C. Der exotische Osten

C. Der exotische Osten

Diese drei Tage mit meiner Familie waren bitter nötig und wunderschön. Schnell rutschte ich zwar wieder in das Altbekannte, die Norm und das gewohnte Miteinander, welches man sich doch monatelang erwünscht hatte und sich selbst so sehr versprach wenn es soweit wäre Moment für Moment wertzuschätzen. Es wird schon bald normal und die vergangene Zeit ist auf einmal nur ein vergangener Augenblick. Alles ist noch gleich. Unsere Hündin Coco ist noch dick, meine Schwestern auf wundersame Weise immer noch erwachsen und meine Eltern sehen toll aus wie eh und je. Während dem Volleyballturnier konnte ich meinen Erzeuger einmal blocken und allein damit war das Ganze schon ein großer Erfolg. Er blockte mich kurz darauf ebenfalls, aber das zählt nicht… es ist inzwischen Montag. Wir hatten noch Besuch, ein paar schöne Abende mit Langzeitfreunden und Berliner Familie, und brachen dann am Montag auf. Zuerst noch zu meinen Großeltern, welchen ich dann erklärte, was mir für meine Zukunft vorschwebte. Mein Opa strahlte in einer Weise, die darauf hoffen ließ, dass er tatsächlich verstand was meine Pläne bedeuteten und wie sicher ich mir jenen war. Oma kam auch gut mit, aber die Sorge dominierte. Sie fragte die wichtigste aller Fragen: ‘Und was ist mit einer Familie?’ Tja, was ist mit einer Familie. In etwa sagte ich ihr, dass das der größte Traum wäre, aber ich zuerst einen Ort, meine Menschen und die Arbeit finden müsste, die das Kinderkriegen befürworten würde. Oder in ganz kurz: ich muss für mich einen Umstand entdecken, in welchem ich mir ehrlichst vorstellen möchte, dass meine Kinder in jenem aufwachsen. Soweit kenne ich noch keinen solchen, egal in welchem Land meiner Reise und zu Teilen strebe ich deswegen diesen Umstand selbst mit zu kreieren. Mama leistete nötige Hilfe mit Nadel und dicker, reisfester Schnur, um die wichtigsten Taschen und Stränge meines alten Rucksacks wieder zusammen zu binden. Ich habe zwar den großen schönen von meiner Loana geschenkt bekommen, aber bewusst lasse ich meine Familien jenen nach Hause kutschen und benutze diesen Alten, mit dem alles in Norwegen begann, um mit ihm noch die restlichen Wochen in Deutschland umher zu kommen und ihn dann wirklich bei allem Reiseerleben vor der Rotation dabei gehabt zu haben.

Nach den Großeltern ging es zu Freunden in dem Ort des Klosters, Lehnin. Ich weiß immer noch nicht ob die Stadt Kloster Lehnin heißt oder nur Lehnin. Unsere Bekanntschaft dort ist diese Bekanntschaft seit Ewigkeiten. Der älteste Sohn, heute nicht anwesend, ist mein langwidrigster Freund und wir waren schon im Babyschwimmen zusammen. Seine kleine Schwester ist inzwischen so groß wie meine Schwestern, ebenfalls absolut verrückt, und mit jenen drei jungen Damen hatte ich dann das Privileg eine kleine Ruderbootstour auf dem See zu machen, welcher genau an jenes Grundstück angrenzt. Ein Umstand, welcher mich jedes Mal aufs neue begeistert, den dort Lebenden vermutlich aber nicht normaler vorkommen könnte. Wir haben eine rosahübsche Seerose gefunden, viel durch Algenwald navigiert und Schwänen in der Ferne nachgeschaut. Es gab Kuchen zum Mittag und am Abend wurde gegrillt. Und zwischendrin erkundigen sich die Eltern meines Kindheitbruders, was ich denn nun vor hätte. Ob ich mir nicht eine praktische Ausbildung vorstellen könnte, wie eine Krankenpflegerausbildung, um dann vielleicht mit dieser weltweiten medizinischen Gruppe umher zu reisen und in Krisengebieten Ersthilfe zu leisten. Ärzte ohne Grenzen hieß das, stimmt! Ist ja an und für sich eine tolle Idee und einen ähnlichen Zukunftsentwurf hatte ich mir mit der damaligen Zimmereiausbildung erträumt, welche die sogenannte Walz durch uralte Gesetze ermöglicht. Nur ist das Problem bei all diesen Vorhaben, dass mein Umherreisen an eine bestimmte Tätigkeit, also den jeweiligen Beruf gebunden wäre. Das entspricht ja nicht meinem eigentlichen Ziel. Mit ganz wenigen Worten ausgedrückt, möchte ich dem System wie es jetzt existiert, nicht dabei helfen weiter als solches bestehen zu können, sondern meine Energie in jenen anstehenden Epochenumschwung stecken. Eine Zweite Moderne möchte für unsere Generationen anbrechen und bittet uns, sie nach bestem Vermögen mitzugestalten. Meine Aufgabe sehe ich nach wie vor in dem Reisen zu Fuß, der Etablierung unseres Vereins und in der Erschaffung einer sozialen Struktur in Deutschland, welche das Wachstum ermöglicht, welches wir alle und Deutschland, aber vor allem der Planet so bitter nötig haben. Den Charakter, der Life Style und meine Ansätze sehe ich bisher als beste Vorraussetzungen, um diesem Streben am realistischsten nachzukommen. Und den beiden Eltern plus den meinigen, welche mit am Tisch direkt am Seeufer sitzen, erklärte ich das in etwa so:

Mir wurden damals alle ‘normalen’ Perspektiven genommen, als ich während Kanada zum Geschehen in unserer Welt aufwachte. Zu wissen was grade in Politik, Wirtschaft und vor allem dem Weltklima passiert, erstickte mir jeden fernen Zukunftstraum. Seither war es mir wie unzähligen Anderen nicht mehr erlaubt, frei und kreativ eine Zukunft zu erdenken, welche es anzustreben gilt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Kinder haben werde. Ich weiß nicht, ob ich sie in diese Welt setzen möchte, weil ich unglaubliche Angst vor dem habe, was auf uns zukommt. Ich möchte kein Zertifikat einer Institution, weil ich niemals in ein Arbeitsverhältnis rutschen möchte, zu welchem ich basierend auf meinen Papieren gewählt wurde. Ich möchte nicht gebildet werden, um dann widerstandsloser ausgenutzt werden zu können. Ich möchte kein dreckiges Geld für meine wertvolle Zeit. Ich möchte nicht kapitalistisch wirtschaften, weil es dieser Virus des Denkens war, welcher die Welt so grauenhaft zerfraß. Ich möchte generell durch mein Schaffen kein Teil der Richtung werden, welche uns die Westliche Welt vorlebt. Ich möchte nicht konsumieren, während andere so derart leiden. Ich möchte mich nicht durch Arbeit, Internet oder eigene Ignoranz ablenken, weil es ein Potenzial zu entdecken gibt, welches positiv zu diesem ganzen Umstand beisteuern kann und reale Veränderung erwirkt. Diese Option normal im System zu leben, habe ich nicht mehr, wenn ich dabei psychisch gesund bleiben möchte. Ich kann fliehen und ich werde es zum richtigsten Zeitpunkt. Davor widme ich noch einmal alle Lebensenergie dieser Welt aus der ich stamme, nutze meine Erfahrung und all jene mir innewohnenden Privilegien und Geschenke, um soviel wie möglich in Bewegung zu setzen. Eine andere Aufgabe sehe ich in meinem deutschen Dasein nicht! Wenn es verwirklicht wird und autonom ohne mich laufen kann, dann gehe ich. Weil ich brauche diese Zeit in einem Kloster unbeschreiblich. Ich durfte den Buddhismus für mich entdecken und zu Fuß wird es mein Ziel sein, geldlos bis nach Tibet zu kommen, um diesem eigentlichen Traum nachzueifern. Dort verspreche ich mir jene Heilung, die wir alle bräuchten - aber bevor ich an mich selbst denken darf, fühle ich mich jenen verbunden, die ich hier zurück lassen muss. Gefangen in diesem Umstand. Ich kann nur beten, dass wir einen Weg finden, es alles wieder gut werden zu lassen, oder zumindest die uns verbleibenden Zeit so gut und wunderbar menschlich wie möglich zu gestalten. Das ist mein Streben. Und wenn ich lebend aus dieser Art des Aktivismus und aus dessen Schlacht entkomme, dann… naja, wir werden sehen. 

Natürlich war das nicht der Wortlaut meiner kleinen Rede am Seeufer bei Freunden der Familie. Aber ich konnte meiner Sache in Fülle beschreiben und das völlig ohne mir etwas auszudenken. Mein seit Jahren aufbäumendes Gedankengut kann ich scheinbar völlig problemlos in solchen Runden präsentieren. Das Glück möchte es so, dass selbst meine Eltern es nun als Ganzes in Person von mir hören. Lange genug haben sie meinen Blog mitverfolgt und aus den vielen Ecken an welchen ich den Plan vereinzelt immer wieder erwähnte, das Gesamtbild gezogen. Komisch so darüber zu schreiben… Hi Mama, hallo Papa. Ihr seid cool! Macht euch keinen Kopf, weil es mir herzlich gut in all dem geht und fühlt euch gedrückt. Ihr seid das größte Privileg in all dem. Unterstützende, Freiheit schenkende Eltern sind toll und ohne euch könnte ich immer noch nicht träumen. - Es muss festgehalten werden, dass mein Zustand aus Kanada und dieses absolute Lebenstief im Angesicht des Zeitenumstandes in gesunder Weise überwunden werden konnte. Und das hätte ich nie erwartet und kann es auch immer noch kaum fassen. Dass diese Aussichtslosigkeit und Verzweiflung, dieser Hass auf die Welt und dieses schwarze Keimen in meiner Seele damals einen so wundervollen Weg zu dessen Lösung fand, ist das denkbar unglaublichste für mich. Dieser eigene Weg, auf welchem ich seit Kanada bin, findest du beinahe vollständig auf diesem Blog vertreten. Und das nicht durch Zufall. Ich hoffe in geschriebener Form das festzuhalten, was sich mental in dieser Zwischenzeit bei mir einstellte. Ich möchte den Umschwung meines Denkens einfangen, bei welchem ich von Gefangenheit und Elend hin zu dieser neuen Freiheit und dieser Lebensfreude, Hoffnung und Weltenliebe aufwachte. Diesen Prozess wünsche ich all jenen, die wie ich mit dieser Zeit zu kämpfen haben und ich hoffe durch mein Streben einen Weg entdeckt zu haben, welcher diese goldene Frucht des Denkens an Dich und andere bringen kann. Und ich hoffe einen Rahmen des Zusammenseins erschaffen zu können, bei welchem wir nicht alleine aufzuwachen haben und in welchem wir bei unserem Streben nach positiver Veränderung mit guten Menschen vereint sind. Weil es ist noch längst nicht zu spät. Und weil wir schon mal da sind, gilt es für uns während dieser Zeit des epochalen Umschwungs eine wunderbare Lebenszeit zu erschaffen. Und ich glaube, dass es alles möglich ist. In Gemeinschaft!

Es wurde gegrillt und alle sind reichlich satt geworden. Es gab ein schönes Gespräch zwischen mir und meiner kleinen großen Schwester, von dem ich gar nicht erahnte, wie sehr ich es gebraucht hatte. Viel zu lange war ich nicht mehr da gewesen. Ich brauchte den drei jungen Damen später mein Lieblingsspiel bei - dieses Reaktions-Händeschlag-Ausweich-Spiel. Am Namen feile ich noch… vielleicht wäre jetzt der Moment. Das Spiel heißt ab jetzt: Re(aktions)-H(ändeschlag)Au(sweich)(Spiel). Re-HAu. Jemand Bock auf ne Runde Re-Hau? Das ‘Re’ natürlich englisch betont…

Am Abend fuhr meine Familie wieder zurück zu unseren Großeltern und ich hatte die Dame des Hauses am See gefragt, ob ich hier campen dürfte, um am nächsten Tag von hier aus los zu trampen… sie hatte mir Freude eingewilligt, meinte allerdings, dass ich nicht campen müsste, weil das Zimmer von meinem Kindheitsfreund ja seit seinem Auszug nicht besetzt wäre und nun für mich bereit ist. Ein herrlicher Abend mit einer Gitarre in der Hand, mit schönen Gesprächen über Heilmethoden der Physiotherapie und einer kalten Dusche gingen vorbei, bevor ich mich in das besagte Zimmer zurück zog und eine Weile Sport machte, dann ein Buch aus dem Schrank nahm, auf dessen Rücken ganz dick Ayurveda stand, es mir auf dem Boden bequem machte und las bis ich müde wurde. Ich würde am nächsten Tag früh aufwachen und mit einem Haferflockenmix auf der Terrasse mit dem unglaublich schönen Blick über den heller werdenden See sitzen. Kurz danach ging es los. 

Was nun starten würde, wäre meine erste, tatsächliche, geldlose und proviantlose Reise durch meine Heimat. Von Potsdam-Mittelmarkt bis nach Hessen. Ich hatte neun Tage Zeit, um das Seminar zu erreichen und danach sollte es nach Speyer, Freiburg, Stuttgart und schlussendlich nach Hause gehen. Ich habe etwas vor mir… bei unserer ersten Kurzstrecke reichte meine mitgenommene Kost von meiner berliner Tante gegeben aus, bis zu dem Punkt, dass ich bereits wieder Bekannte in Falkensee traf. Das wird diesmal nicht der Fall sein. Ich habe drei Quarkbrötchen von Mama vom Vortag bekommen und nehme drei dicke Äpfel von meinen Freunden hier mit, aber das braucht sich bereits am nächsten Morgen gänzlich auf. Der Übergang in das geldlose Leben und das sich entfernen von bekannten Menschen wird sich auch wieder in dieser Reise beispielhaft vollziehen. Ein großer Grund, warum ich so gerne über diese Begebenheiten schreibe ist, dass sie nach meinem Ermessen eine gewisse Perfektion in ihrer Konstellation ergeben. Mir scheint immer alles zur genau richtigen Zeit entgegen zu kommen. Keinesfalls zu früh und immer mit dem nötigen Leiden, aber immer dann, wenn es am meisten gebraucht wird. Ich sehe in den Geschehnissen, wie sie von statten gehen, Anleitungen, die den dafür geöffneten Personen ein Werkzeug in die Hand geben, mit welchem sie später im eigenen Erleben von Situation zu Situation besser entscheiden werden können. Natürlich empfehle ich niemandem geldlos durch das eigene Land geschweige denn die Welt zu reisen, und dasselbe gilt für das Leben ohne Schuhe, oder das tragen von kaputten Billigrucksäcken, oder dem Schlafen auf dem Boden oder dem Fasten von 461 Stunden, und trotzdem schreibe ich gerne darüber, denn alles sind Erfahrungen aus welchen ich meinen Teil gezogen haben und aus welchen du deinen Teil ziehen wirst. Im Abgleich wirst du dich selbst ein wenig mehr kennen lernen und dabei von Zeiten deinen Horizont erweitern können für die Dinge, die in unser aller Rahmen der Möglichkeiten liegen. 

Die ersten Schritte tätigte ich nach links und wand mich einmal durch ganz Kloster Lehnin hindurch. Ich roch den Dönerladen, übersetzte den Benzinpreis in tansanische Schilling, grüßte alte Menschen, entdeckte den ehemaligen Arbeitsplatz meines Lehniner Langzeitfreundes und kam dann ans Ortsschild. Der erste ortverbindende Fahrradweg öffnete sich und direkt zu Beginn ein kleiner Birnenbaum am Straßenrand. Ich habe kein Recht studiert, aber die Eltern sagten mal, dass jede Frucht, die über den Gartenzaun hinweg wächst und auf den Gehweg hängt, zum Essen wäre. Damit ist in meiner Welt Obst, welches am Straßenrand wächst, absolutes Freiwild. Ein elektrisches Fahrrad überholt mich, ein großer Rasenmäher zum drauf sitzen überholt mich schmerzlich langsam links von mir und dann öffnet sich das wohl größte jemals von mir gesehene Sonnenblumenfeld rechts von mir und zu jeder Seite umschloss es der Wald. Die Straße versinkt gleichfalls im Baumschatten und ich wandere nun nicht mehr auf dem Fahrradweg, sondern links von der Straße auf dem Asphalt, wenn mir nichts entgegen kam und durch das Grüne, wenn doch etwas anbrauste. So lief ich von Örtchen zu Örtchen. Im ersten begleitet mich ein merkwürdiges Geräusch von meinem Rucksack. Ein Reißen, welches bei jedem dritten Schritt oder so weiter ratscht. Dann finde ich den Übeltäter an der rechten Hüftschnalle, die grade dabei war das Fundament meiner vorderen Hüft-Bauch und -Schulterschnalle heraus zu reißen. Alarm… ich drehe mich nach links, stehe grade auf dem Fußgängerweg in Michelsdorf und Klingel an dem Haus vor welchem ich stehe. Ingo macht mir oberkörperfrei auf - sein grauer Schnauzer - das Bauchtattoo. Ja, hallo… ich grüße und sage, dass ich Lennart heiße. Ich sage, dass ich grade vorbei laufe… er sagt ‘Ach so…’ ich frage, ob er mir helfen kann, aber meint, dass er das noch nicht weiß. Also nenne ich mein Problem und frage, ob er ein bisschen Nähzeug und vielleicht einen harten Faden hätte. Hat er… krieg ich kurz? Ja… er macht dir Tür wieder zu, ich träume den Apfelbaum des Nachbars an und dann öffnet sich nach einer Weile das Gartentor von Ingo. Darf reinkommen. Da stehen ein paar graue Stühle und ein Tisch, im Hintergrund eine Backsteinscheune, ich stelle meinen Rucksack ab und er platziert das durchsichtige Kästchen mit Fäden und Nadeln neben mir und guckt. Ingo guckt. Und ich mache mich an das ungeschickte Werk einen Rucksack zu flicken. Das letzte Mal hatte ich das in Monaco bei meiner liebsten Chantal gemacht. Mit ganz normalen schwarzen Fäden. Komischer Weise halten diese immer noch. Diesmal ist die Nadel dicker und der Faden fester und ich stelle mich unter Ingos Blicken auch deutlich doofer an. Trotzdem vollbringe ich das Werk und bedanke mich herzlich bei dem Mann, welcher mir sofort in der Sekunde der Not an der Seite war. Ich frage Ingo, wie er heißt und Ingo meint Ingo. Ach so… Ich wandere weiter und tue das beinahe ohne Unterbrechung bis zwei Uhr nachmittags, als ich in die Geruchswand von ganz vielen Heuballen stolpere. Kindheitserinnerung pur und ich gucke zuerst, ob man auf diesen hier auch genauso hinauf klettern kann wie auf jenen, die auf dem Grundstück in Brandenburg standen, auf welchem ich aufwuchs. Jene hier hatten ebenfalls eine grüne Plane und grade schien die Sonne ganz herrlich. Ich hatte auf dem Weg bis hier mitten im Wald das Haus des Forstbeauftragten gefunden und etwas später kam mir ein Radfahrer in hohem Alter entgegen, stieg direkt bei mir ab und fragte mich strahlend wohin des Weges. Ich nannte ihm die Himmelsrichtung und dann sah er meine Füße, lachte herzhaft und noch während er das tat fuhr er weiter. Und dann fand ich die Heuballen. Ich lehnte den Rucksack an den ersten großen Stapel, kletterte zwei Etagen aufwärts und da das Konstrukt wie eine zweidimensionale, in die dritte Dimension gezogene Pyramide war (kein Plan wie man diese Form nennt… langes Dreieck?) gab es überall solche Vorsprünge und auf einen der dick genug war, legte ich meinen müden Körper. Ich trage meinen Rastahut von Mashaka und den lila Wollpullover. Nicht weil es kalt wäre, ist es ja wie gesagt wirklich nicht, sondern weil der Hut einen Sonnenschutz ist und der Pullover mir die Schultern schützt, auf welchen die engen Gurte des tollen Rucksacks permanent einschneiden. Beide Wollkleidungsstücke waren begeistert dabei Heu in sich aufzunehmen, während ich in der Sonnenglut liegend immer tiefer in meinen Schlaf trieb. Ich wachte vom Schweiß auf. Nichts hatte sich bewegt und ich fühlte nur Sekunden de Schlafes. Ich kletterte wieder herab, allerdings vorsichtig, weil ich nicht wusste, wie steif meine Knie nach langer Belastung und dann der Ruheposition wären… ich hatte Glück. Auf dem Grundstück finde ich einen grünen Gitterkäfig, welcher auf beiden Seiten offen ist, in dessen Mitte eine gebratene Ente an einem Haken hängt. Beim näheren betrachten des Konstrukts erkannte ich wie der Käfig arbeitete. Meine Minecraft-Erfahrung war dabei hilfreich, denn die Stelle unter dem Hühnchen war diese Art von Trittscheibe, die etwas auslöst. Ich komm jetzt grade nicht auf den doofen Namen. Aber in Minecraft würde man das Ding vor eine Tür klatschen und dann kann man sich einmal L2 drücken sparen, wenn man ins Haus möchte, weil die Trittplatte (??) das allein auslöst. Aber bevor das zu komplex wird… der Käfig ist für Füchse und Maden. Die Maden sind schon gefangen und in tausendfacher Zahl im Innenbereich des Huhns aufzufinden. Auf den Fuchs warten wir wohl. Erst jetzt merke ich, dass ich genau neben dem Stall eines riesigen schwarzen Hengstes stehe. So ein bullenartiges Ding, welches Kutschen alleine ziehen würde. Er guckt und ich gucke zurück. Mit dem winzigen Stromzaun zwischen einem und dem Tier fühlt man sich immer so naiv sicher. Ich mich auch. Die Stupsnase des Zeitgenossen ist ganz samtig. Der Rücken ist auf meiner Augenhöhe. Als ich wieder am Rucksack bin und zusammenpacke, guckt er mich immer noch unverwandt an. Ich denke mir meinen Teil, winke und gehe wieder zur Straße und Folge der Richtung nach Osten, Brandenburg, Autobahn. Mehr Wald, mehr Straßenseite, mehr Autos. Mein Lieblingsmensch saß in einem großen Sprinter hinter dem Steuer, grade von einer Baustelle kommend so nehme ich an, und die vorbei fahrende mich erblickende Person des Lenkrades macht etwas ganz besonders. Sie strahlt in einer Weise, dass allein der Anblick eine solchen Gesichtes Geschenk genug wäre. Allerdings guckt er dabei eben genau mich am Rand in mitten der Brandenburger Allee an - genau so wie ein Kind das wohl größte, schönste und essbarste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten mit Blicken liebkosen würde. Dieses Gefühl war unglaublich schön und das Gesicht speichert sich als ein sehr attraktives in meiner Birne ab… immer wenn Autos entgegen geschossen kommen, mache ich einen Schritt links ins Grün und laufe meistens sogar ohne auf den Boden zu schauen weiter. Das fand ich barfuß einer der coolsten Dinge und irgendwo ist es auch eine gute Praxis mit Ansatz, aber meistens ist es doch mein eigenes Cooltun was mich zu solcher Dummheit verleitet. Ich bekomme diese Dummheit physisch zu spüren, als ich in eine kleine Herde aus Brennnnnesseln trete. Von dem Jucken spüre ich an den dicken Fußsohlen nichts, aber die hübschen Fußgelenke jammern kläglich auf. Ein anderer Aspekt, welcher schwer in Worten zur Fülle zu bringen ist, ist die Ruhe, das Alleinsein, die Umgebenheit und Sicherheit von Natur und was es mir im Kopf ermöglicht. Später komme ich durch das wohl winzigste Dorf Deutschlands und ich klingle ungelogen an jedem Haus mit der Hoffnung mein Wasser auffüllen zu können, aber überall sind nur riesige Kläffer zuhause, bis auf das aller letzte Haus. Eine junge Dame mit kurzen braunen Haaren kommt auf mein Klingeln aus dem Garten und ich bitte um ein Wasser. Als sie es bringt, hat sie ihre Mutter dabei und die beide fragen mich neugierig nach meinem Tun. Als Gegenantwort auf meine Aufführung meint die Mama kurz Birnen aus dem Garten zu holen, weil sie grade mit der Ernte beschäftigt war und jene verstaue ich dann in meinen Ponchotaschen. Als ich grade weiter möchte, kommen die beiden noch einmal schnell aus dem Haus und sie haben eine Broschüre in der Hand, welche sich beim auseinander klappen als riesige Norddeutschlandkarte entpuppt, mit allen Orten bis kurz vor dem Punkt, an welchem mein Seminar stattfindet. Kassel ist noch drauf. Ich bin überaus dankbar für Birnen und Karte und die neue Wegbeschreibung die ich nun erhalte, bringt mich endlich endlich weg von dieser verdammten Straße und führt mich nun über den kleinen Weg an Äckern vorbei und dann für eine sehr lange Passage tief in den Wald. Ich genieße diesen Abschnitt mit großem Respekt und einer Menge Genuss. Ich sehe mehrere Rehe wie sie sich mit ihren eleganten Wolkensprüngen durch das Unterholz fortbewegen. Immer riechen sie mich früher als ich sie sehe. Geräusche mache ich kaum und selbst das Beben meiner Fußauftritte ist minimal, weil mein Vorderfuß zuerst aufsetzt wie im Tanz, um das Gewicht weich abrollen zu lassen, anstatt wie mit Schuhen das Gewicht mit einem Knall über den Hacken in den Boden zu leiten. Die Sonne kommt tiefer durch die hohen Kiefernbäume und die vereinzelten Junglaubbaumgrüppchen. Ich denke an Wildschweine und dass sie grade ihre Ferkel bei sich haben. Das Hören eines Jägers hilft meiner Wahrnehmung und mit einer Mischung aus ängstlächer Erwartung und faszinierter Betrachtung meines Umfeldes laufe ich über zwei Kilometer in diesen Wald hinein. Bald wird die Stille gebrochen und ich komme einer Straße näher. Sie wird lauter und lauter und als ich beinanhe vor ihr stehe weiß ich, dass es sich um eine Autobahn handelt. Jene die durch die Stadt Brandenburg zu meiner Linken und Magdeburg und später Braunschweig zu meiner Rechten führt. Der Waldweg führt zu einem Tunnel aus Farbe, denn alle Wände sind an jedem Punkt besprüht. Dort setze ich mich und lausche der Autobahn über mir. In dem Tosen des Geräuschpegels fühle ich mich frei aus vollem Halse ins Singen zu stimmen und das gewählte Lied ist ‘Welcome to the Internet’ von Bo Burnham. ‘You know? It wasn’t always like that… Not very long ago, just before your time - right before the towers fell - circa ’99. This was catalogue, travel blog, a chatroom or two. We set our sights and spent our nights, waiting… for you! You!’ ‘And if we stick together who know what we’ll do. It was always the plan, to put the world in your hand… now look at you. Look at you!’ Boah, darf ich das so schreiben, wenn es falsch zitiert ist? Ich hab den Ort an dem ich sitze aus kein Internet und könnte nicht wirklich nachschauen… ich hoffe, dass ich ein andermal noch dran denke. Ich komme kurz danach an den kleinen Weg der meistens parallel zu großen Schnellstraßen führt. Ein Kilometer, zwei Kilometer und der Weg - der Weg führt rechts tief ins Umland und es gibt keinen Weg an der Straße mehr. Ich passiere diese kleine Gittertür bei Tunneln und den engen Treppen zum Aufsteigen und stehe dann auf der Autobahn. Mist! Wie im verdammten Spanien mit Martin. Horror kommt auf, dann grinse und lache ich und gehe los. Allerdings nicht auf dem Asphalt, auch wenn das viel angenehmer gewesen wäre, sondern ganz legal außerhalb der Leitplanke… jetzt benutze ich hier das Wort legal. Oh Mann… als ob ich wüsste was man darf und was nicht. Auf jeden Fall nicht nachmachen, es sei denn du hast keine andere Option. Ich bin nicht auf der Straße gelaufen, weil ich als Kind die Ansagen im Radio gehört habe, dass hier und da Menschen auf der Fahrbahn sind… mit so einem minder intelligenten Beitrag möchte ich nicht meine erste Radioperformance schmücken. 

Drei Kilometer werden es und die Art von Pflanze neben einer Straße wie dieser ist eine ganz andere. Harte Stängel, mehr Nesseln, kurz auf mal Disteln und langes undurchschaubares Gras. Weich, aber undurchschaubar. Drei Kilometer bis zum Rastplatz. Ich hatte im Wald einen Stock adoptiert und nutzte nun diesen, denn der Weg hatte einen Hand. Links von mir die Straße, rechts von mir die Böschung und Neigung des Bodens. Der Stock half ein bisschen. Als ich die Sonne untergehen sah, ging es mir kurz besser. Eine wunderschöne Wiesen-Wald-Landschaft, welche sich auftat, machte mich ebenfalls froher. Aber als das Schild kam, welche den Rastplatz in 500 Metern vermuten ließ, da waren allen Endorphinen die Fesseln abgenommen. Ich begab mich wieder in diesen Trott… kennst du den noch. Vielleicht hattet du mich live verfolgt, als ich von Mwanza nach Simiyu in zehn Tagen laufen wollte? Da hatte ich bald begonnen eine Art entspanntes Joggen aufzulegen und war damit schneller und oft auch schmerzloser vorwärts gekommen, weil die Federbewegungen noch verstärkt wirken konnten. Ich joggte also als das Wesen, welche ich dick bepackt, mit Poncho, riesiger Tasche und dickem Gehstock eben war. Als ich ankam, spazierte grade jemand kleines, dickes und bärtiges aus der Toilette. Als ich den Rumäne anspreche, deutet er auf seinen Kollegen im Auto, weil er selbst kein Wort deutsch konnte und Kollege meinte nach Braunschweig zu fahren. Ich frage, ob sie mich in Magdeburg rauswerfen können, aber der Fahrer scheint echt nicht öfters hier gewesen zu sein, denn in einer Sicherheit, die mich zum hinterfragen brachte, meinte er, dass Magdeburg gar nicht auf der Strecke liegen würde. Ich zucke die Schultern und steige hinten auf die Bank des kleinen Sprinters. Eine halbe Stunde gemeinsame Fahrt, rumänische, Reichtum verherrlichende Musik lief sachte im Hintergrund und Zigarettenrauch füllte das Autoinnere. Mir hatte vorhin jemand eine blaue Lucky Strike mit einer letzten Kippe drin auf den Seitenstreifen geworfen und genau diese rauche ich nun mit den beiden Dachdeckern mit. Sie kommen von einem zweiwöchigen Einsatz in Berlin und der Navigationskollege spricht entsprechend Deutsch. Er ist seit 16 Jahren hier, was seine Antwort auf mein Kompliment an seine Sprachkenntnisse war. Sein Deutsch ist nicht gut. Auf einmal steht auf einem großen blauen Schild Magdeburg und ich grinse breit. Das Auto hält für mich unerwartet direkt auf einem Seitenstreifen an dieser schwierigen Stelle einer Ausfahrt. Ich klettere also raus, bedanke mich ganz herzlich und muss dann über Betonmauern steigen, die nächste Fahrbahn überqueren und dann in die Auffahrt entgegen der Fahrtrichtung laufen. Dabei rufe ich Mama an und zelebriere mit ihr gemeinsam, dass ich es auf sonderbare Weise noch nach Magdeburg geschafft hatte. Bald komme ich in das beginnende Industriegebiet von Barleben, nördlich von Magdeburg und merke erst in Mitten der Wiese, dass ich mich in das Nest einer Distelfamilie verlaufen hatte. Es war halt stockfinster und nun stand ich schon mitten drin und wollte bis zur anderen Seite kommen. Ich schaffte das. Ich kam sogar noch zu einem kleinen Weg und dann zu zwei Parkbänken. Hier setzte ich mich und rief Leonie an. Meine beste Freundin aus meiner Schulklasse. Langjährig die vernünftigste Person gewesen, die ich kannte und nun aber schon seit drei Jahren fern ab von mir. Hier bin ich angekommen, um sie zu besuchen. In unserem kurzen Telefonat erklärt sie mir, dass ich noch ewig weit weg bin. Und ich hatte nachgeschaut auf der Fitness App meines Handys und sah erschrocken heute unglaubliche 29,1 Kilometer gelaufen zu sein. Eine respektable, mich gruselnde Leistung. Leonie, welche hier Medizin studiert und damit zurück in ihrer Kindheitsstadt ankam, nachdem wir uns beide wurzelberaubt im bayrischen Schulkontext trafen, meinte, dass sie morgen früh ein Praktika hat und ich ganz entspannt zum Nachmittag eintrudeln könnte. Super. Damit hat sich alles gegessen. Ich mache keinen Schritt mehr und entlade mich auf der Bank. Yeah. Dann gibt es einen Apfel und ein trockenes Brot von Mama. Ich lasse mit dem leicht gefüllten Magen etwas von dem zweiten Brot und Nüsse für Morgen früh übrig. Hunger habe ich keinen mehr. Meine völlig verschwitzen Dinge hänge ich über die Banklehne und lege mich kauend auf die Bank selbst, um den hellen, sternenklaren Nachthimmel zu beschauen. Eine Sternschnuppe, hell und kurz im sichtbaren Weg, also ein kurzer Schweif, erhellte mir Sinne und ich war gänzlich zufrieden mit dem Verlauf dieses Tages. Leider blieb das Licht der Sternschnuppe nicht das letzte Licht des Abends. Neben mir war der Industriekomplex Barleben’s, aber weitaus schlimmer waren die blitzenden Gewitterwolken, welche aus der entgegen gesetzten Richtung herzogen. Ich rekonfigurierte meinen nächtlichen Plan und sah mich gezwungen das Zelt aufzubauen, was selbst in meinem rechtlichen Verständnis gegen die Regeln ist. Mist. Aber das Zeltinnere mit der schönen stehenden Luft und dem bläulichen Luft der Regenplane ist doch ein sicherer Zufluchtsort für mich geworden. Seit Norwegen ist dieses blaue Gut mein Baby und in Tansania schlief ich zusätzlich zu allen 22 Wochen Rucksackleben eben auch noch in den meisten Nächten unter unserem schönen Mangobaum und hatte meine Hündin Paula zu gegebener Zeit immer an meiner Zeltwand direkt an meiner Schulter wärmend zu liegen. An sie denke ich beim Einschlafen. Na und an Mama, na klar! Immer auch an Mama und Papa und Schwestern und Freunde und … und an Dich! Danke fürs Lesen. Wir machen morgen weiter.