Ich höre die Frage ‘Wer hat gefragt?’ bis hier her. Und nein, es ist nicht essenziell zu wissen wer ich bin oder denke zu sein. Weder für dich noch für den Inhalt des Buches. Im Falle der guten alten ‘Fear of missing out’ hast du allerdings Glück, weil verpassen wäre ja auch langweilig und ganz so langweilig ist das Ganze auch nicht. Das spannende Resultat meiner Person basiert auf einem noch wesentlich spannenderen Weg, um hier angelangt zu sein… Und wenn es so etwas wie Sinn für eine Sache gibt, dann trägt diese Erklärung meines Seins möglicherweise minimal dazu bei, jenen zu kreieren. Kontext und so. Also, haurucksack liebe Lesemaus!
An Tag Eins kam ich auf die Welt. Wo und wann konnte ich damals noch nicht festlegen, aber die Geschichte wird einem später mal überliefert. Meine ersten Monate verbrachte ich zu großen Teilen mit Schweigen. Man hatte schließlich jede Menge zum Nachdenken und oft dachte ich melancholisch an meine dunkle, warmweiche Mamahöhle. Wie sich herausstellte, wurde ich in eine Familie in Brandenburg, irgendwo in Deutschland geboren. Es gab zwei Zeuger*innen in meiner Familie, aber jene hatten von Menschen in meinem Anfangsstadium noch nicht genug und beeilten sich um Nachschub. Im Endeffekt waren wir fünf Mitglieder der kleinen Community. Wenn ich so ehrlich sein darf: Ich hatte großes Glück!Deutsch, Weiß, 21. Jhr., männlich und so weiter… und dann noch als Erstgeborener. Zwei kleine Schwestern machen das Ganze aber viel sympathischer und seither war es nie wieder langweilig. Und teilen macht Spaß, stimmt’s?
Wenn ich versuche zu reflektieren und auf mein Leben mit Verständnis zurück zu schauen, um Einblicke in den Sinn des Geschehenen zu erhalten, kommt der Ohrwurm ‘Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum?’ von ganz automatisch. Warum alles so gekommen ist und wie es dazu kam, darüber weiß ich wenig, aber vom Wenig-Wissen weiß ich viel. Du schlägst dich vermutlich mit einer ähnlichen Verlorenheit durch deinen Alltag. Oder du bist gesegnet und fandest Glauben. Das könnte dir einiges an Gedankenübel ersparen.
Bei meiner Geburt, via Kaiserschnitt, sonst wär’s ja langweilig, fing das Theater schon an, mit einem kleinen aber feinen Schnitt an meiner hübschen Hüfte, ausgeführt von ärztlicher Hand, was keineswegs undankbar klingen soll. Ich mein ja nur, es wollte von da an einfach nicht besser werden.
Oft konfrontiere ich mich selbst mit der Frage, ob ich tatsächlich lebe. Es könnte nicht doofer klingen, aber das ist das Gedanken-Suppen-Resultat nachdem ich Jahre später anfing zu begreifen, was mir als Fünfjähriger widerfahren war.
Hier eine kurze Übersicht: Pferd, Kind, aua. Richtig! Ein Hengst, unser Hengst, hat im Auftrag von wem auch immer mein Leben auf den Kopf gestellt, indem sein Huf mein Gesicht im Akte des Im-Schlamm-Ausrutschens traf und mir meinen schönen Wangenknochen zertrümmerte, wobei er ordentlich mein Hirn durchschüttelte. Jemand meinte mal aus Spaß, dass ich ansonsten womöglich schlau geworden wäre. So hatte ich das Ganze bis dahin noch nicht betrachtet. Mein Schrecken über das Passierte war tausendmal kleiner als der meiner Eltern. Das Pferd habe ich nie nach Meinung gefragt und unsere Beziehung hatte sich aber nicht verschlechtert. In Kurzform: mein fünfjähriges Gesicht hatte den Pferdehuf eines Hengstes etwas unterhalb der Schläfe, links genau unter das Auge bekommen. Die Wochen im Krankenhaus erzählen die restliche Geschichte.
Ich finde ja Menschen toll, die anfangen ihre Narben aufzulisten, wenn sie über sich selbst erzählen, und ich könnte das Buch vollbekommen mit den Restlichen, juckt aber weder mich noch dich. Das soll nur ausdrücken, dass es vermutlich einfachere Kindheiten gab, ohne dabei meine gigantischen Glücksfälle vergessen zu wollen.
(Vielleicht merkst du bereits am ersten Kapitel was der Unterschied zwischen erwerbstätigen Autoren ist, die ihr finanzielles Überleben durch Worte sichern, und Leuten, die freiwillig arbeitende, geldlose Freikünstler wie mich sind, die an keine Verkaufszahl, an keinen Fan und keine Arbeit wirklich gebunden sind. Ich hoffe du kommst heil durch das Konzept hindurch. - )
Aufgewachsen bin ich übrigens in Brandenburg. Das ist wie Deutschland nur nordöstlicher. Und mit acht Jahren zog ich dann mit Familie im Gepäck nach Bayern. Es stellte sich heraus, dass ich noch nicht fähig war eine Mikrowelle zu bedienen und daher nicht ausziehen konnte. Bayern also. Die Klassengröße stieg in dieser zweiten Klasse des Umzugs von ungelogen 7 Kindern auf 30 an. Dass man das Konstrukt des Meldens nicht kennen könnte, wäre mir ohne die Erfahrung auch nie in den Sinn gekommen. Naja. Was folgt ist Schule, Schule, Schule. Wenn ich Dinge nicht einsehe, oder nicht weiß wofür ich sie brauchen werde, ist es beinahe ausgeschlossen, dass ich gut in ihnen werde. Schule war also so middi. Irgendwas, und ich kann leider nicht sagen wer oder was, befähigte mich allerdings ohne großen Aufwand durch meine Schulzeit auf dem Gymnasium zu kommen und sogar - wenn auch nicht ohne Strapazen - Ende gut, alles gut - ein Abitur in meinen Händen zu halten. Der vermutlich unspektakulärste Moment meines Lebens. Viel lustiger fand ich meinen Einruf ‘Zugabe!’ in der beisitzenden Menge der Abirede meines Direktors, die durch Länge beinahe Tote hervorbrachte. Schlingel…
Ein Schlingel, oder auf guter Deutsch: ein nervendes ADHS-Bündel. Das war ich auch in der Grundschule, und wer’s glaubt oder nicht; Verhaltenstherapie kann Menschen echt verändern. Also davon geh ich aus… ich hab lediglich gelernt, gekonnt meine Fresse zu halten und Orangensaft zu machen. Trotzdem, oder grade deswegen, lege ich jeder Person, die nicht fragt, Therapie ans Herz.
FUN Fact: ‘FUN’ steht für ‘Ferrückt Uncooles Nichthaben’ und bezieht sich in meinem Falle auf das allumgebene Smartphone meiner Mitmenschen. Man kann die Dinger zwar aus der Ferne anstarren wie man will, allein dadurch bekommt man trotzdem keins. So kam’s, dass durch eine eigens verschuldete Wette meines elfjährigen Hinterns, ich bis 17 kein Handy eigen nennen konnte. Das war besonders lustig, weil ich seit dem 11. Lebensjahr der letzte Otto ohne war. Ich tue so als ob mich das stören würde… zurückschauend bin ich natürlich happy für alles was mich im Endeffekt mich macht, aber ein kurzer Einblick in das Leben eines Kindes ohne Handy in unserer Zeit:
Ziemlich üble Isolierung - kaum Chancen auf Anerkennung oder Gleichsein - beschränkter Austausch mit Gleichaltrigen - keine Trends - keine unzähligen, verlorenen Bildschirmstunden - unfassbar viel Sport als Kompensierung für meine überflüssige Energie und meine aus dem Handydefizit folgende Freizeitmenge. Weil ich wenig für die Schule lernte und viel Ausgleich in der Bewegung brauchte, fand ich mich selbst im täglichen Sportmachen in diversen Vereinen wieder. Tischtennis spielte ich seit dem Anfang der Grundschule, Gewichtheben seit dem 11. Jahr meines Lebens, kurz darauf Tennis für drei Jahre, Kajak fuhr ich für eine Season, Volleyball gab es in der Schule und meiner Freizeit und Calisthenics war die Selbstbeschäftigung der freien Minuten. Meine chronischen Knieschmerzen erinnerten mich dabei konstant a die Vergänglichkeit meiner jugendlichen Unbeschwertheit und jene geschenkten körperlichen Fähigkeiten unter dem Gewicht des Alters. Mein Knie hatte großen Schaden bei einem Skiunfall erlitten und war nie auskuriert. Jahrelanger Schmerz in beiden Kniegelenken - bis ich mit 18 Jahren im kanadischen Winter begann barfuß zu leben. Bis heute.
Also, mit dem Abitur in der Tasche und dem unangenehmen, unterschwelligen Empfinden anders als andere zu sein - keine Ahnung woher das kam - entschied ich mich (mal wieder) gegen den Strom zu schwimmen, der hin zur Universität und dem Studieren ohne Plan führte, wer man selbst denn wirklich wäre, und stattdessen die Welt zu erkunden. Das ist übertrieben, aber ich wusste, dass ich weg wollte, weit weg. Ich könnte dir Tipps geben, wie man seine Familie traurig macht oder wie man eine tolle erste Beziehung in der Distanz durch seine Vergehen verliert und endlos viel Schaden in den Herzen guter Menschen anrichtet. Dafür gibt es aber bestimmt schon den richtigen Ratgeber. Ratgeber gibt es auch schon genug und das hier soll keiner in dieser Form werden…
Man kann aus seinen größten Fehlern manchmal am meisten lernen, und trotzdem plädiere ich, dass man ohne bestimmte Fehler trotzdem besser dran wäre. Man hätte sich vieles durch allgemeine Vernunft ersparen können. Ich habe ja auch nie meine Hand auf eine Herdplatte halten müssen, um zu wissen, dass man sich Brandblasen gerne spart. Im zwischenmenschlichen gab es für mich viel mehr Ausrutscher und Kardinalsfehler. Irgendjemand Berühmtes sagte einst, man solle doch andere so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Ich glaub es war Darth Vader. Für mich bleibt unverständlich wieso ich es trotzdem sooft nicht schaffte. Dummheit hat manchmal etwas Magisches an sich.
Verzeih die allgemeine Verwirrung. Auch der letzte Teil wird sich zu gegebener Stunde noch entwirren und erklären, aber vor erst soll das nun der Exkurs in das Wesentliche gewesen sein, welches mein Leben bis dahin das Meine machte. Vielleicht ist es ungewöhnlich für dich den Author eines Buches zu Beginn seines Werkes so unangenehm persönlich kennen zu lernen, aber dieses Hintergrundwissen wird dir in dem ein oder anderen Kapitel an der Seite stehen und dich mit sachter Hand begleiten.
Mein erster bewusster Ausbruch aus der Menge geschah übrigens im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in Kanada. Ein Jahr lang lebte ich in einer Kommune im Wald auf Vancouver Island und verbrachte meine Zeit mit dem Unterstützen von Freunden mit Behinderung und der landwirtschaftlichen Arbeit.
Anschließend war ich drei Monate lang ein dächerkletternder Zimmerer im deutschen Winter. Dann entschied ich mich für das Selbststudium, lernte Sprachen und Programmieren, schrieb dieses Buch und fastete für 19 Tage. Wir befinden uns zu dieser Zeit im Jahr 2025 und nur wenig später startete meine Europa-Reise. In Norwegen lebte ich bei Reichen und bei buddhistischen Mönchen. In Spanien legte ich in drei Wochen 522 Kilometer zu Fuß zurück. Und über Ibiza, Sardinien und Korsika kam ich nach Südfrankreich. Ab dort lebte und reiste ich fünf Wochen lang ohne Geld auszugeben und verbrachte zwei von diesen Wochen in Monaco. Über Norditalien und die Schweiz kam man zurück in die Heimat. Falls dich das Reisen interessiert, kannst du die gesammelte Fassung an Geschichten aus der von mir erlebten Welt unter meinem Blog, www.gen-zm.com finden. Die Page trägt den Namen The Pilgrim’s Journey. Jetzt aber weiter im Buch!