II. Was ist die Bildung einer Reise ohne Geld?
Satz mit X. Wo ist eigentlich Paula, wenn man mal so doof fragen darf? Tja, die Hündin sitzt bei meiner Freundin am M-Pesa-Stand und wartet vielleicht noch mit der Illusion auf mich, dass ich am Abend ganz normal wieder komme. Ich hätte echt nicht erwartet, dass das passieren würde. Nun kann ich mir ein paar Dinge sparen: bei Nacht große Angst haben, dass wir von einem Rudel überfallen werden; keine Mitfahrgelegenheiten bekommen, weil niemand den Hund möchte; meine Nahrung, die ich in diesem Monat durch helfende Hände finde, weil ich ja ohne Geld reise, mit Paula teilen zu müssen; kein Insektentaxi neben mir im Zelt; … – aber vor allem muss ich nun dieses Kapitel der Reise nicht mit der Erzählform von Paula teilen. Wenn du den Artikel von gestern verschlungen hast, dann weißt du ja, dass das vermutlich völlig in die Hose gegangen wäre. Es muss eine Lösung her und eine neue Perspektive, welche Werte ich durch mein Schreiben vermitteln kann. Ich suche eine neue Ausdrucksweise, und diese wird vermutlich selbst das Geschehen der Reise etwas in den Hintergrund rücken. Dass ich in neun Tagen in die Nachbarregion – ohne Geld, ohne Schuhe und ohne Begleitung – in Tansania reisen kann, daran zweifelt ja hoffentlich niemand mehr, nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit für sieben Wochen im gleichen Reisestil über 3.000 Kilometer ohne Geld und wieder barfuß zurücklegte. Das Reisen ist also nicht der Fokus, aber ich werde Beispiele aus dem Passierenden nehmen und sie exemplarisch einfließen lassen. Diesmal geht es aber noch direkter darum, diese Art des Erlebens zu erklären, ein paar Reisephilosophien über das Menschsein zu teilen und wie wir alle unser größtes Potenzial entdecken können, um dir dann klarer vorzustellen, was genau dein Rahmen wäre, um dein eigenes Abenteuer zu finden. Was man also noch nicht durch meine gesamte Weltreise in der Pilgrim's Journey zuvor verstehen konnte, mache ich hoffentlich in diesem Monat so klar wie noch nie zuvor.
Diese Art des Berichtens über Reiseerrungenschaften ist kein Prahlen und wirkt hoffentlich auch nicht so. Zwar ist es unwahrscheinlich cool, solche Dinge erleben zu können und meinen Pfad zu gehen, aber mir ist es sehr wichtig, dass man versteht, dass ich nicht einzigartig qualifiziert bin und nur etwas vorlebe, was für dich genauso möglich ist – zu jeder Zeit und Stück für Stück das riesige Potenzial dahinter zu entdecken, und das an jedem Ort mit allen Ressourcen, ob klein, ob groß. Aber wie könnte ich prahlen, wenn es doch genau so passiert ist? Ich möchte dich nur inspirieren und dich durch Worte an die Hand nehmen, während ich weiter auf dem Weg des Lebens ohne Geld schreite und durch das Menschsein überlebe und unfassbar reich erlebe! Das gehört dir und mir und jeder anderen Person unseres Umfeldes, unserer Welt. Sehe dich gerne in der Position, diese Schriften zu teilen, und wer weiß, wie lange es dauert, bis deine Freundesgruppe völlig entschlossen sagt: »Genau so machen wir das!« Und schwuppdiwupp landest du in deinem eigenen Abenteuer der Welt. So der Plan! Na dann, wir laufen los …
Erster Tag nach Simiyu:
Dieses Tagesgeschehen ist der Kontext – ein Kapitel über das, was auf der Reise passiert. Gleichzeitig habe ich aber ein Inhaltsverzeichnis mit Bildungsaspekten, welche ich jeden Tag in das Geschriebene einfließen lasse und erkläre. So vereint sich der Content meines Überlebens auf Barfußreise in Tansania ohne Geld mit dem Wissen, welches dich befähigt, freier und echter und größer und reicher als je zuvor zu erleben. Das Thema Eins für heute befasst sich mit der nötigen Ausrüstung, und der Titel des Inhaltes ist folgender:
Alles in einem – dein Besitz und deine Lebensgrundlage in einer Tasche: die Essenz im Rucksack. Umso weniger, umso leichter, umso menschlicher!
Wow, das fetzt, oder? Das macht ganz doll neugierig auf mehr, nicht wahr? Es ist, als würde einem eine Pralinenschachtel in die Hand gedrückt werden und man wäre nun ganz aufgeregt zu erfahren, was sich denn in der Schachtel befindet … ich hoffe, das Konzept hinter meiner Idee so zu verscherbeln, dass man es schmerzfrei verdauen kann – ob als Person mit großem Interesse an geldlosem Reisen barfuß durch Ostafrika, oder als Otto Normalverbraucher, oder als Greis mit Sehschwäche im Rollstuhl. Content für alle, für Jung und Alt. Wie Gummibärchen! Was wäre ein Leben ohne?
Der Tag begann mit der Stimme meiner tansanischen Mitfreiwilligen. Wir schreiben Tag fünf meines Urlaubs, und heute werde ich statt regulärer Arbeit einfach loslaufen und so tun, als wären es nun wirklich endlich Ferien. Davor finde ich mich allerdings bei meiner Mitbewohnerin ein, und es geht um alles, was das Fundraising der letzten Woche betrifft. Nun weiß meine Organisation natürlich, dass ich mit deiner Hilfe einen Haufen Geld angeschleppt habe, welcher Mama Joas und Joas aus dem Krankenhaus und der Unsumme der Rechnung rettete. Die beiden chillen gerade im Mangobaumschatten, und einer von beiden saugt an der mütterlichen Brust. Es geht bei unserem Gespräch darum, was mit dem restlichen Geld passiert, und ich erkläre es ihr ganz ausführlich. Wir sammelten das Geld unter dem Decknamen Joas. Menschen, die spendeten, machten das, um Joas aus dem Krankenhaus zu retten und ihm und seiner Mutter eine Chance zu schenken. Ich erkläre, P Punkt [Anmerkung: Vermutlich ein Spitzname? Gemeint ist die Mitfreiwillige], meine verzwickte Position, in welcher ich nun immer noch viele ungenutzte Spendenanteile habe, aber jene nicht ausgeben möchte, bis ich Mama Joas bei ihr zuhause besucht habe. Dort werde ich sichergehen können, dass die Spende in guten Händen ist und ihre Geschichte wahr. Das mache ich für meine eigene Sicherheit, aber auch für alle Unterstützenden und für dich! Dass ich das Geld nicht für andere Kinder ausgeben kann, die in genau solchen Positionen wie Joas sind – manchmal mit noch größerer Not, manchmal noch auswegloser –, das ist dir genauso klar wie mir. Ich würde mit deinem Geld einfach das anstellen, was ich als besten Weg ansehe, und damit eine tiefe Narbe in das Vertrauen unseres Kreises aus Helfenden schneiden. Damit wäre unser erster Versuch, ein Kinderleben und das der Familie zu retten, automatisch auch der letzte. Nun liegt es an mir, den Weg hin zur Zukunft zu schreiben, und ich schreibe diese Zeilen sowohl für dich als auch für mich. Es gibt diesen Weg, und er sieht ungefähr so aus: mittelgroß, dunkles Haar bis über die Ohren, gerade Nase und schmale Augen, olivgrüne … ok. Ehm, der Weg ist noch nicht ganz fertig durchdacht, aber hier schon mal, wie weit ich bisher kam.
Ich werde die kommenden Fälle in unseren Kreis aufnehmen und sie unserer Community vorstellen, damit auch jene Kinder eine Chance haben, durch unsere Unterstützung zurück ins Leben und in die Hoffnung zu rücken. Es wird ein Aspekt unserer Gen.ZM Community, welche dann im Herzen dieses erste Projekt trägt. Später auf dem Weg wird sich dieser Rahmen weiten können. Ich möchte also eine langfristige Verbindung zwischen Gen.ZM und dem House of Hope erzielen und diesem Ort, seinen Menschen und vor allem dem großen Streben dahinter zur Seite stehen. Alles im Rahmen unseres Potenzials, aber ich durfte für mich bereits entdecken, dass es sich bei diesem Streben um etwas pur Gutes handelt, und ich werde diese Nachricht in diesem Rahmen weitertragen. Genau. Und weil du eben dabei bist und Teil sein kannst, möchte ich uns die Möglichkeit geben, den Menschen hier unter die Arme zu greifen und Leben zu retten. Meine Aufgabe in diesem Moment ist es also, eine flüssige Überleitung von dem ersten Spendenaufruf in unsere Zukunft zu erschaffen und wirklich verständlich zu machen, wieso was passiert. Dem nächsten Kind werde ich erst Geld zukommen lassen, wenn ich beginne, mit dem nächsten Aufruf Spenden zu sammeln. Obwohl ich bereits das restliche Geld von Joas hätte, welches ich erst in der Zukunft nutzen werde. Ich hoffe, dass es für dich als lesende Person verständlich ist, aber genau hier wäre dein Feedback sehr gefragt, und ich bitte dich, mit jeglichem Bedenken und mit jeder Kritik an mich heranzutreten. Nutze unsere E-Mail gen-zm@outlool.com oder kontaktiere mich über Instagram und werde Teil unserer Social-Media-Gemeinschaft unter dem Namen @gen.zm. Der Blogeintrag selbst hat auch eine Kommentarsektion, falls du sie entdeckst...
Als das Gespräch mit P Punkt, meiner lieben Mitfreiwilligen aus Shinyanga, vorbei war und sie sich bereit erklärte, während meiner Abwesenheit Geschichten der Mütter zu sammeln und mir außerdem Bilder zukommen zu lassen, widmete ich mich den letzten Fetzen an Dingen, die meinem Rucksack noch fehlten. Dieser stand auf dem Lattenrost meines großen Bettes, welches ich als Abstellplatz benutzte und unter welchem meine Klamotten und Bücherstapel ruhten. Tolles Bett, ehrlich. Ich nahm meine zwei Tücher vom Boden. Auf dem grün-gelben hatte ich geschlafen, und mit dem schwarz-violetten hatte ich mich zugedeckt. Mein Pullover – ebenfalls schwarz-violett – diente mir als Kopfkissen. Nun kam alles in meinen Rucksack. Das zweite Tuch benutzte ich, gut gefaltet, als innen liegendes Rückenpolster, weil ein solches Element meinem 30-Euro-Amazon-Rucksack fremd ist; und mein Zelt wurde in dem grünen Stoff eingerollt und oben unter den Deckel des Rucksacks geklemmt. Ich entschloss mich, meine Birkenstock außen anzuklemmen, welche mir damals in Monaco vom Sohn meiner Gastgeberin vermacht wurden. Diese werden mir beim Laufen keine Hilfe sein, aber ich stellte mir das romantischer vor, wenn ich in irgendwelchen Toiletten einkehren würde und mir zumindest dort einmal Schuhe anlegen könnte. Dieser Plan würde mehr oder weniger so aufgehen. Außen am Rucksack waren mehrere Tücher angebracht. Tücher habe ich beinahe so viele dabei wie Kleidungsstücke anderer Art, und parteiischer sind sie allenfalls. Selbst mein geliebter Poncho ist schlussendlich nur ein großes Stück Stoff aus mexikanischem Etwas und eingenähtem farbigen Faden, zusätzlich ein Loch in der Mitte und eine hübsche, weite Kapuze. Poncho halt. Mein Rucksack hat zwei kleine Seitentaschen: eine ist vollgestopft mit hübschen Unterhosen und einer Powerbank, die andere ist eingeplant für ein bisschen Proviant und ein Erste-Hilfe-Set, welches eine Salbe für mein Knie beinhaltet, die ich an möglichen schlechten Tagen massieren würde. In derselben Tasche schimmeln ein paar winzige Stofffetzen, die mein Repertoire bilden, wenn es wieder heißt: Oh oh, die Leinenhose ist an ganz unpassenden Stellen gerissen, und ich muss einen Weg finden, diesen kleinen bunten Stoff zu einem Teil meiner Hose zu machen. Standard. Diese Leinenhose war, als ich sie in Kanada erworben hatte, noch sehr, sehr weiß. Eine tolle Hose, und sie wird scheinbar nur immer besser. Mit jedem neuen Riss ein wenig mehr Farbe. Gerade habe ich zwei Löcher: eines am rechten unteren Rand beim Schienbein und ein anderes, größeres innerhalb meiner rechten Hosentasche, welches gerade dafür sorgt, dass mein Handy in der linken Tasche verweilen muss. Ansonsten ist es weg. Meine restliche Kleidung sind drei T-Shirts, keine Socken, eine kurze Badehose, welche mir letztens von einer Maus übel zerfressen wurde. Vorgestern hatte meine Schneiderin des Vertrauens, Mama Sai, das Unheil wundersam behoben. Mein Pullover kommt oben drauf, und meine schwarze Regenjacke, die mir meine Mama für Norwegen geschenkt hatte – mein erstes Rucksackabenteuer im März letzten Jahres, bei Minusgraden durch Nächte im Zelt, von Reichen in Oslo zu buddhistischen Mönchen auf dem Pulpit Rock –, genau diese hübsche Regenjacke kommt nicht mit, weil der Platz nicht reicht. Schließlich muss mein kleinerer schwarzer Rucksack noch ins Hauptfach, und in jenem ist meine Plastikflasche und meine geschenkte Avocado eines Freundes, die noch unreif ist. Und dann ist da noch die unglaublich tolle Sony-Kamera, die meiner liebsten Loana gehört und welche sie mir erlaubte mitzunehmen. Das Ding ist ziemlich groß, schwer und nimmt ein Drittel des Rucksacks ein. Ich passe auf, dass mein Ladeequipment vollständig ist, nutze die letzten Sekunden aus, um dann meinen Laptop ins Fach des kleinen Rucksacks sinken zu lassen, hole mein Notizbuch und mein aktuelles Büchlein voller Geschichtskunst aus dem 20. Jahrhundert – und das war dann so ziemlich alles. Ich machte die Leine von Paula am Rucksack fest, aber was aus Paula werden würde, erfahren wir in Kürze.
Jetzt möchte ich hier kurz den Part integrieren, welcher dir helfen soll zu wissen, was es – abgestimmt auf deine bisherigen Reisefähigkeiten – alles benötigen würde, um dein eigenes Erlebnis zu finden. Wie müsstest du deine Tasche packen, um gut durch die Welt zu kommen? Behalte im Kopf: Das absolute Ziel des Reisens ist es, keinen Rucksack mehr zu brauchen, sondern nach dem Konzept des Wanderstocks und dem kleinen Tuch am Stockende durch die Gegend zu ziehen. Das ist die absolute Freiheit einer wandernden Person auf dieser Welt. Der Rucksack macht das alles etwas schwieriger. Wir starten also mit viel und versuchen, immer weniger tragen zu müssen. Um das zu erreichen, brauchen wir Bildung. Jene steht auf keiner Schultafel, sondern versteckt auf kleinen, noch ziemlich unbekannten Blogs, aber man findet diese Bildung vor allem aus eigenen Erfahrungen. Von jenen berichte ich hier in überbordendem Ausmaß, und mein Ziel ist es ausschließlich, dir genug Input zu geben, damit du dich bereit fühlst, deinen eigenen Weg zu starten. Na dann.
Stell dir immer wieder dieses folgende Konzept vor: Du lebst dein Leben in dem Raum deines Komforts – deinem Zuhause, deiner Familie und Freunden, deinem Alltag und allem, was gerade dein Leben ausmacht. Das ist deine Basis. Nun versuche dir auszumalen, was passieren würde, wenn du einmal kurz die Augen schließt und sie wieder öffnest, sich dein komplettes Umfeld aber völlig verändert hätte? Stell dir vor, du wärst in diesem kurzen Augenblick Teil einer Teleportation, eines Ortswechsels geworden und stündest nun am Rande eines Waldes mit Baumarten und Vogelgeschrei, wie du es noch nie vernommen hast. Das Land ist weit und leicht gewellt, und überall siehst du vereinzelt Häuser stehen, lang gezogene Äcker und eine warme, etwas schwüle Luft. Was du nicht weißt, ist, dass du in Asien stehst, circa 8.500 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt … sagen wir, du stehst im Bruchteil einer Sekunde in dem wunderschönen Laos. Irgendwo in Asien. Klar würde man im Falle dessen erst einmal einen halben Infarkt erleiden und sich vielleicht in die Embryonalstellung in Bodennähe begeben, aber sobald der Atem zurückkehrt und einen die Insekten im halblangen Gras beginnen zu nerven, sitzt man wieder und beguckt sich die Gegend … ok, sind wir beisammen? Meinen Ansatz verstehst du soweit? Wir wollen uns im Geiste an einen völlig fremden Ort begeben, mit rein gar nichts in unseren Taschen, sehr, sehr fern von zuhause in absoluter Unwissenheit. Das ist der absolut beste Ausgangspunkt für jedes richtige Abenteuer, und es bleibt wohl lange unser Versuch, etwas Derartiges nachzustellen. Genug vom Schwärmen, wir sind schließlich in einem fremden Land ohne irgendetwas. Du wirst dich nun damit beschäftigen dürfen, was es braucht, um zu überleben. Deine Tasche füllt sich in deinen Gedanken, immer wenn dir etwas einfällt, was du wirklich, wirklich gerne dabei hättest. Du musst dir nur merken, dass du auch so überlebst, denn … fangen wir damit an, was wir überhaupt brauchen, um von einem Tag in den nächsten zu kommen. Na? Essen, Trinken und Netflix? Gar nicht mal so fern vom Schuss. Allerdings kann der menschliche Körper auch bis zu drei Wochen ohne Nahrung überleben. Ich für meinen Teil hatte im Frühjahr 2025 für 461 Stunden nichts gegessen, und während dieser Episode, dieser 19 Tage, wohl die kreativste, produktivste und lebenserneuerndste Phase meines Daseins durchlebt. Das ist keine Empfehlung, sondern ein nebensächlicher Fakt. Ich meine nur: Wir können eine ganze Weile auch einfach nichts tun und würden trotzdem durchkommen. Nur irgendwann werden wir aufstehen und beginnen, etwas zu tun. Und das ist der Moment größter Schönheit. Jener, in welchem man aufsteht und geht. Das ist der entscheidende und alles verändernde Moment in jeder Reise und in jedem Leben. Der Moment erster Handlung. In unserem Beispiel wird das genau zu einer Sache führen … egal wie lange es dauern wird, ab irgendeinem Punkt wird eine Person Teil des Geschehens werden. Dein Weg steuert unvermeidlich darauf hin. Was es mit Personen auf unserer Reise auf sich hat, lernen wir allerdings in einem anderen Kapitel, denn jetzt gerade versuchen wir nur herauszufinden, was in unserer nicht vorhandenen Tasche sein müsste, um die Phasen zu überbrücken, in welchen wir keine menschliche Hand zur Hilfe ergreifen können und selbst überleben müssten. Was käme alles in deine Tasche? Was braucht es für dich, um von einem Tag zum nächsten zu kommen? Ohne was kannst du nicht leben? Die Liste wird keine lange sein.
Als ich den Müttern am Dienstagmorgen auf Wiedersehen sagte, war es schließlich so weit. Paula und ich traten durch unser schwarzes Quietschtor und begannen den Weg runter zur Nyegezi Kona Bushaltestelle, wie an jedem anderen Morgen, wenn ich zum Krankenhaus reisen würde. Dieser Aspekt der Reise führte mich also vorbei an all jenen Menschen, denen ich sonst auch dreimal morgens und dreimal abends über den Weg laufe. Nach neun Monaten kennt man sich ausreichend – was völlig untertrieben ist. Bei jeder Person schaute ich kurz vorbei, hörte mir Neuigkeiten an und gab meine eigenen bekannt, erklärte dann meine Reise und deutete auf meine vierbeinige Reisebegleitung. Größtenteils waren nur Frauen und Kinder zuhause. Eine kurze Etappe war ein von Heu bedeckter Boden, dem ich nicht ganz vertraute wegen möglicher Dornen und Schlangen unter sich, aber für meine Füße würde das auf lange Sicht das Angenehmste heute gewesen sein. Wie im Traum flog ein kleiner edelsteinblauer Schmetterling mit schwarzen Sprenkelmustern um meine Beine und um Paula, und der Kontrast zwischen goldenem Heuboden und den leuchtenden Farben des Schmetterlings war himmlisch. Ein paar Kinder aus der Nachbarschaft grüßten mich mit Namen, und alle bekamen eine Faust, und meistens grölen sie dann Paula hinterher, die das inzwischen gut aushalten kann. Manchmal rennt sie noch einem Kind hinterher, um es zu ärgern, und das Grölen verwandelt sich dann schnell in Kreischen. Paula scheint trotz ihrer ziemlich unbeweglichen Lippen dabei zu grinsen. Einem Kind etwas getan hat sie noch nie. Sie beißt nicht, springt Kinder auch nicht an und ist generell eigentlich ein viel zu lieber Hund für eine Gegend, in der Hunde keineswegs einen hohen Stellenwert besitzen. Außer bei manchen Kindern, meinem Nachbarn und meiner Freundin und ihrer Familie unten bei Kona. Bei einem Freund des Weges hatte ich Glück, und er war ebenfalls vor Ort. Für Paula konnte ich Wasser aus dem Hahn laufen lassen, und sie schlürfte es aus meiner geformten Handfläche, aber großartig durstig war sie nicht. Immer wenn ich in ein neues Gespräch kam, legte sie sich nach kurzer Zeit. Ihr sichtbarer, schwangerer Bauch schien ihr einiges an Energie zu nehmen, und vermutlich kommt alles zum Besten, wenn sie sich kurz danach gegen eine gemeinsame Reise entscheidet. Ich hoffe, bei den kommenden Geburten vor Ort zu sein. Das wäre sehr schön. Mein Freund namens Julius und ich schreiten auf einem schmalen Pfad durch die Felder, die sein Vater noch von Zeit zu Zeit bearbeitete, welche nun aber wegen der Trockenzeit so langsam in das Endstadium der Saison geraten.

Unten bei Kona wartet die Crew aus Motorradfahrern auf ihren Einsatz, und inzwischen kenne ich Faisal, Erick, Alex und Korogo wie gute Freunde. Korogo steht auf meiner kurzen Liste von männlichen Lieblingsnamen. Auch ihnen erzähle ich mein Vorhaben, und wie schon der Rest meiner Nachbarschaft bekomme ich auch hier ein sorgenvolles Kopfschütteln, und jede kommende Idee kann ich mit einem zusätzlichen Aspekt meines Reisevorhabens abwehren. Ob mir das wirklich jemand glaubt, weiß ich nicht, aber mindestens Faisal kennt meine Geschichte, und er wird das vermutlich alles bestätigen können, wenn Zweifel ausgesprochen werden. Paula hatte ich bereits dorthin entfernt, von wo aus ich sie nicht mehr versetzen könnte: zu der lieben Anetth in den Schatten des Ladens, welcher Geld an die Telefone seiner Kunden sendet. Anetth ist eine sehr nette Frau mit angeflochtenen Dreadlocks, hübschen Augen, drei super süßen Kindern, die Paula lieben, einer kranken Mutter, einer vernarbten Brandwunde am rechten oberen Arm und dem großen Wunsch, entweder ein eigenes Geschäft zu starten oder mit mir nach Deutschland zu reisen. Sie ist wohl die Tausendste, die diesen Wunsch mir gegenüber äußerte. Wie klein die Aussichten darauf sind, erspare ich ihr im Detail. Wir sind gute Freunde, sie nennt mich ihren Bestie, und ich finde ihre Familie genauso toll und bin – wie Paula – immer herzlich willkommen. Nur das Fernsehprogramm macht mich bei ihr zuhause nicht wirklich an: ein predigender Apostel vor Tausenden von Menschen live übertragen. Naja. Anetth kennt mich nur als Lenadi, war schon bei uns zuhause und kennt damit meine Arbeit hier. Falls ich ihr mal von meinen sieben Wochen erzählt habe, dann hat sie das auf jeden Fall verdrängt und nicht geglaubt. Als ich ihr von meinem Vorhaben heute erzähle und unter der Last der circa 23 Kilo auf dem Rücken barfuß etwas in den Sand einsinke, versteht sie, dass ich es ernst meine, und unternimmt einen Schritt, der meine Reise stark beeinflussen wird. Sie beansprucht Paula für sich, die gemütlich zu ihren Füßen liegt. Ich dachte wirklich, sie würde Spaß machen und schon damit aufhören, wenn ich aufbreche. Dazu kam es nicht. Als ich gehe und Paula rufe, steht sie zwar auf, guckt mich an, hört dann Anetths Stimme neben ihr und setzt sich wieder mit den Augen auf mich. Ich bin ziemlich traurig über diesen Reiseverlust, weil ich mir sicher war, dass diese Distanz zusammen mit dem Hund etwas ganz Wunderbares werden würde. Wir hatten bisher schon Wochenendausflüge gemacht, aber damals nur für wenige Tage, und sie war zu der Zeit nicht schwanger. Vielleicht wäre das alles schiefgelaufen, und ich hoffe nun, dass Anetth sich meinem Hund voll annimmt und sie Teil ihres Zuhauses und ihrer Familie macht. Das wünsche ich Paula von Herzen. Vielleicht läuft sie eines Tages einer neuen Freiwilligenperson des House of Hope über den Weg. Und vielleicht denke ich dann an meine Paula, egal wo ich gerade in der Welt unterwegs bin. Ach, Paulchen …
Julius ist noch neben mir und hat dem Schauspiel zugeschaut. Ihm geht’s, glaube ich, ziemlich gut. Wir saßen vor kurzem länger zusammen, haben Zuckerrohr geteilt und seine Hühner angeschaut und dabei ein paar neue Sachen voneinander gelernt. Zwei Hühnerliebhaber, die sich da gefunden haben. Sein geschäftlicher Traum ist es, eine Maschine zu kaufen, die Sonnenblumenkerne zu Kochöl pressen kann, um die hohe Nachfrage zu decken und ein Inlandsprodukt anzubieten. Das ist preislich ziemlich ambitioniert, aber wir überlegen schon seit Langem, wie er mit Menschen interagieren könnte, um die nötigen Verbindungen herzustellen. Er meint, viel von seinem Pfarrer durch die Bibel zu lernen, aber er scheint auch einiges an Wert aus meinen Tipps zu ziehen, die von der geschäftlichen Seite eher gar keinen Plan haben, aber die Menschen ganz gut verstanden haben. Er läuft mit mir und bekommt meine erste Straßeninteraktion mit zwei älteren Damen mit, die mir versuchen, einen riesigen, frischen Fisch zu verkaufen. Eine kurze Weile später bietet er mir an, ein kleines Wasser zu kaufen, um dann zurückzukehren und mich meinem eigenen Schicksal zu überlassen. Das ist der große Moment der Reise. Der Moment, in welchem man das letzte Bekannte loslässt und wieder allein ist. Ich bin gespannt, als ich ihm hinterhertrotte, dankbar die Flasche annehme und ihn zum Abschied umarme. Zurück am Straßenrand bin ich nun allein. Schwarze Steine liegen im Sand des Straßenrandes. Es ist die viel befahrene Hauptstraße, die in die Stadt führt, und ich bin bereit, eine lange Weile nur zu spazieren …