Ich glaube, es ist eine Art Kunst, zerrissene Lebensfragmente in ihrer verschobenen Zeitordnung wieder so zusammenzufügen, dass sie für Lesende halbwegs verdaulich werden. Denn es kam alles so – und halt dich fest: Ich bin nicht in Simiyu und nicht auf dem Weg dorthin, sondern sitze inzwischen wieder in Mwanza – mit einer Drohung auf Landesausweisung … Hausarrest also! Warum das großartig ist, wie es dazu kam und was wir alle daraus lernen können – das wird genauso Teil der gleich kommenden Wortsuppe sein wie die Frage, wie man mit wenig immer noch sicher und völlig ausreichend gewappnet sein kann.

Meine erste Nacht hatte ich bei diesem netten Herrn nahe Nyamangoro verbracht, der mich bekochte und mir einen halben Tag Ruhe ermöglichte. Am Nachmittag machte ich mich auf den langen Weg zurück zur Hauptstraße – der mir beinahe alle Energie für den Tag raubte – und lief dann in ansehnlichem Laufschritt bis in die Dunkelheit des Abends hinein. Ich befand mich schließlich etwas hinter Kisesa, einem Ort, der als Endstation vieler blauer Kleinbusse des öffentlichen Nahverkehrs angepriesen wird, den ich aber zuvor noch nie besucht hatte. Die Größe des Marktes dort überraschte mich. So weit das Auge über den Platz reichte, waren Geschäfte, und alles Erdenkliche wurde angeboten: Stoffe hingen über Holzgerüsten, kleine Grills verströmten den Duft von gutem Rindfleisch mit Fett, von Fischen und Hühnchen; Planen waren am Boden ausgebreitet, auf ihnen lagen Gemüse aller Art; Orangen türmten sich in kleinen Stapeln, Schalen voller Baobabkerne, umhüllt von einem bunten Zuckergemisch namens Ubuyu; frisch geputzte Schuhe und Kinderkleidung – und überall diese große Menge an Menschen, die kaufend oder verkaufend jeden Zwischenraum füllten. Ich tippelte im müßigen Gang vorbei. Dass ich Aufmerksamkeit erregte, ist wohl verständlich – ein großgewachsener Europäer mit riesigem Rucksack, Poncho, Leinenhose, barfuß und im Laufschritt … Die Polizei, die ich am nächsten Tag treffen sollte, erzählte mir später, sie habe mich an jenem Abend in Kisesa bereits gesehen. Bei dieser Erzählung lag ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen – und vermutlich wird es auch bei manchen anderen noch ab und zu bei der Erinnerung an diese glückliche Beobachtung liegen.

Ich fand meinen Schlafplatz an jenem Abend nach einer nächtlichen Wanderung durch ein Feld, ein winziges Wäldchen und eine Nachbarschaft hindurch bis zu einem College-Campus. Dort traf ich auf Studenten, die mir helfen wollten, auf dem Campus zu campen. Sprachlich betrachtet war diese Idee nicht verwerflich, aber rechtlich drohte sich einiges anzuspannen. Nach langem Hin und Her, der Kontrolle all meiner Papiere und der Kontaktaufnahme mit meinem lieben Mentor – Peter, für die, die es interessiert – kam es schließlich so, dass mir das Bleiben untersagt wurde, was mir ehrlich gesagt auch ganz recht war. Ich bereitete mich darauf vor, in irgendeiner windgeschützten Ecke zu campen, mit dem ersten Morgenlicht aufzuwachen, ein wenig weiterzulaufen und an einem neuen Ort zu schlafen. Aber – nun ja – der Student sagte, ich könnte bei ihm zu Hause pennen. Eine Dame an einem Essensstand drückte mir ein Wasser in die Hand, und später brachte mein Gastgeber John – selbst ein Student – indisch zubereitete Chapatis und eine wahnsinnig gute Soße zum Abendessen mit. Er teilte auch seine Chipsi Mayai – Pommes, in Rührei eingekocht –, und fünf Freunde kamen vorbei, sodass wir noch eine lange Weile zusammensaßen. Das war meine zweite Nacht.

Was davon ist Sicherheit? Ich möchte vorab sagen, dass meine Geschichte kein Vorbild sein soll, sondern ein exemplarisches Erlebnis, das in manchen Momenten etwas lehrt, weil ich etwas richtig mache – aber zu anderen Zeiten ganz klar beweist, dass bestimmte Wege nicht langlebig sind und ich einfach mieses Glück habe. Tagsüber zu laufen, ist relativ sicher, und die Hauptstraße ist nicht der schlechteste Ort. Von Verkehrsteilnehmern, die einen übersehen und umfahren könnten, sehen wir mal ab – denn es soll ja um den menschlichen Aspekt der Sicherheit gehen. Generell gilt: Am sichersten ist es immer, morgens nicht aufzustehen und die Wärme des Bettes nie zu verlassen. Das ist Sicherheit. Wir reisen aber, und das heißt, dass wir uns von Ort zu Ort, von Person zu Person und von Erlebnis zu Erlebnis bewegen wollen. Die Wahl der Reisemethode spielt also eine Rolle. Das sicherste Transportmittel bleibt das Flugzeug – statistisch gesehen. Zu Fuß müsste sicherer sein als mit dem Fahrrad oder Motorrad. Auto gegen Fußgänger ist ein unfaires Match, und ich glaube, ab da geht die Rechnung zu unserem Nachteil aus. Ich denke, der Punkt wird klar: Das Leben ist furchtbar gefährlich, und wer nicht vor die Tür geht, hat die größten Chancen, alt zu werden. Was das Erlebnis angeht: Man sollte sich überlegen, welche Art von Erlebnis zum eigenen Fähigkeitsgrad passt, bevor man aus Helikoptern springt, mit Straßenhunden ringt, Schlangen zähmt, in der Serengeti wildert oder von Spanien bis nach Deutschland läuft. Alles hat seine Zeit, und alles ist ein Prozess, den es durch Bildung, Übung und Erfahrung zu erlernen gilt. Dass alles möglich ist, sollte keine Frage sein. Streicht das mit der Serengeti – das ist doof – aber der Rest geht bestimmt klar. Wir werden noch viel reflektieren und analysieren, wie es um unser Potenzial steht und was wir bereits erleben können. Unsere Selbstwahrnehmung wird uns nur ab und zu im Weg stehen. Wir können mehr, als wir uns zutrauen. Und laufen kann jede Person.

Aber wenn man nun das Erlebnis und das Transportmittel »zu Fuß« wählt – wie ist es dann mit den Menschen? Welche Brille muss man kaufen, damit einem innere Werte und der Gefahrengrad einer Person statistisch, digital animiert, um sie herum erscheinen? Welche Apparaturen sind am gepäckfreundlichsten in der Welt der Lügendetektoren für uns kleine Menschen? Tja, das ist die Bildung, die es braucht … Mist, ham wa allet nich, merskte? Was jetzt? Na, dann benutzen wir einfach unsere gottgegebenen Gespüre für Zwischenmenschliches! Au ja. Aber wie stellt man es an, wenn man einer neuen Person auf der Straße begegnet, zu erkennen, ob diese einen bei Nacht ausraubt, oder während man duscht, alle Wertsachen aus dem Rucksack entfernt – oder ob sie einen Keller voller schöner Gerätschaften besitzt, die man sich für die nächsten Wochen ansehen darf? Das ist doch alles nichts, oder? Gehen wir den Komplex mal von dieser Seite an: Bei wem ist es denn sicher? Nun, bei Mama zu Hause auf dem Schoß. Ja. Wenn man nun aber keine eigene Mama parat hat, sucht man sich eben eine Aushilfe. Familien – wenn welche zur Verfügung stehen – sind wohl das Wunderbarste auf der Welt. Diese kleine Gemeinschaft aus Verbundenen ist ein Rahmen wie kein zweiter. Die beste und erste Gemeinschaft der Welt! Wenn man es also schafft, mit seinem Auftreten weder Kinder zu verscheuchen noch Mütter zu beängstigen oder Väter zu reizen, dann könnte das eigene Zuhause das eine oder andere Mal genau dort sein.

Bei meinen ersten zwei Familien auf dieser Reise kam ich so unter: Am dritten Tag – es war wohl der härteste – fand ich abends ein Fußballspiel von kleinen Kindern. Der Tag selbst war ein ganz komischer. Am Morgen verließ ich meinen Studenten John und machte mich auf den Weg. Diesmal wollte ich wirklich Distanz machen und begann mit diesem epischen Laufschritt, den ich immer mehr für mich entdeckte. Ich lief nicht einfach Schritt für Schritt, sondern lehnte mich leicht nach vorne, nutzte meine Knie eleganter und glitt ein wenig mehr von jedem Schritt in den nächsten. Dadurch wurde ich schneller, aber der Rucksack sprang ein bisschen mehr. Ich konnte völlig souverän entscheiden, wie schnell ich lief, ohne meine Grundgangart zu verändern – leichter Trab bis hin zu Sprinteinheiten und Langlauf waren in diesem Stil enthalten, und ich grinste vor mich hin wie ein Honigkuchenpferd, weil es einfach Spaß machte.

Ich erinnerte mich sehr an die Zeit im tansanischen Usambara-Gebirge während meiner siebenwöchigen Barfußreise ohne Geld über 3.000 Kilometer – damals allerdings mit Mitfahrgelegenheiten. Ich hatte sechs Tage in den Bergen gewohnt, einmal bei der Familie eines Grundschullehrers. Seine drei Kinder – die älteste 27 – und ich hatten eine sehr, sehr schöne Zeit. Wir pfiffen mit Grashalmen, was ich ihnen beibringen konnte, saßen lange am warmen Feuer, schauten die Sterne an und sprachen über vieles von spirituellem Wert. Danach lebte ich zwei Nächte bei einem Tourguide; bekifft hatte er mir auch die Schönheiten seiner Touren gezeigt, und wir sahen Unglaubliches. Wurst. Als ich den 37 Kilometer langen Weg aus dem Gebirge antrat, lief ich bergab und kam in diesen Rhythmus aus Laufen und Rennen; ich machte sieben Kilometer in einer Stunde – barfuß und mit großem Rucksack –, bis ich im Stockdunkeln zwei Damen auf einer Bank traf. Damals kam ein sehr betrunkener Familienvater dazu, der gerade auf dem Heimweg war; er lud mich ein, und schon lebte ich wieder bei einer Familie. So viel dazu. Aber was ich eigentlich sagen wollte … oh Gott, driftet das immer so schnell ab? – der Laufschritt! Ich erinnerte mich an den Laufschritt, den ich damals bergab entdeckt hatte und nun überall benutzte. Ein Gefühl von Freiheit machte sich breit, und aus dem Nichts berührte mich ein wunderbarer, alter und lange vergessener Ohrwurm: das Lied »Run Boy Run« von Woodkid. Hier ein kurzer Ausschnitt, der mir blieb. Ich hörte das Lied beim Laufen tatsächlich – und es sollte das erste und einzige Lied dieser Reise bleiben, das ich bewusst hörte. Kleiner Tipp: Kopfhörer und Musik haben auf Alleinreisen eigentlich wenig positiven Sinn.

»Run boy run! This world is not made for you. Run boy run! They’re trying to catch you. Run boy run! Running is a victory! Run boy run! Beauty lies behind the hills.«
Und die zweite Strophe spricht davon, dass die Sonne einen leiten wird – und damit die Planung einer Reise für einen erledigt ist. Man lässt sich vom Zufall, von der Sonne, von den Menschen des Weges, vom Wind und von eigenen Eingebungen leiten. Das klingt ein bisschen wie Freiheit. Die zweite Strophe sagt: »They’re dying to stop you«, und sie sagt, dass dieses Wettrennen eine Prophezeiung sei – ein netter Gedanke für das nach Bedeutung suchende Ego. »This race is a prophecy. Break out of society.« Und genau da sind wir: auf der Suche, wie man diesem irrsinnigen Schlamassel, einem System und einer vorgegebenen Lebensweise entkommen kann. Wie man Selbstverwirklichung und Findung zu seinem eigenen Weg macht, wie man menschliche Freiheit ganz auskostet und wie man sich sein eigenes Leben völlig frei von Normen erschaffen kann. Ein hübsches Lied.

Ich kam an diesem Morgen ziemlich weit – und wurde mir dessen besonders klar, als ich kurz darauf von der Polizei aus Kisesa eingeholt wurde. Ich saß gerade bei einer ersten Pause bei ein paar Motorradfahrern und teilte eine geschenkte Avocado mit allen. Als die zwei Polizisten dazukamen, versammelten sich auch alle anderen Menschen des Ortes um mich; ich saß auf einer kleinen Holzbank und hatte plötzlich 40 bis 50 Augenpaare auf mich gerichtet. Ich trug meine Geschichte herzlich froh und unbedacht vor. Sie fuhren mich in ihrem Auto den gesamten Weg des Tages zurück nach Kisesa. Da wurde mir klar, wie weit ich gelaufen war – und ich war sehr, sehr stolz. Ach ja, die Polizei. Drei Stunden lang sprachen wir; Begeisterung und Misstrauen wuchsen miteinander. Ich sah das Erstaunen und die Freude bei einigen völlig ungefiltert, und ich erzählte gern. Sie durchsuchten meinen Rucksack, checkten alle Dokumente und schauten sich am Ende auch meine gesamte Bildersammlung an – die ich erst vor einer Woche hatte ausdrucken lassen. Es sind meine Lieblingsbilder: von meinem Leben in Deutschland, in Kanada, von Norwegen, von der Europareise zu Fuß von Spanien bis nach Hause – geldlos in Monaco, über die Alpen nach Berlin, dann nach Tansania geflogen. Ich hatte mir das geleistet, um, wenn ich bei Familien sitze, eine hübsche Geschichte zu haben, die ich anhand dieser ausgewählten Fotos erzählen kann. Auf meiner ersten Tansania-Reise hatten Menschen von Zeit zu Zeit mein Handy bekommen, um durch die Favoriten zu scrollen – das war reichlich unangenehm. Die ausgedruckten Fotos erweisen sich dagegen als wunderbare Idee. Menschen das Leben in Deutschland zu zeigen, hat zwar einen bitteren Beigeschmack, aber man verdrängt es, bis es einen nachts überkommt …

Das war das erste Zusammentreffen mit der Polizei. Ich lief an diesem Tag weiter, denn ich wurde entlassen. Eine Polizistin, eine Mutter, hatte mir am Ende der Anhörung einen Teller Reis mit Bohnen ausgegeben – danke an die Mutterschaft. Danach wurde ich zu unserem Treffpunkt zurückgefahren; es war die Mitte des Tages, und ich drohte zu schmelzen. Ich bastelte mir ein neues Outfit aus meinem Poncho, einem Shirt über den Kopf gehängt und zwei Bandanas, und kroch weiter durch die Hitze des Tages. Die UV-Werte sind wirklich übel, aber Schwitzen ist so viel besser als Sonnenbrand. Ich erinnere mich gut an jene der Reise – Schultern sind das Dümmste, was einem passieren kann; der Rucksack trägt sich danach auf jeden Fall nicht leichter. Ich denke verliebt an die drei Wochen und 522 Kilometer zu Fuß in Spanien mit Martin. Furchtbar war, wie wir da gelitten haben – vor allem die Blasen, die Wildschweine, die Strandnächte, die Geisterstädte, die minimale Kost, das viel zu kleine Zelt, Schnecken auf der Decke, Baguette mit Linsen und Erdnüssen … uff, uff, uff. Eine wunderschöne Erinnerung, weil mein Martin dabei war, aber ein ganz schön harter Einstieg ins Welterlebnis. Es war Martins erstes Rucksackabenteuer und für mich das zweite. Inzwischen mache ich Dinge wie diese hier in Tansania, und er reist seit einem halben Jahr als Fernstudent der Philosophie, Geschichte und Literatur durch ganz Asien und unterrichtet als Freiwilliger Schach in Gemeinschaften und Schulen. Irgendwie schien das damals ja nicht ganz der falsche Weg gewesen zu sein …

Falls du neu bist und dich fragst, wie eigentlich alles so kam, wie es nun mal ist: Schau von der Homepage aus auf meine Seite namens Pilgrim’s Journey, oder klicke einfach hier auf den Link. Dort findest du ein Inhaltsverzeichnis aller Artikel, die ich bisher auf Reisen verfasst habe, jeweils mit kurzer Beschreibung und Einordnung in den Zeitstrang. Die Bücher über die Reisen sind noch nicht fertig, aber Stand jetzt habe ich noch 35 Wochen, um alles vorzubereiten. Dann heißt es im Frühjahr 2027 – genauso wie jetzt – durch Deutschland zu reisen: ohne Geld, ohne Schuhe, mit Rucksack, Zelt, Poncho und einer Vision in Form eines Vereins, der den nationalen Rahmen für unsere Gemeinschaft aufspannen wird, um vereint Aktivismus zu betreiben. Wenn dich das noch mehr interessiert als komische Weltreisen – weil es Deutschland betrifft und du dabei sein kannst und sollst – dann mach dich mit der Vision Grande vertraut, um uns als Gen.ZM-Gemeinschaft tiefer zu verstehen.

Als ich am Abend dieses besagten dritten Tages dann in Nyanguge ankam, lagen über 17 Kilometer auf kochenden Straßen hinter mir – barfuß. Ich verirrte mich von den Ständen an der Straße aus links in die erstbeste Nachbarschaft und sah eine Gruppe Kinder Fußball spielen. Zugleich geriet ich in eine Sackgasse, denn der Weg endete an einem großen Betonzaun, der die drei Hallen einer Hühnerhaltung mit Legebatterie umgrenzte. Ich wollte mich eine Weile hinsetzen, da kam eine Frau auf mich zu und fragte, wohin ich denn unterwegs sei. Zum Glück muss ich mir keine guten Geschichten ausdenken oder mein Leben wie Huckleberry Finn retten – bei mir reicht die Wahrheit: dass ich nach einem ruhigen Ort suche, wo ich mein kleines Zelt für eine Nacht aufschlagen kann, um am Morgen weiterzugehen. Die junge Frau war die Mutter eines der Kinder, und es begann ein zweitägiger Aufenthalt in diesem Gebiet: Zuerst wurde ich bei ihr zu Hause willkommen geheißen und gut mit Ugali versorgt, aber am nächsten Morgen lud mich ein Familienvater ein, der absolut darauf bestand, dass ich einen Tag und eine Nacht bei ihm bleiben solle. Länger zu bleiben, ist ehrlich gesagt härter, als Tag für Tag weiterzulaufen. Man sträubt sich ein bisschen, aber ich konnte auch jener Familie nett beiwohnen: Wir stampften Mais und sortierten ihn, brachten seine Ziegenherde auf die Weide, gingen zur nächsten Schule – die Mutter Theresa als Ikone trägt –, lernten zwei Lehrer kennen und verbrachten den Tag mit ihnen. Am Abend schaute ich mit seinen drei Kindern und seiner Frau meine Bilder an und schlief dann im Zelt neben dem Ziegenstall unter schönen Sternen – wieder mit ein wenig Angst, ob es wilde Tiere gäbe, die trotz der paar Hunde durch die Gassen streifen würden, um nach Nahrung zu suchen. Ich bin immer noch vernarbt und leicht traumatisiert von jener Zeltnacht in der Nähe des Kilimandscharo, als ich in einem ausgetrockneten Flussbett schlief und um drei Uhr morgens eine nie zuvor erlebte Todesangst erlitt. Gerne reinlesen! Keine Lebensangst dieses Mal, aber das Beispiel ist das letzte, um zu betonen: Familien sind einfach großartige Orte.

Falls du dich allerdings nicht vom Zufall auf deinen Reisen führen lassen möchtest und selbst mehr Kontrolle haben willst, dann nutze die App Couchsurfing. Damit kam ich damals in Norwegen in der Nachbarstraße des Königs unter, und in Südfrankreich bescherte sie mir eine ganz besondere Zeit mit einem Journalisten und Naturalisten. Couchsurfing ist auf jeden Fall super für jeden Anfang, wenn du beginnen möchtest, menschennaher zu reisen und vor Ort Dinge durch die Hilfe Einheimischer zu erleben. Oder wenn du selbst anbieten möchtest, Menschen aus aller Welt bei dir zu Hause auf der Couch für ein paar Nächte aufzunehmen – dann holst du dir so die Welt nach Hause. Die Community ist in den letzten Jahren stark gewachsen und nicht mehr das, was sie einmal war, aber durch Bewertungen sind relativ klare Einblicke möglich. Ich habe bisher immer die erstbeste Zusage genommen und bin meistens bei Nudisten gelandet – auch mal interessant, aber ich bin ganz froh, jetzt auch ohne reisen zu können. Nudismus ist eine tolle Sache, aber der Rahmen aus Herren im mittleren Alter darf sich gerne auch noch einmal neu orientieren – dann bin ich auch wieder enthusiastischer dabei!

Ich sitze, wie am Anfang angemerkt, wieder zu Hause und schreibe über das, was bereits geschah. Ich bin im Vorraum des House of Hope; die Wand ist zur oberen Hälfte ein Drahtfenster, und ein leichter Wind kommt herein. Ich höre die Musik aus dem Nachbarhaus, kleine Vögel schmücken den Klang der Luft. Mütter sitzen nach dem Mittagessen unter dem Mangobaum draußen, Geschirr klappert beim Zusammenräumen. Meine beiden Hunde Paula und ihr inzwischen aufgenommener Ehemann Tekka liegen schlummernd neben mir, während ein kleiner Affe – oder eine unglaublich riesige Ratte – auf unserem Blechdach üblen Radau macht. Neben mir liegen die Überbleibsel der besten Avocado, die ich bisher in Tansania gegessen habe – sie wurde mir vor zwei Wochen von einem Freund namens David geschenkt, meinem vermutlich vertrautesten Menschen in Mwanza. Mein Löffel aus norwegischem Horn liegt noch da und das Opinel von meinem Papa. Die Avocado war so cremig, so zart, so geschmackvoll und einfach vollkommen. Wenn du mich irgendwann triffst und mich nach dieser Avocado fragst, kannst du sicher sein, dass ich mich daran erinnern werde – und du hast dich mit einem kurzen Satz als echter Fan und Kenner erwiesen.

Danke für dein Lesen. Ich hoffe, es hilft dir ein Stück auf deinem eigenen Weg, dein Abenteuer zu starten. Du bist aber auch genauso eingeladen, mich während der zweijährigen Deutschland-Rotation zu begleiten und in Person von mir zu lernen – zu Fuß für ein, zwei Tage, oder so lange es dir in den Terminkalender passt. Das wird etwas Schönes, und ich freue mich schon sehr. Bleib gesund, behandle deinen Körper und deine Gesundheit als das Heilige, was sie sind, und fühl dich nicht allzu verloren. Es ist alles ein Prozess – und viel zu oft wissen wir erst am Ende, warum alles so geschehen musste. Je schneller wir das Überdenken und Grübeln gegen die Hingabe an die Verwirrung eintauschen und stattdessen die Dinge nehmen, wie sie kommen, und täglich versuchen, das Beste daraus zu machen, desto schneller wird auch unser Weg eins werden mit dem, was in uns strebt. Ein langer und wunderschöner Weg – denn es ist deiner. Ich bin schon gespannt, bis wir uns treffen!

Alles Gute!

IV. Sicherheit ist Bildung - Minimalismus ebenfalls