I. Paula’s letzte Trubel

I. Paula’s letzte Trubel

Der Wecker riss mich unverschämt aus unfassbar tiefen Träumen. Wen es interessiert: im Traum lag ich in einer kleinen Aushöhlung im Gestein, beschaute die Wände und ihre Risse und suchte vergebens nach Schlangen, während ich stattdessen die Ameisen an der nahen Wand über mir anstarrte. Der Traum spielte wohl auf einer Reise, aber es war eine Situation, in welcher ich bisher noch nicht gewesen wäre. Naja, das wird schon noch kommen. In Höhlen schlafen ...

Heute ist Montag. Heute endet eine lange Episode des Heimlebens, denn ab heute Abend verlasse ich das House of Hope, meine tansanische Wunderecke, und stattdessen laufe ich wieder los. Den Reisestil kennen wir bereits aus den 3.000 Kilometern in sieben Wochen. Wir sind auch diesmal barfuß und haben kein Geld zum Ausgeben, weil ich an die Wirkkraft des »menschlichen Werteaustausches« glaube. Allerdings ist Paula diesmal dabei, unsere wundervolle Hündin von zuhause, und wir möchten gemeinsam innerhalb weniger Wochen in die Nachbarregion laufen, während uns Zelte durch die Nächte bringen und ewige Fußmärsche, barfuß, durch den Tag der ostafrikanischen Trockenzeitsonne. Das wird lustig. Ha. Das Ziel ist es, rechtzeitig zur Hochzeit zweier Freunde in Simiyu zu gelangen und ihnen meine Hündin als Hochzeitsgeschenk zu übergeben, in der Hoffnung, dass sie dort ein neues Zuhause finden kann. Zuhause wird das nichts, aber dazu später mehr.

  • Neutrale Erzählform -

Als Lennart so dasaß, sein Smartphone zwischen vier Finger gesperrt [besser: eingeklemmt] und mit gebissener Unterlippe dem Bildschirm auf den Pelz rückte, indem er ihn mit schnellen, unsensiblen Anschlägen massakrierte, da guckte die Protagonistin des Aktes seitlich nach oben. Ihr haariger Po ruhte auf dem harten Sandboden und sie schaute zuerst voller Sehnsucht den Teller voller Makande an und beäugte dann den Menschen, dem sie für Vieles dankte, der sie aber auch viele Nerven gekostet hatte. Ihr Blick hatte etwas Vorwerfendes, aber Müdigkeit und eine Art schwesterliche Liebe mischten sich auch in das Schwarz ihrer hübschen Knopfaugen. Das mit dem Smartphone wird sie wohl nie verstehen müssen, und warum man so intensiv in das Viereck starrt, ist ihr eher befremdlich. Wer inzwischen nicht mehr befremdlich ist, ist ihr Kumpane neuerdings unter dem Namen Tecca. Wo der Junge herkommt, weiß niemand so genau, aber seit er da ist, weicht er der kuscheligen Paula nicht mehr von der Seite, und als Belohnung trägt sie ihm nun Kinder in ihrem Bauch aus. Naja.

  • Erzählform Paula -

Ja moin, ich Paula hier. Hab endlich ne Stimme und kann mein Feedback geben. Ich bin auf keinen Fall ein sprechendes Känguru, und hier wird auch keine Tierart mit der anderen kommunizieren, keine Sorge. Ich find’s cool, dabei zu sein! Der Komplex ist so zu erklären – man hört schließlich nicht ohne jeden Grund plötzlich das vierbeinige Tier durch die Worte sprechen. Aber ich hatte vorhin mit ganzer Kraft auf das gekleidete Ungetüm gestarrt, und es scheint, als wäre es mir gelungen, die Fingerchen des Alten für mich springen zu lassen. Er denkt vermutlich, das Ganze wäre seine Idee 😂 Smiley, weil ich’s kann. Mein Beitrag wird sich auf Folgendes beschränken. Ihr da oben mit der frischen Luft, den hübschen Schuhen und kurzen Nasen, ihr ollen Zweibeiner, ihr verpasst eine Menge von dem, was hier unten abgeht. Damit diese Bildungslücke nun endlich Luft bekommt, werde ich mich über diesen Kanal kundtun und die Welt erleben lassen, wie sich ein Hund im Alltag schlägt. Ohh fuck, mein Ohr kratzt – gr gr gr gr. Uhhh. Naja, ich begleite ihn hier einfach mal, und das Erlebte wird geschildert, indem ich von hier berichte oder er das Stimmrohr bekommt und seine üppige Soße ins Gemisch gibt. Soll mir wurscht sein ... ohhh, Wurst ... schon lange kein Fleisch mehr bekommen. Weiße Geizkragen, ihr!

Aber um mit dem Passierten aufzuholen: Es ist inzwischen Abend, und ich saß mir den Po vor langer Weile wund. Am Morgen waren wir mit der ollen Bumsbirne Tecca zum breiten schwarzen Streifen mit den Knarzkästen auf drehenden Kreisen gegangen, und wir beide durften dem haarlosen Affen dann beim Frühstücken zuschauen. Manchmal frage ich mich echt, ob er den Teil vergessen hat, bei welchem wir absolut von ihm abhängig sind, um Futter zu bekommen. Der Strom an kleinen frittierten Glubschaugen mit Minikörpern ist scheinbar gänzlich versiegt. Ich frag mich, wofür es sich mehr lohnt, seine Kohle zu verscherbeln, als für zwei liebliche Kollegen wie mich und ihn hier, der links von mir im Gras.

»Mit wem redest du?«

Nicht mit dir, nur über dich ... Hast du immer noch Schiss vor den sieben Brüdern an der Ecke?

»Bei denen kommst du nur heile durch, weil du nichts zwischen den Hinterbeinen baumeln hast, du Hirsch! Hast du dir mal angeguckt, was die Ottos mit meinem Hals angestellt haben? So ein Fell wächst im Normalfall nicht so schnell wieder nach ...«

Ehrlich, hab ich nicht so gemeint, Tecca! Aber wenn du das Mauzen kurz einstellen kannst – ich versuche gerade, Text zu produzieren, und du ruinierst die Stille. »Hey klar danke! Morgen wieder, ne?« Sehen wir dann. Und ... hey guck mal! Er steht auf! Ayayay, das ist unser Call. Alles ist möglich. Vielleicht beginnt nun das Leben. Rennnn!

  • Neutrale Erzählform -

Der Tag verging. Lennart reiste ins Krankenhaus und fand einen neuen Weg, um dorthin zu gelangen. Dort kam er mit Mama Joas und später Mamdogo zusammen und durchlief den grässlich langsamen Prozess einer Überweisung von Bargeld ans Krankenhaus, um die Endrechnung von 1.062.500 tansanischen Schilling für Joas’ Krankenhausaufenthalt zu begleichen. Das Geld stammte vom ersten Schritt einer Spendeninitiative durch private Ausrufe im Netz und ... zur selben Zeit setzte Paula sich wieder auf den Boden und beäugte die Staubspur, die sich hinter acht Hunden bildete, als sie den vordersten – in diesem bestimmten Fall Tecca – die Straße hoch jagten. Sie leckte sich den ... Lennart hatte kurz darauf alles geschafft und versuchte sich tief in Gedanken auszudenken, wie er das Fundraising von Joas so überleiten kann, dass es ein weiterführendes Projekt wird, welches dem Ort und seinen Menschen auch in der Zukunft wie schon Mama Joas behilflich sein kann, ohne dabei das Vertrauen der bisherigen Spender*innen zu brechen. Außerdem bekam er langsam Hummeln im Arsch, denn eigentlich wollte man doch heute aufbrechen, um die Reise zu Fuß mit Paula nach Simiyu, die Nachbarregion von Mwanza, zu erreichen, weil eine seiner Deutschschülerinnen dort heiraten würde. Paula wird Teil des Gepäcks sein, und sie wird ihr Zuhause am House of Hope vermutlich nie wiedersehen. Davon weiß sie bisher nur noch nichts. Sobald es ihr klar wird, kann man sich ja anhören, was die Dame dazu meint. Ich als neutraler Erzähler kann mir da kaum ein Bild machen.

  • Die vierte Instanz, das Innere oder die Kopfstimme schaltet sich ein -

Jetzt sach aber mal ganz ehrlich. Wenn ich dat jetz genauso weiterführe, da krieg ich doch erstens irgendwann ’nen Knall, und am Ende glaub ich wirklich noch, dass der Hund mich schreiben lässt. Bin ich nicht viel zu labil für so ’nen Schreibstil. Au wei o wei ...

  • Kopfstimme Ende -

Nachdem der Akt des Zahlens vollendet war, fanden sich zwei Mütter und zwei Mitarbeiterinnen plus Lennart selbst in der Kantine ein und verzehrten ihre Mittagsportionen.

Ganz im Gegensatz zu Paula. Die hatte auf dem einsamen Heimweg unter kritischen Blicken in einem großen Müllhaufen gestanden, welcher trotz des ätzenden Geruchs und ihrer hochsensiblen Nase anscheinend keine Todeszone für sie bildet. Hier bekommt sie das Essen, was ihr Zuhause nicht gegeben wird. An einem Baum ein paar hundert Meter weiter starrt sie für eine Weile ins Laubdach, um den kleinen grauen Baumratten beim Springen zuzuschauen. Sie würde gerne mal einen von denen zu fassen bekommen und nach Hause bringen. Sie ist sich relativ sicher, dass das alles verändern würde. Vielleicht dürfte sie mit so einer Jagdtrophäe dann wieder drinnen auf der kleinen, süßen, roten Matratze schlafen. Wo ist die eigentlich? ... Zur selben Zeit, als in Bugando das tote Kind der zweiten Mutter in bunten Stoff gewickelt abgeholt wurde und man sich in dem Minibus unseres zweiten House of Hope wiederfand, zu jener Zeit stieß Paula mit Schwung die Metalltür des schwarzen Tores zuhause auf, und alle Mütter unter dem Mangobaum blickten kurz hoffnungsvoll auf und bedachten Paula dann mit resignierten Blicken. Nur ein kleiner Junge schrie ihr ein Wort entgegen, was zwar ein wenig wie ihr Name klang, aber trotzdem völlig daneben war. Wer soll denn Parrua sein, hmm? Und Lennart begann das irgendwann auch öfter zu sagen. Ich hoffe, die Blicke von unten haben ihn mehr getroffen, als er sich anmerken lässt.

»Wenn’s um meine Gefühle geht, die ich ihm kommuniziere, scheint er des Öfteren immer noch die emotional tote Hauthülle ohne genügend Haare zu sein«, so Paula. »Wenn ich ihn dann aber zwicke, anspringe oder im Weg stehe, doof gucke oder einfach faul bin, weil mir alle Energie fehlt und mir kein Wasser gegeben wird, dann bin ich der Arsch. Ja Ehre ... wirklich. Ich saß übrigens bis spät abends zuhause, und wer kam nicht? Olle Mensch! Und als er dann eingetrudelt kam, machte er erst Krach am Tor, damit jemand kommt, um ihm vier Stunden nach Dunkelheit noch zu öffnen. Selber Schuld, wer so lange braucht. Was ich an diesem Körper ehrlich bewundere, sind die langen Beinchen. Köstlich! Er kletterte einfach über den Zaun, dabei hakten sich seine runden Zehen mit den flachen Krallen einfach in den Draht, und er wuchtete sich zur Innenseite. Ich machte meinen Job wie immer ausgezeichnet und begrüßte den neuen Freund der Nacht im Grundstück höflich, förmlich, vielleicht ein wenig distanziert – aber das ist eher Professionalität von meiner Seite. Er sagt meinen Namen, beugte sich, und ich roch einfach alles: das Krankenhaus und den Fakt, dass er sich seit dem letzten Essen nicht die Hände gewaschen hatte; die Sonne, die auf die Klamotten schien; die Vegetation auf seinem Weg; den Sitz des Minibusses und die sechs Personen, mit denen er den Abend verbrachte; den Alkohol, den sie tranken, seinen Atem, der keine Spur davon trug. Ich roch sogar die Müdigkeit, die aus ihm triefte, und er schien immer noch in Gedanken verloren, aber nun näher zu dem Punkt, den er anstrebte. Ich hörte Erleichterung aus seiner Stimme. Er ging direkt hinein, und ich blieb noch eine Weile beim Mangobaum sitzen. Später kam er nochmal raus, duschte hinten bei den Stinklöchern, aus denen ich nicht trinken kann, weil alles voll mit Menschenkot ist. Nicht dass ich etwas gegen Menschenkot einzuwenden hätte, aber die Proteine in der Kacke sind meistens pflanzlich und helfen mir so wenig wie der Ugali, der mir alle paar Tage mal übrig gelassen wird. Hätte ich genug im Magen, ich würde kotzen ...«

Lennart hingegen erlebte diesen Tag und den Abschluss anders. Die eineinhalb Stunden lange Fahrt zu der Familie des verstorbenen Kindes war sein Versuch, etwas Ruhe zu finden. Keine Chance. Stattdessen bewunderte er mit Begeisterung die Schönheit des Landes in der Nähe des Seeufers. Unübersehbar war da das große Wasser. Viel Landwirtschaft und kleine Häuser. Die Stadt wurde zurückgelassen, und in nur einer kleinen Distanz war das Leben ein völlig anderes. Seine Aufregu ... »Ne, Leute, wartet mal. Das ist doch so nix. Ich mach das einfach wie immer und erzähle von mir. Na schönen Tag auch. Du musst dich da ganz schön durchboxen, aber dafür darfst du ungefiltert miterleben, wie sich ein neuer Schreibstil ohne vorherige Übung neu bildet. Ich bin mir sicher, dass sich das in ein, zwei Tagen eingependelt hat und kaum noch aneckt. Halte durch. Ich fuhr mit dem Team von Kitongo House of Hope also nach Sengerema. Eine Stunde außerhalb von Mwanza. Wir überquerten die gigantische Brücke, die erst vor wenigen Jahren fertiggestellt wurde. Das Projekt wurde von Präsident Makufuli begonnen und nun von Samia beendet. Neben tausend Laternen auf dem ewig langen Teerstreifen über Wasser waren auch lückenlos Plakate von ihr aufgehängt. Hübsch ... Die Familie lebte außerhalb in einem Dorf, und dort angekommen, wurden wir von einer Gruppe alter Männer herzlich in Empfang genommen. Jedem schüttelte man die Hand, jeder Person drückte man tiefes Beileid aus. Wir wurden in einen kleinen Innenhof geführt, und es wurde über das Geschäft gesprochen. Statt 200.000 Schilling zusammenzubekommen, damit Bugando eine Person und ein Auto stellt, hatte das Team vom House of Hope übernommen, und der Spritpreis wird angefragt. Die Gastgeber, also die Familie des Kindes, welches an den Auswirkungen von Hydrozephalus sein Leben verlor und mit welchem ich zwei Wochen zusammenlebte, zieht sich kurz zurück, und sie bereden, ob und wie sie bezahlen. Alles läuft problemlos. Die vortragende Person zwischen all diesen alten Männern ist eine Frau in ihren Sechzigern von beeindruckender Größe, mit einer tollen Stimme, liebevollem Ton und endlosem Dank an uns alle für die Arbeit, die wir tätigen. Sie nennt mich beim Abschied einen Sohn, weil ihr eigener ebenfalls Lenadi heiße. Sie sprach zu mir auf Englisch, und ich antwortete auf ihre Fragen mit Suaheli. So hatten wir beide etwas vorzuzeigen. Die Heimfahrt war beinahe so lange wie die Hinfahrt. Wir machten Halt auf der langen Brücke und nahmen Gruppenbilder von uns.

Meine Truppe lachte viel und sprach laut und ungehalten im Bus. Die Fotos sind schöne Andenken an einen interessanten Abend, und als wir zurück in Mwanza waren, führte uns der Bus zu einem Ort, um gemeinsam Abendbrot zu bekommen. Meine Vorgesetzte bezahlte meine Portion Pommes, und ich sprach eine Weile mit dem Fahrer. Der Mann ist Christ, aber lässt sich seit 24 Jahren Dreadlocks wachsen, was viele vor mir auf eine falsche Fährte gelockt hatte. Rastafari und Christusanhänger haben es nicht so miteinander. Aber er meint nur, die Kultur der Rastafari zu bewundern und die Haare toll zu finden. Allerdings trinkt er keinen Alkohol, so wie ich, und er versucht, so wenig Zucker wie möglich zu sich zu nehmen. Ansonsten ist er ein normaler Dude: Frau und drei Kinder, Busfahrer für unsere zwei House of Hope in Mwanza. Warum ich barfuß laufe, versteht er nicht. Da hört unser Draht auf. Normalerweise ist das der Punkt, mit welchem ich mit echten Rastafaris auf gute Gesprächsthemen komme. Sie haben bereits tiefere Einblicke und ein größeres Verständnis als der grobe Rest auf der Straße, die mich Tag ein, Tag aus nach dem Grund meiner Barfüßigkeit fragen. Eines Tages schreibe ich meinen Artikel darüber, und dann weiß es die Welt.

Der Bus fährt uns beinahe nach Hause, ich klettere über den Zaun, weil mir niemand öffnet, knuffe Paula und quatsch sie kurz an, wundere mich, dass ihr Liebhaber nicht am Start ist, und lebe dann den Rest meines Abends einsam. Laute Musik meiner coolen Box dringt aus dem Zimmer meiner tansanischen Mitfreiwilligen, was der Grund dafür war, dass niemand mein verzweifeltes Pochen an dem Tor vernahm. Ich packe den Rest meiner Tasche, checke, ob meine Elektronik bereit und geladen ist, schließe dann mein Handy an, welches völlig leer war, und beginne, das hier zu schreiben. Es ist gerade halb eins, und ich hoffe, dass die späte Stunde und die fehlende Konzentration ein wenig für den Schreibstil einstehen und ihn verteidigen. Mal gucken, wie die Reise aus Worten morgen weitergeht, wenn es heißt:

Ein Monat ohne Geld, ohne Schuhe, mit Rucksack, Zelt und Paula, durch Nordtansania, um bei einer Hochzeit anzukommen und Paula ein neues Zuhause zu suchen. Au ja! Ich bin ehrlich soo so müde, und mein Ohr tut weh. Ansonsten geht’s mir herrlich gut, und ich bin super aufgeregt, was kommt. Mein nächstes Abenteuer klopft, und ich mache auf. Bist du bereit für das nächste Kapitel?