Mein kleines Abenteuer begann mit dem Vorhaben, eine Freundin zu besuchen – meine ehemalige Deutschschülerin – und an ihrer Hochzeit mit einem Deutschen in der Nachbarregion teilzunehmen. Die ersten Schritte waren getan. Meine Bushaltestelle und meine Nachbarschaft lagen bereits hinter mir, doch Paula hatte andere Pläne. Dabei kannte sie meine doch noch gar nicht … Ich wollte doch nur innerhalb von zehn Tagen mit meiner trächtigen Hündin gut 100 Kilometer zurücklegen, ohne Geld und ohne Schuhe unterwegs sein und eine angenehme Zeit haben. Nun versteh mich nicht falsch. Paula roch, dass etwas faul sein musste, und zog Sicherheit, Komfort und eine höhere Lebensqualität vor – anstatt sich mein Essen mit mir teilen zu müssen, neben mir in einem engen Zelt zu schlafen und sich tagtäglich die hübschen braun-weißen Pfoten in Becken und Schultern zu treiben. An ihrer Entscheidung ist nichts auszusetzen. An meinem Ansatz zu reisen, kann man allerdings eine Menge Haken finden.

Doch ich hatte entweder großes Glück oder eine positive Karmabillanz. Ich lief gerade einmal zwei Minuten am Straßenrand der Hauptstraße entlang, vier Kilometer außerhalb der zweitgrößten Stadt Tansanias, in deren Randgebiet ich nun über sieben Monate insgesamt gelebt hatte. Das House of Hope hast du hoffentlich bereits kennengelernt … Zwei Minuten waren es, da rief mich ein Rasta mit begeisterten Augen vom Straßenrand und seinem Geschäft dort zu mir und machte mich zu einem Teil seiner Gemeinschaft, indem er mich ebenfalls »Rasta« nannte. Ich grinste so breit wie selten, zog meine Poncho-Kapuze vom Kopf und entblößte meine gehäkelte Mütze in den Farben der äthiopischen Flagge. Er selbst trug eine weite, rot-schwarze Mütze, unter der sein ganzes Haar gesammelt war. Er lud mich in sein Geschäft ein, stellte mir seine Crew aus drei weiteren Männern vor und deutete auf den Stoff, mit dem sie arbeiteten – daraus fertigten sie Produkte wie Zelte, Rucksäcke oder Sitzbezüge für Safari-Unternehmen in der Serengeti. Ich bewunderte alles, schaute mir die KI-generierten Fotos auf seinem Handy an, die das Endprodukt an wunderschönen Orten zeigten, und betrachtete die dicken Nähmaschinen mit einem kleinen Motor an der Tischunterseite, einer sehr dicken Nadel und einer Konstruktion, die auf ordentlich Kraft hindeutete. Ein Junge kam vorbei und verkaufte ihnen handflächengroße, frittierte Teigdreiecke mit Kartoffelbrei und etwas Fleisch darin. Mir wurde eines davon gereicht, und ich bedankte mich aufrichtig.

Mein Rucksack sackte auf einen Stuhl in dem offenen Raum, in dem zwei Nähmaschinen und ein kleines Klappbett mit leicht beschädigter Matratze standen. Ich erzählte kurz meine Geschichte und von der Arbeit, die ich zuvor gemacht hatte – hier ganz in der Nähe, nur den Hügel hinauf. Man lauschte mir, und eine weitere Person trat ein. Ein großer, breit gebauter Mann, ganz in Schwarz gekleidet, mit dicker silberner Kette und einem amerikanischen Rapper auf dem T-Shirt – dessen Namen den Beschreibungsrahmen sprengen würde –, schaute mich an. Wir schlugen ein, und meine Erzählung, die den anderen gegolten hatte, bezog nun auch ihn ein. Er stellte adäquate Fragen. Es stellte sich heraus, dass die Naturschändung im Hintergrund sein Werk war. Auf der anderen Straßenseite wurde gerade ein riesiger Hügel aus den runden, legendären Steinen Mwanzas abgetragen. Ich erinnere mich gut an diesen Hügel, weil Loana und ich einmal versucht hatten, auf ihn zu klettern. Dabei berührte Loana eine Pflanze, und ein Ausschlag breitete sich rasch und intensiv auf ihrer Haut aus – was uns zur Umkehr zwang. Kurz danach wurde Paula, unsere Begleitung für den Tag, von einem dreirädrigen Bajaji angefahren. Damals war der Hügel noch ganz. Nun rückte man ihm zu Leibe, um ein Warehouse zu bauen, und vor mir stand die Person, die von diesem Vorhaben am meisten profitierte. Ich lächelte. Kurz darauf wurde ich eingeladen, falls ich jemals wieder hier sein sollte, gemeinsam mit ihm eine Ziege zu schlachten und den Abend bei langen Gesprächen, Getränken und – mit einem Blick zum Rasta namens Antoni – »Gras zu essen« zu verbringen. Übersetzt sagte er das so. Ich bedankte mich, bekam die Nummer von Lyimo und dann die Nachricht vom Rasta, dass er nun losfahren würde. Sein Ziel liege genau in meine Richtung, und ich könne ruhig bei ihm auf dem Motorrad mitfahren. Er holte von der Bushaltestelle neuen Stoff für das Geschäft ab, und weil bisher nur zwei Männer auf dem Bodasaßen, lud er mich ein, der Dritte zu sein. In diesem Moment war ich der höheren Instanz für das Walten der Dinge sehr dankbar, denn das bedeutete, dass ich die gesamte Innenstadt – diesen mir schon lange bekannten Ort – hinter mir lassen und den Rest des Weges über kleine, schöne Ortschaften zurücklegen konnte.

So weit war ich zuvor noch nie auf einem Motorrad gefahren – könnte ich mir auch niemals leisten. Ich redete viel mit den beiden, und der Rasta erzählte mir, dass er aus einem kleinen Dorf in der Serengeti stamme und nun dieses Geschäft in Mwanza etabliert habe, das ihm erlaube, mit dem Tourismus der Serengeti Geschäfte zu machen und seine Familie im Dorf reichlich zu versorgen. Ich freute mich sehr für ihn. Sie erzählten mir ein wenig von der Schönheit der Serengeti, von den Herdenbewegungen im Juli und September, wenn alle Tiere wegen der Trockenheit nach Musoma ziehen – einer anderen Hafenstadt am Victoria-See, etwas nördlicher gelegen. Der zweite Mann kam genau aus dieser Stadt und berichtete, wie es sei, wenn Unmengen von Wildtieren vor einem die Straße überqueren – es klang atemberaubend. Wir redeten auf Suaheli, auch über die stetig steigenden Spritpreise und darüber, wie Länder unter Amerikas Handeln in anderen Teilen der Welt leiden. Ich erzählte ihnen, wie amerikanisierte Propaganda in Deutschland tatsächlich dafür gesorgt hatte, dass ich aufwuchs und dachte, der Ami sei der Gute in der ganzen Sache. Den Rest des Gesprächs kann ich online nicht publizieren – sonst würde ich mein Leben unnötig kurz machen.

Sie setzten mich an der riesigen Bushaltestelle von Nyamongoro ab, die unter dem letzten Präsidenten Makufuli erbaut wurde – einem Mann, der weithin als Held und Infrastruktur-Revolutionär gilt, bis er vergiftet wurde und … ach, Leute, ich verrenne mich hier. Augen auf das, was weniger Bedeutung trägt! Ich lief zu einem Haus von Freunden, um sie zu begrüßen und bald wiederzusehen. Es ist das Haus des Onkels der Person, die bald heiraten wird, und auch seine Familie hatte mich herzlich in ihre Reihen aufgenommen. Seine zwei Kinder sind zwei- und dreisprachig; beide sprechen perfekt Englisch, seine neunjährige Tochter spricht Kisukuma und lernt – wie ihre 22-jährige Tante – schon ein wenig Deutsch. Hier war ein letzter Stopp des Vertrauens eingeplant, und zu meinem wundervollen Glück waren die Kinder zu Hause, weil sie Ferien hatten. Die angestellte Haushilfe grüßte mich schon von weitem mit ihrem Kleinkind Ivan auf dem Rücken, das sich vor mir und meiner Größe fürchtete. Drinnen saß sogar ein guter Freund der Familie, mit dem ich beim letzten Mal, als ich hier war, bis tief in die Nacht gesprochen hatte. Er kannte mich, und ich kannte ihn. Er versuchte, als Daytrader sein Leben zu bestreiten, investierte seine gesamte Zeit in die Praxis mit Paper-Accounts und war auf die Hoffnung angewiesen, eines Tages einen Investor zu finden. Wir hatten viel über seine Lage gesprochen und reflektiert, aber es ist unglaublich schwer, jemanden auf die Spur zu führen, sodass er Schritt für Schritt begreift, welches Potenzial er im Reisen finden könnte. Da er das Konzept kaum kannte und nicht wusste, wie er innerhalb dieses Rahmens an Leute kommen sollte, hatten wir in jener nächtlichen Unterhaltung nicht die Einsichten erreicht, auf die ich gehofft hatte. Aber ich würde ihn gerne einmal zu einem gemeinsamen Abenteuer einladen und ihm die Welt zeigen, die ihm als Freelancer und Laptop-Arbeiter offenstünde – diese Freiheit, sich selbst aussuchen zu können, wo man lebt, und die Weisheit, wie man Menschen für sein eigenes Unterfangen begeistert. Ich schätze diesen großen jungen Mann mit seinem Finanzstudium in der Tasche als vollkommen fähig dafür ein – aber erkläre das mal jemandem so, dass er danach aufspringt und sagt: »Au ja, genau so mache ich es.« Für mich ist es leicht, alle seine Lösungen in meinem eigenen Weg wiederzuentdecken, aber die Lage ist verzwickt. Er servierte mir, während ich mir kostenlos eine Stunde über Aktienkurse und Spekulationen anhörte, zwei Teller voll mit köstlich scharfen, gekochten Kartoffeln. Ich bekam Wasser, und später ruhten wir uns alle gemeinsam aus – auch die Kinder. Wir lagen verteilt im Haus, entweder auf Sofas oder – wie ich – auf meinem Poncho auf dem kühlen, wunderschönen Fliesenboden, der die hohen Räume und ihre völlig neue Einrichtung edel schmückte. Die großen Fenster standen offen, ihre Gitter schützend im Rahmen, während melodische Vogelklänge von den Wänden hallten und den hellen Wohnraum fröhlich erfüllten. Der kurze Schlaf war unglaublich angenehm.

Als ich zu mir kam, sah ich meinen kleinen Freund John am Tisch sitzen, wie er verträumt einen goldenen Löffel in den Händen drehte. Ich setzte mich ihm gegenüber, und er begann, mir offen von Dingen zu erzählen, die sein siebenjähriges Leben gerade stark bewegten. Es ging viel um einen Hund aus der Nachbarschaft und um ein rotes Auge, das durch das Tragen einer Brille mit leichter Sehstärke gekommen war. Ich spielte dabei mit der zweiten Brille auf dem Tisch – einer coolen Sonnenbrille –, setzte sie auf, machte kleine Faxen und hörte ihm dann wieder aufrichtig zu. Ich fragte, ob das nächtliche Kratzen noch einmal wiedergekommen sei, von dem er mir vor zwei Wochen berichtet hatte. Damals war der Hund, um den es ging, in der Nacht an die Tür gekommen und hatte voller Angst daran gekratzt. Er spielte mir seine nächtliche Reaktion noch einmal genauso vor wie schon vor zwei Wochen, und ich schmunzelte, um dann schnell wieder ernst und mitfühlend zu nicken. Er hatte große Angst gehabt und die ganze Nacht nicht mehr schlafen können. Als er mir das vor zwei Wochen erzählt hatte, berichtete ich ihm danach von einer Zeltnacht auf meiner ersten Reise, als ich nach einer Verlobungsfeier in der Nähe des Kilimandscharo abends ein ausgetrocknetes Flussbett fand und mein Lager aufschlug. Um drei Uhr morgens begann ein Knurren direkt neben meinem Zelt – etwas, das mich noch lange verfolgen sollte und mir damals allen Schlaf raubte und mich zum zweiten Mal in meinem Leben mit echter Todesangst konfrontierte. Hier ist der Link zu jenem Artikel!

Dieses Mal hörte ich John einfach nur weiter zu, wie er von jenem Hund mit gelbem Fell berichtete, der in der Nacht einmal zu ihm geschaut und grüne Augen bekommen hatte – diesen Effekt nannte er Nachtsicht. In seinem Redefluss fühlte er sich immer wohler, und ich bemerkte den hübschen Punkt, an dem seine Erzählung langsam zu Ende ging und seine Fantasie ihm zu Hilfe kam, um weiterzuerzählen. So saß dieser Hund also einmal vor der Tür, und John berichtete mir, wie er dem Hund wie ein Soldat salutierte und seine Schuhe aneinander schlug, als er sah, dass der Hund ebenfalls seine Pfote an die Stirn hob und ihm auf dieselbe Weise zurückgrüßte. Er erzählte mir dann noch ein paar weitere Dinge in diesem soldatischen Rahmen; offenbar hatte sein hart auf die Probe gestellter YouTube-Algorithmus etwas Neues in den Mix geworfen, das ihn nun zu inspirieren schien. Als er fertig war und mein erwachsener Freund wieder am Tisch saß, um sein Daytrading fortzusetzen, ging ich durch die offene Wand ins große Wohnzimmer und fragte John, ob er denke, dass es hier ruhig sein würde. Ich hatte befürchtet, er würde den Fernseher benutzen, aber er sagte nichts und blieb bei mir, als ich mich vor eines der offenen Fenster auf den Boden setzte, um zu meditieren. Er sagte nichts, setzte sich dicht neben mich und nahm meine Haltung ein. Ich gab keine Rücksicht darauf, dass er ein Kind war, und gab meiner Sprachassistentin Siri mit schottischem Akzent den Auftrag, einen Timer auf 36 Minuten zu stellen, damit die Meditation einen festen Rahmen bekam – das macht es für mich persönlich leichter, denn ich kann dann nicht selbst entscheiden, wann ich fertig bin. Ich hätte nie gedacht, dass ich nach dieser halben Stunde immer noch meinen reglosen kleinen Freund neben mir haben würde. Nur einmal zwischendurch, als ich merkte, dass sein Rücken rund einsackte, seine Augen offen waren und seine Finger spielten, sprach ich zu ihm und sagte: »Now John. We will try something for ten minutes. Sit straight and close your eyes. Then you watch your thoughts, your pictures and your emotions. Try to relax and let go of them. If you are lucky you can find a place of absolute freedom.« Dann schloss ich meine Augen und setzte mich sehr aufrecht hin. Alles streckte sich, und ich sog den Atem tief ein und aus. Wir wechselten die Position, die hintere Handfläche legte sich auf den Knien ab. Er regte sich kein weiteres Mal, und am Ende der Meditation lauschten wir dem iPhone-Wecker »Chalet« und verbeugten uns mit zusammengelegten Händen.

Ich wollte nun bald aufbrechen und dachte über den weiteren Reiseverlauf nach. Hier zu bleiben für die Nacht wäre vermutlich ein Fehler gewesen, weil ich mich dann vom Komfort hätte leiten lassen. Ich versuchte, in mein Innerstes zu hören und auf das zu achten, was sich richtig anfühlte. Und damit kommen wir zur Lehrmaterie dieses Artikels: der Planung einer Reise.

Du weißt selbst am besten, welche Schönheit im Unüberlegten und in der Spontaneität blüht. Trotzdem ist es uns oft lieber, wenn alles rechtzeitig gebucht ist und man dann abschalten kann, um nur noch den Urlaub zu genießen. Es ist schön, sich lange mit der Planung eines schönen Urlaubs zu befassen. Man lernt die Orte im Voraus kennen und weiß, was man dort erleben wird. Das Reisen wird zu einer strukturierten Checkliste, die einem einen Faden in die Hand drückt und Orientierung an einem neuen Ort ermöglicht. Ach, wie schön. Okay, aber das kennen wir bereits. Was passiert denn aber, wenn wir unsere Augen kurz schließen und plötzlich wie aus dem Nichts in Asien, Laos, aufwachen – und nicht einmal wissen, wo wir sind, und nichts bei uns haben? Wie planen wir dann eine Reise? Wie möchten wir erleben, und welche Freiheit verlieren wir vielleicht durch zu viel Planung? Hier sind die Basics:

Du suchst dir einen Ort aus. Das kannst du jetzt, genau jetzt, machen – irgendein Land, irgendein Kontinent oder eine Stadt. Das ist dein Startpunkt. Der Zeitrahmen wird insofern relevant sein, ob das Wetter gegen oder mit dir ist. Aber ein März in Norwegen ist auch nicht viel anders als die Trockenzeit in Tansania. Mach dir bitte Gedanken darüber, mit welchen Kosten die Anreise verbunden ist, welche Sprache dort gesprochen wird, ob es notwendige Visa gibt und ob das Land gerade in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt ist. Check. Die Frage für deine Reise kann nun zum Beispiel lauten: Von welchem Ort zu welchem möchtest du reisen? Gibt es die Möglichkeit, von dort aus nach Hause zu reisen? Welchen Zeitrahmen man benötigt, ist noch einmal eine andere Geschichte – denn alles ist möglich, aber es muss abgewogen werden. Eine andere Frage ist essenziell für die Selbstreflexion: Auf welchem Level des Reisens befindest du dich gerade? Kommst du aus der Welt der Hotels und Kurzstreckenflüge, oder warst du schon Busreisende*r und Hostelgast? Bist du schon einmal lange Distanzen zu Fuß gelaufen, und hast du schon einmal wild gecampt? Weißt du, wie man Mitfahrgelegenheiten ergattert? Welches Equipment hast du? Reist du allein? Die Antworten auf diese Fragen werden dir ein mehr oder weniger eindeutiges Bild davon geben, wo du gerade stehst und was du gerne erleben würdest. Wenn du dir darüber bewusst bist, kannst du in den folgenden Kapiteln gezielt beginnen, deine Wissenslücken zu füllen und dich inspirieren zu lassen. Ich möchte dich befähigen, genau das zu erleben, was dir in Träumen vorschwebt. Wir springen zurück zu unserer Situation in Laos: Wir erheben uns von der Wiese und begeben uns in das Land voller unbekannter Dinge. Wie sieht es da mit Planung aus?

Beim Loslaufen braucht man zum Glück keinen Plan – das Ganze heißt ja schließlich Laufen und nicht Planen. Man darf allerdings die Gewissheit haben, dass man früher oder später in Interaktion mit einem anderen menschlichen Wesen treten wird – oder mit einem Tier, aber hoffen wir mal auf einen Menschen. Hier stellt sich die Frage der Sprache. Englisch ist und bleibt unser Schlüssel in die Welt. Menschen aus jeder Ecke der Welt sprechen dieses Erbgut des britischen Kriegszuges, und wir können dank dessen aus jeder Kultur lernen und überall das Menschsein durch Sprache kennenlernen, ohne zwei Jahre lang in einem Land Worte raten zu müssen. Englisch ist unglaublich und unsere Priorität. Aber wir dürfen nicht vergessen, welch unglaublichen Unterschied es macht, wenn wir in unserer heißgeliebten Muttersprache sprechen. Wenn eine Person aus der Welt mit dir ins Gespräch kommt und durch deine Sprache den wohl größtmöglichen Respekt und die höchste Anerkennung deiner eigenen Kultur verkörpert, dann entsteht eine völlig andere Grundlage für alles, was folgt. Die Reaktionen zu Beginn meiner Reise, Suaheli zu lernen, waren wirklich herzerweichend – es bedeutete den Menschen eine Menge. Wenn ich nun die ersten Worte der Kabila-Sprache Kisukuma nutze, sind die Reaktionen noch wunderbarer, und Mütter beginnen, mich mit »Mwanangu« anzusprechen – was »mein Kind« bedeutet. Das ist ein Unterschied … In Südfrankreich wurde ich nur wegen meines Gefährten nicht links liegen gelassen, aber wirklich unterhalten konnte ich mich mit kaum jemandem. Wenn wir nun in Laos stehen, sind die Karten wohl eher schlecht. Aber stell dir vor, jemand spräche dort Englisch – man würde sich riesig freuen. Bei der Planung einer Reise muss also die Sprache berücksichtigt werden. Es gilt: Wer mit einer Person des Landes reist, hat eine Brücke zu dessen Kultur. Wenn man die Sprache selbst beherrscht, liegt der Schlüssel in einem selbst – und das ist ein Geschenk von unschätzbarem Wert. Überlege also, ob du deine einst gelernte Schulsprache nun intensiv auffrischen möchtest, um dann durch jede Sprache dein Abenteuer gestalten zu können. Sprache ist so wunderschön!

Als ich an jenem ersten Abend der Reise so im Haus meiner lieben Familienfreunde saß, musste ich mich schweren Herzens gegen den Komfort entscheiden und die wunderbare Nähe zu Menschen des Herzens aufgeben, um erleben zu können. Diese Sicherheit und diesen Komfort zurückzulassen, ist vermutlich das Schwerste – und damit ebenfalls der Schlüsselmoment einer jeden Reise: das Loslassen und Fallen. Dann beginnt es. Alles kann passieren. Also lief ich los, kam zur großen Straße und lief und lief, bis es dunkel wurde. Der Straßenrand war eine Mischung aus rauen kleinen Steinen in weichem, dreckigem Sand. Die Straße ist ziemlich stark befahren, und edel ist an dieser Art der Fortbewegung wohl nichts. Ich grüßte die Menschen, die mir entgegenkamen, aber ich merkte die Spannung in ihren Gesichtern. Ich trage einen riesigen Rucksack, ein Zelt ragt seitlich oben heraus, und ich bin um einiges größer als die meisten. Mein Poncho ist eine sackartige Erscheinung und würde mich ebenfalls beängstigen, wenn man mich im Halbdunkeln träfe. Drei Männer auf der anderen Straßenseite liefen parallel zu mir, und wir grüßten uns. Wer aufhört, Menschen zu grüßen, hat bereits verloren. Niemals kommt jemand auf dich zu, um zu fragen, was denn los sei und ob du Hilfe brauchst. Umso weniger man wirkt, als bräuchte man Hilfe, umso eher kommt man mit Menschen in Kontakt. Auf Hilfe angewiesen zu sein, trägt in der Ausstrahlung eine gewisse Negativität, und man meidet solche Menschen instinktiv. Wir quatschten also eine Weile lustig drauflos; einmal wurde ich beinahe von einem Motorrad umgefahren, und mit jeder kommenden Frage konnte ich meine Situation mehr schildern, was automatisch mehr Fragen auslöste. So erzählt man Geschichten am besten – nicht, um sich anderen aufzudrängen, sondern aus dem Interesse der anderen und durch ihre Fragen gesteuert. Die Augenkontakte der Männer verrieten mir, dass sie die Lage ernster nahmen als ich. Ihre Angst vor Menschen war größer als meine, und ihr Vertrauen in das Gute und ihr naiver Glaube an gewisse Fügungen kamen nicht an meinen heran. Ich erzählte den Plan mit dem Zelt, der für mich ein ziemlich normaler war – und das war der Moment, als einer von den dreien anhielt und mir sein Zuhause anbot. Der Preis dafür war, dass ich seinen Heimweg mitlaufen musste, der deutlich über zwei Kilometer durch den Sand führte – aber wir sprachen dabei. Er erklärte mir bestimmte Verhaltenskomplexe zwischen der Seele und dem Sein des Menschen, aber ehrlich: auf diesem Niveau in Suaheli bin ich noch nicht. An einem Punkt hangelte ich mich nur noch an einzelnen Wörtern entlang und versuchte, nicht unter der Last des Rucksacks und den Schulterschmerzen von den schlechten Gurten zu stöhnen. Travel-Tipp: Stöhnen kommt normalerweise nicht gut an. Life-Tipp: Generell ist Stöhnen selten etwas Gutes. Wurst … Wir kamen bei ihm zu Hause an. Sein Mitbewohner war sein Neffe, der später Pastor der Pfingstkirche werden wollte. Seine eigene Familie mit vier Kindern lebte weit entfernt in Daressalam. Mir wurde sofort alles für eine Dusche vorbereitet – und das Wasser war vermutlich ein Top-3-Highlight des Tages. Meinen Rucksack ließ ich drinnen und machte mir nur einmal einen Kopf darüber. Der Tipp von Polizisten, die ich getroffen habe und treffen werde, lautet: Vertraue niemandem! Verdächtige jeden! Ein großer, großer Müll, dieser Spruch, wenn man ohne Geld auf menschlicher Basis überleben möchte. Ich sehe den Punkt, aber man muss es schaffen, seinem eigenen Gefühl für Menschen genug zu vertrauen, sodass man nicht aus Angst mit niemandem zusammenkommt. Instinkt, oder so ähnlich. Würde ich allerdings in meiner normalen Bugando-Arbeitskluft herumlaufen, und jemand lüde mich von der Straße zu sich nach Hause ein, dann wäre das eine ganz andere Situation. Es kommt eben auf den uns heiligen Kontext an – Common Sense. Ich hafte nicht!

Mein Gastgeber kochte selbst, lud noch drei Freunde ein, und wir quatschten den ganzen Abend, aßen wunderbar, und später schlief ich in dem kleinen Doppelbett neben ihm. Vor dem Einschlafen redeten wir noch leise über die Schwierigkeiten, seinen Traum, nach Deutschland zu kommen, zu verwirklichen, und dann schliefen wir friedlich ein.

Wenn wir also planen, möchten wir wissen, wo wir uns befinden und wohin wir gehen. Schwierigkeiten des Ortes, Sprache, bestimmte Dinge, die man erleben möchte – das ist alles der Kontext. Aber das Planen selbst findet vielleicht einmal grob im Voraus statt und dann von Tag zu Tag. Wenn man läuft, versucht man abzuschätzen, wie weit man bis zum Abend kommt. Wer Dinge zu buchen hat, tut das vermutlich ebenfalls im Voraus – aber da endet mein Terrain an Wissen. Umso weniger Plan, umso besser. Das hat sich Buddha bestimmt auch schon des Öfteren gedacht, aber ich habe nun den Mut, es auszuschreiben. So! Und wie schafft man es nun, mit wenig Plan weit zu kommen? Nun, das ist wohl die Fähigkeit zu leben und unabhängig zu sein. Wer laufen kann, ist klar im Vorteil. Wer keine Matratze für die Nacht braucht, auch! Im Allgemeinen macht uns Materielles nur schwerer und unfähiger für den Weg des Wanderns. Es ist diese Reise des eigenen Minimalismus – mit immer weniger durch den Tag zu kommen, und mit jeder zurückgelassenen Sache ein Stück freier zu werden. Ein wunderschöner Prozess! Denn er führt dazu, dass wir keinen Plan mehr brauchen: Wir müssen nicht wissen, wo wir sind oder wohin wir gehen. Es braucht keine Gewissheit, dass wir heute essen oder bei Nacht sicher sein werden – denn wenn man die Kunst des Menschseins erlernt und immer mehr meistert, dann ist das gesichert. Menschen sind dafür gemacht, auf dieser Erde zu überleben. Wenn wir nur zurück zu unserem Selbst finden, dürfte nichts leichter sein als das! Aber nichts hiervon ist rein theoretische Materie. Du darfst dich ganz langsam heranwagen und Schritt für Schritt durch eigene Erfahrungen entdecken, was du wirklich brauchst und wie du auch ohne kannst. Diese Reise gehört dir selbst. Meine eigene Reise startete in Norwegen – im März, allein, mit Zelt und wenig Geld. Wie sieht dein erster Schritt aus?

III. Plant man Reisen und wenn ja, wie geht es ohne?