Ich saß zu meiner zweiwöchigen Zeit im Prinzenreich Monaco oft an der Holzbalustrade des Restaurants und starrte die Steilklippe hinab ins tosende, smaragdgrüne Wasser, über das Meer hin zu den riesigen, millionenschweren Yachten, den getunten Jetskis und den motorgetriebenen Foils, die über das Wasser schossen. Ich besaß seit drei Wochen keinen Cent mehr und war mir noch nicht ganz im Klaren was genau geschehen ist. Schauspieler* und Singer*, Formel-1 Fahrer und die größten CEO’s der Welt aßen an den Tischen ringsum die Gerichte, die ich ohne eine Rechnung vor mir zu stehen hatte.
Etwas später geschah mir etwas ähnliches. Ich saß in meinem Zelt unter einem grandiosen Sternenhimmel an einem Flussverlauf im tiefen Wald des Usambara Gebirges in Tansania und war seit drei Wochen ohne Geld, barfuß, alleine und nur mit meinem Rucksack von meinem zuhause in Mwanza 960 Kilometer bis hier her gekommen. Das war das erste Drittel meiner siebenwöchigen Reise. Manchmal kann ich immer noch nicht fassen, was sich mir für ein Weg eröffnete und welche Nische ich entdecken durfte. Eine tiefere Wahrheit über das geteilte Menschsein auf Erden entpuppte sich nun langsam und gab mir Einblicke in was alles auf der Welt möglich wäre, wenn die gelehrten Grenzen des Möglichen auf einmal wegfallen. Ich durfte ganz frei und ungehalten beginnen zu träumen…

An der Küste Tansania’s lebte ich in einer Stadt namens Bagamoyo und lernte dort einen jungen Mann kennen. Sein Name ist Christoph und der Kopf war bedeckt von einer dicken Masse Haare, die scheinbar zu einer gemeinsamen dicken Dread Lock anwachsen wollten. Er lebte an einem verlassenen Haus am Strand, beinahe auf dem Strand. Er schläft auf Karton und sein Hab und Gut passt in eine Einkaufstasche. Wir trafen auf einander und ich war glücklich zweimal eine Nacht bei ihm verbringen zu können. Allerdings war ich in einer völlig anderen Lage und keiner schlechteren, obwohl ich noch weniger Geld besaß. Während er jeden Tag nach Geld suchte und die dreckigsten Dinge für einen kleinen bunten Schein machte, lief ich schwer bepackt durch sein Land und half Menschen ohne bezahlt werden zu wollen. Was ich stattdessen bekam, war meine Substanz um zu Leben. Freundschaften, Mahlzeiten, oft genug ein Raum zum Schlafen. Während Christopher verzweifelt für Jahre versuchte mit Geld ein Leben zu starten, in einem Umstand, in welchem er als Rasta und seinem Hintergrund immer benachteiligt wird, lebte ich nur durch Menschen und unseren Austausch. Meine Philosophie, falls es dich genauer interessiert, heißt HuVEx. Der menschliche Werteaustausch. Christopher ist freiwillig Teil dessen geworden, was ihn zu dem ärmlichen Wurm machte, den ich traf. Er stellte sich freiwillig ganz hinten an einer langen Warteschlange an und vergisst nun auf was er wartet. Das ist nicht seine Schuld und freiwillig war es auch nicht wirklich, aber es berichtet von der Blindheit mit welcher uns Geld segnen kann. Wir wollen ein gutes Leben und sehen nur einen Weg - wir verkaufen uns!

Mein Freund aus Bagamoyo ist also kläglich arm und lebt ein Leben, welches ich niemandem wünsche. Seine größte Angst ist es, in zehn Jahre ‘vile vile’ zu sein. Das bedeutet völlig gleich und unverändert. Ich für meinen Teil kann nicht behaupten reich zu sein. Zumindest nicht in unserem gesellschaftlichen Verständnis. Aber schau genauer hin. Ich bin Weltreisender, habe immer wieder neue Arbeit, neue Menschen, bekomme das was ich zum Leben brauche geschenkt, schlafe an den natürlichsten Orten und ihren Schönheiten, lebe da wo du Urlaub machen möchtest und kann jeden Tag aufs Neue entscheiden wer ich bin und was ich tue. Ich bin primär nicht reich, aber ich bin völlig frei. Ich bin reich an Erfahrung, reich an Menschlichkeit, reich an Möglichkeiten, aber am reichsten bin ich durch meine Freiheit. Wie kann das sein? Wieso gibt es eine Freiheit, die uns allen zusteht aus dem einfachen Grund, dass wir Menschen sind, über die man aber so gut wie nichts weiß? 

Naja, wie du dir vorstellen kannst, ist es wie alles was man noch nie machte, nicht ganz einfach. Es gibt ein paar Tricks und es bedarf einer gewissen Vorbereitung, Bildung und Fähigkeit. Wenn wir Mensch genug sind, dann sind wir qualifiziert zu beginnen. Die nötige Bildung findest du leider nur in eigenen Erfahrungen und von Personen deines Weges übertragen und nicht in Massenmedien oder Klassenräumen. Ich bin nun eine Person deines Weges und du kannst entscheiden, wie viel Auswirkung eine neue Bekanntschaft auf dein Leben haben kann. Was ich beibringe ist der Insider, die Nische, das Geheimnis unseres Erlebnisses. Aber eben auch das größte Geschenk und unser eigenes Abendteuer. Egal wer wir sind, egal wo und unter welchen Umständen. 

Du fragst dich vielleicht, zu welchem Preis es kommt. Ich kann dir sagen, dass du weder deine Seele noch deinen Körper verkaufen musst. Du wirst maximal an manchen Ecken der Gewöhnung sparen, um an anderen Ecken mehr zu bekommen. So zum Beispiel unser Komfort. Der Gegner unseres Fortschrittes. Was ist dieser Komfort und wieso haben wir ihn? Schaue es dir selbst an. Wenn du morgens im warmen Bett deines Zimmers aufwachst und in die Küche gehst und weißt, in welcher Schublade Haferflocken stehen, dann ist das Komfort, weil es sicher ist. Du weißt es, du bist es gewöhnt und du arbeitest, damit du diese Gewissheit hast. Morgen ist sicher. Stell dir auf meiner Seite vor, dass ich in einem weißen Grabhaus in den Bergen von Korsika aufwache und eine silberne Schlafunterlage habe. Stell dir vor, dein Leben bestünde aus großen Teilen daraus, alles was du besitzt in einen Rucksack zu stecken und dann in einer Region zu wandern, in der du noch nie warst, ohne eine konkrete Möglichkeit dich zu orientieren. Stell dir vor, du müsstest eine Person ansprechen, ob du bei ihr mitfahren könntest, oder ob du der Person bei ihrer Arbeit helfen kannst. Stell dir vor, dass dein Tag vorbei ist und alles was du geschafft hast, war zu überleben, dreißig Kilometer Weg gemacht zu haben, eine Mahlzeit bei einer Familie gegessen zu haben und die Schönheit eines unglaublichen Ortes auf dich wirken ließest. Du wusstest nicht, ob du heute Essen würdest oder wo du schlafen kannst. Du weißt nicht wo du bist und wen du treffen wirst und generell ist alles in deinem Alltag die Variable X. Denn es kann alles passieren. 

Den Komfort wählten wir einst, weil er uns das Gefühl der Kontrolle und des Verstehens gab. Er machte das Planen möglich und wir konnten unsere Sorgen anderen Dingen verschreiben, als dem bloßen Akt des Überlebens. Inzwischen ist unser Leben nur noch das Andere. Nur noch eine Ablenkung, weil das Überleben so leicht wurde. Es existiert nun ein System, welches die Infrastruktur für unser Überleben bastelte. Und wir rennen tattäglich im Kreis, um unser Leben immer prunkvoller zu schmücken und immer besser zu leben, um das Loch in uns zu stopfen, welches nach dem urmenschlichen Abenteuer des Überleben als Mensch auf Erden verlangt. Wer von uns kann behaupten auch nur einen Tag in Welt wie ein echter Mensch gelebt zu haben? Ich! Aber auch nur zwei. In den Alpen!

Es ist nicht einfach, aber man kann es erlernen, wie alles andere. Das Geschenk ist unbezahlbar, die Erinnerungen sind pures Gold und die Bildung so einzigartig, dass dir kein Diplom das Wasser reichen könnte. Weil nachdem du Mensch wurdest und miterleben konntest, was deine Fähigkeiten in dieser Welt sind, wenn du nichts hast und nur durch deine Art, deinen Charakter, deine Kompetenzen überlebst, dann weißt du wer du bist und zu was du imstande bist, wenn dein Leben nicht von Zertifikaten und Kapital bestimmt wird. Du betrittst durch diese Reise die Bühne des Lebens, auf welcher sich alle Größen der Welt messen und die Giganten unserer Zukunft erscheinen. Es ist der direkte Weg zu deinem Potenzial, ohne dich mit einer falschen Berufswahl oder einer halbherzigen Beziehung aufzuhalten. 

Wie sieht also Reisen konkret aus? Ich erzähle es dir am Beispiel von unserer Frühjahrsbewegung 2027, welche für zwei bis drei Jahre in Deutschland kursiert, um ein Vereinskonzept auf Landesebene zu verbreiten. An diesem Morgen des Aufbruchs besitze ich nicht mehr, als was ich tragen kann. Mein Poncho für die Sonne und für die Kälte, mein Zelt für die Nächte der Freiheit fern von Zivilisation, verloren in Wäldern. Meine Schuhe kommen vielleicht mit, ich bin mir noch nicht sicher. Vielleicht Hausschuhe, damit ich nicht mit dreckigen Barfüßen in die Häuser neuer Freunde trete. Ich habe einen dunkelgrünen Stoff als Schlafunterlage, mein Poncho ist gleichzeitig nächtliche Decke. Dokumente, Flasche, luftleerer Volleyball, Notizbuch und … naja, über die Frage, ob man ohne Technik reisen kann, werden wir noch ausführlicher reden. Wer eine Bewegung los stößt, könnte im großen Maße von einem kleinen Gerät wie jenem zum Netzwerk erstellen profitieren. Time will write the story. - Mit all diesen Dingen im Gepäck würde ich also loslaufen. Die Richtung ist prinzipiell eher egal, weil die Füße einen dorthin tragen, wo man zu gewissen Zeiten sein soll. Das Leben und der gedachte Weg - nenn es Schicksal - tragen einen von Ort zu Ort. Falls du Karma kennst, wird dir jenes und allen Formen oft über den Weg laufen. Du läuft also und egal ob es Augenblicke oder Stunden sind. Du wirst auf eine Person treffen. In Städten liegt es einzig und allein an dir Gespräche zu starten, aber Städte sind auch das schwierigste, naturfernste und befremdlichste Konzept von allen. Spare dir solche Orte auf, wenn du Fortgeschritten bist. Aber so oder so, du wirst eine Unterhaltung haben. In deinen ersten Unterhaltungen begreifst du selbst noch nicht ganz was du grade tust. Aber mit der Zeit, von Gespräch zu Gespräch, stehst du immer mehr für deine Sache ein. Wenn du jemandem am ersten tag darüber erzählst, wird die Person dich belustigt anschauen und nicht ernst nehmen können. Ich erinnere mich an all jene, die Martin und ich in Spanien in den ersten Tagen antrafen und welchen wir erzählten, dass wir von Alicante grade nach Valencia laufen würden. Diese 279 Kilometer haben wir in acht Tagen mit riesigen Rucksäcken bewältigt, aber geglaubt hätte das am Anfang keiner. Wir wurden nicht ernst genommen, weil unsere Ausrüstung läppisch war und weil wir noch so viel gegrinst hatten. Meine Barfußschuhe waren ein Witz für unsere Gegenüber, aber am Ende der Reise drehte sich das Blatt, die Augen wurden größer, wenn wir nun von der Vergangenheit statt der Zukunft sprachen und meine Schuhe wurden damit kommentiert, dass ich ja sogar hoch professionelles Schuhwerk für Langstrecken hätte. Ich hätte diesen Leuten gerne die Blasen an meinen Füßen und die Schmerzen der Tage spüren lassen wollen… naja. - aber nochmal, wenn wir jetzt in Deutschland laufen, dann erzählen wir diese Geschichte ohne Geld zu reisen für eine Weile, zweifeln es aber selbst noch an. Oft müssen wir uns deswegen annähern. Schritt für Schritt kommen wir der Freiheit und dem Minimalismus näher. Bei mir entwickelte sich das so: im ersten Rucksackabenteuer Norwegen hingen noch viel mehr Klamotten am Rucksack, aber das versteht sich. Es waren die Minusgrade im März. Ich hatte auch eine aufblasbare Minimatratze in der Größe einer Trinkflasche, weil der gefrorene Boden mich sonst umgebracht hätte. Kein Spaß. Ich lebte damals nicht geldlos, auf keinen Fall. Außer als ich bei einer überaus wohlhabenden Person in der Nachbarstraße des Königs in Oslo lebte und als mich meine vier buddhistischen Mönche bei sich zuhause einluden. Das funktionierte auch kostenlos. Aber man stellt sich beim Lowbudget-Reisen natürlich die Frage wo man sparen kann und was wirklich nötig ist. Eine schöne Übung, aber sie trieb mich in Tiefen, die nicht ganz gesund waren. Ich aß nur das aller Simpelste, trockene Brotlaibe, Kohlköpfe und manchmal ein paar Nüsse. In Spanien ging es mit solch einer Ration weiter und Martin und ich benutzten so wenig Geld wie irgendwie möglich. Das hätte keine Zukunft gehabt und zu meinem Glück lernte ich in Ajaccio die Person kennen, mit welcher ich das Leben ohne Geld entdecken würde. Kurze Zeit später lebten wir in Monaco. Schritt für Schritt lernte ich also das Geld loszulassen. Schritt für Schritt gewöhnte ich mich an weniger Komfort und war ok damit auf Böden im Wald und an Stränden des Mittelmeers zu schlafen. Ich wusste wie man fastet und hätte Tage ohne Essen ausgehalten. Eine winzige Flasche in meiner Bauchtasche hat Tropfen in sich, die Mikroorganismen im Wasser abtöten und jegliches Wasser trinkbar machen. Das ist mein Komfort und meine Sicherheit. Aber es geht auch ohne all das und das ist das Ziel. Ohne Gepäck, sondern nur mit einem Stock und Poncho durch die Welt. Und es funktioniert, denn wir sind Menschen und wir können das Leben von uns und anderen ermöglichen. 

In Deutschland lade ich meine Mitmenschen ein entweder mitzureisen oder Zeit in ihrer Stadt zu verbringen. Wer mich zum Essen einlädt, hält mich am Leben. Geldgeschenke würde ich niemals annehmen. Meistens war das der Knackpunkt, welcher Menschen meines Weges erkennen ließ, wie ernst ich es meinte. Ich möchte auch klarstellen, dass ich nicht auf Kosten anderer Leben möchte und zur Last werde, sondern dass ich nach dem Herzstück der freiwilligen Arbeit meine Hilfe für ihre Hilfe eintausche und das wiederum ist mein Verständnis vom HuVEx. Wer so reist, klaut nicht und nimmt nicht mehr an, als man braucht. Man fragt auch nicht direkt nach Hilfe, sondern bietet eigene Hilfe an, um dafür mit Glück entlohnt zu werden. Was viele denken, wenn sie mich über mein Leben und das Reisen ausfragen ist, dass ich betteln würde. Und in keiner Welt bin ich dem ferner. Betteln hat keinen Werteaustausch, sondern ist ein durch Empathie ermöglichter Kleinraub. Unser Ansatz ist menschlich und möchte den Unterstützenden ihren seeligen Komfort lassen, damit sie guten Gewissens unser Erlebnis ermöglichen. Man darf seinen Helfenden gerne ausreden zu helfen, große Geschenke von herzend dankend ablehnen und mehr machen, als von einem verlangt wird. Man darf auch ohne Geld alles geben, denn wir erinnern uns ans Karma. Unser Weg findet seine Grenzen dort, wo unser Karma sie zieht. 

Wärst du bereit für das Abenteuer deines Lebens? Ich frage aus Interesse: wer bist du?

Hier ist die Säule 2

Säule 1 - Die Freiheit des geldlosen Laufens fern von Armut