Mzungu, also ich, erzählt kein Doktor zu sein und erkundigt sich nach ihr und ihrem noch betäubten Sohn. Jener hatte grade seine Operation überlebt, aber würde nur noch eine Woche am Leben bleiben. Du, liebe*r Leser*in, ich erzähle hier Sachen, die einem echt auf den Magen drücken können und ich halte mich noch zurück, aber ich hoffe dass du unbeschadet danach wieder vom Bildschirm aufschauen kannst und deinen Alltag weiter lebst, ansonsten könnte das hier der absolut falsche Blog sein… - Josef ist fünfzehn Jahre alt und brach irgendwann unter Krämpfen zusammen, erlitt Erinnerungsverluste, büßte Stück für Stück seine motorischen Fähigkeiten ein und hatte schlimme Augenschmerzen. Die Ärzte suchten eine lange Weile, um die Diagnose aufzustellen, dass eine Zyste in dem Kopf ihres jugendlichen Sohnes gewachsen wäre und jenen Kanal verstopfte, welcher die Zirkulation des Hirnwassers zuließ. Der Druck baute sich immer weiter auf und er erlitt schwerere Hirnschäden. Die linke Front seines Schädels ist schwer eingebeult und seine Mutter listet auf was er nicht mehr könnte. Meine Mimik allein bleibt professionell an mir, während mein Inneres mit der Vorstellung kämpft, dass dein Kind in diesem Alter plötzlich solche Symptome entwickelt und du ihm stückweise dabei zusähest, wie er alle seine menschlichen Fähigkeiten einbüßt. Josef ist ein besonderes Fall und noch nie hatte ich von einem Kind in diesem Alter gehört einen Wasserkopf zu entwickeln. Seine Schulkarriere beendete sich dadurch vier Monate bevor sein Leben selbst zu Ende ging. Ich sah die beiden noch dreimal und jedes Mal machten wir Dehnübungen an dem schlappen, aber stellenweise verkrampften Körper des Jungen. Ich schreibe aus der Erinnerung. 

Wir haben ein paar schwer verletzte Kinder hier, die Opfer von Motorradunfällen wurden, das wohl gefährlichste Unwesen, welches sich hier so stark verbreitet auf den Straßen umhertreibt. Die Ausmaße der Verletzungen sind furchtbar und sie an Kinderkörpern zu sehen, macht es keineswegs aushaltbarer. Ein Zimmer weiter liegen in Mengen die jungen Männer, die auf den Motorrädern sitzend ihr tägliches Brot verdienen und welchen man in keiner Welt so einen Unfall wünschen würde - weder für sich noch mit einem Kind. Danach ist man ganz simpel ruiniert. 

Wir haben vier Patienten, die allesamt ihre Operationen erhielten und nun darauf warten, dass ihre Familien das Geld findet, um diese Unsumme an Bugando zahlen zu können. Mit jeder Nacht und mit jeder Mahlzeit entfernen sie sich von ihrem Ziel, denn alles muss gezahlt werden, und ihre Stimmung ist wohl die schlimmste. Sie sitzen hier und warten ohne zu wissen auf was. Sie wissen, dass ihre Familien das Geld nicht haben. Sie müssen ihren Babies jeden Tag dabei zusehen, wie sie nicht weiter kommen, als die Wände des Zimmers groß sind. Mama Mastidia ist unser Sonnenschein mit ihrer vierjährigen Tochter, die trotz ihres offenen Rückens laufen und springen kann, wie andere Kinder in ihrem Alter. Die Wunde war entzündet, die wurde operiert und bekam wochenlang Medikamente, welche die Entzündung bekämpfen sollten. Vier Monate wird die Zeitspanne betragen, die sie hier festsaßen, bevor jemand mit 1.5 Millionen tansanischen Schilling zu Hilfe kommen konnte. 1.5 Millionen sind sechshundert Euro, für die eine Mama und ihr Kleinkind vier Monate ihres freien Lebens verloren. Ok. Daneben im Bett, direkt am Fenster, ist ein kleiner Junge und seine Wirbelsäule beult sich am unteren Wirbel nicht nach innen zum Baum hin, sondern nach außen, weg von der Wirbelsäule. Es sieht einfach verkehrt herum aus, aber vermutlich ist es komplexer. Es ist auf jeden Fall schmerzhafter. Mit beiden Händen auf den Oberschenkeln kann sich der Dreijährige langsam bücken, um mitgebrachte Aufkleber und Stifte vom Boden aufzuheben, um mit ihnen und ungedämpften Schritten zu seiner Mutter zurück zu stolpern. Seine Schritte lassen mich an Benjamin Button denken. Ich beobachte ein kleines Kind in dem alten und unter Schmerzen leidenden Körpers einer alten Person. Eine andere Mutter hat ihren Sohn bei sich und die Aussicht, dass sie kein Geld in ihrer Familie finden könnte, macht sie offensichtlich depressiv. Sie liegt nur und hat kaum die Kraft mit ihrem Sohn zu interagieren. Als wir sie kennen lernten und in ihren ersten Wochen, war sie noch offen und hatte öfters Lust Teil unseres Vorhabens zu werden. Diese Person haben wir verloren. Sie wartet und wartet, ist aber wie gelähmt davon, dass morgen wie heute und gestern sein wird. Ein anderes Kind hatte sich das Bein gebrochen. Die Stimmung ist nicht besonders schlecht. Manche Mütter bekommen einen Besuch, andere essen ihre Mittagsportion aus Reis und Bohnen aus den Plastikbottichen mit Schraubverschluss. Wir haben unsere Gespräche und verteilen das mitgebrachte Material. Wir malen viel und geben den interessierten Müttern entweder kleine Bücher mit Geschichten aus der Bibel zu lesen, welche oft schöne Bilder in sich tragen und andere fragen nach unserem Buch mit welchem wir Suaheli lernen, weil sie damit Englisch üben können. Das Englisch der Anwesenden reicht nur von einer Mutter um sich damit verständigen zu können. Sie ist auch schon lange hier. In zwei Monaten werde ich auf der Beerdigung ihres kleinen Engels sein und einen Menschen zerbrechen sehen, wie ich es mir nie erträumt hätte. 

Du fühlst etwas, mit dem Loana und ich auch permanent konfrontiert sind. Danke, dass du das mit uns teilst! Wir wissen nicht wie wir damit umgehen, aber wir beobachten, dass wir den Raum in Gedanken völlig hinter uns lassen, sobald wir den Trakt am Ende vom Tag wieder verlassen. Wir teilen dieses Leid nur für ein paar Stunden - die Besuchten bleiben zurück und leben ihr Leben weiter und beten für ihre Kinder. Das Leid der Welt ist definitiv leichter zu ertragen, wenn man nichts davon miterleben muss. Mach gerne eine kurze Lesepause und horch in dich rein - vermutlich hörst du nichts und nur mit Glück deinen Darm bei der Arbeit. Ich kann im Schreiben grade keine gute Überleitung dazu bauen, dass so ein Tag ja einfach weiter geht und man als nächstes die Nachricht von Martin auf seinem Smartphone liest. Mit Kontext ist da nichts. Smartphone und Kontext ist sowieso immer schwierig…

In unserer Mittagspause hatten wir wie meistens eine Mama gefragt, ob sie und ihr Kind Lust hätten mit uns Mittagessen zu holen und wir würden sie auf ihr Essen einladen. Mit dieser winzigen Aushilfe tätscheln wir unser Gewissen. Manchmal kommen nur die Mütter mit um sich etwas kaufen zu lassen und gehen dann aber schnell wieder zurück zu ihren Kindern; diesmal bleiben die beiden bei uns und wir haben die Ehre auf ein Essen gemeinsam mit Chausiku und Mastidia, die meinen Schoß auserwählt und sehr bestimmt meine Portion Pommes und meinen Mangosaft zweiteilt. Ich muss mir das Grinsen verkneifen und der kleinen Prinzessin ihren Akt lassen. Danach bekomme ich zu Gesicht, dass mir mein wundervollster Martin eine Nachricht über unsere Nachrichten App zukommen ließ und das Schriftstück würde mich noch in Ewigkeiten mit innerem Lachen unterbrochen von Staunen verfolgen. Ich hab ihn gefragt und darf das Kunstwerk teilen was mir eine größte Ehre ist. Martin’s Schreibstil kennt man vielleicht schon von seinem Essay genannt ‘Das Schuldnarrativ und der Klimawandel’, welcher sich seit einer Weile hier auf der Website wiederfinden lässt. Hier seine Nachricht… ich kann mich gar nicht beschenkt genug dafür schätzen, solche Menschen zu haben, die mir von Zeit zu Zeit schreiben:


‘ Lennart! Heute denke ich an die armen, reichen Schweine, die von mit Gold-verzierten und mit dunkler Ambiente bestrahlten Scotch-Flaschen umzingelt im Restaurant sitzen. Die sich ihren kleinen Tisch, mit noch kleineren Tellern und einem adipösen, noch reicheren Geschäftspartner teilen. Große Weingläser umarmen auf dem Serviertablett die 10€-Wasserflaschen aus Glas und tanzen nach der Melodie des, wie ein Hollywood-Star aussehenden, Kellner, der mit hektischer Achtsamkeit, sowie rapider Zärtlichkeit das überfüllte Lokal beeindruckt. In 10 min wird ihm die Kokain und Ketamin misshandelte Nase in das nächste Gericht bluten, was zu einer kurzlebigen Pause im Tiefkühlraum der Küche führt. Der anonyme Treffpunkt der weinend-schreienden Seelen ist die Zusammenkunft von Leid, in einer Welt, in der niemand hier ist, um den anderen zu trösten. Doch manchmal reicht die Bestätigung des Leidenden, dass sein/ ihr Schmerz gerechtfertigt ist, um erneut die Bühne zu betreten. Falls diese "Schüchternheit" nicht überwunden wird, betritt ein neuer Dramatis Personae den Hintergrund: Der Kapitalist und Gastronom-Jungfrau der als "Chef" in jeder Situation inhumanitäre Hilfe leisten kann.

Es mag vielleicht sein, dass ein Autoreifen-Unternehmen dem Restaurant seine kulinarische Wertigkeit zuschreibt, aber so frage ich mich: muss es nicht für unsere 2 Gäste erniedrigend sein?

Welch' peinliche Spannung regiert, wenn man bei dem präsentierten Gericht, das nach einem 1920er finnischen Gotik-Filmregisseur benannt wurde, fragen muss, welche Komponenten dieser Staplung von Tellern, Schüsseln, Blumen und Steinen, die die Topografie von den nördlichsten Inseln Indonesiens darstellen sollen, sich als essbare erweisen würden? Es wäre unangenehm seinen nervigen Kollegen zu fragen oder den Kellner anzusprechen, der stumm und angespannt auf das gelieferte Gericht starrt. Nach ein paar Annäherungen und zurückziehenden Griffen mit der Hand, klärt der Kellner doch auf: Das Sauerteigbrot dient nicht dem Verzehr und ist lediglich das "Sidecar" erklärt der Kellner. "Das aller-man-bekannte-Sauerteigbrot dient hierbei nur als Stützpfeiler für die aus dem Amazonas gerodete Paranussbaum-Platte. Die quadratischen Steine auf dieser Platte nennen sich "Toishi" und sind japanische Schleifsteine. Diese solltet ihr ablutschen, um ihr Steinpilz-Cognac-Thymian karamellisiertes Aroma aufzusaugen... Naja und der Jaguar Kopf in der Mitte ist essenziell für den Augenkontakt während ihr den Schleifstein ableckt."

"Ich denke diesen Teil versteht ihr sicherlich" fügt er hinzu.

"Genauso wie die Paranussbaum-Platte sollt ihr während eures Erlebnisses mit der Realität im Amazonas-Regenwald konfrontiert werden. Die Jaguar Familie haben wir vor einer Woche adoptiert. Aus Protest gegen die Rodung werden die armen Tiere in keinem unserer Gerichte verkocht. Ihre Gliedmaßen recyceln wir hierbei für jeden Gast erneut."

Ich wusste es. Der Kellner hat so doof geglotzt, um seinen Monolog herauszuzögern. Die anfänglichen Fehlschläge etwas Essbares zu identifizieren, waren wohl essenziell um unsere Charaktere vor diesem Erlebnis auf 'den Boden der Tatsachen zu bringen'. Sein fetter Kollege wird nun bestimmt mit dem Kopf nicken und dem Kellner für diese "spirituelle Erfahrung" danken. Während sein Partner hofft, dass dieses dumme Vieh den Jaguar-Kopf mitisst, damit er den Rest des Jahres mit EU-Behören in Gerichtsaalen verbringt.

Nur frage ich mich: würden diese armen Schweine nicht hungrig das Theater verlassen?

Diesen Hunger musste ich gestern auch verspürt haben... so hatte ich eine reiche, inspirierende Konversationen, die aber ohne Konklusion meinen intellektuellen Durst nicht stillte. Es ging um die Intelligenz. So argumentierte ich, dass dieses Wort (außer im metaphorischen Kontext) keine Bedeutung für mich trägt. Na klar, man benutzt es täglich, alle reden immer davon, aber wer analysiert es denn schon in seine Genealogie? Woher kommt dieses Wort und viel wichtiger; in welchem Kontext wurde es geschichtlich genutzt? (Ich habe deinen letzten Artikel gelesen, ich bin mir sicher, dass ich nun deine Aufmerksamkeit habe, auch wenn ich nicht über das "Zelt" philosophiere)

In Spanien haben wir uns bereits über die Intelligenz unterhalten.

Wie jedes Wort vereinfacht es unsere Wahrnehmung der Realität in etwas verständliches und leichtes... aber noch viel schlimmer: Die "Intelligenz" wird meistens dann genutzt, um uns zu überzeugen, bzw. zu bestätigen, dass wir für etwas nicht gemacht sind. "Ich bin einfach nicht intelligent genug um" ... Mathematik zu verstehen, Schach zu spielen, klassische Literatur zu lesen etc. Redet jemand von "Intelligenz" folgt meistens, eine genetische Rechfertigung warum jemand etwas kann und andere nicht. Doch meine Kinder: wo versteckt sich euer Streben etwas zu lernen- warum ermordet ihr es mit diesem hässlichen Wort, dass niemals die Komplexität des Menschen beschreiben könnte? Ha, ich weiß es vielleicht. Das Wort "Intelligenz", so argumentiere ich, war dem Mensch nie von Nutzen … bis sich der Mensch in einer Klassengesellschaft wiederfanden. "Intelligenz" ist ein effizientes Mittel der Unterdrückung. 

Warum verdient die Königsfamilie privat Unterricht? 

Weil sie intelligent sind. Warum sollte ein Bauer nicht auch Mathematik und Latein lernen? 

Weil sie dumm sind. "Intelligente Menschen haben Bildung verdient, Intelligenz ist angeboren, so würde euch diese Bildung nichts bringen!" Und das geniale? Dieser Gedanke ist noch heut' populär und bestätigt ach so viele Menschen, dass sie etwas nicht erlernen können.

Hin und her schrieben wir über das Thema, welches sich doch eigentlich schnell bezwingen lassen sollte... ich schlussfolgerte:

"Wir müssten das Wort selber neu definieren anstatt daran festzuhalten es weiter zu kategorisieren."

"Bzw. ein neues Wort erfinden und dieses nutzen"

"Außerhalb des Narratives denken und handeln" 

Naja und so gab mir die tragisch-liebe Asya die Aufgabe, ein neues Wort zu erfinden und definieren... bist du schon gespannt?

Als wir in Spanien darüber redeten, meintest du circa. "Intelligenz beschreibt wie gut man Probleme lösen kann." Ich nutze nun das Privileg der Zeit und führe meinen Gedanken, unabhängig zu deinem fort.

"Intelligenz ist der Gebrauch von Informationen die einem zustehen."

So ergibt sich "höhere" Intelligenz dadurch, dass man effizienter Gebrauch von seinem Wissen machen kann. Gleichzeitig ist Intelligenz hier nicht eine Charaktereigenschaft, die jemand einfach besitzt, sondern eine Fähigkeit, die man konstant beweisen muss und die nur einzelnes Handeln beschreibt, anstatt Personen einzuordnen.

Ein Teil der Definition, wird manchen Menschen nicht gefallen, denn theoretisch ist die Steigung der Intelligenz nicht durch die Erhöhung von Information möglich. Lediglich erweitert es den Raum des Möglichen und macht nicht intelligentes Verhalten, sogar wahrscheinlicher als intelligentes Verhalten. Umso mehr Informationen, umso mehr Verantwortung dieses zu nutzen, aber umso mehr Potenzial dieses effizient und weit verbreitet anzuwenden.

Diese verwirrende und nicht intuitive Gleichung erfüllt mein Ziel der Definition. Intelligenz ist nicht abhängig von Bildung; beide Graphen verlaufen nicht parallel. In den meisten Fällen ergibt sich, dass mehr Bildung und Informationen sogar verminderte Intelligenz beweist, da intelligentes Handeln möglich sei (und dem Subjekt bewusst ist), aber nicht angewendet wird.

Nun könnte man sagen "Martin, du gehörst auf den Scheiterhaufen für die Gottlosen!" "Du bist Selbstmord süchtig und verkleidest dich nun als Märtyrer der Menschen! Deine Definition hat es schon gegeben! Und wenn nicht, dann pervertiert es das Wort Intelligenz wie wir es nutzen wollen!"

Deshalb, my people, stelle ich mein neues eigenes Wort vor:

Metisnutzen 

"Ihr Metisnutzen hat uns helfen können"

"Ihre Metisnützlichen Schachzüge werden Ihr den Sieg sichern" 

Metis ist in der griechischen Mythologie eine Titanin, die durch ihre Intelligenz und Weisheit charakterisiert wird. Laut den Geschichten konnte sie sich durch ihre Intelligenz in jedes Tier transformieren. 

Spricht man von "Metisnützlich", beschreibt man via. der aufgestellten Definition, dass eine Person ihr Wissen zu nutzen macht. Genauso wie Metis nicht durch ihre Genetik ihre Fähigkeiten gewann, war es das Anwenden ihres Wissen, dass ihr Handeln möglich machte. Strengt man sein Köpfchen an und wendet die Informationen die einem zustehen "metisnützlich" an, so handelt man effizient und präzise, in einer Weise der einst der Metis nützlich war. ‘ - danke Martin!

Mit diesem herrlichen Wortschinken stand ich schmatzend vor Vergnügen an eine der Wände im Gang angelehnt und fühlte eine tiefe Zufriedenheit und eine Art Bestätigung darüber etwas richtig gemacht zu haben im bisherigen Weg, wenn ich solche Menschen zu meinen Engsten zählen dürfte… Martin hält in diesem Ganzen das Schlusswort und mit jenem wollen wir nun endlich an die frische Luft außerhalb des Komplexes und uns auf den langen Fußweg durch Mwanza machen, um schlussendlich bei der Sprachschule anzukommen. Es ist drei Uhr nachmittags und die Sonne bestätigt den Fakt. Die Trockenzeit lässt mit ihrer ganzen Gewalt grüßen und ein weiterer Sonnenstich wäre möglich, wenn man sich nicht so verkopft in zu große Kopftücher einwickeln würde. Eines der praktischsten Dinge überhaupt und bei Loana links von mir, sieht das sogar toll aus. Ich versuche einen Gesichtsausdruck zu wahren, der so wirkt, als wäre meine Art das Tuch zu binden gewollt statt willkürlich. Wir beginnen die Reise indem wir den gesamten Berg Bugando’s zwei Kilometer hinab laufen und die uns entgegen Kommenden bemitleiden. Wir zielen auf einen Ort in der Stadt von welchem ich mir eine gute Auswahl an Stoffen erhoffe, denn ich suche etwas Bestimmtes. Mein Poncho liegt immer noch in Dar es Salaam, in Vikindu und der vorhin besprochenen inklusive Schule. Da hab ich ihn vergessen, weil ich doof bin. Sollte aber scheinbar alles so kommen, denn nun wurde ich durch die Straßen von dem Wunsch getrieben, dass ich zwei Stoffe finden könnte, die in ihrer Beschaffenheit eine bestimmte Dicke und Beständigkeit vereinten, sodass ich aus jenen einen neuen Poncho schneidern lassen könnte. Dieser wahnsinnig coole Plan wird nie Realität, aber die beiden perfekten Tücher, welche ich tatsächlich finden werde, fungieren in ihrem Dasein für eine ganz lange Zeit einfach als Decken. Beim Reisen werden sie mein A und O sein und dabei auch noch toll aussehen. Wow! 

Es kommt dazu, dass wir uns von kleinen Ständen im Vorbeigehen eine Packung mit geschnittener und getrockneter Kokosnuss zusammen mit ein paar Erdnüssen kaufe. Ich laufe zehn weitere Meter und ein junger Mann auf einem Motorrad fragt nach dem Essen und ich gebe es ihm. Das passiert ab und zu und ganz verstanden habe ich mich selbst noch nicht. Es passiert automatisch, weil ich etwas an mir habe, dass ich nicht unbedingt brauche und jemand danach fragt. Man hat die Freiheit gar nicht Nachdenken zu müssen und findet sich danach auf beiden Seiten im Vorteil. Ich freue mich das Essen losgeworden zu sein und jemandem zu einem kleinen Mittagessen verholfen zu haben. Der Weg zieht sich weiter und wir erwerben uns Armbänder wie die letzten Touristen. Ich finde zwei und eines davon wandert an meine linke Handwurzel direkt unter das rote Band mit der goldenen Kugel und der chinesischen Gravur, welches ich in Kanada von meiner liebsten Mitbewohnerin bekommen hatte. Kristi heißt die gute Dame. Wieder ein gutes Stück weiter, kurz vor der Ecke hin zur Sprachschule, kommen wir an dem Stand der Frau vorbei, wie jedes Mal auf dem Weg zur Sprachschule, und wie jedes Mal kaufe ich wieder eine kleine Packung Erdnüsse für 500 Schilling und eine Avocado auch für 500. Sie hatte mich damals gerettet an dem Tag als Bugando unsere Namensschilder fertig machte, für welche wir einen ehrlichen Batzen Geld bezahlen mussten. Abart. An dem gleichen Tag noch auf dem Weg zur Sprachschule des abends hatte ich das Schild verloren und fünf Tage später, wieder bei diesem Stand der Frau vorbei kommend, kaufte ich mein Übliches und sie zauberte neben der Ware auch noch mein Schild hervor, welches ich am Tage des Unglückes genau hier fallen gelassen haben muss. Heute war ich alleine, weil Loana krank auskurierte und zuhause blieb, und so hatte ich die Lust auf ein Gespräch und setzte mich mit der Dame in den Schatten auf den Bordstein und hörte ihr eine Weile zu wie sie erzählte und ich ein paar Worte verstand, erzählte ihr im Austausch was wir so anstellen und war im Endeffekt heil froh jemand neues kennen gelernt zu haben. Eine Person die ich schon so oft traf und nie davor wirklich ansprach, sondern immer nur nett grüßte. Würde man die Barriere des Grüßens nie durchbrechen, liefe man Gefahr eine Menge toller Menschen nicht kennen zu lernen. Oke…

An diesem Tag lernt man in der Sprachschule eine Priese des Imperatives und ein kleines Lied, um sich ein paar Körperteile besser merken zu können. Wir sitzen in der letzten der zweieinhalb Reihen aus insgesamt neun Tischen. Vorne hängt ein Whiteboard, welches die Überbleibsel anderer Stunden nicht leugnen kann, weil ein bisschen Marker immer hängen bleibt. Unser Lehrer heißt mit dem Namen seiner Taufe Charles und er ist cool drauf. Er unterrichtet auch Deutsch, unterrichtet uns in Englisch und er spricht Suaheli und die Sprache seines Kabilas. Läuft bei ihm. Wieder im Unterrichtsraum zu sitzen ist für mich wie ein bisschen braunes Süßgetränk mit Kohlensäure und einer Brausetabletten und diese Kombination unter den Fingernägeln. Das institutionelle Lernen tut mir reichlich weh im Schädel und lässt mich nicht selten mit großen Hungerlöchern im Lernkomplex meines Hirnareals zurück, bestehend aus nie gefragten Fragen und den etlichen nicht geschriebenen Sätzen auf der Tafel, welche noch gerne mein Lernmaterial anreichern hätten dürfen. Ihh, wie angeberisch - Schuldigung… dazu muss gesagt sein, dass ich in der Schule nicht gut war. Aufmerksam ja, aber beim Abliefern von Wissen zurückhaltend. Man möchte ja nicht mehr preisgeben, als nötig. Das wurde dann mit meiner nicht ausgesprochenen Bildungskritik verdeckt und gerechtfertigt. Als der Suaheliunterricht zum Ende kommt, muss ich schnell packen und in meinem Notizbuch umblättern, um auf die Seiten zu kommen, auf welchen ich während meiner Fastenzeit im Beginn des letzten Frühjahres mein eigenes Sprachstudium der chinesischen Sprache begann und an welche nun die Einträge meines Unterrichts hier zugefügt werden. Ich bekomme monatlich Taschengeld von den Freunde-Waldorf und dieses investiere ich mit absoluter Überzeugung in meine zusätzliche Sprachbildung, weil: so billig an gute Bildung der chinesische Sprache komme ich so schnell nicht wieder. Und die Reise nach Tibet möchte vorbereitet sein. Sprache ist und bleibt schließlich der Schlüssel zu ihren Menschen. Auch nichts neues… Mein Lehrer ist ein bisschen älter als ich, behandelt mich aber, als wäre ich ein Vorgesetzter. Erst nach ein paar Stunden taute er auf und merkte, dass ich gerne wie ein kleiner Bruder für ihn wäre. Seitdem reden wir offen und geben uns Rückmeldungen an denen wir wachsen können. Er muss den Unterricht nicht mehr vorbereiten und ich kann ihm ermöglichen zu merken, wann mir welcher Inhalt wie viel brachte. Er lernt dadurch dazu und ich bekomme genau den Unterricht, den ich mir erträumen könnte. Was für eine unglaubliche Sprache möchte noch dazu gesagt sein. Wir lernen nun zwar nur Pinyin, die Lautsprache in unseren römischen Buchstaben festgehalten, aber damit ist das sonst so komplexe Chinesisch wie jede andere Sprache zu lernen. Erst später kommen die legendären und wunderschönen Hanzi (Charaktere) dazu, welche sich aus höchster Bewunderung auch schon seit Tag eins auf meiner Leinenhose, damals noch strahlend weiß, befinden. 

Sasa, nun denn, ich laufe den Weg bis zur Bushaltestelle mit meinem Lehrer und wir quatschen über seinen Werdegang und welche Person ihm damals prophezeite, dass die chinesische Sprache ihm noch im großen Stil zu Gute kommen würde. Wer auch immer sein geheimer Freund war, der hatte damals schon gut in Geo-Politik aufgepasst. Das China die Zukunft ist, weiß man ja, aber es zu äußern birgt immer noch diese kleine Angst auf den Scheiterhaufen aus amerikanisiertem brennendem Holz zu werfen und das wäre ja doof. Solche Äußerungen sparrt man sich, bis man in ungefährer Sicherheit ist. Und wenn die Sicherheit aus Klosterwänden besteht, kann man sich die Aussage sowieso sparen. Ist vermutlich nicht gut für die Innere Mitte. Mein Gesprächsfaden ist ein Zickzack, aber unser Weg zum Bus war relativ grade, wenn auch dunkel und steinig und tückisch. Dunkel ist die Welt nur halb so schön und die riesigen Vögel die wahrscheinlich als eine Art Geier durchgehen und bei Totem immer als erstes zur Stelle sind, sitzen in einer riesigen Schar in dem Baum unter dem wir hindurch laufen und das leichte Sonnenlicht des bereits verschwundenen Sterns lässt ihre Umrisse noch deutlich durch das Geäst sickern. Wenn so ein Wesen eines Tages mal ungefragt in meinem Zimmer stehen sollte, findet meine mentale Gesundheit final auch ihr Ende… unser geteilter Spaziergang zwischen Dìdi und Gege (Pinyin für jüngerer und älterer Bruder) kommt zum Ende an der Straße; er geht nach rechts in Richtung der Kirche in welche ich manchmal mit Loana für die englische Predigt ging, gegenüber von der viel viel viel zu großen Rock City Mall und ich spazier zur Bushaltestelle bei welcher ich weiß, dass sie die letzte ist in der noch Menschen unterkommen in den abendlichen Büssen, bevor alle Bushaltestellen danach Pech haben, weil für zwei Stunden meistens alles absolut gefüllt ist. Ich stehe an, neben mir sind kleine Stände mit Süßigkeiten und Erdnüssen, lila und orangem Popcorn und die Frau neben mir trägt ein lebendes Huhn an ihren Flügelwurzeln, welches sich darüber nicht zu beschweren scheint. Alles ist ruhig, bis auf die tosende Hauptstraße ein paar Meter vor dem Victoria See vor uns. Eine kleine Weile links davon ist ein großer Fischmarkt, in welchem Loana und ich schon einst umhertappten und Loana von zwei Frauen aufgefordert wurde mal auszuprobieren, zwei großen Tilapia Fischen die Schuppen abzuschaben. Sie hatte sich dazu überwunden und ich hab ein Bild davon, hihi! Der erste vertretbare Bus kommt und ich dränge mich in eine Menschenmenge bis vor die Tür und hätte meine beiden Daumen dafür verwettet, dass nach mir niemand mehr in den Bus passen würde. Falsch. In den nächsten drei Minuten kamen nacheinander noch vier weitere Herren dazu, ohne dass jemand ausstieg. Ein Unding und entweder haben sie es Todes eilig oder wollen beweisen, wer mehr zwischen den Beinen hat. So oder so vermehrte das die allgemeine Pein des Busses, über welche ich mich schon genug ausgelassen hatte, weshalb ich mich auf ein ganz anderes, viel aufregenderes Detail beschränken möchte. Dieser Bus war nicht wie jeder andere, denn er hatte eine Person in sich, welche sich selbst zum Redner und zum Unterhalter der Anwesenden auserwählt hatte. An der Stimmung im Bus wusste ich bald, dass er gut gewesen sein muss, denn die Leute lachten umstandslos schnell und als mich der junge Redner dann erblickte, schien das absolutes Gold für jeden Vortragenden zu sein. Er hatte einen großen Fisch bestehend aus verwertbarem Inhalt an seinem Haken, welcher an dem Gesprächsfaden des Busses hang und er war drauf und dran mich zum Highlight seiner Rede zu machen. Vier Männer standen noch zwischen uns was ungefähr bedeutet, dass wir einen halben Meter von einander entfernt standen. Ich war von allem im Bus der Höchsterwachsene, was beinahe immer der Fall ist. Der Fakt machte meinem ‘Gegenüber’ große Freude und brachte mich in die unvorteilhafte Situation nicht besonders elegant wirken zu können. Mein Swahili, muss angemerkt sein, war immer noch auf dem Stand, zu welchem einen 20 noch nicht beendete Sprachstunden mit Walter führen und was man so mitbekommt von Mamas zuhause, die ausschließlich Swahili sprechen und dir kein einziges Wort beibringen und dich sprachtechnisch für Monate ein wenig in eine Krise verwickeln, welche auf den Schneckenfortschritt zurückzuführen ist. Allgemein gesprochen sagt man (wer auch immer dieser ‘man’ sein soll), dass man ungefähr 50% seines Charakters in der erlebten Zweitsprache einbüßt. Das trifft manchmal zu und meistens nicht… in meinem Fall waren es 89%, denn alles was mir blieb war auf Geratewohl mit einem strahlenden Lächeln auf sein Gesagtes zu reagieren. Alles andere hätte nicht gepasst, denn meistens lachte der gesamte Bus schallend auf, wenn er ihnen laut mitteilte, was ich ihm grade als Antwort zugemurmelt hatte. Ich glaube nicht, dass ich witzig bin, noch das er besonders witzig war, aber dieser Bus an diesem Abend in der Mitte der Trockenzeit brauchte eine gute Unterhaltung, ein bisschen Menschlichkeit und eine erschaffende Erinnerung in dem verschleifenden Verlauf ihrer zu Soße verlaufenden Tage. Ich war dafür geeignet und hegte während der gesamten Fahrt kein schlechtes Gefühl, sondern genoß Teil eines solchen Geschehens zu sein, wirklich ehrlich. Ich fand den Typen auch super cool, seine Art zu sprechen und einzelnen Fahrgästen schnelle und gute Antworten zu geben, wenn sie ihn aus der Menge in der sie verschwanden aus ansprachen, war besonders. Wir unterhielten uns bald auch einfach nur als zwei Passanten, als ihm nach 15 Minuten der Stoff ausging, aber die Fahrt eine Stunde und fünfzehn dauerte, weil der Stau auf der Straße aus Erde immer so schlimmen Stau durch seine Schlaglöcher führt. Er war total sympathisch, konnte aber kaum ein Wort Englisch. Er fragte nach meiner Religion und wie immer versuchte ich zu erklären, Buddhismus zu praktizieren. Ich erklärte mich in all meiner Wortkunst, also sehr kurz und ziemlich trocken, bis ein älterer edler Mann neben mir, an seinem weißen Gewand abgelesen ein Muslim die Ehre hatte, mich zu retten und mein in Englisch Gesagtes für ihn und die Zuhörenden auf Swahili zu übersetzen. Der Redner war eine kleine Flamme im zuhören und danach war es ihm von großer Wichtigkeit meine Nummer zu bekommen. Loana sagt solchen versuchen immer ab, aber ich sehe keinen Grund und bekomme eine neue tansanische Nummer, die ich vermutlich niemals in mein Notizbuch aus Nummern und E-Mail-Adressen übernehmen würde und sie dadurch ziemlich egal werden würde. Nur die Erinnerung wird bleiben. Als wir endlich da sind, beende ich mein Gespräch mit dem Muslim, welcher eine echte Weisheit zu teilen hatte, aber während dem ganzen Gespräch zwischen mit und dem Redenden still geblieben war. Was für ein Mann, aber ich muss weiter. Beim aussteigen drücke ich dem armen Mann an der Schiebetür, welcher er von Morgens bis Abends zu bedienen hat, seine verdienten 700 Schilling in die Hand und schwinge mich mit meinem Rucksack auf die Straße bei Nyegezi Kona. Meine Schuhe hatte ich für die Fahrt wieder angezogen, weil ich schon echt schlechte Erfahrungen barfuß in diesen Büssen gemacht hatte, was Zehenspitzenstehen und Schuhwerk auf den Zehen angeht, aber vor allem mit dem Metall vorne im Bus, unter welchem entweder der Motor sitzt, was nicht möglich ist, oder irgendetwas anderes immer gleiche, ziemlich extreme Hitze produziert. Einmal dachte ich Brandblasen abbekommen zu haben. Hier müssten theoretisch Schuhe schmelzen. Jetzt bin ich wieder auf dem erdigen Seitenstreifen der Straße und ziehe meine Schuhe aus. Der Junge am Stand mit den Milchflaschen und den Pommes daneben mit Hühnchenteilen am Spieß schaut mit interessiert an, bevor ich mich schnellen Schrittes nach Hause entferne, zweieinhalb Kilometer auf unseren schönen Berg hinauf ins letzte versteckte Eck - zum House of Hope. Über diesen immer gleichschönen Weg zurück, vorbei an allen Menschen die man kennt und bewundert, werde ich auch mal konkreter und bielreicher berichten. Heute war nicht viel los außer Dunkelheit, denn wir nähern uns Neun Uhr Abends und mein Hunger treibt mich mit großen Schritten zu den vier Wänden zurück, bei welchem Mamas für uns Reis mit Bohnen und kleinem Fisch gekocht haben. Das ist jeden Tag wieder eine Motivation schnell nach Hause zu kommen. Was würde man ohne die schönen Bohnen tun?

Auf dem Weg kaufte ich zwei Bananen und verlor dann eine der beiden an ein kleines Mädchen, welches mich von meinen täglichen Spaziergängen zur Bushalte kennen muss. Sie rannte über alle Maßen strahlend auf mich zu uns von ihr bekam ich meine aller aller erste Umarmung auf der Straße. Das passierte in Vikindu bei der Schule Nähe Dar es Salaam viel öfter, aber hier ist es mir was neues. Ich leg ihr eine Hand auf den kurz rasierten Kopf, welcher bei den allermeisten öffentlichen Schulen eine Notwendigkeit ist, und dann schenke ich ihr eine der beiden Bananen, die andere für Loana. Als ich beinahe zuhause bin, stehe ich vor dem Grundstück meiner Nachbarn. Hier wohnt mitunter die vierzehnjährige Lucy und ihre Freundin, ein klein bisschen älter namens Teddy ist grade auch da. Sie sitzen nahe der Straße und hatten ein kleines Loch im lockeren, aber trockenem Boden gegraben und nun vollführten sie ein Spiel, welches mit sechs kleinen runden Nüssen ausgestattet war, welche in dem Loch lagen. Eine musste mit einer Hand hochgeworfen werden, während die selbe Hand schnell in das Loch fährt und ohne hinzugucken eine bestimmte Anzahl von Nüssen heraus zieht und dann die fallende Nuss wieder einfängt. Das passiert wahnsinnig schnell bei den beiden Geübten und ich setze mich schwitzend daneben und gucke eine Weile zu ohne mein Interesse gebührend mitteilen zu können. Beide lernen Englisch in der Schule, aber es reicht auf beiden Seiten noch nicht für einen echten Austausch. Ich bin schon so gespannt eines Tages beide wirklich auf Swahili kennen lernen zu können.

Nun betrete ich das schwarze Quietschetor von zuhause und nähere mich dem Mangobaum, auf der Höhe von der Schaukel begegnet mir dann Paula und beim Garten stehend kann ich schon den ersten Mamas zurufen. Der Tisch ist vor unserer Haustür aufgebaut, der Sitzteppich ist daneben ausgebreitet, die erste Mutter sitzt mit drei Kindern da, eines von ihnen unsere engelsgleiche Doricas und als erstes grüße ich Loana, dann die Mamas. Wir holen unser Buch für die täglichen Messungen hervor und laufen mit dem Temperaturmessapparat für die Stirn und das Messband für die Köpfe von Kind zu Kind, stellen uns bei neuen Mamas vor, versuchen uns die Namen zu merken und sind dann gleichzeitig mit allen Mamas zum Abendessen fertig. Was für ein schöner und erfolgreicher Tag. Alles hat geklappt und die Fülle an Ereignissen fühlte sich heute ganz besonders nach einem Geschenk an. Bereichert gehe ich ziemlich direkt danach ins Wohnzimmer, krame mein Zelt und meine Decken hervor, laufe mit Paula zum Mangobaum, baue alles auf, gehe auf das Plumsklo, putze mir die Zähne und liege ein wenig später beschützt vom Mückennetz unter dem Mangobaum und einer sternklaren Nacht mit Paula, die sich etwas zu selbstverständlich an meinen Arm durch die Zeltwand hindurch anlehnt. 

Mach bitte eine längere Pause. Wenn du dich jemals wieder bereit fühlst, hast du die Chance unsere letzte Zeit diesen Jahres in Mwanza mitzuerleben, weil kurz darauf brechen wir in die größte meiner Reisen bisher auf und dieser Ort wird uns noch sehr fehlen. Genieße noch so viel wie irgend möglich. Fünfzig Wünsche ist der nächste Schritt auf unserer Wortweltenreise!